Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Was ist aus ihnen geworden? Aus den einst so hochgelobten Erstsemestler/innen? Aus denen, die es nie schafften, sich aus dem Teufelskreis elterlicher Wunschvorstellungen zu befreien? Waren für sie Überforderung und Reizüberflutung so groß, dass sie zum Alptraum der Familie werden mussten? Oder finden schon in Kindheit und Jugend Weichenstellungen statt, die den einen zu einem Karrieremacher, den anderen zum Versager werden lassen? Haben manche dieser Gestran-deten gar neue Lebensmodelle entwickelt, die helfen könnten, das Überleben der Menschheit zu sichern? In mehreren Universitätsstädten hofft Oliver Bernsen eine Antwort darauf zu finden. Anhand von fünfzehn Biografien werden unterschiedlichste Lebensschicksale beschrieben. Die eine führt ein Leben in Luxus auf Koh Samui, der andere quält sich mit Selbstmordgedanken nach dem Studi-enabbruch. Viel Leid und Frust, lebenslange Perspektivlosigkeit, Lethargie und Apathie könnten vermieden werden. Jeden Tag wird hier neu ums Überleben gekämpft. Die Corona-Krise und der Ukraine-Krieg haben die Lage noch einmal verschärft.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Oliver Bernsen
Hilfe, mein Kind studiert
Oliver Bernsen
Copyright: © 2022 Oliver Bernsen
Umschlag & Satz: sabine abels | e-book-erstellung.de
published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de Ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung, die über den Rahmen des Zitatrechtes bei korrekter vollständiger Quellenangabe hinausgeht, ist honorarpflichtig und bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autors.
Alle Namen und Orte wurden geändert. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen etc. wären unbeabsichtigte Zufälle.
Ich danke meinen Freund/innen aus der Studentenzeit in Bremen, Münster und Osnabrück, all derer Namen hier zu benennen, zu weit führen würde.
Ferner danke ich den Protagonisten in meinem Buch, die für die einzelnen Geschichten Pate gestanden haben.
Besonderen Dank an meine langjährige Freundin An-Sun aus Seoul und meinem koreanischen Freund Park-Duck-Jung, die mich gelehrt haben, das Leben lockerer zu sehen, und die meinen kosmopolitischen Blickwinkel erweitert haben.
Dank meiner lieben Mutter, die 2019 im Alter von 95 Jahren verstorben ist.
Selbst meinen fünf Katzen schulde ich Dank, weil sie mich immer auf Trab gehalten haben, und für ihre außerplanmäßigen Massageeinlagen.
Oliver Bernsen, im Juni 2022
Oliver Bernsen ist ein Pseudonym. Der Autor lebt in Niedersachsen, in der Grafschaft Bentheim, Jahrgang 1958.
Studium der Erziehungswissenschaften in Münster/Westf., Leiter mehrerer Asylantenwohnheime. Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Zusatzausbildung als Maschinenbaumechaniker.
Zeitweise auch in der Touristik- und Logistik-Branche tätig.
Es ist schon ein skurriles Phänomen, auf welches man da in fast jeder Universitätsstadt trifft, das Phänomen der „alten Männer in der Mensa“.
Wer einmal eine studentische Mensa besucht hat und ihre Besucher eingehender betrachtet, findet sie bestimmt irgendwo: eine Gruppe seltsamer, verlassener älterer Männer.
Und sie sind immer auch die letzten, die den großen Speisesaal verlassen.
Die Reinemachefrauen wischen schon die Tische, fordern alle zum Verlassen des Saales auf; nur um diese zumeist älteren Herren wird geflissentlich ein großer Bogen gemacht.
Sie sind die Statisten des Mensabetriebes, die, die es nie schafften, sich aus diesem Umfeld zu befreien.
In frühen Jahren hatten sie, oft - auch auf Wunsch der Eltern, um deren Wunsch nach Status und Prestigeaufbesserung nachzukommen, fern der Heimat ein Studium begonnen.
Mit Anfang Zwanzig kamen sie voller Elan in die große, ferne Stadt, um hier das lange, und oft ersehnte Studentenleben zu beginnen. Dann war es jedoch oft zu verlockend, dem langen, entbehrungsreichen und vergeistigten Studentenalltag zu entfliehen.
Der lange, meist von Einsamkeit geprägte Weg der Disziplin, ein zölibatär gleicher Alltag, das alles war zu viel für manch jungen Menschen.
Man stelle sich einmal vor, den ganzen Tag, nur durch kleine Gänge zum Kaffeeautomaten oder zur Toilette unterbrochen, in einer kleinen, schallisolierten, schlecht klimatisierten Kabine der Universitätsbibliothek über dicken Büchern zu hocken, das war für manche einfach zu viel.
Das trieb manchen sogar bis an den Rand des Wahnsinns oder in den Tod.
Dieser Weg war für mache einfach zu schwer.
Wie viel einfacher war es da, an einem alten Fahrrad oder Auto herumzubasteln oder anderen Verlockungen der Großstadt nachzugeben.
Man konnte irgendwo in einem Eroscenter, einer Spielhalle oder einem illegalen Spielcasino abhängen.
Auch kleine Sex-Abenteuer mit Kommilitoninnen waren immer mal möglich.
Die Kontrolle durch die Eltern war ja nicht mehr da. Selbstbestimmung und die Freiheit, sich in Selbstverantwortung seine Zeit selbst einzuteilen, das waren ja die Privilegien der universitären Studenten.
Die neu erworbene Freiheit konnte natürlich auch als Schuss nach hinten losgehen.
Dann wichen die Eltern auch immer mehr den peinlichen Fragen der Nachbarn und der Familie aus, wie da waren: „Wann ist der denn nun endlich mit dem Studium fertig?“, oder: „Wie will der denn später mal seine Rente bekommen?“
Auch die Geld-Zuwendungen der Eltern wurden bei den Bummel-Studenten nicht gerade mehr, immer weniger fand eine reichhaltige Unterstützung des „Filius“ oder der „Filia“ statt.
Das Studium begann mit Überschreitung der Regelstudienzeit bei vielen zur Farce zu werden und mehr und mehr zum Kampf ums „reine Überleben“.
Die erfolglosen Hochsemester beginnen, das Studium wie eine unliebsame Braut vor sich her zu schieben.
Beginnen aus materieller Not noch nebenher zu jobben.
So leben sie dann einfach weiter, ohne viel nachzudenken, ein Leben auf Kredit.
Ein Leben, ohne Aussicht auf Erfolg und auf berufliche Perspektiven.
Die harte Zäsur, der Abbruch des Studiums, wäre oft mit enormen Identitäts- und Statusverlusten verbunden.
Der junge Mensch ist dann weniger wert als je zuvor, weniger wert als direkt nach der Hochschulreife, wird von der Familie dann oft verstoßen, links liegengelassen: die Stellvertreter-Träume der Eltern sind zerplatzt.
Jeder Student fürchtet diesen „Moment der Wahrheit“, wenn er sich eingestehen muss, versagt zu haben.
Man muss sich eingestehen, dass viele Jahre in den Sand gesetzt wurden, viel Geld wurde verbrannt und Vorschusslorbeeren nicht verdient.
Oft realisiert man die Lage erst, wenn ein Brief von der Uni kommt, eine Zwangs-Exmatrikulation, wo man dann endgültig in ein, tiefes menschliches Loch fällt.
Die Rückkehr zurück in das Heimatdorf oder die Heimatstadt, in den sicheren Schoß der Eltern, gleicht einem Gang nach Canossa, ist ein absolutes „No-Go“, gepaart mit einem Spießrutenlauf sondergleichen.
Demütigungen, Versagensbekundungen, die verächtlichen Blicke der Nachbarn, Häme, Schelte, all das ist einem sicher.
Aus diesem Grunde bleiben die meisten erfolglosen Studenten auch lieber in ihrer Universitätsstadt, in der Masse der Anonymität, wo sie auch weiterhin alle Probleme verdrängen können.
Dort können sie noch so tun, als ob sie noch studierten, auch wenn ohne Aussicht auf akademische Würden.
So können sie sich wenigstens untereinander unterhalten, verlorenen Träumen nachhängen und mit Gleichgesinnten abhängen.
Sie vermeiden so den schmerzhaften Verlust ihres Selbstbildes, leben weiter, in einem Umfeld welches ihnen doch so vertraut ist.
Sie wollen sich nicht eingestehen, dass sie versagt haben, dass sie wieder hinab müssen, in die Riege der Normalmenschen, der ewig Daheimgebliebenen, den Studentenstatus verloren und alle Annehmlichkeiten und Würden, die damit verbunden waren.
Welche Auswirkungen hat denn der Entzug akademischer Würden und Ehren konkret?
Das kann man selbst auf höchsten politischen Ebenen nachverfolgen, wenn Politikern z.B. aufgrund von Plagiaten oder Fehlern bei den Quellenangaben der Doktortitel entzogen wird.
Dies ist oft mit übelsten Anfeindungen in den Medien bis hin zum Entzug von Amt und Würden verbunden.
So werden die Versager in meinen Fallbeispielen auch zu Opfern.
In manche Kinder werden einfach zu hohe Erwartungen gesteckt, und die Eltern opfern diese dann gewissermaßen auf dem Altar ihrer narzisstischen Wunschgedanken.
So werden sie dann zu Tagelöhnern, Aushilfs-Taxifahrern, Hilfsbriefträgern, Schlachthofmitarbeitern, Einkaufsbegleitern für Alte und Behinderte, Kellnerinnen, Freudenmädchen, Theaterstatisten und Fahrraddieben.
Die Mensa, das war immer der soziale Mittelpunkt, der Ort für Gespräche, Kontakte, Begegnungen und für den so wichtigen Körperkontakt.
Ein Ort der Vergnügungen, um sich menschlich wieder aufzubauen und sich in endlosen Gesprächen über Gott und die Welt auszulassen.
Das war schon für Erstsemester so.
Schon unten, hinterm Eingang unten am Foyer, gab es das zu spüren, den Flair der großen weiten Welt.
Hier sprach der iranische Arztsohn mit der Unternehmerstochter aus Düren, die hübsche Koreanerin aus Seoul mit dem Ingenieurssohn aus Neumünster und die Tochter des Fleischerei-Besitzers mit dem Sohn des Verwaltungsangestellten.
Der Anblick derer, die es zu schaffen schienen, und sich darüber freuten, färbte auch auf die Versager ab.
Interessante Sachen gab es da zu sehen, den Copy Shop mit den Gruppen junger Studentinnen, die hier unter lautem „Tohuwabohu“, Gelächter und Gekicher ihre Seminararbeiten kopierten oder im Kartenständer nach ulkigen Witzpostkarten suchten.
Der Copy Shop war sowieso einer der wenigen Orte, an dem man ein wenig entspannen, ein wenig praktisch tätig werden konnte. Etwas Kopierarbeit machte glücklich, und man hatte dadurch ein wenig Körperkontakt.
Eine Vielzahl von Schaukästen und Aushängen fand man dort:
Angebote und Nachfragen zum Studienplatztausch, Mietgesuche oder den Marktplatz für studentische Bedarfsgegenstände, wie Laptops, Computer, Fahrräder, Autos, Bettgestelle und sonstige Artikel des täglichen Bedarfs.
Die paar Resignierten, die mit leicht geöffnetem Mund still vor den Schaukästen standen, wurden mühelos von der Masse der positiv Gestimmten übertönt.
Neben dem Copy Shop gab es noch eine Vielzahl anderer „Shops“ im großen unteren Mensa-Foyer.
Den Buchladen, mit davor auf Holztischen ausgelegten Neuerscheinungen, einen Friseursalon, wo die eine Studentin, die jobbte, der anderen die neuesten Frisur- und Farbtrends aufmodellierte.
Dann gab es im Unter- und Kellergeschoss der Mensa noch eine etwas heimeligere kleinere Cafeteria mit versteckten Sitzecken zum gemütlichen Kaffeetrinken und Frühstücken.
Für den kleinen Hunger zwischendurch gab es dort belegte Brötchen oder eine Tasse heißen Kakao mit Mürbegebäck.
Fast alle freuten sich in einem wilden tosenden Durcheinander, ein frisches, jugendliches Ambiente.
In der Nähe des Ausgangs gab es nochmal einen Verkaufsstand mit Vitrine und verschiedenen Eiskremes, und bunte Einkaufstüten mit leckeren Schokoladen und Pralinés.
Auch in den einzelnen Fachbereichen waren noch einmal kleine Essensausgabestellen und Cafeterien, die von den Studenten ausgiebig genutzt wurden.
Diese hatten von der Studentenschaft schon ausdrucksstarke Spitznamen erhalten, wie der „Kakaobunker“ oder das „Caprivi medici“.
Hieran konnte man auch schon erkennen, Studenten welcher Fachrichtungen sich hier vorwiegend aufhielten: Lateiner, Theologen, Historiker oder Altertumsforscher.
Die suchten zwischen den Seminaren und Vorlesungen auch hin und wieder gerne diese Orte auf, um in dem wilden Durcheinander mal durchatmen zu können.
Elitärer ging es da schon bei den Medizinern, Zahnmedizinern und Naturwissenschaftlern zu, deren Ausbildungsstätten man in der unmittelbaren Nähe der Uni-Kliniken fand.
Zur Verpflegung der Studenten hatte man in meiner Universitätsstadt hauptsächlich die zwei großen Mensen:
Eine große, in einem modernen Plattenbau mit danebenliegendem Parkhaus, und die alte Mensa am See, wo sich zumeist Geisteswissenschaftler einfanden. Hier ging es wesentlich lockerer und emotionaler zu.
Besonders angenehm war das Umgangsklima auch an der ehemaligen Pädagogischen Hochschule, wo für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen unterrichtet wurde, unter anderem auch erdnahe Fächer wie Kunst und Musik. Hierfür gab es eigens dafür angelegte Musikkabinen unterm Dach, und die Werkstätten unten im Keller.
Hier ging alles weniger akademisch zu, und insbesondere die Studentinnen waren oft herzlicher und einfacher gestrickt.
Ich besuchte immer gerne abwechselnd beide Mensen und genoss gerne die Kontraste der verschiedenen Angebote, was so viel hieß wie: Wo war was gerade am billigsten oder am schmackhaftesten, oder welche Treffpunkte für Freunde und Freundinnen waren gerade „in“.
Kurz vor der Mittagszeit fand man vor der Mensa am See immer eine massenhafte Ansammlung junger Menschen mit Fahrrädern und Autos vor, die schnell zum angenehmen Teil des Tages, dem Essen und dem „Kontakte machen“, übergehen wollten.
Schon das Einreihen in die Warteschlange vor der Essensausgabe, wo ein Förderband unaufhörlich unter lautem Geklapper große orangenfarbene Tafeln mit verschiedenen Tellern darauf emporbeförderte, hatte etwas Archetypisches an sich.
Ein manchmal großes Gedrängel, hier ein Schubs, dort ein Rempler, den so nötigen Körperkontakt, den man im sterilen Uni-Betrieb vermisste, hier konnte man ihn haben.
Die jungen Studentinnen mit ihren frisch gefärbten Haaren dufteten nach Erdbeerblüten und Flieder.
Das bunte Getümmel von verschiedensten kulturellen und geographischen Ethnien – Asiatinnen, Perser, Franzosen, Kapverden, Afrikaner, Australier, Koreaner, Japaner, Spanier vom Erstsemester bis hin zum höheren Semester, hier fand man alles.
Ein Provinzler hatte schnell durch: sowas konnte er in seinem Dorf nicht haben.
Oft fand hier auch manche studentische Romanze ihren Anfang, und die ganze Uni war fast wie ein riesiges Eheanbahnungs-Institut.
Es gab junge Leute, die sich gezielt mit älteren Herren oder Damen trafen, vielleicht sogar einem Professor oder einer jung gebliebenen Rentnerin, das sah dann manchmal etwas ulkig aus, war aber anscheinend ein guter „Deal“.
Die Jungen fanden in den Alten Trost und Halt, die Alten konnten kurz ihrem langweiligen Lebensalltag entfliehen und etwas von der Lebensfreude der Jugend mitbekommen.
Beim Essen gab es in jeder Mensa eine Vielzahl von Wahlgerichten, es standen mittags drei verschiedene Gerichte zur Auswahl: Stammessen I, Stammessen II, Bio-Essen, das billige Standardessen oder das ganz teure Auswahlessen.
Das allerbilligste war immer der Eintopf.
Ich ging meist immer nach oben, und nahm das normale Auswahlessen zwei, welches in allem der Normalnorm entsprach, was so viel hieß, je nach Tag, ein Schnitzel, Fisch, Fleisch, dazu ein Schälchen Salat, ein Nachtisch, Milchquark, Pudding, ein Apfel.
Meistens nahm ich deutsche Hausmannskost, ein Essen ohne viel Schnickschnack, Kartoffeln mit Soße, Schwarzwurzeln mit Sauce Hollandaise oder Rosenkohl. Ein Essen, wie man es auch von zu Hause her kannte.
Dazu kaufte ich an der Kasse immer noch zwei Pappdosen mit Kakao inklusive Strohhalm, das war ein süßes, schokoladiges „Muss“.
Dann marschierte man mit seinem Tablett durch die unendlichen Reihen von Studenten an den Tischen und Stühlen vorbei, zu irgendeinem freien Sitzplatz.
Für einen verunsicherten Jung-Studenten die reinste Tortur, an so vielen, hunderten Menschen gleichzeitig vorbeizugehen.
Man suchte sich einen Platz neben lustigen Leuten oder netten Gestalten, die einen wohl als Essnachbarn dulden würden.
Grüppchen von laut rumschnatternden jungen Damen in der einen Reihe, konzentrierte Chemiestudenten in der Laborpause in der anderen Reihe.
Später als alternder und ewiger Student lieber die besagte Gruppe der älteren Herren in der abseitigen Ecke.
Hier, in der entlegenen Ecke, waren sie von den Jungen dezent getrennt, und schon als Abgehalfterte, Studienversager und Gebrandmarkte auszumachen.
Irgendwelche Schmetterlinge, Weltentrückte, oder Fehlgeleitete, die alle Zeit der Welt hatten und es schon aufgegeben hatten, Semesterbescheinigungen und Vordiplomen hinterherzurennen.
Es gab auch Verwirrte, die einen auf der Toilette ansprachen und um Zuspruch, Geld oder Hilfe baten. Andere schlossen sich in der Toilette ein, weil sie mit der Anonymität und dem sogenannten „bösen Gesicht“ nicht klarkamen.
Auch hier konnte man förmlich schon wieder die zukünftigen Schicksale vorrausahnen, die diesen armen Schluckern zugedacht waren, vielleicht ein Studienabbrecher, Selbstmörder oder halt „ewiger Student“.
So erging es denn auch vielen in der Gruppe der „Versackten“.
In 30, 40 Jahren waren sie oft einen verirrten Weg gegangen, und immer wieder hatten sie sich hier in der Mensa getroffen und so etwas wie Familie, Geborgenheit, und Akzeptanz gespürt.
Das Geklapper des Geschirrs hinter den Türen und Durchreichen, eine seltsam, entspannte Wirkung ging von ihm aus, wie bei Muttern zu Hause.
Mancher Zuspruch wie von älteren Bediensteten hinter der Registrierkasse, oder der Essensausgabe, vielleicht war das schon alles, was manch vereinsamter Student für den ganzen Tag an Zuwendung erhielt.
Auch brachte der tägliche Gang in die Mensa eine gewisse Struktur in den Tag, so wie es auch in Seniorenheimen und anderen betreuenden Einrichtungen der Fall ist.
Es ist schon sehr befremdlich diese älteren Studenten am Ende ihrer missratenen studentischen Karriere zu betrachten.
Manchmal auch ulkig, wie Besagte immer noch versuchen, einem bestimmten Verhaltensmuster nachzukommen, um nicht bei den Jüngeren in Ungnade zu fallen.
Was da hieß, möglichst salopp daherzukommen, das Single-Dasein zu würdigen, abends in der Studentenwohnheim-Bar regelmäßig sein Bier zu trinken und sich nicht zu protzig fortzubewegen, was bedeutete, das Fahrrad zu benutzen und kein überdimensioniertes Auto.
Diese Anpassung des Verhaltensmusters war von Vorteil, besonders, wenn man in einem billigen Studentenwohnheim wohnte und nicht unnötig Neid und Missgunst erzeugen wollte.
Nur das hubraumstarke Motorrad stilisierte manche Jungsemestler/innen stets als besonders cool und hype.
Die jungen Studentinnen, die wie selbstverständlich ihre 250-er Honda oder Suzuki auf dem Campus-Gelände herumbewegten, waren in ihrer engen Lederkluft entweder zu Fuß oder mit dem Integralhelm auf dem Kopf immer ein Augenschmaus und Ausdruck von Eleganz und Emanzipation.
In diesem Buch werden einige für die Gesellschaft zum Teil „unliebsame“ Wahrheiten ans Tageslicht gebracht, am Beispiel besagter Clique, wo sich alle untereinander kennen, und die alle ein ähnliches Schicksal verbindet.
Es ergeben sich trotzdem völlig verschiedene Lebensgeschichten, manche sind noch als Lehrer untergekommen, andere im Betreuten Wohnen gelandet, LKW-Fahrer, Hartz-IV-Empfänger, Obdachlose, Privatiers, sogar mit Geld, bis hin zu denen, die im Leben gar nichts geschafft haben.
Sie treffen sich hier immer mal wieder, sitzen in derselben Ecke der Mensa, und dann wird viel geredet.
Manchmal gibt es auch eine Lücke, weil, wie überall, auch hier mal einer ausfällt, ins Altersheim muss, in die Pflege, in die Psychiatrie oder an die letzte Ruhestätte.
Von 15 Lebensschicksalen wird hier berichtet, die sich so oder ähnlich, auch in vielen anderen Universitätsstädten in Deutschland oder sonstwo in der Welt abspielen können, wo es auch immer mal einen Tisch mit den alten Männern gibt.
In meinen Fallbeispielen der „gescheiterten“ Studenten sind es meist Männer, die im Fokus stehen, dabei gibt es genauso viele Frauen, die durchs Raster fallen.
Bei ihnen kann das Leidensbild manchmal noch ausgeprägter ausfallen, da man von Frauen auch noch erwartet, dass sie einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen.
„Ewige Studentinnen“ können im Laufe der Jahre und ohne Hilfe von außen zu regelrechten „Schlampen“ verkommen.
Die leben dann oft vom Betteln oder von den Brotausgabestellen der Kirchen und Tafeln.
Waren die Damen frisch nach dem Abitur meist intelligent und extrem selbstbewusst und fortschrittlich, oft in den schillerndsten Strukturen der Studentenbewegung aktiv, wie in Umweltschutzverbänden, Schwulen- und Lesbengruppen, politischen Studentengruppierungen, so wird mit zunehmendem Alter die Entscheidung für mehr Beruf oder Familie immer wichtiger.
Zwei Damen, die sich hier besonders in meiner Erinnerung eingebrannt haben und die dem Schicksal des „point of no return“ zum Opfer gefallen waren, hießen Antonietta und Betty.
Komischerweise beides Töchter aus besten Familien. Bettys Vater war Oberregierungsdirektor, Leiter einer Finanzbehörde, Antoniettas Vater war Chemieingenieur bei einem großen Pharmaunternehmen.
Ronny, eine tragische Lebensgestalt, vom Karrieremenschen und „Fastmillionär“ zum „verarmten Obdachlosen“.
Zwei Mal im Leben hatte ich Ronny kennengelernt. Das erste Mal bei der Bundeswehr! Als schneidiger Leutnant der Reserve, in Vertretung des Kompaniechefs, ließ er vor dem Kompaniegebäude antreten. Das andere Mal im Fernsehraum des Studentenwohnheimes, wo er mir die neuesten Techniken im Handel mit Derivaten und Termingeschäften nahezubringen suchte.
Immer hatte ich seinen scharfen Verstand und seine Begabung zum logischen Denken bewundert. Er war genau zehn Jahre älter als ich, an Erfahrungen reicher und immer ein großes Vorbild für mich gewesen.
Die Ironie des Schicksals ist aber manchmal komisch, wenn man das Ende mancher Lebensbiographie betrachtet.
Galaxien entfernt waren wir damals, ich stand in der Reihe, als junger Gefreiter und Pflichtwehrdienstleistender, er als junger Stabsoffizier und Vertrauter vom Hauptmann.
Fasziniert hörte ich, wie er mit lauter Stimme vor versammelter Mannschaft die Details zur bevorstehenden Übung kundgab.
Es war irgendwie unwirklich, wie die älteren Unteroffiziere mit und ohne Portepee in Habacht-Stellung vor ihm standen, und dem jungen Leutnant Ehrerbietung erwiesen.
Dabei war Ronnys Ausgangslage einmal denkbar schlecht gewesen, er war in einem kleinen Dorf in Bayern aufgewachsen, als ältester von vier Geschwistern.
Seine drei jüngeren Schwestern hatte er nie für richtig voll genommen.
Sein Vater war Schuhmachermeister gewesen und taubstumm. „Eigentlich wollte den keine Frau haben“, sagte mir Ronny einmal, „aber weil es nach dem Krieg keine anderen Männer gab, hat meine Mutter den dann doch noch genommen.“
Seine Mutter war zuletzt auch noch wegen eines Unfalles von der Hüfte abwärts gelähmt.
Mit neun Jahren hatte man ihn auf ein Internat nach Leutkirch ins Allgäu geschickt. Schon früh hatte er hier die Härten des Lebens kennengelernt.
Oft war er den Launen der Patres ausgesetzt gewesen, die wirklich nicht zimperlich mit ihren Zöglingen umgingen.
Nur durch seinen scharfen Verstand und Sinn fürs Praktische hatte er es immer wieder geschafft, sich aus misslichen Lagen zu befreien.
Ansonsten war er wohl immer nur durch seine Lausbubenstreiche aufgefallen, wie Ausbruchsversuchen aus dem Internat und unerlaubten Kungeleien mit Mädchen.
Er sammelte die Dorfschönheiten wie andere Pilze.
Auch zum realen Pilze sammeln und zu Geländespielen im angrenzenden Klosterwäldchen zog es ihn regelmäßig mit den Internatskumpeln hinaus.
