Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der einfache Weg kann niemals der richtige sein. Ein nicht zu bändigendes, irisches Kind, so wild wie ihre widerspenstigen roten Locken, das ist Penelope! Als rebellische Teenagerin haut sie ab und schafft es tatsächlich von Dalkey bis nach New York. Dort reißt ihre Glückssträhne allerdings erst einmal ab. Sie braucht dringend einen Job und gerät an einen gemeinen Kerl. Als sie dann endlich ihr heißbegehrtes Stipendium an der Columbia ergattert hat, wirft sie ein tragisches Ereignis vollkommen aus der Bahn und sie droht von der Uni zu fliegen. Kurz entschlossen bricht sie mit einem Studienfreund in eine ungewisse Zukunft nach Finnland auf. Wird Penelope dort ein neues Zuhause und vielleicht noch sehr viel mehr finden?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kurzbeschreibung:
Der einfache Weg kann niemals der richtige sein.
Ein nicht zu bändigendes, irisches Kind, so wild wie ihre widerspenstigen roten Locken, das ist Penelope!
Als rebellische Teenagerin haut sie ab und schafft es tatsächlich von Dalkey bis nach New York. Dort reißt ihre Glückssträhne allerdings erst einmal ab. Sie braucht dringend einen Job und gerät an einen gemeinen Kerl. Als sie dann endlich ihr heißbegehrtes Stipendium an der Columbia ergattert hat, wirft sie ein tragisches Ereignis vollkommen aus der Bahn und sie droht von der Uni zu fliegen. Kurz entschlossen bricht sie mit einem Studienfreund in eine ungewisse Zukunft nach Finnland auf. Wird Penelope dort ein neues Zuhause und vielleicht noch sehr viel mehr finden?
Josie Kju
Penelope! – Wirbelwind mit Herz
Roman
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2018 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2018 by Josie Kju
Lektorat: Rebecca Resch
Korrektorat: Martha Wilhelm
Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München.
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-201-7
www.facebook.com/EdelElements/
www.edelelements.de/
* * *
Der einfache Weg kann niemals der richtige sein.
* * *
Kapitel 1Ich bin Penelope!
Kapitel 2Liverpool
Kapitel 3Southampton
Kapitel 4Schwein gehabt
Kapitel 5Auf hoher See
Kapitel 6New York
Kapitel 7Columbia
Kapitel 8Mastic Beach
Kapitel 9Studienjahre
Kapitel 10Wie eine Tochter
Kapitel 11Mary
Kapitel 12Zwei Heilige
Kapitel 13Finnland
Kapitel 14Lehrjahre
Kapitel 15Und irgendwann
Kapitel 16Interessante Begegnungen
Kapitel 17Heißer Feger
Kapitel 18Ermittlungen
Kapitel 19Lasset die Spiele beginnen
Kapitel 20Sturmfreie Bude
Kapitel 21Auf ganz neuen Pfaden
Kapitel 22Unverhofft kommt oft
Kapitel 23Eine Entscheidung
Kapitel 24Farbe bekennen
Kapitel 25Christmas concert
Kapitel 26Vorgeschmack auf ein Zuhause
Kapitel 27Urlaub?!
Kapitel 28Spurensuche
Kapitel 29Sorgen & Piraten
Kapitel 30Familie
Kapitel 31Ein neuer Tervo
Danksagung
Nachdem sich der Nebel aufgelöst und sich die Sonne durchgekämpft hatte, konnte man die silbernen Spinnwebfäden durch die Luft fliegen sehen.
Ein strahlend schöner Herbsttag, mit einem Himmel, so dunkelblau, wie man ihn nur zu dieser Jahreszeit erleben kann.
Ein Tag, an dem Geschichten geboren werden. Ja, genau so ein Tag ist heute. Absolut und uneingeschränkt!
16. Oktober 2016 Josie Kju
Und genau so einen goldenen Tag haben wir heute wieder. Ich schreibe die dreihundertste Seite.
15. Oktober 2017 Josie Kju
Ich bin Penelope!
Hi, ich bin Penelope! Und von Anfang an habe ich nur Ärger gemacht. Sogar schon, als ich noch im Bauch meiner Mutter war. Wenn sie schlafen wollte, habe ich ordentlich herumgezappelt und später habe ich meinen kleinen Hintern immer feste gegen ihren Magen gedrückt, sodass ihr übel wurde. Zuerst hatte ich gar keine Lust, auf diese beschissene Welt zu kommen, weil ich spürte, dass meine Mutter mich nicht wollte, aber dann habe ich es mir anders überlegt. Ich war einfach zu neugierig auf das, was man da draußen wohl alles so erleben konnte.
Jedenfalls habe ich mir mit Absicht einen richtig scheußlichen Tag ausgesucht, um auf die Welt zu kommen. Seit dem Morgengrauen fegte ein gewaltiger Atlantiksturm über das kleine irische Dorf; rüttelte an Fenstern, Türen und Dächern und in der Nacht gesellte sich auch noch ein heftiger Regen dazu. Er peitschte über die Felder und weichte die Böden auf. Jede Kreatur, die bei diesem Wetter draußen war, konnte einem nur leidtun, aber schließlich konnte man nie früh genug damit beginnen, sich für dieses sogenannte Leben zu rüsten. Meine Mutter schaffte es nicht mehr zum nächsten Krankenhaus und so kam ich zu Hause zur Welt. Sie schrie wie am Spieß. Das konnte ich auch. Sehr gut sogar!
Ich wurde Penelope genannt. Mein Name stammt aus der griechischen Mythologie, die Frau des Odysseus und die Mutter des Telemachos. Penelope ist das Musterbeispiel einer treuen Ehefrau und so weiter. Na ja, das werden wir erst einmal abwarten. Viel lieber hätte ich den Namen Amelia getragen. Wie Amelia Mary Earhart, die erste Frau, die den Atlantik überquerte. Oder Elly, wie Elly Beinhorn, der als erster Pilotin im Soloflug, also ganz alleine, die Umrundung der Erde gelang. Aber egal, hieß ich eben Penelope, ich würde sowieso in die Geschichte eingehen, egal mit welchem Namen.
Ich war klein, na und? Jeder Besucher, der kam und seinen Dickschädel in meine Wiege steckte, sagte: „Oh, die ist aber klein. Und Haare hat sie auch keine.“
Da scheiß ich doch drauf. Ich werde schon noch wachsen und meine Haare ebenso. Vor acht Monaten war ich nicht mal so groß wie eine Erbse und jetzt? Ha! Sollten sie doch reden, was sie wollten. Ich würde mein Ding schon durchziehen.
Nach zwölf Monaten auf dieser Welt wurde mein erster Geburtstag gefeiert. Kann man mal sehen, wie doof die alle sind, denn zu diesem Zeitpunkt war ich ja schon ein Jahr und achteinhalb Monate alt. Im Alter von drei Jahren gab es meine Mutter auf, meine Haare bändigen zu wollen, und von da an standen mir unbezwingbare rote Locken wild vom Kopf ab. Meinen Vater, einen Russen, bekam ich übrigens nie zu Gesicht.
Mit fünf durfte ich selbst entscheiden, was ich anziehen wollte, weil ich mich sonst keinen Zentimeter aus meinem Zimmer bewegte. Sobald ich gut genug lesen konnte, verschlang ich Bücher über Familien, die ausgewandert waren. AMERIKA! Ja, ich musste nach Amerika. In das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nach New York! Eine Weltmetropole, eine pulsierende, lärmende, niemals ruhende Stadt. Das musste Freiheit sein! Das war mein Ziel. Ich wusste nicht, wo ich hingehörte, denn hier hatte ich mich nie zu Hause gefühlt.
Mit zehn hatte ich mir schon so ziemlich jeden Knochen gebrochen, den man sich nur vorstellen kann. Meine Mutter hörte zu dem Zeitpunkt damit auf, mich vor Gefahren zu warnen. Offensichtlich hatte sie endgültig kapiert, dass ich es dann gerade erst recht ausprobierte. So blieb mir später auch das peinliche Gerede über Jungs erspart. Jungs waren sowieso das Beste auf der Welt. Mit ihnen konnte man alles anstellen und ordentlich viel Spaß haben.
Ich war ein extrem schlaues Kind. Zwei Schulklassen hatte ich bereits übersprungen. Mit zwölf besorgte ich mir meinen ersten Job und sparte eisern jeden Euro. Da mich als Babysitter keiner einstellen wollte, keine Ahnung warum, führte ich Hunde aus und half im Pferdestall. Tiere waren sowieso die besseren Menschen, ich kam prächtig mit ihnen aus. Sie waren sehr zufrieden mit mir.
Mit dreizehn machte ich eine Erfahrung, die mich für den Rest meines Lebens prägen sollte. Ich liebte Musik und wollte unbedingt Mitglied des Schulorchesters werden. Da ich noch nie zuvor ein Instrument gespielt hatte, bekam ich als Erstes eine Querflöte. Es klappte, na ja, nicht sooo gut. Meine Finger waren irgendwie zu flink. Ich hielt die Löcher nicht lange genug zu und deshalb passte das mit den Tönen, die herauskamen, nicht.
Als Nächstes wurde mir eine Geige zugeteilt. Nun, was soll ich sagen, mein Geigenspiel war nicht wirklich virtuos, es war aber vortrefflich dazu geeignet, echte körperliche Schmerzen hervorzurufen. Ich übte fleißig, jeden Tag, für mehrere Stunden. Zu Hause!
Dann bekam ich eine Trompete. Wow, ich war mächtig stolz auf mich. Scheinbar durfte ich als einziges Kind alle Musikinstrumente ausprobieren. Trompete war echt cool! Schön laut, aber aus mir unerfindlichen Gründen wurde ich nach einigen Wochen an die Pauke versetzt. Ich war immer mit voller Konzentration bei der Sache, verpasste aber trotzdem ab und zu meine Einsätze. Und obwohl ich mit so viel Begeisterung meine Pömpel (Paukenschlägel) geschwungen hatte, erklärte mir unser Musiklehrer Mr. Murphy eines Tages: „Weißt du, Penelope, du bist ein überdurchschnittlich intelligentes, hochbegabtes Mädchen, was Sprachen, Mathematik und die Naturwissenschaften angeht, aber Musik gehört nicht unbedingt zu deinen Stärken. Sei deswegen nicht traurig, man kann nicht alles können.“
Auf diese überaus freundliche Art und Weise war ich aus dem Schulorchester entlassen worden. Ich war sehr enttäuscht, schon ein wenig traurig, aber ich weinte nicht, nein, Penelope Kolesnikow weinte nicht!
Mit siebzehn legte ich ein Abi mit einem Schnitt von 1,1 hin, als Klassenbeste, wohlgemerkt.
Nach meinem achtzehnten Geburtstag gab es kein Halten mehr, ich musste einfach weg von hier, alles in Dalkey erdrückte mich, schnürte mir die Luft zum Atmen ab.
Ich hatte fleißig gespart und konnte mir eine Zugfahrt nach Dublin leisten. Von dort aus ging es mit der Fähre weiter nach Liverpool. Jede Seemeile, die die Fähre zurücklegte, ließ mich freier werden. Endlich konnte ich wieder tief durchatmen und köstlicher Sauerstoff durchströmte nicht nur meine Lungen, sondern meinen ganzen Körper.
* * *
Liverpool
Bei Liverpool denkt natürlich jeder sofort an Fußball, aber es ist eine echt tolle Stadt. Liverpool ist die Beatles-Stadt! Ja, die legendäre Geburtsstadt der Beatles! Auch deshalb ist Liverpool ein Mekka für Musikliebhaber. Es gibt sogar ein Beatles-Hotel, das Hard Days Night. Coole Idee, oder? Am besten gönnt man sich die Magical Mystery Tour, eine Rundfahrt, die durch das Leben der vier Musiker führt. Man sieht ihre Schulen und Elternhäuser, aber auch Plätze und Orte, die sie inspiriert haben, wie die Strawberry Fields und Penny Lane. Und dann natürlich das Beatles-Museum im Albert Dock. Überhaupt ist Liverpool die Hauptstadt des Pop und einfach supercool! Zudem findet man hochkarätige Galerien und Ausstellungen. Die Tate Gallery sagt sicher jedem etwas.
Nun blieben mir also fast zwei Monate Zeit in dieser sagenhaften Stadt, denn erst am vierzehnten September musste ich in Southampton sein, dann würde mein Schiff ablegen.
Also suchte ich mir zunächst eine preiswerte Unterkunft und begab mich auf Jobsuche. Ich hatte großes Glück. Es war Sommer, Hochsaison, Touristen en masse. In einem ganz tollen Coffee House konnte ich sofort anfangen. Ich arbeitete wie eine Besessene, nahm jede Schicht an und verdiente gutes Geld.
* * *
Southampton
Bereits am dreizehnten September traf ich in Southampton ein, um mein Schiff bloß nicht zu verpassen. Ich eilte die Anlegestellen entlang und tatsächlich, da war sie schon, meine Queen Rose! Oh, wow! Was für eine mächtig schöne, große weiße Lady sie war. Beeindruckend ist die Untertreibung des Jahres. Vermutlich stand ich mehrere Minuten mit offenem Mund am Pier und bestaunte sie.
Eigentlich könnte ich mich ja mal ein bisschen umsehen. Es war eine kleine Gangway heruntergelassen, über die ich bequem auf das Schiff gelangen konnte. – Gedacht, getan.
„He, Sie da! Wer sind Sie? Was haben Sie hier auf dem Schiff zu suchen?“ Eine starke Hand legte sich auf meine rechte Schulter und ich drehte mich um. Ein braun gebrannter Schnösel mit perfekter Frisur und blütenweißer Uniform, erster Offizier, erkannte ich sofort an seinen Abzeichen, musterte mich von oben bis unten.
„Ich bin … ein Passagier“, sagte ich voller Inbrunst und reckte mein Kinn nach oben.
„So, so, ein Passagier“, wiederholte der Schnösel meine Worte hochnäsig. „Na, dann zeigen Sie mir mal Ihre Bordkarte, junge Dame.“
„Die muss ich noch erwerben“, antwortete ich ihm schlagfertig. „Ich wollte mich vorher nur vergewissern, ob hier auch wirklich alles in Ordnung ist. Ich meine, schließlich möchte ich nicht in den Fluten versinken, so wie die armen Menschen, die ihr Leben damals der Titanic anvertraut haben.“
„Da kann ich Sie wirklich beruhigen“, sagte der Schnösel und grinste blöd, „Sie werden mit diesem Schiff ganz sicher nicht untergehen, weil Sie gar nicht mit uns reisen werden. Und nun fordere ich Sie auf, das Schiff zu verlassen.“
Er kam immer weiter auf mich zu, sodass ich einen Schritt zurückweichen musste. Langsam brachte er mich auf die Palme, dieses aalglatte Weichei. „Ich verlange, dass Sie mich zum Purser bringen, damit ich meine Bordkarte erstehen kann.“
Jetzt lachte er laut und seine perfekten Zähne blitzten. „Sie können hier keine Bordkarte kaufen, wir sind seit einem halben Jahr ausgebucht und das organisiert man für gewöhnlich über ein Reisebüro oder direkt über die Reederei.“
„Das mag ja sein“, entgegnete ich ihm stur, „aber da ich nun schon einmal hier bin, können wir das ja direkt erledigen.“
„Gar nichts können wir erledigen“, sagte er barsch, packte mich grob am Arm und schob mich in Richtung der kleinen Gangway.
„Auah“, rief ich laut, „Sie tun mir weh! Lassen Sie sofort meinen Arm los! Loslassen, habe ich gesagt“, zeterte ich weiter und versuchte mich aus seinem Griff zu befreien, aber es gelang mir nicht und so zog er mich hinter sich her, bis wir die Gangway erreicht hatten.
„Und nun weg mit Ihnen. Husch, husch. Und lassen Sie sich hier bloß nicht mehr blicken.“ Er ließ mich los und stieß mich von sich.
„Ich will den Kapitän sprechen!“, brüllte ich. „Wo ist der Kapitän!“ Ich rieb meinen schmerzenden Arm. Dieser Lackaffe hatte mir wirklich wehgetan. Jetzt trat er ganz dicht an mich heran. Mit einem Schnapp hätte ich ihm in seine Nase beißen können.
„Wenn Sie jetzt nicht schleunigst von hier verschwinden“, brüllte er mich an, „vergesse ich mich.“
Es schien mir vernünftiger, freiwillig zu gehen, vorerst jedenfalls, und so warf ich ihm noch einen vernichtenden Blick zu und trottete diese kleine, wackelige Gangway hinunter. Kaum, dass ich wieder festen Boden unter meinen Füßen spürte, wurde diese eingeholt und es gab keine Verbindung mehr zu dem Schiff.
Scheiße! Was sollte ich jetzt machen? Wo sollte ich hin? Zuerst ging ich rund dreißig Meter weiter zu einer Bank, stellte meinen Rucksack ab, setzte mich hin und starrte das Schiff an. Welche Möglichkeiten gab es, doch noch an Bord zu gelangen? Ich musste mit der Queen Rose nach New York, unbedingt! Das war mein großer Traum und ich wollte genau diese Route fahren, mit diesem Schiff. Ich könnte versuchen anzuheuern. Mein Geld hätte für die Überfahrt als Passagier ohnehin nicht gereicht. Aber wo? Ich musste ein paar Leute fragen, irgendjemand musste das doch wissen. Also hob ich meinen Rucksack wieder auf meine Schultern und lief zurück in die Stadt. Mindestens fünfundzwanzig Leute sprach ich an, aber keiner konnte mir weiterhelfen. Ich erfuhr nur, dass sich der Hauptsitz der Reederei in London befand. Ich konnte doch jetzt nicht nach London fahren! Mein Geld war genau eingeteilt und auch zeitlich war das nicht zu schaffen. Also gönnte ich mir ein verzweifeltes kleines Mittagessen und schlenderte zurück in Richtung Hafen. Meine Bank war noch frei und so bezog ich Stellung. So schnell würde ich nicht aufgeben! Irgendwann würden die Passagiere eintreffen und dann mussten sie die Gangway herunterlassen. Ich würde mein Glück auf jeden Fall noch einmal versuchen. Bestimmt stünden dann auch freundlichere Besatzungsmitglieder für den Empfang der Gäste bereit. Im Laufe des Nachmittags sah ich meinen Schnösel noch drei-, viermal an Deck umhergehen. Er schaute immer genau in meine Richtung. Sehr gut, sollte er mich nur im Auge behalten, das tat ich auch.
Als die Abenddämmerung hereinbrach, kam eine ganz besondere Stimmung auf. Einzelne Lichter waren auf der Queen Rose zu erkennen und mit einem Mal wirkte sie richtig geheimnisvoll. Da es noch angenehm warm und von Regen weit und breit nichts zu sehen war, entschied ich mich dazu, auch die Nacht auf der Bank zu verbringen. Ich rollte meinen Schlafsack aus, packte meinen Rucksack unter meinen Kopf und machte es mir bequem.
Am frühen Morgen weckte mich ein kratzendes Geräusch. Ich hatte nicht wirklich fest geschlafen, nur ein bisschen herumgedöst, und öffnete sogleich neugierig meine Augen. Ah, die kleine Gangway wurde wieder heruntergelassen. Ich blieb liegen, beobachtete mit zusammengekniffenen Augen aber ganz genau, was passierte. Aus einem vorgefahrenen Taxi stieg ein Herr mittleren Alters aus und wandte sich zusammen mit dem Fahrer dem Kofferraum zu. In dieser Sekunde kamen Mr. Schnösel und drei weitere Männer, offensichtlich Matrosen, die Treppe herunter, um den Ankömmling zu begrüßen. Vielleicht war das der Kapitän? Ja, ganz bestimmt war er das. Er musste natürlich vor den Gästen eintreffen. Jeder der Männer griff sich ein Gepäckstück und so gingen sie gemeinsam auf das Schiff. Zu meiner Verwunderung blieb die kleine Gangway unten. Keine halbe Stunde später fuhren mehrere LKWs vor, von denen sofort Sachen abgeladen wurden. Es schienen Lebensmittel zu sein. Ich konnte Obst- und Gemüsekisten ausmachen. Unzählige, riesige Säcke und auch andere große Kisten wurden auf Sackkarren in das Innere des Schiffes geschafft. Mein Magen knurrte und ich hatte Durst. Ich musste dringend zur Toilette und eine Dusche wäre herrlich, aber daran war jetzt nicht zu denken. Ob ich meinen Aussichtspunkt für eine halbe Stunde verlassen konnte, um mir ein Frühstück zu gönnen? Ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass es erst kurz nach sieben war. So früh würden sicher keine Gäste eintreffen, also packte ich meine Sachen zusammen und marschierte zu einem kleinen Bäckerladen, den ich gestern entdeckt hatte.
*
Nach einer guten Stunde war ich wieder da und bezog erneut Stellung auf meiner Bank. Ich hatte mich bestens mit Essen und Getränken vorsorgt und würde hier nicht mehr weggehen, bis ich einen Platz auf dem Schiff ergattert hatte. Gegen elf Uhr wurde es geschäftig auf dem Schiff. Unzählige Besatzungsmitglieder konnte man herumflitzen sehen und die große Gangway wurde für die Passagiere heruntergelassen. Fünf Matrosen tauchten auf, die das Geländer polierten und die Stufen noch einmal säuberten. Um zwölf Uhr wurde ein runder Tisch heruntergetragen und am Pier ein großer weißer Sonnenschirm mit der Aufschrift „Queen Rose“ aufgestellt. Eine Weile später erschienen zwei Stewards und eine Stewardess, die sich an dem Tisch positionierten und offensichtlich Unterlagen durchsahen. Plötzlich ging es Schlag auf Schlag. Ein Bus fuhr vor und ungefähr dreißig Leute stiegen aus. Mindestens fünfzehn weitere Stewards eilten herbei, um sich um das Gepäck zu kümmern. Alle Gäste wurden mit einem Handschlag von der Stewardess begrüßt und ganz bestimmt auf das Herzlichste willkommen geheißen. So hatte ich mir meine Ankunft auf der Queen Rose auch vorgestellt. Es folgten, fast im Minutentakt, Taxen und weitere Busse. Ein unsagbares Gewusel entstand. Ich spielte mit dem Gedanken, mich einfach unter die Menge zu mischen und so unbemerkt mit an Bord zu gelangen. Aber wie sollte es dann weitergehen? Ich könnte mich zum Beispiel im Maschinenraum verstecken und in den Lager- und Kühlräumen würde ich schon etwas zu essen und zu trinken finden. Aber wollte ich das? Nein! Ich wollte reisen wie ein Mensch, nicht wie eine Ratte. Und ich wollte mich nicht sieben Tage lang verstecken.
Erst am späten Nachmittag lichtete sich das Menschengewusel vor dem Schiff. Ich packte allen Mut und meine Sachen zusammen und schritt auf das Empfangskomitee zu. Die Stewardess lächelte mich schon an und als ich vor ihr stand, streckte sie mir ihre Hand entgegen. „Herzlich willkommen auf der Queen Rose. Ich bin Catherine, die Chefstewardess.“
„Sehr erfreut“, sagte ich und ergriff ihre Hand. „Ich bin Penelope.“
„Hatten Sie eine angenehme Anreise?“
„Ja, danke, ich bin seit gestern schon hier.“
Während unserer kurzen Unterhaltung blätterte einer der Stewards heftig in seinen Unterlagen und flüsterte Catherine gerade etwas ins Ohr.
„Entschuldigen Sie, Penelope, dürfte ich nach Ihrem Nachnamen fragen? Wir können Sie leider nicht auf der Passagierliste finden.“
„Das ist richtig“, sagte ich, „Sie werden mich auf der Liste nicht finden, weil ich mein Ticket noch kaufen muss.“
Catherine nickte nur und verhielt sich total souverän. „Ah, verstehe, aber ich fürchte, wir können Ihnen keine freie Kabine anbieten.“
„Wenn das so ist, kann ich auch anheuern. Vielleicht brauchen Sie Unterstützung? Ich kann alles. Waschen, putzen, spülen. Es gibt doch bestimmt massenweise schmutziges Geschirr auf diesem Schiff. Ich kann auch Kinder betreuen oder Hunde ausführen.“
„Tiere sind auf dem Schiff nicht gestattet“, sagte Catherine und lächelte mich milde an.
„Ach so, ja, ich kann auch Senioren unterhalten. Ich spiele ausgezeichnet Karten, ich könnte ihnen vorlesen oder mit ihnen über Deck spazieren gehen.“
„Es ist ganz rührend von Ihnen, wie Sie sich um das Wohl unserer Passagiere sorgen, aber auch die Crew ist vollzählig angetreten und ich kann Ihnen versichern, dass wir an alles gedacht haben. Von der Kinderanimation bis hin zu Gentlemen Hosts für die allein reisenden Damen.“
Puh, so langsam gingen mir die Argumente aus. „Und es gibt keine allein reisenden Herren? Ich tanze sehr gut.“
„Nein. Es tut mir wirklich sehr leid, Penelope, aber wir haben keinen Job für Sie.“
„Okay“, gab ich mich geschlagen. „Das Schiff legt um zweiundzwanzig Uhr ab. Habe ich recht?“
„Ja, das stimmt.“
„Bis dahin finden Sie mich gleich hier drüben auf der Bank. Und ich bitte Sie, sollte noch irgendein Passagier absagen oder ein Crewmitglied krank werden, winken Sie mir zu und ich bin sofort zur Stelle.“
„Das mach ich, ganz bestimmt“, sagte Catherine und gab mir noch einmal die Hand. Ich räumte den Platz, damit die anderen Passagiere, die sich inzwischen hinter mir eingereiht hatten, einchecken konnten. Ziemlich geknickt trottete ich zu meiner Bank zurück und überlegte nun ernsthaft, welche andere Möglichkeit ich nutzen konnte, um auf dem Seeweg nach New York zu gelangen. – Frachtschiffe! Genau, Southampton hatte schließlich den zweitgrößten Containerhafen Großbritanniens. Nun entsprach es zwar nicht gerade meinen Träumen, zwischen Bananenkisten und anderem Zeug nach New York zu reisen, aber ab und zu musste man eben Kompromisse eingehen.
Gegen achtzehn Uhr schienen alle Gäste an Bord zu sein, denn Catherine und die zwei Stewards verzogen sich. Auch der Sonnenschirm und der Tisch wurden weggeräumt. Langsam wurde ich unruhig und hungrig, ich kramte nach einem Brötchen in meinem Rucksack und begann gedankenverloren, den Blick fest auf das Schiff gerichtet, daran herumzuknabbern. Doch dann der Schock! Kurz vor halb sieben wurde die große Gangway eingeholt. Alarmiert sprang ich auf. „Nein, oh nein!“, rief ich laut. „Nehmt mich doch mit! Bitte! Bitte nehmt mich doch mit!“ Augenblicklich kämpfte ich mit den Tränen, was sonst gar nicht meine Art war, aber ich sank erschöpft auf meine Bank und weinte bitterlich. Auf einem so großen Schiff musste es doch irgendwo ein Plätzchen für eine so kleine Person wie mich geben. Als ich wieder aufblickte, sah ich, dass mein Brötchen zu Boden gefallen war und sich gerade eine freche Möwe daran zu schaffen machte. „Lass es dir schmecken“, murmelte ich matt, zog meine Beine an, legte mein Kinn auf die Knie und beobachtete weiter mein Schiff. Sollte ich mir das wirklich antun und zusehen, wie mein Schiff ohne mich ablegte? „Reiß dich zusammen, Penelope Kolesnikow“, schimpfte ich mit mir selbst. „Aufgeben ist keine Option!“ Es waren noch über drei Stunden Zeit bis zum Auslaufen, bis dahin konnte schließlich noch viel passieren.
* * *
Schwein gehabt
;-)
Gegen halb zehn kam ein Matrose die kleine Gangway heruntergerannt und eilte auf mich zu. „Sind Sie Penelope?“
„Ja.“
„Kommen Sie. Schnell!“
Er schnappte sich meinen Rucksack und eilte zum Schiff zurück, ohne auf mich zu warten. Ich schnurstracks im gestreckten Schweinsgalopp hinter ihm her, so schnell mich meine eingeschlafenen Beine tragen konnten.
„Der Chief will Sie sprechen“, erklärte er mir im Laufschritt. Wir hetzten endlose Flure entlang, bis er vor einer Tür mit der Aufschrift „Chief Purser – Leitender Zahlmeister“ stehen blieb. Er klopfte, wartete auf das „Herein“ und öffnete die Tür. Mein Blick fiel auf einen grimmig dreinblickenden, älteren Herrn mit grauem Bart und grauen Haaren. Aber Gott sei Dank saß da auch schon Catherine auf einem der Besucherstühle. Sie stand auf, um mich zu begrüßen.
„Schön, Sie wiederzusehen, Penelope. Darf ich Ihnen Herrn Weiß vorstellen? Er ist unser Chief Purser. Chief, das ist Frau …“
„Kolesnikow“, schaltete ich sofort und reichte Herrn Weiß die Hand. „Penelope Kolesnikow. Sie können aber gerne Penelope zu mir sagen.“ Er hatte sich von seinem Platz erhoben und schüttelte mir die Hand.
„Sehr erfreut“, brummelte er. „Bitte, nehmen Sie doch Platz.“ Ich setzte mich neben Catherine. Der Matrose stellte meinen Rucksack in die Ecke und verdrückte sich.
„Nun, Frau Kolesnikow“, ergriff Herr Weiß das Wort, „unsere Chefstewardess hier hat mir von Ihnen berichtet und so wie es aussieht, sind wir in der glücklichen Lage, Ihren Wünschen entsprechen zu können. Ein Ehepaar aus Hamburg kann aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen und nun haben wir eine Doppelkabine frei.“
„Wirklich? Oh, das ist ja ganz wunderbar!“, rief ich voller Begeisterung.
„Der Preis beläuft sich auf 6.520,– Euro. Wie möchten Sie zahlen? Bar, mit Karte oder Reiseschecks?“
„6.520,– Euro?“ Ich fiel fast in Ohnmacht vor Schreck.
„Ja, das ist der normale Preis für eine Doppelkabine auf dem Sonnendeck.“
Ach du dicke Sch…! Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum. „Hören Sie“, sagte ich dann forsch, „ich kann Ihnen 1.000,– Euro bezahlen. Mehr ist nicht drin.“
„1.000,– Euro? Sie machen Witze, junge Frau.“
„Nehmen Sie die 1.000,– Euro oder lassen Sie es und Ihre Kabine bleibt leer.“
„Catherine“, wandte er sich nun an die arme Stewardess, „was haben Sie uns da nur wieder eingebrockt? Wie soll das gehen? Wie stellen Sie sich das vor?“
„Aber Chief, ich habe es Ihnen doch schon erklärt, die Kabine bleibt leer bis New York. Auch in Frankreich liegen keine weiteren Anfragen vor. Wir werden dort morgen nur die Passagiere an Bord nehmen, die uns gemeldet sind, und 1.000,– Euro sind immerhin besser als gar nichts.“
Der Chief schnaufte hörbar laut und tief.
„Aber diese Frau verursacht ja auch Kosten. Sie muss essen und trinken, sie verbraucht Wasser und Strom.“
„Ich kann für meine Unkosten arbeiten“, sagte ich schnell. „Ich kann alles und werde niemals krank.“
„Also schön, da wir gleich ablegen und eine Entscheidung getroffen werden muss, tue ich das. Sie“, er deutete auf Catherine, „kümmern sich um sie und sagen ihr, was sie tun kann. Und Sie“, jetzt deutete er auf mich, „werden mit der Mannschaft essen und sich möglichst unauffällig verhalten und auf keinen Fall mit den anderen Passagieren über unser Arrangement sprechen. Schließlich haben wir einen Ruf zu wahren.“
„Natürlich, selbstverständlich“, stammelte ich schnell und Catherine nickte eifrig.
„Könnte ich jetzt das Geld haben“, sagte der Chief.
„Sicher.“ Ich ging zu meinem Rucksack, griff in die Seitentasche, in der ich das Geld deponiert hatte, und legte ihm einen Berg von zerknüllten Geldscheinen auf seinen Schreibtisch. „Hier, bitte schön. Sie können gerne nachzählen.“
„Was ich auch tun werde“, meinte er und fing an die Scheine zu glätten. Ich glaubte, so etwas wie ein leichtes Schmunzeln auf seinem Gesicht gesehen zu haben, bevor er konzentriert anfing zu zählen.
„Genau 1.000,– Euro. Ich stelle Ihnen noch eine Quittung aus. Und dann muss ich schleunigst an Deck, wir legen gleich ab. Catherine, Sie kümmern sich um die Details.“ Er legte mir die Quittung hin, schloss mein Geld ein, stand auf und verließ eiligst sein Büro. Catherine sprach in ihr Funkgerät. Kurz darauf tauchte ein netter Blondschopf im Türrahmen auf. Catherine stellte uns vor.
„Das ist Peter Joung, Ihr Kabinenstewart. Peter, das ist Frau Kolesnikow. Ihr neuer Gast von 254.“
Peter verbeugte sich tief. „Freut mich sehr. Sollten Sie irgendwelche Wünsche haben, bitte zögern Sie nicht, mich zu rufen. Aber jetzt bringe ich Sie erst einmal zu Ihrer Kabine.“ Er griff sich meinen Rucksack. Bevor ich das Büro des Chiefs verließ, wandte ich mich noch einmal Catherine zu. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken kann.“
„Keine Ursache. Ich melde mich morgen früh bei Ihnen und dann besprechen wir alles Weitere.“
„Sehr gerne.“
Dann stiefelte ich hinter Peter her. Als ich alleine in meiner Kabine war, ließ ich mich mit einem lauten Freudenschrei auf das Bett fallen. Ich hatte es geschafft! Und jetzt würde dieses herrliche Schiff für die nächsten sieben Tage mein Zuhause sein!
* * *
Auf hoher See
Nach einer ausgiebigen Dusche zog ich mir frische Kleider an und streifte mit großen Augen durch die Gänge des Schiffs. Alles war so furchtbar aufregend! Irgendwann gelangte ich in eine kleine Shoppingmall. Unfassbar, was es hier alles gab! Ein Geschäft reihte sich an das andere. Ein Laden mit Abendkleidern und Smokings. Daneben ein Schuhladen. Oh, ich liebte ausgefallene Schuhe und hatte gleich ein paar Stiefeletten in Dunkelrot ins Auge gefasst. In dieser Beziehung war ich halt doch ein Mädchen. Dann ein Dessousgeschäft. Gütiger Himmel! So ein paar Zentimeter Spitze sollten 98,– Euro kosten? Wenn ein grobschlächtiger Kerl das mit seinen Pranken anpackte, wäre es in Nullkommanichts zerrissen. Ich kicherte leise vor mich hin und ging weiter. Oh, ein Juwelier! Die glitzernden Auslagen faszinierten mich. Natürlich gab es keine Preisschilder. Die Sachen mussten ein Vermögen kosten. Ganz hinten links lag ein Anhänger mit einem großen blauen Stein in Herzform. Sofort erinnerte ich mich an das Collier, das Rose auf der Titanic aus dem Safe ihres reichen Verlobten genommen hatte. Ich war so tief in meine Gedanken versunken, dass ich versehentlich mit meiner Nase an die Glasscheibe stieß und sich nun ein hässlicher Fettfleck abzeichnete. „Scheiße.“ Schnell zuckte ich zurück und versuchte, das Missgeschick mit meinem Finger wegzuwischen, aber dadurch wurde es nur noch schlimmer. „Du bist ein echter Trampel“, schimpfte ich mit mir selbst. In diesem Moment kam ein junger Mann aus dem Geschäft.
„Guten Abend“, strahlte er mich an und nickte mir höflich zu, „kann ich Ihnen weiterhelfen?“
„Mir? Nein“, ich schüttelte zur Unterstreichung meiner Worte den Kopf. „Aber dieser Scheibe hier“, sagte ich und deutete auf meinen Nasenfettfleck. „Sie haben einen Fleck auf der Scheibe.“
„Oh, das tut mir leid, das ist natürlich ein grober Verstoß gegen die Bestimmungen an Bord. Ich werde ihn sofort entfernen.“
Er eilte in das Geschäft und kam mit einer Sprühflasche und einem Tuch zurück, um meinen Nasenfleck zu entfernen.
„Besser so?“, fragte er, legte den Kopf schief und kontrollierte sein Putzergebnis auch noch einmal von der anderen Seite.
„Ja“, sagte ich, „perfekt“, und schlenderte grinsend weiter. Plötzlich beschlich mich ein komisches Gefühl. Ich ging drei Schritte zurück und blickte den Flur zu meiner rechten Seite hinunter. – Nichts. Hatte mir wohl nur eingebildet, die Silhouette von Mr. Schnösel gesehen zu haben.
Ich hatte einen Bärenhunger! Nachdem ich mich die letzten Tage nur von Brötchen, Wasser und gelegentlich einem Becher Kaffee ernährt hatte, hing mir der Magen in den Kniekehlen. Das Dinner war sicher schon vorbei und in meinem Aufzug (Jeans und T-Shirt) hätten sie mich bestimmt auch nicht in den Speisesaal gelassen. Also setzte ich mit knurrendem Magen meine Erkundungstour fort und das Glück war mir hold. Ich fand ein kleines Restaurant, ein Steakhouse. „Danke, lieber Gott“, sagte ich laut, schlug die Hände zusammen und warf einen Blick nach oben. Ein saftiges Steak mit Pommes und dazu ein großes kühles Bier. Sofort rann mir das Wasser im Mund zusammen. Ich betrat das Restaurant, ohne zu zögern. Die Tische waren nur knapp zur Hälfte besetzt, alles Pärchen. Ich suchte mir einen kleinen Ecktisch aus und bestellte mir, was Herz und Magen begehrten.
*
Ich war so aufgedreht, dass ich überhaupt keine Müdigkeit verspürte. Das Ablegemanöver hatte ich verpasst, aber das war nicht so schlimm. Jetzt hielten wir Kurs auf Cherbourg. In Frankreich würden morgen noch weitere Passagiere zusteigen und dann folgten die Tage auf See. Ich konnte mein Glück noch gar nicht fassen. In sieben Tagen würde ich die Skyline von New York sehen.
In der Nacht hatte ich mein „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür gehängt und so schlief ich tief und fest bis zehn Uhr am Morgen. Ich schaute durch das Fenster, es war wirklich groß, nicht nur so ein rundes Bullauge, und stellte fest, dass wir bereits in Cherbourg angelegt hatten.
Ich machte mich rasch fertig und weil Catherine noch nicht aufgetaucht war, begab ich mich auf die Suche. Gerade in den nächsten Gang abgebogen, lief mir Peter über den Weg.
„Hallo, einen schönen guten Morgen wünsche ich Ihnen, Frau Kolesnikow. Hatten Sie eine angenehme Nacht?“
„Peter“, sagte ich und lächelte ihm zu, „ich habe sehr gut geschlafen, wenn Sie das meinen. Aber wollen wir nicht Du sagen? Ich bin Penelope.“
„Oh, es ist uns nicht gestattet, Gäste zu duzen“, flüsterte er.
