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Bernsen hat Pädagogik studiert. Doch er will was von der Welt sehen, Spaß haben und "ehrliches Geld" verdienen. Er wird Trucker, nicht Lehrer. Doch bald merkt er: Der Spaß ist begrenzt, die Ausbeutung hingegen grenzenlos. Und das Geld ist auch nicht unbedingt "ehrlich" verdient. Systematisch werden Gesetze und Vorschriften unterlaufen. Das fängt mit überlangen Fahrten an und endet nicht bei Gütern, die eigentlich nicht befördert werden dürften. Alkohol und Straßenstrich werden zu ständigen Wegbegleitern. So wird der Lkw, den Bernsen steuert, zu einem Risiko auf der Autobahn, einer Zeitbombe. Und Bernsen ist kein Einzelfall. Ein Unfall mit Totalschaden in Frankreich, den er knapp überlebt, versteht Oliver Bernsen als Zeichen des Himmels. Nach Jahren der Unrast kommt er zur Ruhe und beginnt seine Erfahrungen auf Europas Straßen, auf denen er für verschiedene Speditionen unterwegs war, ungeschönt aufzuschreiben. Sein Report offenbart, wie es hinterm Lenkrad zugeht. Von Romantik und Abenteuer, die Fernsehserien und andere Darstellungen suggerieren, ist dort nichts zu spüren. Es herrschen gnadenlose Hatz und eine Menschenschinderei, die man für undenkbar hält.
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Seitenzahl: 373
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Oliver Bernsen
Neuauflage
Tatsachenroman
Zeitbomben auf der Autobahn
Oliver Bernsen
Copyright: © 2021 Oliver Bernsen
Umschlag & Satz: Sabine Abels – www.e-book-erstellung.de
Coverfoto: Krivosheevv (depositphotos.com)
Druck: epubli
www.epubli.de
Ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung, die über den Rahmen des Zitatrechtes bei korrekter vollständiger Quellenangabe hinausgeht, ist honorarpflichtig und bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autors.
Alle Namen und Orte wurden geändert. Ähnlichkeiten wären unbeabsichtigte Zufälle.
Gewidmet
meinen drei Kraftfahrerkollegen, die während meiner Berufstätigkeit als Fernfahrer durch tragische Unfälle ihr Leben verloren.
Meiner Mutter, die mich immer aufgefangen hat, wenn es mir schlecht ging. Meinem verstorbenen Vater.
Paul für seine kompetenten und fachkundigen Beratungen und Anregungen.
Meinen beiden Katzen Kiki und Charly, die mich besonders nachts immer treu bei den Schreibarbeiten begleitet haben.
Meinen Freunden.
"Zwicken Sie mich mal in den Oberarm", bat ich den Krankenhauspfarrer. "Ich kann immer noch nicht glauben, daß ich noch lebe!"
"Ja", sagte er, "da haben Sie wirklich zwei Schutzengel gehabt!"
Ich blickte von der Krankenhauskantine im obersten Stockwerk der Klinik weit ins elsässische Land hinaus. Am Horizont, in weiter Entfernung, sah ich die Autobahn, ich konnte weiße Planensattelzüge erkennen, wie sie Richtung Luxemburg fuhren.
So einen Sattelzug hatte ich auch gefahren – bis gestern. Jetzt stand er auf dem Schrottplatz, in Nancy – Totalschaden! Auch der Auflieger war kaputt. Der Gurt und einige glückliche Umstände hatten mein Leben gerettet. Es hatte an einem seidenen Faden gehangen.
Vor mir dampfte frisch gebrühter Kaffee, je ein halbes Mett- und Käsebrötchen standen vor mir, vom französischen Krankenhauspfarrer spendiert. Kantinengeräusche von klapperndem Geschirr und helle Mädchenstimmen begleiteten unser Gespräch.
"Ja", sagte er, "die Wege des Herrn sind unergründlich. Wegen Leuten wie Ihnen habe ich meinen Job hier! Wir können den ganzen Tag sprechen, wenn Sie wollen."
Nachdem er mir das Sterbehospiz gezeigt hatte, gingen wir hinunter in den Krankenhausgarten und zur Kapelle. Blaue Fliederblüten und die bunte Pracht von Hyazinthen und Tulpen umgaben uns. Schmetterlinge flatterten umher. Alles war so ruhig und entspannt. Warum war das nicht vorher so gewesen, fragte ich mich.
"Wie soll es für mich nur weitergehen?", fragte ich den Pfarrer.
"Nehmen Sie's als Geschenk", sagte er, "der liebe Herrgott wollte Sie noch nicht haben."
"Ich werde nie wieder Lkw fahren", sagte ich, "das wird mir nie wieder passieren, denn eine zweite Chance bekomme ich nicht."
"Ja", sagte er, "vielleicht war das ein Zeichen. Die Zeit wird die Wunden heilen."
"Wie soll ich bloß damit fertig werden?", fragte ich ihn noch einmal.
"Wissen Sie was", sagte er in gebrochenem Deutsch, "Sie sind doch ein gebildeter Mensch. Schreiben Sie einfach alles auf, vielleicht hilft es Ihnen, das Erlebte zu verarbeiten."
"Ja", sagte ich. "Ich werde ein Buch schreiben! Vielleicht ist es auch für andere Menschen gut, davon zu erfahren, was mein Beruf alles mit sich bringt." Mein Entschluss stand schnell fest, wahrscheinlich, weil ich vorher schon manchmal daran gedacht hatte, mir all das, was ich erlebte, von der Seele zu schreiben.
Zum Lkw–Fahren war ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde.
Eigentlich hatte ich nie daran gedacht, Lkw-Fahrer zu werden. Mein Lebensweg war auf akademische Bahnen gerichtet. Ich hatte ein pädagogisches Studium absolviert und wollte Heimleiter in einem Erziehungswohnheim werden. Nach Beendigung des Studiums fand ich jedoch keine Anstellung. Der Arbeitsmarkt war wie leergefegt. Nur durch den Krieg in Jugoslawien und die damit einhergehenden Flüchtlingsströme fand ich zunächst eine Stelle als Heimleiter in einem privaten Asylantenwohnheim.
Leider verlor ich diese Stelle nach einem Jahr, weil das Heim wegen Korruption des Geschäftsführers geschlossen wurde. Zudem merkte ich, das mir die Bürotätigkeiten und die Quengeleien der Kinder nicht bekamen.
Vielleicht kam das plötzliche Desinteresse am Beruf des Erziehers auch durch meine Vergangenheit, weil ich als Sohn eines Oberförsters, der auch einen Waldlehrpfad mit zu betreuen hatte, keine guten Erfahrungen mit Kindererziehung gemacht hatte. Meine Fähigkeiten lagen, wie ich feststellte, eher im künstlerischen Bereich.
Ich war groß, blond, sah immer gut aus. Deshalb hatte ich mich auch schon früh einer Laienspielschar angeschlossen. Ich bewarb mich als Statist bei Theatern und wirkte in einer Fernsehsendung mit. Ich entdeckte das Musizieren und nahm an Talentshows in Diskotheken teil, wobei ich mehrmals dritte Plätze belegte. Zu Hause standen überdimensionale Ölgemälde mit abstrakten und exotischen Motiven, die ich angefertigt hatte.
Leider erhielt ich in der Familie wenig Rückhalt für meine künstlerischen Aktivitäten. Da zählten nur akademische Berufe wie Ingenieur oder Architekt.
Um meine Fähigkeiten weiter auszuloten, entschied ich mich, mich zunächst einmal für zwei Jahre als Zeitsoldat zu verpflichten. Die Bundeswehr bescherte mir eine Prestigeaufbesserung.
Ich landete in einer Nachschubkompanie und dort im Transportzug. Gleich am ersten Tag hieß es in der Kompanie: "Abiturienten zwei Schritte vortreten!" Es gab nur drei Abiturienten in der Kompanie, und die wurden direkt in den Offizierslehrgang geschickt.
Ich entwickelte mich gut in meinem Transportzug. Als Offiziersanwärter, Fahnenjunker und Fähnrich war ich geachtet. Ich konnte den Lkw–Führerschein hier machen, auch wenn das für mich nicht einfach war. Den Bauernjungs fiel dies oft leichter.
Oft schrie der Oberfeldwebel in der Fahrschulausbildung mich mit den Worten an: "Bernsen, du taugst nur zum Kanalarbeiter!" Das traf mich immer sehr, jedoch waren die alten Unteroffiziere mit Portepee immer schlecht auf Jung-Abiturienten und Offiziersanwärter zu sprechen, da sie eifersüchtig auf die zukünftigen Offiziere waren.
Meine Dienstzeit versah ich zuletzt als Zugführer, ich hatte sieben Tank-Lkw unter meinem Kommando, für die ich Fahrbefehle ausarbeitete und die ich bei Einsätzen verantwortlich begleitete. Nach zwei Jahren wurde ich in einer Übung zum Leutnant der Reserve befördert.
Nach der Bundeswehrzeit begann ich dann ein Studium für das Lehramt mit den Fächern Kunst und Geschichte an der Universität Hamburg. Da ich nie genügend Geld hatte, begann ich, neben dem Studium Lkw zu fahren.
Irgendwie begann mich diese Arbeit zu begeistern – ich empfand es als angenehmer, als immer nur in den Bibliotheken über alten verstaubten Büchern herumzuhängen.
Als Lkw-Fahrer verdiente ich schnell gutes Geld, kam viel herum und hatte Verantwortung für ein relativ großes Gerät und die Ladung. Ich kam immer in viele verschiedene Firmen, wo ich mit den Disponenten und Lagerarbeitern ein Schwätzchen halten konnte. Alles war zwangloser und unkomplizierter als die anderen Jobs, die ich bisher gemacht hatte.
Nach einem Jahr wechselte ich den Studiengang von Lehramt zu Erziehungswissenschaft und schaffte das Studium auch noch, doch konnte ich mich mit der pädagogischen Arbeit nicht anfreunden. Stattdessen fand ich eine andere Berufung: Ich wollte "Trucker" werden, "ehrliches" Geld verdienen, etwas von der Welt sehen und Spaß am Leben haben, und sei es als Fahrer!
Es gibt sie wirklich, die unseriösen Speditionen, die schwarzen Schafe! Firmen, für die nur der Profit zählt, die nach außen den Anschein von Seriosität erwecken, nach innen jedoch marode und kriminell sind. Gutenbrock gehörte zu dieser Sorte: Wo Fahrer täglich ums Überleben kämpfen und ständiger Drangsalierung und Erpressung durch Disponenten und Chefs ausgesetzt sind. Wo der Kampf um Kunden und Lademeter auf dem Rücken der Fahrer ausgetragen werden. Wo rücksichtslos die körperliche Unversehrtheit der Fahrer aufs Spiel gesetzt und sogar deren Tod in Kauf genommen wird. Zeitungs- und Fernsehnachrichten sind voll von Berichten über horrende LKW-Unfälle. Das ständig zunehmende Verkehrsaufkommen trägt zusätzlich zur Verstärkung dieser Entwicklung bei.
In der Zeitung las ich die Anzeige: "LKW- Fahrer gesucht, auch Fahranfänger, überdurchschnittliche Bezahlung, mit Führerschein Klasse 2 (CE). ADR-Gefahrgut-Schein wäre nett. Spedition Gutenbrock, Malmedy, Belgien."
Dies war schon die vierte Telefonnummer, die ich an diesem Tag anrief. Ich wollte endlich einen Job, auf Teufel komm raus, und wenn‘s in Belgien wäre!
Eine sehr feine und freundliche Damenstimme, mit starkem ausländischem Akzent meldete sich am anderen Ende der Leitung: "Ja, dann kommen Sie doch gleich mal vorbei, damit wir alles Nötige besprechen können. Ich bin morgen in der Dependance in Oldenburg“, bekam ich zu hören.
Am anderen Morgen machte ich mich schon früh um sieben Uhr auf den Weg.
Ich stand vor einem sehr alten, aufwendig restaurierten Fachwerkhaus. Als ich daran hochschaute, sah ich in der vierten Etage an den Scheiben Aufkleber mit der Aufschrift "Gutenbrock" stehen.
Unten neben dem Gebäude stand ein englischer Sportwagen. Wahrscheinlich das Auto der Chefin, dachte ich. Nach einer Denkminute schritt ich durch die breite Glastür in das Gebäude hinein.
Ich stieg die breiten Treppen hoch in den 3. Stock. An beiden Seiten der Eingangstür standen wie zur Bewachung zwei mannshohe marmorne Tiger, die mir zähnefletschend ihr geöffnetes Gebiss entgegenstreckten. In großen Lettern stand auf der Tür: "Gutenbrock internationale Spedition – Bitte Eintreten, ohne anzuklopfen!"
Ein langer, dünner, bleicher Mann, der mich irgendwie an die Figur in den Frankenstein-Filmen erinnerte, stand hinter der Theke.
"Was kann ich für sie tun?", fragte er.
"Ich möchte mich gerne um die Stelle als Fernfahrer bewerben", sagte ich.
Er verschwand in einen Nebenraum. Ich sah, wie er dort mit einer etwa 50jährigen Dame diskutierte.
Er kam wieder und gab mir einen Fragebogen, den ich ausfüllen sollte. "Setzen Sie sich da vorne hin", gebot er mir. Eine Reihe von Stühlen und ein Tisch standen dort an der Wand.
Eine Dame, mittleren Alters von Äußerlich leicht asiatischem Einschlag trat an mich heran, gab mir freundlich die Hand und bat mich in einen Nebenraum. „Tut mir leid“, sagte Sie, meine Schwester aus Malmedy, mit der Sie gestern telefoniert haben, ist leider verhindert! Aber das bekommen wir doch auch sicher hin, nicht wahr?“
"Ja, ja", entgegnete ich verdutzt.
"Haben Sie Führerschein und ADR-Schein?" wollte sie wissen. "Die müsste ich mal eben kopieren."
Sie verschwand, kam nach ein paar Minuten zurück und gab mir die Papiere. "So, bitte! Das ist aber nett, dass Sie so schnell gekommen sind! Ja, zunächst will ich mal was über uns erzählen. Wir sind nur ein kleiner Familienbetrieb, der aber schon seit vierzig Jahren existiert."
Sie erzählte grob die Historie der Firma, und dass es sich um eine Firma mit zwei Niederlassungen handelte, einer in Belgien und einer in Norddeutschland. Zwischendurch machte sie ein paar Scherze. Dann fragte sie mich nach meinen Erfahrungen als Fernfahrer.
Zu meiner Verwunderung interessierte sie sich nicht für meine persönliche Biographie, den Lebenslauf. Das verwunderte mich, denn das sah bei anderen Firmen ganz anders aus.
"Es ist sehr angenehm, bei uns zu arbeiten, das werden Sie schon sehen", sagte sie und lachte mich verschmitzt aus ihren raffiniert wirkenden Augenwinkeln heraus an. "Ach wissen Sie…!", fuhr sie dann fort, "halten Sie viel vom Süden? Von Bayern, der Schweiz, Südost-Frankreich, der Bodenseeregion und dem Schwarzwald?"
"Ja", sagte ich.
"Dann sind Sie bei uns goldrichtig! Dort befinden sich nämlich unsere Hauptkunden."
"Ich finde die Gegend sehr schön", sagte ich, "ich habe dort auch schon einige Male Urlaub gemacht, besonders in der Schweiz", sagte ich.
"Ich auch", entgegnete sie. "Ja dann fangen Sie doch einfach bei uns an“, lispelte sie. „Sie sind mir sowieso gleich irgendwie sympathisch vorgekommen. Hier, dies ist unser Arbeitsvertrag, den haben alle. Bei uns verdient jeder 1900 € brutto. Na ja, bis vielleicht auf die paar Altgedienten, vielleicht haben die hundert Euro mehr im Monat." Sie legte den Vertrag vor mich hin. "Sie müssen nur hier unterschreiben."
Ich war froh, endlich wieder eine Chance auf einen Job zu haben. "O.K.", sagte ich. "Mache ich." Ich unterschrieb den Vertrag.
Anschließend trat Sie sogleich mit einer Bitte an mich heran: "Wissen Sie was, Herr Bernsen? Könnten Sie mir nicht ausnahmsweise einen großen Gefallen tun?"
"Ja, vielleicht", entgegnete ich.
"Eben ist ein Fahrer ausgefallen, und in Nordenham bei Klingenberg steht ein vorgeladener Auflieger mit Stahl-Profilen, die morgen einen dringenden Termin haben! Können Sie nicht gleich mit einer Zugmaschine dorthin fahren und den Auftrag noch retten?"
Verdutzt schaute ich sie an. "Ja", sagte ich, "aber ich habe gar nichts dabei, weder Schlafsack, Papiere, Geld noch Toilettenartikel, ich war hier nur auf die Vorstellung eingerichtet!"
"Ja", entgegnet Sie, "das ist ja auch nicht schlimm, ist ja auch nur eine einmalige Sache! Sie haben ja ihren Führerschein dabei."
Ich fühlte mich etwas beweihräuchert, wie Sie mich so auf höfliche Weise um Hilfe bat, und wollte mir auch nicht schon zu Anfang alles mit ihr verderben. Ich sagte zu.
Ein Mitarbeiter begleitete mich nach unten auf den Hof, wo sich direkt neben Huntekanal und Stadthafen ein altes Fabrikgelände mit einem ausgedientem Wasserturm befand. Ein kräftiger Mann in den Siebzigern erschien und wies mir eine ältere Zugmaschine an.
Ich erhielt Lkw-Papiere, Bordutensilien, einige ältere Spanngurte und zwei Feuerlöscher. Er erklärte mir das Bordtelefon und gab mir dann einen Zettel mit der Ladeadresse in Nordenham.
Drei Stunden wartete ich am anderen Tag in Nordenham auf meine Ladung. Erst am späten Abend begann die Fahrt, Belgien als Ziel. Immer wieder läutete unterwegs das Telefon, und der Disponent wollte wissen, wo ich gerade war. Ich wollte mich zu Anfang meiner Laufbahn bei Gutenbrock nicht blamieren und fuhr, was das Zeug hielt. Zu meinem Entsetzen nahm der Disponent keinerlei Rücksicht auf meine unversorgte Situation, ohne Schlafsack, Wäsche und sonstige notwendige Utensilien wie Geld oder Toilettenartikel. Er scheuchte mich eine Woche von Ladestelle zu Ladestelle. Das Geld, das ich bei mir hatte, langte nur für einige Tage Notverpflegung.
Völlig gerädert, verärgert und stinkend wie ein Clochard kam ich am Samstag wieder auf dem Platz an. Es stellte sich bald heraus, dass dies hier der Regelfall war, auch für die kommenden Wochen und Monate. Was hatte die Chefin noch gesagt? "Ja, Herr Bernsen, das ist nur ein einmaliger Ausnahmezustand, und das braucht vielleicht nur eine bis zwei Wochen zum Einpendeln!" Von wegen!
Ich wollte nicht, wie viele andere, schon nach einer Woche den Job wieder schmeißen. Ich glaubte zunächst noch daran, dass sich meine Situation verbessern würde. Ich war ja froh, überhaupt einen Job zu haben!
Nach drei Jahren war allerdings auch mir als letztem "Spätzünder" klar, Gutenbrock war kriminell, da würde sich auch nach zwanzig Jahren nie was ändern. Die Ausbeutung und rücksichtslose Antreiberei der Fahrer hatte System.
Der Horror eines jeden Lkw-Fahrers, das ist der Sonntagabend. Schon nachmittags sitzt du zu Hause und zählst die Minuten. 22 Uhr, das ist bei den meisten Fahrern die Abfahrtszeit. Oft steht der Chef persönlich am Platz und kontrolliert den pünktlichen Abzug seiner Fahrzeug-Flotte.
Schlimm ist es, wenn du nicht am Standort des Lkws wohnst und noch mit dem Pkw zum Standplatz fahren musst. Bei mir war das bei meiner letzten Arbeitsstelle immer Oldenburg, die deutsche Dependance von Gutenbrock, und das bedeutete jeweils eine halbe Stunde Anfahrt.
Man stelle sich das mal vor: Am Samstagnachmittag hatte das Wochenende begonnen, und am Sonntagabend war es schon wieder zu Ende.
Was heißt eigentlich "Wochenende"? Die Woche war zumeist so zermürbend und anstrengend, dass man an seinem freien Tag sowieso nichts anderes machen konnte als zu schlafen oder vor dem Fernseher abzuhängen.
Ich ging immer mit den besten Vorsätzen ins Wochenende, schaffte es jedoch nie, diese Vorhaben, etwas für meine Gesundheit zu tun, meinen Hobbys nachgehen, Freunde zu besuchen, dann auch umzusetzen: Am Sonntag nach dem Mittagessen begann der Nervenkrieg schon wieder.
Am Sonntagabend sollte man ja immer möglichst früh, also um ca. 21.45 Uhr, mit dem Lkw vom Standplatz in Oldenburg abfahren. Es durfte keine Verzögerungen geben – hiervon hing der Montagmorgen-Termin ab. Das wurde einem schon am Samstagmorgen im Büro von der Chefin eingebläut, sonst war montags ein Donnerwetter fällig: "Denk daran, Montagmorgen acht Uhr Termin bei Gartenwelt in München. Der ist ein wichtiger Kunde, da darfst du nicht zu spät kommen, sonst wird eine Konventionalstrafe fällig, und wir verlieren den Kunden."
Bereits am Sonntagnachmittag hing ich zu Hause im Wohnzimmer nur noch nervös herum, ich versuchte zu schlafen, gewissermaßen auf Vorrat, Kraftreserven im Voraus aufbauen, was aber nicht ging, wegen des gesamten Durcheinanders von Tag- und Nachtfahrten, und dem Dauerstress bei Gutenbrock.
Eine Garantie für das Scheitern einer nächtlichen Fahrt war es, wenn am Wochenende noch häusliche Dienste erbracht werden mussten: Ich erledigte immer diese Samstags- und Sonntags–Aufgaben für meine Mutter, denn ich wollte ja immer der "Gute Junge" sein und verdrängte den Ärger am Montagmorgen mit der Chefin und den Disponenten.
So fragte meine Mutter mich oft: "Kannst du mir nicht noch eben den Garten umgraben?" oder "die Hecke schneiden?", "im Wohnzimmer staubsaugen?" Für die folgende Nachtfahrt zog dies herbe Schlafattacken nach sich.
Der Horror war es, wenn meine Mutter die erste beiläufige Frage stellte, z.B. "Du, sag mal, musst du nicht noch deine blaue Arbeitshose einpacken und dir ein paar Butterbrote machen?" Damit waren die Reizworte gefallen, die die letzten Hoffnungen auf einen noch geruhsamen Restsonntag zunichtemachten.
Man versucht, alle Utensilien, die man die Woche über braucht, zusammenzusuchen: Zahnbürste, elektrisches Ladegerät, Rasierapparat, Arbeitshandschuhe, Seife, Stromkonverter, Landkarten, Unterwäsche für eine Woche, Hemden, Pullover, Medikamente, Gehörschutz, eine Kühlbox gefüllt mit Fressalien…
Die Lebensmittel musste ich immer in den ersten beiden Tagen verzehren, da sonst Freund Schimmel Einzug hielt. Mutter packte oft alles an Lebensmittel ein, was sie los sein wollte, Topfkuchen, Milch, Joghurt, Butterbrote, Margarine, Konserven, gebratene Spiegeleier und Thermoskanne. Dies war wohl auch einer der Gründe, weshalb ich mit der Zeit immer dicker geworden war und in den letzten Jahren mehrere Speckrollen zugelegt hatte.
Was benötigte ich sonst noch für die Woche zum "Leben"? Einen tragbaren Fernseher, eine Satellitenschüssel, ein Radio mit Musikkassettensammlung, Playboy u. andere erotische Hefte, Socken, Schuhe, Stiefel, Sonnenbrille, Klappmesser, Regenschirm, Schreibmaterial, Formulare, Sprudelkiste, Geld, Portemonnaie, Heftklammerer, Klopapier – ganz wichtig: ein großer Wasserkanister, Koch-Utensilien, Gaskocher zum Tee- und Suppekochen (meine Lieblingsbeschäftigung während des Wartens an der Rampe beim Be- oder Entladen).
Ich dachte jetzt schon wieder an den Wochenbeginn. Würde ich wohl die hohen Anforderungen in der neuen Woche schaffen, Termine einhalten können? Was würde das Schicksal wieder für mich bereithalten, Staus, Behinderungen, Unfälle, technische Probleme? Würde ich bei einer Polizeikontrolle auffliegen, Bußgelder zahlen müssen? Verletzungen erleiden, nachts einschlafen? Würde die Gesundheit, das Herz, den Stress wieder mitmachen?
Nach einigen Jahren im Smog der Autobahn war ich kurzatmig geworden. Ich vermied es, tief durchzuatmen, da die Lunge sonst zu stechen begann. Die Lunge fühlte sich mit der Zeit taub an und gab beim Atmen röchelnde Geräusche ab. Des Öfteren hatte ich Hustenattacken, wonach sich brauner Schleim absonderte – und das bei einem überzeugten Nichtraucher!
Inzwischen ist es 20 Uhr geworden. "Nur noch eben eine Stunde den Sonntagabend genießen", denke ich.
Ich sitze in meinem Fernsehsessel, im Fernsehen läuft gerade "Wer wird Millionär" mit Günther Jauch. Die Sendung ist spannend, es geht gerade um die 100.000-€-Frage.
Neben mir auf einem anderen Fernsehsessel sitzt meine Mutter, sie ist eingeschlafen.
Entnervt blicke ich zur Uhr. "Scheiße, schon halb neun!", denke ich. Eigentlich müsste ich schon im Pkw sitzen, unterwegs nach Oldenburg. Ich brauche für die Fahrt dorthin eine gute halbe Stunde, und für das Einräumen des Lkw mindestens noch einmal dieselbe Zeit. Egal denke ich, eine halbe Stunde später geht auch noch!
Plötzlich weckt mich ein schriller Schrei! Meine Mutter ist aufgewacht.
Ich blicke auf die Uhr. Verdammt noch mal, es ist 22 Uhr! Ich müsste längst in Oldenburg sein und mit dem Lkw vom Platz fahren! Mühsam, halb benommen, winde ich mich aus dem Fernsehsessel. Aber jetzt! Ich muss ja auch noch meinen Pkw hier einräumen!
Meine Mutter wird von Panik ergriffen, sie rennt wie ein wild gewordener Iltis hin und her und will mir helfen, schnell wegzukommen. Dabei behindert sie mich mehr als sie nützt. Sie quatscht mich ständig an, fragt, was ich noch an Fressalien brauche, packt Mittagessenreste in zwei Plastiktüten und fängt an, in der Küche Spiegeleier zu braten.
"Lass das!", schreie ich, "Ich habe keine Zeit mehr! Ich muss weg!" Trotzdem wird mir alles noch beim fluchtartigen Verlassen des Hauses an der Tür hinterhergeworfen.
Nachdem ich mein Auto vollgepackt, der Mama den obligatorischen Wangenkuss gegeben habe, mit den besten Wünschen und Bekundungen für die neue Woche, fahre ich los.
Es ist inzwischen 22.30 Uhr. Bereits auf der Hinfahrt kommen mir LKW entgegen. "Scheiße", denke ich, "immer diese Streber!" Der Stress hat mich schon wieder, oder er hat nie aufgehört.
Die ersten Abgase dringen in meinen Pkw, das inzwischen gewohnte Husten fängt schon wieder an.
Ich bin froh, endlich im Oldenburger Industriegebiet beim Lkw angekommen zu sein. Etliche Lücken in der Reihe der aufgestellten LKW zeugen von bereits aufgebrochenen Fahrern. Andere laufen mit Taschenlampen zwischen Pkw und Lkw hin und her und laden ihre Utensilien ein.
Frauen sitzen in den Pkws oder helfen umzuladen und warten darauf, dass sie von dannen fahren können. Es herrscht eine unpersönliche Stille, niemand sagt was. Alle wollen nur möglichst schnell los, jeder für sich.
Während ich meinen Lkw bepacke, kommt eine dunkle Gestalt auf mich zu, ein Russe. Er scheint verzweifelt, bettelt mich an: "Hallo, "ich Waldemar, kannst du mir nicht helfen, ich bin neu, man sagte mir am Freitag im Büro, heute morgen wäre jemand hier, um mich einzuweisen und um mir noch die Ladepapiere auszuhändigen. Außerdem wollte man mir noch Spanngurte und Gefahrgut-Sicherheitsausrüstung aushändigen! Doch niemand ist gekommen! Blanko-Schaublätter für den Fahrtenschreiber brauche ich auch noch!"
"Scheiße", denke ich. "Immer dasselbe Spiel! Den Neuen alles versprechen und nichts halten!" Ich versuche, dem Mann Hilfestellung zu geben, gebe ihm einige meiner Spanngurte. Er beruhigt sich etwas. Er verspricht, mir am nächsten Samstag meine Gurte zurückzugeben.
Der Russe schafft mich, ich verliere durch ihn eine Stunde. Es ist mittlerweile nach 24 Uhr, als ich den Platz verlasse.
Ich fahre vom Platz und auf die Straße, zuerst langsam, damit der Motor Zeit hat, warm zu werden. Dann geht es auf die A29 Richtung Dortmund.
Langsam schleppt sich der schwer beladene Lkw voran, nach einigen Kilometern auf der Autobahn stelle ich fest, dass aus allen möglichen Ecken und Winkeln andere Lkw hervorkommen, um ihre Reise zu beginnen.
Bereits auf der Höhe von Bramsche fängt der Straßen-Horror unter anderem wegen der Baustellen an, es gibt Drängelei noch und noch, später, vor dem Westhofener Kreuz, drängt sich dann Lkw an Lkw, alle versuchen, voranzukommen, zu rasen, und es gibt einige total Verrückte, die auch noch überholen wollen – und damit sich selbst und andere in Lebensgefahr bringen. Wie in einem bösen Alptraum hetzt der ganze Verband gen Süden.
Dieselbe Verkehrskeilerei setzt sich auf der A45 fort, verschlimmert sich noch durch die stark hügelige und bergige Landschaft, die meinen schwer mit Blumentöpfen beladenen LKW einmal zur Schnecke, dann wieder zu einem zu schnell bergabwärts rollenden Ungetüm machen.
Es ist 4.30 Uhr, als ich mein Radio anstelle, um etwas Ablenkung zu haben. Wegen des Verkehrslärms höre ich jedoch kaum etwas davon.
Auch das ständige Schalten und die hohen Drehzahlen des Motors lassen keine Ruhe, sondern nur Stress aufkommen. Der Fahrstil der anderen Lkw, die ungehalten überholen, dicht auffahren und drängeln, kommt noch hinzu.
Die meisten anderen Lkw haben dieselben Probleme mit den Steigungen. So hängen alle Stoßstange an Stoßstange und quälen sich Kilometer um Kilometer voran.
Alles rappelt und dröhnt im Führerhaus, eine beißende Luft entwickelt sich in der Fahrerkabine, die Abgase der vorausfahrenden Lkw schmerzen mir in der Lunge, ein Stechen zieht durch den Oberkörper, das Herz klopft schwer, ich beginne, todmüde zu werden, wie immer um diese Zeit, und falle immer wieder in einen kurzen Sekundenschlaf.
Ich möchte dieses "Rennen" am liebsten aufgeben, denke ich, würde mich am liebsten irgendwo an den Straßenrand stellen und schlafen, schlafen, schlafen.
Ich denke an den nächsten Parkplatz, Haiger-Burbach, im Wald gelegen, wo ich jetzt stehen möchte, und müsste, um die vorgeschriebene Pause von 45 Minuten zu machen. Motor aus, und schlafen, nur noch schlafen. Jedoch lässt der Termin das nicht zu.
Ein grelles Licht lässt mich plötzlich hellwach werden! Ein Lkw vor mir hat gebremst, ich muss voll in die Eisen, um nicht aufzufahren! "Das war knapp!", denke ich. "Bloß niemandem von dieser Beinahe Katastrophe erzählen!"
Es ist mittlerweile früher morgen. Ich kann schon nicht mehr. Ich mache mir ständig Sorgen, wie ich denn um 8 Uhr in Ulm sein soll, außerdem fürchte ich ein dickes Bußgeld und die Lkw-Stilllegung, da ab 8 Uhr die BAG an der Autobahnabfahrt Ulm Posten bezieht und ich diese Stelle nicht mehr rechtzeitig mit sauberer Scheibe passieren können werde.
Wieder macht sich das Schlafbedürfnis bemerkbar, das Herz pocht, die Lunge sticht, die Augen fallen zu. Scheiße, denke ich, ich kann nicht mehr, ich halte jetzt einfach auf dem nächsten Parkplatz an, und wenn ich nur zehn Minuten schlafe!
In solchen Situationen dachte ich wie ein Tier, man lebte nur noch für die Minuten, für einige Minuten Ruhe oder Schlaf, man dachte nicht mehr an die Konsequenzen, die dies für den nächsten Tag haben würde, es zählte nur der Schlaf, den man jetzt haben könnte. Ich fahre raus, denke ich und blicke mit Neid und Bewunderung auf die anderen Lkw, die weiter ihre Bahn ziehen.
Der Parkplatz ist fast völlig leer, braune Blätter liegen auf der Fahrbahn, hohe Eichenbäume säumen den Parkplatzrand, eine sorgfältig gemähte Wiese, 50 Meter daneben. Die Autobahn gleicht hingegen weiterhin einer mörderischen Szenerie: immer noch Lkw–Rennen mit lautstark dröhnenden Motoren und Schaltvorgängen – eine gespenstische Kulisse, Kampf Mann gegen Mann, der Start einer neuen langen Arbeitswoche.
Alles da draußen hetzt und rast. Alle wollen ihre Termine am Montagmorgen einhalten, nur nicht auf den letzten Metern vom Berufsverkehr oder den morgendlichen Staus aufgehalten werden! Schließlich hängt das Wohl und Wehe des Fahrers vom zufriedenen Chef ab, die wollen ihre Termine eingehalten haben.
Ich stehe auf dem Parkplatz. Das Gewissen quält mich. Nur ich gönne mir eine Pause, denke ich. Motor aus, ich lasse das Seitenfenster an der Beifahrerseite runter, frische Luft strömt ein, ich atme tief durch.
Fünfzig Meter neben mir donnern immer noch die anderen Lkw vorbei, für mich ist hier jetzt schon Schluss.
Mit letzter Kraft krieche ich über die Konsole in die untere Schlafkoje, lege mein frisches, von zu Hause mitgebrachtes Kissen unter den Kopf, ziehe mir die gute alte, sauber gewaschene, nach Weichspüler duftende Decke über den Kopf und falle in einen tiefen Schlaf.
Zwanzig Minuten später werde ich von einem lauten Knall geweckt. Ein anderer Lkw ist auf dem engen Parkplatz an mir vorbeigerauscht und dabei gegen meinen Seitenspiegel gefahren.
Oh je, denke ich, ich schlafe hier ja noch auf dem Parkplatz, jetzt ist der Termin morgen früh in Gefahr, und die BAG-Kontrollstelle bei Ulm ist auch besetzt, wenn ich da vorbeikomme!
Benommen klettere ich hinters Lenkrad, starte den Motor, lege den Gang ein und fahre unmittelbar los. Kalt und träge zieht der Lkw an.
Meine Schichtzeit kann ich nun nicht mehr einhalten, mein Schaublatt sieht nachher aus wie "Patchwork", und jeder Beamte kann darüber den Stab brechen. Dabei muss man dem Beamten Schaublätter von einer ganzen Woche vorzeigen können. In den drei Jahren bei Gutenbrock hatte ich an kaum einem Tag überhaupt eine saubere Scheibe, bei der Firma interessierte das auch keinen, der Dispo ging es nur darum, der Chefin ein dickes Bankkonto zu bescheren.
Die Betriebsführung und die Disponenten waren unsere Feinde, die nur versuchten, uns ohne Rücksicht auf Verluste ständig am Fahren zu halten, es existierte keinerlei Mitgefühl, wir waren der letzte Dreck, weniger wert als die Maschinen, die wir fuhren. "Fahr oder flieg" war das Motto.
Von den Fahrzeiten her konnte bei mir nie etwas hinhauen. Zwar hatte mir die Chefin zu Beginn meiner Fahrertätigkeit gesagt: "Ja, Herr Bernsen, das wird alles besser, nach ein paar Wochen hat sich alles eingependelt", jedoch hatte sich bei mir auch nach drei Jahren noch nichts eingependelt, ich befand mich in einem chronischen Ausnahmezustand und war in ständiger Gefahr, bei Routinekontrollen von BAG oder Polizei aufzufliegen.
Wie mir nach Monaten und Jahren bewusst wurde, konnte sich bei dieser Firma nie etwas zum Guten wenden. Hier gehörten Rücksichtslosigkeit und Verführung zum Plan, Fahrer, die diese Firmenphilosophie nicht mittrugen, wurden manchmal nach Tagen schon wieder gekündigt. Auch wollte man verhindern, dass nicht konforme Fahrer andere aufhetzten.
Die Fahrergemeinschaft bestand zum großen Teil auch aus völlig runtergekommenen Typen, die nur aus lauter Not oder Perspektivlosigkeit zu Gutenbrock gekommen waren. Sehr oft wurde mir bewusst, dass ich nicht allein war mit meiner Not, was die Fahrzeiten und Forderungen der Disponenten anging.
Bei den Fahrern gab es eine Hierarchie: Es gab Angepasste, Querulanten, alte und neue Fahrer. Auch hatte ich keine Alternative zu Gutenbrock, um in wenigen Monaten zu etwas Geld zu kommen.
Mit der Zeit hatte ich mir, ähnlich wie ein Rekrut im Krieg, eine eigene Überlebensstrategie zusammengebastelt, um Sanktionen durch BAG und Polizei etwas abzumildern.
Ich fuhr, wenn möglich, nachts, oder umfuhr Stellen, von denen ich wusste, dass dort häufig Kontrollen stattfanden. Außerdem hatte ich mir angewöhnt, Polizisten nie direkt anzublicken, da dies fast immer dazu führte, dass man angehalten wurde.
Ich achtete immer auf ordentliche Rasur und gekämmte Haare. In Frankreich z.B. standen die Lkw–Kontrollbeamten immer an den Zahlstellen, wo die Fahrzeuge langsam fuhren, und die Beamten zogen mit Vorliebe schlampig und unrasiert wirkende Fahrer aus dem Verkehr.
Die Gefahr, in eine Kontrolle zu geraten, war morgens direkt nach acht Uhr am größten. Man konnte an den Autobahn-Revieren regelrecht sehen, wie die Polizeistreifen morgens ausströmten, und dann ging es bei denen auch gleich mit frischem Diensteifer zur Sache. Die ersten Kontrollen morgens waren immer besonders hart, da wollten die wohl schnell alle Sünden, die des Nachts passiert waren, aufdecken. Deshalb war einer meiner Tricks auch, mich morgens ab 8 Uhr zunächst für eine halbe Stunde auf einen Parkplatz zu stellen, um mich dem ersten Diensteifer der Polizei-Streifen zu entziehen.
Meine Fahrt geht weiter, jedoch komme ich kaum noch voran, nur Schalten, Schalten, Schalten, die Berge fordern ihren Tribut. Im Schneckentempo die Berge hoch, immer Richtung Süden. Kurz vor Aschaffenburg bin ich schon wieder todmüde, wieder fahre ich auf einen Parkplatz ab, schlafe eine Viertelstunde. Dann wieder weiter, das permanent schlechte Gewissen wegen meiner Termine zermürbt mich, die Einsamkeit, die Abgase, der Lärm. Ich habe noch kaum was von der Strecke geschafft.
Um sieben Uhr morgens bin ich vor Frankfurt, wenigstens die schlimmsten Berge sind erst mal hinter mir! Ich stelle jedoch fest, ich habe längst alles verpatzt, ich sollte doch Ulm bis acht Uhr schaffen! Bis dahin sind es jedoch noch gut 250 Kilometer und jetzt schon macht der Stau meinem Vorwärtsdrängen ein Ende.
Das bedeutet das Aus, denke ich. Erst nach zehn Uhr wird die Autobahn wieder befahrbar! Hier geht um sieben Uhr schon gar nichts mehr, Auto an Auto, nur noch Schneckentempo. Schade um die vergeudete Zeit, denke ich, ich gebe auf, fahre runter auf den nächsten Parkplatz. Nachdem ich den Motor abgestellt habe, ziehe ich die Gardinen zu und schmeiße mich in die Koje, und schlafe, schlafe, schlafe.
Um 9 Uhr morgens werde ich von Beethovens zweiter Symphonie aus einem Fieberschlaf geweckt.
Eine nette helle Mädchenstimme spricht mich an. "Hallo! Wie geht's? Alles gut geklappt? Bist du schon leer in Ulm?"
"Leer in Ulm?", frage ich. "Nein, Nein", sage ich, "Ähh… Ich ringe um eine Ausrede. "Ich hatte hier Probleme, hatte Stau, wegen Unfall!" Ich denke mir alles Mögliche aus.
Die Stimme reagiert nicht. "Wo bist du denn?"
"Vor Frankfurt."
"Waaas?" schallt es durch den Hörer, "Du willst mich wohl verarschen! Wir rufen gleich wieder an! Bleib am Telefon!"
Zehn Minuten später ruft ein männlicher Disponent an. "Wo bist du?"
Ich sage wieder: "Bei Frankfurt."
"Wie bitte? Du solltest doch um acht Uhr beim Gartenbaumarkt Seifert in Ulm sein!"
"Konnte ich aber nicht, hier war Stau", sage ich.
"Waas!", dröhnt es auf der anderen Seite. "Du bist vielleicht ein Knaller!", höhnt es aus dem Telefon. "Die anderen können's doch auch, warum du denn nicht?"
Ich sage: "Ja, der Lkw ist so schwer beladen, zieht bald nicht mehr, auch der Biodiesel macht den Motor kraftlos." Ich versuche alle möglichen Ausreden zu finden.
Die andere Seite schmeißt den Hörer auf.
Zehn Minuten später kommt wieder ein Anruf, diesmal von der Chefin mit dem freundlichem Aktzent: "Ja, Herr Bernsen, wie kommt das denn, dass sie noch nicht weiter sind, das habe ich immer nur bei Ihnen, nicht bei den anderen Fahrern! Sie haben einen falschen Fahrstil, sie müssen in eins durchfahren. Wie spät sind sie denn Sonntagabend vom Platz losgefahren?"
Wieder drücke ich mich um eine Antwort. Man glaubt mir ja sowieso nicht, denke ich.
Dann sagt die Chefin: "Ja, leider muss ich Ihnen dann die Konventionalstrafe vom Lohn abziehen." Sie habe aber mit der Firma gesprochen, sie wollen dort noch bis zehn Uhr abladen. Ich solle mich also beeilen lispelt sie. Ich solle dem Lademeister sagen, ich hätte eine Reifenpanne gehabt.
"Ja, ja, ja", sage ich und fahre weiter. Schlussendlich treffe ich jedoch erst mittags beim Gartenbaumarkt Seifert in Ulm ein.
Man hat mir dort aber in keiner Weise die Verspätung vorgeworfen, alle waren ganz nett zu mir.
Um 13 Uhr rufe ich in der Firma an, dass ich leer sei. Der verpatzte Termin ließ mir nun keine Freiräume mehr, ich musste jetzt quasi meine Schuld wieder gutmachen, was bedeutete, Spießrutenlaufen zwischen laden, fahren, abladen, ohne längere Pausen. Dies waren die permanent gleichen Arbeitsbedingungen und Zwänge, unter denen ich die gesamten drei Jahre bei Gutenbrock zu funktionieren hatte.
Es gab verschiedene Möglichkeiten, um beladen oder entladen zu werden.
Die beliebteste und für den Fahrer angenehmste war, einfach mit dem Sattelauflieger irgendwo rückwärts an eine Lagerhalle anzudocken und sich von Lagerarbeitern eine Komplettladung von 33 Euro-Paletten hinten draufschieben zu lassen.
Je leichter die Ladung, umso angenehmer war die Fahrt. Ich fuhr gerne Kartoffelchips, Spülkästen für Toiletten oder Styropor-Elemente.
Unangenehmer wurde es bereits bei Paletten mit Blumenerde oder Maschinenteilen, die meist sehr schwer waren und besonders bei Steigungen den Lkw stark verzögerten. Das Fahrzeug war schwerer zu beschleunigen und zu fahren. Besonders beim Bremsen konnte es gefährlich werden, die Ladung konnte verrutschen, die Seitenwände durchbrechen und fatale Unfälle verursachen.
Schwere Fahrzeuge konnten auch schneller Reifenplatzer bekommen und waren in unvorhergesehene Situationen schwerer zu beherrschen.
Besondere Bedeutung für die Sicherung der Ladung hatten die Sicherungsmittel Spanngurt und Spannbrett. Diese wurden auch oft bei Kontrollen bemängelt.
Vielen Fahrern war nicht klar, dass ihr Leben davon abhängen konnte. Alte, eingerissene oder geknotete Gurte haben kaum noch Wirkung. Trotzdem schickten die Speditionen ihre Fahrer immer wieder mit solchen defekten Gurten los. Nur selbstbewusste ältere Fahrer forderten bei ihren Chefs regelmäßig den Austausch der Gurte.
Spannbretter wurden immer notwendig, wenn man nicht komplett geladen war, um so den Halt der Ladung vor dem Fallen nach hinten zu sichern. Für die Polizei war die Ladungssicherung bei Kontrollen immer ein Schwerpunkt, besonders weil sie wusste, dass diese von vielen Fahrern aus Zeitmangel oder Gleichgültigkeit nicht genügend vorgenommen wurde.
Besonders unangenehm und anstrengend waren Be – und Entladungen von oben mit dem Kran, wie sie speziell in der Stahlindustrie üblich waren. Hier wurde vom Fahrer Schwerstarbeit verlangt.
Man konnte froh sein, wenn man wenigstens einen Auflieger mit beidseitig verschiebbarer Gardine und einem Schiebedach hatte, und keinen Planensattelzug alten Modells, bei dem die gesamte Dachplane in einer gewagten und gefährlichen Kletteraktion mit äußerster Kraftaufwendung nach vorne geschoben werden musste. Es war eine immer sehr schweißtreibende Arbeit, bis der Kran die Stahlprofile laden konnte.
Nach der Beladung ging alles wieder umgekehrt. Zum Schluss musste man zur Stabilisierung der Plane noch die Zollschnur durch Ösen um den gesamten Auflieger ziehen. Auch das Anbringen von ca. 12 Spanngurten und deren Festzurren war anstrengend und zeitintensiv.
All diese Mehrarbeit wurde von den Disponenten oft nicht berücksichtigt. Für sie war es immer nur die Fahrzeit, welche Beachtung fand. Allerdings war es gerade die Be- und Entladearbeit, die Kraft kostete. Das führte oft zu Streit, auch weil die Disponenten manchen Fahrern immer die unliebsamen Touren aufdrängten und anderen immer die leichten Fahrten zuschanzten.
Anstrengend war auch das Fahren mit überlangen Holz-Profilen, die manchmal sogar hinten heraushingen und extra mit Fähnchen und Lampen kenntlich gemacht werden mussten. Hierbei waren die Gurte höchster Beanspruchung ausgesetzt, da Holzstapel meist bis ans Dach geladen wurden und so beim Fahren extrem ausbrechgefährdet waren.
Man musste beim Laden allgemein immer darauf achten, dass keine Lücken im Laderaum entstanden, da die hintere Ladung beim Bremsen dann keinen Halt hatte.
Für Lücken gab es noch andere Ladungssicherungsmittel, wie Stausäcke, mit denen man die Lücken ausfüllen konnte. Ich hatte immer zehn davon bei mir.
Oft wurde man, besonders bei Baumärkten, stets von einer Seite entladen. Zunächst wurde die Plane seitlich und hinten von den Ladeklappen gelöst und dann mit einer langen Latte soweit auf das Dach gehoben, bis die Seiten zum Laden frei zugänglich waren. Alle Seitenplanken, ca. 32, mussten entfernt werden, ebenso die eisernen Längsstreben, sechs an der Zahl. Der Gabelstapler konnte nun eine Hälfte der Ladefläche des Aufliegers leeren. Um auch an die Paletten auf der anderen Hälfte zu gelangen, hatte ich immer eine schwere lange Entladestange dabei. Diese Stange wurde einmal an der Palette und an der anderen Seite am Stapler eingehakt, so dass sich dieser die Palette in die Reichweite seiner Gabel ziehen konnte. Es handelte sich bei der Stange um ein etwa zwei Meter langes Vierkanteisen mit abgewinkelten Enden. Ein Betriebsschlosser im Osten hatte mir diese Stange einmal aus Gefälligkeit nach meinen Plänen angefertigt.
Ich hatte hinten auf der Ladefläche immer mein so genanntes Bordinventar verstaut, in drei großen Plastikkästen, die ich einmal hinter einem Kühlhaus gefunden hatte. Zu meinem ständigen Bordinventar gehörten fünfzehn Spanngurte inklusive Spannschlössern, ein Spezialhammer zum Einschlagen von Nägeln und Befestigen von Holzkeilen, eine Kneifzange, meine Ziehstange, und etwa 30 Kantenschoner, die verhindern sollten, dass empfindliche Ladung wie z.B. Papierrollen oder -Stapel von den Sicherungsgurten beschädigt werden konnten.
Immer wenn ich einen anderen Auflieger übernehmen sollte, musste ich mein gesamtes Bordinventar umladen, was, wenn man müde war, sehr anstrengend war.
Traf man bei einer Firma zum Be– oder Entladen ein, lief je nach Größe der Firma immer ein ähnliches Programm ab: Man parkte auf einem vorbestimmten Parkplatz, entweder vor dem Werk oder innerhalb. Man meldete sich an – beim Pförtner, im Büro oder beim Lagermeister. Man erhielt eine Laderampe zugewiesen, oder eine Stelle, an der man sich einfinden sollte. Manchmal hatte man Wartezeiten, die man mit dem Aufenthalt in Pausenräumen vor Schokoriegeln, Brötchen und Kaffee- Automaten oder in Kantinen verbringen konnte.
Oft kam es auch vor, dass man seine Auto- oder Handynummer abgeben und im Lkw warten musste. Ich nutzte eine solche Wartezeit mit Handy schon einmal in München, um eine Stunde in der Isar schwimmen zu gehen.
Hinter dem dortigen Lager gab es drei große Container, in denen vom Frischedatum her abgelaufene Knabber-Artikel entsorgt wurden. Gerne stieg ich dort in Pausen eine Leiter hoch, um mir allerlei dieser oft nur um einige Tage verfallenen Leckereien herauszufischen. Manchmal lag mein halbes Führerhaus voll mit Tüten von Chips, Schokoladenriegeln und Tortillas aller Geschmacksrichtungen. Zu Hause wurde meine Ankunft oft schon sehnlichst erwartet, da Verwandte und Bekannte gerne von dem Knabber-Überfluss mitprofitierten.
Eine Zeitlang fuhr ich auch einen Kühlauflieger.
Man hatte immer "Frische" zu fahren und kam immer in Kühlhäuser. Komplettladungen mit Eiskrem waren brisant, die Kühltemperatur durfte nie unter minus 18 Grad fallen, sonst gab es hier einen enormen Schaden. Das Kühlaggregat musste unbedingt zuverlässig funktionieren.
Ich kam oft in Molkereien, wo ich z.B. Yoghurt und Käse aller Art lud. Das Beladen des Doppelstock–Kühlers war sehr mühsam. Man musste den Auflieger auf zwei Ebenen in der Höhe beladen. Oft war die Ladung so bemessen, dass man keinerlei Spielraum hatte und sehr eng laden musste, um alles mitzubekommen. Hierdurch gab es dann oft Schäden an der Ladung, eingedrückte Dosen und Ähnliches. Beanstandete Ware nahm ich selbst mit, statt sie in den Container zu werfen. So hatte ich immer reichlich Yoghurts, Butter und Frischkäse, die woanders gerne als Tauschobjekte angenommen wurden.
Nach einem halben Jahr hörte ich mit dem Kühlerfahren auf, da ich das ständige Brummen des Kühlaggregates – auch nachts – nicht mehr ertragen konnte.
Das Führerhaus ist der Ort, in dem der Fahrer die ganze Woche verbringen muss.
Zwar haben deutsche und europäische nicht solchen Luxus wie amerikanische Fahrer, die gleichsam eine kleine Wohnung eingebaut haben, dennoch versuchen auch hierzulande die Fahrer, es sich darin so gemütlich wie möglich zu machen.
Fast jeder Fahrer gestaltet sich das Führerhaus seinen Bedürfnissen entsprechend. Ein älterer Fahrer sagte mir einmal: "Jeder Bauer erkennt seine Kühe am Gang, und unser Chef seine Fahrer am Führerhaus." Dann lachte er.
Der eine stellt lauter Stofftiere an die Frontscheibe, der andere baut sich eine holländische Kaffeemaschine aufs Armaturenbrett. Andere bauen einen regelrechten Familienaltar auf, mit Bildern von Frau und Kindern und deren Namenschildern im Fenster. Beliebt sind auch ein kleiner Kühlschrank, Videogeräte, DVD-Player, CD-Spieler, Musik allgemein. Ich habe sogar einmal einen niederländischen Fahrer erlebt, der unter dem Sitz eine kleine Kiste eingebaut hatte, in der er seinen Hund verstauen konnte. Dieser rannte beim Be– und Entladestopp immer hinter ihm her und wurde, wenn er seinem Herrchen ins Büro nachrannte, von den Disponenten beim Namen gerufen. Eines Tages hatte das Spektakel ein Ende, als er seinem Herrchen beim Überqueren der Straße nachlief und von einem anderen Lkw überfahren wurde.
Andere Männer hatten auch große Hunde mit, die es sich gerne hinten in der Koje gemütlich machten. Solch ein Hund konnte einen ganz schön erschrecken, wenn er plötzlich seinen Kopf zum Seitenfenster rausstreckte und einen ankläffte.
Für einen Fahrer war es ein Ärgernis, wenn man ein Fahrzeug übernahm, in dem vorher ein Hundefan gefahren war. Die Koje war zumeist von Hundehaaren und Ungeziefer übersät. Trotz solcher Beschwerden ließen die Hunde-Freaks jedoch nicht von ihrer Gewohnheit ab, ihre Viecher mit auf Tour zu nehmen. Bei Polizeikontrollen hat es schon oft Ärger mit den Tieren gegeben, weil sie Polizisten als potenzielle Angreifer ihres Herrchens ansehen und schon manches Mal zugeschnappt haben.
Natürlich durfte das obligatorische Namenschild in der Frontscheibe nicht fehlen, wo dann draufstand: Sergei, Heinz, Olli oder einfach "Opa".
Mein letztes und wichtigstes Kojen-Utensil war ein Klappfahrrad, welches ich immer auf der oberen Koje verstaute – immer an der Beifahrerseite, schon in weiser Voraussicht, falls es mal zu einem Unfall kommen sollte.
Während einer längeren Beladung, beim Warten auf einen Anruf, ganz zu schweigen von den Pflichtpausen, hatte man immer Zeit für private Dinge. Hierzu, und auch um die anderen Dinge des täglichen Bedarfs zu verstauen, hatte ich mir aus Sperrholz eine große Kiste mit vielen Fächern und Schubladen gebaut, so wie ich sie mal bei einem anderen Kollegen gesehen hatte. Alles hatte hier seinen Platz, die Landkarten ebenso wie der Gaskocher, das Schweizer Messer oder die Papiere. Ersatzbatterien und Sicherungen, Lampen, alles war hier zu finden. Selbst ein Geheimfach für Erotik-Hefte war vorhanden. Außerdem war immer mein Stammgast, die "rote Lola" an Bord, das war eine aufblasbare Gummipuppe, die ich einmal auf der Reeperbahn im Dreierpack günstig gekauft hatte. Ich hatte gleich zwei davon bei mir, eine andere, eine "Schwarze", nannte ich "Anna". Die dritte lagerte im Staufach als Reserve. Als Junggeselle bot mir die Puppe in einsamen Stunden Entspannung und half mir, die Zeit bis zum Besuch des nächsten Freudenhauses zu überbrücken.
Ich konnte mir den Besuch echter Mädchen nur ein bis zwei Mal im Monat leisten, dann war mein Budget ausgeschöpft. So hielt ich es dann auch oft nach dem Motto: Appetit geholt wird draußen, gegessen daheim.
Und daheim, das war mein Lkw.
Ich musste die Puppe immer im Lkw belassen, da meine Mutter diese zu Hause nicht sehen durfte. Auch vor dem Platzwart und vor manchen Arbeitskollegen hielt ich sie immer gut verborgen, da ich nicht das Risiko eingehen wollte, gemobbt oder verspottet zu werden. Ich hatte eine abschließbare Werkzeugkiste, in der ich meine Lola besonders am Wochenende wegschloss. Innerhalb der Woche lag sie auch aufgeblasen unter einer Bettdecke in der oberen Koje. Wenn Sie dann so da lag, besonders mit weggedrehtem Kopf, vermittelte Sie mir die Illusion einer echten Frau, besonders, wenn die roten langen Haare an der Koje entlang nach unten fielen. Schon oft hatte ich hiermit Polizisten und andere unliebsame Kabineneindringlinge narren können, da sie immer sehr erschrocken waren, wenn sie eine Frau oben in der Koje schlafen zu sehen glaubten. Ich hatte deshalb auf dem Flohmarkt kostengünstig einige attraktive Kleidungsstücke, einen Rock, Unterwäsche, eine Sonnenbrille, eine Pudelmütze und einen Schal für Lola gekauft. Manchmal zog ich sie dann an und schnallte sie auf den Beifahrersitz. Die Leute glaubten wirklich, ich hätte eine Beifahrerin aus echtem Fleisch und Blut.
Unter der untersten Koje lagen Konserven und Lebensmittel vom Aldi, wovon ich immer einen kleinen Vorrat dabei hatte.
Das Kochen im Führerhaus war schon eine kleine Spezialität von mir geworden, das nannte ich "cuisine camion". Ich kochte gern im Führerhaus und nicht, wie die osteuropäischen und südeuropäischen Fahrer, auf dem Parkplatz vor ihren Staukästen.
Einmal kochte ich während der Fahrt auf der Autobahn mit dem Gaskocher Kaffee, das war aber eher ein Spaß, um dem Beifahrer zu imponieren. Ich platzierte den Campinggaskocher in der Mitte auf meiner Kiste, und da ich die linke Hand zum Lenken benötigte, musste ich alles mit der rechten Hand machen. Gas aufdrehen, anzünden, Wasserkessel draufsetzen, mit einer Hand festhalten, danach Wasser in die mit Nescafé gefüllten Tassen schütten. Beutel mit Zucker und Milch hatte ich immer genügend in Reserve, Mitbringsel von den Autobahnraststätten.
