Vier, fünf, sechs. Kriminalroman - Pieke Biermann - E-Book

Vier, fünf, sechs. Kriminalroman E-Book

Pieke Biermann

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Beschreibung

Berlin-Quartett, letzter Streich: Mai ’94: Wahlkampf, dazu Bauboom in Berlin, da wird spekuliert und kassiert, dass es nur so raucht. Der Flughafen Tempelhof dünstet Geschichte von den Nazis bis zu den Amis mit ihrem Rosinenbomber, aber kaum wer kennt das mit Reichsmark gebaute unterirdische Tunnelsystem. Bis oben am Gepäckband ein Polizeidirektor gesprengt wird, was Lietzes Truppe auf den Plan ruft. »Wenn man sich auf Weltwahrnehmung einlässt, sollte man gut sein. Pieke Biermann ist gut, eine Komponistin der Großstadtsinfonie, Erlauscherin von schrillen und hohlen, skurrilen und sanften, komischen und traurigen Tönen. Brillant.« Florian Felix Weyh, Deutschlandfunk Büchermarkt »Mein allerliebster Berlin-Krimi ever.« Else Laudan Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Berlin-Quartett, letzter Streich: Mai ’94: Wahlkampf, dazu Bauboom in Berlin, da wird spekuliert und kassiert, dass es nur so raucht. Der Flughafen Tempelhof dünstet Geschichte von den Nazis bis zu den Amis mit ihrem Rosinenbomber, aber kaum wer kennt das mit Reichsmark gebaute unterirdische Tunnelsystem. Bis oben am Gepäckband ein Polizeidirektor gesprengt wird, was Lietzes Truppe auf den Plan ruft.

»Wenn man sich auf Weltwahrnehmung einlässt, sollte man gut sein. Pieke Biermann ist gut, eine Komponistin der Großstadtsinfonie, Erlauscherin von schrillen und hohlen, skurrilen und sanften, komischen und traurigen Tönen. Brillant.« Florian Felix Weyh, Deutschlandfunk Büchermarkt

Über die Autorin

Pieke Biermann, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin, Journa­listin, schloss ihr Studium (deutsche Literatur und Sprache sowie Anglistik und politische Wissenschaften) mit einer Magisterarbeit über unbezahlte Hausarbeit ab. Ab 1976 Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, in den 1980ern »Frontfrau« der Hurenbewegung. Für ihr funkelndes Krimiquartett um Berlin, »die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint«, erhielt sie reichlich Auszeichnungen. Sie hat u. a. Liza Cody (Gimme more, Fran Ross (Oreo und Ann Petry ins Deutsche übersetzt.

Pieke Biermann

Vier, fünf, sechs

Roman

Impressum

eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2021

Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg

Tel. +4940 31108081, [email protected]

www.culturbooks.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj

eBook-Herstellung: CulturBooks

Printausgabe: © Argument Verlag 2021

ISBN 978-3-95988-213-2

Vorwort von Else Laudan

Eine weitere Pionierin des politischen Krimis stößt zu ­Ariadne: Pieke Biermann schrieb mit ihren vier Berlin-Romanen Genre­geschichte. Seit ich diese Kriminalromane vor über zehn Jahren erstmals las – alle vier hintereinander, mit wachsender Faszination und immer hingerissener, Babylon ist nichts dagegen –, hegte ich den Wunschtraum, sie irgendwann bei ­Ariadne in angemessener Edition neu lieferbar zu machen. Damit sie weiter entdeckbar sind, besonders von Menschen, die das Überschreitende an Krimis lieben und das Kühne – das werden immer mehr. Und nun ist es so weit!

Diese Autorin trifft aus der Hüfte mitten ins Herz: Wie arm wäre das deutschsprachige Genre ohne Pieke Biermanns Schreibe! Das von Roman zu Roman zunehmende literarische Charisma des Quartetts, die ganz eigene Mischung aus beinhartem Hinschauen, distanzloser Liebe zu echten Menschen aller Couleur und Sinn für das Krimieske wie auch für den Witz des latent Abseitigen – diese vier Romane sind das Aufregendste, was Ende des 20. Jh. an deutschsprachigen Krimis entstand. Von höchst reellen Gegensätzen strotzend, sinnlich-kratzbürstig im Sound und verwegen erzählt lebt im Berlin-Quartett das Jahrzehnt um den Mauerfall auf.

Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.

Für The Good, The Bad, The Ugly

»Der liebe Gott steckt im Detail.«

VORSPANN Nebel über Berlin

UHNBEGRREIFBARRHH! Ein Inferno!

Er kniff sich in die linke Wange (er war Linkshänder). Er kratzte sich so erregt am Kopf, dass Haut und Haar unter seinen polierten kurzen Nägeln hängen blieben. Er rieb sich die Augen beinah blutig (er hatte ein halbes Dutzend zwischen »Stahl« und »Silber« changierender Borsten mit hinein­gerieben).

Aber alles blieb unverändert.

Es blieb das Inferno da unten, keinen Kilometer entfernt. Erkennen konnte er allerdings fast nichts mehr. Es goss inzwischen in Strömen, und obwohl es schon in der Nacht einen kräftigen Schauer gegeben hatte, verdampfte der Regen ­sofort über dem seit fünf Wochen ausgedörrten Beton, und der Dunst und die dicken Rauchschwaden mitten auf der südlichen Landebahn liefen zusammen zu einer dunkelgrauen ­Nebelwand, die gegen den Wind auf ihn zu zu wabern schien, ab und zu aufgerissen von schmutzig gelben Stichflammen oder gebauscht von opernhaft roten Wogen.

Jetzt war er dankbar, dass der Wind nicht auch noch von Westen wehte. Vor viereinhalb Stunden, um halb neun, als die Schauer abgeklungen waren und er sich an den Campingtisch auf der Terrasse gesetzt und auf die Nummer A1 oder D1 für seine Liste Mai 19 gewartet hatte, hätte er den Nordostwind am liebsten weggebellt. Ostwind hieß, das Fernglas praktisch nicht aus der Hand legen dürfen. Ostwind hieß, die Maschinen warten weit weg auf die Starterlaubnis. Am anderen Ende des Rollfelds. Am T-Damm.

Und ziehen dann so rasch wie möglich hoch. Logisch. Wer harkt schon gern Neuköllner Friedhöfe mit noch nicht ganz eingeklappten Rädern!

Ostwind hatte nur einen, winzigen Vorteil. Die gelandeten Maschinen waren bequemer zu identifizieren, wenn sie ­direkt unter ihm zu ihrer Parkposition rollten, als wenn sie drei Blocks links neben ihm herunterkamen. Der Taxiway war so greifbar nahe, dass er sogar erkennen konnte, welche Ziga­rettenmarke die Piloten bevorzugten. Raucher! Unappetitlich. Unkultiviert. Untermenschen. Für ihn kein Zufall, dass der Osten raucht. Gut, dass er da weg war. (Wenn auch noch nicht weit genug.)

Die feinen Schleier vom Rollfeld brannten ihm in den Augen. Er lief wieder nach drinnen und schloss die Terrassentür.

Die ersten richtig fetten Regentropfen waren gefallen, als er die Spalte mit der Nummer A21 ausfüllen wollte: – ONB 12:29 – Ident DBOBL – DHC81 – Hamburg Air n. Saarbr. Der Berlin Flugplan, 42. Jg., Stand April 1994 hatte die Tropfen augenblicklich aufgesogen. Er hatte den Campingtisch in den Türrahmen zurückreißen müssen. Um 12 Uhr 59 hatten erstaunlicherweise drei Maschinen gleichzeitig in Start­­posi­tion gestanden. Sie waren nicht ganz leicht zu identifizieren gewesen, aber schließlich konnte er eintragen: D23 – SELFK – FK50 – das musste die SAS nach Kiel sein; D24 – verm. Bundesw. (Polit.?); D25 – DANFC – ATR72 – wahrscheinlich die reguläre Eurowings-Maschine nach Nürnberg. Er wollte zum Flugplan greifen, um auch die Flugnummern dazuzuschreiben, hatte aber doch noch einmal das Fernglas genommen, um sich zu vergewissern, dass die Fokker 50 tatsächlich losgerollt war, statt des Rollfelds einen Ausschnitt Himmel knapp über dem S-Bahnhof ins Visier bekommen, zwei ziemlich große Landescheinwerfer im Blick gehabt, das Fernglas hektisch hin- und hergerissen, aber keinen brauchbaren Ausschnitt gefunden. Dann war er aufgesprungen, an die Brüstung gelaufen, hatte den Tisch mitsamt Liste, Stift und Flugplan umgerissen, das Fernglas fallen lassen, geflucht und gestikuliert wie eine wild gewordene Windmühle, bevor er es wieder aufgehoben und festgestellt hatte, dass die Linsen nicht gesprungen waren, hatte es links neben sich, über der Haushöhe, brummen hören, weiter mit dem Fernglas gefuchtelt, um diese Landelichter wiederzufinden – wer war denn das! Die nächste ­Linienmaschine ging doch frühestens in zwanzig Minuten hoch! Schließlich hatte er die Lichter wieder im Blickfeld, zitterte aber so, dass er sie nicht orten konnte, suchte nach dem Tower auf dem Kopfbau West, am äußersten südwestlichen Ende des Gebäudes, aber der war kaum noch zu ahnen im strömenden Regen. Er richtete das Fernglas wieder auf den Boden, in die Gegend der Startposition, und sah auch da kaum noch etwas. Erst in diesem Augenblick war ihm bewusst geworden, dass die tiefen, schweren Wolken schon vor geraumer Zeit geplatzt sein mussten wie Wassermelonen unter einer Dampframme. Da lief ihm der Regen längst in breiten Bächen in Haare, Augen und Kleider.

Er hatte versucht, die durchgeweichten Papiere vom Boden zu kratzen, ohne sie zu zerreißen. Als er eine Ewigkeit später im trockenen Zimmer gestanden und begriffen hatte, dass das Fernglas noch immer auf der Brüstung lag, war ihm etwas in die Optik gehuscht, das ihn ein paar Sekundenbruchteile lang an seiner Wahrnehmung zweifeln ließ. Er hatte die Augen zusammengekniffen. Aber als er sie wieder geöffnet hatte, war die riesige Stichflamme noch immer da – genau da, wo – wie – War das, was da brannte, Departure oder Arrival? Oder waren das – mehrere?

»Uhnbegrreifbarrhh!«

Obwohl in derselben Sekunde der erste dumpfe Kracher einer Explosion sämtliche Häuser der Neuköllner ­Oderstraße erreicht hatte, war ihm nicht entgangen, wie bezaubernd ihm das R wieder gelungen war. So – dramatisch-grollend. ­Charmant-»baltisch«. Verführerisch wie bei diesem Nachrichtenfatzke, wegen dem seine Hauswartin nur noch das ­­ZDF-­heut­e-­journal sah. Er hatte ihn monatelang studiert. Auch der Haucherrhh am Ende war wieder ungemein ­errotischh gerratenhh.

Er hatte kein Ganglion mehr frei für den Taxiway: In seinen Gehirnwindungen hatte sich Sorrayahh! breitgemacht. Ungut. Unerwünscht. Unkalkulierbar. (Das nächste Mal würde er nicht mehr umhinkönnen, ihr das »Duhh!« anzutragen.) Er war froh, dass sie weg war. Im Schweinsgalopp. Kellerfenster zusperren. Kurz vor den ersten Tropfen. »Würd ’ne Sündflut, Herr Stieber. Für heute is denn wo Ende mitte Knallerbsenzählerei.«

Er war gar nicht sicher, ob sie ihm glaubte, dass er die Starts und Landungen auf dem Flughafen Tempelhof wirklich im Auftrag einer Lärmschutzkommission des Senats auflistete. »Na, woher! Die könn sich doch die Daten dreckt jehm lassen vom Luftschutz, oder wie dis heißt!«

Seine Erklärung, dass Behörden prinzipiell nur Daten glauben, die sie selbst – ahh, na jahh: gefälscht haben, nicht ­wahrrhh? und also der Senat von Berlin Daten von der Deutschen Flugsicherung nicht glauben könne und es doch aber im Interesse der Bevölkerung sei, korrekte Angaben über die wirkliche Belastung durch Lärm zu bekommen, hatte sie mit einem langen, tiefen Blick quittiert. »Wär dis erste Mah, dis sich da ohm eena für unse Nerfm intressiert!« Dann hatte sie sich eine Zigarette gedreht und ihn schelmisch angeblafft: »Sie wollma doch wo nich uffn Ahm nehm, hnng?«

Er hatte (in seltener Übereinstimmung mit der Wahrheit) charmant zurückgegrollt: »Nichts liegt mir ferrnerrhh, Frrau Töpperwehrrhh!«

Wer wurde denn hier auf den Arm genommen! Besser, er lud sie ein, ihm bei seiner »Statistik« zuzusehen, als dass sie aus frustrierter Leidenschaft hinter ihm herschnüffelte. Er bekam Gänsehaut bei dem Gedanken, dass er ihr womöglich so nahe kommen musste, dass er ebenso gut Aschenbecher hätte auslecken können. Raucher! Die nikotingelben Finger! Bimssteine und Zitrone, bevor sie ihn damit – er musste Kassetten – irgendjemand aus den unteren Rängen musste – eine Videokassette voll heute-journal aufnehmen. Vielleicht rückte sie ihm dann nicht so schnell auf den Pelz.

Die Rauchwolke war inzwischen eine hundert Meter hohe Säule. Noch immer rot wallend und gelb zuckend. Wie geschaffen für Freunde der italienischen Oper. Er schob die Terrassentür wieder auf, schlurfte durch die Wasserlachen, um das Fernglas zu holen, platschte mit den vollgesogenen Schuhen über den zotteligen Flokatiläufer, versuchte, die ganze drohende Aussicht namens Soraya Töpperwehr aus dem Hirn zu ver­­scheuchen, tupfte Liste und Flugplan trocken und ­knurrte. Recht gehabt hatte sie auch noch. Für heute war Ende auf Tempelhof. Das hieß – das – was?

Soraya war wie weggeblasen. Die nassen Papiere auch. Er griff das Handy und ging zur Terrassentür zurück. In seinem Kopf schoben sich Gedanken und Ideen und Fragen über­einander wie draußen die dichten dunklen Schwaden, die nach Südwesten waberten, und die Kracher und das immer lauter werdende Gellen der Feuerwehrsirenen. Er starrte und lauschte und kroch tief hinein in die Gewölbe und Gänge einer Vision.

Die Türklingel riss ihn heraus aus der wohligen Schwärze. Er zuckte zusammen, legte das Handy weg und lief zur Wohnungstür. Niemand. Nur ein Zettel hinter dem Türschild mit der Aufschrift »O. E. STIEBER«. Geschrieben von jemandem, der noch nicht lange das Alphabet beherrschte. Oder eins in einer anderen Schrift. »FÜR KOWALSKI«.

Er warf noch einen Blick ins Treppenhaus und knallte die Tür zu. »12 HUR UNSER ALTES STELLE? KUS – NADJA«. Auch die Nachricht trug nicht zu seiner Beruhigung bei.

KREISCHENDE SIRENEN.

Gellende Menschen.

Piepende Funkgeräte.

Megafongebell.

Bremsen.

Klatschende Wassermassen auf glühendes Metall.

Kracher von immer neuen Explosionen.

Über- und ineinanderschreiende Frequenzen. Aufeinanderprallende Rhythmen. Dringlich. Zwingend. Herrisch. Jedes einzelne Geräusch das einzig legitime Absolute. Alle zusammen eine grauenhafte, bedrohliche Klangwalze. Der Lärm ist nervenzerfetzend.

»LASS MICH LOS, DU SCHWEIN! Mein Bruder is da drinne!« Die Kleider und die Hände der jungen Frau sind nass und blutbefleckt.

»Seien Sie doch vernünftig«, setzt der ältere Feuerwehrmann zum fünften Mal an, »wir haben doch alle rausgeholt!«

Sie reißt sich aus dem Haltegriff des jungen Feuerwehr­mannes, geht auf den älteren los und schlägt ihm die Fäuste ins Gesicht. Er trägt einen Helm.

Der junge packt sie wieder, beide drücken sie zu Boden, sie schlägt um sich, ins Leere. »Mörder! Mörder!«

Sie schnallen sie auf einer Trage fest und bahnen sich den Weg zu einem großen Zelt durch Menschen mit stieren Augen, die apathisch im nassen Gras liegen. Durch Grüppchen, die sinnlos im Kreis humpeln. Schwanken. Umkippen. Sich weiterwälzen. Wieder aufrappeln. In irres Gelächter ausbrechen. Wimmern. Heulen. Blutgetränkte Kleider schwenken. Auf verletzte Glieder zeigen.

Der Anblick ist herzzerreißend.

RETTUNGS- UND LÖSCHFAHRZEUGE in Gelb, Rot und Beige jagen über das riesige ovale Areal. Postieren sich. Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken und Sauerstoffflaschen springen heraus, zupfen silbrige Mondanzüge zurecht, wickeln Schläuche ab, formieren sich, koordinieren die Handspritzen und die Düsen auf den Dächern der gelben und roten Wasserwerfer. Sie setzen jeden ihrer Schritte und Griffe, die sie fast nur von Routineübungen kennen, auf dem Feld, als hieße es heute Juno oder Gold oder Sword oder Utah oder Omaha Beach.

ES IST DAMPFIG UND HEISS wie in der Fabrik von Metro­polis. Es ist schweißtreibend und laut wie im Kesselraum der Potemkin. Es ist finster wie auf den Brettern, die Stahl­gewitterziegenböcken die Welt bedeuten. Es ist kurz nach zwölf Uhr mittags. Sonnenzeit. Echtzeit.

DER STEWARDESS (selbst eine bezaubernde Vertreterin der Gattung Harlows Töchter) hat es die Blondinenwitze verschlagen, mit denen sie im Normalfall Passagiere und Piloten bei Laune beziehungsweise auf Abstand hält. Im Normalfall hat Ginny auch kein Faible für Feldwebel. Eben deren Ton jedoch hatte sie bis vor wenigen Minuten perfekt über die Lippen gebracht. Ein gutes Dutzend Fluggäste hatte daraufhin nicht etwa stramm-, sondern ebenso perfekt Schlange gestanden. Nämlich vor dem Notausgang der ATR 72, die zwar nichts abgekriegt, aber schleunigst von ihrer Position dicht beim Bauch der Bestie zu verschwinden hatte. Die bezaubernde Ginny war als Letzte aus der Maschine gerutscht, nachdem sie dem Captain zugeschmettert hatte: »Paxe alle draußen!«

»Was’n getz! Habt ihr die Pulle schon leergekippt oder krieg ich endlich’n Whisky!« Ein letzter Hauch von Feld­webel, bevor Ginny erschöpft zusammensinkt. Auf einem Stuhl im Büro der Eurowings-Verkaufsförderung auf der Galerie der ­Ab­fertigungshalle.

UNTEN IN DER HALLE ist die Hölle los. Das Reisegepäck, das sich auf dem langen Förderband vor den Ticketbüros der Fluggesellschaften dreht, wird nur ganz allmählich weniger. Die meisten der gerade noch glücklich Gelandeten finden die anschwellende Panik attraktiver als ihre Taschen und Koffer und stellen sich gaffend zu den Leuten, die auf ankommende Angehörige warten oder abfliegende verabschiedet hatten.

IN EINEM RAUM am hinteren rechten Ende der Halle fasst eine ältere Frau sich ans Herz, verdreht die Augen und hört nicht auf zu stöhnen. Sie wird auf eine Liege gebettet. Ein Notarzt pendelt zwischen ihr und einem vor sich hin wimmernden uniformierten Retter. Ein junger Mann in Zivil springt von seinem Stuhl auf und rennt schreiend »Ich muss hier raus! Hilfeee!« zurück in die Halle. Er reißt einen Schutz­polizisten vom Hocker, der Personenangaben eventuell betroffener Fluggäste notiert. Sein Klemmblock geht zu Boden, die Blätter mit den Listen wirbeln durcheinander und schweben in bizarrer Zeitlupe nach oben. Die Schlange der aufgeregten Angehörigen schreit auf.

Verharrt sekundenlang wie ein angehaltener Film.

Reißt plötzlich die Arme in die Luft, um die tanzenden Blätter zu schnappen.

NACH EINER KURZEN BESPRECHUNG mit dem Einsatzleiter der Schutzpolizei, dem Chef des Krematoriums Ruh­leben und ein paar Kollegen aus anderen Kommissariaten für Mord, Brand, vermisste Kinder und organisiertes Verbrechen geht der Erste Kriminalhauptkommissar Lietze zur Tür, um das enge Zimmer unter dem Spanndach des berühmten Kleiderbügelgebäudes zu verlassen. »Kommen Sie, Jokisch. Draußen kann man auch eine rauchen!«

Karl-Heinz Jokisch schnappt den Kasten mit den weißen und orangeroten Kärtchen (für eventuelle Beweismittel die einen, für die Füße der Leichen die anderen), hält Lietze die Tür auf, was die mit einem überraschend damenhaften Schwung beantwortet, sieht die Karambolage kommen und kann gerade noch verhindern, dass die Kamera des Polizei­videotrupps ausgerechnet am Chef der dritten Mordkommission zu Bruch geht. Oder schlimmer, umgekehrt.

»Sind Sie von Haus aus blind, oder haben Sie Ihren Sehnerv Ihrer Bildermaschine gespendet!« Lietze zwinkert Jokisch zu und spendet dem uniformierten Kamerahalter einen spöttischen Blick.

»Aber hallo, Gnädigste! Ma halblang!«, giftet der zurück. »Dokumentieren wir det Janze hier ooch für euch, oder wat? Selber uffpassen hält fit. Gilt ooch für die feineren Ränge – oder sind wa hier bei Preußens Gloria?«

Karin Lietze hat die erste Lucky Luciano aus der Tasche gefischt und hält sie Jokisch hin. »Wir nicht, Kollege. Aber fragen Sie gern mal die Herrschaften auf der Hinterbank.«

Jokisch versucht gleichzeitig, den Kasten zu balancieren und sein Zigarillo anzuzünden. Lietze sucht eine neue, volle Schachtel Lucky Luciano. Der Uniformierte hält die Kamera in den Armen wie einen durchnässten Säugling und starrt noch auf vier mehr oder weniger kleinkariert gewandete Damen und Herren, die mit dem Rücken zum Rollfeld auf einem Bänkchen vor dem Fenster thronen und aussehen wie das fleischgewordene Insert Amts- & Bedenkenträger, als Lietze und Jokisch längst qualmend die Treppe zur Halle unter dem berühmtesten Spanndach der Filmgeschichte ­hinunterspringen.

AM TICKET- UND REKLAMATIONSCOUNTER der Lufthansa droht ein maradonamäßig formatierter Fluggast »empfindliche Konsequenzen« für den Fall an, dass er nicht ­sofort und auf Kosten des Hauses mit seinen Tochterfirmen in ­Buenos Aires und Paderborn telefonieren darf.

Drei Glastüren weiter geben sich zwei Damen des Eurowings-Bodenpersonals alle Mühe, den Geduldsfaden elastisch zu halten. »Noch mal, ganz ruhig: Wir haben hier keine Passagierlisten. Sie müssen zur Polizei. Schauen Sie, da drüben, da ist die Polizei. Und die ist genau dafür da.«

Der Mann im Sesselchen heult hemmungslos weiter.

Auf dem Gepäckband vor der Glastür drehen sich immer noch zwei Reisetaschen (schwarz), ein Rucksack (lila-orange) und ein Beauty-Case (weiß).

DIE BEIDEN FLUGZEUGE sind nur noch rauchende Wracks. Die Fokker sieht aus wie ein Panel von Breccia: von Tiefschwarz (vorn) bis Weiß (hinten) in ausbleichenden Grauschleiern minutiös nuanciert. Die PanAm-Boeing ist völlig verkohlt und aufgerissen wie der Atlantikwall am 6.6.44 gut 5 Uhr (MEZ).

Beide waren in zwanzig Minuten gelöscht. Nach einer halben Stunde scheint auch die Gefahr der Rückzündung von eventuellem Magnesium in den Felgen gebannt. Der Einsatzleiter vor Ort zieht den Helm ab und wischt den Schweiß von Hals und Stirn. »Wie jesacht«, sagt er zufrieden in Richtung seiner Jungs, »üben-üben-üben, denn looftet doch allet wie jeschmiert.«

Dann schickt er die beiden roten Simbas und den großen gelben Puma zurück in die Wache der Flughafenfeuerwehr unter dem Tower, behält den kleinen gelben Cheetah da – »­sicher is sicher, Manknesjum is tückisch!« –, streicht sich den Schnauzbart zurecht und nimmt sein Funkgerät, um der gemeinsamen Einsatzleitung in einem Fahrzeug zweihundert Meter weiter Meldung zu machen, dass (zusätzlich zum Regen, der jetzt auch nachlässt) 18 000 Liter Wasser inklusive Spe­zial­gemisch die eingesetzten drei FLF-10000 erfolgreich verlassen haben.

»– WORAUF SIE GIFT NEHMEN KÖNNEN! Die Namen bitte!« Der sportlich braungebrannte Mittvierziger zieht Rezept­block und Kugelschreiber aus der Brusttasche seines weißen Kittels. Er wippt quaatschend von einem Fuß auf den anderen. »Das gibt ein Nachspiel. Garantier ich Ihnen!«

Aus dem Fahrzeug der Einsatzleitung brüllt eine Männerstimme: »Ruhe ma ehmt! Ick wer’ wahnsinnich – jetz quakt hier der Tauer ooch noch mit auf der Frequenz!«

»Nun bleiben Sie mal friedlich, Herr Dok–«, weiter kommt der Kriminaldirektor zunächst nicht. Herrn Dok– hat sich etwas undefinierbar, aber extrem Hochfrequentes entrungen. Und dann glotzt der Chef der Notärzte fassungslos auf den Kugelschreiber, mit dem er eigentlich die Namen von zwei Rettungssanitätern notieren will, weil die schon mal angefangen hatten mit dem Sortieren von Menschen in ­leichte, ­schwere und rettungslose Fälle – »Eigenmächtig! Machen da einfach ei-gen-mäch-tig Triage!« –, schwenkt den Kugelschreiber dicht vors Auge und wieder von sich und will nicht wahrhaben, dass er mit der Miniaturtaschenlampe wedelt, die ihm kürzlich eine Pharmavertreterin zugesteckt hatte. Sein gut erholter Teint changiert ins Pflaumenfarbene.

Etwa fünfzig Meter südlich haben Rotorblätter die ersten sanften Drehungen hinter sich und kommen auf schneidende Touren. Herr Dok– steckt Taschenlampe und Block zurück neben den tatsächlichen Kugelschreiber und das Fieber­thermometer, macht auf dem Absatz kehrt und patscht in Richtung des gelben Hubschraubers mit der Aufschrift »­Christoph 31«.

Seine zweite Garantiezusage – bezüglich einer gleichrangigen ärztlichen Oberleitung, beim nächsten Mal und künftig überhaupt! – zerschreddern die Rotorblätter.

IM LAZARETTZELT für die Schwerverletzten liegt ein gutes Dutzend Menschen mit Blutkrusten und Brandspuren im ­Gesicht und an den Kleidern. Sie sind alle bemerkenswert gleichaltrig – niemand weit unter zwanzig, niemand weit über vierzig. Bis auf dunkelrote und schwarze Krusten, unbewegte Gliedmaßen, erschütternde Gesichter und die schwer erträglichen Laute, die sie, nur unterbrochen vom hastigen Luftschnappen, von sich geben, sind sie auch alle bemerkenswert gut beieinander.

»OCH NÖÖ! WIRKLICH! Jetzt reicht’s!« Kriminaldirektor Werner Dettmann lässt die schmale kleine Frau im klein­karierten, schulterverstärkten Kostüm im Matsch stehen, wo sie sich vor ihm aufzupflanzen versucht hatte, springt in den Wagen der Einsatzleitung und zieht die Tür hinter sich zu. Die Frage, ob auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz neuerdings bevorzugt Analphabeten einstellt, verkneift er sich.

»Wo ist die denn her?«, fragt der Landesbranddirektor teilnahmsvoll. »Verkehrssenat?«

»Nee. Umwelt! Kommt aber auch aus’m Wald und weiß von nix!« Dettmann schüttelt den Kopf. »Spult sich auf von wegen Schadstoffemissionen und Rauchwolke eezeeterahpeepee. Will halb Südberlin evakuieren – können die eigentlich alle nicht lesen? Lieber Gott, verschon mich mit Politikern!«

»Die? Is donnich ma Staatssekretärin«, tröstet der Mann an der Funkleitzentrale.

Der LBD wiegt bedächtig den Kopf. »Will sie aber wahrscheinlich ganz schnell werden …«, hebt er schließlich an und hängt dem Thema nach, als wär’s der Beginn einer wunderschönen Doktorarbeit.

»Wie läuft’s denn so insgesamt?«, stört Dettmann ihn auf.

ETWA HUNDERT METER von der Crash-Stelle entfernt ordnet EKHK Lietze orangerote Kärtchen. Drei Männer, die bei der Triage als »nicht mehr zu retten« aussortiert worden waren, liegen noch auf dem Stück aufgeweichtem Rasen, das zu ihrem Sektor gehört. KOK (Ang.) Jokisch kriecht durchs nasse Gras und sucht nach Beweismitteln, die er mit seinen weißen Kärtchen markieren kann. Plötzlich hält er inne, sieht hoch und fixiert grimmig einen bulligen Mittdreißiger mit rotblonden Stoppeln, der sich etwa zwanzig Meter weiter westlich ein Scharmützel mit zwei Frauen, ebenfalls in Zivil, zu liefern scheint.

»Ehh! Was hat’n der wieder!«, ruft er Lietze zu.

»Wer – Prützmann?« Lietze sieht kurz hoch. »Was kann einer haben, der seine roten Pranken bloß dazu benutzt, Frau und Kinder zu verprügeln und ein paar kleinkriminellen Lumpis weiszumachen, wie Friedhof riecht? Probleme!«

Jokisch springt hoch, läuft zu stämmigen 1,57 Metern auf und stellt sich auf Handgemenge ein. »Arschloch! So ’ch dem ma’ Licht ans Fahrrad machen?«

Lietze zuckt die Schultern. »Nicht nötig. Erstens ist Schuster selber Brecher genug und Schiller nicht auf den Mund gefallen. Und zweitens, einer wie der wird bei uns nicht alt. Der ­wickelt sich von alleine ab. Ein Jahr noch, dann ist der weg. Achten Sie mal drauf.«

DER MANN VON DER FLUGUNTERSUCHUNGSSTELLE Braunschweig ist dankbar, dass sein Handy in diesem Augenblick trillert. Er murmelt eine Entschuldigung und lässt den Leitenden Beamten aus dem Hause »Der Polizeipräsident in Berlin« und das Getümmel aus verzweifelten Angehörigen, hektischen Uniformierten und sedierend hin- und hersausenden Stresstherapeuten unter sich, indem er durch noch immer in der Luft tanzende Listen mit Personenangaben hindurch aus der Halle auf die Galerie eilt. Auf der Suche nach einem geräusch- und reizgedämpften Raum drückt er die Klinke einer Milchglastür. Die bezaubernde Ginny schwenkt kurz zu ihm um, wirft die Jean-Harlow-Mähne nach hinten und erzählt der Chefin der Eurowings-Verkaufsförderung erst ihren letzten Blondinenwitz zu Ende.

»Auch’n Schluck, Liebschen?« Jetzt rückt sie mit dem Stuhl in Willkommensposition. »Oder müssen Sie noch malochen?«

DER LEITENDE BEAMTE steht eine Weile da und sieht und hört durch das rührende Chaos um sich herum hindurch. Was er sieht, verwandelt sich in eine Horde aufgeregt scharrender und pickender und flatternder Hühner. Was er hört, klingt jetzt wie das »Tock-tock-toack«, das sie immer machen und das ihn immer geekelt hat und das nur aufhört, wenn sie schlafen oder kurz bevor sie – Schsch!

Eine heruntersegelnde halbausgefüllte Personenliste streift seine Wange. Die Stelle brennt wie nach einer Ohrfeige. Das unklare Gefühlsgemisch in seinem Körper wird eindeutig unangenehm. Die nervöse Spannung, die er immer im Zaum hat, schwappt hoch und nach außen. Er versucht, sie wieder zurückzudrücken, hinter seine Fassade aus neutralem Tweed (bräunlich kariert) und Flanell (grau), hinter den Panzer aus Haltung und tauber Haut, hinter das verbindlich-­eisige ­Lächeln und das glatte Gesicht. Nicht dass ihn die abrupte Flucht des Braunschweiger Flugexperten kränken würde. (Er hat sie, worauf er doch hier mal hinweisen möchte, selbst dirigiert.) Nicht dass ihn Gespräche, in denen man sich, und nicht selten über Stunden, ja Tage, deutlich nichts zu sagen hat, stören würden. (Daran ist er gewöhnt. Darin ist er, möchte er betonen, Meister. Das macht ihm so schnell keiner nach. Und im Lichte der enormen Fülle seiner bisherigen beruflichen Aufgabenfelder. In jedem Rang seiner nunmehr weit über zwanzigjährigen Laufbahn als Diener des Staates. Im Großen und Ganzen. Und von Rechts wegen!)

Er ist dankbar, dass der Mann so schnell wieder weg war. Bei Dettmann hatte es länger gedauert. Unangenehmer Bursche. Überhaupt die ganze Abteilung da. VB M und VB O. Die ganze Keithstraße. Unzuverlässig. Na, die würden auch bald bei Fuß stehen. Wenn die Reorganisation der ganzen Behörde erst mal. Er reibt sich die Hände, faltet sie und drückt sie mit den Handflächen nach außen und gespannten Armen nach vorn.

Er muss dringend weg. Raus aus dem Gewühl. Irgendwohin, wo es übersichtlicher ist. Er könnte auf der Stelle explodieren. Irgendwohin, wo es einerseits nicht auffällt, wenn er sich während der Dienstzeit mit Leuten trifft, mit denen er nicht gesehen werden möchte, und wo er die andererseits im Gemenge finden kann.

Er geht in korrekt befugter Haltung in Richtung des Gepäckbandes, auf dem sich jetzt nur noch ein trockener Handkoffer aus hell- und dunkelbraun gemustertem Wachstuch mit braunen Ledergriffen und -rändern dreht.

DER JUNGE SCHUTZPOLIZIST besitzt eine sichtbar wohlproportionierte Brust, in der zurzeit zwei Seelen, ach! Nahkampf proben: Die eine hat die inneren Bajonette aufgepflanzt, die andere sucht fieberhaft nach Möglichkeiten für einen gern auch ungeordneten Rückzug. »Bitte! Bitte –«, er stockt.

Er ist belagert. Von einem guten Dutzend schluchzender, schreiender Eltern, die ihre minderjährigen Söhne abholen wollten. Auf seinem Tischchen in einem hastig improvisierten Raum am rechten Ende der Halle schrillt schon wieder das Telefon. Sein Funkgerät blafft auch. Er stöhnt auf. Und erinnert sich endlich wieder an die Order, die man ihm und seinen für die Angehörigensammelstelle eingeteilten Kollegen vorhin noch einmal eingeschärft hatte: dass sie es zwar mit notfalls durchgeknallten, weil panischen Personen zu tun haben würden, aber niemals und unter keinen Umständen vergessen dürften, dass es sich auch bei diesen um den mündigen Bürger handele. Und dieser habe erstens ein Recht darauf, so schnell wie möglich so umfassend wie möglich informiert zu werden, denn dieser sei zweitens damit erfahrungsgemäß auch am besten ruhigzustellen.

»Liebe münd– äh: Bürger! Bitte!«, setzt er wieder an.

Drei hingebungsvoll schluchzende Mütter sehen sich an.

»Und Bürgerinnen«, stochert er weiter.

Die drei Mütter sehen ihn an. Nicht schluchzend, sondern – prustend?!

Sein Rückzugsseelchen malt ihm tanzende Tretminen unter die Sohlen. Heulende Frauen sind schlimm genug. Aber ­lachende!

Demobilisiert, aber tapfer bringt er schließlich seine Meldung an den, äh, Bürger: dass der, also, sie alle sich bitte der Reihe nach an ihn wenden und die Angaben bezüglich ihrer Vermissten an–, also, äh, abgeben möchten und die Abgleichung von Gesuchten und Identifizierten leider noch nicht zügiger getätigt werden könne, da die Umrüstung der Berliner Polizei auf einen computergestützten Datenabgleich leider zurzeit noch nicht gefertigt sei, also: wäre …

»WAS KOST’N EINKLICH so’n Flieger so?«, fragt Jokisch, als er seine Kärtchen alle verarbeitet hat.

Lietze sieht auf einen Fleck ein paar Hundert Meter südlich. »Keine Ahnung … Kucken Sie mal, sehen Sie das auch?«

Mitten im Rasen jenseits der südlichen Landebahn scheint sich eine Art Gullydeckel aufzuschieben, auch grasbewachsen. Noch weiter südlich steigt ein Schwarm großer dunkler Vögel hoch.

»Die Krähen?« Jokisch läuft vor und zurück, hinter den Löchern in den Nebelschleiern her. »Ach so? Was’n das? Da kuckt wer raus!«

Der Deckel schiebt sich wieder zu.

»Also doch!« Lietze wirft ihre restlichen Kärtchen in die Kiste zurück.

»Was doch?«

»Soll hier unterirdische Fluchtwege geben. Tunnel. Unter dem ganzen Gebäude bis raus aufs Rollfeld. Ich hab’s immer für Ammenmärchen gehalten.«

Jokisch versucht, sich die Stelle im Rasen zu merken. »Glau’m Sie, da is’n – Ausjang?«

»Ach was. Die Amis haben doch längst alles zugeschüttet. Und die hatten hier die Oberhoheit. Seit ’45.«

»Ham die nich auch so spezielle Uffangsysteme uff dem ­Jelände? Für Schadstoffe und so, dass die nich in’n Boden ­sickern«, Jokisch verliert die Stelle in den kriechenden dünnen Schwaden, »und ins Grundwasser kommen? Da stand doch was im Vorbereitungspapier.«

»Hab ich auch gelesen. Aber wieder vergessen.« Lietze schabt an ihrer Nase und stellt ärgerlich fest, dass die weder läuft noch einen Pickel hat. Technik war nun mal nicht ihre Stärke. Man kann nicht alles können! Immerhin hatte sie inzwischen gelernt, was eine Implosion ist und dass die nicht in gewissen gurgelnden Maschinen –: »Jokisch, ich finde, wir haben einen Kaffee verdient.«

UND WIE ihr das gekriegt habt! In x-facher Ausfertigung!« Der Chef der Flughafenfeuerwehr versichert sich durch einen Blick in die wieder vollzählig versammelte Chefrunde im Fahrzeug der Einsatzleitung.

»Lassen Sie mich mal.« KD Dettmann beugt sich über das Mikrofon der Funkanlage. »Dettmann. Ich bin der Leiter der Katastrophenschutzkommission, und ich wette sämtliche schnittfesten roten Wasserbällchen, die Sie auf den Augen haben, dass die Unterlagen vor drei Wochen auch an Tower und Radarzentrale gegangen sind. Ich habe sie nämlich verschickt!« Dass das in Wahrheit die Sekretärin erledigt hatte, muss er denen ja nicht sagen.

Der Mann am Funkgerät dreht den Ton lauter. Aus dem Lautsprecher tönt vordergründig Schweigen, hintergründig ein mattes »Jaja, sind angekommen« und untergründig noch mehr Frust.

»Ich rede von zwei DIN-A4-Heften in Amtsschimmelgrün, Aufschrift ›NEBELKERZE – KatKom-Übung 19. Mai 1994‹. Und da steht alles drin, was Sie wissen müssen. Auch das, was Sie hier jetzt als Jux und Dollerei bemäkeln!«

Aus dem Lautsprecher klirrt Schweigen.

Dettmann lässt den Chef der Flughafenfeuerwehr wieder ans Mikrofon. »Also noch mal, zum Mitschreiben: Die Explosionen haben wir extra gezündet. Wir haben sogar die Sauerstoffflaschen extra in der Maschine gelassen: damit’s noch’n bisschen knalliger und echter wird. Wir üben hier nämlich nicht just for fun oder um euch zu ärgern! Wir üben hier für’n Ernstfall: damit unsere Leute lernen, was wirklich abgeht, bei ’ner richtigen Katastrophe. Da drehen nämlich nicht bloß die Opfer durch. Da knickt dir der coolste Rettungs­rambo weg, wenn’s richtig dicke kommt. Reißt sich die Gasmaske runter und flennt. Oder fängt an zu randalieren. Get me? Over!«

DIE BANK UNTER DEM FENSTER zum Flugfeld ist leer wie das ganze enge Zimmer, als Lietze und Jokisch zurückkommen. Nur der Chef der Branddezernate steht vor einem geblümten Thermosbehälter und zapft eine dürre bräunliche Flüssigkeit in einen Plastikbecher. »Ist das eine Plörre!«, knurrt er. »Das ist doch das Löschwasser, mit dem sie mir wieder neunzig Prozent Spuren weggespült haben. Jede Wette!«

»Wer hat Sie denn wieder falsch angefasst, Stifter?« Lietze zündet sich ein Zigarillo an und sieht ihm belustigt zu. »Ich denke, die Feuerwehrleute müssen alle durch Ihre Schule, bevor die überhaupt Hand an ein Rohr legen dürfen.«

Jokisch zieht zwei Plastikbecher aus dem Spender neben der Kanne. Dann betrachtet er angewidert den Strahl. »Pliemchen-Goffä hieß so was früher bei uns. So dünn, dass –«

»– das Blümchenmuster auf der Tasse noch durchschimmert. Weiß ich, danke!« EKHK Albert Stifter hält den Knurrton. »Früher gab’s wenigstens noch Tassen. Von mir aus geblümte!«

»Aber dafür gab’s nicht so schönes Theater wie heute – oh, danke.« Lietze nimmt Jokisch einen heißen Becher ab. »Ist doch gut gelaufen bis jetzt. Sogar mit echtem Nebel. So was kann ja kein Mensch planen. Diese Nebelkrähen aus Bonn auch nicht, die da unbedingt auch noch dazwischenmussten mit ihrer Bundeswehrmaschine. Oder? Stifter!«

»Theater! Eben. Alles Fake! Nebelwerfer!« Stifters ­Stimme gewinnt an Schub. »Wer hat sich den Namen eigentlich wieder ausgedacht? Was machen wir denn hier – ’n bisschen Schaumschlägerei. Fürs Steuervolk. Damit’s schön schäumt vor ­Begeisterung. Und schön weiterträumt. Von seiner Sicher­heit. Ist ja Wahljahr!« Spätestens beim übernächsten Satz wird diese Stimme alles gefährden, was nicht so massiv gebaut ist wie dieser Flughafen. Oder die Keithstraße 30, wo das ­gesamte M II per Zuruf über die Flure zu kommunizieren pflegt. »Wenn so’n Ding hier mal wirklich passiert, dann gute Nacht, Hauptstadt. Da sind wir deutsche Beamte. Da rücken wir sofort aus – nach dem Motto: Es gibt viel zu tun, hauen wir ab! Mit freundlichen Grüßen – Ihre –«

Jokischs Versuche, den zweiten Plastikbecher vollzupumpen, lenken ihn ab. Aus der Thermoskanne kommen drei Schlückchen und danach nur noch Geräusche, die zu Recht der Privatsphäre vorbehalten sind.

»– Ihre, Ihre Sicherheitsorgane!« Er glotzt Jokisch an.

»Ich war nie bei’n Sicherheitsorjanen, Kolleje.« Jokisch nimmt die Hand von der Pumpe. »Ich war in’ner LPG.«

»Hoffentlich nicht als Melker!«

»Das heißt hier übrigens Nebelkerze. Ein Nebelwerfer ist janz was anderes, so’ne Art –«

»– deutsche Stalinorgel. Weiß ich auch, Mann. Müssen Sie eigentlich immer recht haben?« Stifter hadert.

Lietze lächelt.

Jokisch wartet.

Dann geht Stifter auf ihn zu, kippt ihm gut die Hälfte seines »Kaffees« in den Becher, dreht sich zu Lietze und hält ihr seinen halbleer hin. Aber Lietze schenkt ihm nichts dazu, sondern nippt nur an ihrem, verzieht den Mund und hält Stifter den vollen Becher hin.

»Zugegeben, die Waschküche war schon satt.« Stifter scheint friedensgesprächsbereit. »Und Dettmann trau ich alles zu, erst recht, wenn er sein scharfes Jackett anhat wie heute. FDJ-blau. Jede Wette – der hat nicht bloß den Naturnebel irgendwie ­organisiert, der hat auch die Bonner Trantüten extra einfliegen lassen. Aus lauter Daffke.«

»Ich fand ja die Nummer mit der echten alten Böing am schärfsten. Wie lange is’n die PanAm hier einklich schon raus aus’m Flugverkehr?« Jokisch ist froh über das Ende der Knurrzeit.

Lietze muss passen.

Stifter gibt der Plörre eine Chance.

Jokisch streicht die Frage. »Die hatten die einfach hier stehen lassen, die von der PanAm. Die hat nämlich keener mehr hochjekricht. Und die Feuerwehr, hat mir vorhin eener erzählt, also, die ham die irnktwie – wechjebucht. Oder so. Klasse!«

Lietze sieht Stifter, dann Jokisch an. »Das ist noch gar nichts. Unser lieber Mann von den Feuerteufeln hier hat mal der Bundeswehr einen ausgewachsenen Panzer weggebucht. Aber da waren Sie noch nicht unter den Bundesbürgern, Jokisch.«

IN DER FERNE, zwischen den gackernden und flatternden Hühnern, sieht er das leuchtend blaue Jackett. Er kneift das Gesäß zusammen und verlagert das Gewicht auf beide Ballen, dann langsam wieder auf die ganzen Sohlen. Er zwingt sich, scheinbar dem Koffer auf dem Gepäckband zu folgen und dabei unauffällig die leere Seite der Abfertigungshalle und die Treppe zum Eingang nach den beiden Geschäftsführern der Rotbrett Planungs GmbH abzusuchen. Die Hühner in seinem Rücken werden wieder Menschen. Steuerzahler. Wählerstimmen. Ob das bei diesem Dettmann in den richtigen Händen der Mann ist doch die ganze Truppe da suspekt ­hochsuspekte Leute nach seinem Dafürhalten eine derartige Operation von einem einfachen Kriminaldirektor also rein rangmäßig würde er da doch Bedenken anmelden wollen denn von Rechts wegen –

Seine Augen wandern mit dem Luxuskoffer etwa auf der Mitte des Gepäckbandes, als eine Blondine in Eurowings-Uniform haarscharf an ihm vorbeischrammt, »hcks-sss-pardon!« kichert und fünf Meter weiter, auf dem Weg um das ganze Band herum zum Ticketbüro der Eurowings, mit einem kleinen alten Mann zusammenknallt, der etwas wie ein altmodisches Handy hält.

Auch noch Alkohol. Typisch. Hat er nicht von Anfang an! Seines Erachtens nach! Und angesichts der Fülle von Unwägbarkeiten! Dieser Durchmischung von Befugten und Unbefugten hier!

Die Stewardess zupft Harlow-Haare vom Hut des kleinen alten Mannes, tätschelt seinen Arm und sprudelt Entschuldigungen in Englisch, Französisch und Linksrheinisch. Der alte Mann steht starr und steif und mit einem seltsam abwesenden Blick da. Mit einer gewissen Feierlichkeit. Als wäre er nicht von dieser Welt.

Der Leitende Beamte ist kurz vorm Explodieren. Jetzt macht er sich gewissermaßen selbst zum Vorgang und schreitet ein. Ginny strebt leicht oszillierend dem Ticketbüro zu. Der alte Mann steht noch immer da wie eingegraben mit seinen Feuer­wehrstiefeln, der fadenscheinigen glänzenden dunkel­blauen Hose und dem blaugrauen Holzfällerhemd. Er drückt den Kasten an die Brust. Der Luxuskoffer nimmt die Kurve am anderen Ende.

»Gehören Sie hier dazu!«, schnarrt der Leitende Beamte, in Ermangelung der Stewardess, den alten Mann an.

Der erwacht langsam aus der Starre, hebt den Kopf, als wäre er besinnungslos müde von den Strapazen, und sieht durch den Leitenden Beamten hindurch. »Selbstverständlich.« Er ­lächelt. »Wer, wenn nicht ich.«

»Was soll das heißen!«, schnarrt der Leitende Beamte weiter.

Sie stehen jetzt ganz allein am Ende des Förderbandes hinten links in der Abfertigungshalle.

»Ich habe den Vorteil, in meinem Haus zu sein, alle Wege und Richtungen genau zu kennen. Aber ich werde alt –«

Der Leitende Beamte ringt mit pickenden gackernden flatternden Hühnern und kneift die Gesäßbacken zusammen, als müsste er sie allesamt persönlich zerquetschen mit ihrem Gepicke und Gegacker von Rechts wegen also rangmä–

»– Ja, es ist schön hier. Ein schöner Bau. Das Schönste an meinem Bau aber ist seine Stille. Freilich, sie ist trügerisch. Plötzlich einmal kann sie unterbrochen werden und alles ist zu Ende.«

Es klingt wie ein Abschied. Im Kopf des Leitenden Beamten aber wird es zu dem Schrei, der sich vermischt mit dem dumpfen Zusammenprall des Beils mit dem Hackklotz.

Tatsächlich entfernt sich der kleine alte Mann und mit ihm seine Worte. »Seien – Sie – auf – der – Hut – Tempelhof ist –«

Bodenlosdasistbo!den!los!, schnappt der Leitende Beamte, kurz bevor der Koffer auf gleiche Höhe mit ihm kommt. Kurz bevor er explodiert. Buchstäblich. Rangmäßig. Im Großen und Ganzen. Mitsamt dem Koffer. Von Rechts –

I One, Two, Three

»DIE HERREN DÖDERLEIN SIND JETZT DA.« Mimi Jacob hatte die Tür so weit aufgeschoben, dass ihr Kopf gerade durchpasste, was ihrer bekanntlich betörenden Stimme etwas Gequetschtes gab. Oder kam das von dem Gestank und dem Krach, der durch den Korridor hallte und alles andere mundtot machte?

»Weeer? Kommen Sie rein!« Lietze warf den Hörer wieder auf, ohne die Nummer zu Ende zu wählen. »Tür zu! Das hält ja kein Mensch aus – Mimi, kann ich nicht Tagesmutter bei Ihnen werden?«

Die Bohr- und Klopfgeräusche brachen ab.

»Bei mir nicht, aber bei Michel – gern! Bin kurz davor, Väter­chen Lieberman an die Luft zu setzen. Der ist weder lieb noch Väterchen, der ist bloß noch das Letzte!« Mit der zuschwingenden Tür wehte eine Ölfarbenwolke herein, die exakt so roch, wie die Türen auf dem Flur im vierten Stock demnächst alle aussehen würden. Scheußlich grün. »Bezahlen kann ich Sie ­allerdings nicht.« Mimi lehnte sich gegen die nicht frischgestrichene Innenseite.

Lietze war im Dilemma. Am liebsten hätte sie ­geschrien. Über das ganze aufgeblasene Getue und Gebaue in dieser Stadt und bald bei sich zu Hause und jetzt auch schon hier! An ihrem Arbeitsplatz, der nicht mehr M I/3 hieß, weshalb das alte Türschild weg war! Der auch nicht mehr im zweiten Stock und nach vorn lag, sondern im vierten, nach hinten in den Hof, der notfalls lauter hallte als die Keithstraße! Wo aber doch trotzdem die Welt bitte schön noch in Ordnung sein dürfte, wenigstens hier! Na, sagen wir: Wenigstens etwas ruhiger und normal dreckig und ohne dass einem irgendwer ständig die gewohnten Wege und Abläufe verstellt und durcheinanderschmeißt! Als ob dieser Dr. Lüsebringk nicht schon verfranst genug ist! Seit vierzehn Tagen waren sie jetzt in Kommission, aber alles, was die bisher gezeitigt hatten, war das Vierzehn­fache der bei sogenannten normalen Tötungs­delikten anfallenden Papierberge. Fast zweitausend Seiten. Voll von Irrwegen, Umwegen, Staus, wieder neuen Ermittlungsfeldern. Sobald irgendjemand aus dem Team ein Fünkchen Hoffnung schöpfte, endlich einen Zipfel zu fassen zu kriegen – bong! Betonwand. Kein Durchkommen. Zurück auf Los. Trotzdem weiter. Irgendwie. Irgendwo. Und immer mit dem unschönen Grundgefühl der Sinnlosigkeit. Wie Hamster im Laufrad. Wer weiß denn, ob dieser Dr. Wigbert Lüsebringk vom Dez P eins groß ZD wie Zentrale Dienste römisch fünf groß C gleich Beschaffung von Waffen, Geräten und Bekleidung für die Berliner Polizei und wer weiß wen noch alles überhaupt etwas hergibt für die Aufklärung des Sprengstoffanschlags, der seine Person in zig Einzelteile gespalten hatte! Wenn der gar nicht gemeint war – oder – oder – was sonst? Reiß dich zusammen, Lietze! ’s ist Gründerzeit, ja, Lang, ich weiß: Gründerzeiten sind Leben in der Schneekugel. Da kann jeden Augenblick etwas kommen und alles durcheinanderschütteln. Trotzdem würden wir diesen verrückten Haufen Dörfer und Kräne und Löcher mit keinem andern Ort tauschen – Moment! Hatte Mimi eben angedeutet, dass sie ihren Mann und Kindsvater in die Wüste zu schicken beabsichtigte? Das gibt’s nicht. Lietze sah die vor zwei Wochen reumütig aus dem Mutterschaftsurlaub zurückgekehrte beste Schreibkraft von allen beunruhigt an. »Heißt das – ehm, heißen die wirklich so? Döderlein?«

Mimi lockerte vorfreudig alle zehn Finger. »Nein, nur die Firma. Die Herrschaften Hacke, Sternhagel und Mishkin sind leitende Angestellte der Döderlein Industrie-Erschließungs GmbH und Co. KG. Kurz D.I.E.«

»Wie schön. Der k. o. gesprengte Lüsebringk war schließlich auch leitender Beamter.« Lietze stand auf und ­versuchte, sich auf eine Entscheidung ihres nächsten Dilemmas zu konzentrieren: Zigarillos mitnehmen oder eine Vernehmung lang nicht rauchen? Aber in Schneekugeln ist Konzentration ein Fremdwort. »Außerdem – ist mal eine Abwechslung nach all den Unterweltklischees, die wir letzte Woche hier zu sitzen hatten –« Sie ging auf die Tür zu.

Mimi zupfte demonstrativ an einem Nasenflügel, ­registrierte zufrieden feixend, dass Lietze die Stirn runzelte, zog die Tür hinter sich auf und empfahl ihr einen Blick auf die einzige Bank im Flur, die nicht von Werkzeugen, Klebebändern und Farbeimern besetzt gehalten wurde. »Mal rein augenscheinmäßig, Karin«, flötete sie mit honigsüßer Hinterfotzigkeit, »wie würden Sie die Herren Döderlein denn so nennen?«

TRRAUMHAFTHH! Wenn auch laut.

Er schloss die Tür des winzigen gläsernen Vorbaus und die beiden schallschluckenden Doppelfenster links und rechts daneben. Propeller waren nicht so schlimm. Kurzes, heim­tückisches Knarren oder Schnarren, wenn sie von der Lande­bahn her den Taxiway entlang unter das Vordach rollten. Danach war Ruhe.

Die ein, zwei Düsenmaschinen waren ziemlich alte Mühlen. Und die eine, die mit den Passagieren von und nach Brüssel, die ließ die Triebwerke einfach laufen. Im Stand. Mindestens eine halbe Stunde lang. Genau unter dem Vorbau des drei mal drei Meter großen Würfels, seit gestern Sitz des Büros von

Kowalski & PartnerPlanungPersonal ManagementPublic Relations

Er betrachtete das blau-weiß-rote große Schild und fand immer noch, dass 3P COMPANY besser gewesen wäre. Aber die höhere Ebene hatte seinen Vorschlag abgeschmettert. Ohne Begründung. Er hatte sich erst aus verschiedenen Andeutungen zusammengereimt, dass sein Firmenname »zu amerikanisch« sei und deshalb »bestimmte Kundenkreise« stören würde. Er konnte sich keinen »Kundenkreis« vorstellen, den etwas »zu Amerikanisches« von Geschäftsbeziehungen abhalten würde. Nach seiner Erfahrung konnte es dem ganzen Osten gar nicht amerikanisch genug sein. Egal, was. Vor allem das Image. Dass der spanischsprechende und neuer­dings verstärkt auch der französische Teil der Welt einen gewissen Anti-Yankeeismus pflegten, war ihm nicht ganz neu gewesen. Und vor allem hatte es ihm – er war ja nicht auf den Kopf gefallen, weshalb er es ja auch zu was bringen würde! – einen interessanten Hinweis gegeben. Wo überall wurde denn Spanisch gesprochen?