Hilde Kalweit, Beletage Berlin - Bernd Kleber - E-Book

Hilde Kalweit, Beletage Berlin E-Book

Bernd Kleber

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Beschreibung

Hier treffen Sie das Berliner Original "Hilde Kalweit" aus Berlin, Schöneberg, ihre Familie, Freunde und natürlich die Mitbewohner der Mietskaserne aus der Gründerzeit. Es geht mit scharfzüngigem Humor um die kleinen und großen Querelen des Alltags, um Gewohntes und Ungewohntes, um Miteinander und Lebensfreude, um Trauer und Tod, also es geht um das Leben, unser aller Leben vielleicht? Lernen Sie Hilde Kalweit und ihren Kosmos kennen und finden Sie Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Ein Vergnügen, das manchmal auch abverlangt. Und Hilde berlinert wie einer original echten Berlinerin eben der Schnabel gewachsen ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Martina und Christine,

Wegbereiterinnen, Wegbegleiterinnen

Bernd Kleber

Kurzum

Kurzgeschichten

Fünfter Teil

Hilde Kalweit, Beletage Berlin

Kurzgeschichten aus dem Leben,

ihrem Leben

© 2025 Bernd Kleber

Lektorat von: Claudia Keller, http://claudia-keller-lektorat.comDruck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Bernd Kleber, Barlachweg 7, 12277 Berlin, Germany .Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Inhalt

Vorwort

Irgendwas ist immer

Die Sache mit den Vögeln

Opas Liebling

Was´ los mit euch?

Entgleisung

Herr Weber

Mitgehangen, mitgefangen?

Das Malheur am Heiligabend

Der nackte (Weihnachts-)Mann

Abschiede

Isaak

Im Schoße des Refugiums

Geheimnisse und Wunder

Dissonanz und Paeonia

Geständnisse

Verlassen

Erste Begegnung

Das Erwärmen

Benjiros Geheimnis

Neuzuwachs

Ach was, ein Epilog

Zum Geleit

Wie sagt man passend „Hallo“ zu einer Frau, die Berlin so im Herzen trägt, dass die Stadt ohne sie nicht mehr dieselbe wäre? Wie führt man ein Buch ein, das eigentlich schon längst von seinen Lesern geschrieben wurde?

Es begann vor vielen Jahren mit einer einzigen Geschichte, einer Idee von einer Berlinerin mit Herz und Schnauze, die sich einfach nicht mehr aus meinem Kopf vertreiben ließ.

Hilde Kalweit war geboren, und was als literarische Zeichnung begann, entwickelte ein so unvergleichliches Eigenleben, dass ich fortan nur noch bereitwillig ihre Welt erweitern durfte. Die Reso-nanz und die liebevollen Anregungen meiner Leserinnen und Leser haben diesen Geschichtenkosmos stetig wachsen lassen, dieses Buch hier ist somit in großem Maße auch Ihr Werk.

Es war, sozusagen, ein Leserwunsch, dem ich nur zu gerne nachgekommen bin.

Mehrfach habe ich auch schon auf Lesereisen Hilde dem Publikum nahegebracht und immer leuchteten Augen, das Publikum mag die Frau einfach.

Ich wurde mehrfach gefragt, wer denn Pate für Hilde stand, an welche Person meines Lebens sie angelegt ist. Und Sie ist ein bisschen wie meine Mutter, ein wenig wie meine Großmutter. Nun können Sie sich selbst ein Bild machen und wie viel dann noch am Ende von mir selbst enthalten ist? Wer weiß? Sie ist Berlin, denke ich.

Und würde am Alexanderplatz noch die Berolina stehen und all die Passanten und Passantinnen aus aller Welt begrüßen, dann wäre Hilde wohl auch ein wenig wie unsere verschollene Berolina.

Ich hoffe von Herzen, dass diese Geschichtensammlung um Hilde und ihr, nein unser buntes Berlin Ihnen zur lieben Unterhaltung gereicht und Ihnen Freude bereitet. Tauchen Sie ein in dieses vielfältige Stadtbild, freuen Sie sich auf Wiedersehen mit alten Bekannten und lernen Sie neue Gesichter kennen. Viel Vergnügen!

Nicht versäumen möchte ich auch ein großes Dankeschön an meine Leser und Leserinnen, an die treuen Zuhörenden meines Podcast „Hören, was zu lesen ist“ und an all die Menschen, die mir mein Leben verschönen, mich unterstützen, mir Rat und Tat geben oder ein Stück meines Weges mich liebevoll begleitet haben. Ich bin durch euch.

Bernd Kleber, November 2025

Vorwort

Als Kind bin ich mit Vorabendserien aufgewachsen, die oftmals in Berlin spielten. Es waren die Günter Pfitzmanns, Brigitte Miras, Harald Juhnkes oder Edith Hanckes, die mir vor dem Mauerfall die damalige Enklave in der DDR mit Witz und Charme nähergebracht haben. Ich liebte die Figuren und liebe sie bis heute. Frech, ehrlich und mit ganz viel Herz haben sie den Alltag von Menschen „wie du und ich“ mit all ihren Problemen geschildert.

Als mich Bernd bat, das Vorwort für den fünften Teil seiner Kurzum-Kurzgeschichten-Bände zu schreiben, war ich direkt „Feuer und Flamme“. Zumal ich die Hauptperson dieser Geschichtensammlung bereits kennen- und lieben gelernt hatte.

Hilde Kalweit ist so ein Berliner Original mit typisch „Berliner Schnauze“.

Wir lernen ihre Familie kennen, ihre Freunde und Nachbarn, die eben so bunt, authentisch und ehrlich wie Hilde selbst sind.

Bernd erzählt uns Geschichten seines modernen Berlins – mit Humor, Nachdenklichkeit und Sentimentalität, aber nie ohne ein Augenzwinkern. Er legt sanft den Finger in Wunden, um uns aufzurütteln, zum Nachdenken anzuregen, aber ohne uns zu überfordern.

Durch Hilde werden wir eingeladen, auf dem Sofa in der „Beletage“ Platz zu nehmen und uns das Leben der einfachen Leute mit seinen mannigfaltigen Unwägbarkeiten zu betrachten.

Vom Miet-Hai zum allgegenwärtigen Alltagsrassismus bis hin zum „normalen“ Wahnsinn einer Familien-Weihnachtsfeier.

Wir erleben das echte Leben der Protagonisten.

Geschickt webt er aber auch das „große“ Weltgeschehen mit ein, wie Krieg, Flucht und andere Katastrophen mit ihren einschneidenden Auswirkungen auf uns alle.

Hilde zeigt uns, dass man sich trotz allem nicht unterkriegen lässt und sich irgendwie alles zum Guten wendet.

Wenn dann am Ende alles in einer bunten Hinterhof-Feier mündet, proste ich Hilde im Geiste mit einer „Berliner Weißen“ zu und denke mir: „Ick bin och een Barliner“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Björn D. Neumann

Björn D. Neumann wurde am 13.06.1971 in Iserlohn geboren.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung und dem Abschluss zum staatl. gepr. Betriebswirt arbeitet er bis heute im Rechnungswesen eines mittelständischen Unternehmens.

Schriftstellerisch trat Björn D. Neumann anfangs als Verfasser von BVB-Blogs in einem Internet-Forum in Erscheinung. Zusätzlich begann er mit dem Schreiben von Kurzgeschichten, von denen 2023 die ersten in Anthologien des Schreiblust-Verlags veröffentlicht wurden.

2022 gewann seine Kurzgeschichte „Schach den Asen“ beim Literatur-Festival Rhein-Erft „Herzensstimmen“.

Zudem arbeitet er an seinem historischen Debüt-Roman.

Sie finden mehr Interessantes über ihn auch hier in den Social-Medien:

Facebook-Seite @BjoernDNeumann und Instagram @b.d.neumann

Irgendwas ist immer

Also, ich muss schon sagen, das war ja vielleicht was. Am Ende eskalierte alles fürchterlich und ich wusste gar nicht, wie ich ohne Scham wieder vors Haus gehen sollte …

Aber fange ich von vorn an. Mein Name ist Hilde Kalweit, ich bin in Berlin-Schöneberg geboren und habe immer Beletage gewohnt. Mein Mann war schließlich bis zur Pensionierung ein gut situierter Beamter. Wir haben zwei Kinder großgezogen; die sind auch beide was geworden. Da kann man als Mutter schon stolz sein.

Mein Hobby ist Backen. Ich habe mich jetzt auf Etagentorten spezialisiert und kreiere die schönsten Türme zu den Anlässen, die sich bieten.

Und nun erzähle ich Ihnen, was mir Peinliches passiert ist, oder besser: meinem Gatten. Denn ich war ja nicht schuld am Schlamassel. Hach, wo fange ich nun bloß an?

Neulich haben wir unsere Freundschaft eingeladen, Erwin und Klara Ruhlstädt. Die wohnen zwei Straßen weiter und wir kennen sie schon viele Jahre. Irgendwann ist daraus eine nette, regelmäßige Kartenrunde geworden. Doppelkopf oder auch manchmal Canasta und, wenn ich mich gar nicht durchsetzen kann, langweiliges Rommé.

Ich liebe ja aber mehr die Kartenspiele mit Pep. Beim Rommé schlafe ich fast ein. Aber wenn Klara es sich einmal in den Kopf gesetzt hat, klimpert sie mit ihren falschen Hilde-Knef-Wimpern und die beiden Kerle fressen ihr aus der Hand.

Sie achtet auch peinlichst darauf, die Männer nicht sehen zu lassen, wenn sie mir die Zunge herausstreckt. Miststück manchmal.

Also, es war Spieleabend geplant, und ich mache dann so gerne einen Mettigel, flankiert von einem Käsehappenigel. Und mein Mann Herbert macht eine leckere gespritzte Pfirsichbowle. Da darf man ja auch nicht kleckern, wenn Freundschaft kommt. Da muss man schon ’n bisschen klotzen. Das Highlight ist jedenfalls meine Etagentorte. Die Torte schaffen wir ja nicht und auf den Zuckerhaushalt müssen wir auch achten. Aber ich will ja was anbieten. Die Klara staunt immer. Aber ich merke, ich verplappere mich.

Ich also an dem Vormittag zur Halle. Dort kaufe ich alles, was ich benötige. Mett lasse ich gerne ganz frisch durchdrehen. Dann Käse, dazu die Cocktailkirschen und natürlich alles, was ich für den Tortenaufbau zugeben muss: Fondant, Marzipan, Lebensmittelfarbe, Mehl, Eier, gute Butter … Na, Sie ahnen es, es gibt zu tun.

Als ich aus dem Supermarkt komme, verfolgt mich ein ganzes Stück so ein Bengel. Langer Lulatsch. Schlurft dicht hinter mir. Ich die schweren Taschen. Bleibe ich einfach stehen, drehe mich um und sehe ihn erst mal an, mit meinem Blick. Da wissen die meisten gleich Bescheid. Guckt der depprig und fragt, ob er mir die Tasche tragen soll?

Ich denke, keine blöde Idee … und sage: „Aber nur, wenn de die Beene hebst!“

Der lacht und lief nun wie ein Storch im Salat. Freche Aasbande, die jungen Leute. Am Haus bleibt er stehen und fragt, ob er noch hochbringen soll.

Da sage ich: „Junge, ick wohne Belle Etasche, dit schaffe ick alleene …“

Grinst er und bietet an: „Na, wenn ich wieder mal helfen kann, Frau …“

„Kalweit, junger Mann, Kalweit!“

Herbert meinte später: Das war der große Fehler. Herrje. Adresse und Name! Stehen ja auch im Telefonbuch.

Na egal. Ich mache alles zurecht. Herbert liest stöhnend und murmelnd Zeitung.

Als ich in der Küche fertig bin, fängt er wieder an. Ob ich schon vom Enkelbetrügertrick gehört hätte, von Überfällen, Einbrüchen und Vergewaltigung. Aber ich bitte Sie, wer vergeht sich denn an einer älteren Dame wie mir? Diese Fantasie möchte man ja nicht haben. Ich beruhige ihn mühsam. Herrjemine, Männer!

Zum Glück kamen schon Erwin und Klara. Wie immer zu früh. Dieses Mal passte es, um Herbert ruhigzustellen.

Wir tranken Kuchen und aßen Kaffee … Nein, natürlich umgekehrt; ich bitte um Verzeihung. Und man lobte wieder meine Torte; sie sei die beste von allen bisher … Ich sah mich unsicher um, da ich anscheinend jedes Mal die gelungenste abliefere.

Im Zimmer hing nun ein Duft aus Vanille, Sahne und Klaras süßem Parfüm. Meine weiße Tischdecke hatte einige Sprenkel aus Kaffee und Sahne bekommen.

Die Sonne hatte ihren Tiefstand erreicht und streckte ihre Finger nun bis in die ehemalige Ofenecke. Dort steht, seit wir Zentralheizung haben, nun mein altes Nähschränkchen. Aber egal, was rede ich schon wieder. Ich öffnete erst einmal die Erkerfenster zum Stoßlüften.

Als Klara sich meldete: „Hilde, es zieht!“, schloss ich es schnell wieder.

Dann ging es ans Kartenspielen. Ich hatte eine Gewinnersträhne, was Klara ziemlich sauertöpfisch dreinblicken ließ.

Als ich aufstand und ankündigte, ich würde schnell den Mett- und den Käseigel fertig machen, meldete sich Klara schnippisch: Das würde sie heute nicht vertragen. Ich fragte: „Warum denn nich, meene Grundjute?“

Ja, sie hätte da was. Muss ja nichts Ernstes sein. Aber ihr wäre mehr nach Pizza gewesen, und ohnehin hätte sie ja im Briefkasten diese Speisekarte gefunden und die mitgebracht. Das wolle sie jetzt ausprobieren. Erwin und Herbert seien auch mal für Abwechslung. Beide Männer schauten mich an und nickten wie hungrige Esel.

Ich holte tief Luft und stemmte die Hände in die Hüften: „Na, dat habt ihr euch ja jut ausjedacht!“

Dieses Biest! Wann hatte sie das nur eingefädelt? Sicherlich, als ich die Torte hereingeholt hatte. Und wer bezahlt den Italiener? Mein Herbert ganz bestimmt. Na wunderbar!

Also bewaffneten wir uns mit unseren Lesebrillen und begannen zu studieren, was die quietschbunte Karte des Italieners anbot. Ich entschied mich für eine kleine Pizza Salami. Die anderen wuselten vor und zurück, bis sie sich endlich festgelegt hatten. Klara orderte für sich dann noch Tiramisu, trotz meines Hinweises auf die Torte, die ja in Masse vorhanden war und reichlich Sahne enthielt.

Herbert meinte: „Hildchen, ruf mal an … Du hast eine so schöne Aussprache!“

Das lehnte ich aber energisch ab. Ich lasse mich ja nicht vollkommen für dumm verkaufen und legte die Bestellung Klara vor die Nase.

„Das macht Klara gerne. War ja ihre Idee und sie wird dem Italiener schon was flöten …“, trug ich mit spitzem Mund in feinstem Hochdeutsch vor.

Alle lachten wir, außer Klara, die zu unserem Telefonhörer griff. Ich meinte, sie könne mein Mobiltelefon benutzen, dann müsse sie nicht so an der Hörerstrippe ziehen. Aber das wollte sie wegen der Strahlen am Kopf nicht. Dann ging es hin und her. Alles musste sie wiederholen. Das andere Ende verstand wohl schlecht. Am häufigsten rechtfertigte sich Klara, nur ein Tiramisu zu bestellen, obwohl wir doch vier Essen geordert hatten.

Dann fing Klara an, etwas in ihrem Handy zu suchen. Ich fragte, was sie da krame. Sie schüttelte nur den Kopf und begann zu buchstabieren und aufzuzählen. Ich hörte sie noch meine Handynummer ansagen.

Ich bin erst mal raus. Das kann ich ja nicht haben. Solche Umstandskarnickel. Als ich wieder in die Stube kam, war endlich bestellt, und ich räumte den Apparat in den Korridor.

Wir spielten weiter unsere Karten. Ich ständig am Gewinnen, die Männer tranken Kurze und Klara ziemlich viel von Herberts Bowlen-Geheimrezept. Na, Sie können sich ja vorstellen: Es wurde immer lauter.

Irgendwann klingelte es. Ich sprang auf, rannte zur Tür und nahm das Essen in Empfang. Natürlich haben wir allein bezahlt.

Aber das merke ich mir. Nächstes Mal bei den Ruhlstädts nehme ich die Speisekarte des Inders mit, die wir im Kasten hatten.

Wir ließen es uns dann schmecken. Ich hatte alles auf das Rosenthaler Geblümte aufgetan. Bisschen Kultur muss sein. Klara wollte ihre Pizza gleich aus dem Karton fressen. Na, aber auf keinen Fall, hier in der Beletage! Dann spielten wir noch einige Runden, bis meine Frau Ruhlstädt meinte, sie hätte jetzt keine Lust mehr zu verlieren und würde nur noch eine Tasse Kaffee trinken. Dann würde man sich nach Hause begeben wollen.

Nun musste ich also noch einmal Kaffeegeschirr auftafeln. Aber man macht es ja auch gerne, wenn man Besuch hat. Beim Räumen fiel mir dann das Handy vom Tisch. Ich hob es auf und bemerkte, dass es einen Anruf in Abwesenheit gegeben hatte. Das Ding war auf stumm geschaltet. Ich schaue also genauer nach. Man kann ja heutzutage kontrollieren, welche Nummer, welcher Name und welche Zeit? Die Nummer kannte ich nicht. Das wunderte mich dann schon ein wenig. Wer ruft bei mir denn am Samstagabend an? Es gab eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter von diesem Gerät. Eine Technik heutzutage, ja?!

Also, ich rief da an, schaltete den Lautsprecher ein und eine Stimme war zu vernehmen: „Frau Kalweit, hallo, hören Sie mich, hm … okay, ich rufe später nochmal an. Hallo? Hallo?! “

Herbert holte tief Luft und sah hin und her, erst zu Erwin, der mit den Schultern zuckte, dann zu Klara.

Sie dann: „Na, was weiß ich denn, welche Männer Hilde so kennt. Ich sag’ nur, Hilde, die Wilde!“

Herbert schnaufte. Ich noch mehr: „Klara!“

Sie: „Na ja, ist doch so!“

Herbert riss mir das Telefon aus der Hand und drückte auf Wiederholung der Nachricht. Dann sah er mich an: „Wer ist das, Hilde, sag!“

„Wees ick doch nicht! Lasst uns jetzt Kaffee trinken.“

Herbert meinte: „Ruf zurück! Vor unseren Augen! Und Ohren!“

Ich: „Nein, hör auf!“

Herbert fuchtelte mit dem Handy herum und konstatierte: „Dann mache ich das!“

„Sag mal, spinnst du jetzt? Derjenige wird sich schon noch einmal melden, wenn it wichtig is’! Vielleicht war it der nette Junge von heute Nachmittag, der meene Einkäufe jetragen hat.“

Herbert lief rot an. „Oder ein Enkeltrickbetrüger!“

Klara quietschte auf und hielt sich ihre Hand vor den Mund.

Erwin rief: „Ruf den an und wir rufen die Polizei!“

Ich erwiderte noch: „Kommt ja jar nich’ in Fraje. „Hört uff jetze!“

Aber da hatte er schon die Rückruftaste gedrückt und den Lautsprecher an. Alle drei hielten den Atem an.

„Ja bitte?“, hörte man einen jungen Mann.

Herbert brüllte los: „Was fällt Ihnen ein, hier anzurufen? Verfolgen Sie meine Frau?“

Vom anderen Ende war nun zu hören: „Hallo, wer ist denn dort überhaupt?“

„Kalweit, Herbert Kalweit! Und wir sind keine wehrlosen Rentner! Wir fallen auf Sie nicht rein!“, schrie Herbert.

Mir wurde ganz heiß.

„Wir brechen Ihnen die Beine und rufen die Polizei“, fügte Erwin an.

Ich setzte mich in den Sessel und sah meinen zitternden Herbert an … und nun fiel es mir ein …

„Der Italiener! Herbert, der Italiener!“

Herbert verstand nicht, aber wir hörten: „Hallo, was sind Sie denn für ein alter böser Mann? Ich hatte angerufen, um die Essenslieferung anzukündigen! Bestellen Sie hier bitte nie wieder etwas! Sie haben ab jetzt Hausverbot!“. Dann legte er auf.

Herbert sackte zusammen und Klara flüsterte: „Hausverbot. Wie peinlich ist das denn?!“

Na, der Abend war gelaufen! Etagentorten backe ich seit dem Abend nicht mehr. Spezialisiere mich jetzt auf Tiramisu. Und für heute sage ich nur: Mett- und Käseigel.

Die Sache mit den Vögeln

Hallo erst mal, Sie kennen mich ja schon. Nun wissen Sie ja, was passiert, wenn man Heimlichkeiten mit Missverständnissen paart und am Ende Hausverbot beim Italiener bekommt.

Mein Herbert und ich sind das, was man ein rüstiges Rentnerehepaar nennt. Heute möchte ich Ihnen einmal etwas verraten aus meinem Umfeld, von dem Herbert nichts ahnt, aber verraten Sie mich bloß nicht. Versprochen?! Keine Bange, nicht zu viele Details, nur so viel, dass Sie erkennen, auch bei Rentnern tut sich was. Und zwar mehr, als viele annehmen.

Was habe ich mich immer gewundert, wenn meine Großmutter, Gott hab’ sie selig, von ihrem Hausfreund erzählt hat, bis ich mir die Ohren zuhielt und nur noch „Omi!“ rief.

Aber darum geht es ja gar nicht. Ich schweife schon wieder ab. Ich hatte Ihnen ja erzählt, dass wir gerne Doppelkopf mit Klara und Erwin spielen. Sie erinnern sich? Manchmal aber, wenn die Klara so ihre eigenen Macken hat und ein bisschen zickig ist, kommt nur Erwin zu Besuch. Aber sagen Sie bloß nichts. Sitzt dann in der Küche bei mir, beklagt sich ein bisschen und plappert, als wenn er losgelassen worden wäre.

Ich denke ja, er muss zu Hause unentwegt Klara zuhören und kommt nicht zu Wort. Na, egal was ich mache, Kartoffeln schälen, Tiramisu kreieren – muss nicht immer Schnaps mit rein …

Ich höre zu und brauche nur die ganze Zeit „Hm, ah ja, ja, verstehe …“ zu murmeln und Erwin redet wie uffjezogen.

Irgendwann schreit dann Herbert aus dem Wohnzimmer: „Erwin, ick hol jetzt den Heinz runter. Wir spielen Skat und Hilde macht uns wat Leckeres!“

Pascha, der, mein Herbert, so denkt er sich das, und ich spure. Aber … und nun muss ich etwas leiser werden … ich freue mich, wenn Heinz runterkommt. Heinz, Heinz Heftig, wie er mit vollem Namen heißt, wohnt eine Etage höher. Junggeselle, Geschiedener! Ein Bild von einem Mann. Der Heinz ist so alt wie Herbert, aber ich sage Ihnen, er hat die Ausstrahlung von einem Romanow. So eine Charismatik. Ich komme von seinen schwarzen Augen nicht mehr los, wenn ich einmal hineingeschaut habe, und es tun sich in mir Dinge … Hören Sie nur auf, ich darf das gar nicht erzählen.

Wenn ich dagegen an den Erwin denke, den könnten Sie mir auf den Rücken binden, ich würde mich tot rennen wie eine Katze mit brennendem Schwanz. Ja ja, ich schweife schon wieder ab … Also, wenn der Herbert den Erwin ruft und den Heinz zum Skat runterholt, dann beginne ich zu glühen.

Ich werde den ganzen Abend dann nicht mehr kühl, als hätte ich aufsteigende Hitze. Dabei ist die ja lange vorbei. Na, egal!

Jedenfalls der Heinz kommt zuerst in die Küche, bringt immer eine Kleinigkeit mit, Pralinen, Schokolade, Wein, so was. Wie auch immer, stets charmant. Dann steht er mir so ganz dicht gegenüber und spricht mit dunkler Stimme:

„Ach Hilde, so eine Freude, wieder einmal Gast zu sein.“

Dann wird mir schon schwummelig und meine Knie zittern. Er greift so um mich, also da mehr unten in der Hüftgegend, und zieht mich an sich. So ein Filou! Und flüstert mir ins Ohr:

„Wenn du allein wärst … Ich würde … sag mal, dein Herbert … aber was auch, ich habe ja, ich bin zu spät …“ und ähnlich in diesem Ton.

Manchmal denke ich, ich werde gleich ohnmächtig wie Scarlett O’Hara … Die kennen Sie doch, oder? Würde nur noch feines Riechsalz helfen, glauben Sie mir. So eine Kraft, so eine Ausstrahlung, so eine Macht hat dieser Heinz über mich. Das darf hier keiner wissen. Also bitte, behalten Sie das schön für sich.

Dieser Heinz wohnt eine höher. Hatte ich schon erwähnt? Manchmal möchte ich, wenn ich so vom Einkaufen komme, bei dem mir nun immer dieser nette Finn hilft, von dem ich Ihnen auch erzählt hatte, Den ich einmal in der Halle kennengelernt habe und der immer so schlurft. Herrje! Na, jedenfalls, wenn ich vom Einkaufen komme, dann möchte ich gern eine Treppe höherlaufen, an der Tür rütteln, bis Heinz aufmacht, er mich umfasst und ins Schlafzimmer … ich schweife ab. Warten Sie, ich komme jetzt auf den Punkt.

Eines Tages klingelte es bei uns Sturm. Herbert machte keine Anstalten, sich aus seinem Sessel zu erheben. Könnte ja die dicke Luft darunter aufsteigen. Ich ging zur Tür und öffnete, schlug mir aus dem Hausflur eine Geruchsfahne entgegen, gemischt aus Bratkartoffeln, Goulasch und dem Rasierwasser von Heinz. Der stand da mit hochrotem Kopf und hielt mir einen Schlüpper hin. So einen richtigen Schlüpper mit einem graubraunen Fleck. Schmierfleck, würde ich vornehm sagen. Nein, ich würde das Ding Slip nennen, wenn es ein Slip wäre, oder Unterhose oder Boxer oder was weiß ich.