Beschreibung

Longlist - nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 Die alte Bibel ihrer Familie an der Schwarzmeerküste ist das Einzige, was den Geschwistern Anahid und Hrant auf ihrer Flucht bleibt. Doch in den Wirren von Mord und Vertreibung des 20. Jahrhunderts geht das Buch verloren. Hundert Jahre später ist die Restauratorin Helen in Armenien. Ihr wird ein Heilevangeliar anvertraut. »Hrant will nicht aufwachen«, hat jemand an den Seitenrand gekritzelt. Helen taucht ein in die Rätsel des alten Buches, in das moderne Jerewan, verliebt sich in einen Mann und folgt schließlich den Zeichen der Vergangenheit auf eine Reise an die Schwarzmeerküste.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 288


Katerina Poladjan

Hier sind Löwen

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Hic et NuncIstanbulSeestück mit AraratMatenadaranPurpurJazzHingabe und VerschwendungSaraLevonDas Innere einer WalnussGedenktScherben und StimmenUnter dem AprikosenbaumFluchtDreizehn ernste GesichterFieberKaffeesatz und GoldstaubArevGenesungAm Teich von SiloahIm SchreinLange NachtKönig und EselUnleserlich, vermutlich KyrillischAbendgebetUnkalkulierbare FarbmischungStiere und SoldatenWüstentöchterWeissOrduKarsErzähl mir von Zu hauseAraikDas MeerDankՇնորհակալութիւններ

Hic et Nunc

Ich schalte das Deckenlicht ein. Auf mehreren Tischen liegen Papierstapel und Pergamentrollen ausgebreitet. Ich rieche Erde, Ei und Pilz, Holzstaub und altes Tier. Mein Atem streift den Einband, mein Atem ist zu warm, zu warm auch meine Haut. Ich arbeite ohne Handschuhe, halte inne. Die Seiten des Buches sind aus ihrer schützenden Hülle gelöst und säuberlich zu Stößen gestapelt. Vor langer Zeit steckte dieses Buch vielleicht unter dem Kissen eines Kranken, und am nächsten Morgen wartete man bang auf sein Erwachen, auf den hellen Augenaufschlag der beginnenden Genesung. Vielleicht waren die Bäume schon kahl, vielleicht hatte die Kuh kein Futter, vielleicht war der vertraute Berg verschoben. Siebzehntausend Handschriften und Bücher werden in den Kellern und Kammern des Archivs verwahrt, Karten, Folianten, Stiche in Regalen, Schubladen und Panzerschränken, und immer deutlicher höre ich im Rauschen der Lüftungsanlage das Raunen ihrer Worte und Stimmen.

Istanbul

Im Bus von einem Flughafen zum anderen, draußen ein Durcheinander von Taxis und Menschen, ich war wieder in Istanbul.

Fünf Nadeln, fünf Seidenfäden, zwei schwarze,

zwei rote, ein weißer.

An jeder Haltestelle wurde das Gedränge dichter. Ich hatte einen Platz, träumte ein wenig, nicht richtig. Eine junge Mutter setzte mir ihr Kind auf den Schoß, sie tat es schweigend und selbstverständlich. Das Kind saß ganz still, drehte sich nur einmal zu mir um und sah mich an. Es geht gar nicht vorwärts, sagte ich. Das Kind lachte, mein Türkisch klang holzig nach all den Jahren.

Den roten Faden in die Öse, den weißen gleich

hinterher, festziehen.

Am Taksim-Platz musste ich umsteigen. Ich hatte noch etwas Zeit und setzte mich in die Empfangshalle des Marmara-Hotels. Ich bestellte Tee und rief Tarık an. Bei Tarık und seiner Mutter habe ich vor zehn Jahren während meines Semesters in Istanbul gewohnt. Damals hatte ich gerade mein Studium der Kunstgeschichte abgeschlossen, ein paar Semester Orientalistik angehängt und mein Geist war theoriemüde. Ich sehnte mich nach konkreter Materie und bewarb mich um ein Praktikum in den Werkstätten der Süleymaniye-Bibliothek. Ich bekam eine Einführung in die Restaurierung alter Handschriften, und zum ersten Mal hielt ich Bücher aus dem zehnten Jahrhundert in den Händen. Zurück in Deutschland gab ich mein Promotionsvorhaben auf und ging bei einem Buchbinder in die Lehre.

Weiß, rot, weiß, der schwarze Faden darunter,

Knoten für Knoten, festziehen, fester.

Tarık schien über meinen Anruf kaum überrascht. Vor zehn Jahren hatte er mir die Stadt gezeigt, einmal ein Gewölbe in den Grundmauern eines byzantinischen Palastes, wo Getränkekisten, Turnschuhe und Fritteusen lagerten, ein andermal hatte er in einem Hinterhof eine rostige Bodenklappe geöffnet, und wir waren vorbei an Müll und verwesenden Ratten viele Stufen hinabgestiegen. In der Dunkelheit zwischen den Säulen einer antiken Zisterne hatte Tarık über die Wasserversorgung doziert, die in dieser Stadt schon immer eine Herausforderung gewesen sei. Und wenn mich an einem solchen Ort plötzlich die Angst vor einem Erdbeben anfiel, das uns für immer begraben würde, blitzten seine Augen im Schein der Taschenlampe, und er flüsterte, Erdbeben – ich liebe es, wenn die Natur den Menschen in die Grenzen weist.

Tarık ist Altphilologe, bibliophil, sammelt Gemmen und setzt jeden seiner Schritte im Wissen um den Staub der Jahre und die Sedimente von Jahrtausenden unter seinen Sohlen. Denke ich an seinen Schreibtisch, sehe ich aufgeschlagen eine altgriechische Ausgabe der Ilias. Denke ich an seine Stimme, höre ich Gedichte von Goethe oder Herder, die er so flüssig zitiert wie Verse von Omar Chayyām: Wie die trunk’ne Nachtigall den Weg zum Garten fand, kam sie und sprach ganz launig in mein Ohr, begreife, dass vergang’nes Leben niemand fand. – So ungefähr.

Tarık und seine Mutter bewohnten ein traditionelles Holzhaus mit Blick auf den Bosporus. Osmanisches Holz und gute Lage halfen jedoch nicht über finanzielle Engpässe hinweg, und sie vermieteten ein schönes Zimmer im ersten Stock. Von dort führte mich mein täglicher Weg zum Fähranleger, dann weiter mit dem Schiff über die Wasserscheide zwischen Asien und Europa. Oft begleitete mich Tarık, und wenn im Frühsommer Delphine aus dem Wasser sprangen, rief er, Sie müssen singen, Helen, denn von Herodot wissen wir, dass diese Tiere dem mythischen Sänger Arion das Leben retteten, als er von geldgierigen Räubern über Bord geworfen wurde, singen Sie! Sobald wir in Eminönü an Land gingen, bot er mir ein Erfrischungstuch an, nahm selbst auch eins, reinigte sich die Hände, und wir dufteten um die Wette nach Zitrone aus Çeşme oder Lavendel aus Burdur.

Jahrelang hatte ich Tarık weder gesehen noch gesprochen, und nur selten hatten wir uns ein paar Zeilen geschrieben.

»Sie sind in Istanbul, Helen?« Tarık blieb beharrlich beim Sie, obwohl wir uns mehrmals gegenseitig das Du angeboten hatten.

»Nur auf der Durchreise. Ich will in den Osten, zunächst nach Ordu. Von dort gibt es eine Busverbindung nach Kars. Mein Flugzeug geht um vier.«

»Was wollen Sie in Anatolien? Hic sunt leones schrieb man in alter Zeit an die weißen Flecken einer Landkarte.«

»Können wir uns treffen?«

»So kurzfristig bin ich nicht abkömmlich. Aber ich könnte Sie – Ihr Einverständnis vorausgesetzt – in Ordu treffen und Sie begleiten.«

Ich schaute aus dem Fenster. Das Dezemberlicht war hart und klar. Die Stadt hatte sich verändert. Ich hatte mich verändert.

Ich fange noch mal an.

Seestück mit Ararat

Der Tag meiner Ankunft in Jerewan begann mit einer ruppigen Landung. Die Halle des Flughafens war bis auf einige Mitreisende und ein paar müde Sicherheitsleute leer, das Gepäckband erwachte aus einem tiefen Schlaf. Schon beim Öffnen der letzten Schiebetür las ich meinen Namen auf einem lässig gehaltenen Pappschild und war erleichtert, dass ich wirklich erwartet wurde.

»Helene Mazavian? Mein Name ist Levon Petrosian, willkommen in Jerewan«, sagte der Mann auf Russisch. Ihm sei aufgetragen, mich in das Apartment zu bringen, das ich in den kommenden Wochen bewohnen würde. Ich bestand jedoch darauf, direkt ins Institut zu fahren. Es regnete. Die Scheibenwischer schmierten den Oktobermorgen über die Windschutzscheibe. Mein Chauffeur war wortkarg, im Stillen dankte ich ihm dafür.

Eine steile Auf‌fahrt führte zum Matenadaran, grau und imposant lehnte das Zentralarchiv für armenische Handschriften an einer Felswand über dem Talkessel der Stadt. Hier sollte ich also in den nächsten drei Monaten arbeiten.

»Sind Sie sicher, dass Sie warten wollen? Es ist noch sehr früh, und es wird einige Zeit dauern, bis man hier öffnet.«

»Ich warte gern.«

Er schien amüsiert, zuckte die Achseln, hievte meinen Koffer auf den Vorplatz, wünschte mir eine gute Zeit. Nach wenigen Metern hielt er wieder und öffnete das Fenster.

»Wenn Sie Jazz mögen, es gibt in der Abovyanstraße eine Bar, dort spiele ich manchmal. Es ist nicht weit von Ihrer Wohnung.«

»Jazz?«

»Sie kennen sich aus?«

»Nein.«

»Sie sind trotzdem willkommen.« Er fuhr davon.

Ich sah dem Auto nach. Levon Petrosian. Ein schwacher Nebel hing über der Stadt.

Es war kalt, ich wickelte mich fester in meinen Mantel und begann, auf und ab zu gehen, schlenderte zu der Mesrop-Maschtoz-Statue auf dem Vorplatz. Dunkel und gewaltig saß der Vater des armenischen Alphabets auf seinem Postament, zu seinen Füßen kniete sein Schüler Koryun. Ich lehnte mich an seinen kalten Arm und schaute mit ihm in die strengen Züge des Meisters. Abovyanstraße würde ich mir merken können. Abovyan. Petrosian. Mazavian. Mein Nachname war plötzlich in phonetischer Gesellschaft. Bisher hatte ich ihn getragen wie ein unpassendes Kleidungsstück, wie einen verbeulten Hut, den ich auch zum Essen nicht abnahm.

 

Ich war etwa zehn Jahre alt, und alle meine Puppen hießen wie ich – Helen. Damit sich beim Spielen nicht alle gleichzeitig angesprochen fühlten, benutzte ich Variationen: Helen, Helli, Helene. Es wohnten fünf Helenes und zwei Wellensittiche bei mir. Ich lebte mit meiner Mutter Sara in einem kleinen Reihenhaus, ihr Atelier hatte sie im Keller. An einem heißen Tag kurz vor den Sommerferien war ich von der Schule nach Hause gekommen und gleich in mein Zimmer gelaufen, um nach meinen Wellensittichen zu sehen. Die Vögel lebten, aber irgendetwas fehlte. Ich sah mich um, da waren mein Bett mit der grünen Decke, die Poster an der Wand. Aber die Puppen fehlten, außerdem der Bär und mein Schwein. Ich lief die Treppen hinunter zu Saras Atelier. Im Flur roch es nach Farben und Lösungsmitteln, die Tür war verschlossen. Ich klopfte und hämmerte. Was ist denn? Mach die Tür auf! Ich hörte ihre spitzen Schritte auf dem Steinboden. Du bist schon da, ist Unterricht ausgefallen? Es ist halb zwei, ich komme jeden Tag um halb zwei! Ich drückte mich an ihr vorbei. Zuerst erkannte ich den Bären, der Kopf war nicht mehr dran, dann sah ich Teile meiner Puppen und das Schwein und einige meiner Kinderzeichnungen und Fotos auf dem Fußboden vor der Staffelei verstreut. Hier ein Arm, da ein Kopf, der Rest war auf ein großes Holzbrett geklebt und mit Farbe beschmiert, dazwischen Fotos von toten Kindern, die kannte ich schon. Tote armenische Kinder in Schwarzweiß und Sepia waren nichts Besonderes mehr, seit Jahren klebte Sara sie in ihre Bilder. Sie stand inmitten der Verwüstung und rauchte. Ich sagte nichts, und sie sagte nichts. Die gelockte Puppe hing neben dem Foto eines ausgemergelten Mädchenkörpers. Der Körper lag im Staub, und zum ersten Mal erkannte ich, dass die Fotos echte Menschen zeigten. So tot kann ein Kind nicht sein, habe ich gedacht.

 

Ich kickte Mesrop Maschtoz vors Schienbein, um das verklebte Laub unter meinen Sohlen loszuwerden, hockte mich auf meinen Koffer und schrieb Danil eine Nachricht: Bin gut gelandet.

Aus den verwaschenen Bewegungen von Autos und Passanten am unteren Ende der Auf‌fahrt löste sich eine Gestalt und nahm den Anstieg zum Matenadaran mit energischen Schritten.

»Mein Sohn hat mich angerufen, was fällt ihm ein, Sie zu dieser Stunde hier stehenzulassen? Das tut mir furchtbar leid, und ich entschuldige mich sehr. Herzlich willkommen, Helen, ich bin Evelina Stepanowna Petrosian.«

Die kleine Frau war blass vor Aufregung und Anstrengung und ließ sich auch durch meine Versicherung, ich hätte darauf bestanden, hier zu warten, nicht beruhigen. Ein Taugenichts sei ihr Sohn, wohl ein um das Land verdienter Mann, aber ein Taugenichts.

Evelina schleuste mich an der bewachten Pforte vorbei in die Werkstätten des Zentralarchivs. Dort dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Belegschaft vollständig eingetroffen war und ich endlich das Objekt in Augenschein nehmen konnte. Ein handliches Heilevangeliar also, die Heilwunder Jesu, steh auf und geh, öffne deine Augen und sieh, entstanden schätzungsweise 1710, durch möglichen Feuchtigkeitsschaden war der Buchblock wellig, die Bindung schadhaft. Ganzledereinband, vermutlich Kalbsleder, Blinddruckdekor, fünfzehn Zentimeter breit und einundzwanzig Zentimeter hoch. An den Ecken und im Kapitalbereich Fehlstellen, auf dem Vorderdeckel und dem Rückdeckel Kratz- und Abschabspuren. Reste der hinteren Buchklappe – das für armenische Handschriften charakteristische Türchen – klebten auf der Innenseite des Rückdeckels. Das Türchen war nur noch zu einem Drittel erhalten, Verschlüsse waren gar nicht mehr vorhanden. Ich wog es in den Händen, eine kleine Melone, ein mittelgroßer Stein. Ich strich über den Buchrücken, er war flach wie bei orientalischen Handschriften.

»Sie müssen müde sein von der Reise.«

»Im Gegenteil.«

Evelina schickte mich trotzdem fort, eine alte Handschrift brauche einen ausgeschlafenen Geist und ruhige Hände, also zog ich meinen Koffer über das narbige Pflaster bis vor einen vierstöckigen Plattenbau in einer Straße mit dem unaussprechlichen Namen Tpagrichner. Der Eingang befand sich im Innenhof neben einem kleinen Kinderspielplatz. Im Zwielicht des Treppenhauses fand ich in der zweiten Etage die richtige Tür. Dahinter ein Wohnzimmer mit Küchenecke, ein Schlafzimmer, ein Bad. Auf der Ablage im Flur lag eine Notiz: Welcome Helene Mazavian, enjoy your stay! Ich inspizierte die Dusche, sie konnte bunt leuchten und Musik spielen. Im Schlafzimmer stand ein großes Bett mit einem Kopfteil aus Schlangenlederimitat in blassem Rosé. Vom Bett aus sah ich den Himmel. Ich nahm die Bilder – ein Seestück und der verschneite Ararat – von den Wänden, schob sie hinter den Schrank und heftete ein Foto von Danil über das Bett. Sein vertrauter Blick, liebevoll und mit einem Hauch von Spott. Ich stellte meine Schuhe in den Flur, räumte den Schrank ein. Es gab ein Bügeleisen, aber zu wenige Kleiderbügel. Ich öffnete das Fenster und blickte hinunter in den Hof. Es roch nach Herbst. Ein Mann mit grüner Wollmütze stand bei der Wippe und telefonierte. Mit der freien Hand trommelte er auf das verrostete Stahlrohr. »Dikranian, hörst du mir zu?«, rief er ärgerlich auf Russisch.

 

Dikranian. Abovyan. Petrosian. Mazavian. Ich schloss das Fenster. Auf dem runden Holztisch im Wohnzimmer stand eine Schale mit Granatäpfeln. Rot wie das Rot in armenischen Handschriften. Rote Bäume, rote Erde, rotes Meer, Höllenrachen, Paradiesgarten, die Flüsse Kishon, Gihon, Tigris und Euphrat, das Rot, gewonnen aus der armenischen Kermeslaus, im Morgengrauen vorsichtig von einem grünen Blatt gezogen, mit Schwefelsäure ausgekocht, getrocknet, zum Farbpigment gemahlen. Keines der beiden Messer aus der Schublade in der Küche eignete sich, die Frucht zu öffnen. Ich nahm mein Skalpell, ein Schnitt, und meine Bluse war rot gesprenkelt. Gallseife, Kleiderbügel, Küchenmesser notierte ich auf einem Zettel. Dann stand ich mitten im Raum und konnte mich nicht entscheiden, wie ich mich fühlen sollte, einsam oder froh.

Ich rief Danil an, ließ es lange klingeln. Ich sah ihn sein Telefon suchen, hörte sein kleines Räuspern.

»Was macht der Kaukasus?«

»Der Kaukasus ist dunkel.«

»Wie war deine Reise?«

»In Moskau musste ich lange warten.«

»Wie ist die Wohnung?«

»Interessant.«

»Sonst?«

»Noch ich.«

»Ich küsse dich, du Kröte.«

Matenadaran

Im Morgenlicht des nächsten Tages stritten Spatzen um herumliegende Krümel, flatterten, machten ein lebhaftes trockenes Geräusch. Der Herbst, auch hier ein Vertrauter, begleitete mich auf meinem Weg zum Handschriftenarchiv.

Am Personaleingang vier Polizisten, zwei waren mit Laubfegen beschäftigt, einer las Zeitung, der vierte widmete sich meiner Ankunft. Ich reichte ihm meinen Pass.

»Mazavian?«

»Ist das ein Name, der häufig vorkommt?«

»Nein. Aber es gibt ihn. Armenierin?«

»Meine Mutter.«

»Sie sprechen kein Armenisch?«

»Ich bedaure, nein.«

»Weshalb sind Sie hier?«

»Ich bin Buchrestauratorin. Ein wissenschaftliches Austauschprogramm. Evelina Stepanowna erwartet mich.«

Der Polizist war zufrieden und wies in Richtung Aufzug. Die anderen drei sahen mir hinterher. Im Gehen knöpfte ich meinen Mantel auf. Der vorletzte Knopf hakte.

Evelina saß an ihrem Schreibtisch und beendete eine Notiz, bevor sie sich erhob und mir die Hand reichte. Sie trug ein enganliegendes Kostüm, ihr rotgewelltes Haar hatte sie kunstvoll aufgesteckt.

»Wozu brauchen Sie vier Polizisten am Eingang?«, wollte ich wissen.

»Sie sind froh, dass sie Arbeit haben. Und sicher ist sicher. Sind Sie mit Ihrem Apartment zufrieden?«

»Natürlich.«

»Haben Sie schon mit armenischen Handschriften gearbeitet, Helen?«

»Ich habe viel darüber gelesen und hatte in Istanbul mit orientalischen Handschriften zu tun.«

»Sie haben in Istanbul gearbeitet? Interessant. Hier werden Sie die armenische Bindetechnik lernen.«

»Deshalb bin ich hier.«

»Inessa wird Sie in die Geheimnisse einführen, sobald Sie so weit sind. Sie sind die dritte Restauratorin, die aus Deutschland zu uns kommt.«

»Ist das gut?«

»Natürlich ist das gut, es ist schließlich Teil der Vorwärtsbewegung.«

 

Evelina führte mich in die Werkstatt. Alle waren in ihre Arbeit versunken, einige schenkten mir ein schüchternes Lächeln, andere grüßten förmlich. Die Luftfeuchtigkeit in diesem Raum war zu hoch, das spürte ich sofort, und es war zu warm. Zwanzig Grad Celsius sind ideal, und für Menschen mit feuchten Händen ist dies der falsche Beruf. Evelina wies auf einen freien Arbeitsplatz am Fenster, das Buch lag bereit. Ich setzte mich, schob das Objekt etwas nach links, mein Etui mit dem eigenen Werkzeug legte ich nach rechts, den Behälter mit den bereitgestellten Instrumenten zog ich zu mir heran und sortierte Nützliches von Unbrauchbarem. Evelina stand noch hinter mir und nickte mir zu, »lassen Sie sich Zeit, dieses Evangeliar ist seit dreihundert Jahren in der Welt, und in den nächsten Wochen wird es Ihnen niemand wegnehmen«.

Ich holte tief Luft und schlug das Buch zum ersten Mal auf. Am Anfang ein Zyklus von ganzseitigen Darstellungen aus dem Leben Jesu. Der Stammbaum Christi, die Verkündigung Mariens, die Huldigung der drei Könige. Vorsichtig näherte sich der Erzengel von rechts, sein Kreuzstab ein dünner Strich. Maria trug ein Dreieck in der linken Hand, die Finger der rechten Hand hielt sie gespreizt. Im Zentrum der Text in zwei Kolumnen, die Tinte rot und schwarz, geschrieben in Bolorgir, nicht Erkatagir, das ab dem dreizehnten Jahrhundert zunehmend verwendet wurde. Das Schriftbild ließ in den Schwüngen die Bewegung der Hand des Schreibers erahnen. Ich notierte beginnenden Kupferfraß bei den farbigen Buchmalereien, Farben ausgeblutet, Titelarabesken und Kanontafeln teilweise stark verblasst, am Stammbaum Christi ausgeprägter inaktiver Schimmel. Ich blätterte weiter. Hier das Himmelszelt, dort eine Taube, den Schnabel senkrecht zur Erde gerichtet, der Heilige Geist im Sturzflug. Vogelmenschen, vergoldete Schmuckbuchstaben. Dann eine weibliche Gestalt in purpurnem Mantel. Das Rot ihres Mantels war gut erhalten. Plinius der Ältere berichtet in der Naturalis historia, zur Herstellung eines Gramms reinen Purpurs brauche man ungefähr zehntausend Purpurschnecken. Die Schnecken wurden zerstampft und für mehrere Tage in Salz gelegt, dann kochte man die Masse so lange mit Urin ein, bis nur noch ihr sechzehnter Teil übrig war. Erst im Licht entwickelte sich durch eine Enzymreaktion aus dem Gelb das Purpurrot. Die Gestalt schaute missmutig aus ihrem purpurnen Mantel in die Welt. Ich nannte sie Tyros.

Purpur

Es lebte ein Mann, es lebte eine Frau, es lebte ein großer, schlammfarbener Hund. Der Hund lag gern im Schatten des Hauses und beobachtete das Treiben auf der Straße, betrachtete Tyros, eine junge Nymphe, ein faules, nichtsnutziges Ding, das vor der Haustür auf den Stufen saß und Blätter kaute. Die Baumwolle ist mir zu kernig, die Arbeit zu schwer, ich trinke gern, ich esse gern, naht der Abend, will ich schon zu Bett, sang die faule Nymphe. Sie liebte einen Halbgott, der tagein, tagaus mit Heldentaten beschäftigt war, und die Nymphe war unglücklich. Als sie eines lauen Abends an der Küste des Schwarzen Meeres spazieren gingen, sagte die Nymphe zu ihrem Halbgott, siehst du diesen Hund, er folgt mir, wohin ich auch gehe. Der Halbgott legte seinen Arm um die Nymphe und betrachtete spöttisch das hässliche Tier, das in den Spalten der Klippe nach Essbarem schnüffelte. Der Hund fand eine Purpurschnecke und biss gierig hinein und seine Lefzen färbten sich mit dem sämigen Rot der Schnecke. Mit zitternder Stimme erklärte die Nymphe, mein Herakles, von solcher Schönheit ist dieses Rot, dass ich dich erst wieder lieben werde, wenn du mir ein Kleid von dieser Farbe verschaffst. Als der Sommer zu Ende ging, bekam sie, was sie gewünscht hatte, und nun stand sie da in ihrem purpurnen Gewand und war doch unglücklich, denn bei der Herstellung des Farbstoffs entsteht ein äußerst langanhaltender und unangenehm säuerlicher Geruch.

Jazz

»Gehen Sie immer so vor, Helen?«

»Nein, das kommt auf den Zustand des Buches an. Hier hat sich die Heftung schon gelöst. Ich werde den Buchblock heraustrennen müssen.«

»Und wie schätzen Sie den Zustand des Buchblocks ein?«

»Das kann ich erst nach einer vollständigen Sichtung sagen. Was meinen Sie, Evelina, hat der Mönch bei der Anfertigung der Handschrift in vollkommener Stille gearbeitet? Ich habe mich gefragt, was ihm durch den Kopf ging.«

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

»Vielleicht plagten ihn Zweifel, an einigen Stellen im Buch ändert sich die Schrift, sie wird unruhiger. Ob er in diesen Momenten hinterfragte, was er abschrieb?«

»Vielleicht war er ungeduldig wie Sie. Für die Mönche war es eine Lebensaufgabe. Jahrelang saßen sie in einer kalten Kammer bei schwachem Kerzenschein und kopierten Wort für Wort botanische Verzeichnisse, Kodizes, die Heilige Schrift.« Evelina seufzte. »Kommen Sie morgen zum Essen zu mir nach Hause, dann sprechen wir über die Gedanken der Mönche. Wir würden uns freuen, Araik und ich.«

 

Zu meiner Rechten saß ein junger Mann über ein Schälchen mit Knochenleim gebeugt. Auf seinen Unterarm war eine Billardkugel tätowiert.

»Ich bin Vardan«, stellte er sich vor. Er interessierte sich für meinen Spatel mit dem Griff aus elastischem Silikon. »Hat auch Nachteile«, sagte ich und zeigte ihm, wo sich Teile des Materials bereits ablösten. Er nickte und wandte sich wieder seinem Leim zu.

 

Auf dem Heimweg rief ich Danil an.

»Ich bin bei meiner Chefin zum Essen eingeladen.«

»Mein Chef würde mich nie zum Essen einladen.«

»Weil du dich nicht benehmen kannst, Danil.«

»Das hättest du wohl gern.«

»Glaubst du?«

»Helen?«

»Danil?«

 

Ich fand keinen Schlaf und verließ noch spät am Abend die Wohnung, stolperte über die Fußmatte vor meiner Tür. Im Treppenhaus war es still. Vor der Nachbarwohnung lagen Kinderstiefel, ich stellte sie auf. Sie waren ganz leicht.

Draußen atmete ich die Nachtluft in den verlassenen Straßen. Hinter beleuchteten Fenstern Bildschirmflimmern, Liebe, dampfende Töpfe. In einem Schaufenster schimmerten Armaturen, verstellbare Spiegel. Ich wandle durch Armenien, dachte ich.

Die Abovyanstraße war leicht zu finden und die Bar nicht zu verfehlen. Der kleine Raum war voll und so verraucht wie die Kneipen meiner Studienzeit. Eine Band spielte. Die Leute im Publikum sprachen durcheinander, dazu schrie das Saxophon, stritt mit der Posaune, das Schlagzeug wirbelte dahinter, und am Bass erkannte ich Levon. Er hielt die Augen geschlossen, Kinn und Kopf wurden vom Rhythmus geworfen und gezogen. Seine Hände waren schmal, sein Haar nicht mehr nur schwarz. Ein Blick, ich lächelte.

In einer Ecke fand ich einen freien Platz, genoss das Halbdunkel, betrachtete Gesichter und die Tafel mit dem Angebot an Getränken und wünschte, ich könnte diese strengen, schlichten Formen der armenischen Schrift lesen, wollte einfach sitzen bleiben, bis alles möglich schien, bis die Musik das Stimmengewirr einfing und verwob, sitzen bleiben, bis auch die Musik verebbte, einzelne Stimmen wieder aus ihrem Gespinst entließ in den Teil der Nacht, der für den Schlaf nicht mehr taugt. Die Musiker legten ihre Instrumente beiseite und fanden sich an der Theke. Ich folgte ihnen.

Levon drehte sich zu mir und legte den Kopf schief, als betrachtete er ein seltenes Tier.

»Helene Mazavian – ich hoffe, Sie mussten nicht allzu lange vor dem geschlossenen Matenadaran warten.«

»Mesrop Maschtoz hat mich bewacht. Und dann ist Ihre Mutter Evelina Stepanowna gekommen.«

»Sie sind immer unter Beobachtung. Und jetzt sind Sie hier, und ich kann Sie beobachten.«

»Sie beobachten mich?«

»Seit Sie hereingekommen sind, haben Sie uns geduldig zugehört.«

»Mit Geduld hat das nichts zu tun.«

»Ich nehme das als Kompliment.«

»Morgen bin ich bei Ihren Eltern zum Essen eingeladen.«

»Sind Sie gekommen, um mir das zu sagen?«

»Nein, es ging mir nur gerade durch den Kopf.«

»Gefällt es Ihnen in Armenien?«

»Ich habe noch nichts von Armenien gesehen.«

»Dann wird es Zeit.«

»Vielleicht.«

»Bestimmt. Ich muss wieder spielen.«

»Ich wollte eben gehen.«

»Kommen Sie wieder?«

»Warum nicht.«

Er strich beiläufig über meinen Mantelkragen.

Ich bezahlte und verließ eine Spur zu schnell die Bar. Auf dem Heimweg folgte mir ein Hund. Mit eingezogenem Schwanz strich er an den Hauswänden entlang. Leise und falsch pfiff ich vor mich hin, spürte ein anderes Lied in den Fußsohlen, es war schneller als meine Schritte. Irgendwann blieb der Hund unvermittelt stehen und machte kehrt.

 

Der nächste Morgen war leer. Es war Samstag, ich konnte nicht in die Werkstatt und schlief bis zum Mittag. Es ging ein heftiger Wind, ich spürte den Luftzug, er berührte mein Gesicht. Ich lauschte auf die Geräusche von Wasser in Rohren, von Türenschlagen, auf Stimmen im Treppenhaus und im Hof. In der Nachbarwohnung ging jemand auf und ab, klopfte, rief etwas, zog Schubladen auf, schob sie wieder zu. Vielleicht fehlte Zucker oder Geld. Ich betrachtete die gelb gestrichene Zimmerdecke und den Kronleuchter mit den baumelnden Glaskristallen an kurzen goldenen Armen. Ich zog die Beine an, streckte sie wieder aus, legte mich auf die Seite.

»Danil, ich werde jetzt mal aufstehen.«

»Bleib noch ein wenig liegen.«

»Meinst du?«

»Oder geh ins Museum. Besichtige Kirchen.«

»Mir wird schon etwas einfallen.«

»Du könntest duschen.«

»Die Dusche hier kann singen.«

»Um so besser. Du klingst müde.«

»Ist Müdigkeit ein Gefühl?«

»Nein. Ein Zustand. Was ist das für eine Musik?«

»Warte, ich mache sie aus.«

»Seit wann hörst du Jazz?«

»Immer schon.«

»Wirklich?«

 

Auf dem Weg zu Evelina kaufte ich Blumen, es gab nur fertig gebundene Sträuße. Außer Sichtweite der Verkäuferin warf ich den Tüll in einen Mülleimer. Bestimmt hatte sie den Zierat mit viel Mühe zwischen die Rosen geflochten. Ich war zu früh, schlenderte zwischen Schuppen und Garagen über den Hof des Häuserblocks und blieb an einem großen Taubenschlag stehen. Gurrend saßen die Vögel herum und glotzten. Der Boden war mit Bogen alter Zeitung ausgelegt, auf einem sah ich ein Foto von Charles Aznavour. Trotz des Taubendrecks war sein Gesicht gut zu erkennen. Ich erinnerte mich an den Film Schießen Sie auf den Pianisten. In einer Szene sitzt der Pianist – ein Armenier, der seine Herkunft verdrängt hat – am Bett seiner Geliebten und starrt ihr schweigend auf die Brüste. In einer anderen Szene ist der Pianist verzweifelt und brüllt sein Klavier an.

Als ich Evelinas Wohnung betrat, vertrieb sie mit einer schnellen Bewegung zum Lichtschalter das Halbdunkel aus dem Wohnzimmer. Der Tisch war schon gedeckt, vor dem Fernseher saß ein Mann sehr aufrecht im Rollstuhl. Er begrüßte mich mit einer kleinen Verbeugung. Alles an ihm war schwer, groß und warm.

»Mach den Fernseher aus, Araik.« Evelina zog mich in die Küche, gemeinsam trugen wir das Essen und eine Kanne Tee ins Wohnzimmer. Es gab Huhn in Walnusssoße, einen Salat mit Kräutern und Granatapfelkernen, der Tee war eine Mischung aus Minze und Estragon.

»Sie verwöhnen mich, es ist wunderbar, ich danke Ihnen«, sagte ich.

»Danken Sie nicht mir, danken Sie den großartigen Landschaften, die diese Dinge hervorgebracht haben«, sagte sie feierlich. »Und probieren Sie meine Boraki, gefüllt mit Lammleber, Kräutern und Aprikosen.«

»Das ist unser Kaukasus«, rief Araik. »Wussten Sie, Helen, dass Gott beim Verteilen der Erde die Armenier vergessen hat? Und als Gott seinen Irrtum bemerkte, gab er den Armeniern das Land, das er eigentlich für sich selbst vorgesehen hatte.«

»Diese Geschichte erzählen die Georgier auch, mein Lieber«, sagte Evelina.

»Die Georgier können erzählen, was sie wollen, aber hier ist das Paradies auf Erden, und das Einzige, was uns fehlt, ist ein Zugang zum Meer. Dafür sitzen wir an der Quelle des wunderbarsten Cognacs.«

Araik schenkte ein und rollte zu einer großen Vitrine, die fast die ganze Längsseite des Zimmers einnahm.

»Meine Tassen«, sagte er und bedeutete mir, näher zu treten. »Zweihundertdreiundsiebzig Tassen von 1730 bis 1930.«

Er holte ein winziges Porzellangebilde hervor, hielt es wie eine zarte Blume in den Händen. »Meißen«, sagte er, und setzte die Tasse vorsichtig auf den Tisch. Er gab mir einen Einblick in die Techniken der Porzellanfabrikation – Öfen, Scherben, Brenntemperaturen –, erzählte Geschichten zu einzelnen Tassen und den Orten ihrer Herkunft. Die zerbrechlichen chinesischen meide er, von denen fühle er sich manipuliert, sie führten ihm wie kapriziöse Damen seine Unzulänglichkeit und Grobheit vor Augen.

»Räum deine Tassen weg, Araik, wir brauchen Platz für Torte und Kaffee«, rief Evelina aus der Küche. Ich half ihm, die Kostbarkeiten wieder in die Vitrine zu stellen, jede hatte ihren festen Platz.

»Araik und ich sind bald vierzig Jahre verheiratet«, sagte Evelina und schenkte Cognac nach. »Wir haben uns in Russland kennengelernt, er war ein junger Draufgänger aus Jerewan, und ich war auch jung, keine Schönheit, die bin ich nie gewesen, aber für ihn war ich die Schönste.«

»Du warst und bist eine Schönheit.«

Für einen Moment schwiegen wir alle und aßen Schokoladentorte. Der Wandteppich über dem Sofa war von exotischen Vögeln und zornigen Affen bevölkert. Aber vielleicht täuschte ich mich auch.

»Früher bin ich in die Berge gefahren, Helen, ich blieb manchmal eine ganze Woche«, beendete Araik unser Schweigen, »ganz allein. Ich wollte niemanden dabeihaben. Wie habe ich es genossen, mich im eiskalten Bach zu waschen und im Morgengrauen meine erste Wanderung zu unternehmen. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, über so etwas wie Blutzusammensetzung nachzudenken oder über Verengung der Arterien.«

»Jetzt bist du der Prometheus des Tals, Araik«, sagte Evelina sanft.

»Ja, vielleicht. Prometheus. Jetzt bleiben mir nur Evelina und meine Tassen.«

»Zum Glück hast du viele Tassen«, lachte Evelina. »In Araiks Familie gibt es auch ein Heilevangeliar, ganz ähnlich jenem, das Sie restaurieren, Helen. Als Araik bewegungsunfähig im Krankenhaus lag, rief er mich an und schimpfte, bring mir die verdammte Bibel. Er war nie religiös, aber in seinem Elend wollte er plötzlich das alte Buch haben. Ich fuhr also zu seiner Mutter, eine Frau von damals fünfundneunzig Jahren, und fragte sie nach dem Evangeliar. Zuerst wollte sie mir das Buch nicht geben, denn ihr Sohn sei ein gottloser Türkenfreund. An einer Hand fehlten ihr zwei Finger, abgeschnitten für zwei wertlose Ringe. Dann gab sie mir das Buch. Ich bete für ihn, sagte sie.«

»Das verdammte Buch hat mir nicht geholfen«, sagte Araik.

»Gott ist gerecht«, sagte Evelina.

»Und du bist eine Vogelscheuche.« Araik nahm Evelinas Hand.

»Natürlich bin ich eine Vogelscheuche. Aber jeder Christ muss sich auf den Tod vorbereiten, und zwar durch einen rechten Lebenswandel. Der Tod ist nur die Verlängerung des irdischen Lebens, allerdings in gesteigerter Form.«

Araik zündete sich eine Zigarre an und brummte, »wenn ich an die Ödnis meines irdischen Lebens denke, frage ich mich, wie sie noch gesteigert werden kann«.

Nur kurz, nur um das Streichholz anzureißen und die Zigarre anzuzünden, ließ er Evelinas Hand los.

 

Es musste geregnet haben, die Tauben hockten aneinandergepresst in ihrem Schlag. Ich genoss den Weg durch die Dunkelheit, die das Durcheinander von Häusern, Dächern, Treppen, Denkmälern, Bildern und Sätzen des Abends zu einem silbrigen Ganzen verschmolz. Ich dachte an Araik, der mir eine Orange geschält hatte, die Schale hatte sich um seine Hand gekringelt, mundgerecht hatte er mir die Stücke gereicht, ich dachte an Evelina, die gedankenverloren ihre Lesebrille an der Tischdecke geputzt hatte.

 

»Da sind Sie ja wieder«, Levon wirkte nicht überrascht. Eher erschöpft, vielleicht gleichgültig.

»Wollen Sie spazieren gehen?«

»Ich muss noch spielen, wir haben noch gar nicht angefangen.«

»Natürlich.«

»Sie könnten auf mich warten.«

»Ja.«

»Wie war es bei meinen Eltern? Hat es Ihnen geschmeckt?«

»Ja. Ihr Vater hat mir seine Tassen gezeigt.«

»Natürlich, die Tassen.«

»Schöne Tassen.«

»Wunderschöne Tassen. Warten Sie auf mich?«

»Das wird zu spät.«

»Wie Sie möchten.« Er sah mich an und lächelte.

»Warum lachen Sie?«

»Ich lache nicht, ich lächle Sie an.« Auf dem Tresen aus Stahlrohr und Plexiglas standen Gläser im rötlichen Licht und ein Bonsai. Ich fragte mich, wie das Gewächs in dieser verrauchten Dunkelheit überleben konnte. Als ich Levon wieder ansah, lächelte er immer noch.

»Das war ein kurzer Besuch«, sagte er.

»Ja«, sagte ich.

 

Am Sonntag las ich einen Aufsatz über Einflüsse byzantinischer und westlicher Miniaturmalerei auf die eigenständige Bildsprache in armenischen Handschriften, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich dachte an Danil, an unser Abschiedsessen vor wenigen Tagen. Als die Gäste gegangen waren, hatten wir in der Küche gesessen und Reste getrunken. Schau nicht so ernst, es sind nur einige Monate. Hatte ich das gesagt oder er? Plötzlich wusste ich es nicht mehr.

»Und?«

»Ja, gut. Aufregend.«

»Wie war es bei deiner Chefin?«

»Ich mag ihren Mann Araik. Beide klammern sich an Gegenstände, sie an ihre Bücher, er an seine Tassen. Er hat eine beeindruckende Sammlung.«

»Kannst du schlafen?«

»Und du?«

»Das Bett ist kalt ohne dich.«

Danils vertraute Stimme klang angenehm nach. Ich stand auf und stellte mich vor den Spiegel, zog mein T-Shirt hoch und betrachtete meine Brüste. Dann zog ich mich an und stellte fest, dass ich keinen Schal eingepackt hatte. Ein Schal sollte meine erste Anschaffung in Armenien werden. Auch für Danil wollte ich einen Schal kaufen. Ich wusste, er würde ihn nicht tragen, er kann es nicht ausstehen, wenn ich ihm Kleidung kaufe. Schenk mir was zum Lesen oder eine Flasche Whiskey, würde er sagen. Wohin war eigentlich seine braune Lederjacke verschwunden?

Wie hatte ich mich danach gesehnt, wieder allein durch Straßen zu streifen, in Cafés zu sitzen, und immer trug ich in meiner Vorstellung ein Kleid, das ich nicht einmal besaß. Ich bewegte mich entlang der mir bekannten Straßenachsen, ging einfach geradeaus, merkte mir den Blick über eine Kreuzung, ein Plakat, die Werbung an einem vorbeifahrenden Bus. Häuser in der Farbe von Pappkartons, Wettgeschäfte, Banken, Restaurants, Filialen internationaler Modekonzerne. Mittendrin das Gebäude der Oper, majestätisch und mahnend, davor hochhackige Damen in Pelz, junge Männer, rauchend, telefonierend, in kurzen Mänteln, mit großen Plänen, alte Männer, denen die Schatten jahrelanger Arbeit um die Augen hingen. In einem Imbiss am Ende des Vernissage-Marktes bestellte ich Kaffee. Auf meine Frage nach Zucker kam die Wirtin mit der Zuckerdose an meinen Tisch und rührte mir sorgfältig einen gehäuften Löffel in die Tasse. Woher ich käme, wollte sie wissen.

»Sie kommt aus Deutschland«, verkündete sie meine Antwort laut.

»Guten Tag«, rief eine Frau aus der Küche auf Deutsch, und ein Mann, der gerade Getränkekisten hereintrug, strahlte mich an: »Wie geht’s denn so?«

»Gut, gut«, sagte ich.

Ich schlenderte über den Markt, vorbei an Ständen mit Kunsthandwerk, Hühnern und Welpen in Käfigen, Werkzeug, Schaschlik. Ich fand keinen passenden Schal, dafür aber ein scharfes Küchenmesser, Kleiderbügel und einen wildgemusterten Gebetsteppich aus Turkmenistan, den ich an die Wand in meinem Schlafzimmer nagelte.

Ich lag auf dem Bett und betrachtete die kleinteiligen Blumen und Ornamente, die zur späten Stunde ihr wunderliches Eigenleben zelebrierten. Ich hatte den Teppich so aufgehängt, dass Danil ihn von seinem Foto aus gut sehen konnte. Eine Sense oder ein Posthorn, Blattadern, Raubtiere, Weintrauben.

 

Am Montagmorgen erwachte ich viel zu früh, wartete, bis der Tag die Nacht ablöste, kochte Kaffee. Das Radio in der Dusche funktionierte, aber das Wasser blieb kalt.

 

In der Werkstatt war es warm. Die Sonne flackerte durch das morsche Laub am Baum vor dem Fenster auf meinen Arbeitstisch. Ich zog die Vorhänge zu, und das Kollegium beschwerte sich. Ich zog die Vorhänge wieder auf.

Papier, Leder, Holz – jedes Teil trug eine Ahnung des Ganzen in sich. Am Rücken war das Leder eingerissen, an einigen Stellen auch gebrochen. Darunter verbargen sich fest geflochtene, in Kerben versenkte Doppelkordeln, an die die Lagen mit Fischgrätstichen geheftet waren. Der Kaukasus war in der Antike die Grenze Europas, und der Gebrauch von Kordeln in der armenischen Bindetechnik verriet den christlich-byzantinischen Einfluss. So viel wusste