Herzvibrieren - Josie Kju - E-Book

Herzvibrieren E-Book

Josie Kju

0,0

Beschreibung

*Alles in mir sehnt sich nach dir.* Mona macht Ferien in Finnland. Sie will einfach nur ihre Ruhe haben und das Thema Männer ist für sie sowieso abgehakt. Das ändert sich, als der lustige Musiker Leevi in ihr Leben poltert, sie mitten in der Nacht aufweckt und ihre Tränen wegküsst. Mit ihm zusammen zu sein lässt ihr Herz vibrieren. Doch dann geht Leevi für ein Jahr nach Australien. Die Sehnsucht ist groß. Wie werden sie die Zeit ohne einander überstehen? Und kann die Liebe wirklich ganze Kontinente überwinden?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 350

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kurzbeschreibung:

*Alles in mir sehnt sich nach dir.*

Mona macht Ferien in Finnland. Sie will einfach nur ihre Ruhe haben und das Thema Männer ist für sie sowieso abgehakt. Das ändert sich, als der lustige Musiker Leevi in ihr Leben poltert, sie mitten in der Nacht aufweckt und ihre Tränen wegküsst. Mit ihm zusammen zu sein lässt ihr Herz vibrieren. Doch dann geht Leevi für ein Jahr nach Australien. Die Sehnsucht ist groß. Wie werden sie die Zeit ohne einander überstehen? Und kann die Liebe wirklich ganze Kontinente überwinden?

Josie Kju

Herzvibrieren

Roman

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2018 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2017 by Josie Kju

Eine frühere Ausgabe ist unter dem Titel „Magic In You“ erschienen.  

Korrektorat: Martha Wilhelm

Lektorat: Susanne Pavlovic

Covergestaltung: Juliane Schneeweiss, Berlin.

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-199-7

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

* * *

Wenn man auch tausend Mal den Mut verloren hat und alles hoffnungslos scheint, wenn man am Ende ist und keine Kraft mehr hat, so ist doch noch alles möglich.

* * *

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1Es gibt Begegnungen im Leben

Kapitel 2Und wenn man ganz unverschämt viel Glück hat

Kapitel 3Wer die Gabe hat

Kapitel 4Zufall?!

Kapitel 5Mein Herz weiß, was es will

Kapitel 6Alles in mir sehnt sich nach dir!

Kapitel 7Missed opportunities!

Kapitel 8Ein wacher Geist

Kapitel 9Leevi & Leviten

Kapitel 10Wie gut, dass es mutige, spontane Menschen gibt

Kapitel 11Freud und Leid

Kapitel 12Fünf einzelne Worte

Kapitel 13Känguruland

Kapitel 14Du hast niemals ausgelernt

Kapitel 15Nehmen wir das Schicksal eben selbst in die Hand

Kapitel 16„Sweet Home“

Kapitel 17Beach Girls

Kapitel 18Die Geschichtenjägerin

Kapitel 19Grand strides

Kapitel 20Tanzen ist wie schweben, aber

Kapitel 21Und plötzlich ist alles wieder anders

Kapitel 22Verwirrungen

Kapitel 23Helsinki again

Kapitel 24Let’s do it!

Kapitel 25Es weihnachtet sehr!

Kapitel 26Ruhe vor dem Sturm

Kapitel 27Ich hasse Geschichten ohne Happy End

Kapitel 1

Es gibt Begegnungen im Leben, die fühlen sich an wie die ersten Sonnenstrahlen im Frühling; warm und vielversprechend.

Ich saß an meinem See und war gerade in ein Buch vertieft, als ich den Kies auf der Zufahrt knirschen hörte. Ich hob meinen Kopf: Ein großer blonder Mann kam auf mein Grundstück. Er winkte freundlich zu mir herüber und sagte etwas auf Finnisch, was ich natürlich nicht verstand, aber was für eine Stimme! Wow! Tief und warm, fast ein bisschen rau, gleichzeitig aber sanft und … Ich stand auf und ging ihm entgegen. „Sorry, I don’t understand you.“

„Hi, I’m Leevi“, sagte er, strahlte mich an und schüttelte mir die Hand. Ein Händedruck, wie ich ihn mochte: fest, trocken, warm.

„I’m your neighbour from there“, er zeigte mit seinem Daumen nach rechts, aber durch die Bäume hinweg konnte ich kein Nachbarhaus erkennen.

„I have my summerhouse here. When you need something, come over.“

„Thank you, that’s really nice to know. I’m Mona.“

Als würde uns der See magisch anziehen, schlenderten wir auf den kleinen Bootssteg zu.

„Nice name, like Mona Lisa. But it isn’t an Italian name, is it?“

So wie er Mona aussprach, hatte ich es noch nie zuvor gehört, er sagte Mouna wie Mount Everest, und zusammen mit seiner unglaublichen Stimme klang es so … bedeutungsvoll.

„No, it’s a German name. I am from Germany“, kam dann endlich meine spärliche Antwort.

„Ich kann ein bisschen Deutsch“, sagte er mit einem süßen Akzent und deutete dabei einen kleinen Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger an.

„Oh, das ist super, mein Englisch ist nämlich sehr schlecht.“

„No, no, no. It’s pretty good, really, but it would be nice for me to practice some German.“

„Liebend gerne“, entgegnete ich erleichtert.

Wir hatten den kleinen Bootssteg erreicht, setzten uns und ließen die Füße über der Wasseroberfläche baumeln.

„Der Name Mona hat in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Bedeutungen“, erklärte ich ihm, „im Arabischen bedeutet er Hoffnung, das gefällt mir am besten, und es gibt eine Insel in der Karibik mit diesem Namen.“ Gott, was redete ich da? Nur gut, dass ich nicht auch noch erwähnt hatte, dass es im Irischen edel und im Spanischen niedlich bedeutete. Er schaute mich an und lächelte interessiert.

„Hey, how cool is that? Ich nicht weiß, was meine name means.“

„Ist ja auch nicht so wichtig.“ Ich lächelte zurück. Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander. Man hörte die Vögel zwitschern und die Bienen summen. „Es ist herrlich hier“, sagte ich in die Stille hinein, schloss meine Augen, legte den Kopf in den Nacken und reckte mein Gesicht der Sonne entgegen.

„Ja. And it smells so fresh. Wann immer ich habe Zeit, ich komme hierher.“

„Das kann ich gut verstehen. Hast du auch ein paar freie Tage?“

„Yes. Ab und zu ein bisschen distance from this crazy world is really good.“

Ich nickte zustimmend. „Das ist wohl wahr.“

Zwei Zitronenfalter ergatterten meine Aufmerksamkeit. Sie flatterten umeinander herum über den See. „Sieh mal“, ich deutete auf die Stelle, „es ist so ruhig hier, dass man sogar die Schmetterlinge flüstern hört.“

Er reagierte souverän, schaute mich zwar von der Seite an, ließ sich aber keine größere Verwunderung anmerken, sondern fragte cool: „What do they whisper?“

„Hast du es nicht gehört?“, fragte ich ihn erstaunt.

„No.“

„Dann war es nicht für deine Ohren bestimmt und wird auf ewig ein Geheimnis bleiben. Tut mir leid.“ Ich zuckte entschuldigend mit meinen Schultern.

„Oh! Aber du hast gehört. Du kannst mir sagen. Come on, I love secrets“, sagte er und stupste mich mit seinem Ellenbogen an.

„Ich auch“, neckte ich ihn.

„Not a chance?“ Er zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Ich schüttelte meinen Kopf. „Nein, keine Chance.“

„Pity! Aber ich finde schon noch heraus“, meinte er gut gelaunt. „So, you are on holiday?“, wechselte er das Thema.

„Ja, für zwei Wochen.“

„Und du bist alone hier?“ Er schaute sich um.

„Ja, bin ich.“

„Was willst du machen?“

Ganz schön neugierig, dieser Typ. „Gar nichts“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Ich will nur meine Ruhe haben, abschalten, Kraft tanken, mir über einige Dinge klar werden“, sagte ich und sah ihn an. Seine tiefblauen Augen musterten mich aufmerksam, dann nickte er.

„Ah, I see.“ Er stand auf. „I leave you alone now. Enjoy the silence and come over, if you like.“

„Danke“, konnte ich gerade noch sagen, und weg war er.

Meine Aussage, dass ich meine Ruhe haben wollte, hatte er also wörtlich genommen. Super! Ganz toll, wirklich große Klasse! Ich hatte ein unschlagbares Talent entwickelt, Leute zu vergraulen, obwohl es gar nicht meine Absicht war. Nicht mal ein Getränk hatte ich ihm angeboten. Unmöglich! Na ja, ich konnte es jetzt nicht mehr ändern. Ich saß noch eine Weile so an meinem Steg, blickte auf den schimmernden See und versuchte an gar nichts zu denken.

Als ich zum Haus zurückging, um mir etwas zu essen zu holen, klemmte ein Zettel mit einer Handynummer an meiner Haustür: „Call me, if you like. And tell me the secret! ;-)“

* * *

Kapitel 2

Und wenn man ganz unverschämt viel Glück hat, bekommt man eine zweite Chance.

Ein paar Tage lang passierte nichts Aufregendes. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich frei, aber irgendwie auch einsam.

Ich schlief ewig lange aus und vertrödelte dann die Tage. Natürlich hatte ich einiges an Lesestoff mitgebracht, ebenso meine Fotoausrüstung, einen Aquarellblock, ein paar Pinsel und Farben. Oft spazierte ich stundenlang um den See herum, weil ich gerne das Ferienhaus, mit dem See im Vordergrund, malen wollte.

Zuerst machte ich etliche Bilder von verschiedenen Standpunkten aus, um mir dann das schönste aussuchen zu können, aber schon der Versuch, eine grobe Skizze auf das Papier zu bringen, scheiterte. Kein Wunder, ich hatte seit mindestens elf Jahren nicht mehr gemalt. Zuerst hatte der neue Job bei DORA meine ganze Aufmerksamkeit und Energie gefordert und in den letzten Jahren dann meine kranken Eltern. Das war eine besonders anstrengende Zeit gewesen, die mich viel Kraft und Nerven gekostet hatte. Noch dazu das Haus, der große Garten, das alles erledigte sich nicht von selbst. Ja, ich war einfach aus der Übung, aber ich versuchte es immer und immer wieder und sah mir auch noch einmal alle Fotos an, die ich gemacht hatte. Auf dem einen Bild fiel mir jetzt erst ein weiteres Haus auf. Das musste Leevis Sommerhaus sein. Es war naturbelassen und viel größer als mein Ferienhaus, auch mit einem eigenen kleinen Steg zum See, an dem ein Boot festgemacht war. Aber ich wollte ja nur mein kleines rotes Ferienhäuschen auf dem Bild haben.

Also zog ich noch einmal los und nahm nicht nur meine Kamera, sondern auch meinen Block mit. Als ich die richtige Stelle mit einer guten Perspektive gefunden hatte, setzte ich mich auf einen umgestürzten Baum, zückte Bleistift und Block und versuchte erst einmal das Größenverhältnis von See, Ferienhaus und Bäumen richtig wiederzugeben. Ich zeichnete mir nur ein paar Anhaltspunkte auf das grobe Aquarellpapier. Es sollten auch später keine Details zu erkennen sein, ich würde alles nur mit ein bisschen Farbe andeuten. Ja, allmählich konnte ich mir das Endergebnis genau vorstellen. Und zwei kleine gelbe Punkte über dem See würde ich hinzufügen, sie sollten zwei Zitronenfalter erahnen lassen.

Ich eilte zurück zu meinem Ferienhaus, holte Farbkasten, zwei Gläser mit Wasser und Pinsel heraus und machte mich gleich ans Werk. Eigentlich musste man das ganze Blatt anfeuchten und aufspannen, aber das konnte ich hier nicht machen, also würde es eben so gehen müssen. Zuerst füllte ich die große Seefläche mit einem Hauch von Blau und Grün aus und setzte schnell zwei winzig gelbe Punkte, damit die Farbe verlaufen konnte, bevor das Papier zu trocken wurde. Das Häuschen schattierte ich in Rot, den Steg in Braun. Ich war noch unsicher, wie ich die Bäume im Hintergrund darstellen sollte, und würde erst einmal abwarten, aber was mir jetzt schon am besten an dem Bild gefiel, waren die zwei kleinen gelben Schatten über dem See. Leevi hatte nicht durchblicken lassen, ob er mir die Geschichte von den flüsternden Schmetterlingen abgenommen hatte oder nicht.

Nach einem weiteren verbummelten Tag fing ich wirklich an mich zu langweilen, was ich als gutes Zeichen für die einsetzende Erholung deutete. Im Schuppen fand ich ein Fahrrad. Ich pumpte die Reifen auf und radelte damit in das kleine Örtchen, um einige Lebensmittel zu besorgen.

Es war Markttag, die reichhaltige Auswahl verleitete mich dazu, viel zu große Mengen einzukaufen. Am Abend wollte ich mir mein Lieblingsgericht kochen: Reisfleisch. Also besorgte ich alle Zutaten auf dem Markt und stockte meine Vorräte für die nächsten Tage noch in einem kleinen Krämerladen auf. Zurück in meinem Ferienhäuschen, schälte und würfelte ich die Zwiebeln, häutete und schnitt die Tomaten und die Paprika, zerkleinerte die Schnitzel, um Geschnetzeltes daraus zu machen, briet alle Zutaten gut an und kochte den Reis. Als alles fertig war, sah ich, dass ich tagelang an dieser Ration zu essen hatte, oder ich würde noch jemanden einladen.

Ja, mir war wirklich nach ein bisschen Gesellschaft zumute, sonst würde ich womöglich noch anfangen, mit den Bildern an der Wand zu reden. Vielleicht hatte mich mein Unterbewusstsein deshalb diese Unmenge kochen lassen? Jedenfalls wählte ich kurz entschlossen die Handynummer von dem Zettel.

„Hey, what’s going on?“

Er war ein lustiger Typ. Sagte keinen Namen, sondern schmetterte gleich eine Frage heraus.

„Hi, this is Mona. Can you rescue me?“

„Of course, bist du gefallen in die lake?“

„Nein“, antwortete ich lachend, „ich habe viel zu viel gekocht. Hast du Hunger?“

„I’m always hungry“, kam seine Antwort ohne jedes Zögern. „I’ll be there in five minutes.“

Fünf Minuten später stand er tatsächlich in meinem Esszimmerchen und hatte zwei Flaschen Rotwein dabei.

„Kleine present for one’s host.“ Er streckte mir die Flaschen entgegen.

„Danke schön“, ich nahm ihm den Wein ab, „das trifft sich gut, ich hätte dich nämlich nur mit Wasser, Saft, Tee oder Kaffee bewirten können.“

„Kaffee ich nehme später“, sagte er und nickte verschmitzt, „wenn du brauchst Nachschub, ich habe immer secret hoard, ah, Vorrat nebenan.“

„Ah, gut zu wissen. Mal sehen, ob sich überhaupt ein Korkenzieher in diesem Haus auftreiben lässt.“ Ich lief in die Küche und wurde fündig.

Offensichtlich schmeckte es ihm, denn er wischte auch noch den letzten Tropfen Soße mit einer Weißbrotecke auf und steckte sie sich genüsslich in den Mund. Die Unterhaltung plätscherte ungezwungen dahin. Es war ein Kuddelmuddel aus Deutsch und Englisch, aber wenn ich langsam sprach, verstand er erstaunlich viel Deutsch. Dass Finnen in der Schule Deutsch lernen, hatte ich bis dahin auch noch nicht gewusst.

Er wollte alles über meinen Beruf wissen, also fing ich an zu erzählen. „Ich arbeite in der Personalabteilung bei DORA, das ist eine Lederwarenfirma. Wir stellen Taschen, Koffer und Kleinlederwaren her. Die Arbeit ist sehr interessant, aber am meisten liebe ich meine Aufgaben im Ausbildungsbereich. Wir bilden Industriekaufleute, Fachkräfte für Lagerlogistik und Feintäschner aus. Das macht mir ganz besonders viel Spaß.“

Mit Begeisterung erzählte ich ihm auch von so mancherlei witzigen Typen und Vorstellungsgesprächen bis hin zu kleinen Anekdoten. Und da hatte sich in elf Jahren so einiges ereignet! Ich hätte einen Ratgeber mit Ausreden für nicht vorhandene Berichtshefte schreiben können. Bis hin zum Wohnungsbrand war alles dabei gewesen. Bestimmt eine Stunde lang erzählte ich.

„It looks like, dass du hast viel Spaß bei Arbeit“, sagte Leevi.

„Ja, das stimmt. Aber wenn mich einer anlügt, dann ist es aus bei mir. Für dumm verkaufen lasse ich mich nicht, da kann ich wirklich sauer werden. Ab und zu müssen eben auch mal die Fronten geklärt werden. Na ja, am schönsten sind für mich jedenfalls immer die Bewerberrunden, wenn es darum geht, die neuen Azubis auszusuchen, und dann natürlich der Ausbildungsbeginn. Klar sind sie am Anfang total aufgeregt und etwas überfordert von den vielen neuen Eindrücken und Kollegen, aber in den ersten Wochen kann man dann beobachten, wie sich das legt, wie sie anfangen, sich wohlzufühlen, wie die Anspannung abfällt und wie aus Fremden langsam Freunde werden.“

Seine Augen strahlten, als er kopfnickend sagte: „This is a great thing you do! So important for the young students. And that’s your passion. Yeah, I can feel the waves of enthusiasm. Das ist geil, wenn man kann machen, was man liebt. Ich liebe music. So, ich mache music.“

„Du bist Musiker?“

„Yes.“

„Ja, wenn man machen kann, was man liebt, braucht man keinen einzigen Tag in seinem Leben zu arbeiten. Das Einzige, was ich daran hasse, ist das frühe Aufstehen“, sagte ich. „Zwanzig nach fünf klingelt mein Wecker. Das bringt mich noch um, ehrlich.“

Er riss seine Augen auf, aber dann grinste er, deutete mit seinem Zeigefinger auf mich und zwinkerte: „Ah, you are kidding me!“

„Nein, ganz und gar nicht. Es ist wahr. Ich brauche die Zeit. Bis ich im Bad war und in Ruhe gefrühstückt habe, im Geschäft komme ich nicht dazu, und spätestens zwanzig nach sieben muss ich losfahren, weil meistens Stau auf der Strecke ist. Um acht Uhr beginnt meine Arbeitszeit.“

Er fiel fast von der Bank vor Entsetzen.

„Jeden Tag?“

Ich nickte. „Montag bis Freitag. Am Wochenende natürlich nicht.“

„Jesus! I couldn’t do that! No, no, no, no! Not me! Never ever!“ Dann erzählte er, dass er nach den Auftritten immer so aufgedreht war, dass er vor drei, vier Uhr nicht zur Ruhe kam und an Schlaf überhaupt nicht zu denken war. Dementsprechend spät wachte er auf. Ein Uhr mittags war für ihn früher Morgen.

„Im Grunde bin ich ja auch so ein Nachtschwärmer“, erklärte ich ihm. „Schon als Kind war es immer ein Drama, wenn ich ins Bett sollte, und ich war auch wirklich nie müde. Aber wenn man so früh aufstehen muss, geht das natürlich nicht.“

In groben Umrissen erzählte ich ihm auch von den letzten schweren Jahren. Wie oft meine Eltern im Krankenhaus waren, bevor im Februar mein Vater und im Mai meine Mutter verstorben war. „Für die nächsten zehn Jahre will ich kein Krankenhaus mehr sehen. Weder von außen noch von innen. Mir wird schon schlecht, wenn ich nur daran denke.“ Und da sah ich ihn zum zweiten Mal, diesen Blick, an dem ich einfach erkennen konnte, dass er verstand, was ich auszudrücken versuchte. Seine Augen wurden tatsächlich feucht, als er seine Hand nach meiner ausstreckte und sie drückte.

„Sometimes, it rains like hell on you … but now, it’s over.“

Ich nickte zustimmend und holte tief Luft. „Ja, da hast du recht, es ist vorbei.“ Ich glaube, da begriff ich zum ersten Mal, dass es wirklich vorbei war. „Jetzt möchte ich aber auch wissen, was du beruflich machst“, sagte ich rasch, um die aufkommende Melancholie und die aufsteigenden Tränen schnell zu vertreiben. „Welche Auftritte sind das, die dich erst so spät zu Ruhe kommen lassen?“

„Ich spiele Gitarre und singe ein bisschen. Wir haben kleine Band, nur fünf Mann. Vielleicht kennst du Name OneWay?“

Ich schüttelte meinen Kopf. „Nein, leider nicht.“

„What kind of music do you like?“

„Das wechselt immer mal. Zurzeit stehe ich total auf Ed Sheeran und Keith Urban und von den Klassikern: Bruce Springsteen, Bon Jovi, so die Richtung“, ich nippte an meinem Wein, „ah, und als Teenager fand ich Tina Turner und Suzi Quatro total cool. Tina Turner habe ich sogar mal live in der Festhalle in Frankfurt gesehen.“

„Super, oder? Das ist großer Traum von uns, einmal spielen in diese venue.“ Er lachte. „Und Suzi Quatro ist immer noch cool. Wir haben getroffen bei summer festival, zwei, drei years ago.“

„Wirklich? Und, ist sie nett?“

„Ja, ja, ganze Band ist super cool. Wir hatten big after show party mit alle Musikers bis neun Uhr bei Morgen.“

„Oh Gott.“

„Dann du wirst bestimmt auch mögen unsere music. Wir machen Rock/Pop thing. Ich bringe dir Album.“

„Ein Album! Wie bekannt seid ihr denn in Finnland?“ Das wurde ja immer besser. Vielleicht hatte ich einen Star in meinem Esszimmer sitzen?

„Well“, wiegelte er bescheiden ab und drehte seine Hand hin und her, „famous and famous. Anfang war schwer, sehr, sehr schwer.“

„Wie habt ihr denn angefangen?“, wollte ich wissen.

„In Schule. Aki und ich haben schon zusammen in Schulband gespielt. Coversongs. Erste eigene Songs wir haben geschrieben mit fünfzehn, sechzehn. Heute ich bin siebenunddreißig. So, long time ago.“ Er lachte und schüttelte seinen Kopf, erinnerte sich offensichtlich an die alten Zeiten.

„Erste Auftritte wir haben gespielt bei Schulfeste und birthday partys. Und dann, after a few years, wir hatte engagements in kleine restaurants and clubs, bei city festival auch in Nachbar-City. Ich musste leihen Auto bei meine große Bruder und in zweite rust bucket … wie sagt man auf Deutsch?“

„Rostlaube“, half ich ihm aus.

„Ja, in zweite Rostlaube mit drummer and keyboard Spieler, es kommen noch ein paar cables and loudspeakers. Jesus! Und wir haben nicht wirklich verdient Geld damit. Nach Schule, ich habe keine Beruf gelernt. Vielleicht, wenn ich gehabt hätte Coach wie du“, er deutete auf mich, „ich wäre heute sales director?“

„Ganz bestimmt! Ich erkenne schon das Verkaufstalent in dir.“

„Ich habe gemacht alle mögliche jobs. In supermarket, bei petrol station, everything. Oh, und ich war maid, für cleaning the rooms, bei Hotel in Helsinki.“ Verlegen schlug er sich die Hand vor die Stirn.

„Süß! Hattest du auch so ein kleines Schürzchen an?“

„No! Come on!“

Das Bild, das sich gerade in meinem Kopf festsetzte, war einfach zu drollig. „Und, wie ging es dann weiter mit eurer Karriere?“

„Wir hatten nicht genug Geld für mieten Studio and so on. Bei Plattenfirmen wir haben gefragt, aber keiner wollte mit uns aufnehmen Songs. Many years later wir haben getroffen producer Juho. Er hat uns genommen in studio und hat bezahlt alles. Aber dann, wir hatten keine keyboard Spieler. So ich habe gespielt keyboard. War disaster.“

Ich lachte. „Aber irgendwann hat es geklappt und mit dem Erfolg tauchten sicher auch die Groupies auf.“

„No, not really“, sagte er beschämt und wurde sogar ein bisschen rot.

„Ach komm, das glaube ich nicht.“

„Honestly, ich bin froh, dass ich nicht mehr war so jung. Otherwise … Wenn passiert wäre, wann ich war siebzehn oder achtzehn. Jesus!“ Er verdrehte seine Augen. Offensichtlich fühlte er sich nicht sonderlich wohl mit diesem Thema, deshalb fragte ich ihn: „Hast du noch mehr Geschwister?“

„Ja, noch kleine Schwester und kleine Bruder. Und du?“

„Nein, leider nicht. Verstehst du dich gut mit deinen Geschwistern?“

„Oh yes! Wir sind strong community“, er boxte in seine Hand, „Mom musste arbeiten gehen. Wir waren dann oft bei Granny oder neighbors und später auch alleine. Hat uns gemacht sehr close together.“

Ich konnte mir vorstellen, wie er das meinte.

„Jetzt einen Kaffee?“

„That would be great.“

In der Küche brühte ich rasch den Kaffee auf und nahm noch ein paar Schokokekse mit ins Esszimmer.

„Ein Dessert habe ich gar nicht vorbereitet, ich kann dir nur ein paar Kekse anbieten.“

„Ist okay. Ich bekomme too fat.“ Dabei klopfte er auf seinen Bauch, der ganz und gar nicht dick war.

„Wenn man bald vierzig ist, du musst aufpassen ein bisschen.“

„Oh“, sagte ich, erstaunt, dass er sich über solche Sachen Gedanken machte, „ich bin schon fünfundvierzig, darf ich da überhaupt noch etwas essen?“

„Du kannst essen alles. Come on! So slim du bist.“

Es folgte das übliche Geplänkel über das Alter und die Figur. „Übrigens habe ich deinen Namen gegoogelt“, sagte ich, um diese peinliche Komplimentenflut zu stoppen. „Dein Name bedeutet im Finnischen: höher als ein Hügel, aber nicht so hoch wie ein Berg.“

„What?“, er lachte laut.

„Ist doch ziemlich zutreffend, groß bist du ja.“

„Meine parents wusste sicher nicht, und was heißt noch?“

„Im Hebräischen heißt es so viel wie: verbunden mit, der Anhängliche oder auch mein Herz.“

Eine ganze Weile schaute er mich ruhig an, bevor er nickte und sagte: „I like that, good to know. Danke, dass du gesagt hast mir.“

Als ich das erste Mal heimlich auf die Uhr sah, war es halb zwölf. Ich war es nicht gewohnt, so lange auf zu sein, und mir wurden langsam die Augenlider schwer. Außerdem spürte ich den Wein. Auch die dritte Gähnattacke konnte ich nicht unterdrücken. Bei ihm waren noch keine Anzeichen von Müdigkeit festzustellen, wie auch, es entsprach schließlich seinem Biorhythmus. Er deutete auf mich und zwinkerte mir zu: „Du bist müde ein bisschen, ich werde gehen jetzt.“

„Sorry, ich bin eine furchtbare Gastgeberin. Bitte nicht falsch verstehen, es ist total spannend, dir zuzuhören, es ist nur, ich gehe gewöhnlich immer früher schlafen und dann auch noch der Wein, ich trinke sonst gar keinen Alkohol.“

Lachend stand er auf. „No, no, no, ich bin unmöglich. Meine Mom immer schimpft mit mir, sie sagt, dass ich kann talk like a blabbermouth. Thank you for rescue me“, er deutete mit beiden Daumen auf sich, „with this delicious dinner.“

„Oh, bitte, keine Übertreibungen. Es gab weder Vor- noch Nachspeise. Die Idee, dich anzurufen, kam mir ganz spontan.“

„Das ist gut. I love surprises! Really, I do.“

Als wir an der Haustür angelangt waren, drückte er mich einfach an sich.

„Sleep well!“

„Danke, gleichfalls.“

„Ah“, er stand schon draußen, drehte sich jetzt aber noch einmal um, „ich haben schon wieder vergessen, was haben butterflies whispered?“

Ich lachte laut und drohte ihm im Spaß. „Netter Versuch.“

„Oh, come on, ich kann be silent as a grave.“

„Wirklich? Super! Ich nämlich auch.“

So machte er sich ohne Geheimnis, aber fit wie ein Turnschuh auf den Heimweg.

Und obwohl sich mein Alarmsystem eingeschaltet hatte: Zu nett, zu blaue Augen!, hatte ich seit Ewigkeiten keinen so schönen Abend mehr verbracht und die interessante Unterhaltung mit ihm in vollen Zügen genossen. Er war so lustig und geradeheraus. Offenbar konnte das Leben auch wirklich schöne Seiten bereithalten.

* * *

Kapitel 3

Wer die Gabe hat, die Seele eines anderen Menschen zu berühren, ist mit einem unschätzbaren Talent gesegnet.

Am nächsten Abend werkelte ich gerade in der Küche herum, als ich durch das Fenster ein kleines blondes Mädchen von vielleicht sieben, acht Jahren sah, das auf mein Ferienhaus zuflitzte. Das letzte Stück über die Wiese hüpfte es und rief aus vollem Halse: „Mona, Mona!“

Als ich die Eingangstür öffnete, stand sie schon vor mir.

„Bist du Mona?“, fragte sie mich, etwas außer Atem.

„Ja, bin ich, und wer bist du?“

„Ich bin Jaana. Komm, du sollst essen mit uns.“

Ohne jede Scheu packte sie meine Hand und zog mich hinter sich her. Ich konnte gerade noch die Tür hinter mir ins Schloss ziehen.

Hinter Leevis Sommerhaus stand ein großer Holztisch auf der Wiese, an dem sich offenbar die ganze Familie versammelt hatte. Jaana schleppte mich zu Leevi und sagte kichernd etwas auf Finnisch zu ihm. Er lachte, wirbelte sie durch die Luft und warf sie einem anderen Mann in die Arme.

„Hi“, begrüßte er mich. Küsschen rechts, Küsschen links. „Schön, dass du bist da.“

„Ja, danke für die spontane Einladung. Ich hatte keine andere Wahl. Jaana hat mich einfach hergeschleppt. Was hat sie gesagt?“

„Sie hat gesagt, dass sie hat gezaubert dich hierher.“

„Ah, verstehe, es sind also magische Kräfte im Spiel.“

„That may be.“ Er zwinkerte mir zu.

Ich lernte seine Mutter Sofia kennen, die gerade einen Stapel Teller aus dem Haus balancierte. Und Aki, den Gitarristen, mit Frau oder Freundin, die sich am Grill nützlich machten, ebenso seinen kleinen Bruder Lauri.

„Grandma Josie hat deutschen Papa“, erklärte mir Leevi, „du kannst sprechen Deutsch mit ihr. Überhaupt alle sprechen besser Deutsch wie ich.“ Er brachte mich zu dem großen Tisch. „Granny, das ist Mona aus Deutschland, sie macht holiday hier. Mona, das ist Granny.“

„Guten Tag“, sagte ich und lächelte diese entzückende alte Lady an, „ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.“

Die gleichen unglaublich blauen Augen wie Leevi, nur noch gepaart mit einer gehörigen Portion Lebensweisheit und Güte.

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, meine Liebe“, sagte sie mit ruhiger, warmer Stimme und tätschelte mir dabei so liebevoll die Hand, dass ich sie sofort in mein Herz schloss.

Es wurde ein wundervoller Abend. Ich saß zwischen Grandma Josie und Jaana, die sich als Leevis Nichte herausgestellt hatte. Jaana zeigte mir ihre Bücher, ich musste mit ihr malen und ein Spiel mit ihr spielen. Sie sprach erstaunlich gut Deutsch und Englisch. Mirja, Leevis Schwester, Jaanas Mutter, erklärte mir, dass sie ihre Kinder dreisprachig aufwachsen ließ. Ihr Mann Daniel sprach nur Finnisch mit ihnen, sie Englisch und Deutsch. Ihr kleiner Sohn Elias wurde gerade von ihrem Mann herumgetragen.

Mirja war unglaublich nett, sie war vier Jahre jünger als Leevi und erzählte genauso offen von sich und ihrer Familie. „Kimi, unser großer Bruder, und ich, wir sind ganz normal, sprich, wir haben gewöhnliche Berufe erlernt. Kimi ist Architekt, seine Frau auch, sie leben mit ihren zwei Töchtern in Amerika. Ich bin gelernte Krankenschwester, mein Mann ist Möbelschreiner und Restaurator.“

„Das ist ja interessant. Hat er sich auf irgendein Gebiet spezialisiert?“, hakte ich nach.

„Hauptsächlich auf Holz, Möbel, oft auch Bilderrahmen. Gemälderestauration findet er total spannend, aber er traut sich noch nicht so recht heran. Wenn du da einen Fehler machst, kannst du ihn nie wieder ausbessern.“

„Das ist eine heikle Angelegenheit“, stimmte ich ihr zu.

„Ja, wo war ich stehen geblieben? Ah, genau, also mit neunzehn habe ich meinen Mann kennengelernt, mit dreiundzwanzig geheiratet und mit neunundzwanzig meine Tochter bekommen. Nur Leevi mischt die ganze Familie auf mit seiner Musik, und es sieht so aus, als würde Lauri jetzt auch noch Talent in diese Richtung entwickeln.“ Sie zwinkerte mir lachend zu. „Ich habe Mom schon gefragt, was sie in diesen beiden Schwangerschaften anders gemacht hat.“

„Und was sagt sie?“, fragte ich belustigt.

„Sie sagt zwar, sie weiß es nicht, aber ich glaube, sie verheimlicht es uns nur.“ Wir lachten beide.

„Ihr scheint eine lustige Truppe zu sein?“

„Oh ja, wir halten fest zusammen und hängen sehr aneinander. Unser Dad ist ganz plötzlich durch eine Lungenembolie gestorben, als Lauri gerade mal zwei Jahre alt war. Mom musste dann arbeiten gehen. Kimi und Leevi haben sich viel um uns kümmern müssen. Hast du auch Geschwister?“

Ich schüttelte meinen Kopf. „Nein, leider nicht, ich bin schon immer Einzelkämpferin gewesen.“

Sie nickte, sagte aber nichts dazu und war auch diskret genug, nicht näher nachzufragen.

So hatte scheinbar jede Familie ihr Päckchen zu tragen. Unter jedem Dach ein Ach, hatte meine Omi immer gesagt.

Die Männer hatten sich um den Grill geschart. Leevis Mom und Jaana flitzten herum und bewirteten alle. Jaana brachte Josie, Mirja und mir jeweils einen Teller mit einem saftigen Steak und einer reichen Auswahl an appetitlich angerichteten Salaten. Ab und zu bemerkte ich Leevis Blicke, aber wir hatten keine Gelegenheit, uns zu unterhalten. Und dann plauderte ich natürlich viel mit Josie.

In einer stillen Minute ließ ich die Szene auf mich wirken. Was für ein Idyll! Die Familie lachte und schwatzte. Etwas abseits pflückte Jaana Margeriten und Kornblumen von der Wiese. Allen schien es gut zu gehen und alle schienen Spaß zu haben. So etwas hatte ich nie erlebt. Mir traten Tränen in die Augen. Ich atmete gerade tief ein und aus, um mich zu fassen, als mir Josie heimlich unter dem Tisch ein Taschentuch in die Hand drückte. Sie schaute mich an und nickte nur schweigend. Ihr Gesicht lächelte, aber ich konnte auch tiefes Mitgefühl darin erkennen.

Gegen halb elf verabschiedeten sich Granny und Leevis Mutter. Die Runde rückte näher zusammen. Ich blieb noch eine Stunde und wollte dann auch aufbrechen. Leevi bestand darauf, mich zurückzubegleiten.

„Das ist wirklich nicht nötig, was soll mir auf den paar Schritten schon passieren? Ein Elch wird mich bestimmt nicht auffressen.“

„You never know.“ Leevi zwinkerte mir zu. „The wild nature in Finnland is dangerous!“ Er schnitt eine Grimasse.

Jaana hatte das mitbekommen und wollte mich jetzt auch unbedingt nach Hause bringen. Nachdem ich mich von allen anderen verabschiedet hatte, nahmen wir sie in unsere Mitte und gingen die paar Meter durch den Wald zu meinem Ferienhaus. Auf der kleinen Veranda verabschiedeten wir uns. Ich ging in die Hocke, um Jaana zu drücken. „Vielen Dank, dass du mich abgeholt und wieder zurückgebracht hast.“

„Das habe ich gerne gemacht“, sagte sie gewitzt. Sie war so ein süßer blonder Engel!

„Vielen Dank für die Einladung“, sagte ich zu Leevi, „es war ein ganz wunderbarer Abend.“ Und damit hatte ich nicht gelogen.

„I’m really pleased. Wirklich. Sleep well!“ Küsschen rechts, Küsschen links.

„Danke. Ihr auch.“

Ich streichelte Jaana noch einmal flüchtig über ihre Löckchen.

Sie gingen erst, als ich die Haustür hinter mir zugemacht hatte. Durchs Küchenfenster beobachtete ich sie. Leevi hatte Jaana auf seine Schultern gesetzt und trabte mit ihr durch den Wald, dass sie vor Vergnügen quiekte. So verschwanden sie aus meinem Blickfeld, aber das Lächeln auf meinem Gesicht blieb zurück.

* * *

Kapitel 4

Zufall?! Manche Dinge passieren einfach, und oft erkennen wir erst Jahre später einen Sinn dahinter.

Als ich am nächsten Tag gerade das Rad aus dem Schuppen holen wollte, tuckerte ein kleines Boot heran. Es war Leevi.

„Jump in, we do a little tour“, rief er mir zu.

Heute versteckte er seine Augen hinter einer Sonnenbrille, was mir überhaupt nicht gefiel.

Wir schipperten zur Mitte des Sees. Leevi stellte den Motor ab und ließ das Boot treiben. Er hatte einen gut gefüllten Picknickkorb mitgebracht und wir machten uns über die Leckereien her. Für einen Mann war er erstaunlich gut organisiert, das musste ich neidlos anerkennen. Wir unterhielten uns über den gestrigen Abend, und irgendwann fragte er nach meinen Hobbys. „Ich habe viele Hobbys. In meiner Jugend habe ich recht gut getanzt. Standard und Latein. Das waren die besten Jahre meines Lebens“, sagte ich nicht ohne Wehmut. „Weißt du, richtig zu tanzen ist wie schweben, du fühlst dich so leicht, du bist eins mit dem Rhythmus der Musik“, ich geriet ins Schwärmen, „es ist einfach himmlisch!“ Verstohlen musterte er mich.

„I can very well imagine that“, bemerkte er schmunzelnd.

„Später habe ich Tennis gespielt. Ich mag Fotografie, versuche mich in Aquarellmalerei, und ab und zu schreibe ich etwas.“ Er horchte auf.

„Was schreibst du?“

„Ich habe mal eine Kindergeschichte veröffentlicht, und hin und wieder schreibe ich einfach meine Gedanken auf. Nichts Besonderes. Es reimt sich nicht, keine Gedichte oder so.“

„Interesting, let me hear something.“ Er nahm seine Sonnenbrille ab, stützte seine Arme auf die Oberschenkel und sah mich erwartungsvoll an.

„Nein, das geht nicht, wirklich nicht. Das sind sehr persönliche Gedanken.“

Sein Blick fixierte mich und ließ mich nicht mehr los. Eine Zeit lang hielt ich ihm stand, dann musste ich lachen. „Hör auf mich so anzusehen. Bitte!“

„Ah, come on, nur kleines Stück. Irgendetwas, was du kannst sagen by heart. Nobody is here“, er breitete seine Arme aus und blickte um sich, „and the fishes are very discreet; I promise.“

Ich atmete hörbar tief aus. „Also schön“, gab ich mich geschlagen, „du gibst ja sonst doch keine Ruhe.“

In den letzten vier, fünf Jahren hatte ich auf Englisch geschrieben, keine Ahnung warum. Wenn ich es mir recht überlegte, konnten es sogar Songtexte sein, aber sie waren dilettantisch. Ich hatte keinerlei Kenntnisse darüber, wie man einen Liedtext schrieb.

Ungeduldig saß mir Leevi gegenüber. „I really listen, wirklich.“

„Ist ja schon gut, aber wehe, du lachst“, ich drohte ihm mit erhobenem Zeigefinger.

„No, no, no“, versprach er und legte dabei theatralisch drei Finger auf sein Herz.

„Es heißt Magic In You“, fing ich an. Ich sprach den Text über den See hinaus. Meine Stimme wurde immer leiser, und am Ende waren meine Worte nur noch ein Flüstern. Ich hatte irgendwohin über das Wasser geschaut und als ich jetzt zu Leevi sah … Er saß da wie versteinert, ich hatte den Eindruck, als würde er nicht einmal mehr atmen, aber nach ein paar Sekunden fragte er mit stockender Stimme: „Hast du mehr davon?“

„Ja.“

„For example?“

„Zum Beispiel Heartbeat Melody“, sagte ich. Mir war echt unbehaglich.

„Heartbeat Melody“, wiederholte er lachend meine Worte und schüttelte seinen Kopf. Er schien angestrengt über etwas nachzudenken und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Dann sprang er auf, ließ den Motor an, wendete das Boot und fuhr los. „Sorry“, rief er mir über die Schulter zu, „but I need my guitar, immediately!“

An meinem Bootssteg hielt er kurz an und ich sprang schnell von Bord. „Ich melde mich“, hörte ich ihn noch sagen, und weg war er.

Stimmte es also doch, dass alle Künstler einen an der Waffel hatten? Kopfschüttelnd, aber gleichzeitig grinsend ging ich zu meinem kleinen Häuschen.

Der restliche Tag dümpelte so vor sich hin. Ich versuchte eine Entscheidung zu treffen, was ich mit meinem Haus machen sollte, das ich von meinen Großeltern geerbt hatte. Es war viel zu groß für mich alleine. Sollte ich es behalten und die zwei unteren Wohnungen vermieten oder ganz verkaufen? Oder meine Wohnung als Eigentumswohnung behalten? Ich war unschlüssig. Kurz nach dreiundzwanzig Uhr ging ich in mein Bett und schlief auch recht schnell ein.

Von irgendeinem Geräusch wachte ich auf und lauschte erst einmal. Da war es wieder. Ein Klopfen. Es klopfte jemand an die Eingangstür! Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Mit einem Auge blinzelte ich auf die Uhr: 2:23 Uhr! Und dann hörte ich eine mir inzwischen vertraute Stimme rufen: „Mona, it’s me! Open the door.“ Wieder klopfte er. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! „Ich komme“, rief ich, so laut ich konnte, stolperte die Treppe hinunter, zog meine Strickjacke vom Haken und schlüpfte hastig hinein. Ich riss die Tür auf. „Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, fuhr ich ihn an. „Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen.“ Er beachtete mich überhaupt nicht und quetschte sich mit einer Gitarre in der Hand an mir vorbei, marschierte geradewegs in das kleine Wohnzimmer und knipste das Licht an. Ich schmiss die Tür zu und folgte ihm im Sturmschritt. „Sag mal, was soll das? Es ist mitten in der Nacht!“ Verständnislos und eine gute, eine sehr gute Erklärung erwartend, schaute ich ihn an.

„Setz dich and listen!“, sagte er nur.

Das war ja wohl der Gipfel! Trotzdem ließ ich mich in den gegenüberstehenden Sessel fallen und zog meine Beine an.

„Are you ready?“

„Mach mich nicht verrückt“, zickte ich, „nun fang schon an zu spielen oder was immer du auch vorhast, es ist halb drei Uhr morgens!“

Er fing an zu spielen, und schon bei den ersten Akkorden richteten sich meine Härchen himmelwärts. Und dann sang er noch dazu – verschiedene Passagen aus meinem Text! Alleine die Melodie war schon so unglaublich schön. Das war ein Traum, das musste einer sein, ich würde sicher gleich aufwachen. Er hörte auf zu singen, es erklangen noch ein paar Töne von der Gitarre, und dann war es still. Vermutlich blickte er mich fragend an, aber ich starrte immer noch wie gebannt auf seine Hand und seine Finger, die die Gitarrensaiten gezupft und gespielt hatten. Ich sah, wie diese Hand die Gitarre vorsichtig auf das Sofa legte. – Immer noch absolute Stille, ich weiß nicht wie lange, bis er mit fast heiserer Stimme vorsichtig fragte: „Und, was sagst du? – Do you like it?“

Irgendwie schaffte ich es, ihn anzusehen. „Das ist unglaublich. Das sind Teile von meinem Text“, brachte ich mühsam heraus.

„Yes. Als ich hörte diese lines, something exploded in meine Kopf and then this melody startet ringing in my head.“ Er sprang auf. Und als wäre es ihm plötzlich eingefallen, dass es mitten in der Nacht war, sagte er: „We talk about the details tomorrow. Ah, no, today. Later. See you later.“

Schnappte seine Gitarre, hauchte mir einen Kuss aufs Haar und verschwand eiligst. Im Hinausgehen murmelte er noch irgendetwas, das ich als: „You are so damn sweet, wenn du bist angry“ verstand.

Ich saß noch eine Ewigkeit so da und starrte auf das Sofa. Was für eine grandiose Melodie! Am Anfang ganz zart, gleichzeitig aber so ausdrucksstark und mitreißend. Und wie gefühlvoll er den Text gesungen hatte. Dabei konnte er ihn gar nicht richtig verstehen. Na ja, die Worte natürlich schon, aber die Hintergründe nicht, das, was ich wirklich damit meinte, die Doppeldeutigkeit, das war unmöglich.

* * *

Kapitel 5

Mein Herz weiß, was es will, aber ich schaffe es nicht, ihm zu folgen.

Josies Taschentuch hatte ich gewaschen, notdürftig mit meinem Reisebügeleisen geglättet und wehmütig zusammen mit einer Praline und einem Kärtchen in eine kleine Schachtel gepackt und mit einer Schleife zugebunden. Ich wollte Leevi bitten, es ihr zurückzugeben, denn morgen musste ich abreisen. Es würde mir schwerfallen, von hier wegzugehen. Zurück in mein leeres Haus, in mein wirkliches Leben.

Als Leevi bis zum frühen Abend immer noch nicht aufgetaucht war, ging ich hinüber zu seinem Sommerhaus. Es schien niemand da zu sein, aber der große Holztisch und die zwei Bänke von der Familienfeier standen noch auf der Wiese. Offensichtlich ließ er sie immer da stehen. Ich setzte mich auf meinen Platz und erlebte diesen Abend in Gedanken noch einmal. Ich sah die glücklichen Gesichter vor mir, hörte sie lachen und schwatzen. Sah Leevi mit Jaana durch das hohe Gras toben. Erinnerte mich an diese unglaubliche Warmherzigkeit, die jeder in dieser Familie ausstrahlte. Niemals würde ich so eine Familie haben wie diese. Mein ganzes Leben war so scheiße gelaufen. In diesem Moment fühlte ich mich wie der einsamste Mensch auf der ganzen Welt, und wie vor zwei Tagen stiegen mir auch jetzt wieder Tränen in die Augen, nur dass ich sie dieses Mal nicht zurückhielt.

Plötzlich spürte ich eine warme Hand auf meiner Schulter. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören. Er setzte sich wortlos neben mich und zog mich in seine Arme. „Let it out“, flüsterte er an meinem Ohr. Seine Stimme zu hören, so tief und weich zugleich, seine Wärme zu spüren, wirkte wie Balsam für meine Seele. Ich beruhigte mich.

Nach einer Weile nahm er einfach mein Gesicht in seine Hände und küsste mir die Tränen von den Wangen. Ich war überwältigt! So etwas hatte noch nie jemand für mich getan. Und obwohl ich mein ganzes Leben lang noch nicht in Ohnmacht gefallen war, war ich froh, dass ich jetzt saß, denn sonst hätten vermutlich meine Knie ihre Dienste versagt.

Was war das überhaupt mit ihm? Er hatte meine Hand in seine gelegt und streichelte meine Finger. Wie hypnotisiert starrte ich auf unsere Hände. Ich konnte erahnen, wie es sich anfühlen würde, wenn sich unsere Finger ineinander verschränkten. Einerseits sehnte ich mich danach, andererseits hatte ich Angst davor. Seine ganze Kraft und Wärme würden auf mich überspringen, und dann wäre es passiert, dann hätte er mir endgültig mein Herz gestohlen. – Nein, nie mehr! Nie mehr würde mir einer mein Herz stehlen! Es hatte schon zu oft Schaden genommen. Ganz langsam ballte sich meine Hand zur Faust und ich zog sie vorsichtig zurück.

„Ich habe deinen Ärmel ganz nassgeweint“, stellte ich sachlich fest.

Er antwortete nicht darauf, sondern fragte: „Was ist passiert?“

„Gar nichts, ich bin nur gerade im Selbstmitleid ertrunken“, sagte ich matt. „Ist schon wieder gut. Du wolltest noch irgendetwas wegen dem Song mit mir besprechen?“

„Yes. Ist okay, wenn ich nehme einfach deine Text?“

„Ja, schon. Trotzdem … verstehe mich bitte nicht falsch … es ist unglaublich schön, was du daraus gemacht hast, aber ich muss darüber nachdenken.“

„Okay“, er nickte. „There is no need to be in a hurry. – Think about it. It’s good. And in the meantime, I like to try something. Dann du kannst entscheiden.“

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte, und blickte ihn fragend an.

„There is this huge band-arrangement in meine Kopf“, erklärte er und tippte dabei mit seinem Zeigefinger an seine Schläfe. „Piano in the beginning and at the end, twenty-four person string orchestra, horns, a saxophone-solo in the middle and big guitars. Aki will play it perfect. Ah!“ Er schüttelte sich und hielt mir seinen Arm unter die Nase. Er hatte tatsächlich Gänsehaut. „It’ll blow you away!“, prophezeite er mir. Seine Begeisterung war absolut ansteckend. Ich lachte, zögerte, schob ihm dann aber trotzdem die kleine Schachtel zu.

„Gib das bitte Grandma Josie von mir und grüß sie ganz herzlich.“