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"Herzvirus" ist die Geschichte der Autorin, die mit über dreißig Jahren Abstand nochmals einen Annäherungsversuch an diese prägende Kindheitserfahrung und ihre damals entschwundene Mutter wagt. In erschütternden, aber feinfühlig erzählten Erinnerungsbildern entwickelt sich das Drama des Lebens einer ungewöhnlichen Frau. Sie lebt mit ihren Fantasien an den Rändern der Wirklichkeit, ängstlich beobachtet und bewundert von ihrer Tochter. Sie wächst mit einer Mutter auf, die vieles auf ihre ganz eigene Weise tut, Konventionen missachtet, in Büchern, Musik und Filmen lebt, aber in zwanghaften Gedanken Briefkästen sprengt oder andere Menschen zu vergiften meint – bis zu dem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2016
Bettina Spoerri
Herzvirus
Roman
Bettina Spoerri
Der Verlag bedankt sich für die Unterstützung bei der Fachstelle Kultur Kanton Zürich sowie bei der Stadt Zürich Kultur.
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1. Auflage 2016
© 2016 by Braumüller GmbH
Servitengasse 5, A-1090 Wien
www.braumueller.at
Coverfoto: © Bettina Spoerri
Lektorat: Angelika Klammer
ISBN Printausgabe: 978-3-99200-154-5
ISBN E-Book: 978-3-99200-155-2
Für Marianne
Maloja
Premium Bananas Chiquita
Herzvirus
Teil 1
Invasionen
Pyromanen
Kochen und stärken
Hanti-Tanti
Unentschuldigt
Entwickeln – stoppen – fixieren
Nur vier Kilometer
Handgelenk-mal-Pi
Keine Rose ohne Dornen
Zora und Pippi
Loch im Kopf
Wer keinen Kopf hat
Der Stachel der Bienen
Mutabor
Betreten verboten
Roter Stier
Easy Rider
Elektroschocks
Soft Ice
Fremde Familie
Auf der Treppe
Ein Zimmer für sie
Keine Zukunft
Synchronizität
Teil 2
Algorithmische Figuren
Überhitzung
Weiße Zettel
Annäherungsversuche I
Annäherungsversuche II
Annäherungsversuche III
Vorvergangenheit
Hyazinthen, Rhododendren
Mein Dank geht an …
Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!
Astrid Lindgren, Pippi Langstrumpf
Starry, starry nightPaint your palette blue and grayLook out on a summer’s dayWith eyes that know the darkness in my soul
Don McLean, Vincent
Ich sing für die Verrückten, die seitlich UmgeknicktenDie eines Tags nach vorne fallen und unbemerkt von allenSich aus der Schöpfung schleichen, weil Trost und Kraft nicht reichen
Hanns Dieter Hüsch, Ich sing für die Verrückten
Sie geht von Raum zu Raum, schaltet die Deckenlampen an. Licht, grelles Licht gegen die nautische Dämmerung. Schatten in feste Formen scheuchen.
Ein kratzendes Geräusch. Ihr Feuerzeug gibt glühwürmchenhelle Funken von sich. Sie hält die erste Zigarette des Tages im Mund, schiebt die zitternde Flamme auf das dünne Papier zu und beobachtet, die Kuppen von Zeigefinger und Mittelfinger an ihren Lippen, wie es von der Glut verschlungen wird. Die Asche glüht im Rhythmus ihres Einatmens auf. Ganz langsam frisst sich der Hitzering knisternd in die Richtung ihres Mundes, lässt einen entstellten, trübgrauen Wurm hinter sich zurück.
Das Wasser im Kocher brodelt und dampft. Sie schüttet es in das braune Pulver im Porzellanfilter über der Kanne und sieht, während sie ein tiefgefrorenes Brötchen in den Ofen schiebt, ihre Silhouette im Spiegelkabinett des glänzenden Chromstahls: eine schiefe, sich sprunghaft ausdehnende und zusammenziehende Zylinderform. Der Krater wächst mit sinkendem Flüssigkeitsspiegel immer weiter in die Tiefe, und sie wundert sich einmal mehr, warum der Kaffeesatz entlang der Filterwand eine aufgeraute Tapete hinterlässt, während zuunterst im Trichter eine kleine, mit feinstem Sand gefüllte Manege zum Vorschein kommt. Aber deren Oberfläche ist auch diesmal nur beinahe makellos; ein Teil des glatten Ovalsist von einem weißlichen Film überzogen: ein Überbleibsel der letzten auf dem Festland verendeten Wasserblase.
Sie lässt die Schultern fallen, holt das gebräunte Aufbackbrötchen aus dem Ofen, ein Naturjoghurt aus dem Kühlschrank, löffelt den Becher hastig leer, bestreicht die Brötchenhälften mit wenig Butter und Erdbeerkonfitüre, trinkt vier, fünf, sechs, sieben Tassen Kaffee. Dazwischen drückt sie Kapseln und Tabletten durch dünne Aluminiumfolien, das Knistern und das Schlucken, sie braucht kaum mehr mit dem Kopf nach hinten zu zucken. Sie mag die bleierne Müdigkeit nicht, die sie überfällt, wenn die Pillen zu wirken beginnen, Koffein und Nikotin sind ihr Gegengift. Ihr Blick geht zur Decke, zum Tisch, zum Boden, zur Decke. Da. Ein schwarzer Punkt, der sich bewegt. Sie wischt sich die Augen. Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ’ne kleine Wanze – hört sie singen, kein fröhlicher Ringelreigen, nein, ein höhnisches Karussell, das sich immer schneller dreht, seht euch nur die Wanze an, wie die Wanze tanzen kann … Mit jeder Strophe verschwindet die Wanze um einen Buchstaben mehr, bis von ihr nur noch ein Schweigen übrig ist. Bann und abergläubische Beschwörung. Eine Lücke im Liedtext, die Kinder beim Singen kaum einhalten können, sie pressen fest die Lippen aufeinander und prusten dann doch los, wieder verschwatzt sich eines, begeistert vom Schwung der Melodie. Sie hatte immer Angst, in das Schweigen hineinzuplatzen, sich zu verplappern, dass die anderen ihre Ungeschicklichkeit erkennen und sie auslachen würden, sie schlug sich die Finger auf den Mund. Auf der Mauer, auf der Lauer muss man sein. Sonst tanzen die Wanzen. Überall sind sie, kommen immer wieder. Sieh dir nur die Wanze an, wie sie munter tanzen kann, rundherum und drum herum, eins und zwei, drei und vier, sitzen s’ auf’m Karussell, drehn sich um und um –. Die Wanzen wegzaubern, für immer, sie Stück um Stück verschwinden lassen, die Buchstaben wegwischen, Wanze, Wanz, Wan, Wa, W – auflösen sollen sie sich, ich vernichte sie.
Sie holt die Schachtel mit dem Insektengift, streut es noch einmal in alle Ritzen und Ecken der Wohnung. Das weiße Pulver mit stechendem Geruch steigt in die Luft. Sie greift nach ihrer Brust, in der das Herz wieder aus dem Takt gekommen ist. Sie nähert sich einem Fenster, öffnet es, atmet tief ein. Sie geht wieder von Raum zu Raum, öffnet alle Türen und Fenster. Das Herz stolpert von Schlag zu Schlag. Sie nimmt den Telefonhörer vom Apparat, das A ist immer noch da, ich werde eingestellt, denkt sie, der Dauerton kriecht in ihren Kopf. Dann bricht er plötzlich ab; A-A-A-A-, ein harter, atemloser Rhythmus, unbarmherzige Nadelstiche ins Trommelfell.
Sie lässt den Hörer sinken, geht in die Küche, unschlüssig, suchend, was noch einmal wollte sie … Wieder das Ziehen in der linken Brust, heftiger als je zuvor. Schwarz vor den Augen, der dichte, schwere Vorhang nimmt ihr den Atem, sie greift ins Leere, fällt rückwärts, fällt, ohne sich aufzufangen.
Sie fällt, und ich sehe sie fallen, kann sie nicht halten, jetzt nicht und damals nicht, sie fällt, erstaunt, verwirrt, vielleicht bereits während des Fallens bewusstlos, ich hoffe es. In meiner Vorstellung sehe ich sie immer fallen und ich muss ohnmächtig zusehen; ihr Körper stürzt im Gegenuhrzeigersinn durch die Zeit. Ein Fall, der das Karussell gewaltsam stoppt, sein Dach, die Figuren, die Drehscheibe, der Motor, alles wird durch die Luft geschleudert.
Ich kann die Explosion nicht wie in einem Film rückwärtslaufen lassen, aber verlangsamen und die herumfliegenden Teile beobachten. Was vergangen ist, ist versehrt. Mir bleiben Wrackteile. Erinnerungsinseln. Strandgut. Momentaufnahmen. Sie sind Mosaiksteine, die ich zusammensetze, um die Welt auferstehen zu lassen, in der ich gelebt habe, eine Welt voller Wundertiere und Monster, voller scheinbar unvereinbarer Widersprüche: ein bunter, üppig bewachsener und zugleich farbloser, durch Vergiftung und Brandrodung unbewohnbar gewordener Planet.
4:3, ein körniges, leicht unscharfes Bild, Handkamera. Ein langsamer, wackliger Schwenk über heugrüne Oberengadiner Bergwaldwiesenlandschaft, die immer wieder für Sekunden in Rot getaucht ist, dann gelbstichig aufleuchtet. Zwei junge Frauen werden im flackernden Viereck sichtbar, sie nähern sich auf einem hellen, staubigen Spazierweg. Als sie die auf sie gerichtete Kamera bemerken, lächeln sie und winken. Der starke Wind verfängt sich in ihren Röcken, zerrt an den Haaren, die aus den hellen Tüchern wehen, die sie sich um ihre Köpfe gebunden haben. Als die Kamera Mutters Gesicht in den Fokus nimmt, streicht sie sich eine lose Strähne hinter das Ohr zurück und sagt etwas, ihr weicher Mund eine flüchtige Lippenpantomime. Das Spiel von Licht auf ihren Wangen und Schatten über ihren Augen. Mutter in Maloja 1963, ein Familienausflug an den Silsersee, ein Wochenende oder auch ein paar Tage mehr mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und den jungen Ehemännern. Eine gewisse Leichtigkeit hat die kleine Gesellschaft ergriffen, die Ahnung wilden Berglebens. Man bewegt sich ungestümer, fast übermütig, reißt Löwenzahn aus, bläht die Backen auf und pustet die Samen, als bliese man Kerzen auf dem Geburtstagskuchen aus, in alle Richtungen. Sich wie Schirmflieger treiben lassen. Beschleunigung der Fortpflanzung. Noch wissen Mutter und Vater nicht, dass neun Monate später ihr erstes Kind geboren wird, mein ältester Bruder. Pusteblume.
Vater ist im Bildgeflimmer nicht zu sehen; er nimmt schon seit einiger Zeit die Rolle des Familienfilmers ein. So ist er dabei und muss doch nie ganz dabei sein. Er dokumentiert das Leben der andern – bis er, wenige Jahre später, die junge Familie verlassen wird. Von diesem Moment an wird es keine Normal-8-Filme mehr geben, die das Leben unserer Familie begleiten, nur noch Fotografien. Hier aber hält er die Kamera, bringt die anderen in fröhliche oder auch peinlich berührte Verlegenheit, weil sie es nicht gewohnt sind, gefilmt zu werden. Nur einmal taucht er in all den Filmen aus den Bergen, dem Tessin oder Italien auf, nur knappe drei Sekunden; jemand scheint sich in Maloja seiner Kamera bemächtigt zu haben und nimmt ihn ins Visier, vielleicht der kecke Schwager, vielleicht Mutter, die im Scherz den Spieß umdreht. Vater lacht, will sich aber nicht filmen lassen, einer abwehrenden Handbewegung folgen zwei eilige Schritte nach links, Bühnenabtritt hinter einen dunklen Busch. Hier bleibt er stehen, bis der Kameradieb aufgibt. Black.
Vater hat seine Kamera wieder in Händen. Er filmt langsam die Umgebung ab: die Dorfstraße, auf der ein Renault Dauphine gemächlich dahinschwebt, den Eingang des Sporthotels, ein langsamer Schwenk nach oben zu einem Balkon, wo die Kamera kurz stehen bleibt – „hier wohnen wir“ –, sein Blick streift sodann die zum Trocknen aufgehängte Wäsche vor dem Nachbarhaus, beobachtet einige Sekunden das Schweben der weißen Leintücher im sanften Wind, wandert weiter, einer Hausfassade entlang, weist mit einem Zoom auf die kulturell wertvollen Engadiner Hausgraffiti hin. Dann sind die Familienmitglieder an der Reihe: Die korpulente Schwiegermutter pflückt gerade eine Blüte von einem Busch. Als sie sich umdreht und vom Kameraauge ertappt sieht, macht sie mit ihren polierten Stadtschuhen einen überraschten Schritt rückwärts und stolpert, fängt sich gerade noch. Der schneidige Schwager mit dünnstieliger Pfeife im rechten Mundwinkel erklimmt, von bang blickender Ehefrau beobachtet, ein Mäuerchen und schießt Panoramafotos vom illustren Tal. Doch keine Unheil ankündigenden Wolken sind zu sehen, kein Anzeichen einer Maloja-Schlange, die sich den Pass herunterschleicht und Verfinsterung und schlechtes Wetter bringt. Die zweite junge Frau rückt ins Bild, unsere Mutter, die ich so jung nur auf Normal-8-Film gebannt kennenlernen kann. Sie wäscht sich am Steinbrunnen die Hände, scheu posierend für die Aufnahme, sie fühlt sich unwohl in ihrer Haut, trotzdem hält sie hin. Sie löst langsam das Tuch um ihr Haar. Da verrutscht die Kamera, einen Moment lang ist nur Mutters Mund zu sehen, ein zufriedener liegender Viertelmond, die Kamera konzentriert sich ganz darauf, ein gedankenverlorener Moment in all der Aufgeräumtheit. Dann wird die Kamera wieder angehoben, die Cadrage neu eingestellt, aber Mutter hat sich das Tuch bereits wieder fester um ihren Kopf gebunden. Ihre Frisur bleibt ein Geheimnis. Ich stelle mir einen Beehive vor, in den ich als Kind immer greifen wollte, diesen sorgfältigen, in vielen konzentrierten Minuten gewundenen Turm aus feinen braunen Haaren ohne Anfang und Ende, ein Gewusel von Zärtlichkeit und Geborgenheit.
In Maloja Dorf nimmt Mutter die Sonnenbrille ab, bevor sie der Kamera zunickt, sie blinzelt in die Sonne, ein verschämter Augenaufschlag, der auch Vater gilt. Die späteren Filmaufnahmen aber zeigen sie stets mit dunkler Brille. Sie trägt sie nun auch an Herbst- und Wintertagen, ihren schmalen Kopf neigt sie nicht mehr anschmiegsam seitwärts. Die zwei gewölbten, blickdichten Gläser betonen das Erstarrte, Maskenartige ihres Gesichts. Sie steht neben der Eisenleiter, auf der sich meine in Pullover und Wollmützen verpackten Brüder hochmühen, um auf der anderen Seite die Rampe hinunterzurutschen, wieder und wieder. Mutter steht wie eine Statistin neben den Sprossen, ein Gegenpol zu der kletternden, krabbelnden Emsigkeit, von der sie umkreist wird, dem Tanz von Hautflüglern nicht unähnlich. Auf den Steinplatten vor dem Haus wagen die beiden die ersten Schritte unter ihrer Obhut, schwanken ihr entgegen, fallen auf die Patschhände, untersuchen die Rillen zwischen den Steinplatten, bevor Mutter ihnen unter die Arme greift und für den nächsten Versuch aufrichtet. Doch während sie ihren Kindern das Gehen beibringt, verliert sie selbst immer mehr den Boden unter ihren Füßen.
Meine Brüder am Strand von Ascona, nun vier und fünf Jahre alt, Sandburgen bauend oder mit orangenen Plastikflügelchen an den Armen im Wasser. In einer anderen Filmsequenz stehen sie, beide in quer weiß-schwarz gestreifte T-Shirts gekleidet wie Zwillinge, auf einer Brücke am Vena-Kanal in Chioggia. Sie machen große Augen inmitten des Treibens auf dem Fischmarkt. Es folgt der Barbiere-Besuch im Doppelpack, der blonde und der braune Schopf werden identisch getrimmt auf Flattop, die Kinder, deren rundes Kinn in der gewölbten Handfläche der Mutter liegt, sind dem Weinen nah, doch dann gibt es Schleckeis und einen Ritt auf mechanischen Pferdchen, auf und ab, einmal synchron, dann wieder in verschobenem Rhythmus, auf und ab, die Haare wachsen bald schon wieder nach. Der letzte der Filme ist jener, in dem ich plötzlich da bin. Als müsste man einfach mit den Fingern schnippen, und ich existiere. Die Kamera senkt sich auf meine Augenhöhe herab, ich sitze, in gestricktes Weiß gemummt, im Laufgitter und betrachte neugierig, was sich mir da gegenüber bewegt. Dann strecke ich meine Hände zwischen den Holzstäben hindurch, greife nach der Kamera. Nach mehreren erfolglosen Versuchen verzieht sich mein Gesicht, ich beginne lautlos zu schreien. Black.
Die Kartonkiste, in der sich auch diese Filme befinden, überspielt auf eine VHS-Kassette, ist von einer hellgrauen Staubschicht bedeckt. PREMIUM BANANAS Chiquita, eine mehr beige- als weiß-blau-gelbe Schachtel mit kleinen runden Löchern in den Seitenwänden. Nachdem in ihr verpackt war, was ich aus Mutters Wohnung mitgenommen hatte, öffnete ich sie nicht mehr. Und in diesem geschlossenen Zustand wäre sie auch auf den Estrich an meinem neuen Wohnort gestellt worden, hätte ich mir nicht vorgenommen, alle Kisten vor dem Umzug wenigstens einmal kurz durchzusehen. Ich werde unwiderstehlich müde, kaum habe ich mit dem Aufräumen begonnen. Die Hefte aus der Schulzeit – will ich sie behalten, warum? –, die Mappe aus dem Zeichenunterricht, Ordner und schriftliche Arbeiten aus der Studienzeit, ein alter Mantel, ein kleiner Teppich, ausrangiert, aber noch nicht entsorgt, weil ich mich nicht endgültig davon habe trennen können. Das schlechte Gewissen gegenüber dem Abgelegten, Vergessenen, Vernachlässigten. Stapelweise Vergangenheit. Der trockene Geruch des Estrichs setzt sich auf meinem Gaumen fest, ich stoße eine Dachluke auf, ein Lichtstrahl fällt in das Staubgewirbel um mich herum. Ich halte mich an einem der tiefen Querbalken fest, ein Splitter bleibt in meiner Handfläche hängen.
Ich trage mehrere der Kisten nach unten in die Wohnung. Mutters Kiste – das ist sie für mich, obwohl ich sie eingeräumt habe – erkenne ich erst, als ich bereits den Deckel abgezogen habe. Ich atme tief ein, halte die Luft an und beginne die oberste Schicht abzutragen: Hefte, lose Blätter, schmale Ordner. Ich fahre zusammen. Der Flügel eines Vogels ragt mir entgegen. Spitz aufgerichtet, wie ein erstarrter Schrei. Ein toter Vogel in einer verschlossenen Kiste, wie kann das sein? Ich hätte doch gesehen und gehört, wenn sich damals, als ich die Kiste füllte, ein Vogel darin verirrt hätte. Ich nähere mich langsam der Spalte, die sein Grab geworden ist. Da liegt sein schlanker, grauer Körper auf dem Boden der Kiste wie eine Mumie, wenn nur der steil gereckte Flügel nicht wäre, der von seinem Todeskampf zeugt. Als ich die Papierberge um ihn herum weiter abtrage, sehe ich, woher er gekommen ist: Durch eine dieser sauber ausgestanzten Luken. Ein Luftloch für grün verpackte Bananen, ihren natürlichen Reifeprozess einberechnend früh gepflückt, wurde ihm zur Falle. Er war gefangen, die Flanken eingeengt zwischen dem Papier auf beiden Seiten. Je mehr er sich wehrte, desto mehr verhedderte er sich mit seinen Federn. Können auch Tiere einen Herzinfarkt erleiden?
Ich greife mit einem Tuch nach dem Vogelkörper, sein Bauch fühlt sich weich und zart an und seine Füße ragen mir entgegen, ich erschrecke, als ich meine, einen Herzschlag unter meinen Fingerkuppen zu spüren, aber es ist nur das Blut, das in meinen Fingern pulsiert. Der eine Flügel bleibt steif ausgestreckt. Flügel, zum Fliegen gebaut, wurden ihm in der Kiste zwischen den Papieren zum tödlichen Verhängnis. Schnell wickle ich das Tuch ganz um das Tier und lege es in den Abfallsack. Wie sollte man tote Vögel fachgerecht entsorgen? Ich schnüre den fast leeren Sack fest zu, laufe mit ihm die Treppe hinunter und halte erst inne, als ich den Sack auf dem Boden der großen Metalltonne liegen sehe.
Der Tag, an dem wir unsere Mutter beerdigten, war ein milchgrauer Tag mit diffusem Licht. Die Vögel in den Baumkronen entlang der säuberlichen Reihen von Grabfeldern sangen nicht, als wir uns um das Loch scharten. Eine braune Vertiefung wie ein Brandmal. Ein Einschlagskrater. Wir versenkten die Urne mit der Asche unserer Mutter, dieses Gefäß für nicht mehr als fünf Liter, in dem sie nun sein sollte, ein rötlicher Tonkrug in einem mit zur Verfügung gestellten Stoffnetz, um eine sanfte Landung zu garantieren. Sektor A, Feld D, 11. Reihe links, Nummer 174, exakte Vermessung angesichts des Unvorstellbaren. Lange Reihen voller Abschiedsworte und Namen, laute Schlussakkorde in Form pompöser Grabstellen, trotzige Behauptung von Leben und Individualität vor dem Tod. Dazwischen bescheidene Steine, die den geliebten Toten demütig oder resigniert dem Unabwendbaren überantworten. Links von Mutters Grab frische Gräber wie ihres, alle markiert mit identischen, kniehohen Holzkreuzen, rechts leere Vierecke, mit nummerierten Zeigern versehen, die mich an die Steckschilder in den zum Verkauf angebotenen Pflanzentöpfen im Supermarkt erinnern, darauf die Anweisungen als Piktogramme, was man tun muss, damit sie gut gedeihen. Und nicht vorzeitig sterben.
Unsere Mutter ist vorzeitig gestorben. Sie fiel in die Dunkelheit einer Ohnmacht, aus der sie nicht mehr zurückgekommen ist. Was sah sie noch, was fühlte sie in den letzten Sekunden, als sie schwankte und stürzte? Vielleicht verlor sie doch nicht gleich das Bewusstsein. Als sie es aber verlor, führte dies dazu, dass sie starb. So legte es der Gerichtsmediziner dar, der uns in seinem funktional eingerichteten Sprechzimmer empfing. Er erklärte uns die Todesursache, in einem so nüchternen Tonfall, dass wir immerhin hoffen durften, dass er es nicht nötig hatte, uns zu schonen. Es war ein Herzvirus, erklärte er, den Fachausdruck konnte ich mir in der Aufregung nicht merken, musste ihn später nachschlagen. Ich dachte: ein Herzvirus – das passt. Ihr Herz wurde infiziert, langsam vergiftet, paralysiert, es war zu viel für sie hier.
Myokarditis. Ein Wort wie eine magische Formel, ein exotisches Rätsel. Der griechische Begriff beginnt dunkel und weich, mündet aber schnell in einen harten, abgehackten Rhythmus. Er klingt mehr nach einer Krankheit, die man eingrenzen und vielleicht erfolgreich behandeln kann. Eine Herzmuskelentzündung. Sie kann lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auslösen, muss aber nicht. Das Wort Myokarditis ist für das medizinische Phänomen zuständig, der Herzvirus aber benennt die eigentliche Ursache.
Wie ich es mir vorstelle, hat sich dieser Virus vor Langem in ihr eingenistet. Er könnte sich in ihrem Körper festgesetzt haben, als sie noch ein Kind war, vielleicht wurde sie schon mit ihm geboren. Für viele Menschen ist es normal, eine schützende Haut um sich zu haben, so eine Art psychisch aktives PVC oder Neopren; was an ihnen abprallte, drang bei meiner Mutter tief ein. Sie erschien mir stets ausgeliefert, verletzlicher als die meisten anderen Menschen, die ich kannte und kenne. Als Kind stellte ich mir vor, dass eine flauschige Decke, die ich um sie legte, das Schlimmste abhalten würde. Später waren Alu-Rettungsfolien in den Fernsehnachrichten zu sehen, wie sie Unfall- oder Erdbebenopfern umgelegt wurden, und ich dachte, dass eine solche goldsilbern glänzende Membran gerne schon früher aus dem Weltraum den Weg zurück auf die Erde hätte finden können, für Feinhaarige wie meine Mutter, auf brüchigem Grund Stehende, seitlich Umgeknickte, die eines Tags … Drei Schallplatten – eine von Hanns Dieter Hüsch, eine von Bobbie Gentry, eine von Don McLean – drehten sich in ihrem Zimmer am häufigsten im Kreis. Today Billie Joe MacAllister jumped off the Tallahatchie Bridge. Heute drehen sich die Fetzen ihrer Songs in meiner Erinnerung, kratzen die Rillen wieder auf. I’m all tied up on the inside, no one knows quite what I’ve got, and I know that on the outside, what I used to be, I’m not – anymore.
Die Zeilen der Lieder, die sie liebte, die Geschichten der Bücher und Filme, mit denen sie lebte: Sie sind Vektoren ihrer Art, in der Welt zu stehen, Echo banger Ahnungen, geheimnisvolle Zeichen auf Wegweisern, die ich immer wieder zu entschlüsseln versucht habe, auch jetzt wieder, da ich mich schreibend dem Leben mit ihr annähere und die Geschichten und Figuren aufscheuche, die mir beistanden; sie sind zu den Türhaltern meiner eigenen Welt geworden. Can you remember who I was? Can you still feel it? Can you find my pain? Can you heal it?
Wenn das Auto eine Sekunde früher oder später vorbeigefahren wäre, wenn sie eine Sekunde früher oder später aufgebrochen wäre, wenn … Ein Freund, dessen Mutter von einem Lastwagen überfahren wurde, als er noch ein Kind war, haderte mit dem Zufall. Er zeichnete die beiden Bewegungslinien mit den Fingern auf die Tischfläche, siehst du, so … – bis der eine Finger, der einen Bogen beschrieb, mit dem anderen, der in höherem Tempo am anderen Ende gestartet war, zusammentraf. Die Koinzidenz mehrerer Bedingungen bewirkte, dass der Tod hinterrücks zuschlug; seine Mutter ahnte nichts, und wäre sie etwas schneller oder langsamer unterwegs gewesen oder der Lastwagen, wäre der Chauffeur nicht für den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam, müde, abgelenkt gewesen, würde sie noch leben.
Im Falle unserer Mutter war es indes kein Blitz aus wolkenlosem Himmel, sondern eine leider unausweichliche Konsequenz. Die Entfaltung und Mutation früher Ideen. Das Ende einer Geschichte mit langem Crescendo.
Mutter bestand aus heftigen Widersprüchen. Sie war lebhaft und zugleich sehr fragil, willensstark und zutiefst verunsichert, stets in Auflehnung gegen jedwelche Autoritäten, aber auch voller Ängste. Sie hat sich ein Leben lang entschuldigt.
Mutters Lieblingsfarbe war Bordeaux, eine intensive warme, dunkle Farbe auf der Palette zwischen Blau und, viel näher, Rot, untrennbar mit dem erdigen Geruch eines guten Weins verbunden. Doch die Ruhe und Ausgeglichenheit, die Bordeauxrot ausstrahlt, war wohl mehr Fluchtpunkt ihrer Sehnsucht, ein Zustand, den sie selten erlebt hat. In der Erinnerung an sie gibt es keinen Alltag, sondern Bilder, die in Explosionen münden: Schwelbrände, subkutane Entladungen, stoßwellenartige Intrusionen, Vulkanausbrüche, Sprengdetonationen.
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ´ne kleine –
Der alte teigfarbene Spannteppich, die Fusseln, die sich aus dem Gewebe gelöst haben, verwandeln sich eines Tages plötzlich in Würmer, eklige Würmer, über die ich mit meinen nackten Füßen gehen müsste. Die wenigen Meter vor meiner Zimmertüre ein Meer von sich langsam windenden, wirbellosen Lebewesen. Da steht Mutter hinter mir, ich habe sie nicht kommen hören: Was ist mit dir?, fragt sie. Ich zeige ihr die Würmer, doch sie sieht sie nicht.
Das sind die Fusseln, die du siehst, die Fusseln des Teppichs, meint sie, doch ich schüttle heftig den Kopf, warum will sie denn nicht sehen? Sie senkt ihre Hand zu dem Meer hinab, und das verwandelt sich zögerlich in einen alten Teppich zurück, über den ich unbeschadet gehen kann.
Rote Punkte übersäen die Unterschenkel meines Bruders, wir alle kratzen an beißenden Stichwunden. Mutter bringt dem Arzt ein zugeklebtes Plastikschächtelchen – jenes, in dem sonst die Stecknadeln mit den farbigen Köpfen kreuz und quer übereinanderliegen, auch eine Rasselkiste mit besonderem, hellem Klang, wie ich als kleines Kind entdeckte.
Der Arzt, erzählt sie uns, musste nur einen kurzen Blick auf das winzige bräunliche Tier mit den kräftigen Hinterbeinen in seinem durchsichtigen Gefängnis werfen. Ein Floh: Öffnen Sie dieses Schächtelchen auf keinen Fall!
Jedes Mal, wenn sie uns die Szene erzählt, lachen wir über den ängstlichen Arzt. Wir stellen uns vor, wie der Mann im weißen Kittel einen Schritt zurück macht und seine Hände schützend vor sich ausstreckt, Mutter winkt mit dem Stecknadelschächtelchen und sagt: Keine Angst, haben Sie keine Angst!
Doch dann kommen die Männer mit den Atemmasken und den Kanistern auf ihren Rücken, wie die Astronauten auf dem Mond. Sie räuchern unsere Wohnung aus, die noch lange stickig riecht.
Ich habe mir immer wieder vorgestellt, wie Mutter den Scotch-Klebestreifen vom Schächtelchen reißt und es öffnet. Bald sehen die Körper der Praxis-Belegschaft aus wie die Beine meines Bruders.
Ein stechender Schmerz, als ich an einem Spätsommertag barfuß die Treppe hochrenne. Eine Biene hängt an ihrem Stachel im weichsten Teil meiner Fußsohle.
Mutter bringt Desinfektionsmittel, nimmt den reglosen Körper der Biene ab und zieht den Stachel langsam aus der Wunde, legt ihn auf den Fenstersims. Er ist nur leicht gekrümmt und endet in einer runden Verdickung.
Schau, das ist ihre Giftblase, sagt Mutter.
Bin ich jetzt vergiftet?, frage ich.
Da müssten dich viele Bienen gleichzeitig stechen.
Was aber, wenn bei mir doch ein Stich reicht?
Jetzt, sagt Mutter, ist sie tot. Sie wollte sich gegen dich verteidigen. Doch wenn sie zusticht, verliert sie den Stachel und muss sterben.
Ich mache mir Vorwürfe. Wäre ich beim Treppensteigen vorsichtiger gewesen, hätte sich die Biene rechtzeitig in Sicherheit bringen können und mich nicht aus Notwehr stechen müssen.
Eine Biene sticht meinen Bruder in den Hals und dieser schwillt innert Minuten so stark an, dass Simon zu ersticken droht und ins Krankenhaus gefahren werden muss. Und das war nur eine einzige Biene. Simon zeigt mir den medikamentenschachtelgroßen, mit einem dicken roten Gummiband zusammengehaltenen Impfkasten, den er von nun an immer bei sich haben muss. Ich sehe die Spritze mit der langen, dünnen Nadel und kann mir nicht vorstellen, wie er sie sich selbst in die Haut schiebt. Ich glaube, er weiß es auch nicht, doch er grinst, weil es ihn freut, dass er mich erschrecken kann.
Wenige Wochen vor ihrem Tod zeigt mir Mutter eine rote Stichwunde an ihrem Unterarm. Was meinst du, was kann das sein?, fragt sie mich immer wieder. Sie vermutet, dass ein Floh oder eine Wanze sie gebissen hat.
Wenn das nicht abschwillt, sage ich, wenn das wächst – ja?, fragt sie und blickt mich erschreckt an –, wenn es sich entzündet, rede ich auf sie ein, zeige es dem Arzt. Aber, versuche ich noch, es könnte doch einfach ein Mückenstich sein. Vielleicht hast du zu viel gekratzt?
Zum Arzt ist sie dann nicht gegangen. Aber sie hat Insektengift gekauft. Weißes Pulver gegen die hartnäckigen, unbesiegbaren kleinen Eindringlinge. Zwei leere Schachteln fanden wir neben der Eingangstüre ihrer Wohnung.
Es ist Sommer. Vor den Fenstern hüpfen Rotkehlchen im Baum von Ast zu Ast, picken nach Insekten, schmettern ihre Rufmelodien, während meine Brüder und ich am Küchentisch sitzen und mit Kerzen spielen. Wir zünden eine nach der anderen an. Mit einer bereits brennenden Kerze erwärmen wir das untere Ende der nächsten, drücken das weiche Wachs auf den Teller.
So stehen die Kerzen von selbst, hat uns Mutter erklärt. Sie steht vor der Küchentür und raucht, mit Blick über die weite Wiese, einen Punkt am anderen Ende fixierend.
Wir stellen die Kerzen dicht nebeneinander auf die weiße Porzellanscheibe. In der Hitze krümmen sie sich und verschmelzen langsam zu einer roten Masse, immer mehr flüssiges Wachs rutscht träge über die letzten unebenen Hügel. Die Luft flimmert, die ganze Welt gerät ins Zittern, flackert, vibriert, die Hitze steigt und steigt. Als der Teller entzweibricht, schiebt die dicke Wachsschicht die Porzellanhalbmonde wie Kontinentalplatten auseinander, Lava breitet sich auf der Tischfläche aus.
Wir gießen Wasser über die Flammen. Doch sie schnappen wie die Schlangenköpfe der Hydra gierig nach der Flüssigkeit. Da sehe ich Mutter bewegungslos an der Fensterwand stehen, versunken in die Beobachtung des Feuers; ihr Haar, das sie seit einiger Zeit gelockt trägt, umzüngelt ihren Kopf wie ein Feuerkranz. Ich kann den Blick nicht von ihren glühenden Augen abwenden, übermütig zucken sie im Widerschein des Feuers.
Als uns die Flammen den Weg abzuschneiden drohen, fliehen wir aus der Küche. Draußen ist es still. Hinter den Fensterscheiben flackerndes, tanzendes Licht. Simon löst sich aus der Erstarrung, beginnt zu rennen, erreicht das Haus der Nachbarn, sie sollen die Feuerwehr anrufen. Die werden das löschen, murmelt Mutter immer wieder, sie spricht nur mit sich selbst, nicht zu uns, schließlich mit ernüchtertem Ton: die werden das löschen.
Unruhig hüpfe ich auf und nieder. Im Zimmer über der lodernden Küche liegen die Plüschtiere in meinem Bett. Zwei Bären mit abgewetztem Fell, mit denen schon die Mutter meiner Mutter gespielt hat, eine graue Maus mit großen runden Augen, ein kleiner Elefant aus flauschigem Plüsch. Und mein Hanti-Tanti. Sie alle müssen neben mir liegen, damit ich abends einschlafen kann, und ich achte immer darauf, dass keiner dem anderen die Füße ins Gesicht streckt oder sich auf andere Weise breitmacht, sodass es für die anderen nicht bequem ist. Manchmal bringe ich im Schlaf die Ordnung durcheinander und der Kopf der Maus liegt unter dem Fuß eines Bären, oder der Hanti-Tanti droht alle mit seinem Gewicht zu erdrücken, doch dann wache ich auf und schiebe im Dunkeln jeden wieder an seinen richtigen Platz.
Das Feuerwehrauto biegt in unsere Straße ein und mit ihm erscheinen die Gesichter von Nachbarn in Fenstervierecken. Zwei Männer in Schutzanzügen betreten mit Feuerlöschern unsere Wohnung.
Was haben Sie da angerichtet, fragt einer der Feuerwehrmänner, als nur noch beißender Geruch die Luft erfüllt: Die vielen Kerzen, das Wachs überall, das sieht ja wie Brandstiftung aus.
Mutter erwacht aus ihrer Versunkenheit, lacht auf: Wir haben Geburtstag gefeiert! Wir haben wohl zu viele Kerzen angezündet. Doch wir sind keine …
Sie benutzt ein Wort, das ich noch nie gehört habe und augenblicklich wieder vergesse.
Feuer, sagt der Mann, ist etwas Faszinierendes, nicht wahr? Wie aus einem Funken eine große Flamme wird, vor Leben sprüht, sich aufbäumt! Diese Kraft. Diese Farben und Formen.
Jetzt stehen Mutter und er beinahe einträchtig nebeneinander. Gut, dass sie sich nicht gerade jetzt wieder eine Zigarette anzündet. Schließlich atmet der Mann seufzend aus, stößt sich von der Wand ab und verabschiedet sich wortlos, indem er die Fingerspitzen seiner flachen Hand respektvoll an den unteren Rand seines Helms hält.
Später – wir haben die Türen rund um den schwarzen Raum geschlossen, die Fenster geöffnet – frage ich Mutter nach jenem fremden Wort.
Pyromanen, erklärt sie mir, Pyromanen sind Menschen, die das Feuer lieben.
Meine Tiere liegen unter einer feinen Staubschicht; sie sind unversehrt, doch der Rauchgeruch steckt in ihrem Stoff. Die Rotkehlchen recken ihre Hälse, plustern ihr Gefieder auf und beginnen wieder zu singen.
Erst als ich erwachsen war, erfuhr ich, dass Mutter in Gedanken Briefkästen sprengte. Sie hatte die Vorstellung, dass der Brief, den sie eben eingeworfen hatte, eine Explosion auslösen würde.
Eine Szene wie aus einem Thriller der 1940er-Jahre in Schwarz-Weiß. Eine unauffällig gekleidete Frau, die wie eine Sekretärin aussieht, geht eine einsame Nebenstraße entlang. Ihr Weg führt sie an einem Briefkasten vorbei. Sie bleibt stehen, sieht sich vorsichtig um und nimmt – Nahaufnahme ihrer schwarzen Handschuhe – einen Brief aus ihrer Handtasche, wirft ihn in den Schlitz, geht weiter. Kaum hat sie sich schnell ein paar Meter entfernt, explodiert der Briefkasten, eine Flamme sticht empor, alle Post in seinem Innern brennt nun lichterloh, nach wenigen Minuten ist der gelbe Kasten von der Hitze verbogen, von den Flammen verrußt. Doch wem galt der Anschlag? Langsamer Kameraschwenk die Straße hinauf und hinunter, eine Subjektive, als ständen wir nun mitten in der Straße, doch Ratlosigkeit. Dann die Distanznahme, eine unbewegliche Totale, die ganze Straße von oben. Jetzt, nach der auf die Explosion folgenden Stille plötzlich einsetzende Musik, aufgeregte, alarmierte Bläser wie in Gershwins Rhapsody in Blue.
Doch keiner ist während der Explosion an dem Kasten vorbeigegangen und verletzt worden. Der Briefkasten steht zu weit weg von den Häusern, als dass ihre Fassaden oder Fenstergläser in Mitleidenschaft gezogen worden wären. Ein Anschlag auf den Briefkasten, auf seinen Inhalt? Schwarzblende.
Mutter liebte Hitchcock-Filme. Sie erzählte ihre Geschichten mit einer Mischung aus Schauder und Faszination und derart anschaulich, dass ich die Szenen miterlebte, als säße ich im Kino vor der Leinwand. Eine Leiche, die immer wieder auftaucht, so oft man sie auch wieder begräbt. Ein Nachbar, der seine Frau ermordet und zerstückelt in Koffern aus der Wohnung schafft. Ein einsames Haus, eine tödliche Dusche, und Vögel, immer mehr Vögel, die Menschen wie Flugzeugschwadronen attackieren. Die Frau, die von ihrem Mann und dessen Mutter langsam vergiftet wird. Der Junge, der ein Paket transportiert, ohne zu ahnen, dass dieses eine Bombe birgt; er versäumt die Zeit und das Paket explodiert, während er im Bus sitzt und mit einem Hundebaby spielt. Ein Treppenhaus, das sich zusammenzieht und ausdehnt zugleich, mit schwindelerregendem Effekt, eine Frau, die sie selbst ist und doch nicht, sich vom Kirchturm stürzt und noch einmal auftaucht.
Mutter kauft frische Orangen. Immer gleich fünf Kilo schleppt sie die Treppen zu unserer Wohnung hoch. Vor dem Abendessen presst sie schnell ein paar davon aus, und kaum hat sie den Saft in Gläser gegossen, beginnt sie uns auch schon zu drängen: Trinkt! Wenn ihr ihn zu lange stehen lasst, sind keine Vitamine mehr drin. Die Vitamine sollen uns helfen, Invasionen welcher Art auch immer standzuhalten.
Wäsche muss gekocht werden, Krankheitserreger sind überall und dürfen nicht überleben. Unser Waschmittel besteht aus groben weißen Körnern, die Mutter mit einem umfunktionierten Joghurtbecher aus der Kartonschachtel schöpft.
