Hilles letzte Wanderung - Albrecht Franke - E-Book
SONDERANGEBOT

Hilles letzte Wanderung E-Book

Albrecht Franke

0,0
6,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In fünf Erzählungen versucht Albrecht Franke, die Problematik und die Fragwürdigkeit von Künstlerexistenzen zu gestalten, das Leben von Dichtern, die im weitesten Sinne dem Expressionismus zugerechnet werden können: Peter Hille, Georg Heym, Georg Trakl, Theodor Däubler und Paul Zech. Die erzählerischen Anlässe sind bekannt: Peter Hille stirbt nach einem auf einem Bahnhof erlittenen Blutsturz am 7. Mai 1904 in einer Berliner Klinik, Georg Heym ertrinkt am 16. Januar 1912 bei dem Versuch, seinen ins Eis eingebrochenen Freund Ernst Balcke zu retten, Georg Trakl nimmt in der Nacht vom 3. auf den 4. November 1914 in einem Krakauer Garnisonsspital eine Überdosis Kokain, Theodor Däubler verbringt die letzten Wochen seines Lebens in dem Schwarzwaldkurort Sankt Blasien, wo er 1934 stirbt, und Paul Zech wagt im Sommer 1933 einen „Absprung ins Blaue“ hinein, um der drohenden Gefahr einer Verhaftung zu entgehen – Prag und Buenos Aires sind die weiteren Stationen seines Lebens, seine Heimat sieht er nicht wieder. Fünf Dichterschicksale also, erfasst im Augenblick scheinbaren Scheiterns, an Schlusspunkten widersprüchlicher Biografien. Zwischen Rebellion und Hoffnung, zwischen Ohnmacht und Handeln, zwischen lautem und leisem Protest gegen versteinerte Verhältnisse – diese Spannungsfelder bestimmten ihr Leben. Die humane Anstrengung Hilles, Heyms, Trakls, Däublers und Zechs macht sie gegenwärtig, sowohl 1983, als diese Erzählungen zum ersten Male erschienen, wie auch heute. INHALT: Letzte Wanderung Doppelschleife Purpurner Schlaf Däubler in Sankt Blasien Fluchtstation

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Albrecht Franke

Hilles letzte Wanderung

Erzählungen

ISBN 978-3-95655-615-9 (E-Book)

Das Buch erschien erstmals 1983 im Union Verlag Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2016 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Letzte Wanderung

Hille, nu mal janz ehrlich, wer soll det entziffern?

Günter Bruno Fuchs

Als er auf der Schwelle steht, wünscht er sich Kraft, die unbändige Stärke eines gesunden Bauernburschen, um die Tür hinter sich zuzuknallen, dass die Fensterscheiben klirren und die Gesellschaft da drin von ihrer Morgenandacht aufspringt, wie wenn der Blitz eingeschlagen hätte. Ihm reicht es jetzt, hier ist seines Bleibens nicht länger. Weg von hier und den Predigten über das In-eins-Sein mit der Natur, er will hinaus in die laute Stadt, endlich wieder wandern, in einem Dorfgasthaus rasten, fühlen, atmen, genießen. Das bisschen Leben aufzischen lassen wie Sekt. Eine wilde Entschlossenheit ist in ihm in diesen Sekunden, es ist wie früher, nichts und niemand kann ihn aufhalten, wenn er aufbricht zu neuer Wanderschaft. Aber seine Hände sind schweißig und schlaff, und sie müssen außerdem den braunen Sack halten, der ihm beim Gehen und Husten dauernd von der Schulter rutscht. Darum tritt er die Tür in das Schloss, kein dröhnender Knall, es knackt nur, er steht draußen, lauscht zurück, ein feierlicher Gesang schwebt heran, da dreht er sich schnell weg und torkelt los, schwankend unter der Last der Schwindsucht und der wenigen Habseligkeiten. Zwei schmutzige Hemdkragen, zerschlissene Wollstrümpfe, Schal und Mütze für kalte Nächte, eine Flasche Absinth der billigsten Sorte, vier harte Schrippen. Verstreut zwischen diesen Utensilien sein eigentlicher Besitz: sorgfältig gespitzte Bleistifte und die Manuskripte. Gedichte und Aphorismen auf Zigarrentüten, Fahrscheinen und in einem großen, zerflederten Hauptkassenbuch, bekritzelte Zeitungsränder, der Anfang einer Novelle auf der geklauten Speisenkarte des Restaurants del Vesuvio, dreifach überschriebene Postkarten. Das meiste kann er selbst nicht mehr entziffern, es sind Entwürfe, flüchtig notierte Ideen, Skizzen - der bunte Zettelkasten, er braucht nur in den Sack zu greifen, kann alles ausschütten, Pracht und Elend von seinen fünfzig Jahren Leben aufflattern lassen. Jawohl! Auch Pracht und Herrlichkeit! Und wenn er zehnmal einen Jammeranblick bietet in seiner Landstreicherkluft: eine ausgemergelte Gestalt mit grauem, krankem Gesicht, dunkelblauen Augenringen, struppigen, langen Haaren und verfitztem Bart. Das jedoch ist der ihm gemäße Aufzug. Sollen die Philister und Stammtischspießer ihn nur anglotzen, sich amüsieren, ihn für den Dämlack aus der Schmierenkomödie halten, flüstern, zischeln, sich an die Stirn tippen. Das interessiert ihn nicht. Wichtig ist heute nur: Hille hat sich empfohlen, ist ab sofort wieder unterwegs, schmeckt Wind und Regen der Landstraßen, wird nicht mehr in der verlogenen Wärme eines Federbetts erwachen, sondern im Heuschober und die Morgensonne genießen. Oder den Anblick der knallroten und diensteifrigen Gesichter von Eisenbahnbeamten, die ihn aus dem Wartesaal jagen. Das heißt Leben für ihn, nicht das Stubenhockerdasein in dem Haus in Schlachtensee, das jetzt schon weit hinter ihm liegt. Er dreht sich kurz um, aber ein leichter Nebel liegt über Häusern und Bäumen, alles verschwimmt und wird undeutlich.

Das wäre also geschafft, die Neue Gemeinschaft der Gebrüder Hart muss ab heute auf ihn verzichten. Und er hat endlich seine Ruhe vor ihren endlosen philosophischen Salbadereien, den schwärmerischen Morgenfeiern und den Debatten über hausgemachte Glaubenslehren. Da fehlt eigentlich bloß noch beim Frühstück das Halleluja zur Milchsuppe. Er braucht Luft, viel frische Luft. Die Freunde dort in Schlachtensee, sie meinen es ja gut mit ihm, und ohne die Hilfe der Harts wäre er so manches Mal glatt verhungert. Aber sie wollen ihn immer noch erziehen, ihn sesshaft machen. Wie rührend! Das haben um sein Wohl besorgte Mitmenschen sein Leben lang versucht. Wie man sehen kann: der Erfolg ist ausgeblieben. Warme Freude erfüllt ihn. Neue Wanderschaft, neues Leben. Er will das Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit auskosten, setzt sich darum ins Gras, er muss etwas ausruhen, nachdenken, Gedanken für ein neues Gedicht notieren.

Ungeduldig bindet er den Sack auf, wühlt darin herum. Er weiß nicht, was er sucht. Das Kramen lenkt ihn ab von der Mattigkeit, die ihm nach einem plötzlichen würgenden Husten den Schweiß aus allen Poren treibt. Seine Ohren sind wie zugestopft. Schonung und Ruhe haben sie ihm in Schlachtensee verordnet, von Schwächezuständen gefaselt, mit bedenklichen Blicken um sich geworfen. Alles Nonsens! Wer stark sein will, ist es. Und er will es. Er brennt sich eine Zigarre an, kein Samariter der Neuen Gemeinschaft kann ihm hier etwas verbieten. Herrlich, wieder ein freier Mann zu sein. Er nimmt den zerbeulten Hut ab. Stimmen dringen wie durch dicke Watte zu ihm: Tippelbruder. Arbeitsscheuer. Saufbold. Redet man da wieder über ihn? Ist er gewöhnt! Seine Schriftstellerkollegen bespötteln ihn, lassen ihn als Narr oder im Habitus des versoffenen Studiosus in ihren Werken auftreten, nennen ihn einen Heiligen und Propheten, einen Weisen und Spinner, ein geniales Rührei. Mögen sie damit fortfahren! Wie gut hat es doch ein Peter Hille. Der schert sich einen Dreck um Verlegerwünsche und folgt keiner Mode, schreibt, wann und was er will. Wo hatte er es notiert: An meinen Werken bin ich aufgenagelt. Ich bin so tot, wie sie lebendig sind. Mein Blut ist all in sie hineingeflossen ...? So und nicht anders ist es. Dafür hat er freilich immer nur zur zweiten und dritten Garnitur deutscher Poeten gehört, niemals zu den sogenannten ersten Namen, hat Salzheringe und Käserinden gefressen, wenn andere in geheizten, festlich illuminierten Appartements tafelten. Doch ihm haben die kalten Fische behagt, er kann und will sich nicht beschweren. Und wenn Gott will, soll es noch ein paar Jährchen weitergehen in der alten Manier. Ja, neuer Lebensmut hat ihn ergriffen, und er freut sich darüber.

Warmer Wind saust heran, eine jähe Bö wirbelt Papierschnipsel in die Luft. Er muss lächeln. Seine Werke! Ecce poeta! So leicht fliegt jetzt auf und davon, was einst schwer war, womit er sich redlich geplackt hat als Dichter. Soviel hat er in den Sack gestopft, jede Kleinigkeit war es doch wert, aufgehoben zu werden. So hatte er seinen Reichtum stets bei sich, war bereit zu neuem Aufbruch, so wie heute Morgen, als ihn die Erkenntnis, dass sie ihn in der Neuen Gemeinschaft auch schon zum Außenseiter und Sonderling gemacht hatten, aus dem Bett fahren ließ. Sacht schweben die Papierfetzen wieder zur Erde. Er greift sich ein paar davon, um sie zu lesen. Doch er kann nichts herausbuchstabieren. Standen Erwitzer Erinnerungen darauf, Überbleibsel seines Hassenburg-Romans oder westfälische Stimmungsbilder? Wer mag das wissen? Westfälische Stimmungsbilder?! Westfalen ist heute überall in Deutschland, die Gedunsenheit hat sich wie eine Seuche ausgebreitet. Keine Frömmigkeit, kein Gewissen, keine Scham und Wahrheit. Dem ganzen Lande fehlen heutzutage die Wertbegriffe, die sein Vater ständig im Munde führte, ihm mit Haselrutenhieben einbläute.

Der Herr Lehrer und Rentmeister im westfälischen Erwitzen. Dorfstraße mit stinkender Gosse. Wind trieb Staub und Strohhalme vor sich her. Kirchturm mit kurzer Spitze. Dunkler Strich einer Hügelkette im Westen. Im Sommer blühten Sonnenblumen vor den niedrigen, geduckten Fachwerkhäusern. Eintönig wie die Äcker ringsum war das Leben im Dorf. Unvorstellbar, dass je Veränderungen eintreten könnten. Aus dem Gefühl der Unveränderbarkeit der Zustände bezog sein Vater eine unerschütterliche Sicherheit. Friedrich Wilhelm Hille. Wie gut seine Vornamen zu ihm passten! Welche Lust, im Schulhause aufzuwachsen, unter der Fuchtel dieses schlimmen Prometheus, der seine Söhne nach seinem Bilde zurechtklopfte. Als Ergänzung zu Prügel und Stubenarrest Vorträge über das Bewusstsein freudig erfüllter Pflicht, die Weisheit gottgewollter Obrigkeit, den Wert des Beamtentums, Abend für Abend predigte er diese Litanei, räucherte sie am Sonntag mit der Zigarre ein, die er als Anerkennung für beflissene Dienstausübung von seinem Vorgesetzten erhalten hatte. Dieses schreckliche Ausgeliefertsein! Der immer schwerer zu bezähmende Hass auf die Erwitzer, die von sich sagten, dass sie auf ihren Höfen die Mäuse totpeitschen könnten, wenn sie nur wollten. Die Träume vom Weglaufen aus diesem Dorf, sonntags in der Kirche. Aus Gottes Wort wurde in Erwitzen ein Zwang gemacht. Die Bauern rekelten sich im Gestühl auf der Empore, das Gesinde hatte unten im Seitenschiff zu sitzen. Und Stammplätze gab es auch beim Frühschoppen im Dorfkrug. Jeder eingesessene Bauer nannte einen Bierseidel mit graviertem Silberdeckel sein eigen. Die Knechte hatten sich mit dem Ecktisch und irdenen Humpen zu begnügen. Der Rentmeister und Lehrer zechte mit den Bauern, begab sich um halb eins nach Hause, dann musste sogleich das Mittagessen aufgetragen werden, er hielt auf Pünktlichkeit. Ein kurzes Tischgebet, Aufgabe der drei Söhne in abwechselnder Reihenfolge, seliges Lächeln der Mutter, wenn keiner stotterte und das Essen gelobt ward. Glück und Beschaulichkeit also, ein Hufeisen hing über der Tür des Lehrerhauses, und am Hilleschen Wohnungseingang prangte ein poliertes Schild: privat. Seine Brüder, die Herren Pfaffen, erinnern sich gern ihrer Kindheit im schönen Erwitzen, schimpfen ihn Skribifax und Nestbeschmutzer. Er habe im Ungehorsam verharrt, den Eltern nur Kummer und Schande gemacht, sämtliche Normen durchbrochen. Wenn schon Literat sein Beruf sein müsse, warum sei er dann so ein Lump und Stromer geworden, nicht ein richtiger Dichter wie Geibel oder ein erfolgreicher Autor wie der Professor Dahn?

Er feixt. Gleich will er diesen Beamten und Verwaltern christlicher Nächstenliebe ein Briefchen schreiben, das bersten soll von zynischen Metaphern. Lange genug hat ihn die Schwefelbande insultiert. Jetzt will er einmal kräftig vom Leder ziehen, her mit Papier und Bleistift!

Da schnauzt es aus einer Uniform: Wat haste hier zu schreiben, Schwiemelkopp? Soweit kommts noch. Verschwinde, hier is ne anständige Gegend! Ick zähle bis drei, wenn du dann nicht weg bist, loche ick dich ein. Wo ist nur sein Pass? Nach langem Suchen ertasten ihn seine zittrigen Hände auf dem Grund des Sackes. Der Polizist zerrt ungeduldig an seiner Plempe. Donnerwetter, wie biste dazu gekommen? Er bestaunt die Stempel der Grenzstationen. Der Pass ist in Ordnung. Also nischt für unjut, Hille, trotzdem, es ist nicht erlaubt, auf den Rasenflächen öffentlicher Parkanlagen ... Der Gendarm geht weiter. Recht hat er, ein Hille passt hier nicht ins Bild, es ist Zeit, dass er sich wieder auf den Weg macht, seine Siebensachen einsammelt, aus diesem bourgeoisen Lustgarten verschwindet.

Ihm wird speiübel, als er aufsteht. Vorsichtig setzt er die Schritte, manchmal ist ihm, als drehe sich der Boden unter seinen Füßen weg. Dann tritt er wieder hart auf, bis er den Stoß im Kopf spürt, atmet tief ein. Ein Glas Wasser brauchte er jetzt, frisches, kaltes Quellwasser. Den Durst löschen, das Unwohlsein aus dem Körper vertreiben. Nicht von Baum zu Baum wanken! Wo gibt es Schatten? Heiß brennt die Sonne durch die dünn belaubten Zweige. Weiter, er muss weiter!

Spaziergänger kommen ihm entgegen. Das ist das satte, gesunde, gut gekleidete, nicht angetrunkene Publikum, das in diesen Park gehört, von dem die Pickelhauben keinen Pass verlangen. Schweinsmäßig feiste Gesichter. Physiognomien wie im Schaufenster von Metzgereien. Wieder sieht er Erinnerungsfetzen aus seinem Kramsack durch die Luft flattern.

Gegrins der Schweinsköpfe in den Auslagen der Schlachterei Jungmann in Münster. Frische Brunnenkresse zierte matt glänzende Metallteller. Im Vorbeigehen der Drang, vor die Ladentür zu spucken. Da drin wurde die fettige Sülze gekocht, die ihm im Magen rumorte. Leibschmerzen verursachte ihm nicht nur die Jungmannsche Wurst, Angst kribbelte in ihm. Seine Relegation war eine Tatsache, in sechs Fächern ungenügende Leistungen. Mit solcher Botschaft hatte er nunmehr hinzutreten vor den Rentmeister, er war gescheitert, musste zurück in das schmähliche Erwitzen. Gegen die anschleichende Furcht half auch die Pfeife Tabak nicht, die er sich anzündete, ebenso wenig wie das Knistern der Schülerzeitung in der Jackentasche. Darin Gedichte von Peter Hille: So viel Maßlieb, als da prangen. So viel Dornen, als gestellt ... Bräunliches, schlecht riechendes Papier. Brotlose Künste und Firlefanz, Lyrikgefurz eines Gymnasiasten, an dem Friedrich Wilhelm Hille das Schulgeld vergeudet sah. An scharfen brieflichen Ermahnungen hatte er es nicht fehlen lassen, verlangte Berichte über gute Zensuren und lobende Worte der Gymnasiumsprofessoren. Geläut von den Türmen der Lambertikirche. Feierabend für rechtschaffene Bürger. Sein Abschiedstag. Er lief durch alle Straßen, die auf den Prinzipalmarkt mündeten. Um sieben Uhr traf sich die satrebil im Hinterzimmer einer kleinen Kneipe am Domplatz. Ein besseres Domizil hatte die geheime Schülervereinigung, die hochgemut libertas, von hinten nach vorn gelesen, als Namen benutzte, nicht finden können. Aber nichts erinnerte an jenem Abend an Liberté, die Losung der Französischen Revolution, an Bastillesturm und Barrikadenkampf, ein trübseliges Häuflein verkrampfter, von Furcht vor dem Rausschmiss geschüttelter Pennäler hockte unter dem Ölporträt einer keifenden Matrone mit der Aufschrift: Je böser das Weib, desto schöner die Kneip! Keine Heiterkeit darüber, verstummt der Disput über Marx und Bebel. Hatten Darwins Lehren jemals diese Runde erhitzt? Waren von denen Professoren grausam verspottet und bedenkliche Streiche ausgeheckt worden? Hatte in diesem Kreis ein den verhassten Religionspauker parodierender Hille brilliert und Lachsalven ausgelöst? Eine Trauergesellschaft hatte sich versammelt, nicht die Gruppe Gleichgesinnter, in der er sich sonst stark und frei gefühlt hatte. Weg mit der Trübsal, hatte er gerufen, mit der Faust auf den Tisch geschlagen, und her mit dem Bierstiefel! Brüder, das Gymnasium ist nur der Leisten, über den man uns zieht, um uns nach dem Maß unserer Eltern zurechtzuschustern! Rentmeister, Lehrer, Richter, Kanzleihengste, in summa: hirnlose Untertanen wollen sie aus uns machen. Ungenügende Leistungen sind unser Protest, unsere Weigerung! Sie allein führen zur Befreiung aus der Knechtschaft der Klassenzimmer und Katheder! Schwören wir uns Freundschaft fürs Leben, Brüder! Prosit!

Zum Wohle! Er bleibt stehen. Zum Leben braucht man Mut, Hille, Wermut. Er nimmt einen Schluck Absinth, um endlich diesen widerwärtigen Geschmack im Mund loszuwerden. Wie ihn die Passanten anstieren. Noch einmal setzt er die Flasche an, trinkt hastig, schüttelt sich von dem bittersüßen, lauwarmen Branntwein. Seltsam, dass ihn heute die Erinnerungen überfluten, klar und deutlich steht alles vor ihm, als sei er noch gestern in Münster gewesen. Dabei war er heute Morgen ausgezogen, sich im Strom der Stadt treiben zu lassen, der Landstreicher wollte sich im Glas der protzigen Ladenstraßen spiegeln, in jedem Gesicht die Frage lesen: Was will der denn hier? und das schöne Wetter dieses 27. April anno 1904 genießen. Höchste Zeit, dass er aus dem muffigen, verkramten Zimmer herauskam. Für alles war gesorgt, an alles hatten sie gedacht, nicht einmal den Kalender vergessen. Aber feste Wohnungen lähmen seine dichterische Intuition. Es ist warm geworden, ideales Wanderwetter. Er hat allen Grund, zufrieden zu sein. Gehen wird er, gehen, sich wieder ziellos treiben lassen, ach, schon längst hätte er aus Schlachtensee verschwinden sollen. Was für ein Gefühl, wenn sich einem die Straßen in alle Richtungen öffnen, jede mit anderen Herrlichkeiten der Ferne lockt. Ja, nur im Unterwegssein ist er glücklich. Einsperren werden sie ihn noch lange genug, einen armen tuberkulösen Pflegling aus ihm machen. Zum Teufel mit den trüben Vorahnungen! Mit allen Kräften wird er sich gegen die Krankheit wehren.

Der Absinth scheint ihn zu beleben, er wird jetzt langsam weitergehen, zurückkehren in die bunten Gefilde, wo Vergangenheit lebendig ist wie Gegenwart und er das Maß aller Dinge. So sieht er die Brüder Hart nicht als um sein Wohlergehen besorgte Herren von fünfzig Jahren, sondern als jubelnde, auf einmal hektisch fröhliche Gymnasiasten in der Domplatzschenke, die ihm nach seinem Toast Beifall klatschen, ein Huldigungstelegramm aufsetzen an Wilhelm Liebknecht, den Vorkämpfer der Menschheitsbefreiung. Er als Opfer der Schulmeisterwillkür musste an erster Stelle unterschreiben. Endlos wurde der Satz vom Gymnasium als Schusterleisten wiedergekäut. Der Bierstiefel kreiste, sie stimmten die Marseillaise an. Sangen, bis ihre Gesichter glühten, die Stimmen vor Ergriffenheit zitterten. Keiner hatte den betrunkenen Korporal der Münsteraner Grenadiere hereinkommen sehen, der plötzlich am Tisch stand und etwas von Erbfeinden und Sauerei in den Raum schrie. Er hatte Heinrich Hart an der Jacke gepackt und beutelte ihn, dass die Knöpfe von dem morschen Stoff absprangen. Die anderen Satrebilisten sprangen auf, kreisten den Schreier ein, rissen ihm die Dienstmütze vom Kopf, gossen Bier hinein, stülpten ihm das Signum seiner militärischen Würde wieder über den kurz geschorenen Schädel. Junge Dichter lassen sich nicht von uniformierten Pavianen anpöbeln, kreischte Heinrich Hart, schon im Laufen, von der Tür. Sie rannten auf die Straße hinaus. Hinter ihnen drohte, pfiff und fluchte der Korporal. Sie umgingen die Kaserne samt der martialischen Wache in weitem Bogen, dann den schmalen Stieg zum Mühlbach hinunter, das war die Rettung. Hinein in das tiefe, reißende Wasser, dessen Kälte er wie einen Schlag gegen die Brust empfand. Er musste die Versuchung niederringen, sich einfach fallen zu lassen wie in ein Bett, watete vorwärts, bis das Wasser lau und flach wurde. Dort griff er nach einem Weidenast und zog sich ans Ufer. Er stand da und lachte, die kalte Strömung der Angst breitete sich trotzdem in ihm aus.

Satrebil, Libertas, nuschelt er im Dahinstolpern, seine Umgebung nimmt er nicht wahr. Freiheit! Konsequent wie keiner aus dem geheimen Schülerbund hat er danach gesucht, ist in die müdesten Fernen gezogen, hat die brennende Einsamkeit ertragen. Umsonst. Was nützen seine Reden, wer kennt seine Verse? Für die Hottentotten und Hereros hat er sich engagiert, gegen die Zerstörung naiver Kulturen in Asien und Afrika protestiert, die Beamten des Kolonialapparats geschmäht, Heer und Flotte beschimpft, Tiraden gegen die Raffgier und das Wohlstandsdenken vom Stapel gelassen, die täglichen Übungen im Wohlverhalten und die Verrenkungen um Titel, Rang und Pöstlein verspottet. Gekümmert hat das keinen. Wo sind sie heute, die jungen Freiheitshelden aus Münster? Ist nur der schwindsüchtige Hille übrig geblieben? Und der hat weiter nichts als sein Anders-sein-Wollen, den Rauschebart, das Lumpenkleid, einen Sack voller Fetzen und Fragmente. Alles verweht, zerstoben die Funken ihrer Begeisterung. Und doch, in der Satrebil hat sein Denken und Sinnen angefangen, und seit damals weiß er, dass die Zeit für die Sozialisten läuft, trotz aller Gesetze und Verbote. Er freilich ist kein Parteimitglied, ist nur für sich und seinen Schönheitskult da, nicht für Versammlungen und Programme. Künstler sein, ja Kabarettist, den Redner nachäffen, Wörter und Sätze verdrehen, im Cabaret zum Peter Hille ein Liedchen des betrunkenen Schuhus zum besten geben:

Was die Gelehrten reden, ist nur Kohl,

Denn eine taube Nuss ist ihr Symbol,

Wie diese ist ihr Schädel hohl.

Der Schweine Leder ihr Idol -

Der Weise weihet sich dem Alkohol.