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Hildesheimer Geschichte(n). Das dritte Buch der Hildesheimlichen Autoren. Eine Anthologie des Vereins der Hildesheimlichen Autoren zum 1200-jährigen Jubiläum der Stadt Hildesheim im Jahre 2015. Hildesheimliches aus 1200 Jahren mit Beiträgen zahlreicher Autoren. Historisches, Kriminalistisches und Fantastisches.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für die Texte sind die Autoren verantwortlich. Nachdruck oder Vervielfältigung, auch auszugsweise, ist ausdrücklich untersagt. Die Textrechte verbleiben bei den Autoren.
PETER HERELD
Es war einmal vor 1200 Jahren
PETRA HARTMANN
Mit Hödeken auf dem Rennsteig
.
KARLA BAIER
Der Ehrlicher-Park
UTA JAKOBI
Die Dominikaner in Hildesheim
ECKEHARD HAASE
Ein Mönch namens Albert
HENNING REICHRATH
Ein Interview mit Pining – Nachrichten aus dem Jenseits?
DIANA KREWALD
Auf dem Rabenstein
ANKE WOGERSIEN
Catharina
MICHAEL HANNACK
Das Gedicht
MARLENE WIELAND
honorem ei qui meritur
oder
Sei gegrüßt, Magdalena
BERNWARD SCHNEIDER
Im Dunkeln – Eine Hildesheimliche Kriminalgeschichte
RENATA MAßBERG
Wie das Huckup-Denkmal entstand
ALTJE HORNBURG
Ein Gespräch in Hildesheim
MARIA MARHAUER
Ein Hildesheimer in Stalingrad
HANS-JÜRGEN FISCHER
Verwirrendes, hilfreiches Hildesheim
EGBERT BRANDT
Die Arnekenstraße – Erinnerungen an eine Straße
SONJA KLIMA
Die Mehrerin
JONAS-PHILIPP DALLMANN
Letzte Stadt
JENS VOLLING
2051 – Odyssee in Hildesheim
ELVIERA KENSCHE
Das schönste Fachwerkhaus der Welt feiert Geburtstag
DIE AUTOREN
Frühling im Jahre des Herrn 815. Dunkel und schwer hingen die Wolken über dem Innerstebergland. Noch hielt der Himmel seine Schleusen geschlossen, grade so, als wage Petrus es nicht, Ludwig dem Frommen, der mit seinem Gefolge gen Westen reiste, das hochwohlgeborene kaiserliche Haupt zu nässen.
»Mich fröstelt’s, wenn ich nur nach oben schaue! Sagt, Marschall, erreichen wir Elze noch vor Anbruch der Nacht?«
»Vermutlich nicht, Euer Majestät. Es ist noch ein gutes Stück bis dorthin, und wenn der Regen uns erst ins Gesicht schlägt, wird die Zeit bis zur Dämmerung kaum noch langen.«
Ludwig zog sich das Tuch enger um den Hals. So, in graues Leinen gewickelt, gekrümmt auf dem Ross sitzend, blieb nicht viel übrig von seiner kaiserlichen Würde. Ihm war’s gleich, solange er es einigermaßen warm hatte. Die Kinder im Wagen waren da schon bedeutend besser gegen den Wind geschützt. Dennoch, was das Reisen anbelangte, hielt er es mit seinem kürzlich verstorbenen Vater, Karl dem Großen: Der Wagen ist gerade gut genug für Weib und Kind – ein Kaiser jedoch, der gehört aufs Pferd.
»Und? Kommen wir noch durch eine Stadt, wo wir einkehren können?«
»Ich fürchte nein, Majestät. Nur eine schlichte Siedlung an der nächsten Furt. Die armen Leute dort werden Euch wohl kein angemessenes Obdach bieten können. Es sollte aber genug Platz vorhanden sein, um unsere Zelte aufzuschlagen.«
»Ich meine, ich kann sie schon sehen!« Ludwig kniff die Augen zusammen und blickte angestrengt den Weg voraus. »Keine Kirche, scheint’s!«
Der Marschall schüttelte unmerklich den Kopf. Es waren gerade einmal eine Handvoll Hütten, wie sollte es da zu einer Kirche langen? Zuweilen fehlte ihm Verständnis für des Kaisers Eigensinn, sein gewaltiges Reich einzig durch das Banner des Kreuzes beisammen halten zu wollen.
»Herr, schaut Euch die windschiefen Hütten an! Die Leute dort haben gewiss ihre liebe Not, die eigenen Mäuler satt zu kriegen. Da bleibt nichts über für den Unterhalt eines Predigers.«
Der Kaiser nickte. Sein Verstand gab dem Marschall Recht, sein Herz jedoch widersprach. Gottes Wort sollte überall verkündet werden, wo der Mensch sich niederließ, und mochte die Siedlung auch noch so klein sein.
Kaum stoppte der Zug, da flogen auch schon die Wagentüren auf und drei Kinder sprangen heraus: Rotrud, Hildegard und der kleine Ludwig, die jüngsten Sprösslinge des Kaisers. Lehrer und Zofe blieben derweil gemütlich im Warmen sitzen.
Ludwig betrachtete die Kinder beim Toben. Ein Jammer, dass zwei Mädchen darunter waren! Schließlich wollte das weitläufige Reich verwaltet werden. Lothar, der Älteste, tat dies bereits bei den Bajuwaren, und Pippin, der Zweitälteste, begann damit gerade in Aquitanien. Nun war nur noch ein Prinz übrig, Ludwig, gerade einmal neun Lenze alt. Gern hätte er auch Rotrud mit Verantwortung versehen, zumal sie nicht nur die Älteste war, sondern auch die Klügste. Doch ein Weib als Regentin? Das war undenkbar.
»Jeder Stein schlägt einem beim Fahren in der Kutsche ins Kreuz«, klagte Rotrud, »was ist das nur für ein scheußlicher Weg!« Die anderen beiden Kinder wagten aus Respekt vor dem Vater kaum den Mund zu öffnen.
Ludwig schaute fragend zu seinem Begleiter.
»Das ist der Hellweg, Euer Majestät«, beantwortete der Marschall Rotruds Frage, »eine der bedeutendsten Handelsstraßen des Reiches. Er führt vom Balkan quer durch das Reich Eures Vaters bis ins Rheinland und darüber …«
»Hellweg?«, platzte es aus ihr heraus. »Ich sah selten ein dunkleres Pflaster! Wie kann man diese Straße da Hellweg schimpfen?«
Der Marschall verkniff sich ein Lächeln. »Der Name rührt daher, Euer Majestät, dass links und rechts weiträumig die Bäume abgeholzt wurden, damit man schon von weither sieht, wenn Räuberbanden kommen. Im Grunde könnte er auch Lichter-Weg heißen.«
»Aber müssen die Steine denn so unegal ausgelegt sein? Ich bin schon ganz wund!« Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sich Rotrud ihre lädierte Kehrseite, während sie den Marschall herausfordernd ansah.
Statt ihren Blick zu erwidern, starrte dieser angestrengt zu Boden. »Ohne Pflaster versänken wir alle Nase lang im Schlamm, vor allem mit den Kutschrädern, Euer Majestät.«
Rotrud war auf dem besten Wege, eine Frau zu werden, und eine hübsche obendrein, das war dem Marschall nicht entgangen. Ein Grund mehr, sie nicht auch noch zu ermutigen, denn er gab gewiss keine standesgemäße Partie ab. Und auch dem Kaiser wollte ihr Gerede nicht gefallen: Ein zorniger Blick von ihm ließ sie schlagartig verstummen.
Neugierig geworden, hatten sich ihnen derweil die Bewohner der armseligen Hütten dies- und jenseits der Furt genähert. Ihre Kleider waren in einem ebenso jämmerlichen Zustand wie ihre Behausungen. Bei diesem Anblick musste sich selbst Ludwig, der unbestritten und wahrhaftig Fromme eingestehen, dass eine Kirche hier fehl am Platz gewesen wäre.
»Wer bist du?«
Hatte da etwa jemand an seinem Wams gezupft? Ludwig schaute an sich herab. Ein Knabe starrte zu ihm hinauf, vielleicht gerade einmal fünf Jahre alt, schmutzig und zerzaust. Trotz der Kälte stand er mit nackten Füßen auf dem dunklen Pflaster und schaute neugierig zu ihm empor. Ludwig fröstelte es bei dem Anblick; der Junge jedoch sah aus wie das blühende Leben. Obwohl seine Wangen vor Dreck starrten, blitzte es hier und da rosa durch. Der Marschall wollte den unverschämten Bengel beiseite schieben, doch Ludwig hielt ihn zurück mit einer Geste.
»Ich bin dein Kaiser, mein Sohn.«
Inzwischen wurden die beiden vom halben Hofstaat umringt.
»Und wie heißt du?«
Einige waren entsetzt über die Respektlosigkeit des Knaben, andere konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Am meisten Spaß hatten die Kinder Ludwigs – so despektierlich hatten sie noch nie jemanden mit dem Vater sprechen hören! Eine abgemagerte Frau im speckigen Rock trat dazwischen und zog den Jungen fort, nachdem sie sich zuvor tief verbeugt und dabei unentwegt unverständliche Worte gemurmelt hatte.
Ludwig war verwirrt. Obwohl ständig mit seinem Hofstaat von Pfalz zu Pfalz reisend, wie es sich für einen Regenten schickte, kam er nie mit den Einfachsten der Einfachen zusammen. Ein so frischer, unbekümmerter Junge wie dieser war ihm bislang nicht untergekommen.
Die Siedler hielten noch immer gehörigen Abstand zu den Neuankömmlingen. Dem hochherrschaftlichen Volk und zuvörderst den Rittern sollte man immer mit größter Vorsicht begegnen, so viel hatte das Leben sie gelehrt.
»Euer Majestät, wir sollten die Zelte aufschlagen. Bis nach Elze ist’s noch ein gutes Stück, und wenn wir erst in Unwetter geraten…« Der Marschall deutete zum Himmel. Man konnte meinen, dass die Wolken bereits die Wipfel streiften, so tief standen sie schon.
»Hat der Küchenmeister noch genügend Vorrat, um uns zu versorgen für die Nacht?«
Ludwigs Frage war nicht unberechtigt; immerhin musste für die Verpflegung sonst die Stadt aufkommen, welche die Ehre hatte, den König samt Hofstaat aufnehmen zu dürfen. Waren die Lager erschöpft, machte man sich auf den Weg zur nächsten Siedlung. Oder zu einer der über das ganze Reich verstreuten Pfalzen, den Königssitzen des Regenten.
»Für die Nacht wird’s schon reichen, wenn wir auch knapp sind an Fleisch.«
»Gut, Marschall, dann sagt dem Küchenmeister, er möge die Siedler nicht vergessen. Die meisten sehen aus, als hätten sie’s nötig. Wollen zur Abwechslung einmal wir die Gastgeber sein!«
Während der Tag zur Neige ging, saßen alle beisammen, Siedler und Hofstaat. Man wärmte sich an einem großen Feuer. Die Vorräte waren fast aufgebraucht, so hatte der Küchenmeister nur noch Grieß mit Sirup bereiten können. Während die Siedler, ausgehungert nach dem harten Winter, den Brei gierig in sich hineinschlangen, fanden die Begleiter des Kaisers an dieser Tafel keinen Gefallen. Einige murrten schon, man hätte heute ohne Rast nach Elze weiterreisen sollen, dann wäre ihnen dieses Elend erspart geblieben – und sie meinten damit nicht nur das karge Mahl. Hier, an der Kreuzung der Innerstefurt mit dem Hellweg, prallten zwei Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten. Entsprechend zögerlich begegnete man einander.
»Wohin seid Ihr des Wegs, Herr?«, wagte schließlich ein älterer Siedler den Kaiser anzusprechen.
»Eure kaiserliche Hoheit redet man mit Euer Majestät an!«, wurde er sogleich vom Marschall gemaßregelt. Ludwig indes winkte nachsichtig ab. Woher sollte dieser abgezehrte Mann das wissen? Offensichtlich kannte man hier ja noch nicht einmal seinen Namen.
»Nach Elze geht die Reise, um, wie es der Vater wünschte, ein Bistum zu gründen.«
Der Kaiser schaute zu einer abseits liegenden Hütte. Einige dralle Frauen standen davor, und ab und an verschwand ein Soldat im Inneren. Ludwig sah es mit Unbehagen. Die Vielweiberei, die der Vater offen mit seinen Konkubinen am Hofe praktiziert hatte, war ihm seit jeher ein Graus gewesen. Zudem hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, das gesamte Reich zu christianisieren. Dazu gehörte freilich auch ein Wandel, wenn es um die Moral im Lande ging.
»Eine Kirche habt ihr nicht in eurer Siedlung, dafür aber ein Dirnenhaus! Ich kann nicht sagen, dass ich das gutheiße, alter Mann!«, ärgerte sich Ludwig.
»Euer Majestät«, antwortete der Greis und warf einen langen Blick zum Marschall, »wir leben hier an dieser Furt und müssen mit dem zurechtkommen, was der karge Boden und die Umstände uns geben. Ich verdiene mir den einen oder anderen Groschen als Fährmann, und andere bearbeiten ihr Fleckchen Land. Wir haben unter uns noch einen Schmied, der die Pferde der Durchreisenden beschlägt und das Kutschengeschirr richtet, und dann gibt es eben auch …« Der Alte stockte, er wusste nicht recht, wie er es dem feinen Herrn sagen sollte. »Ihr müsst wissen, Euer Majestät, viele Männer passieren diese Furt, und häufig sind sie bereits seit Wochen unterwegs. Da verlangt es halt den einen oder anderen nach der Gesellschaft eines Weibes. Und schaut sie euch doch an: Ihre Geschäfte laufen bestens. Von allen im Dorfe haben sie noch am meisten Fleisch auf den Rippen.«
Ludwig erwiderte nichts. So war nun einmal der Stand in seinem Reich. Selbst er, mit seiner Macht und seinen segensreichen Absichten, konnte so schnell nichts daran ändern.
»Hinrich«, wandte er sich an seinen wohlbeleibten Küchenmeister, »hast du wirklich nur noch diesen Brei? Ich vermisse Fleisch auf der Tafel!«
Der Küchenmeister zuckte mit den Schultern. »Die Jäger schafften schon lange nichts mehr herbei!« Man sah deutlich, dass er am meisten darunter litt.
Genau in diesem Moment brach, als habe die Vorsehung ihn bestellt, ein weißer Hirschbock durch die Bäume auf sie zu. Einige Ellen hastete er direkt an ihnen vorbei, um dann mit weiten Sprüngen wieder im Wald zu verschwinden.
Ohne zu zögern fuhr Ludwig hoch, schnappte sich Pfeil und Bogen und stürmte zu seinem Gaul. Einige Soldaten versuchten ihm zu folgen, doch nur wenige konnten mit dem Kaiser Schritt halten, hatten sich die meisten von ihnen doch mit reichlich Wein und Met über das karge Mahl hinweggetröstet.
»Euer Majestät, ich bitte Euch, haltet ein, es ist zu dunkel für die Jagd!«, hörte Ludwig den Marschall noch hinter sich herrufen. Er dachte jedoch nicht im Traum daran, auf diesen edlen Fang zu verzichten. Ein weißer Hirsch! Das Jagdfieber hatte ihn gepackt, und er war auch beseelt von dem Gedanken, den armen Leuten zu einer anständigen Mahlzeit zu verhelfen … und seiner Irmingard zu einem neuen Mantel, geschneidert aus dem weißen Fell.
Kaum im Sattel, trieb Ludwig seine Fersen in die Flanken des Pferdes. Mit empörtem Wiehern stellte die Stute sich auf die Hinterbeine; dann preschte sie in den Wald, dem Hirsch hinterher. Die wenigen Soldaten, die es auf ihre Gäule geschafft hatten, folgten, so gut sie konnten.
Ludwig spürte kalten Wind im Gesicht und war glücklich wie schon lange nicht. Wenn es eine Leidenschaft gab in seinem Leben, war es die Jagd. Sie ließ ihn immer für einen Moment die Bürde der Verantwortung vergessen, die auf seinen Schultern lastete. Jetzt war er wieder der junge Prinz, der unbekümmert dem Wild hinterherjagte – doch wo war es geblieben? Ludwig kniff die Augen zusammen. Trotz der Dunkelheit hatte er dem schneeweißen Hirsch bis eben noch folgen können, und nun war er spurlos verschwunden. Hätte er doch nur seine Hunde mitgenommen!
»Wo steckst du, Rabenaas? Zeige dich deinem Kaiser!«
Links von ihm raschelte es im Gebüsch. Es war der Hirsch, keine dreißig Schritte entfernt, stolz das mächtige Geweih erhebend. So wie der Bock dort stand, konnte man fast meinen, er finde Gefallen an der Jagd.
»Willst mich wohl verspotten, was? Na warte, dich werd’ ich Mores lehren!«
Langsam und vom mächtigen Hals des Gaules verdeckt, legte Ludwig einen Pfeil auf die Sehne; dann spannte er den Bogen. Gerade als er die Waffe auf den Hirsch richten wollte, tat das Tier einen Satz und verschwand im Gestrüpp. Ludwig verkniff sich einen Fluch – das gehörte sich nicht für einen Kaiser, auch wenn er mutterseelenallein war.
Mutterseelenallein?
Ludwig schaute sich um. Tatsächlich: Weit und breit kein Begleiter! Vom Jagdfieber gepackt, hatte er alles um sich herum vergessen. Nun allerdings spürte er umso deutlicher die Kälte, die ihm durch Mark und Bein kroch. Kurz darauf fielen auch schon die ersten schweren Tropfen durchs Nadelgehölz, Donner grollte und Blitze zuckten durch die Nacht. Die Stute wurde unruhig, begann zu scheuen.
»Bloß schnell zurück!«
Doch wo sollte das sein? Ludwig hatte den Weg verloren. Er schaute hinab zum aufgeweichten Boden. Die Hufspur vom Lager bis hierher hatte der Regen fortgespült. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
»Ist hier jemand?«, rief er, so laut er konnte; dabei hoffte er, keine Räuber oder Wölfe aufzuschrecken. Seine Stimme zitterte.
»Herr Marschall?«
Keine Antwort.
Da: Wieder tauchte der Hirsch vor ihm auf! Doch bevor Ludwig zum Bogen greifen konnte, verschwand er erneut im Dickicht. Sollte er versuchen, ihm zu folgen? Vielleicht wollte der Bock ja wieder zurück zum Wasser, zu dieser Innerste? Und wenn nicht, so sollte ihn zumindest sein warmes Fleisch durch die Nacht bringen. Sofern er den gerissenen Teufelsbraten je erwischte …
Jetzt oder nie, sagte sich der Kaiser und trieb das Pferd an, jagte es über Stock und Stein im wilden Galopp, obwohl selbst ein Luchs kaum fünf Schritte weit hätte sehen können. Der Ausgang dieses Höllenritts war abzusehen: Mit Schwung hob es Ludwig aus dem Sattel, als die Stute mit dem Vorderhuf an einer Wurzel hängen blieb. Kopfüber stürzte er zu Boden. Doch wie durch ein Wunder tat er sich nichts. Sein treues Ross dagegen hatte weniger Glück: Mit dem Hirschfänger erlöste Ludwig es von seinem Leid.
»Welche Ironie!« Der Kaiser schüttelte den Kopf und sah bekümmert auf die Stute hinab. Eigentlich war das Messer für die Beute bestimmt gewesen, und nun hatte er damit sein eigenes Pferd töten müssen.
Erneut rief er in den Wald hinein, und wieder erhielt er keine Antwort. Nun steht mir eine lange, ungemütliche Nacht bevor, ahnte er, und er dachte nicht nur an das scheußliche Wetter, sondern auch an die Räuberbanden, die hier jenseits der großen Handelswege ihrem blutigen Handwerk nachgingen. Ganz zu schweigen von den wilden Tieren, die im Wald lebten. Einmal mehr haderte Ludwig mit seinem Schicksal, die Krone tragen zu müssen. Wären Karl und Pippin, seine beiden älteren Brüder, noch am Leben, hätte er in Aachen bei seiner Irmingard bleiben und ruhigen Sinnes die Bibel studieren können, das Wort des Herrn. Stattdessen lief ihm nun bei jedem Schritt eiskaltes Wasser in die Stiefel. Als Kaiser hatte man es wahrlich nicht leicht: ständig von Pfalz zu Pfalz reisen, um im Reich nach dem Rechten zu schauen und Recht zu sprechen. Eine elende Plackerei!
Einen Augenblick flammte es taghell vor ihm auf – keine fünfzig Schritte entfernt hatte der Blitz in eine Eiche geschlagen. Fast schien es, als hätte der Herrgott es heute Nacht auf ihn abgesehen. Schon stand der Baum lichterloh in Flammen und leuchtete wie eine Fackel. Ludwig traute seinen Augen nicht: Keine fünfzig Schritte entfernt öffnete sich eine Lichtung, die vom Regen offenbar verschont geblieben war. Heilige Mutter, wie kann das nur sein, wunderte er sich. Der starke Guss schlägt durch die Baumkronen, als wären sie vollends kahl, und an diesem Fleckchen Erde bleibt alles trocken? Das musste er sich anschauen!
Bei jedem Schritt raschelte es unter seinen Schuhen. Doch statt knöcheltief im Morast zu versinken, lief er auf sattem Gras, so kräftig und dicht, wie er es in diesem Jahr noch nicht zu sehen bekommen hatte.
Er gewann die Lichtung und blieb verwundert stehen. Was war das? Vor ihm erhob sich ein prächtiger Dornbusch mit unzähligen Blüten von Rosen. Ihm war, als träume er. Ja, jener Ort konnte nicht von dieser Welt sein! Ohne Zögern nahm Ludwig das Kreuz mit dem Heiligtum der Mutter Maria von der Brust und hängte es in den Strauch. Der blühende Altar mit dem Kreuz darin war der schönste und herrlichste, vor dem er je gekniet hatte. Ergriffen begann er zu beten und um seine Errettung zu bitten, immer und immer wieder, bis ihn schließlich entkräftet der Schlaf fand.
Vögel zwitscherten und Gras kitzelte in Ludwigs Nase. Ein funkelndes Licht ließ ihn blinzelnd die Augen öffnen. Zwischen den Wipfeln erstrahlte der Himmel in reinem Blau. Was für ein herrlicher Frühlingstag, dachte der Kaiser – um einen Augenblick darauf vor Schreck zu erstarren.
»Heilige Mutter Maria!«
Der Busch funkelte hell und klar wie ein Kristall. Er war jetzt über und über mit Schnee bedeckt und das Kreuz in seiner Mitte lag unter dickem Eis. Wie ging das zu, noch dazu mitten im Frühjahr? Ludwig schaute sich um; ringsumher grünte und blühte alles. Das konnte nur ein Traum sein! Mit zitternden Fingern berührte er das Kreuz. Eiskalt war es, ebenso wie der Schnee in den Zweigen. Nein, dieser klirrende Frost war echt und kein Traum. Das alles geschah tatsächlich – hier und jetzt.
Ludwig versuchte, das Kreuz wieder von den Zweigen zu lösen, doch all seine Bemühungen waren vergeblich: Der Strauch wollte es nicht wieder hergeben. Dann sah er die unzähligen Rosenknospen, die trotz des Eises in schönster Pracht erblühten. Ergriffen fiel er auf die Knie. »Ein Wunder, wahrhaftig, das ist ein Wunder!« Mit einem Mal war er erfüllt von der Gewissheit, dass die Ereignisse der vergangenen Nacht von einer höheren Macht vorherbestimmt waren. Ja, der Allmächtige höchstselbst hatte ihn an diesen geheiligten Ort geführt! Und Ludwig gelobte, den Bischofssitz genau hier an dieser Stelle zu errichten, hier, wo der Schnee der Sonne trotzte und kleine Röschen dem Eis. Jetzt musste er nur noch aus diesem vermaledeiten Wald finden …
»Euer Majestät?«
Der Marschall! Endlich kam er einmal wie gerufen.
Ja, so war das, damals, vor 1.200 Jahren. So oder so ähnlich.
Oder etwa doch ganz anders? Wie auch immer: Hier, am tausend- oder eigentlich tausendzweihundertjährigen Rosenstrauch, ließ Ludwig der Fromme einst die Marienkapelle errichten. Und Hildesheim wurde Bischofsstadt. Armes Elze! Wer sehen will, wo dies alles begann, kann ihn sich heute noch anschauen, den blühenden Rosenstrauch inmitten des Kreuzgangs am Hildesheimer Dom. Denn er blüht tatsächlich noch immer; viele hundert Jahre und Kriege, die die Mauern ringsherum zerstörten, haben dem Wahrzeichen der Stadt Hildesheim nichts anhaben können.
Und das ist doch tatsächlich ein kleines Wunder, nicht wahr?
»Heh! Glatzkopf! Glatzkopf, wach endlich auf!«
Der Bischof wälzte sich auf die andere Seite. Mochte doch der Teufel diesen Albtraum holen.
»Zum Teufel, wach endlich auf, Glatzkopf!«, schimpfte es wieder. Da, nun riss der nächtliche Störenfried auch noch an der Bettdecke. Es half gar nichts, dass der Bischof sich in sein Bettzeug hineinrollte und es mit beiden Händen festhielt. Ein heftiger Ruck, noch einer, da flog die Decke durch die Luft, und er lag zitternd im Bett.
Platsch! Ein nasser Lappen klatschte ihm ins Gesicht. Das war zu viel! Wütend fuhr der Geistliche in die Höhe. Dort, vor dem Bett, stand eine dunkle, klein gewachsene Gestalt und starrte ihn aus blitzenden Augen an.
»Apage, Satanas«, murmelte Bischof Bernward. Er schlug das Kreuzeszeichen. »Im Namen Jesu Christi, weiche von mir, unreiner Geist!«
Doch der Schatten verschwand nicht. Nur ein leises Kichern klang aus dem Dunkel.
»Na, bist du endlich wach, Glatzkopf?«, fragte der Unbekannte.
Mit zitternden Fingern tastete der Bischof nach seinem Nachttisch. Da war die Kerze. Er schlug Feuer und entzündete das Licht.
»Was zum ...
Verwirrt griff er nach seiner Stirn. Was für ein eigenwilliger Traum. Der respektlose Besucher, der da vor seinem Bett stand, war – ein Hühnerküken. Allerdings ein ziemlich großes Hühnerküken. Ein Hühnerküken mit einem Hut.
»Wer bist du?«, krächzte der Bischof.
Da zog das Hühnchen seinen Hut, verneigte sich und machte dabei einen so possierlichen Kratzfuß, dass der Bischof in lautes Gelächter ausbrach. »Ein Huhn mit einem Hut!«, rief er aus. »Hat man so etwas schon gesehen!«
»Spotte nicht, Glatzkopf«, piepste das Huhn. »Bist auch keine Schönheit mit deinem kahlen Schädel, da magst du mir mein Hütchen wohl gönnen. Hödeken nennt man mich, und wer mit dem Hütchen gut Freund ist, dessen Schaden soll's nicht sein. Doch nun spute dich, Bernward! Gerade eben war's, da ist dein Nachbar, der Graf von Winzenburg, gestorben und hinterließ keinen Erben.«
»Der gute Graf Hermann ist tot?« Bernward senkte den Kopf und faltete die Hände. »Gott sei seiner Seele gnädig. Im Namen des Vaters und des ...«
»Jajajaja«, unterbrach Hödeken ungeduldig. »Das Predigen und Händefalten hat Zeit bis morgen. Auf, steig auf deinen Wagen, Bischof! Noch in dieser Nacht musst du nach Winzenburg fahren und das Erbe antreten.«
»Jetzt? Bist du von Sinnen? Du tauchst hier mitten in der Nacht auf, erzählst mir Geschichten vom alten Grafen. Wer sagt mir denn, dass du kein Spukbild aus der Hölle bist und mich ins Verderben locken willst? Nein, warte, jetzt hab' ich's ...« Der Bischof musterte den nächtlichen Gast mit finsteren Blicken. »Dich haben die Braunschweiger geschickt, und du sollst mich in eine Falle locken!«
Das Hühnchen plusterte sich auf. Ein dicker gelber Federball mit Hut sprang auf das Bett des Bischofs und hopste ganz nah an ihn heran, bis sein Schnabel fast die Nase Bernwards berührte. Seine Augen blitzten. Dann stampfte es wütend auf. »Dummer Glatzkopf!«, schimpfte es. »Ihr Menschen seid doch zu dumm. Da renne ich wie ein von Furien gepeitschtes Ross durchs Land, von Winzenburg bis hierher, mache eine Strecke von sechs Stunden in einer halben, und das alles nur, damit du keine wertvolle Zeit verlierst, und dann redest du und redest und redest. Jetzt willst du mich auch noch beleidigen. Aber nicht mit Hödeken, mein Lieber! Die Zwerge von Winzenburg haben nun einmal beschlossen, dich zum Erben zu machen. Und wenn du nicht freiwillig mitgehst, bitte, dann werde ich dich eben zu deinem Glück zwingen.«
Erschrocken schnappte der Bischof nach Luft. Von einer Sekunde auf die andere hatte sich das Hühnchen verwandelt. Ein groß gewachsener, breitschultriger Bauernbursche stand nun vor seinem Bett, den Schlapphut ins Gesicht gezogen, die Ärmel hochgekrempelt, die kräftigen Muskeln der Oberarme entblößt.
Der Fremde machte nicht viel Federlesen mit dem Bischof. Er warf sich das widerstrebende, heftig zappelnde Kirchenoberhaupt über die Schulter und stapfte zur Schlafzimmertür hinaus.
Bernward bekam es mit der Angst zu tun. Sollte er um Hilfe schreien? Aber wie stünde er dann da, wenn seine Bediensteten ihn mitten in der Nacht, nur mit seinem Nachthemd bekleidet, auf dem Hof vorfinden würden? Und was würden sie denken, wenn er ihnen von einem sprechenden Hühnerküken mit Hut erzählen würde?
Der leichte, offene Jagdwagen des Bischofs stand schon im Hof. Zwei Pferde, ein Brauner und ein Schwarzer, waren angeschirrt und scharrten ungeduldig mit den Hufen.
»Du hast wohl an alles gedacht«, grummelte Bernward.
»Stets zu Diensten, Eure Eminenz.« Hödeken setzte den schweren Geistlichen ab und stellte ihn in den Wagen. »Wie ist es nun? Fährst du selbst, oder muss ich das auch noch erledigen?«
Bernward hob gottergeben die Schultern. »Dich werde ich wohl nicht so schnell wieder los, Quälgeist. Dann will ich wenigstens die Zügel selbst in die Hand nehmen.«
»Gut gesagt, Glatzkopf. Da, nimm!« Hödeken warf ihm die Zügel zu. »Hüah!«, schrie er und klatschte dem Schwarzen mit der Hand auf den Hintern. Das Pferd stieg, preschte los und riss den Braunen und den Wagen mit sich in die Nacht hinein.
Bernward stürzte, knallte gegen die Rückwand des Wagens. »Schurke!«, schrie er. Er angelte nach den Zügeln, klammerte sich hilflos fest und hatte Mühe, wieder auf die Füße zu kommen.
Der Wagen holperte und rumpelte durch die Nacht. Immer wieder wurde der Geistliche zurückgeworfen, er polterte hin und her wie ein Sack Rüben. Endlich schaffte er es, fluchend und schimpfend, wieder auf die Beine zu kommen.
»Du kennst aber schlimme Worte«, staunte Hödeken. Er hatte nun wieder die Gestalt eines Hühnchens mit Hut angenommen und hockte aufgeplustert auf der Deichsel.
»Teufelsbrut!«, zischte Bernward. Er bekreuzigte sich, das heißt, er bekreuzigte sich nur zur Hälfte, denn in diesem Augenblick griff Hödeken dem Schwarzen ins Geschirr und riss ihn nach links. Der Wagen schleuderte in eine Kurve, und Bernward stürzte erneut und krachte schwer gegen die Seitenwand.
Was für eine Jagd durch die Finsternis! Der Wagen schoss wie von Höllenrossen davongerissen über Stock und Stein, Bischof Bernward schwankte und krachte immer wieder gegen Front und Rückwand und schrie Worte, die kaum zu seinem Stande passten. Sein weißes Nachthemd flatterte im Wind, und zwei Räuber, die im Wald lauerten, liefen vor Angst schreiend davon, als sie die Teufelskutsche mit dem grausigen Leichenlaken-Gespenst auf sich zurasen sahen.
»Wir müssen uns beeilen«, piepste Hödeken, dessen Stimme trotz des Wagendonnerns und des bischöflichen Schimpfens klar und deutlich zu verstehen war. »Der Braunschweiger hat die Nachricht auch erhalten und ist schon auf dem Weg nach Winzenburg. Hei-hoo, jetzt geht das Rennen los, halte dich fest, Glatzkopf!«
Er sprang dem Schwarzen auf die Kuppe und stieß ihm die kurzen Hühnerbeine mit Kraft in die Seite, so kräftig, dass das Tier vor Schreck in die Luft sprang und beinahe das Geschirr zerrissen hätte. Der Schwarze stürzte wie von tausend Höllenfurien gepeitscht vorwärts und riss den braven Braunen und Bernwards Wagen hinter sich her. Bernward taumelte zurück, prellte sich den Hintern, stürzte vorwärts und schlug sich das Knie auf. »Du dreimal vermaledeite Satanskreatur«, keuchte er. »Ich hoffe nur, dass ich bald aus diesem Albtraum erwache …«
»Momentchen«, piepste Hödeken. Er sprang ab, flatterte zu Boden und ließ den Bischof an sich vorbeirollen. Die Pferde preschten über eine Wegkreuzung, und nun bekam Bernward es wirklich mit der Angst zu tun. Was, wenn sie jetzt die falsche Abzweigung erwischt hatten?
Er blickte über die Schulter zurück und sah gerade noch, wie sich das Hühnchen in einen großen hölzernen Wegweiser verwandelte. Ein Arm war mit »Nach Winzenburg« beschriftet. Er wies scharf nach rechts.
Gütiger Gott, und er war geradeaus gefahren! Was, wenn sich der Weg nun im Unterholz verlor, wenn die Pferde strauchelten und stürzten? Er würde sich den Hals brechen!
Hinter sich im Dunkel hörte er lautes Poltern und Krachen. Angstvoll riss er an den Zügeln, versuchte, die beiden Pferde zu bremsen – vergebens. Sie jagten durch die Nacht, als sei der Teufel hinter ihnen her. Es war ein Wunder, dass sie noch nicht gestürzt waren.
Doch schon – der Bischof hatte kaum einmal geblinzelt – saß Hödeken wieder auf der Deichsel. Er hatte einen Stecken abgeschnitten und peitschte die Rosse voran.
»Was war das eben mit dem Wegweiser?«, keuchte Bernward.
»Ach, ich musste nur den Braunschweiger in die Irre führen. Der ist jetzt auf dem Holzweg, der Arme. War uns einfach zu dicht auf den Fersen.«
»Den Herzog? Wenn ihm nun etwas passiert ist!«
»Wollen’s hoffen, wollen’s hoffen. Der Kerl hat schnelle Pferde und fährt wie der Teufel.«
»Möchte nicht wissen, wie du das hier nennst«, brummte Bernward.
»Noch zehn Minuten bis Winzenburg«, krähte Hödeken fröhlich. »Wenn du erst einmal drin bist, ist alles gewonnen.«
»Du meinst, wenn ich lebend drin bin.«
Hödeken kicherte. Doch dann wurde er ernst. Er richtete sich auf der Deichsel halb auf und lauschte angestrengt nach hinten. »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben«, meinte er nachdenklich. »Er hat den Weg schneller wiedergefunden, als ich dachte. Mach dich auf etwas gefasst.«
Jetzt konnte auch der Bischof das Tosen und Brausen hinter sich hören. Dort polterte ein Jagdwagen heran, der es mit seinem durchaus aufnehmen konnte. Schwarze Dämonenrosse schienen den Wagen zu ziehen, ihr Hufschlag klang wie Donnerrollen.
»Heda, Eminenz!«, rief es aus dem Dunkel. »Macht Platz, ich bin der Erbe von Winzenburg!«
»Ein Scheißdreck bist du!«, höhnte Hödeken. »Bischof Bernward wird das Erbe antreten. Und du dreh nur gleich wieder um, sonst bricht dir noch die Achse.«
»Lasst Ihr immer Euer Personal für Euch reden, Herr Bischof?« Der Herzog stand aufrecht im Wagen und schien mühelos das Gleichgewicht zu halten. Da, jetzt hatten seine Pferde bereits das Heck von Bernwards Gefährt erreicht.
»Antworte nicht, Glatzkopf!«, zischte Hödeken.
Doch Bernward war es leid, immer nach der Pfeife eines Kükens tanzen zu müssen. »Fahr nach Hause, mein Sohn«, sagte er salbungsvoll und hob die Hände zum Segen über den Braunschweiger. Dabei verlor er erneut das Gleichgewicht und konnte nur mit Mühe einen Sturz aus dem Wagen vermeiden.
Der Herzog lachte auf. Unaufhaltsam schoben sich die schwarzen Pferde näher heran. »Hört, Vater, wir können das Ganze doch regeln, wie es Edelmännern geziemt – im fairen Wettkampf. Wer zuerst in Winzenburg ist, der soll die Grafschaft haben. Ist das ein Wort?«
»Top!«, rief Bernward. »So machen wir’s.«
Hödeken schien unter seinem Federflaum zu erbleichen. »Nimm dich in acht«, flüsterte er, »er fährt einen griechischen Wagen.«
»Keine Ahnung, was das ist«, brummte Bernward. Er gab den Pferden die Zügel frei und klammerte sich fest.
Dann aber war der Wagen des Braunschweigers heran. Und Hödeken hatte leider recht gehabt: Spitze Eisenspieße ragten aus den Radnaben seines Wagens heraus.
»Was zum ...«, stieß Bernward hervor. Da bohrte sich ein Spieß in sein rechtes Wagenrad. Die Speichen spritzten davon wie Hobelspäne von einem Schleifstein. Krachend schlug Bernwards Wagen um.
»Jo-hoo – Eminenz, wir sehen uns wieder in Winzenburg!«, lachte der Herzog. »Ihr dürft die Krönungszeremonie leiten.«
Damit ließ er die Peitsche über den Köpfen seiner Rappen knallen. Kurz danach war sein Wagen im Dunkel verschwunden.
Bischof Bernward saß am Wegrand wie ein bedröppeltes Häuflein Elend. Eine der herausgebrochenen Speichen hielt er in der Hand. Die Pferde standen mit schlagenden Flanken und hängenden Köpfen da. Schaum flockte um ihr Maul, ihr Fell war schweißnass.
»Verloren, alles verloren!«, jammerte der Bischof. Und er hatte sich gerade erst langsam an den Gedanken gewöhnt, die Grafschaft zu übernehmen.
»Gibst du immer so schnell auf, Glatzkopf? So haben wir nicht gewettet. Wenn Hödeken eine Sache anpackt, dann bringt er sie auch zu Ende.«
Plötzlich stand wieder der kräftige Bauernbursche neben Bernward und blinzelte ihn unter dem Rand seines Hütchens hervor pfiffig an. »Also los, zurück auf den Wagen, Herr Bischof, diesem Kerl werden wir es zeigen.«
Er wuchtete den schweren Wagen in die Höhe und packte die Achse fest mit beiden Händen. Als Bernward erneut die Zügel ergriff, schnalzte Hödeken mit der Zunge. Sofort sprangen der Rappe und der Braune los. Und nun gab es wahrlich kein Halten mehr.
Als die Morgensonne rot über den Dächern von Winzenburg aufging, rieben sich die Bewohner verwundert die Augen. Dort, den Weg von Hildesheim her, kamen zwei Wagen auf den Ort zugejagt. Der eine trug das Wappen des Herzogs von Braunschweig, und in ihm stand ein tüchtiger Fahrer, der es augenscheinlich gelernt hatte, die Zügel zu führen.
Aber der hintere Wagen! Mancher Bauer schlug verängstigt das Kreuzzeichen, als das unheimliche Gefährt an ihm vorbeirauschte. Ein Rappe und ein Brauner, beide dem Zusammenbruch nahe, warfen sich mit aller Kraft ins Geschirr. Ein Rad hatte der Wagen nur noch, auf der anderen Seite lief statt des Rades ein kräftiger Mann, der den Hut tief ins Gesicht gezogen hatte. Aber am unheimlichsten von allem war doch der in weißes Tuch gehüllte Geist, der die Zügel hielt, ein alter Mann mit Glatze und müdem Gesicht, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
»Platz da, hier kommen wir!«, krähte Hödeken.
Der Braunschweiger sah sich verblüfft um. Als er den Bischof und Hödeken erkannte, zuckte er zusammen, nur ein winziger Augenblick der Unachtsamkeit, aber schon war es geschehen: Sein Wagen kam vom Wege ab, kippte um und überschlug sich.
Im Lichte der aufgehenden Sonne ließ Bernward seinen Wagen durch das Tor rollen. Als er auf wackeligen Beinen ausstieg, wäre er beinahe in die Knie gegangen. Doch zwei kräftige Arme hielten ihn aufrecht. Zwei Augen blitzten ihn unter dem Schlapphut hervor an. »Haltung, Glatzkopf!«, piepste es.
Der Bischof richtete sich auf. »Ich, Bischof Bernward von Hildesheim, trete hiermit das Erbe des Grafen Winzenburg an und nehme diese Grafschaft in Besitz.«
Die Hochrufe der Männer und Frauen um ihn herum nahm er kaum noch wahr. Auch nicht, dass ihm jemand einen Mantel umlegte und ihm einen Begrüßungstrunk reichte.
Langsam drehte er sich zu seinem sonderbaren Wegführer um. Doch dann rieb er sich verwundert die Augen. Der Bauernbursche war verschwunden. Nur eine kleine gelbe Flaumfeder schwebte in der Luft und trudelte sanft zur Erde.
»Danke, Freund Hödeken«, sagte der Bischof.
Im Sommer herrscht reges Treiben im Ehrlicher-Park. An schönen Tagen liegen Sonnenanbeter auf der Wiese, lesen oder schlafen, einige spielen Ball, wieder andere picknicken. Am kleinen Spielplatz sitzen Eltern und hüten ihre Sprösslinge.
Geht man an einem verschneiten Wintertag durch den Park, meint man durch ein Märchen zu spazieren. Die entlaubten, weißbepuderten Bäume, an sich schon zauberhaft, geben den Blick frei auf den Turm einer nahe gelegenen Villa; gleich meint man Rapunzels Haarschopf zu erkennen.
Ich versuche mir vorzustellen, wie es auf diesem verwunschenen Stück Erde wohl vor langer Zeit aussah.
Als im 12. Jahrhundert Benediktiner das Kloster St. Godehard gründeten und das Land nach Süden hin urbar machten, ahnten sie gewiss nicht, dass ihre Gärten und Felder einmal als Liegewiese für mehr oder minder bekleidete Menschen dienen würden. Die Mönche mit ihrem Wahlspruch »ora et labora« (Bete und arbeite) waren fleißig. Sie bauten eine schöne Kirche, die bis heute fast unverändert erhalten blieb, obwohl ihr schon einmal der Abriss drohte. Selbst die Bomben des letzten Weltkriegs, die Hildesheim beinahe komplett zerstörten, verschonten den Bau – bis auf eine verhältnismäßig kleine Stelle an der Außenmauer, die schnell repariert werden konnte.
