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Martin Luther King, Jr. hat sich in seinem Engagement für die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA und in seinem gewaltfreien Widerstand gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit ausdrücklich auf seinen Namenspaten bezogen. Er folgte seinem Gewissen so, wie es Martin Luther vor dem Reichstag in Worms getan hatte. Der Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit ist als wichtige Traditionslinie der Reformation über Jahrhunderte lebendig geblieben und spiegelt sich nicht zuletzt im Medium Musik wider. Das Buch spannt einen Bogen vom gesellschaftlich-emanzipatorischen Potenzial der Reformation über die revolutionäre Wirkung der Musik Johann Sebastian Bachs bis hin zur schwarzen Protestbewegung, die Jazz als bedeutenden Teil ihrer politischen Gegenbewegung begriff.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
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Michael Haspel | Peter Reif-Spirek (Hrsg.)
MARTIN LUTHER, MARTIN LUTHER KING UND DIE MUSIK
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2017 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
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Cover: Zacharias Bähring, Leipzig
Coverbild: © Wikipedia Commons, freepik.com
Satz: Konrad Triltsch GmbH, Ochsenfurt
E-Book-Umsetzung: Zeilenwert GmbH
ISBN 978-3-374-05017-8
www.eva-leipzig.de
Martin Luther hat mit der Weigerung, seine Thesen auf dem Reichstag zu Worms zu widerrufen, einen Akt des zivilen Ungehorsams geleistet, denn die individuelle Weigerung zielte auf eine gesellschaftliche Veränderung, die von einer bedeutenden Gruppe gefordert wurde. Aus Gewissensüberzeugung hat er sich gegen Kaiser und Reich, Papst und Kirche gestellt. Nur Argumenten aus der Heiligen Schrift und der Vernunft wollte er sich beugen – nicht der Macht der Obrigkeit. Damit hat er die individuelle Gewissensentscheidung als Motivation zu zivilem Ungehorsam – avant la lettre – als politisch-ethische Kategorie der Neuzeit etabliert. Mit seiner Lehre von den beiden Regimenten hat er dazu beigetragen, nicht nur weltliches und geistliches Regiment zu unterscheiden und im Laufe der Geschichte auch zunehmend zu trennen, sondern er hat damit auch zur modernen Ausdifferenzierung von Staat und Gesellschaft geistesgeschichtlich einen Beitrag geleistet. Diese Impulse der Reformation sind vielfältig wirksam geworden.
Unter anderem in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Nicht zufällig ist durch den Namen ihres bekanntesten Protagonisten Martin Luther King, Jr. der Bezug zur Reformation offensichtlich. Dabei ist besonders frappierend, dass Martin Luther King, Jr. diesen Namen gar nicht von Anfang an trug. Ursprünglich hieß er Michael. Nach einem Besuch in Berlin hat sein Vater sich selbst und seinen Sohn in Martin Luther umbenannt.
King hat darauf auch immer wieder Bezug genommen und betont, dass er zu seinen Positionen stehe, wie Martin Luther einst vor dem Reichstag. Auf der Basis der Einsicht, dass alle Menschen Gottes Ebenbilder sind und ihnen dieselbe Würde und die selben Menschenrechte zustehen, die auch von der Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert werden, hat er sich mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams, mit aktivem gewaltfreiem Widerstand gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, für Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit, nicht nur der Afroamerikaner, eingesetzt. In seiner Aktualisierung reformatorischer Impulse hat er einen wesentlichen Beitrag zu den Emanzipationsbewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geleistet. Daran kann und soll angeknüpft werden, und nach unabgegoltenen Potentialen und Aktualisierungsmöglichkeiten der Reformation für ein Engagement für Demokratie und Menschenrechte gefragt werden.
Hinzu kommt eine weitere Entsprechungsebene. Beide Emanzipationsbewegungen, die Martin Luthers und die Martin Luther Kings, nutzen den jeweils aktuellen Medienwandel, um die Anliegen ihrer Bewegung zu kommunizieren. In der Reformation war es der Buchdruck, im Civil Rights Movement das sich gerade entwickelnde Fernsehen. Darüber hinaus hat für die Wirkungsgeschichte der beiden Bewegungen die Musik eine prominente Rolle gespielt.
Für die Fortwirkung der Reformation war die Musik Johann Sebastian Bachs von eminenter Bedeutung. 200 Jahre nach Luther hat er dessen theologische Sprache musikalisch umgesetzt und zu neuer und nachhaltiger Wirkungverholfen. Insbesondere die Bedeutung des Individuums wird dabei kulturgeschichtlich betont. Dabei ist Bachs Musik in seiner Zeit avantgardistisch – in einem Maße, dass manche Musiktheoretiker ihn als ersten Jazzmusiker bezeichnen.
Die Bürgerrechtsbewegung hat im Wesentlichen zwei musikalische Kontexte, die für ihre Rezeption und Wirkung entscheidend waren. Zum einen war es die vorwiegend von Weißen produzierte und gehörte Folk-Musik der 60er und 70er Jahre. Zum anderen war die aus der Tradition der traditionellen schwarzen Musik der Spirituals und des Gospel sich entwickelnde Soul- und Jazz-Musik ein wesentlicher Teil der Kultur der schwarzen Protestbewegung, insbesondere der jüngeren Generation. In erheblichem Maße hat die musikalische Revolution den kulturellen Kontext der gesellschaftlichen Emanzipation geschaffen, die politischen Ansprüche alltagsweltlich anschlussfähig gemacht und so einen wesentlichen Beitrag zur Mobilisierung für die Emanzipationsbewegungen geleistet.
Daran anschließend war es das Ziel der Tagung »Hier stehe ich und kann nicht anders! Martin Luther, Martin Luther King und die Musik«, die vom 13. bis 15. November 2015 in Jena – veranstaltet von der Evangelischen Akademie Thüringen, der Landeszentale für politische Bildung Thüringen und der Jazzmeile Thüringen – stattfand, die gesellschaftlich-emanzipatorischen Dimensionen der Reformation und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung zu aktualisieren und nach bleibenden emanzipatorischen Potentialen für die Gegenwart zu fragen. Dabei war ein wesentlicher Aspekt, die Verwobenheit von musikalisch-kultureller und politischer Dimension zu rekonstruieren und für die Gegenwart fruchtbar zu machen, indem deutlich gemacht werden konnte, dass die jeweilige Musiktradition nicht nur schmückendes Beiwerk ist, sondern ihr musikalisch jeweils innovatives Potential zukommt, das emanzipatorisch erschlossen werden kann.
Dabei stehen Martin Luther und Martin Luther King, Jr. gleichsam als Ikonen für die Gewissensbegründung religiös motivierten politischen Engagements. Für beide ist das biblische Zeugnis grundlegend für ihre Gewissensentscheidung. Ihr Engagement steht im Kontext gesellschaftlichen Medienwandels. Die musikalische Dimension eröffnet eine weitere kulturell-mediale Perspektive.
In besonderer Weise sollte es dabei um die Begründung und Ausgestaltung zivilgesellschaftlicher Verantwortung und zivilgesellschaftlichen Engagements für Menschenrechte und Demokratie gehen, das auch zivilen Ungehorsam einschließt. Deshalb fand die Tagung in Jena statt. Jena war schon in der DDR ein Zentrum der Bürgerbewegung und des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Aktuell gibt es eine Tradition zivilen Ungehorsams gegen Demokratiefeindlichkeit und Rassismus, der auch von christlichen Gruppen mitgetragen wird. Dies bietet eine besondere Chance zur Aktualisierung der reformatorischen Impulse für die Gegenwart im Rahmen des Reformationsjubiläums.
In dem hier vorliegenden Band sind nun wesentliche Beiträge der Tagung dokumentiert. Die Aufsätze des ersten Abschnittes des Bandes beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Martin Luther und Martin Luther King, Jr. – und deren Bedeutung für heute. Die Hoffnung auf die Verbesserung der Welt, so charakterisiert Scott R. Riedmann in seinem Grußwort die Gemeinsamkeit von Martin Luther und Martin Luther King. Und er bezieht die bei beiden angelegte Verantwortung für die Mitmenschen aus Nächstenliebe auf die gegenwärtigen Herausforderungen, die mit verstärkter Migration einhergehen. Gerade das Erbe Martin Luther Kings verpflichte zum Widerstand gegen Intoleranz und Rassismus. Auch hinsichtlich der Bedeutung der Musik sieht er bei beiden Gemeinsamkeiten: Für Martin Luther war die Musik ein Geschenk Gottes – für Martin Luther King war die Vitalität des Jazz eine Kraft im Kampf für die Freiheit!
In seinem auf der Tagungspredigt basierenden Beitrag »Hier stehe ich und kann nicht anders! Martin Luther und Martin Luther King« erinnert Michael Haspel daran, dass King sich bei seinem Besuch in West- und Ost-Berlin 1964 explizit auf Luthers Diktum Hier stehe ich und kann nicht anders berufen hat. So wie Luther vor Kaiser und Reich 1521 aus Gewissensgründen seine Thesen nicht widerrufen konnte, so seien die Schwarzen ihrem Glauben und Gewissen gefolgt, als sie zunächst in Montgomery und dann landesweit gegen Segregation, Rassismus und Ungerechtigkeit aufbegehrt haben. Für King waren dabei immer sein Glauben und seine Theologie leitend. So zeigt Haspel auf, wie King an biblische Zeugnisse anknüpft und daraus Orientierung für sein politisches Handeln gewinnt. Besonders wichtig waren für ihn die Gerechtigkeitsforderungen der prophetischen Tradition, die er mit den Menschenrechts- und Verfassungsdokumenten verknüpft. Christliche und politische Existenz waren für King nicht zu trennen. Dies kann für uns heute eine Inspiration sein.
Daran schließt der Eröffnungsvortrag von Margot Käßmann an. Unter dem Titel »Gewissensfreiheit und ziviler Widerstand. Von Martin Luther bis Martin Luther King, Jr. und heute« macht sie die Spannung von Martin Luthers Gewissens- und Obrigkeitsverständnis im Zusammenhang mit Martin Luther Kings Engagement gegen Rassismus für den gegenwärtigen Kontext fruchtbar. Sie setzt ein mit der real an Luther gestellten Frage, ob Christen Kriegsdienst mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Indem sie Luthers Unterscheidung von Amt und Person kritisch rekonstruiert, gewinnt sie die Folie, vor der sie Martin Luther Kings radikalen Einsatz für die Gewaltlosigkeit entfaltet. Von Martin Luthers Gewissensbegriff zieht sie so eine Linie – gegen Luthers Obrigkeitsverständnis und die damit verbundene Legitimation von an Recht gebundener Gewaltanwendung – zu Martin Luther Kings Ansatz der Gewaltlosigkeit und des zivilen Ungehorsams. Im nächsten Schritt entfaltet sie, wie der Ökumenische Rat der Kirchen Kings Ansatz nach dessen Ermordung aufgenommen und im Anti-Rassismus-Programm weiterzuführen versucht hat. In der Konsequenz fordert sie, aus den Erfahrungen des Anti-Rassismus-Programmes zu lernen und heute gegen alle Formen des Rassismus vorzugehen – auch mit zivilem Ungehorsam. Und zuletzt verweist sie darauf, dass gerade für die gewaltfreien Proteste – in der Reformation und in der Bürgerrechtsbewegung – Musik je auf ihre Weise vitale Bedeutung hatte.
Georg Meusel macht in seinem Artikel »Der Thesenanschlag von Chicago. Martin Luther und Martin Luther King« auf eine weitere direkte Bezugnahme Kings auf Martin Luther aufmerksam. Martin Luther King, Jr. war im Januar 1966 mit seiner Familie in eine Wohnung im Getto der Chicagoer West Side gezogen. Das war Teil der Operation Bread Basket, mit der King und seine Mitstreiter nach der Rassentrennung im Süden der USA die Armut und wirtschaftliche Benachteiligung der Schwarzen sowie die Wohnsegregation und den zugrunde liegenden Rassismus gerade in den Metropolen des Nordens bekämpfen wollten. Dort war das Elend der Schwarzen nicht durch Gesetze geregelt, sonderndurch soziale und ökonomische Ungerechtigkeit bedingt. Um die Lebensbedingungen der Schwarzen in den Slums zu verbessern, proklamierte Martin Luther King, Jr. am 10. Juli 1966 48 Thesen, die er an der Tür des Rathauses befestigte. Mit ihnen formulierte er Forderungen an die Kommune, denen dann durch Maßnahmen des zivilen Ungehorsams Nachdruck verliehen wurde. Zwar wurden Teilerfolge erreicht, aber die Lage insgesamt blieb problematisch. An diesem Beispiel lässt sich jedoch konkret der Einfluss Martin Luthers auf den Ansatz des aktiven gewaltfreien Widerstandes bei Martin Luther King, Jr. und in der Bürgerrechtsbewegung rekonstruieren.
In der zweiten Sektion dieses Bandes sind unter dem Titel»Musik und Protest(antismus)« drei Beiträge versammelt, welche die Bedeutung der schwarzen Musik für die Bürgerrechtsbewegung und die Signifikanz der Musik Bachs für den Protestantismus – und ihre Bezüge zueinander – behandeln.
Black Music war immer auch Teil der schwarzen Protestkultur. In der Tradition von Spirituals und Gospel, welche die Unterdrückung und eine erhoffte Befreiung in religiöser Sprache thematisierten, brachten Soul und Jazz Protest gegen Rassismus und Ungerechtigkeit zum Ausdruck. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie etwa Billie Holidays Strange Fruit zeigt, zunehmend dann in den 50er und 60er Jahren. Diese Entwicklung rekonstruiert Christian Broecking in seinem Beitrag »Jazz und die afroamerikanische Protestkultur«, der zum Teil auf eigenen Zeitzeugeninterviews basiert. Zum einen sind es die Energie und Vitalität der Musik, die eigene schwarze Identität bestärken und Kraft in den Kämpfen gegen die Segregation und Ungerechtigkeit motivieren. Zum anderen sind es explizite Texte und Slogans sowie politische Kampagnen der Künstler, die gerade in den 1960er Jahren das Civil Rights Movement unterstützen. Obwohl selbst durch traditionelle schwarze und klassische Musik geprägt hat Martin Luther King, Jr. diese wichtige Funktion des Jazz in seinem Geleitwort für die Berliner Jazztage 1964 ausdrücklich erwähnt. Auch für die posthume Erinnerung an King und Malcolm X waren die schwarze Musik und schwarze Musiker entscheidend. Sie widmeten den Ermordeten nicht nur Kompositionen, sondern setzten sich etwa auch für Einrichtung des Martin Luther King-Feiertages ein.
»Johann Sebastian Bach als protestantischer Musiker« ist ein sehr thetischer Titel. In dem Aufsatz von Jörn Arnecke wird aus dieser These aber zunächst eine Frage. Denn trotz der Heroisierung Bachs als Prototyp eines protestantischen Musikers, die vor allem auf das 19. Jahrhundert und dessen nicht immer unproblematische Vereinnahmung der Reformation im Kontext des Nationalismus zurückgeht, wird immer wieder in Frage gestellt, ob diese Interpretation denn Bach wirklich gerecht werde. So wurde unlängst etwa die These erhoben, Bach habe sich in den letzten 20 Jahren seines Lebens eigentlich von der Theologie und der im engeren Sinne geistlichen Dimension der Musik abgewandt. Diese These nimmt Arnecke zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Unbestritten ist, dass Bach gerade auch in bekannten geistlichen Werken, wie etwa dem Weihnachtsoratorium, Zitate weltlicher Musik – im Fachjargon: Parodien – aufnimmt. Arnecke unternimmt es nun, gegen diese Kritik den geistlichen Gehalt von Bachs Kompositionen gerade auch in der Spätzeit aufzuzeigen. Dies vollzieht er exemplarisch an der Matthäus-Passion. Darüber hinaus argumentiert er, dass das Mittel der Parodie an sich noch kein Argument gegen den ernsthaften geistlichen Gehalt der Kompositionen sei. Weiterhin kann er zeigen, dass sich Bach auch in seinen letzten Lebensjahren intensiv mit Luthers Theologie auseinandergesetzt hat. So finden sich ja auch immer wieder Luther-Lieder in seinen Kompositionen. Schließlich sieht er im Credo der h-moll-Messe, mit der sich Bach noch in seinem letzten Lebensjahr beschäftigt hat, eine eindeutige Rezeption von Luthers Kreuzestheologie, so dass er den Schluss ziehen kann, dass Bach durch und durch ein protestantischer Musiker ist.
In seinem Essay »Martin Luther Soul. Aus der ›festen Burg‹ ins ›andere Amerika‹. Biographische Reflexionen eines ostdeutschen Protestanten (1968–2008)« zeigt Christoph Dieckmann auf, wie er einerseits durch das elterliche protestantische Pfarrhaus und die damit verbundene theologische und musikalische Tradition geprägt wurde und wie entscheidend andererseits für seine eigene Existenz und widerständige Energie die Black Music, Jazz und Rock wurden – zunächst aus dem Westradio abgehört, dann über Plattenimporte und schließlich in eigenen Erkundungen in den USA. Musik sei, neben der Sprache, das Primärmedium des Protestantismus. Insofern vereinen sich bei ihm, wenn auch in unterschiedlicher Dimension, die protestantische Musik und die Musik des Protests. Das lutherische Kirchenlied und die Musik von Bach stehen dafür exemplarisch – gerade auch in ihrer auf das Gewissen des Individuums gerichteten Intention. In der DDR wurden Blues und Jazz noch mehr als der zum Teil domestizierte Rock Medien der Abgrenzung, der Eigensinnigkeit und des Widerstandes gegen den totalitären Staat. Anhand seiner musikalischen Spurensuche auf den Wegen der Bürgerrechtsbewegung rekonstruiert Dieckmann die hoffnungsvolle Energie und befreiende Kraft des Jazz – und sein auch für heute unabgegoltenes Befreiungspotential!
Im abschließenden, dritten Teil des Buches finden sich unter der Überschrift »Gewissen und ziviler Ungehorsam« zwei Beiträge, die sich historisch-rekonstruktiv und systematisch-analytisch mit Begründung und Praxis des zivilen Ungehorsams beschäftigen.
Der Titel »Von Montgomery nach Gorleben. Deutscher Protestantismus und ziviler Ungehorsam am Beispiel der Anti-AKW-Bewegung« der Abhandlung von Luise Schramm ist Programm. Die leitende These ist, dass sich direkte Verbindungslinien von den Protestformen der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 60er Jahre zur Anti-Atomkraftbewegung in der Bundesrepublik der 1970er und 80er Jahre ziehen lassen. Zunächst zeichnet sie die konzeptionelle Entwicklung und praktische Anwendung des zivilen Ungehorsams bei Martin Luther King und Mahatma Gandhi nach. Dieser Ansatz wurde in Deutschland zunächst nur in sehr begrenztem Maße rezipiert. Erst als sich die Methode des zivilen Ungehorsams mit der Massenmobilisierung der Anti-Atomkraft-Bewegung verband, wurde sie bekannter und gesellschaftlich wirksam. Auf der Basis von eigenen Zeitzeugeninterviews und Quellenrecherchen entfaltet Schramm dies detailliert in Hinsicht auf den Protest in Brokdorf und Gorleben. In ihrer Analyse der theologischen Begründungen der beteiligten Theologen ist auffällig, dass sich bei ihnen tatsächlich die theologischen Motive des prophetischen Amtes und des Wächteramtes, die der reformatorischen Theologie entstammen, mit dem Ansatz des zivilen Ungehorsams verbinden. Es ist wohl nicht zufällig, dass es auch hier eine Verbindungslinie von Martin Luther zu Martin Luther King gibt.
Die Figur der Begründung des zivilen Ungehorsams durch eine individuelle Gewissensentscheidung wird in der abschließenden Untersuchung »Drum prüfe wer sich nicht mehr bindet: Die Kritik des religiösen Gewissens in den politischen Theorien des zivilen Ungehorsams von Hannah Arendt und John Rawls« von Andreas Braune kritisch hinterfragt. Im Anschluss an Hannah Arendt argumentiert er, dass eine Gewissensentscheidung eine zutiefst individuelle, der zivile Ungehorsam aber eine wesenhaft politische Handlung sei. Nur weil jemand sich in seinem religiösen oder anderweitig weltanschaulich imprägnierten Gewissen verletzt fühle, könne dies noch keinen zivilen Ungehorsam begründen. Erst wenn grundlegende in der jeweiligen politischen Gemeinschaft anerkannte Werte und Normen verletzt würden, könne ggf. auch eine Minderheit, aber immer nur eine Gruppe von Menschen, zum zivilen Ungehorsam legitimiert sein. Das z. B. religiös bestimmte Gewissen könne dazu Einzelne motivieren, das alleine könne aber noch nicht eine Verletzung geltender Rechtsregeln legitimieren. Denn sonst drohe die Subjektivitätsfalle, d. h. jede und jeder könnte sich auf subjektive Gewissensgründe berufen. Dann würde aber die geltende Rechtsordnung ausgehebelt. Am Beispiel von Martin Luther King, Jr. macht Braune deutlich, dass dieser sich zwar religiös motiviert sah, zivilen Ungehorsam aber mit dem Verstoß von lokalen Verwaltungen und Staatsregierungen gegen geltendes Recht, die amerikanische Verfassung und die Menschenrechte begründete. In Aufnahme wesentlicher Einsichten aus John Rawls’ Gerechtigkeitstheorie werden zur Begründung zivilen Ungehorsams verallgemeinerungsfähige, mithin vernünftige Gründe gefordert – im Gegensatz zur gewissensbegründeten Verweigerung, wie etwa der Kriegsdienstverweigerung als individueller Akt. Mit dieser Differenzierung leistet Braune einen wesentlichen Beitrag für die angemessene Aktualisierung der politischen Institution des zivilen Ungehorsams und deren Begründung sowie für die motivationale Rolle des Gewissens.
Insgesamt hoffen wir, dass dieser Band dazu beiträgt, der Reformation und der Bürgerrechtsbewegung nicht nur museal zu gedenken, sondern ihre Aktualität für unseren gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext fruchtbar zu machen. Die Zeitläufte waren in der Tagung in dramatischer Weise präsent. Der Eröffnungsabend war der Tag, an dem in Paris die Terroranschläge stattfanden. Der realen Gewalt setzte die Tagung die Perspektive der Gewaltüberwindung durch Gewaltfreiheit entgegen.
Wir danken allen Autorinnen und Autoren dieses Bandes und allen, die ihn möglich gemacht haben. Insbesondere danken wir den Unterstützern und Kooperationspartnern der Tagung, insbesondere der Bundeszentrale für politische Bildung, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Freistaat Thüringen, der Stadt Jena, dem Projekt Offene Kirche der Ev. Kirchgemeinde und dem Ev. Kirchenkreis Jena, der Friedrich-Schiller-Universität und der Sparkassenstiftung Jena.
Der Band erscheint nun zum 500. Reformationsgedenken und im Vorfeld des 50. Todestages Martin Luther Kings. Wir hoffen, er kann in beiden Kontexten Anregungen geben und Neuentdeckungen ermöglichen.
Neudietendorf/Erfurt am 4. April 2017
Prof. Dr. Michael Haspel
Peter Reif-Spirek
»Alles, was in der Welt erreicht wurde, wurde aus Hoffnung getan.«
Der Mann, der diese Worte gesagt hat, hat mit seiner Hoffnung und seinem festen Glauben dieses Land und schließlich die Welt verändert.
»We must accept finite disappointment, but never lose infinite hope.«
Mit seinem Glauben an die Menschheit, an Freiheit, Toleranz und Demokratie veränderte der Urheber dieser Worte nicht nur meine Heimat. Sein Kampf für Gleichberechtigung war Vorbild auf der ganzen Welt und beeindruckte nicht zuletzt viele Menschen in der DDR. Diese beiden Zitate zeigen, dass sich Martin Luther und Martin Luther King, Jr. in ihren Grundwerten oft nahe waren. Nicht umsonst bezog sich King oft auf den großen deutschen Reformator. Ich denke, dass wir auch für die heutige Zeit von beiden viel lernen können. Bei beiden finden sich Einsichten, die heute so aktuell sind wie damals. Martin Luther sagte zu seiner Zeit: »Unser Nächster ist jeder Mensch, besonders der, der unser Hilfe braucht.«
Martin Luther King, Jr. sagte in seinem festen Glauben an die Mitmenschlichkeit: »Life’s most persistent and urgent question is, ›What are you doing for others?‹«
Europa steht angesichts der vielen Menschen, die aus ihrer Heimat vor allem hierher fliehen, vor großen Herausforderungen. Alle gesellschaftlichen Bereiche sind hier gefragt, Politik, Wirtschaft, Kirchen und Verbände. Und ich denke, dass auch jeder Einzelne gefragt ist, und gerade da ist der Aspekt der Nächstenliebe ein wichtiger. In den USA ist freiwilliges Engagement, »volunteer work«, ein wichtiger Teil unserer Kultur. Und ich sehe mit großer Freude und großem Respekt, wie viele Menschen sich hier in Deutschland in den letzten Wochen und Monaten engagierten.
Der Gedanke, seine Gesellschaft mit friedlichem Protest zu verändern, verbindet Martin Luther und Martin Luther King ebenso wie ihre Hoffnung und ihr Glaube an Mitmenschlichkeit. Ich bin mir sicher, dass sich beide – gemeinsam mit den vielen anderen, die das täglich tun – aufrecht und wortgewaltig gegen den Hass und die Intoleranz gestellt hätten, die wir leider in den letzten Monaten immer wieder erleben mussten.
Ich will noch ein paar Worte zu Johann Sebastian Bach und zum Jazz sagen, also zur Musik. Bach und die Reformation sind untrennbar. Seine Kompositionen gelten als Gipfel der lutherischen Kirchenmusik und als musikalischer Ausdruck der Reformation. Und der Jazz war ein ganz wesentlicher Teil der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Martin Luther King, Jr. sagte einmal über die Bedeutung des Jazz:
»Jazz speaks for life, the blues tells the story of life’s difficulties – and, if you think for a moment, you realize that they take the hardest realities of life and put them into music, only to come out with some new hope or sense of triumph.«
Der Jazz steht für ein Gefühl von Freiheit und – auch hier wieder – von Hoffnung. Nun, was sagte Luther zur Musik?Ich habe folgendes Zitat gefunden:
»Musik ist ein reines Geschenk und eine Gabe Gottes, sie vertreibt den Teufel, sie macht die Leute fröhlich und man vergisst über sie alle Laster.«
Scott R. Riedmann,
US-Generalkonsul für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (2014–2017)
Haben Sie sich eigentlich auch schon einmal gefragt, wie es kommt, dass gerade jemand wie Martin Luther King, Jr., der selber so etwas wie ein Reformator wurde, schon als Kind den Namen Martin Luther bekommen hat, als man noch gar nicht wissen konnte, dass er einmal Führer der Bürgerrechtsbewegung, Anti-Kriegs-Aktivist und Friedensnobelpreisträger werden würde?Das Spannende ist, er hieß gar nicht von Anfang an so. Er wurde als Michael King, Jr. geboren. Als sein Vater 1934 zu einem internationalen Baptisten-Kongress nach Berlin fuhr, war er von Martin Luther so beeindruckt, dass er nach seiner Rückkehr sowohl seinen als auch den Namen seines Sohnes änderte. Ob so etwas Menschen in ihrem Lebensweg beeinflusst?
Als Martin Luther King, Jr. 1964 in Berlin auf der Waldbühne und im Ostteil der Stadt in der Marien- und Sophienkirche zu tausenden Menschen gesprochen hat, sagte er, dass der Busboykott in Montgomery und damit die Bürgerrechtsbewegung aus Gehorsam gegen das Gewissen heraus begonnen habe. Wie Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms gesagt hat: »Ich stehe hier. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir«, so war es für Rosa Parks am Beginn des Busboykotts in Montgomery und für viele andere: Sie konnten nicht mehr anders, als der Ungerechtigkeit und dem Unrecht auf Grund ihres Glaubens zu widerstehen. King sagte dazu: »So begann unsere Bewegung nicht durch die Pläne der Menschen, sondern durch das mächtige Handeln Gottes.«
Für King war sein politisches Engagement immer Ausdruck seines Glaubens, und er war davon überzeugt, dass Gott die Bürgerrechtsbewegung unterstützt, allen Widrigkeiten zum Trotz. Diesem Zusammenhang von Glauben und Gerechtigkeit, persönlicher Gottesbeziehung und gesellschaftspolitischem Engagementmöchte ich auf den Spuren, die Martin Luther King gelegt hat, nachgehen.
King hat immer wieder gesagt: Eine Religion, die sich nicht um das Seelenheil der Menschen und die existentiellen Grundfragen kümmert, sei genauso wenig eine gute Religion wie eine, die sich nicht um das Wohlergehen der Menschen, Überwindung der Not und Gerechtigkeit kümmert.
Für ihn gehören drei Dimensionen zusammen: die persönliche Gottesbeziehung, die Liebe zum Nächsten, die daraus fließt, und das Engagement für eine gerechtere Gesellschaft auf dem Weg zum Reich Gottes.
King hat z. B. oft zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter gepredigt und angemahnt, dass in einer Welt, in der die unterschiedlichen Kinder Gottes immer mehr miteinander vernetzt sind, christliche Nächstenliebe nicht zur Selbstgenügsamkeit homogener Gemeinden auf den Inseln der Glückseligen werden dürfe. Allerdinges hat er immer wieder betont, wie wichtig diese Dimension des unmittelbaren Helfens ist. Aber er ist nicht dabei stehen geblieben, er hat sich auch immer wieder auf das Prophetenwort des Amos bezogen:
»Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.« (Amos 5, 21–24)
Eine selbstbezügliche Frömmigkeit lehnt King mit Amos ab. Zum wahren Gottesdienst gehört Musik, gehört Dank in Gebeten und Liedern.
Aber wenn Gottesdienst darauf beschränkt bleibt und sich nicht den Nächsten und der Welt zuwendet, dann schmeckt er schal. Unmittelbare Nächstenliebe strömt aus dem Glauben, in demwir selber Gottes Liebe erfahren. Aber es soll nicht nur die aktuelle Not gelindert werden, sondern auch die Ursachen von Ungerechtigkeit sollen behoben werden.
Beim Busboykott in Montgomery ging es ja nicht darum, dass Rosa Parks auf ihrem Platz sitzen bleiben durfte, sondern darum, die ungerechten Gesetze zu ändern, welche die Schwarzen benachteiligten. Gute Entwicklungszusammenarbeit zielt ja nicht nur darauf, Hunger zu lindern, sondern die Strukturen zu ändern, die zu Hunger führen. Das ist auch die Frage, die sich bei uns bei den Tafeln und angesichts der Situation der Geflüchteten stellt: Es ist wichtig, bei Not unmittelbar zu helfen, aber wie werden die Ursachen für die Not bekämpft?
Schon im Alten Testament gab es das Wissen, dass Gerechtigkeit nur durch Recht gewonnen werden kann. Aber das Recht allein garantiert noch keine Gerechtigkeit. Die Bürgerrechtsbewegung war nach zehn Jahren erfolgreich: 1964 und 1965 wurden wichtige Gesetze erlassen, die endlich die rechtliche Gleichheit der Schwarzen vor allem beim Wahlrecht garantierten. Aber wird man davon satt?Kann man sich davon etwas kaufen?
Die wirtschaftliche Situation der meisten Afroamerikaner und Afroamerikanerinnen hat sich durch die rechtliche Gleichstellung nicht geändert. Deshalb hat sich King in den letzten vier Jahren seines Lebens vor allem der Armutsfrage zugewandt und sich für soziale Gerechtigkeit – übrigens für Weiße und Schwarze – eingesetzt. Aber die Kosten für den Vietnamkrieg, die Drogen, welche die schwarzen Gettos überschwemmten, und die Ölkrise verschärften die Situation noch. King selber sprach manchmal davon, dass sein Traum zum Alptraum geworden sei. Und in den letzten Jahren seines Lebens war er einer der unbeliebtesten Menschen in der Öffentlichkeit der USA.
Recht ist die Voraussetzung für Gerechtigkeit, aber allein garantiert es sie noch nicht. Sie muss immer weiter erkämpft werden. Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Für King ist Gerechtigkeit nicht nur ein politisches Ziel, für ihn ist sie eine Glaubensverheißung. Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit. So wie er uns einzelne im Glauben gerecht macht, gleichsam ins Recht setzt, so zielt das Handeln der Gerechtfertigten auf Gerechtigkeit als Vorschein auf das Reich Gottes, das dadurch mitten unter uns schon beginnt und wächst.
King kann gar nicht anders denken und glauben, glauben und denken, als dass die persönliche Gottesbeziehung, die Erfahrung der Liebe Gottes uns aus den Zwängen und Engstirnigkeiten unseres Lebens so befreit, dass wir die Liebe, die wir erfahren, auch in den Nächstenbeziehungen lebendig werden lassen können. Und dass die zwischenmenschliche Ebene eingebettet sein muss in gerechte Strukturen, die Gottes Verheißung entsprechen und vorwegnehmen. Das ist die Grammatik seines Traums. Persönliche Glaubenserfahrung, gelebte Nächstenschaft und Einsatz für Recht und Gerechtigkeit, die aus Not und Versklavung befreien.
Und wie sähe unser Traum aus, wenn wir das in unsere heutige Situation hineinbuchstabierten. Wenn wir diese Traumgrammatik zum Sprechen brächten?
