Highway to Hel - Ulrike Serowy - E-Book

Highway to Hel E-Book

Ulrike Serowy

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Beschreibung

Der sympathische Bummelstudent Max hat einen makabren Nebenjob: Er sieht Toten beim Totsein zu. Eines Tages gerät er in eine besonders bizarre Lage: Eine junge Frau wacht in ihrem Sarg auf und Max ist der Einzige, der ihr helfen kann. Von da an gilt es für die beiden, ein paar lebenswichtige Fragen zu klären: Was hat Claire überhaupt in diesem Sarg zu suchen? Was ist dieser Vegvísir, der andauernd auftaucht? Und warum sollte man im Jenseits immer eine Salami zur Hand haben? Auf der Jagd nach Antworten geraten die beiden immer wieder in skurrile Situationen und reisen von Köln über Berlin bis nach Island, wo sie bis in die Totenwelt hinabsteigen müssen, um Claire ganz zurück ins Leben zu holen.

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis
CoverImage
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Ulrike Serowy

Highway to Hel

 

Ulrike Serowy

Impressum

 

Impressum

 

Juli 2024

© Edition Outbird, Gera

www.edition-outbird.de

 

Coverfoto: Rory Hennessey

Covergestaltung: Thor Joakimsson, Tristan Rosenkranz

Lektorat: Vanessa-Marie Starker, Tristan Rosenkranz

Buchsatz: Danilo Schreiter, Telescope Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

Für Siggi und Tóta –

und für T.

Wuppertal

 

Vielleicht hätte er doch nicht den erstbesten Job annehmen sollen. Wenn er nicht so bräsig gewesen wäre und noch ein bisschen weitergesucht hätte, dann hätte sich bestimmt noch was Besseres ergeben. Was Besseres als das hier. Oder wenigstens was Anderes, das würde ja fast schon reichen.

Max hatte die Arme auf den Schreibtisch gestützt und presste das Kinn in die Hände. Er schaukelte im Bürostuhl hin und her, angespannt und lethargisch zugleich. Dann ließ er seinen Zeigefinger widerwillig auf die Haupttaste plumpsen, um die Bildschirme upzudaten. Alles ruhig. Er seufzte. Gut so, alles andere wäre auch … ja ... keine Ahnung, wie das wäre, oder was dann wäre. Dieser Job war ohnehin schon bizarr genug, extremlangweilig und extrem nervenaufreibend zugleich, deswegen wusste Max nicht, ob er sich tatsächlich mehr Action wünschen sollte. Am besten wäre es wahrscheinlich, einfach zu kündigen. Aber 25 Tacken pro Stunde bekam man nun wirklich nicht in jedem Studentenjob. Trotzdem. Er könnte auch Nachhilfe geben oder als Kabelträger irgendwo durchs Bild stolpern, Nachtschichten an der Tankstelle schieben oder einfach in einem ganz normalen Büro arbeiten. Oder, oder, oder… Aber das hier… Er sah auf die Uhr, gleich halb vier. Nachts. Das hieß Nachtzulage. Sonntags gab es sogar noch Extrazuschläge, da ging er mit 35 Euro die Stunde nach Hause. Die Schicht endete um halb sechs, dann kam die Ablösung.

Er rutschte in seinem Bürostuhl hin und her und versuchte, sich gleichzeitig bequem und aufrecht hinzusetzen. Vielleicht würde es helfen, das Ganze möglichst professionell und gelassen zu sehen, sich in seine Rolle einzufinden. Schließlich bezahlte man ihn dafür, dass er hier Wache hielt und auf die aufpasste, die das selbst nicht mehr konnten. Also sollte er sich wohl … wie sagte man… er sollte sich ermannen. Schönes Wort, könnte von Christian sein. Entschlossen drückte Max noch mal auf den Update-Knopf und zwang sich, die Bildschirme eingehend zu betrachten. Aber es tat sich nichts. Rein gar nichts. Wie immer. Und wie immer verging die Zeit quälend langsam. Max versuchte, seine Konzentration beizubehalten, gegen Langeweile und Widerwillen gleichzeitig zu kämpfen, aber das Starren ließ seine Augen brennen, und das leise Summen der Mikrofonboxen und das blassblaue Bildschirmflimmern schläferten ihn unerbittlich ein.Einzuschlafen war die größte Todsünde, die man als Guardian Angel begehen konnte, der Kündigungsgrund Nummer eins. Aber Max fühlte, wie ihm der Sandmann auf die Lider drückte. Er versuchte vergeblich, sich gegen den Schlaf zu wehren, und war bald weggepennt.

Mit einem Mal fuhr er auf. „Ah! Hilfe! Wer ist da, was ist los? Drück den Alarmknopf!“, rief Max, halb wach, halb noch im Schlaf. Da war plötzlich Lärm gewesen, und etwas hatte ihn gepackt und geschüttelt.

„Max! Max! Wach auf! Haltung bewahren!“, rief da eine andere Stimme. Voller Schrecken gab Max noch ein paar halb­unterdrückte Schreie von sich, dann wurde er sich bewusst, wo er sich befand, und dass es bloß Christian war, der vor ihm stand und an seiner Schulter rüttelte.

„Mann, du bist das nur. Du hast mich fast zu Tode erschreckt!“

Christian schnaubte durch die Nase und verzog den Mund zu einem halben Grinsen. Das wiederum war bemerkenswert, denn Christian hatte es eigentlich nicht so mit dem Lachen. Dafür tat er eine Menge Dinge, auf die Max selber nicht so viel Wert legte. Christian hatte ein Buch unter den Arm geklemmt: Die Geschichte des Todes von Philippe Ariès.

„Hab ich dich erschreckt? Entschuldige bitte. Das war nicht meine Absicht.“ Das war offensichtlich eine Lüge, und es war genauso offensichtlich, dass Christian wusste, dass Max es wusste, denn sein Grinsen verbreiterte sich noch ein wenig. Dann wurde er wieder ernst und geschäftig und begann routiniert mit dem obligatorischen Übergabegespräch. Christian liebte diesen Job.

„Alles ruhig geblieben heute.“ Er schaute prüfend auf die Bildschirme, besah sich eingehend einen nach dem anderen. Dabei wechselte sein Ausdruck, mal runzelte er mahnend die Stirn, mal blickte er milde drein.

„Jaja, alles ruhig. Wie immer eigentlich.“

„Gab es außergewöhnliche Zwischenfälle.“ Er stellte seine Fragen so geraderaus und routiniert, dass sich die Fragezeichen überflüssig vorkamen und ihren Einsatz verpassten.„Nein, keine außergewöhnlichen Zwischenfälle.“

„Notsituationen.“

„Nein, auch keine Notsituationen. Es war alles ruhig, so wie immer.“

„Ja, wie immer. Schade eigentlich, oder?“ Christian drehte sich wieder zu ihm um und lächelte, prüfend und versonnen zugleich.

„Naja, ich weiß nicht. Ich finde es ganz okayso, wenn es ruhig bleibt. Aber vielleicht hast du ja Glück heute.“ Max konnte sich die Spitze nicht verkneifen, aber Christian schien seinen Unterton nicht bemerkt zu haben. Er seufzte ein wenig wehmütig. „Nun ja. Man weiß nie. Aber ich mache es mir jetzt hier gemütlich. Du kannst gehen.“ Er ließ sich auf den Stuhl sinken, aus dem Max eben aufgestanden war, und drückte noch einmal die Updatetaste. Als nichts zu sehen war, langte er nach der Fernbedienung der Musikanlage und drückte darauf herum, bis vielstimmiger sakraler Männergesang mit jazzigen Saxophoneinsprengseln das Büro erfüllte. Er warf einen Seitenblick auf Max, der noch etwas unschlüssig herumstand. „Du fragst dich sicher, was das für Musik ist. Das sind Jan Garbarek und das Hillard Ensemble. Officium. Das sagt dir wahrscheinlich nichts. Solltest du dir mal in Ruhe anhören. Könnte dir nicht schaden.“

„Ja, danke. Kann ich ja mal machen.“ Max hatte sich eigentlich gar nichts gefragt, aber auch das störte Christian nicht weiter. Er schlug sein Buch auf und versank auf der Stelle darin. Max konnte die Kapitelüberschrift sehen: Erstes Buch – Die Zeit der Ruhenden.

„Okay, dann, ich bin dann mal weg. Hab ne gute Schicht.“

Christian antwortete nicht mehr.

 

Max verließ den niedrigen Betonbunker, in dem die Firma sich eingenistet hatte. Es war die achte Filiale im Land. Innerhalb von zwei Jahren hatte sich das Unternehmen exponentiell vervielfacht, oder so. Auf jeden Fall war es rasend schnell gewachsen und bot optimale Jobchancen für Bummelstudenten wie ihn, und für nekro-bibliophile Nachteulen wie Christian. Max schloss sein Rad los und sah sich noch einmal um. Neben der Eingangstür prangte das Firmenschild, klinisch weiß mit dem bewusst Vertrauen erweckenden Logo in himmelblau und lindgrün (eine Sanduhr und eine Sense hätten eigentlich besser gepasst, dachte er), und dem Namen, den Max ein bisschen zu martialisch fand: Guardian Angels – we wake while they sleep. Die Arbeit hätte wirklich nicht einfacher sein können. Und nicht verstörender. Im GuardianAngels-Büro gab es zwei Wände voller Bildschirme, davor ein Board mit Tastaturen, Mikrofonen, Kontroll- und Updateknöpfen und einem Telefon mit Direktverbindung in die Berliner Zentrale. Zwei Bildschirme gehörten jeweils zusammen, und zwei Bildschirme gehörten jeweils zu einem Toten. Oder, wie es im Guardian Angels-Sprech hieß, zu einem „Klienten“.

Auf die Bildschirme, denen Max in seiner Schicht gegenübersaß, waren die Gesichtskameras geschaltet. Jeder der Klienten wurde rund um die Uhr per Sargkamera überwacht, für fünf Tage. Danach wurden die Kameras ausgeschaltet. Aber bis es so weit war, hatten die Mitarbeiter von Guardian Angels genug Zeit, dem Tod ins Gesicht zu sehen. Rechts von ihm flimmerte die zweite AbteilungBildschirme, oder besser: flimmerte nicht, denn auf ihnen war die Herzfrequenz der „Klienten“ zu sehen – fünf gerade Linien auf fünf Bildschirmen, die für immer ins Leere liefen.

Max’ Job bei Guardian Angels war denkbar einfach: Die Angestellten mussten wirklich nichts anderes tun, als zuzugucken. Den Toten beim Totsein zugucken. Alles Ungewöhnliche mussten sie umgehend an die Zentrale in Berlin melden, von wo aus der automatisierte Teil der Überwachung stattfand.

Die Zentrale spielte in regelmäßigen Abständen Tonsignale in den Särgen ab. Sirenentöne, die Lieblingsmusik des Verstorbenen, oder die Stimmen der Angehörigen, alles, um zu prüfen, ob die Klienten auf akustische Reize reagierten. Außerdem waren die Mikrofone in den Särgen rund um die Uhr aktiv und auf die Lautsprecher in der Filiale geschaltet. Die Stille im Büro kam also direkt aus den Gräbern.

Sollte sich in einem der Särge etwas tun, waren die Mitarbeiter angehalten, auf einen der großen roten Alarmknöpfe in der Mitte des Kontrollboards zu drücken; für jeden der Klienten gab es einen. Drückte man diesen, dann wurde daraufhin das jeweilige Notfallprogramm gestartet. Gleichzeitig wurde eine Meldung an die Zentrale abgesetzt, von wo aus die Behörden, der Notarzt und der Totengräber informiert wurden, und wer sonst noch nötig war, um jemanden zu retten, der lebendig begraben war.

Aus der Filiale konnte man sich in die Mikrofonschaltung zwischen Berlin und den Särgen einklinken. Das sollte eigentlich nur im Notfall geschehen, aber Jens, der IT-Nerd unter den Kollegen, hatte es fertiggebracht, die Schaltung zu manipulieren, und so konnte man von hier aus die Übertragung nach Berlin stumm stellen und vor Ort so viel Blödsinn machen, wie man wollte.

Christian spielte über das Mikrofon gerne Bach oder Requien von unbekannten Komponisten in die Särge ein. Zuletzt hatte Max im CD-Player des Kontrollboards noch Andrea Luchesi – Requiem e Dies Irae von 1771 gefunden. Christian war der Meinung, dass wenigstens die Toten sich nicht vom postfaktischen Schund unserer Zeit belästigt fühlen müssten und stattdessen nur noch in den Genuss wahrer Hochkultur kommen sollten. Wie auch immer. Kollege Timo ließ gerne Death Metal in den Särgen laufen und lachte sich jedes Mal darüber schlapp, dass er den Toten „echte Totenmusik“ vorspielen könnte und dass er endlich mal „Leute mit Geschmack“ gefunden hätte. Letztens beim Schichtwechsel hatte er eine CD mit gruseligem Cover und unleserlichen Buchstaben vor Max’ Nase geschwenkt und dabei über beide Backen gestrahlt. „Hier, guck mal, Lurking Among Corpses von Gorgosaur! Das passt doch super!“ Max spielte nie Musik in die Särge ein; er ließ einfach das Campusradio laufen und versuchte, so wenig wie möglich auf die Stille hinter den jungen Plauderstimmen zu achten.

Vor ungefähr drei Jahren hatte es kurz nacheinander zwei Fälle von vorzeitigen Begräbnissen gegeben – zumindest war es das, was die Presse daraus gemacht hatte. Eigentlich war nur ein Fall wirklich eine übereilte Beerdigung gewesen. In Japan war eine Frau in eine Art Schockstarre verfallen und für tot erklärt worden; ihr Bruder hatte sie bei einem Besuch auf dem Friedhof aus dem Sarg rufen und klopfen gehört und das Grab daraufhin sofort öffnen lassen, aber es kam dann doch jede Hilfe zu spät. Im zweiten Fall hatte eine exzentrische reiche Dame aus Schottland ein Handy mit ins Grab genommen und, für den Fall der Fälle, den Friedhof in Edinburgh mit W-LAN und hervorragendem Netzempfang ausstatten lassen. Von diesem Telefon aus hatte es kurz nach ihrer Beerdigung tatsächlich einen Anruf gegeben (bei ihrem Immobilienmakler), aber als man ihr Grab öffnete, fand man die alte Dame friedlich ruhend vor, bzw. mausetot. Warum das Telefon geklingelt hatte, ließ sich nicht eindeutig erklären. Man vermutete, dass es an einer fehlerhaften App lag. Trotzdem: Die mediale Aufregung über die beiden Fälle hatten die Gründer von Guardian Angels geschickt genutzt und ihr Unternehmen auf einer Welle der Hysterie reitend groß gemacht. Angefangen hatte das Ganze als kleines Start-up, aber es hatten sich schnell Investoren gefunden, die bereit waren, eine Menge Asche in das Geschäft mit dem Tod zu stecken. Guardian Angels bot seinen meist gut betuchten Kunden die totale Rundum-Versicherung gegen die Schrecken einer vorzeitigen Bestattung an, beziehungsweise: gegen deren Folgen. Wer das volle Programm gebucht hatte – es trug den klangvollen Namen REQUIESCAT IN PACE – bekam einen Sarg mit Video- und Vitalfunktionsüberwachung, mit Mikrofon und Licht, und, am wichtigsten, einem Sauerstofftank, der von der Filiale aus aktiviert werden konnte. Die Gräber der Guardian Angels-Kunden waren vergleichsweise locker mit Erde bedeckt, und auch die Särge selbst ließen sich leicht öffnen. Davon konnten sich die Kunden bei einem Termin zum Probeliegen gerne persönlich überzeugen, und für die Mitarbeiter gehörte das Probeliegen sogar zur Einarbeitung. Sollte es einmal zu einem Notfall kommen, das heißt, sollte tatsächlich jemand aus seiner Totenruhe erwachen, dann würden die Guardian Angels sofort für genügend Licht und Sauerstoff und einige beruhigende Extras im Sarg sorgen. Und natürlich würde sofort jemand zur Rettung des Klienten losgeschickt, das versicherte der äußerst schicke Hochglanzprospekt des Unternehmens.

Natürlich war das alles totaler Quatsch. In 99,999999 Prozent wurde der Tod einer Person einwandfrei festgestellt, bevor es unter die Erde ging. Also, im Klartext, immer. Dass das Geschäft trotzdem so gut lief, lag vor allem an der guten Marketingstrategie von GuardianAngels, die einer dem Tod und dem Sterben vollkommen entfremdeten Gesellschaft die Illusion von Kontrolle bis über das Ende hinaus vorgaukelte. Zudem war es in der dauervernetzten Gegenwart fast undenkbar geworden, nicht ständig erreichbar zu sein. Wer noch im Netz war, der war auch lebendig, irgendwie; und Guardian Angels befand sich gerade mit verschiedenen Onlinekonzernen in Verhandlungen über Liveschaltungen direkt ins Grab. Dann wäre es möglich, das eigene Monitoring direkt in die sozialen Netzwerke einzuspeisen und so für seine „Freunde“ sichtbar zu bleiben– das war zwar noch Zukunftsmusik, aber so oder so blieb noch genug zu tun für Unternehmen wie GuardianAngels, und folglich auch für Max.

Aber für heute hatte er genug von den Toten. Max schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr in den dunklen, feuchtkalten Herbstmorgen. Von der Filiale brauchte er gut zwanzig Minuten bis zu seiner WG. Die Wohnung lag in einem nüchternen Fünfzigerjahre-Bau, der an einer breiten Durchgangsstraße stand. Max stellte das Rad vor der Tür ab, schloss auf und ging durch die schmucklose Eingangshalle, stieg dann die hellgrau geflieste Treppe nach oben in den dritten Stock. Der Nachbar von ganz oben schloss anscheinend gerade seine Tür ab, das Schlüsselklingeln hallte gut vernehmlich durch das Treppenhaus. In den anderen Wohnungen war noch alles still. Max schloss die WG-Tür auf und bemühte sich jetzt ganz besonders, möglichst leise zu sein. Auch wenn der Rest des Hauses bald aufwachen würde, standen seine Mitbewohner eher selten so früh auf. Annika studierte Musikpädagogik, steckte die meiste Zeit aber in freie Jugendarbeit mit Theater, Jonglage und Gruppendiskussionen, und David machte grade ein „Surfpropädeutikum”, wie er esnannte – das hieß, er jobbte das Semester über bei einem Metallunternehmen und sparte das viele Geld, das er dort scheffelte, für seinen nächsten Surftrip nach Australien. Mit Elektrotechnik wollte er sich erst nach den nächsten Semesterferien wieder beschäftigen, vielleicht. Beide gingen ihr Studium also eher entspannt an, und Max wollte sich mit seinem Geographiestudium genauso wenig stressen. Eigentlich. Zumindest war das der Plan, und das war bislang der einzige, den er hatte. Aber keine Panik. Er würde das schon schaffen. Und danach würde sich schon was ergeben. Irgendwie. Es stand ihm ja alles offen. Es gab so viele Möglichkeiten, er konnte ja wirklich alles machen, er musste nur die Chancen ergreifen, die vor ihm lagen. Einfach sein Bestes geben. Flexibel sein. Kreativ sein. Die Initiative ergreifen. Max schüttelte sich unwillkürlich. Nein, er hatte geradewirklich keinen Bock auf dieses Gedankenkarussell. Er streifte seine Schuhe ab, warf seine Jacke über den Kleiderhaken und schlurfte in die Küche, ohne das Licht anzuschalten. Hier herrschte das übliche WG-Chaos, Krümel auf dem Tisch, schmutziges Geschirr in der Spüle und offene Holzregale, aus denen Verpackungen unbestimmbaren Alters hervorquollen. Max nahm sich ein Glas vom Regal und füllte es mit Wasser aus dem Hahn. Mit warmem Wasser. Er drehte sich um und lehnte sich ans Spülbecken, während er trank. Das Flurlicht fiel bis auf seine Socken. War das eigentlich irgendwie weichlich, gerne warmes Wasser zu trinken? Der Gedanken kam und ging auch gleich wieder. Max war tierisch müde und nicht so richtig in Grübellaune. Er stellte das Glas ab und ging quer über den Flur in sein Zimmer. Auch hier ließ er das Licht zunächst aus, stieg über seine Uni-Tasche und einen Haufen von Bibliotheksbüchern und schaltete die Nachttischlampe ein. Max setzte sich aufs Bett und zog die Hose aus. Ach verdammt, Zähneputzen vergessen. Er hauchte in die hohle Hand. Naja. Er hatte heute zwar kein Date mehr, aber schaden konnte es nicht, mal übers Gebiss zu bürsten. Im Spiegel sah er sein Gesicht, müde und weich, irgendwie konturlos, obwohl er immer einen ordentlichen Bartschatten stehen ließ. Seine dunkelblonden Locken standen verwuschelt vom Kopf ab und seine Haut wirkte wächsern, bleich. Kein Wunder, nach sechs Stunden Toten-TV. Er putzte sich schnell die Zähne und ging zurück in sein Zimmer. Das Handy zeigte inzwischen viertel nach sechs. Na super. Morgen musste er um halb elf an der Uni sein, und diesmal durfte er wirklich nicht fehlen. Nein, nicht morgen. Heute. Max seufzte und stellte den Wecker auf halb zehn, dann ließ er sich ins Bett fallen.

 

„Max?“ Es klopfte an der Tür. Noch mal. „Max? Bist du wach?“ Klopf klopf.

„Hm, ja?“ Max glitt langsam aus der Dämmerung des Halbschlafs und hob den Kopf so wenig wie möglich. Die Tür öffnete sich und Annika steckte den Kopf ins Zimmer. „Guten Morgen! Ich dachte ich weck dich jetzt doch mal, bevor du noch den ganzen Tag verpennst.“ Sie strahlte ihn an. „Kaffee?“

„Ja, ja klar. Gerne.“ Max kratzte sich am Kopf und gähnte. „Wie spät ist es denn?“

„Kurz nach elf.“

Mit einem Satz war Max aus dem Bett. „Was?! Scheiße! Ich muss sofort zur Uni!“

Annika öffnete die Tür ein bisschen weiter und lehnte sich an den Türrahmen, während Max hektisch in seine Hose stieg und sich einen Pulli vom Schreibtischstuhl schnappte. „Wieso, was ist denn heute so Wichtiges?“

„Da ist so ein Kurs für Abschlussarbeiten, da musste ich unbedingt hin, und der hat schon um halb elf angefangen. Scheiße! Ich verlier noch meinen Platz. Wieso hat der blöde Wecker nicht geklingelt?“ Max raffte seine Sachen zusammen und drückte sich an Annika vorbei in den Flur, stieg gleichzeitig in die Schuhe und warf sich die Jacke über.

„Häh? Vielleicht hat er ja geklingelt, und du hast es einfach nicht gehört?“

„Was weiß ich! Du hättest mich ja auch mal eher wecken können!“

„Ernsthaft? Ich bin doch nicht deine Mami! Woher soll ich bitte wissen, wann du in die Uni musst?“ Annika funkelte ihn böse an. Sie drehte sich auf dem Absatz um, verschwand in ihrem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Sie hatte recht, woher hätte sie das wissen sollen?

„Sorry, war nicht so gemeint!“, rief Max ihr nach. Er überlegte kurz, ob er ihr hinterher gehen sollte, sich entschuldigen, aber er hatte wirklich keine Zeit, er musste sofort los. „Tut mir leid! Echt! Ich muss jetzt weg, bis später! Sorry!“, rief er noch mal über den Flur. Keine Antwort. Na toll, jetzt hatte er gleich doppelt Mist gebaut. Max lief nach unten und schwang sich aufs Rad. Zehn Minuten später war er an der Uni und lief keuchend zum Seminarraum. Die Uhr am Ende des Flurs zeigte halb zwölf. Um zwölf wäre das Seminar vorbei, aber Max durfte seinen Platz auf keinen Fall verlieren. Er atmete tief durchund öffnete die Tür.

„…Sie sehen also, dass Formalitäten bei Ihren Arbeiten durchaus notenentscheidend sein können…“ Der Dozent beendete den Satz mit einem überraschten Aufwärtsbogen in der Stimme und wandte sich zur Tür, zu Max. „Das Seminar ist noch nicht zu Ende, warten Sie bitte draußen.“

Max fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss und seine Hände schwitzig wurden.„Entschuldigung, ich bin zu spät. Eigentlich wollte ich zu Ihnen ins Seminar. Ich stehe auch auf der Seminarliste. Max Krämer heiße ich.“

Der Dozent rückte seine Brille zurecht und sah mit einem fiesen kleinen Lächeln auf seine Liste. „Aha. Dann wollen wir mal sehen. Wie war noch gleich der Name?“„Krämer. Max.“ Max war heiß, und er schwitzte. Im Seminarraum saßen gut dreißig Leute und alle starrten ihn an, manche mit trägem Gleichmut, andere mit unverhohlenerEskalationsgier.

„Krämer, Krämer. Ach ja, hier. Krämer, Max Valentin. 14. Semester. Sind das Sie?“

Max schluckte. „Ja, das bin ich.“

„Ich habe Sie hier schon ausgetragen. Weil Sie ja nicht anwesend sind.“

„Ja, es tut mir leid. Ich muss unbedingt noch teilnehmen, ich brauch den Kurs ganz dringend.“

Der Dozent sah Max schräg von unten an. „Ihnen ist aber schon bewusst, dass in meinem Seminar eine unbedingte Anwesenheitspflicht besteht?“

„Ja, das weiß ich. Es tut mir leid, ich habe verschlafen und…“ Max biss sich auf die Zunge. Das klang gar nicht gut, und der Dozent grinste auch gleich noch ein bisschen breiter.

„So so. Verschlafen. Nun ja, Studentenleben kann zur Gewohnheit werden, nicht wahr?“ Der Dozent zwinkerte Max zu. Lacher aus dem Plenum. „Und Sie sagen, Sie brauchen das Seminar unbedingt?“

„Ja, ich wollte bald die Abschlussarbeit schreiben.“

„Ihre Masterarbeit nehme ich an? Oder meinen Sie die Bachelorarbeit?“

Max schluckte wieder. Was für ein mieses Verhör. „Bachelor.“

„Wollen Sie sich dann auch bei mir prüfen lassen?“

Max holte Luft aber er kam nicht mehr dazu, zu antworten. Der Dozent wies mit einer knappen Geste auf einen freien Platz. „Lassen wir das erst einmal. Setzen Sie sich. Sie können im Kurs bleiben, auch wenn Sie bereits einige wichtige Grundlagen verpasst haben. Das können Sie gerne durch eine kleine Zusatzaufgabe wieder einholen, sagen wir mal, Sie schrei­ben einen kurzen Essay über die Bedeutung und Wirkung von Layout und Formatierung universitärer Abschlussarbeiten. Bitte mit Literaturangaben, Fußnoten etcetera, mindestens fünf Seiten Fließtext, Times New Roman 12 pt oder Arial 11 pt. Einverstanden? Ach, und bitte lassen Sie sich dabei besser nicht von irgendeiner künstlichen Intelligenz helfen. Ich werde die Arbeit bei Abgabe ausführlich mit Ihnen durchsprechen, da sollten Sie besser selbst der Verfasser sein.“

Max nickte ergeben. Der Dozent kritzelte etwas auf seine Liste und Max setzte sich unbeholfen auf einen freien Platz. Am liebsten wäre er mitsamt dem Stuhl im Boden versunken; stattdessen holte er seinen Block aus der Tasche und begann, alles, was der Dozent noch von sich gab, mitzuschreiben. Er bemühte sich, den Blick nicht mehr zu heben, bis das Seminar vorbei war.

 

Nach der Uni fuhr Max heim. Er wollte sich bei Annika entschuldigen und klopfte an ihre Tür, aber es kam keine Antwort. Wahrscheinlich war sie nicht da, genau wie David, dessen Zimmertür offenstand. Max ging in sein eigenes Zimmer. Er sollte echt mal Ordnung schaffen. Max nahm den Laptop vom Schreibtisch, legte ihn aufs Bett und schaltete ihn ein, dann ging er wieder in die Küche und schaute nach, was noch zu Essen da war. Das Ergebnis war ernüchternd – alter Frischkäse und ein paar Nudeln von gestern. Aber im Gefrierfach fand er die Rettung: Eine Salamipizza, die er umgehend in den Backofen schob. Während Max auf die Pizza wartete, sah er sich eine Viertelfolge seiner Lieblingsserie an, dann holte er die Pizza aus dem Ofen und schaute beim Essen den Rest, im Bett, den Laptop auf dem Bauch und den Pizzateller neben sich. Als er fertig war, schob er beides von sich und blickte zu seinem Bass, der in der Ecke wartete. Wie spät war es jetzt? Zwei. Um sieben begann die Probe, bis dahin war noch ewig Zeit. Max rollte sich auf die Seite. Er wollte ja noch Bass üben. Und er könnte auch noch was für die Uni machen. Könnte er. Aber eigentlich hatte er eine viel bessere Idee. Max griff nach seinem Handy und stellte zum zweiten Mal an diesem Tag den Wecker.

Kurz vor halb sieben wachte er auf, ganz von alleine. Wieder nichts geschafft, so ein Scheiß. Er fühlte sich dämmrig, neblig und bematscht, aber immerhin war er nicht mehr so todmüde wie heute Nachmittag. Max packte seinen Bass ein und verließ die Wohnung, diesmal mit Vorfreude, obwohl er das mit dem Üben schon wieder nicht geschafft hatte. Aber zusammen Musik machen war einfach immer gut. Zur Probe fuhr er allerdings mit dem Auto, denn der Proberaum lag in einem Gewerbegebiet am Rande der Stadt.

Max betrat den Betonblock, ging durch den lichtlosen Flur und steuerte den Proberaum an, aus dem bereits Musik drang. Er öffnete die Tür. Jonas, der Gitarrist, und Paul, der Drummer, waren schon dabei, über ein neues Riff zu jammen. Wer noch fehlte, war Marek, der Sänger. Marek schrieb großartige schnoddrige Texte, über das verwirrende Leben und die Schwierigkeiten mit der Liebe und dem Dasein als solchem. Außerdem sah er ziemlich gut aus, zumindest behauptete Annika das. Max musste neidlos anerkennen, dass Marek groß und gut gebaut war und dass er seine Texte mit einer leicht versoffenen, lakonisch klingenden Reibeisenstimme sang, die bei Frauen anscheinend wirklich gut ankam. Das Problem mit Marek war nur, dass er es mit dem Weltschmerz manchmal zu ernst nahm.Dann schloss er sich tagelang zu Hause ein, betrank sich und schrieb Texte und Gesangsmelodien, die er gleich wieder löschte, weil er unzufrieden war mit sich und allem und überhaupt. Wenn er in so einer Stimmung war, tauchte er meist auch nicht bei den Proben auf. Und auf Auftritte hatte er dann erst recht keinen Bock. Paul und Jonas hörten auf zu spielen.

„Hi, Max!“

„Hi! Alles klar?“

„Ja, und selbst?“

„Kommt Marek noch?“

Jonas sah Paul an, der mit den Drumsticks auf einer Trommel leise rauschende Kreise malte. Paul sah Jonas an. „Keine Ahnung. Bei mir hat er sich nicht gemeldet.“

Jonas zuckte mit den Schultern „Bei mir auch nicht.“

Max seufzte und holte sein Handy aus der Tasche. Mit der anderen Hand schaltete er seinen Bassverstärker ein. Proben würden sie jetzt so oder so, mit oder ohne Sänger. Er rief bei Marek an und ließ es klingeln. „Das hier ist die Mailbox von Marek. Sag einfach irgendwas.“ Max widerstand dem Drang, „Einfach irgendwas!“ zu sagen und sprach aufs Band: „Hi, Max hier, wir sind im Proberaum, kommst du noch? Meld Dich. Tschau!“ Die drei sahen sich an, zuckten die Schultern und begannen den ersten ihrer vier Songs zu spielen. Himalaya. So hatten sie die Band ursprünglich nennen wollen, aber dann festgestellt, dass der Name nicht besonders genug war. Seitdem waren sie auf der Suche nach etwas Besserem. Außerdem war da halt die Sache mit Marek. Solange er sich nicht einkriegte, würde das mit der Band nie richtig Fahrt aufnehmen. Max zupfte seinen Basspart, während Drums und Gitarre durch den Song schepperten, und ließ die Gedanken treiben. Er würde schon ganz gern mal mit der Band auftreten, deswegen wäre es toll, wenn Marek besser drauf wäre. Aber er war auch niemand, der anderen Leuten groß Druck machen wollte. Das machte er bei sich selbst ja auch nicht. Und solange sie gemeinsam Spaß hatten, war doch alles in Ordnung, oder?

Marek kam nicht mehr, also brachten sie die Probe instrumental zu Ende und probierten am Ende noch mit ein paar Riffideen rum, die Jonas mitgebracht hatte. Dann war es neun geworden, und sie fuhren nach Hause, jeder in seine Richtung.

 

Max war fertig. Das Semester hatte zwar gerade erst angefangen, aber dafür war es gleich ganz dicke gekommen. Ein Referat jagte das nächste, und Max hatte eine Prüfung aus dem Frühjahr verschleppt, die er jetzt irgendwie dazwischen quetschen musste. Und dann war da noch diese verkackte Zusatzarbeit, die der Dozent ihm aufgedrückt hatte. Er war müde und erschöpft und wünschte sich eine Pause… Einfach mal seine Ruhe haben und nichts tun, ganz entspannt sein, das wär was. Ungefähr so, wie die fünf friedlichen Gesichter auf den Bildschirmen vor ihm, die – wie immer – keine Regung zeigten.Heute war Max so müde, dass er sich kaum noch gruselte, sondern beim Anblick seiner Schützlinge fast einen wohligen Frieden empfand. Besonders eine der Schlafenden sah er gerne an, auch wenn er sich dabei fast ein bisschen abartig vorkam: Es war eine junge Frau oder ein Mädchen, auf jeden Fall ein paar Jahre jünger als er, vielleicht Anfang zwanzig. Ihr Name wurde im Kontrollfenster ihrer zwei Monitore angezeigt: Claire E. H. Bielstein. Sie war heute zur Nachtschicht auf einen seiner Bildschirme geschaltet worden, das hieß, dass gestern die Beerdigung gewesen sein musste. Max seufzte. Es war komisch, so was auch nur zu denken, aber sie war schon ziemlich hübsch. Gewesen. Schade, dass sie so jung gestorben war. Aber warum eigentlich? Warum musste jemand sterben, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte? Max wurde neugierig. Eigentlich war es untersagt, ohne triftigen Grund in den Kundenakten zu schnüffeln. Auf der anderen Seite war die Zentrale weit weg, und die Abläufe in den einzelnen Filialen, die Kontrollen und die interne Aufsicht bei Guardian Angels liefen nur halb so geschmiert, wie es von außen den Anschein hatte. Er rief Claires Akte auf und begann, darin herumzustöbern.

 

Klient/in Nr. #0042

Claire Elisabeth Henrietta Bielstein, geboren am 04. Mai 2002 in Wuppertal, zuletzt wohnhaft in Köln in der Amalienstraße

Todestag: 27.10.2023

Beerdigung am: 03.11.2023

Geschlecht: weiblich

Religionszugehörigkeit: evangelisch Gläubig: nein

Eltern: Christoph Heinrich Bielstein, Richter am Landgericht Wuppertal (Vater),

Leonie Emilie Anna Bielstein, geb. v. Bahlbeek, Vorsitzende des Charity-Verbands “Herzenswünsche e.V.” (Mutter)

Familienstand der Eltern: beide verheiratet mit gegenseitigem Elternteil der Klientin; beide wohnhaft in der Viktoriastraße 18-22, Wuppertal

 

Klar, im Villenviertel. Das passte. Vater Richter und Mutter Adelige. Das Mädel stammte anscheinend aus wirklich gutem Hause. Es gab auch noch ein paar persönlichere Infos über sie:

 

Letzte Beschäftigung: Jurastudium an der Universität zu Köln, 6. Semester

Familienstand: ledig, keine Kinder

Geschwister: keine

Hobbys: Tanzen, Reiten, Segeln

Lieblingsmusik: Latin Pop, Techno, House

Lieblingsfarbe: türkis, weiß, pink

Lieblingsduft: frisch gebrühter Kaffee, Hyazinthen, Orangenblüten

 

Max lehnte sich zurück. All diese Infos hatte Guardian Angels zusammengetragen, um im Falle des Falles angemessen reagieren zu können. Das Aufwach-Notprogramm wurde auf jeden Klienten zurechtgeschneidert, jeder sollte mit den Sinneseindrücken „im Leben begrüßt werden“, die ihr oder ihm die größte Freude bereiten würden.

Max stellte sich vor, wie der Filialchef mit Claires Eltern im Büro gesessen und dem schluchzenden Ehepaar Frage auf Frage nach der eben verstorbenen Tochter gestellt hatte, so, als wäre sie noch lebendig und als würde man bloß eine Überraschungsparty für sie planen.

Aber woran war sie denn nun gestorben? Max scrollte ein wenig weiter nach unten. Aha, da war was. Eine Kopie des Totenscheins war als PDF hinterlegt. Max rief die Datei auf und las. Laut dem Dokument gab es keine Anzeichen von Gewalteinwirkung. Max atmete unwillkürlich auf. Er sah wieder zum Bildschirm, es war der dritte von rechts, in der oberen Reihe. Irgendwie wäre es doppelt schlimm gewesen, wenn das junge Mädchen, wenn Claire auch noch durch eine Gewalttat gestorben wäre. Wenn jemand sie einfach umgebracht hätte. Aber danach sah es laut dem Totenschein nicht aus, zum Glück. Max las weiter im Dokument und gelangte zum Abschnitt mit den vertraulichen Informationen: Bei Todesart hatte der Arzt sein Kreuzchen bei ungeklärt ob natürlicher/nicht natürlicher Tod gemacht. Max runzelte die Stirn. Stand da oben nicht, dass es ein ganz normaler Tod war? Auf der anderen Seite war es natürlich kein bisschen normal, dass ein junges Mädchen einfach so wegstarb. Max las weiter.

 

Welche Krankheit oder Verletzung hat den Tod unmittelbar herbeigeführt?

Schwerer Flüssigkeitsverlust und starker Blutdruckabfall. Behandlung nicht rechtzeitig eingesetzt (Dengue shock syndrome (DSS))

Welche Krankheiten oder Verletzungen lagen den obigen Angaben ursächlich zu Grunde?

Vermutlich Infektion mit Dengue-Virus Serotyp DENV-4

 

Max hatte keine Ahnung, was das Dengue-Fieber war und recherchierte ein bisschen herum. Aha. Das Dengue-Fieber war in tropischen und subtropischen Gebieten verbreitet und wurde durch den Stich der Gelbfiebermücke übertragen. In den meisten Fällen waren die Symptome einer normalen Grippe sehr ähnlich, mit Fieber, Kopfschmerzen, Schüttelfrost und allem, was dazu gehörte. In fast allen Fällen verlief die Krankheit harmlos und klang von selbst wieder ab, nur in ein bis fünf Prozent aller Fälle konnte die Krankheit tödlich verlaufen, mit inneren und äußeren Blutungen, Flüssigkeitsverlust und exzessivem Durst, Krampfanfällen und Schmerzen im Bauch, Pulsabfall, Blässe und kalter Haut… Max mochte gar nicht weiterlesen. Eins war klar, Claire hatte wirklich Pech gehabt. Wo hatte sie sich diesen miesen Virus denn eingefangen? Max klickte sich wieder in die Klientenakte. Dort gab es noch ein paar magere Ergänzungen zum offiziellen Totenschein.

 

Todesart: Infektionskrankheit, siehe Totenschein

Todesumstände: Infektion wahrscheinlich während einer Urlaubsreise durch Venezuela / vermutlich durch Mückenstich / mangelnde Vorsorge gegen Mückenstiche

Erwachenswahrscheinlichkeit: < 0,04 %

 

Ja, das stand immer in den Akten. Es war noch nie passiert, dass jemand aufgewacht war, und es würde auch nie passieren. Max sah wieder auf Claires Bildschirm. Sie hatte wirklich ein hübsches Gesicht, ganz zarte Haut und ein paar Sommersprossen auf Nase und Wangen. Man sah ihr gar nicht an, dass sie unter dieser Infektion wahrscheinlich wahnsinnig gelitten hatte. Nur zwischen den Augenbrauen stand eine steile Falte, die ihr etwas Entschlossenes verlieh. Wie sie wohl gewesen war im Leben? Wenn sie aus reichem Haus kam und Jura studiert hatte, dann war sie garantiert keine Rebellin, sondern jemand, der sich ins System einfügte. Freiwillig. Der das machte, was die Eltern erwarteten, und sich dabei nicht groß hinterfragte. Sie hätte nach dem Studium bestimmt eine Wahnsinnskarriere hingelegt, hätte es ihrem Vater gleichgetan und wäre Richterin oder Staatsanwältin geworden und hätte mit ihrer Entschlossenheit reihenweise Verbrecher in den Knast gebracht. Sie würde in einer luxuriösen Stadtvilla oder einem Penthouse wohnen, mit Parkett aus hundertjähriger Eiche und Marmorwaschbecken überall, sogar in der Küche. Außerdem würde sie ständig exklusive Urlaube machen und in ferne Länder fahren, aber nicht mit Rucksack und Zelt, so wie Max, der bei Urlauben immer mit seinem Studentenbudget rechnen musste. Frau Staatsanwältin Claire E. H. Bielstein würde nur in den besten Hotels nächtigen und sich auf VIP-Touren durch den Dschungel oder die Sahara Land und Leute vorführen lassen. Max fühlte Neid in sich aufsteigen. Stopp! Was für ein Scheiß. Es war vollkommen unsinnig, Claire um irgendwas zu beneiden, denn egal, welche Elitechancen oder was für einen Riesenhaufen Kohle sie gehabt hatte – sie war tot, daran gab’s nichts zu rütteln. Von einer dieser Luxusreisen war sie ja nicht mal lebendig zurückgekommen. Sie war tot, und er war am Leben. 1:0 für Max, wenn man so wollte. Sein kurzer Anflug von Neid kam ihm nun vollkommen absurd vor. Max hatte auch längst noch nicht vor zu sterben, egal wie bummelig sein Leben gerade verlief. Er hatte wirklich noch alles vor sich, und er würde das schon hinkriegen mit dem Leben. Anders als Claire, die jetzt auf seinen Bildschirm geschaltet war. Noch vier Tage lang, dann würde sich die Kamera ausschalten. Und er, Max, war der Letzte, der ihr ins Gesicht schauen konnte, bevor es ganz vorbei wäre. Dann würde nichts mehr auf sie warten. Max schauderte. Er musste sich ablenken und begann wieder, ziellos durch die Computerdokumente zu scrollen. Wie wohl seine eigene Akte aussähe? Was würde man wohl über ihn erzählen? Er öffnete eine Datei mit dem Fragebogen und begann, seine eigene Akte auszufüllen.

 

Klient Nr. #00xy

Max Valentin Krämer, geboren am 24.03.1997 in Wuppertal

Todestag:tja – keine Ahnung. So in fünfzig, sechzig Jahren, wenn alles gutging?

Beerdigung am: fünfzig-sechzig Jahre plus ein paar Tage

Geschlecht: männlich

Religionszugehörigkeit: katholisch Gläubig: nicht wirklich

Eltern: Jürgen Krämer, Physiotherapeut (Vater)

Petra Krämer, geborene Stachenschmidt, Psychotherapeutin (Mutter)

Familienstand der Eltern: beide verheiratet mit gegenseitigem Elternteil des Klienten; beide wohnhaft in der Quellen­straße 16, Wuppertal

 

Max betrachtete sich als Arbeiterkind. Daher passte es auch gut, dass seine Eltern im alten Arbeiterviertel Arrenberg wohnten. Dort war er auch zur Welt gekommen, als Hausgeburt.

 

Letzte Beschäftigung: Geographiestudium an der Bergischen Universität Wuppertal, 14. Semester. Restdauer? Steht noch nicht fest. Hoffentlich nicht mehr lang.

Familienstand: ledig. Single. Leider.

Geschwister: eine Schwester

Hobbys: Musik machen, Serien gucken

Lieblingsmusik: Indierock

Lieblingsfarbe: öhm. Grün? Blau? Orange?

Lieblingsduft: keine Ahnung, da sollten die sich halt was Schönes einfallen lassen. Vielleicht Pizza?

 

Ha! Max lachte innerlich auf. Soweit würde es ohnehin nie kommen, denn seine Eltern könnten sich diesen Guardian Angels-Quatsch überhaupt nicht leisten. Aber sie wären auch nicht so naiv, darauf hereinzufallen. Dafür waren sie einfach zu normal, genau wie der Sohn, den sie in die Welt gesetzt hatten. Er war halt kein Elitekind mit teuren Hobbys und Spitzenabi. Eigentlich war sein Leben ganz normal. Nicht super, aber normal. Supernormal. Bis auf seine leichte Planlosigkeit. Und diesen Job halt.Max sah auf den Einsatzplan. Morgen musste er wieder ran, und wieder in der Nachtschicht. Er löschte seine Einträge im Klientenbogen, schloss die Datei und holte seine Uni-Unterlagen raus, mit denen er sich bis zum Ende der Schicht beschäftigen wollte.

Die Bildschirme flimmerten gleichmäßig vor sich hin. Max hatte heute ein Referat gehalten und musste übermorgen direkt das nächste präsentieren, für das er noch nichts, rein gar nichts getan hatte.Aber wenigstens hatte er nach all der Zeit raus, wie man aus null Ahnung und wenig Information schnell eine halbwegs passable Präsentation zusammenschustern konnte.Er hatte seinen Laptop und seine Bücher mit in die Filiale genommen; dafür war er heute sogar extra mit dem Auto zur Arbeit gefahren, obwohl er sich den Sprit für die kurze Strecke eigentlich lieber sparte. Aber draußen herrschte trübnasses Herbstwetter, da wollte er sich nicht noch den Nerv antun, mit seinem ganzen Prö­del durch den Regen zu radeln. Nun saß Max vor seinen Klienten am Schreibtisch, über seinen Computer und seine Bücher gebeugt. Die Stille um ihn her wurde nur unterbrochen von den Testgeräuschen, die die Zentrale in unregelmäßigen Abständen in die Särge einspielte. Hin und wieder sah er nach oben, um einen Blick auf seine Schützlinge zu werfen. Da war Herr Hagenkordt, der ehemalige Leiter eines Stahlwerks im Sauerland, der kurz nach Antritt der Rente einen Herzanfall gehabt hatte. Wahrscheinlich hatte sein Herz die plötzliche Ruhe nicht vertragen. Dann Frau Bundschuh, eine pensionierte Schulleiterin, bei ihr war es ungefähr das gleiche. Auf den unteren beiden Bildschirmen war bis gestern noch das Ehepaar Ludwig-Auerberg zu sehen gewesen. Die beiden waren hinreichend alt geworden, um einfach so zu sterben, und sie hatten es sogar gleichzeitig geschafft. Bei ihnen hatte man den beginnenden Zerfall auch schon ein wenig besser sehen können. In der Schulung, die Max für den Job hatte machen müssen, hatte man ihnen auch einiges über die ersten Stadien der menschlichen Verwesung erzählt. Max hatte das Ganze so gut es ging an sich vorbeirauschen lassen, aber ein paar Einzelheiten waren doch hängen geblieben. Bei den Ludwig-Auerbergs war die Autolyse, die Selbstverdauung, schon im Gange gewesen, und man hatte die Gesichter des alten Ehepaars fast stündlich wächserner und unförmiger werden sehen. Max war ganz froh, dass diese beiden Kameras nicht mehr aktiv waren. Und dann war da natürlich noch Claire. Sie sah immer noch so aus, als schliefe sie bloß, ihre Haut wirkte nur ein wenig blasser als beim letzten Mal.

Max wurde traurig, als er sie betrachtete. Noch drei Tage, dann würde die Welt nichts mehr von Claire sehen und hören – in diesem Fall war er eben mal die ganze Welt – und Claire würde umgekehrt nichts mehr von der Welt außerhalb ihres Sarges mitbekommen. Wobei das ja auch schon wieder Quatsch war. Sie war tot und bekam schon seit ein paar Tagen nichts mehr mit. Trotzdem. Max hatte das Gefühl, als wäre sie präsenter als die anderen Toten, als wäre noch mehr von ihr anwesend, irgendwie. Klar, wer so jung starb, der schied bestimmt nicht leicht aus dem Leben, sondern klammerte sich vielleicht noch länger an diese schnöde Welt. Könnte er nicht irgendwas tun? Doch, könnte er. Er hatte eine Idee, wie er Claire den Abschied zumindest erleichtern könnte. Max zog das Mikrofon zu sich heran und schaltete es ein.

„Hallo Claire. Ich bin Max. Du kannst mich zwar nicht hören, aber – egal. Ich schau dich hier schon eine ganze Weile an und irgendwie hab ich das Gefühl, dass du nicht gehen willst. Kann ich verstehen. Aber hör mal, das Leben hier kann auch ganz schön langweilig sein, und vielleicht ist es da, wo du jetzt bist, viel spannender. Also, nicht im Sarg, mein ich. Aber du bist jetzt bestimmt an einem viel besseren Ort. Wo man den ganzen Tag frei hat und sich nicht mit unsinnigen Sachen beschäftigen muss. Mit so was hier zum Beispiel…“ Max blätterte in seinen Unterlagen und schlug wahllos eine Seite auf. Dann begann er, laut vorzulesen:

 

„In dieser Klassifikation werden die Verhältnisse durch eine Klimaformel aus drei, in einigen Fällen zwei Buchstaben beschrieben. Die großräumigen Klimazonen A, C, D und E werden thermisch, die Zone B hygrisch definiert. Durch Hinzufügen eines zweiten Buchstabens, der in den Zonen A, B, C und D die hygrischen und in E die thermischen Bedingungen näher kennzeichnet, ergeben sich Klimatypen. Schließlich können die Klimatypen anhand zusätzlicher thermischer Grenzwerte weiter differenziert werden. Auf die Darstellung der weiteren Unterteilung gehen wir in dieser Übersicht nicht ein.1

Superspannend, oder?“ Max musste selbst gähnen. „Aber das geht noch schlimmer, wart mal.“ Er griff in seine Tasche und holte ein weiteres Buch hervor.

„Hier, ‘Wissenschaftliches Schreiben und Abschlussarbeiten in Natur- und Ingenieurswissenschaften’. Das hat nicht mal was mit meinem Studium zu tun, aber ich darf trotzdem eine Arbeit drüber schreiben.“ Er schlug das Buch auf und begann wieder an irgendeiner Stelle laut vorzulesen:

 

„Bibliotheken auch an technischen Hochschulen spezialisieren sich aktuell immer weiter darin, Studierenden nicht nur die notwendige Literatur zur Verfügung zu stellen, sondern sie auch dahingehend zu schulen, wie man an die Informationsbeschaffung richtig herangeht. In diesem Zusammenhang hat sich der Begriff der Informationskompetenz herausgebildet. Informieren Sie sich über die Angebote Ihrer Bibliothek in diesem Bereich. Dazu gehören neben allgemeinen Recherchestrategien z. B. auch fachspezifische Fachdatenbankschulungen oder E-Learning-Module.2

 

Stell dir vor, das verpasst du jetzt alles!“ Er schlug das Buch zu und ließ es vor sich auf den Tisch plumpsen. „Informationskompetenz, Fachdatenbankenschulungen, E-Learning-Module! Wirst du alles nicht haben, braucht dich alles nicht mehr zu kümmern! Kein Um-Seminare-Betteln, kein Bulimie-Lernen, keine Vorlesungen mit 400 Leuten, von denen vielleicht drei dem Hansel zuhören, der da vorne steht. Kein Mensaessen! Kein mieser Uni-Kaffee mehr für Dich! Pech gehabt, Mademoiselle.“

Max fixierte Claire. War er verrückt geworden? Nein, irgendwie fühlte es sich richtig an. Als könnte er Claire wirklich ein wenig verabschieden, ihr den Übergang erleichtern. Er griff wieder nach dem Buch und blätterte es zwischen den Fingern durch.

„Au Mann. Das ist so langweiliges Zeug und ich muss den Käse komplett durcharbeiten. Was meinst du, soll ich noch weiterlesen, oder reicht es dir?“ Er gähnte noch mal und rieb sich die Augen, dann beugte er den Kopf wieder runter auf sein Buch. Moment mal! Ruckartig richtet er sich wieder auf. Was war das denn? Irgendwie hatte es gerade so ausgesehen, als hätte es in Claires Gesicht gezuckt. Vielleicht ihr Augenlid? Hatte das kurz geflattert? Nein, das war absolut unmöglich. Max sah nach rechts zu den Vitalmonitoren. Alles ruhig, nichts regte sich. Keinerlei Herzfrequenzen oder dergleichen. Er rollte mit dem Stuhl zum Monitor, beugte sich ganz nah dran und kniff die Augen zusammen, aber die Linie war und blieb ebenmäßig glatt. Dann rollte er zurück an den Kontroll­tisch und überprüfte alle Anzeigen. EKG, EEG, Temperaturüberwachung, Bewegungsmelder, nirgendwo zeigte sich irgendetwas Ungewöhnliches. Max drehte auch das Mikrofon aus Claires Sarg lauter und schaltete die anderen Mikrofone aus. Er schloss die Augen und lauschte. Nichts, nur ein ganz leises, kaum vernehmliches Rauschen und sein eigenes Atmen. Er öffnete die Augen wieder und sah auf Claires Bildschirm. Die junge Tote lag unverändert da und rührte sich nicht, egal, wie sehr er die Augen zusammenkniff, um schärfer zu sehen. Noch einmal prüfte er alle Anzeigen, aber alles blieb wie es war, regungslos, und, nun ja, tot. Er musste sich getäuscht haben. Max setzte sich wieder auf seinen Platz. Er nahm das Buch in die Hand, kramte in seinem Rucksack nach einem Textmarker und begann zu lesen und die wichtigsten Stellen zu unterstreichen. Sein Kopf wurde schwer und er musste jede Seite dreimal lesen, um irgendetwas zu verstehen. Kurze Zeit später war er eingeschlafen.

 

Diipdiipdiipdiipdiiiiiiiiiip

diipdiipdiipdiipdiiiiiiiiiiiiiiiiip!

DIPDIPDIPDIPDIPDIPDIIIIIIIIIIIIIIIP!

Max schreckte hoch. Was war das? Sein Wecker? Musste er zur Uni? Nein, er war ja gar nicht zu Hause, er war auf der Arbeit, bei den Guardian Angels.

DIPDIPDIPDIPDIPDIPDIIIIIIIIIIIIIIIP!

DIPDIPDIPDIPDIPDIPDIIIIIIIIIIIIIIIP!DIIIIIIIIIIP!!!

Der Ton hörte gar nicht auf und bekam immer mehr Nachdruck. Es war der Ton. Dieser eine, den er niemals hätte hören sollen, oder wollen. Das konnte doch nicht wahr sein! Es waren doch alle tot, sein Chef hatte doch selbst gesagt, dass das niemals passieren würde, vollkommen ausgeschlossen! Und jetzt war er hier und hörte diesen Ton, der nur im alleräußersten, allerunwahrscheinlichsten Fall, also nie losgehen sollte! Und jetzt? Was sollte er jetzt tun? Ach ja, dafür war er ja geschult worden!

DIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIP!

Max haute mit voller Wucht auf die Sirenentaste. Wenigstens war der Ton erstmal weg. Aber das Problem war nicht gelöst. Im Augenwinkel bemerkte er nur, dass etwas anders war als vorher. Er drehte den Kopf nach rechts und sah, dass das EKG auf einem der Bildschirme flackerte und unregelmäßig zuckte. Dann fand das flatternde Band in seinen Rhythmus und zeigte nun gleichmäßige enge Wellen, die über den Bildschirm glitten. Max’ Mund wurde trocken. Es war Claires Bildschirm. Er drehte den Kopf wieder zu den Hauptmonitoren und sah sie an.

Die Augen des Mädchens öffneten sich; sie blinzelte einige Male, erst orientierungslos, so, als läge sie in ihrem Bett, an einem schönen Sommertag, an dem die Sonne durchs Fenster scheint. Sie schien noch nicht bemerkt zu haben, wo sie sich befand. Dann sah Max, wie ihr der Schreck in die Glieder fuhr. Sie riss die Augen auf, begann hektisch den Kopf hin und her zu drehen, versuchte sich aufzurichten, wobei ihr Gesicht so nah an die Kamera kam, dass Max einen tiefen Einblick in ihre Nasenlöcher bekam, stieß mit dem Kopf hart gegen das Holz und begann dann, vollkommen außer sich, zu schreien und gegen die Sargdecke zu schlagen. Auf dem Bildschirm sah man ihr verzerrtes Gesicht, über das Tränen der Angst liefen; sie schrie, erst laut und unkontrolliert, aber dann lösten sich einzelne Wörter und Sätze aus ihren Schreien: „Hilfe! Scheiße, wo bin ich hier? Hilfe! Wo bin ich, Hilfe! Ich will hier raus! Hilfe! Bitte!“

Zufällig blickte sie direkt in die Kamera. Da löste sich auch Max endlich aus seiner Schockstarre und schlug hektisch auf den Notfallknopf, der zu Claires Sarg gehörte. Nun würde die Sauerstoffversorgung im Sarg einsetzen, dazu müsste die Datei mit der beruhigenden Musik und den sonoren Durchsagen abgespielt werden, die bekannte Fernsehstimmen eingesprochen hatten.

„Haben Sie keine Angst, die Guardian Angels sind unterwegs. Sie sind in Sicherheit. Bitte haben Sie nur einen Moment Geduld. Wir werden Sie gleich befreien. Bleiben Sie ruhig. Wir sind gleich bei Ihnen. Alles wird gut. Willkommen im Leben.“

Ja,und das Mikrofon schaltete sich ein. Max griff danach, zog es schnell zu sich heran und sprach hinein, in der Hoffnung, dass es seine Stimme in den Sarg übertragen würde. „Hallo, hallo, hier ist Max, ich meine hier sind die Guardian Angels, hörst du mich?! Hallo, hallo!“

Es schien nicht so, als ob Claire ihn hörte, denn sie schrie immer weiter und hämmerte mit den Fäusten wie verrückt gegen den Sargdeckel. Er musste Hilfe holen, sofort. Max drückte einen Knopf, der in Notfällen die Sprachverbindung zwischen Filialbüro und Zentrale herstellte und rief hektisch ins Mikrofon: „Hallo, hallo?! Max hier, ich meine, Guardian Angels, Standort Wuppertal! Es gibt einen Notfall, hallo!?“ In der Leitung rauschte es. „Hallo, hört mich jemand?“ Es knackte und rauschte weiter, aber es kam keine Antwort.