Kurzum - Kurzgeschichten - Bernd Kleber - E-Book

Kurzum - Kurzgeschichten E-Book

Bernd Kleber

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Beschreibung

Haben Sie heute schon gelacht? Möchten Sie sich berühren lassen, zum Nachdenken anregt werden? Hier vereint sich in einer Auswahl ergreifender Erzählungen alles, was das Leben und die Phantasie bieten. Wir lernen Menschen kennen, die Heldenhaftes leisten. Wir lernen aber auch Abgründe kennen. Eine Achterbahn der Gefühle, ein Feuerwerk an Unterhaltung, erzählt in einer fließend geschriebenen bildreichen Sprache, für jede und jeden, die anspruchsvolle aber sehr unterhaltsame Texte zu schätzen wissen. Eine absolute Leseempfehlung für jede Pause, jeden Feierabend, für den Urlaub oder den Gabentisch zum Geburtstag oder an Weihnachten. Sie werden mehr wollen nach Genuss dieser fesselnden Texte! Gut, dass es Fortsetzungen gibt in der Reihe: Kurzum – Kurzgeschichten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Liebe Leserin, lieber Leser,

hier kannst Du die Geschichten nachlesen, die ich nun schon einige Zeit jede Woche in meinem PODCAST:

„Bernd Kleber - Hören, was zu lesen ist“,

veröffentliche. Du kannst ihn auf vielen Verteilern hören. Anchor, Spotify, Google Podcast und Apple Podcast sind nur einige der Plattformen, wo sie sich finden lassen.

Ich hoffe, das Lesen macht Dir genauso viel Spaß, wie das Hören und bedanke mich bei Dir für Deine Aufmerksamkeit.

Besuche auch meine Homepage www.fable-stube.de.

Nun aber entspannende Unterhaltung, jedoch dabei nicht einschlafen

Bernd Kleber

Bernd Kleber

Kurzum

Kurzgeschichten

HELD*INNEN

Erster Teil

© 2021 Bernd Kleber

Umschlag, Illustration: tredition.com / Bernd Kleber

Fotos: Bernd Kleber, pexels.com, pixabay.com

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Inhalt

1. Geheimnisse

2. Mycelien

3. Irgendwas ist immer (Hilde Kalweit)

4. Schmetterlingseffekt

5. Mathilde

6. Tilia cordata

7. Die Abrechnung

8. Der Kuss

9. Grenz-wertig

10. Treue, Liebe, Hoffnung

11. Heldinnen

12. Koffer in Berlin

13. Geburtstagspost

14. Fröstelchen und Klara

15. Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul

16. Scharfes Kaninchen mit Tamarinde…(Gia)

17. Der Mantel

18. Die Beschwörung

19. Würzburg 1952

20. Die EMO-Quote

21. Heimat der Liebe

22. Trockenperiode

23. Havarie

24. Gespiegelte Gier

25. Glut (eine Gia – Geschichte)

26. Die Sache mit den Vögeln (Hilde Kalweit)

Man atmet tief ein, genießt es, nicht allein zu sein und liest all das, was man auch hören kann in den fantasievollen Geschichten, die uns mit viel Nähe und Offenheit begegnen.

Die Fotoillustrationen im Buch rufen Erinnerungen direkt an die Oberfläche. In szenischen Spaziergängen begleiten wir den Autor und nehmen Anteil an den Farben und Düften der vielen neuen Eindrücke.

Den Duft von Winterlinde, das Lachen, das Leben oder auch mal Tränen der Erleichterung, eine Situation hinter sich gelassen zu haben.

Geschichten, die uns den Alltag vergessen lassen und uns mal Freund, mal Begleiter sind oder uns einfach nur schmunzelnd und belustigt zurücklassen –

lesens- und liebenswert.

Marika Bergmann, Künstlerin

Dortmund, März 2022 http://www.marikabergmann.de

Geheimnisse

Da saß er nun im Schneidersitz auf dem Fußboden des Korridors. Die Hände mit Schuhcreme beschmiert, blätterte er in dem Ordner, der ihn aus der untersten Schuhregal-Reihe angeknurrt hatte. Warum befand sich dieses Büroungetüm im Schuhschrank? Nur seine Mutter konnte ihn dort hineingeschoben haben. Oder?

Warum?

Viel verstand er nicht. Bis er zu einem Blatt kam, das eine große Überschrift trug. Er las sie ganz langsam. Blätterte weiter und entdeckte seinen Namen.

Der Junge rieb sich das Kinn, dann kratzte er seine Stirn. Die Lippen fest zusammengepresst. Was bedeutete das? Wussten die Nachbarn, die Lehrer, die Mitschüler auch von diesem Blatt? Ihm lief eine heiße Welle vom Nacken durch den ganzen Körper. Die Ohren glühten jetzt.

Er blätterte weiter.

Viele Worte begriff er nicht, wie eine Fremdsprache. Der Junge schlug den Aktenordner zu und atmete heftig. Musste er Beatrice und Angelika mit anderen Augen ansehen?

Zwei Mädchen betraten den Korridor. Schnell schob er den Geheimnisbehälter wieder in das Fach für Schuhe.

„Bist Du fertig? Hast Du meine Schuhe auch geputzt?“, fragte die eine. Die andere schaute ihn mit großen Augen an. Sie umarmte ihn.

„Du bist aber fleißig!“, juchzte sie in sein Ohr.

Der Junge hielt seine jüngste Schwester fest und beschloss, dass es egal sei, was er eben gelesen hatte.

Er lächelte breit, Harmonie mit seinen Schwestern, seiner Familie. Geborgenheit und vertrauter Duft.

Er erhob sich und kitzelte beide Schwestern. Sie lachten und alberten. Warfen Schuhe aus dem Schrank durch den Korridor.

Als das Schloss der Wohnungstür knackte, sprangen sie durch den Raum und räumten auf.

„Na meine Großen, wart ihr auch artig?“, begrüßte sie ihre Mutter und verteilte Feierabend-Küsschen, die wie Bonbonpapier knisterten und süß schmeckten. Dann verschwand sie in die Küche.

Am Abendbrottisch beobachtete er seine Schwestern, seine Mutter. Er kannte die Bewegung der Kleinen genau, wenn sie ihre vielen widerspenstigen Locken immer wieder hinters Ohr schob beim Essen. Er schmunzelte über das Sortieren der einzelnen Bestandteile der Mahlzeit durch die zweite Schwester. Sie baute wieder einen Soßenkanal im Kartoffelbrei. Er genoss den lächelnden Gesichtsausdruck seiner Mutter, wenn sie von einem zum anderen blickte.

Papa konnte er nach dem Hefter nicht fragen, der war auf Montage, was weit weg bedeutete. Würde er seine Mutter später ansprechen? Mutti, was ist das für ein Blatt im Aktenordner? Nein, er würde sie nicht beunruhigen. Vielleicht hat ja doch nicht sie den Ordner dort versteckt? Könnte ja sein, nur sein Vater wusste davon?

Er würde in den Ferien Opa fragen! Breit grinste er bei dem Gedanken und hieb sich auf den Schenkel. Alle drei am Tisch sahen ihn an. Er zuckte mit den Schultern und grinste.

Von seinem Teller schob er eine Frikadelle auf den Teller der Jüngsten, die mochte sie so sehr. Muttis Bouletten! „Hier kleine Beatrice, damit Du groß und stark wirst!“ Alle lachten.

Und er murmelte im Kopf immer wieder diese Überschrift, sie nicht zu vergessen:

„Urkunde über die Annahme an Kindes statt“.

Mycelien

Die schwarze Kugel lag in ihrer Hand und vibrierte. Ein Glanz, der eine Sogkraft hatte, ging von ihr aus. Ihr Spiegelbild auf der Oberfläche der Kugel schien unendlich weit entfernt und doch so klar wie eine HD-Projektion. Sie lächelte:

„Guck´ mal, Oma; was ich dir mitgebracht habe!“.

„Was ist das?“, fragte die alte Frau und ging mit ihrer Lesebrille auf Zoom, ihr Kopf neigte sich nach vorn. Die Haut am Hals straffte sich.

„Ich habe das hier im Wald gefunden! Lag dort, und strahlte mich an.“

„Schwarze Strahlen? Das Ding ist ja pechrabenschwarz!“

„Nein, Omi, ich meine es eher metaphorisch. Ich finde, es sieht magisch aus. Wo können wir es platzieren?“.

Martha ergriff die Kugel, drehte sich um ihre eigene Achse und schüttelte den Kopf. Die Kugel wanderte nun auf Bauchhöhe von einer Hand in die andere. Langsam schritt die Alte durch den Raum. Am Sideboard, vor einer Kristallschale blieb sie stehen und legte die Kugel wie ein Ei, ein Straußenei, in die Schale. Dann drehte sie sich zu Sophie und lächelte: „Vielen lieben Dank, meine Süße, du hast schon immer merkwürdige Dinge aus dem Wald mitgebracht. Ich werde gut auf die schwarze Kugel achten. …“

Lange plauderten sie an diesem Abend, bevor die Enkelin sich verabschiedete. Das Scheinwerferlicht verschwand hinter der Wegbiegung im Dunkel. Martha schloss die Vorhänge und trabte gähnend ins Bad. Danach ging sie noch einmal an die Schale, in der das makellose Rund lag. Mit dem Zeigefinger klopfte sie gegen die feucht aussehende Oberfläche. Die Kugel bebte wie ein vibrierendes Mobilteil. Martha klopfte noch einmal. Da hörte sie ein kleines Knacken, als würde man zu früh die Eisfläche eines Teiches betreten. Erschrocken wich sie zurück. Dann schlurfte sie davon. Jetzt wartete ihr Bett schon ungeduldig.

Am nächsten Morgen schepperte das Kaffeegeschirr, als es auf dem Boden zu Bruch ging. Martha hielt beide Hände vor ihren Mund, als wolle sie den Schrei, der herausstürmte, gefangen nehmen. Ihr Blick folgte einer schwarzen Bahn aus Fäden eines Gespinstes, welches sich von der Kugel wie Keimlinge oder Zweige in Richtung Kamin bewegte. Die Fäden schwangen und knisterten leise. Sie bewegten sich wellenförmig, als wollten sie sich recken und Martha konnte genau sehen, wie sie sich dabei in die Länge dehnten. Sie dachte an Insektenfühler, die sich ihren Weg ertasten. Oder Tentakeln eines Kraken. Im Kamin endeten die Fäden. Also dort bewegten sie sich hinein. Es waren viele. Sie waren untereinander verbunden. Ein Gespinst ähnlich eines Myzels oder dem einer Schimmelkultur auf altem Brot. Wie Hyphen ein Geflecht bilden, so entstand hier auch dieses Gebilde. Nur das dies hier schwarz gelackt glänzte, pulsierte und einen süßen Duft verströmte, den Martha genüsslich einatmete. Langsam ging sie auf das Gespinst zu. Schritt es ab, bis zum Ursprung an der Kugel. Als sie auf Höhe der Kugel ihre Augen nah an den Ursprung, die Quelle, rückte, konnte sie erkennen, dass die Fasern aus einem kleinen Riss in der Kugel quollen und scheinbar junge Triebe immer noch folgten. Die jungen fadenförmigen Zellen hangelten sich an den stärkeren entlang. Es sah magisch aus. Und der liebliche Duft machte es irgendwie schön. Schön und gruselig zugleich.

Marthas Zeigefinger näherte sich der kleinen Wunde in der Kugel, doch diese drehte sich weg, als wolle sie die Berührung vermeiden. Erschrocken zog die alte Frau ihren Finger zurück. Martha lauschte. Das Knistern war wie ein feines Wispern. Der Ton war nur zu hören, wenn Martha ihr Ohr exakt ausrichtete. Bewegte sie ihren Kopf verschwand das Geräusch.

Martha setzte sich auf ihren Sessel und besah ihr Frühstück auf den Fliesen, wo sie das Tablett hatte fallen lassen. Sie überlegte. Wen könnte sie anrufen, wen herbitten, sich diese Pflanze oder dieses Wesen anzusehen? Was sollte sie tun? Berühren wollte sie es nun nicht mehr. Und sie hätte auch nicht gewusst, womit sie das Gebilde entfernen könnte.

Ruckartig schnellte sie auf und ging hinaus. Nach einigen Schritten stand sie wieder vor der Kugel und hatte Handfeger und Müllschippe in den Händen. Mit dem Handfeger versuchte sie die Kugel auf die Schippe zu schieben. Die Kugel versteifte sich. Nein, die Fäden versteiften sich und hielten so die Kugel. Es machte keinen Sinn. Mit dem Handfeger ging sie an einen sehr zarten Faden und zog diesen. Der Faden dehnte sich wie Gummi. Nach einigen Zentimetern platzte er. Beim Zerreißen entwich eine schwarze Staubwolke. Dieser Nebel senkte sich auf die Fliesen. Martha sah kopfschüttelnd zu. Die Masse rann zusammen wie Quecksilber und bildete auf dem Boden mehrere kleine Kügelchen.

„Was ist das für ein Quatsch?“, murmelte die Alte und ging einige Schritte zurück.

Sie telefonierte mit der Auskunft. Einige Telefonate später hatte sie eine Dame am Apparat, die sie fragte, ob ihr schwindelig sei oder sie heute schon etwas getrunken hätte. Martha legte den Hörer wütend auf.

Sie ging in ihre Stube zurück. Jedoch weit kam sie nicht. Der Raum war mehr als dreiviertel mit schwarzen Fasern gefüllt, die alle zum Kamin strebten.

Martha eilte vor die Tür ihres Hauses und blickte hinauf zum Schornstein. Was sie dort sah, ließ ihren Atem stocken. Wie gebannt starrte sie auf die Fläche. Eine dicke schwarze Wolke hatte sich vom Dach in Richtung Norden ausgebreitet und bedeckte Wiese, Weg, Waldrand. Sie schätzte die Fläche fünfmal so groß wie ihr Grundstück ein und höher als die alte Buche, die am Wegrand stand. Was zur Hölle ist das?

Mit kurzen eiligen Schritten rannte sie in das Haus zurück und rief bei der Polizei an. Der Beamte hörte ihrer keuchenden Beschreibung geduldig zu und ermahnte sie immer wieder langsam und deutlich zu sprechen. Er fragte, was für eine Wolke, wie groß, ob sie stinke, ob es sich um einen chemischen Unfall handele, wie alt Martha sei, ob sie allein lebe, ob Martha verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen müsse, ob sie Verwandte anrufen könne, die sich um sie kümmern. Martha beendete wortlos die stoisch gestellten Fragen durch Auflegen.

Nun wählte sie die Nummer ihrer Enkeltochter: „Sophie, die schwarze Kugel hat sich als Ungetüm entwickelt und spinnt hier die gesamte Landschaft wie eine dicke Spinne ein oder so ähnlich. Kannst du so lieb sein und mal herkommen? Ich habe Angst.“

„Omi, was redest du denn? Was soll die Kugel gemacht haben? Muss ich mir Sorgen machen? Halluzinierst du? Soll ich einen Notarzt rufen und schicken?“

„Nein, wirklich, bitte liebes Kind, komm´ so schnell du kannst und schau dir das an, ich weiß nicht, was ich machen soll. Ein Arzt kann hier nicht helfen, mir geht es gut. Die Kugel spinnt… im wahrsten Sinne des Wortes!“

„Oma, okay, ich komme morgen. Heute habe ich noch ein Meeting, das sehr lange andauern wird. Also heute schaffe ich das nicht, aber morgen komme ich. Lass alles, wie es ist. Ich räume es dann weg. Fass nichts an, egal was da bei dir ist.“

„Du hast gut reden, du scheinst nicht zu verstehen… hier ist alles überwuchert.“

„Oma, geh, leg dich hin, und wenn es dir nicht gut geht, rufe einen Notarzt bitte.“

Martha hatte den gesamten Tag keine Ruhe. Sie aß wenig und beobachtete immer wieder, wie sich die schwarze Masse ausdehnte. Irgendwann begann sie einen Koffer zu packen und stellte den in den Flur. In das Wohnzimmer konnte sie nicht mehr eintreten, es war schwarz gefüllt. Die Masse dehnte sich durch die Türfüllung wie ein Hefeteig, der sich aufblähte. Jedoch war es keine zusammenhängende Masse. Es sah eher aus wie ein schwarzer Kokon.

Martha schloss die Flurtür ab und schob den Schuhschrank davor. Sie ächzte. Dann ging sie die Treppe hinauf ins Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Ein Nachthemd hatte sie nicht an, sie schlief mit ihrer Tageskleidung.

Nach turbulenten Träumen, die sie einige Male hochschrecken ließen, stand sie am Morgen schwerfällig auf. Sie öffnete die Schlafzimmertür und sah in ein schwarzes Etwas, was den gesamten Flur eingenommen hatte. Eilig lief sie zurück und griff nach dem Mobilteil ihres Telefons. Sie wählte. Ein Ruf war zu hören.

„Ja bitte!“, erklang die gehetzte Stimme ihrer Enkeltochter. „Sophie, ich sehe hier nur noch Schwarz, was soll ich nur machen?“, wimmerte Martha.

„Nichts, warte bis die Behörden kommen. Hier in der Stadt ist heute Morgen auch alles schwarz überwuchert, ich weiß jetzt, wovon du sprichst. Niemand kann die Masse durchdringen. In den Nachrichten spricht man von einem Pilz. Man soll einen Mundschutz tragen und Handschuhe. Armee und Technische Brigaden sind schon im Einsatz. Und fass um jeden Preis das schwarze Zeug nicht an. Es gab Menschen, die sind nach Berühren selbst zu Kugeln geworden. Bis später Omi, ich muss jetzt ausweichen…“. Im Hörer gab es nur noch ein „Tut… tut… tut…“.

Martha suchte keuchend einen Schal aus dem Schubfach und sah aus der Gaube. Wie jeden Morgen gingen die beiden Sonnen auf und scherten sich um nichts, stiegen hoch über eine Landschaft in tiefem Schwarz.

Irgendwas ist immer

(Eine Hilde Kalweit-Story)

Also ich muss schon sagen, das war ja vielleicht was. Am Ende eskalierte alles fürchterlich und ich wusste gar nicht, wie ich ohne Scham wieder vors Haus gehen sollte…

Aber fange ich von vorne an. Mein Name ist Hilde Kalweit, ich bin in Berlin-Schöneberg geboren und habe immer Belle Etage gewohnt. Mein Mann war schließlich bis zur Pensionierung ein gut situierter Beamter.

Wir haben zwei Kinder großgezogen, die sind auch beide was geworden, da kann man als Mutter schon stolz sein.

Mein Hobby ist Backen. Ich habe mich jetzt auf Etagentorten spezialisiert und kreiere die schönsten Türme zu den Anlässen, die sich bieten.

Und nun erzähle ich Ihnen, was mir Peinliches passiert ist oder besser meinem Gatten. Denn ich war ja nicht schuld am Schlamassel.

Hach, wo fange ich nun bloß an?

Neulich haben wir unsere Freundschaft eingeladen: Erwin und Klara Ruhlstädt. Die wohnen zwei Straßen weiter und wir kennen sie schon viele Jahre.

Durch unsre Kinder. Irgendwann ist daraus eine nette regelmäßige Kartenrunde entstanden. Doppelkopf oder auch manchmal Canasta und wenn ich mich gar nicht durchsetzen kann, langweiliges Rommé.

Ich liebe ja aber mehr die Kartenspiele mit Pep. Beim Rommé schlafe ich fast ein. Aber wenn Klara es sich einmal in den Kopf gesetzt hat, klimpert sie mit ihren unechten Hilde-Knef-Wimpern und die beiden Kerle fressen ihr aus der Hand. Sie achtet auch peinlichst darauf, die Männer nicht sehen zu lassen, wenn sie mir die Zunge herausstreckt. Miststück manchmal.

Also, es war Spieleabend geplant und ich mache dann so gerne einen Mettigel, flankiert von einem Käsehappenigel. Und mein Mann Herbert macht eine leckere gespritzte Pfirsichbowle. Da darf man ja auch nicht kleckern, wenn Freundschaft kommt. Da muss man schon bisschen klotzen.

Das Highlight ist jedenfalls meine Etagentorte. Die Torte schaffen wir ja nicht und auf den Zuckerhaushalt müssen wir auch achten. Aber ich will ja was anbieten. Die Klara staunt immer.

Aber ich merke, ich verplappere mich.

Ich also an dem Vormittag zur Halle. Dort kaufe ich alles, was ich benötige. Mett lasse ich gerne ganz frisch durchdrehen. Dann Käse, dazu die Cocktail-Kirschen und natürlich alles, was ich für den Tortenaufbau zugeben muss. Fondant, Marzipan, Lebensmittelfarbe, Mehl, Eier, gute Butter, na Sie ahnen es, es gibt zu tun.

Als ich aus dem Supermarkt komme, verfolgt mich ein ganzes Stück so ein Bengel, langer Lulatsch, schlurft dicht hinter mir. Ich die schweren Taschen. Bleibe ich einfach stehen. Drehe mich um und sehe ihn erstmal an, mit meinem Blick, da wissen die meisten gleich Bescheid. Guckt der depprig und fragt, ob er mir die Tasche tragen soll? Ich denke, keine blöde Idee… und sage: „… aber nur, wenn de die Beene hebst!“

Der lacht und lief nun wie Storch im Salat, freche Aasbande, die jungen Leute. Am Haus bleibt er stehen und fragt, ob er noch hochbringen soll. Da sage ich: „Junge, ick wohne Belle Etasche, dit schaffe ick alleene…“

Grinst er und bietet an: „Na Frau …, wenn ich wieder mal helfen kann…“

„Kalweit, junger Mann, Kalweit!“

Herbert meinte später, das war der große Fehler, herrjeh. Adresse und Name! Stehen ja auch im Telefonbuch.

Na egal. Ich mache alles zurecht, Herbert liest stöhnend und murmelnd Zeitung.

Als ich in der Küche fertig bin, fängt er wieder an. Ob ich schon vom Enkelbetrüger-Trick, von Überfällen, Einbrüchen und Vergewaltigung gehört hätte.

Aber ich bitte Sie, wer vergeht sich denn an einer älteren Dame wie mir? Diese Phantasie möchte man ja nicht haben. Ich beruhige ihn mühselig. Herrjemine, Männer!

Zum Glück kamen schon Erwin und Klara. Wie immer zu früh. Diesmal passte es, um Herbert ruhig zu stellen.

Wir tranken Kuchen und aßen Kaffee, nein, natürlich umgekehrt, verzeihen Sie bitte. Und man lobte wieder meine Torte, sie sei die beste von allen bisher… Ich sah mich unsicher um, da ich ja anscheinend jedes Mal die gelungenste abliefere.

Dann ging es ans Karten spielen. Ich hatte eine Gewinnersträhne, was Klara ziemlich sauertöpfisch dreinblicken ließ.

Als ich aufstand und ankündigte, ich würde schnell den Mett- und den Käseigel fertig machen, meldete sich Klara schnippisch, das würde sie heute nicht vertragen. Ich fragte: „Warum denn nich, meene Grundjute?“

Ja, sie hätte da was, muss ja nichts Ernstes sein, aber ihr wäre mehr nach Pizza und ohnehin fand sie ja im Briefkasten diese Speisekarte und brachte die mit und wolle das jetzt ausprobieren, Erwin und Herbert seien auch mal für Abwechslung.

Ich holte tief Luft und stemmte die Hände in die Hüfte: „Na, dat habt ihr euch ja jut ausjedacht!“

Dieses Biest, wann hatte sie das nur eingefädelt? Als ich die Torte hereingeholt hatte sicherlich. Und wer bezahlt den Italiener? Herbert ganz bestimmt. Na wunderbar!

Also bewaffneten wir uns mit unseren Lesebrillen und begannen zu studieren, was es auf der quietschbunten Karte des Italieners angeboten gab.

Ich entschied mich für eine kleine Pizza Salami. Die anderen wuselten vor und zurück, bis sie sich endlich festgelegt hatten. Klara orderte für sich dann noch Tiramisu, trotz meines Hinweises auf die Torte, die ja in Masse vorhanden war und reichlich Sahne enthielt.

Herbert meinte: „Hildchen, ruf mal an… du hast so eine schöne Aussprache!“ Das lehnte ich aber energisch ab, ich lasse mich ja nicht vollkommen für dumm verkaufen und legte die Bestellung Klara vor die Nase. „Das macht Klara gerne, war ja auch ihre Idee und sie wird dem Italiener schon was flöten…“, trug ich mit spitzem Mund hochdeutsch vor.

Alle lachten wir, außer Klara, die zu unserem Telefonhörer griff. Ich meinte, sie könne mein Mobiltelefon benutzen, dann müsse sie nicht so an der Hörerstrippe ziehen. Aber das wollte sie wegen der Strahlen am Kopf nicht.

Dann ging es hin und her, alles musste sie wiederholen. Das andere Ende verstand wohl schlecht. Am häufigsten rechtfertigte Klara sich, nur ein Tiramisu zu bestellen, obwohl wir doch vier Essen geordert hatten.

Dann fing Klara an, in Ihrem Handy etwas zu suchen. Ich fragte, was sie da krame. Sie schüttelte nur den Kopf und begann zu buchstabieren und aufzuzählen.

Ich bin erstmal raus, das kann ich ja nicht haben, solche Umstandskarnickel. Als ich wieder in die Stube kam, war endlich bestellt und ich räumte den Apparat in den Korridor.

Wir spielten weiter unsere Karten, ich ständig am Gewinnen, die Männer tranken Kurze und Klara ziemlich viel von Herberts Bowlen-Geheimrezept. Na, Sie können sich ja vorstellen, es wurde immer lauter.

Irgendwann klingelte es dann. Ich sprang auf, rannte zur Tür und nahm das Essen in Empfang. Natürlich haben wir allein bezahlt. Aber das merke ich mir, nächstes Mal bei den Ruhlstädts nehme ich die Speisekarte des Inders mit, die wir im Kasten hatten.

Wir ließen es uns dann schmecken. Ich hatte alles auf das Rosenthaler Geblümte aufgetan, bisschen Kultur muss schon sein. Klara wollte ihre Pizza gleich aus dem Karton fressen. Na aber auf keinen Fall, hier in der Belle Etage!

Dann spielten wir noch einige Runden, bis meine Frau Ruhlstädt meinte, sie hätte jetzt keine Lust mehr zu verlieren und würde nur noch eine Tasse Kaffee trinken und dann würde man sich nach Haus begeben wollen.

Nun musste ich also nochmal Kaffeegeschirr auftafeln, aber man macht es ja auch gerne, wenn man Besuch hat. Beim Räumen fiel mir dann das Handy vom Tisch.

Ich hob es auf und bemerkte, dass es einen nicht gehörten Anruf gegeben hatte. Das Ding war auf stumm geschaltet. Ich also schaue genauer nach, man kann ja heutzutage alles kontrollieren, welche Nummer, welcher Name und welche Zeit.

Die Nummer kannte ich nicht. Das wunderte mich dann schon ein wenig. Wer ruft bei mir denn am Samstagabend an? Es gab eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter von diesem Gerät, eine Technik heutzutage, ja?!