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Mit gepackten Koffern steht sie im leeren Haus und wartet darauf, dass der Tag anbricht, um zur Tür hinauszumarschieren. Alles will sie hinter sich lassen. Vor dem Neuanfang verarbeitet Vera Wettin Erinnerungen, nimmt Abschied. Denkt zurück an das Stück Heimat, das die Großmutter ihr vermittelte, an ihren Vater, den sie erst bei einem Treffen kennenlernte, an Schulzeit, Heirat und die eigenen Kinder. Die Vorfreude auf die neue Zeit in Florida ist nach dem unsteten Leben in Europa groß, Amerika die Erfahrung wert. Es ist schön und aufregend, in der Welt herumzureisen. Doch die Zeit, wieder irgendwo anzukommen, wird ebenso zurückkehren. Und als „Meisterin der Anfänge“ freut sich Wettin bereits auf das, was nach Amerika kommt ... „Meine Geschichte ist meine Geschichte, ich kenne sie gut“, kommentiert sie ihre interessante Biografie.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vera Wettin
High Heels und Turnschuhe
Roman
AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG
FRANKFURT A.M. • LONDON
Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit. Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.
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Lektorat:Annette Debold
ISBN 978-3-8372-2089-6
Erster Teil
Es ist sieben Uhr am Abend, ich sitze in der Küche; Sven, mein Mann, ist nicht zu Haus, er ist im Kino, zusammen mit einem alten Freund, und wird vor Mitternacht nicht zurück sein. Ich blicke aus dem Fenster in den großen Garten, in dem immer wieder eine Katze herumläuft, die ich nicht kenne. Sie hat ein orangefarbenes Fell. Eine hübsche Katze. Ich frage mich, zu wem sie gehört.
Heute war wieder ein Tag der Abschiede. Abschiede, die aber nicht wehtun. Solche Abschiede machen mich froh und traurig zugleich. Froh, weil ich mich nun von jemandem trenne, der mir nicht wirklich wichtig war und ist. Traurig, weil ich denke, dass ich mich schon viel früher hätte verabschieden sollen. Warum also erst jetzt, einige Wochen, bevor ich gehe? Warum habe ich erst jetzt einen Schlussstrich gezogen unter Beziehungen, die mir nichts bedeuten? Beziehungen zu Menschen, die mir doch immer fremd geblieben sind und die ich nur nicht aufgegeben habe, weil ich nicht jemand sein wollte ohne andere Menschen, selbst wenn es Menschen waren, mit denen mich nichts mehr verband. Es waren Kompromisse, mehr nicht.
Ich kenne jemanden, der hatte sich einmal den kleinen Finger gequetscht, und zwar so heftig, dass ihm der Arzt zu einer Amputation riet, wovon mein Bekannter aber nichts wissen wollte. Der Finger war verkrüppelt und zu nichts mehr nutze, aber er wollte sich partout nicht von ihm trennen. Bald begann der Finger zu schmerzen, und mein Bekannter musste Schmerzmittel nehmen. Es zog sich hin, die Medikamente wurden immer stärker, bis er sich endlich entschloss, den Finger doch abnehmen zu lassen. Wie erleichtert war er, als er keine Schmerzen mehr hatte und keine Medikamente mehr nehmen musste! Er bereute nun, dass er das nicht schon früher getan hatte.
Mir geht es wie ihm. Meine „Freunde“, sie waren wie dieser Finger meines Bekannten: Ich konnte mich nicht dazu entschließen, mich von ihnen zu trennen, obwohl ich nichts von ihnen hatte; sie waren da, mehr nicht. So wie dieser Finger. Man traf sich, man verbrachte Zeit miteinander, und hinterher war man leer und hatte das Gefühl, Zeit vertan zu haben. Vielleicht hatte ich mich zu sehr an sie gewöhnt. Vielleicht hatte ich auch Angst vor der Einsamkeit. Und je mehr ich mich im Laufe der Zeit veränderte, desto klarer wurde mir, dass sie nicht zu mir passen. Als ich ihnen endlich Adieu sagte, da war es wie ein tiefes Einatmen von klarer kalter Luft: Die Lungen füllen sich, und es tut zuerst ein kleines bisschen weh, aber nur ganz kurz, dann spürt man, wie gut einem diese klare kalte Luft tut.
*
Jetzt sehe ich wieder die orange Katze im Garten. Plötzlich hält sie inne und schaut mich an, blickt durch die große Fensterscheibe direkt zu mir, ein paar Augenblicke lang. Ich vergesse zu atmen und sitze bewegungslos da. Als sie weitergeht, bin ich sicher, dass sie nicht mehr zurückkommen wird. Ich schaue ihr hinterher, und fast bin ich ein bisschen traurig.
Nun dauert es also nicht mehr lang, und ich bin weg. Zusammen mit Sven, meinem Mann. Weg von hier, von diesem Haus, dieser Straße, diesem Land, sogar diesem Kontinent. Weg von dem, was mich alles mit meinem alten Ich verbindet. Ich fange ein neues Leben an – diese Formulierung passt tatsächlich so genau, dass es schon fast komisch ist. Ich lasse alles hinter mir. Andererseits: Mein neues Leben, es hat schon angefangen, als ich begann, mich zu ändern, als ich mehr und mehr erkannte, was ich wirklich will und was nicht, als ich immer weniger bereit war, Kompromisse einzugehen.
Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören. Wo hatte ich das neulich gelesen? Ich will jetzt wissen, von wem das stammt, stehe auf, gehe zum Computer, der auf dem Wohnzimmertisch steht, und google den ersten Satz. Treffer. Hermann Hesse hat’s gesagt, der Schriftsteller. Aha. Mir gefielen sie gleich, diese Sätze: Ich bin längst dabei, die Welt zu zerstören, die nicht die meine ist. Ich kämpfe mich aus dem Ei. Ich fange von vorne an. In ein paar Wochen geht es nach Amerika, genauer gesagt nach Florida. Mein „Lebenswechsel“ bedeutet für mich auch: Ortswechsel. Das eine geht nur mit dem anderen. Das alte Ich ist hier verortet, alles hier ist voller Geschichten und Erinnerungen. Mein neues Ich gehört nicht hierher, es gehört woandershin.
Die Zeit bis zum Aufbruch, sie ist geprägt von einer ganz eigenen Leere: Ich habe mich innerlich schon von nahezu allem getrennt, was mich mit dem Leben hier verbindet, aber ich bin ja noch immer hier und warte nur darauf, dass es losgeht. Ich stehe gleichsam mit gepackten Koffern in einem leeren Haus und warte nur darauf, dass der Tag anbricht und ich zur Tür hinausmarschieren kann.
*
Drei Tage zuvor. Ich bin in der Stadt unterwegs und habe einiges auf dem Zettel – ich muss in die Reinigung, brauche eine neue Bluse und muss wegen des bevorstehenden Umzugs noch zum Einwohnermeldeamt, um einige Unterlagen abzuholen. Zuerst gehe ich in die Reinigung. Vor mir stehen zwei junge Männer, beide haben mindestens ein Dutzend Hemden über dem Arm. Ich hoffe, dass es schnell geht, denn ich habe es etwas eilig, außerdem mag ich diesen typischen Chemiegeruch von Reinigungsgeschäften nicht und bin immer froh, wenn ich wieder draußen bin. Einmal dreht sich einer der Männer um, wir schauen uns an, und ich bemerke, wie er mich binnen eines Sekundenbruchteils mustert. Der Mann lächelt, vielleicht eine Sekunde zu lang. Ich lächele zurück, etwa eine Sekunde zu kurz, sodass er gar nicht erst auf falsche Gedanken kommt. Dann geht die Tür auf, es bimmelt, und jemand kommt also herein, ich drehe mich nicht um, sondern halte nach der Frau Ausschau, die die Kleidung entgegennimmt und vor einigen Minuten im hinteren Teil des Ladens verschwunden und seitdem aber nicht wieder aufgetaucht ist. Ich höre sie irgendwo lachen, einer der Männer mit den Hemden stöhnt und blickt auf seine Uhr, als mir plötzlich das Parfum der Frau, die hinter mir steht, in die Nase steigt. Seltsam, was ein Duft mit einem anstellen kann: Von einer Sekunde auf die andere bin ich wieder fünf, sechs, sieben Jahre alt, sehe mich im Garten spielen und rennen, mit meiner besten Freundin Klara, die ein paar Häuser weiter wohnte; es ist Sommer und sehr heiß, wir sind den ganzen Tag draußen. Dann, am Abend, sehe ich mich auf dem Schoß meiner Großmutter sitzen, sehe mich mit den Fingern durch ihre dichten langen Haare fahren, die hier und da schon etwas grau sind; sie lächelt und fragt mich, was ich heute so gemacht habe, und ich erzähle ihr also vom Tag und studiere dabei ihre Falten im Gesicht. Vor allem aber rieche ich ihr Parfum, von dem ich bis heute nicht weiß, wie es heißt. Aber diesen Duft werde ich nicht vergessen, dieser Duft gehört zu meiner Großmutter wie ihre Stimme, wie ihr Gang, wie ihr Blick; er ist untrennbar mit ihr verbunden, bis zum Ende meines Lebens. Dieser Duft, er ist ein wichtiger Teil meiner Kindheit, denn meine Großmutter ist es ebenso, und meine Großmutter ist eben auch dieses Parfum, dieser Duft. Und genau der liegt nun, wo ich in der Reinigung stehe, in der Luft. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Augen schließe und ihn tief einsauge. Wie lang ist es her, überlege ich, dass ich zum letzten Mal dieses Parfum gerochen habe? Vor einiger Zeit, als ich irgendeine Parfum-Reklame im Fernsehen sah, fiel mir der typische Duft meiner Großmutter wieder ein, und ich dachte daran, dass es dieses Parfum vermutlich gar nicht mehr gibt. Und da ich nicht weiß, wie es heißt, kann ich auch nicht in einen Laden gehen und mal nachschauen, ob man es noch kaufen kann.
Ich drehe mich um, um zu sehen, wer da hinter mir steht, und dann erschrecke ich, weil es keine alte Dame ist, wie ich angenommen habe, sondern eine Frau, etwa in meinem Alter. Ich erschrecke, weil es in meiner Vorstellung so gar nicht zusammenpasst – dieser Duft und diese Frau, das überfordert mich jetzt ein bisschen. Die Frau, fällt mir auf, hat einen Leberfleck am Hals, etwa doppelt so groß wie ein Fingernagel. Plötzlich bin ich an der Reihe, die beiden Männer mit den Hemden sind verschwunden, ohne dass ich es bemerkt habe, die Frau hinter der Theke lächelt und hält mir geduldig ihren Arm hin, um mir meine Sachen abzunehmen, offenbar wartet sie schon ein paar Augenblicke. Ich war völlig in Gedanken versunken. Die Frau hinter mir kichert. Ich reiche der Dame hinter dem Tresen die Bluse hinüber, nehme den Zettel, den man mir aushändigt, und verlasse den Laden. Draußen stehe ich unter dem Vordach der Reinigung und überlege, was ich jetzt noch erledigen muss. In dem Moment kommt die Frau mit dem Parfum heraus, sie sieht mich und nickt mir flüchtig zu. Es ist kurz nach drei, ich habe noch manches zu tun, außerdem hat es inzwischen etwas zu regnen begonnen. Die Frau spannt ihren Schirm auf – ein knallroter Schirm mit großen gelben Punkten – und macht sich auf den Weg. Ich habe zwar weder Zeit noch einen Regenschirm, aber ich denke gar nicht lange nach und gehe ihr nach.
*
Im Abstand von etwa fünf, sechs Metern folge ich ihr, nicht zu dicht, sie soll mich schließlich nicht bemerken, aber doch so, dass ich ihr Parfum noch wahrnehmen kann. Sie trägt eine enge Jeans und dazu einen auffälligen rot-weiß gemusterten Mantel und erinnert mich damit an ein sehr bekanntes Bild von Gerhard Richter, dem Maler, auf dem eine junge Frau mit einer rot-weißen Strickjacke (oder ist es auch ein Mantel?) abgebildet ist. Sie wendet sich dabei von dem Betrachter ab, sodass man nur ihren Hinterkopf sieht. Das Ganze sieht aus wie eine Fotografie, aber Richter hat es eben doch gemalt und nicht fotografiert.
Die Frau vor mir geht ziemlich flotten Schrittes die Straße hoch Richtung U-Bahn-Station, sodass ich Mühe habe, ihr zu folgen. Ich überlege: Soll ich sie ansprechen und fragen, wie ihr Parfum heißt? Sicherlich würde sie sich wundern, wenn ich auf einmal vor ihr stünde und sie anspreche, sie würde mich vermutlich wiedererkennen, sodass klar ist, dass ich ihr von der Reinigung gefolgt bin. Andererseits hätte sie bestimmt Verständnis, wenn ich ihr von meiner Großmutter erzählen würde. Verrückt, aber was ich will, ist wieder zurück zu den Erinnerungen an meine Kindheit, die in den ersten sieben Jahren ziemlich glücklich war; ich will wieder zurück zu meiner Großmutter, und ein bisschen gelingt mir das auch, nun, wo ich hinter der Frau hermarschiere. –
Ich wohnte zusammen mit meiner Großmutter im unteren Teil der Villa, einer Gründerzeitvilla, die mein Großvater gebaut hatte, mit einem Garten so groß, dass man sich darin verlaufen konnte. Meine Mutter wohnte oben, ich sah sie aber praktisch nur morgens und abends, tagsüber war sie unterwegs, sie traf sich mit Freunden, ging reiten oder tanzen und vertrieb sich mit vielerlei Hobbys die Zeit. Wo waren die Männer des Hauses? Es gab sie hier nicht, mein Großvater war gestorben, als ich ein Jahr alt war, mein Vater verschwand im selben Jahr, denn es stellte sich heraus, dass er sich in Bezug auf Frauen nicht nur für meine Mutter interessierte. Sie schmiss ihn raus, und ich wuchs also in einem reinen Frauenhaushalt auf. Wir hatten keinen Mangel, mein Großvater hatte bis zu seinem Tod zusammen mit seinen vier Brüdern ein Unternehmen geleitet, das als Hersteller von Produkten für Agrartechnik sehr erfolgreich war und bis heute ist. Gegründet wurde es vor über einhundert Jahren von meinem Urgroßvater, einem strengen Herrn; es hieß, dass seine Kinder beim Essen nur stehen durften und schweigen mussten. Er hatte acht Kinder, sechs Jungen und zwei Mädchen; mein Opa, der Vater meiner Mutter, der früh starb, war der Älteste (und Schlaueste) von ihnen, er war es auch, der als Einziger studieren durfte und später, zusammen mit vier seiner Brüder, die Firma groß und erfolgreich machte. In den Achtzigerjahren war es dann die dritte Generation – die meiner Mutter –, die der Firma zu noch mehr Erfolg und Ansehen verhalf. Aber es waren stets die Männer, die das Sagen hatten. Die Frauen hatten nichts zu melden. Ich hatte mich nie gefragt, warum meine Mutter nicht arbeitete; Kinder stellen sich nun mal keine Fragen über Dinge, die für sie ganz natürlich sind, weil sie damit aufwachsen und es nicht anders kennen; Fragen kommen erst später. Tatsächlich war meine Mutter studierte Ingenieurin, was damals, in den Sechzigerjahren, durchaus ungewöhnlich war, sie durfte dann aber in dem Unternehmen ihres Vaters nicht arbeiten, weil Frauen dort nicht erwünscht waren. Und es war ihr auch verboten, bei einem Konkurrenzunternehmen zu arbeiten. Einmal erzählte sie mir, dass sie in der Firma ein Praktikum absolviert hatte (das durfte sie dann doch, aber mehr war nicht drin), und das Verrückte war, dass sie in dieser kurzen Zeit sogar einige Erfindungen gemacht hat, die der Firma sehr nützlich waren und die sie obendrein patentieren ließ. Aber dann war Schluss. Frauen waren nicht erwünscht. Meine Mutter kam für eine Anstellung in der Firma ihrer eigenen Familie nicht infrage.
Wie gesagt, es fehlte mir an nichts, im Gegenteil, es hieß bisweilen sogar, ich wäre ein wenig zu verwöhnt. Vielleicht war ich das tatsächlich. Auf jeden Fall war ich glücklich – ich hatte ein eigenes großes Zimmer in einem großen Haus, ich hatte viele Freunde, ich hatte eine wunderbare Großmutter, die gut roch und immer für mich da war, und eine Mutter, die mir abends gern ein Geschenk mitbrachte, zum Beispiel eine Puppe, die Pipi machen konnte, wenn man ihr vorher ein bisschen Wasser in den Bauch verabreicht hatte, oder eine Schneekugel mit einer Katze, die einen Regenschirm in der Hand hielt, und wo es zu regnen anfing, wenn man die Kugel schüttelte. Solche Sachen.
Mit Klara, meiner besten Freundin, verbrachte ich unendlich viel Zeit; mit ihr und den anderen Kindern aus der Nachbarschaft. Oft war ich den ganzen Tag draußen, niemand machte sich Gedanken, wo ich steckte, und erst am späteren Nachmittag trudelte ich wieder ein. Da, wo wir wohnten, nämlich in einer kleinen Stadt in Norddeutschland, fuhren nicht viele Autos, unser Haus lag in einer ziemlich ruhigen Gegend, und damals war man als Eltern noch um einiges sorgloser als heute.
Wenn ich an meine Kindheit bis zum siebten Lebensjahr zurückdenke (und genau das tat ich ja jetzt, wo ich der Frau mit dem Parfum folgte), ist das ein einziger langer schöner Tag draußen, im Garten, auf der Straße oder bei Freunden, ist das Räuber und Gendarm und Verstecken spielen. Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, aber meine Mutter erzählte mir, dass sie mich oftmals, wenn ich irgendwann müde und vor allem verdreckt heimkehrte, mitsamt meinen schmutzigen Kleidern in die Badewanne steckte ... Und natürlich meine Großmutter. Sie nimmt viel Platz ein, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke.
*
Plötzlich ist die Frau weg, jedenfalls sehe ich sie nicht mehr. Ich war einfach zu sehr in Gedanken versunken und habe nicht aufgepasst. Herrje, wo kann sie sein? Dann entdecke ich sie in einem Schuhladen, oder besser gesagt in einem Geschäft, wo Schuhe repariert werden. Den Geruch dieser Läden wiederum liebe ich, diese Melange aus Leder und Klebstoff. Aber ich habe keine Schuhe zum Reparieren, und so gehe ich ein paar Schritte weiter und warte an der nächsten Ecke. Zum Glück hat es inzwischen aufgehört zu regnen. Es dauert eine Weile, bis die Frau herauskommt. Sie läuft an mir vorbei, ohne mich zu bemerken, ich warte kurz, dann hefte ich mich wieder an ihre Fersen. Zuerst nehme ich den Geruch aus dem Laden wahr, den sie offenbar mitgenommen hat und der mir, wie gesagt, gut gefällt, dann verfliegt er allmählich, und das Parfum kommt wieder zum Vorschein. Ich atme tief ein ...
Meine Großmutter war wie ich: immer in Aktion. Viel Zeit verbrachte sie im Garten, wo sie Rüben und Kartoffeln angebaut hatte, auch zahllose Beerensträucher standen dort, und manchmal half ich ihr bei der Gartenarbeit und verdiente mir etwas dazu, indem ich ihr das Gemüse, das sie angebaut hatte, wieder verkaufte. Wir hatten viel Spaß. Fernsehen gab es damals noch nicht so wie heute. Abgesehen davon, dass es bloß ganz wenige Programme gab, interessierte es mich kaum, ich vertrieb mir viel lieber die Zeit draußen, mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft. Nur manchmal saßen wir bei einem von ihnen und schauten fern. –
Plötzlich hält die Frau vor mir inne, sie sucht etwas in ihrer Einkaufstasche. Ich habe es zu spät bemerkt und kann nicht mehr anhalten oder mich verstecken, das wäre viel zu auffällig, und laufe nun geradewegs auf sie zu. Sie blickt hoch und sieht mich an.
„Kennen wir uns nicht?“ Sie lächelt etwas irritiert.
„Stimmt. Vorhin. Reinigung. Oder?“ – Oje ...
„Ja, richtig, Sie standen vor mir.“
„Darf ich Sie was fragen?“
Nun schaut sie noch irritierter. „Was denn?“
„Ich wüsste gern, wie Ihr Parfum heißt.“ So, jetzt ist es also raus.
„Mein Parfum? Warum möchten Sie das denn wissen?“
„Weil es mich an jemanden erinnert. Ich dachte auch, dieses Parfum gäbe es gar nicht mehr.“
Sie schaut mich wortlos an; vielleicht überlegt sie, ob sie mir trauen kann.
„Ich habe vorhin eine Probe geschenkt bekommen“, meint sie dann. „Warten Sie, irgendwo hier drin muss sie sein ...“ Die Frau sucht in ihrer Handtasche, es raschelt und klappert, aber die Probe findet sie nicht.
„Komisch“, sagt sie, „tut mir leid, aber ich hab sie nicht mehr.“
„Wissen Sie vielleicht noch, wie es hieß?“
Sie überlegt kurz. „Nein, vergessen, sorry.“
„Schade“, sage ich, „kann man nichts machen. Trotzdem danke!“
Die Frau lächelt und nickt mir zum Abschied zu. Ich gehe dann den ganzen Weg zu meinem Auto wieder zurück, und je länger ich über alles nachdenke, desto erleichterter bin ich, dass sie die Probe verloren und den Namen des Parfums vergessen hat. Wieso aber habe ich den Eindruck, dass ich diese Frau von irgendwoher kenne?
*
Sie ist nun fort, aber der Duft ist noch eine ganze Weile in meinem Kopf. Auch frage ich mich, an wen sie mich erinnert. Es kommt mir so vor, als würde ich sie kennen. Doch woher? Eigentlich habe ich ein gutes Gedächtnis für Gesichter, aber in diesem Fall bin ich mir nicht sicher, ob ich sie tatsächlich kenne oder mit irgendwem verwechsle (mit einer Schauspielerin vielleicht? Oder einer Sängerin?). Vielleicht fällt es mir ja noch ein.
Ich mache meine Erledigungen, streife durch die Stadt, kaufe mir die Bluse, die ich mir kaufen wollte, und fahre zum Einwohnermeldeamt wegen des bevorstehenden Umzugs. Bei alldem bin ich aber doch in Gedanken ganz woanders. Ich bin bei dieser Frau und ihrem Parfum.
Schließlich setze ich mich in ein Café, warte auf den Kellner und starre aus dem Fenster. Ich war sieben Jahre, als sich plötzlich manches änderte. Seit einem Jahr ging ich in die Schule, die mir keinen allzu großen Spaß machte, unter der ich aber auch nicht litt. Wie soll ich sagen – sie bedeutete mir nicht viel, ich ging hin, saß meine Stunden ab und ging wieder nach Hause.
In den ersten Winterferien meiner Schulzeit fuhr meine Mutter mit einer Freundin in den Skiurlaub nach St. Moritz in der Schweiz. Ich blieb zu Haus mit meiner Großmutter, wir machten uns schöne Tage; ich hatte viel Besuch, ständig waren Freundinnen da, und Großmutter bekochte uns. Ich kann nicht sagen, dass ich meine Mutter sehr vermisste, denn auch wenn sie da war, war sie nur kaum mehr anwesend. Dann kam sie irgendwann wieder zurück, und sie hatte uns etwas Wichtiges zu sagen.
„Hört mal her“, meinte sie am Abend ihrer Rückkehr, wir saßen gemütlich am Kamin, ein Feuer prasselte, „ich hab da eine Neuigkeit für euch. Für uns.“
Ich kann mich noch erinnern, dass im selben Moment, als sie „für uns“ sagte, ein brennendes Holzscheit im Kamin umfiel, oder besser gesagt, es fiel tatsächlich heraus und lag dann brennend auf dem Steinboden.
Meine Mutter sprang sofort auf, nahm die Kaminzange und verfrachtete das brennende Scheit eilig und geschickt zurück in den Kamin. Dann setzte sie sich wieder zu uns auf das Sofa und fuhr fort, als wäre nichts gewesen.
„Also: Ich habe im Urlaub einen Mann kennengelernt.“
Sie sah mich an und lächelte: „Er ist sehr nett!“
Sie erzählte dann noch so manches von ihm, woher er kommt, was er beruflich macht, was mich aber alles nicht sonderlich interessierte. Ich fragte mich, wieso sie das mit diesem Mann so groß ankündigte, schließlich brachte sie ja immer wieder mal jemanden mit nach Haus.
„Was darf ich Ihnen bringen?“
Ich fahre erschreckt zusammen, denn plötzlich steht der Kellner an meinem Tisch, ich war völlig in Gedanken und bestelle dann einen Latte macchiato und ein Stück Apfelkuchen. In dem Café ist es inzwischen recht voll geworden, an den meisten der Tische sitzen nun Leute, ohne dass ich etwas davon bemerkt habe. Was ich aber bemerke, ist, dass mich jemand vom Tisch gegenüber anstarrt, und zwar ziemlich unverhohlen. Als sich unsere Blicke treffen, lächelt er mir zu und steht auf. Er kommt jetzt tatsächlich zu mir herüber, steht an meinem Tisch und fragt, ob er mich auf eine Tasse Kaffee einladen darf. Im selben Moment erscheint der Kellner und bringt den Kuchen und Kaffee.
„Zu spät“, sage ich und lächele, „ich bin schon versorgt.“
„Schade, aber vielleicht haben Sie ja noch Lust auf einen zweiten Kaffee.“ Nun ja, nicht gerade originell, denke ich.
„Mir reicht einer, um ehrlich zu sein. Das gilt übrigens nicht nur für den Kaffee.“ Ich winke ihm mit der linken Hand, er sieht den Ring, lächelt etwas säuerlich, nickt und geht dann zurück an seinen Tisch. Es dauert nicht lange, bis er bezahlt und geht. Mich schaut er dabei nicht ein einziges Mal mehr an. Mir ist es egal. Ich nehme ein Buch aus meiner Tasche, es ist das Buch eines holländischen Schriftstellers, den ich ganz gut kenne, vor drei Tagen war er bei uns, wir hatten ihn zu einer Party eingeladen, und er hatte mir am Ende des Abends (der sehr lang wurde!) von diesem Buch erzählt, seinem neuesten. Er hatte mich sehr neugierig auf dieses Buch gemacht. Heute Morgen lag es im Briefkasten, ich habe es gleich in meine Tasche gesteckt, um es sobald wie möglich zu lesen, und genau das tue ich jetzt. Aber ich komme nicht weit. Zum einen ist die Sprache etwas anstrengend, voller langer, verschachtelter Sätze, auf die ich mich jetzt kaum konzentrieren kann, zum anderen bin ich mit meinen Gedanken ganz einfach woanders, bei dieser Frau, dem Parfum, meinen Erinnerungen, die mich jetzt beschäftigen, sodass ich das Buch wieder zuklappe und zurück in die Tasche stecke. Ich werde es später lesen, ganz bestimmt. Meine Mutter meinte es aber offenbar ernst mit dem neuen Mann. Vielleicht hätte ich doch besser aufpassen sollen, als sie von ihm erzählte. Wie ernst er es meinte, wurde mir auch bald klar. Er kam aus Holland, genauer gesagt aus Amsterdam, hieß Tom und hatte Familie, wollte sich jedoch für meine Mutter von ihr trennen.
„Das geht aber schnell“, meinte meine Oma. „Ihr kennt euch seit ein paar Tagen, oder? Und da will er sich schon Hals über Kopf von seiner Familie trennen?“
Meine Mutter wies darauf hin, dass sie darauf bestehe, dass er sich nicht nur trennt, sondern sich in Amsterdam eine Wohnung sucht und als Beweis dafür, dass er sie wirklich will, ein Jahr allein lebt, bevor sie zusammenziehen würden. Ein Jahr allein, das hieß auch: ein Jahr keinen Körperkontakt, keinen Sex. Das wusste ich mit meinen noch nicht einmal sieben Jahren natürlich nicht, erfahren habe ich das erst viel später. Und genau das machte er dann tatsächlich. Er meinte es ernst. Leider. Ich bekam davon nicht allzu viel mit; hin und wieder fuhr meine Mutter zu ihm nach Amsterdam, und auch er besuchte uns zwei, drei Mal. Als ich ihn das erste Mal sah, fragte ich mich, was meine Mutter an ihm fand, mir jedenfalls schien er ein echter Onkeltyp zu sein. Er war deutlich älter als meine Mutter, trug eine furchtbare dicke schwarze Brille, wie sie damals modern war, und einen dunklen Anzug (hatte ihm womöglich meine Mutter gesagt, er solle sich einen Anzug anziehen?). Alles an ihm war etwas gesetzt, steif, linkisch. Ich hatte keinerlei Bezug zu ihm, auch wenn er sich anfangs Mühe gab, nett zu sein. Mit seinen Geschenken für mich traf er allerdings stets genau ins Schwarze; durch seine vielen Reisen waren es immer wieder ganz exotische Dinge, die er mir mitbrachte. Ich liebte auch die Barbiepuppen und ihre tollen Kleider, die er mir schenkte.
Ich dachte aber auch oft an den Vater von Klara, einen sportlichen Burschen, der viel und laut lachte und mich manchmal an den Füßen haltend durch die Luft wirbelte. So einen wollte ich, und heimlich wünschte ich ihn mir schon lange als meinen Vater. Den Onkel aus Amsterdam allerdings nahm ich nicht wirklich ernst. Nachdem er das erste Mal bei uns gewesen war, fragte ich meine Großmutter, was sie von ihm halte, und sie sagte bloß. „Warten wir es mal ab.“ Dann aber, nach einem guten Dreivierteljahr, die „Probezeit“ war fast vorbei, wurden Fakten geschaffen: Meine Mutter gedachte tatsächlich, mit mir nach Amsterdam zu gehen. Dort sollte ich auf eine internationale Schule gehen, „deine Mitschüler kommen da aus allen Teilen der Welt!“, wie sie mir sagte. Sie hatte schon alles organisiert. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte man sie nicht mehr davon abbringen. Schon gar nicht ein siebenjähriges Mädchen – auch wenn es sich dabei um ihre eigene Tochter handelte.
Es ist wirklich ein seltsamer Tag heute. Plötzlich kommen mir Gedanken, die ich ewig nicht hatte, Gedanken, Erinnerungen, die ich vergessen geglaubt habe. Ich bin dankbar für diese Erinnerungen, ich bin der Frau dankbar, der Frau mit dem Parfum, ich bin dem Zufall dankbar, dass wir vorhin zur selben Zeit in der Reinigung standen. –
Bald darauf fuhr ich das erste Mal mit meiner Mutter nach Amsterdam. Schon immer hatte ich das Zugfahren geliebt, und das war auch der einzige Grund, weshalb ich mich auf diese Reise freute: Die Fahrt mit dem Zug. Meine Mutter freute sich über meine Ungeduld, sie dachte, ich könne es kaum erwarten, endlich nach Amsterdam zu kommen, sie missverstand meine Vorfreude, die sich allein auf die Reise beschränkte und mit ihm, Tom, nicht nur nichts zu tun hatte, sondern er war nicht mehr als das notwendige Übel, das ich in Kauf nehmen musste. Und schön war sie dann auch, die Zugfahrt, nur für meinen Geschmack ein wenig zu kurz. Ich hätte drei Tage am Stück fahren können, aber leider war die Reise nach vier Stunden schon vorbei.
Woran kann ich mich erinnern, wenn ich an dieses Wochenende, es war zwei Wochen vor Heiligabend, zurückdenke? Daran, dass es viel zu heiß in Onkel Toms Wohnung war. Daran, dass ich zwar ein eigenes Zimmer habe sollte, dass dieses aber so klein war, dass ich unmöglich alle meine Spielsachen würde unterbringen können. Ich wagte nicht zu fragen, was mit dem Rest meiner Sachen geschehen solle. Daran, dass Onkel Tom und meine Mutter ungefähr zweihundert Mal darauf hinwiesen, wie schön der Ausblick von dieser Wohnung sei, schließlich könne man über ganz Amsterdam schauen, was mir ehrlich gesagt ziemlich schnuppe war. Meine Laune war dahin, und schon der Gedanke an mein winziges Zimmer machte mich traurig. Daran, dass Onkel Tom rauchte, bis mir die Tränen in die Augen stiegen, und dass er, wenn sich meine Mutter bei ihm beklagte, er solle doch mit dem Gequalme aufhören, auf den Balkon ging und die Tür dann offen stehen ließ, sodass es für eine Weile eiskalt in der Wohnung war. Daran, dass ich immer an meine Großmutter denken musste. Was würde jetzt aus ihr? Sie käme uns besuchen, sagte meine Mutter, regelmäßig würde sie kommen. Onkel Tom machte dabei ein Gesicht, als käme gerade ein Platzregen herunter, und als ich merkte, dass es ihm nicht gefiel, wenn ich von Großmutter sprach, brachte ich das Thema immer wieder mal zur Sprache. Und ich erinnere mich daran, dass ich froh war, als ich wieder im Zug nach Hause saß. Ich saß meiner Mutter gegenüber, schloss die Augen und hoffte, dass alles so bleiben würde, wie es war ...
Neben mir lässt jemand ein Glas fallen und reißt mich aus meinen Gedanken. Noch immer steht der Kuchen unberührt vor mir, auch von dem Kaffee habe ich kaum etwas getrunken. Ich trinke einen Schluck, er ist bloß noch lauwarm. Als ich aus dem Fenster sehe, erschrecke ich, denn im selben Moment läuft die junge Frau aus der Reinigung vorbei. Es hat inzwischen wieder zu regnen begonnen, und mir fällt sofort ihr auffälliger Schirm auf, rot mit gelben Punkten. Und natürlich ihr Kleid. Sie hat wirklich ein Faible für Farben. Die Frau sieht mich nicht, und im nächsten Moment ist sie auch schon wieder verschwunden.
*
Ich stecke das Buch zurück in die Tasche, bleibe noch eine Weile sitzen, sehe in den Regen hinaus, und denke wieder an Amsterdam und die erste Zeit dort. Es war, als wäre ich aus einem Traum gerissen. Die Kindheit war vorbei, so muss man es wohl sagen. Ich kannte natürlich niemanden in dieser Stadt, auf dieser Schule, alles war neu, alles war anders. Meine Mitschüler zogen sich anders an als ich, sie kamen aus überwiegend reichen Familien – ihre Eltern waren Botschafter, Richter und so weiter –, sie benahmen sich anders, und ich hatte das Gefühl, am völlig falschen Platz zu sein. Hier gehörte ich jedenfalls nicht hin, und ich wollte auch nicht hierhergehören. Was sollte das alles? Ich vermisste meine Freundinnen, mein Zimmer, den Garten, ich vermisste vor allem meine Großmutter. Ja, ich vermisste sogar den Vater von Klara, jedenfalls immer dann, wenn mein Stiefvater einmal mehr deutlich machte, dass er zu der Sorte Mensch gehörte, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Er war nicht nur streng und ungeduldig und mit einer guten Portion Humorlosigkeit ausgestattet, sondern er gab mir auch zu verstehen, dass ich ihm im Weg war. Amsterdam war eine andere Welt, in die ich hineingeschubst worden war und die mich lange völlig befremdete.
In der Schule war ich nicht unbedingt beliebt. Ich war die Neue, die belächelt wurde, weil sie aus der norddeutschen Provinz kam. In meiner Klasse gab es ein Mädchen, Lucy, die die Älteste war und die Mädchengang anführte. Sie war groß und stämmig und eine gute Schülerin dazu. Sie hatte alles, was man brauchte, um sich als Anführerin zu behaupten. Ihr Wort war Gesetz. Mir hingegen genügte ein einziger Satz, um mich als potenzielle Bewerberin für eine Aufnahme in die Gruppe zu disqualifizieren. Ein einziger falscher Satz sorgte dafür, dass ich dort blieb, wo ich war: draußen. Und das kam so:
Es war Frühling und schon ziemlich warm. Lucy und drei, vier Freundinnen standen auf dem Schulhof, man hörte sie immer wieder mal lachen, und ich ging zu ihnen; noch immer hoffte ich, dass sie irgendwann erkennen würden, dass ich eigentlich ganz in Ordnung war. Vielleicht war ja jetzt der passende Moment, um es ihnen zu beweisen.
Ich stellte mich also dazu, und zuerst lief es auch ganz gut, jedenfalls forderten sie mich nicht auf, zu verschwinden, stattdessen erzählte Lucy davon, dass ihr Vater ihr in Kürze ein neues Fahrrad kaufen wolle, und schilderte in allen Einzelheiten, wie das Rad aussah. Plötzlich landete ein Marienkäfer auf ihrer Hand, sie erschrak sich und schüttelte ihn ab, als hätte sie Angst, dass er sie stechen könnte. Doch dabei blieb es nicht: Kaum sah sie ihn auf dem Boden liegen, trat sie mit dem Fuß darauf und meinte nur: „Pfannkuchenkäfer!“ Die anderen lachten. Ich war erschüttert. Automatisch, ohne zu überlegen, rief ich: „Das kannst du doch nicht machen!“ Sechs Wörter, die mich direkt und auf schnellstem Wege ins Weltall katapultierten, denn so weit weg war ich von jetzt an von den anderen. Ich war Luft für sie. Ich war nicht mehr da.
