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Charlie ist fünfzehn und vermisst ihren Vater, besonders seit ihre Mutter wieder einen Mann hat. Und als ob das nicht genug wäre, hat ihre beste Freundin gerade den Jungen geküsst, in den Charlie verknallt ist. Seitdem hat es den Anschein, als befinde sich zwischen ihr und der Welt eine Glasscheibe. Und dann kommt Pommes, der eigentlich Kornelius heißt und der aus der Glasscheibe ein Autofenster macht, das man runterkurbeln und durch das Charlie ihre Hand endlich wieder in den Himmel strecken kann.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2025
Julia Engelmann
roman
Diogenes
Für die, an denen ich hänge
We were together
I forget the rest
Walt Whitman
»Weißt du, warum du hier bist, Charlotte?«, fragte Frau Knubben.
»Auf der Welt?«, fragte ich und kaute an meinen Nägeln.
Das war in der großen Pause, alle anderen waren auf dem Hof. Ich fand es gar nicht schlimm, sie alle nicht sehen zu müssen. Dass ich einen Termin bei unserer Schulpsychologin hatte, von dem ich erst seit fünf Minuten wusste, allerdings schon.
»Nein«, Frau Knubben lächelte, »hier bei mir.«
Ich zuckte die Schultern und schaute auf den Schreibtisch zwischen uns. Stapelweise Mappen, lose Stifte, Rosinen in einer Schale, eine Packung Zigaretten.
»Warum deine Mutter und Frau Reichow und ich es für eine gute Idee gehalten haben, dass wir beide uns mal in Ruhe unterhalten?«
Die Wohnung ist der Spiegel der Seele. Das sagte Mama immer zu mir, wenn ich aufräumen sollte. In Frau Knubbens Seele war es verdächtig rummelig für eine Schulpsychologin. Und außerdem roch es nach Rauch.
»Du bist eigentlich eine gute Schülerin, hat Susanne … also hat Frau Reichow gesagt, aber dieses Jahr scheint irgendetwas, nun ja, anders zu sein und die Kollegen, also, die machen sich Gedanken, ob du gut bis zum Abitur kommst.«
Ich sagte nichts, aber Frau Knubben schrieb trotzdem mit, also versuchte ich, so normal wie möglich zu wirken, ich wusste nur leider nicht wie.
»Wie gehts dir denn in letzter Zeit?«
Ich dachte daran, dass Eistee aufgehört hatte, gut zu schmecken und Licht aufgehört hatte, hell zu sein.
»Ist etwas vorgefallen in deiner Klasse?«
Ich starrte auf die Rosinen in der Schale und fragte mich, ob Frau Knubben die jemals aß. Letzte Woche hatte ich zum ersten Mal im Unterricht geweint.
»Oder hast du Liebeskummer?«
Dass ich in Mikolaj verliebt war, versuchte ich vor allen geheim zu halten, sogar vor mir selbst.
»Hast du eine Freundin, mit der du reden kannst?«
Ich dachte daran, dass zwischen Kati und mir alles kaputtgegangen war. Weil ich irgendwas an mir zu haben schien, von dem alle wegwollten.
»Oder jemanden zu Hause, wie ist es mit deinen Eltern?«
Ich dachte daran, wie gestresst Mama in den letzten Wochen gewesen war, dass wir nie über meinen Vater sprachen, seit er weg war, und ich bis heute nicht wusste, wohin mit allem, dem Schmerz und der Sehnsucht.
»Weiß nicht«, log ich. Und auch, wenn ich vieles wirklich nicht wusste, fragte ich mich, warum ich es nie schaffte, die wenigen Dinge, die ich eben doch wusste, auszusprechen.
»Na gut«, sagte Frau Knubben, »du musst auch nichts sagen, wir wollten uns heute ja erst mal kennenlernen. Gibt es denn irgendetwas anderes, worüber du reden möchtest, Charlotte?«
Manchmal frage ich mich schon, wer ich bin und das alles,schoss es mir durch den Kopf. Und ich ärgerte mich, dass ich immer diese bescheuerten Gedanken hatte, Gedanken, die alles kaputt machten.
»Ja«, sagte ich.
»Wunderbar, ich höre dir zu.«
»Charlie.«
»Wie bitte?«
»Wegen Charlotte. Also, ich heiße bloß Charlie.«
Frau Knubben seufzte.
»Dann wollen wir es erst mal dabei belassen. Du weißt ja, wo du mich findest, wenn du dich doch noch entschließen solltest, mit mir zu sprechen. Wir Schulpsychologen –«
Genau in dem Moment, in Frau Knubbens vollgestopftem Büro, fiel mir etwas ein. Ich dachte daran, wie wundervoll es sein musste, aus vollem Herzen singen zu können. Singen, dass es sogar andere zu Tränen rührte. Auf einer großen Bühne, auf der einem alle zuhörten. Das wäre wahrscheinlich, wie schnell rennen zu können und nie den Bus zu verpassen, bloß mit der Stimme. Einmal in meinem Leben so singen, dachte ich, also das wäre doch wirklich was. Ich hab echt keinen Schimmer, wie ich in dem Moment darauf kam.
Der letzte Satz von Frau Knubben killte mich leider komplett.
»Eins noch Charlotte, deine Verschlossenheit schreckt mich nicht ab.«
Da checkte ich erst, dass sie vielleicht selbst mal zur Psychologin gehen sollte, wenn sie solche Sachen sagte, und nahm mir vor, keinen Fuß mehr in ihre rummelige Seele zu setzen.
Meine Tränen waren genauso still wie ich.
Das Heft und meine Schrift verschwammen vor meinen Augen, bis alles gleich aussah, jedes Karo, jede Zahl, jedes X.
»Charlie«, wiederholte Herr Kuhle, »würdest du uns deine Lösung zu Aufgabe 4a vorlesen?«
Ich schaute auf meine Hände mit den abgekauten Nägeln, denn ich traute mich nicht aufzusehen. Ich war wie eingefroren, nur mein Herz raste.
»O Gott, jetzt weint sie schon wieder«, sagte Sofia.
Ich hasste es, wenn ich kein Wort rausbekam. Wenn die anderen darüber lachten. Wenn ich merkte, wie ich rot wurde und dann immer anfing zu weinen.
»Da ist einfach komplette Leere in ihrem Kopf.« Schmitti lachte. Die anderen lachten mit. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht war mein Kopf wirklich leer. Ich schaute hilfesuchend zu Kati, aber sie verdrehte nur die Augen.
»Also gut«, sagte Herr Kuhle, »kann jemand einspringen?«
Sofia las die Lösung vor und ich wünschte mir zum tausendsten Mal in diesem Schuljahr, ich wäre wie sie. Schön, klug, beliebt. Und als es klingelte, wünschte ich mir zum tausendsten Mal in diesem Schuljahr, ich wäre weg. Oder wenigstens woanders. Und ich dachte mit einem komischen Gefühl daran, dass es allen egal wäre. Dass es keine Rolle spielte, ob ich da war oder weg. Weil ich an niemandem hing. Und niemand an mir.
»Schmitti braucht echt zu viel Aufmerksamkeit«, sagte ich zu Kati, als wir endlich Schluss hatten und über den Hof liefen. »Und Sofia denkt, sie wäre was Besseres.«
Wir saßen seit der fünften Klasse nebeneinander, Kati und ich. Ich hatte sie immer bewundert, dafür, dass sie zu jedem und zu allem etwas zu sagen hatte. Aber Kati sagte an diesem Tag nicht »voll, voll« wie sonst. Stattdessen sagte sie: »Du darfst das alles nicht so ernst nehmen.«
»Aber plötzlich lachen alle über mich«, sagte ich, »und ich verstehe nicht, warum.«
Es hatte im Laufe des Schuljahres angefangen. Dabei hatte ich nichts anders gemacht als in den drei Jahren davor.
»Du machst dir zu viele Gedanken.«
In dem Moment lief jemand mit einem roten Rucksack an uns vorbei. Mikolaj. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Über Mikolaj wollte ich mit niemandem reden, nicht mal mit Kati.
»Ich frage mich schon manchmal, wer ich bin und das alles«, sagte ich.
Der Satz rutsche mir einfach so raus.
»Okay«, sagte Kati. Dann lachte sie. Es war ihr typisches trockenes Kati-Lachen, laut und rau. »Manchmal bist du schon echt komisch.«
Ich schluckte. Und lachte auch.
»Ja, ich weiß«, sagte ich. »Wollen wir heute noch was machen? Wir könnten in die Arkaden.«
»Ich hab Theater-AG und danach muss ich auf Merle aufpassen, Mama ist arbeiten«, sagte sie.
Merle war Katis Hund. Und wie sie das sagte, da hätte ich schon was merken können. Aber ich dachte mir nichts dabei.
»Kommst du eigentlich? Zum Sommertheater?«, fragte sie. Sofia spielte jedes Jahr die Hauptrolle und ich stimmte Kati jedes Jahr zu, dass das unfair war.
»Klar«, sagte ich, obwohl ich nicht die Absicht hatte, die Leute aus meiner Klasse mehr zu sehen als nötig.
Als wir die Fahrradständer erreichten, sah ich auf dem Boden in der Sonne eine Münze glitzern, aber ich hob sie nicht auf.
»Vielleicht schaffen wir es nächste Woche«, sagte Kati.
»Ja, vielleicht«, sagte ich.
Kati stieg auf ihr Rad und fuhr los. »Bis morgen«, rief sie noch.
»Bis morgen«, sagte ich und ignorierte das furchtbare Gefühl, das sich in meinem Bauch ausbreitete.
Um beste Freundinnen zu werden, hatten Kati und ich nur eine Fünfminutenpause gebraucht. Das war Ende der Fünften gewesen. Wir hatten nebeneinander an den Waschbecken vom Mädchenklo gestanden. Ich hatte kaltes Wasser über meine Hände laufen lassen und verstohlen beobachtet, wie Kati ihren Kajal nachzog. Das Schwarz hatte irre ausgesehen. Obwohl wir beide gleich alt waren, wirkte Kati älter. Sie war eine Pionierin gewesen, eine Frühzünderin, die zuerst gewusst hatte, welche Turnschuhe »in« waren, wie man Liebesbriefe schrieb, wo man Push-up-BHs kaufte und ich, ich hatte sie für ihr Wissen gleichermaßen bewundert und gefürchtet.
»Ist was?«, hatte sie mit ihrer rauen Stimme gefragt.
Ich hatte den Kopf geschüttelt, aber da war ihr kühler Blick schon in ein herausforderndes Funkeln umgeschlagen.
»Willste auch?«, hatte sie gefragt und mir den Kajal hingehalten.
Es piekte, als ich drauflosmalte, und mein Auge tränte ein bisschen, aber ich machte weiter. Danach schaute ich in vollkommen neue Augen. Erwachsenere, coolere Augen, zum Bewundern und zum Fürchten. Augen wie die von Kati.
»Sieht toll aus«, hatte ich stolz gesagt.
»Toll?« Kati hatte trocken gelacht und im Rausgehen »Sieht geil aus!« gesagt und ich, ich war vorm Spiegel stehen geblieben und hatte mir den Satz wie einen Orden an meine Jeansjacke geheftet und nie wieder abgenommen.
Ich kurbelte das Beifahrerfenster runter und hielt meine Hand in den Fahrtwind. Das machte ich jedes Mal ganz automatisch. Ich weiß nicht, warum.
»Wie wars heute in der Schule?«, fragte Mama.
Ich sah ihr Profil an. Im Sommer bekam sie unglaublich viele Sommersprossen, auch auf den Armen und Händen, und sie war schön, auch wenn sie müde war, mit einer Selbstverständlichkeit, mit der ich nicht schön war, und manchmal war ich deswegen insgeheim sauer auf sie. Dass sie mir das nicht vererbt hatte.
Markus quiekte im Fußraum. Wir waren auf dem Weg zum Tierarzt, weil er in letzter Zeit keinen Appetit gehabt hatte. Markus war mein Meerschweinchen.
»War gut«, sagte ich.
Ich wollte nicht, dass Mama sich sorgte, dass sie von dem furchtbaren Gefühl in meinem Bauch wusste. Sie hatte schon genug zu tun mit den Nachtschichten im Krankenhaus und den ganzen Überstunden. In den Schicht-Wochen war sie fahrig und abwesend und trotzdem bemüht um mich, ich wusste das. Aber leider nervte sie mich auch schnell.
»Erzähl doch mal, was gibts Neues?«
Mit solchen Fragen zum Beispiel.
»Nichts«, sagte ich knapp.
Ich frage mich schon manchmal, wer ich bin und das alles. Warum hatte ich das überhaupt gesagt? Wahrscheinlich hatte Kati recht. Wahrscheinlich war ich wirklich komisch. Ich fragte mich, ob ich überhaupt jemals für irgendwas die richtigen Worte finden würde. Worte, die bedeuteten, was ich meinte, was ich tief drin wirklich meinte. Aber es war eine Zwickmühle. Denn ich schämte mich für meine Worte. Und ich schämte mich für meine Stille.
Im Radio lief Lady Gaga.
»Immer dieser Krach, das kann ja keiner aushalten.«
Mama drehte das Radio leiser. Und ich wünschte, das ginge auch im Kopf, einfach leiser drehen, aber mein Kopf war furchtbar laut und voll von bescheuerten Gedanken. Bescheuerte Gedanken, die mit jedem Tag mehr wurden und die ich nicht mehr loswurde. Bescheuerte Gedanken, die sich im letzten Jahr in meinem Kopf breitgemacht hatten und mir tausend Fragen stellten, auf die ich keine Antworten fand. Warum ich war, wie ich war – so still, so dumm, so komisch – und warum ich nicht besser darin war, ich zu sein. Oder wenigstens jemand.
Meine Hand wurde kühl vom Fahrtwind, aber nicht richtig kalt, nicht kalt genug. Auch ich hatte in letzter Zeit keinen Appetit gehabt. Als hätte alles Leckere aufgehört, lecker zu sein. Eistee zum Beispiel. Und ich dachte, dass wohl irgendwas rumgehen musste in der Stadt, womit wir uns beide angesteckt hatten, Markus und ich.
Beim Tierarzt ging ich nicht mit rein, sondern blieb im Auto sitzen. Ich wollte allein sein. Ich drehte an der Lüftung. Mir war zu warm in meiner Jeansjacke, aber ich zog sie nicht aus. Keine Ahnung, warum, und keine Ahnung, warum ich sie immer noch trug. Sie war von meinem Vater und ich hatte sie aus einem Kleidersack gerettet, den Mama hatte spenden wollen. Die Jacke hat mir nie gestanden und war mir viel zu groß. Aber trotzdem, sie war ein Stück von ihm. Und immerhin hatte Kati letzten Sommer gesagt, das sei ein »geiler Vintagelook«. Ich stellte den Beifahrersitz vor und zurück und starrte in die Luft.
Als meine Stille für mich das erste Mal zu einem Problem wurde, war ich sieben. Mein Vater hatte mit einer Reisetasche und verschlossener Miene im Flur gestanden. Von einer Sekunde auf die nächste kam er mir vor wie ein Fremder. Am Abend zuvor hatte ich seine Stimme aus dem Nebenzimmer gehört.
»Mir wird das alles zu viel, Helen«, hatte er gesagt.
Und jetzt, als ich ihm und seiner Reisetasche im Flur gegenüberstand, sagte ich nicht: »Ich verstehe nicht, was los ist.«
Ich sagte nicht: »Ich habe Angst, dich zu verlieren.«
Ich sagte nicht mal: »Bitte, bleib.«
Stattdessen sah ich ihm zu, wie er in Zeitlupe die Tasche nahm, sich umdrehte, die Tür öffnete und ging. Und ich, ich verkroch mich in mein Bett und schaltete den Fernseher an.
Er hatte ein Loch hinterlassen, ein Loch in der Form meines Vaters, und ich, ich hatte durch das Loch in den Abgrund geschaut, während in mir die Liebe überlief, die jetzt nirgends mehr hinkonnte.
Ich war zu jung, um zu wissen, wie das beides ging: Am Abgrund stehen, ohne hineinzufallen. Die Liebe behalten, ohne darin zu ertrinken. Also tat ich, was Mama tat: Ich gab ihm die Schuld und nannte ihn einen Feigling. Aber im Inneren gab ich die Schuld meiner Stille. Denn natürlich war ich es, die ihm zu viel geworden war. Und dann, dann versuchte ich es mit dem Vergessen.
Auf der Rückfahrt vom Tierarzt hielt ich Markus im Arm. Ich war erleichtert, dass er wieder gesund werden würde.
»Wir haben ihm vielleicht nur das falsche Futter gegeben. Jetzt müssen wir vor allem aufpassen, dass er die Tabletten auch wirklich schluckt«, sagte Mama, als wir vom Parkplatz der Tierarztpraxis fuhren, aber ihre Stimme verschwamm, bis sie nur noch ein Hintergrundrauschen war und alles gleich klang, jedes Wort, jede Silbe, jeder Ton.
Ich schaute in den vorbeiziehenden Himmel.
Er war sommerlich blau, mit bauchigen Wolken in verschiedenen Größen. Er war nie gleich, der Himmel, immer ein bisschen anders. Das gefiel mir. Die Unendlichkeit, die Weite, das Licht. Die Farben, von denen immer mindestens eine keinen Namen hatte, und die Wolken, von denen immer mindestens eine aussah wie Markus. Komisch, dass dahinter das Universum kam. Manchmal versuchte ich es mir vorzustellen, das Universum, aber immer, wenn ich an den Rand meiner Gedanken stieß, gab ich auf.
»Wo bist du bloß schon wieder mit deinen Gedanken, Charlie?«, fragte Mama.
Ich kaute an meinen Nägeln und ärgerte mich, dass ich nicht damit aufhören konnte.
»Nirgends«, sagte ich und fragte mich, wie das Gefühl hieß, wenn man traurig war wegen all des Schönen, das man in der Vergangenheit verpasst hatte, und all des Schönen, das man in der Zukunft verpassen würde.
Als wir mit dem Auto vor unserem Haus parkten, kurbelte ich das Fenster wieder hoch und fragte mich, ob ich jemals jemand für jemanden sein würde. Ich fragte es mich nur für eine Sekunde. Da bemerkte ich, dass Mama mich anschaute. Sie schaute mich an, als hätte sie gerade eine schlechte Nachricht bekommen und diese schlechte Nachricht wäre ich.
»Charlie, ich mache mir Sorgen um dich«, sagte sie.
In meinem Zimmer war es dunkel. Ich setzte Markus aufs Bett. Er war warm und roch nach Heu.
»Hey, kleiner Pirat«, flüsterte ich. Ich sagte das wegen des schwarzen Flecks, der sein rechtes Auge umrahmte. Dann ging ich in die Küche, wickelte eine Tablette in ein Basilikumblatt, ging zurück und hielt sie ihm hin.
»Du musst sie wirklich fressen, ja?«
Markus war, wenn man ehrlich war, neben Kati mein einziger Freund. Eigentlich konnten Meerschweinchen gar nicht allein überleben, aber Markus eben schon und das hatte uns von Anfang an zusammengeschweißt. Dass wir wussten, wie das mit dem Alleinsein ist, er und ich.
Wir haben uns im Tierheim kennengelernt. Da stand ich neben Mama unter den grellen Rasterleuchten, direkt auf Augenhöhe mit dem Fach M.3.2. Und in M.3.2. saß in einem Käfig ein zitterndes Meerschweinchen, das einen schwarzen Fleck um das rechte Auge hatte. Achtung, kann nur allein gehalten werden stand auf einem Schild und da wusste ich es irgendwie. Dass wir zusammengehörten. Ich legte zehn Euro in verschieden großen Münzen auf den Tisch, Mama füllte die Adoptionspapiere aus und mit Broschüren wie Verhaltensstörungen bei Meerschweinchen erkennen und Ecken und Höhlen: Dem Nager ideale Lebensräume schaffen trat ich glückselig mit meinem neuen Haustier im Arm auf den Parkplatz.
Als Kati ihn das erste Mal sah, quietschte sie langgezogen »Ihhh, eine Ratte« und da hätten wir es merken können, Markus und ich, dass das hier nicht unser idealer Lebensraum war.
»Wärst du auch lieber woanders?«, fragte ich ihn jetzt in meinem Zimmer leise. »Irgendwo anders in der großen, weiten Welt?«
Dann setzte ich ihn zurück in seinen Käfig.
Abends beim Zähneputzen betrachtete ich mich im Spiegel.
Meine Haare waren unentschlossen halblang. Wenn ich sie wachsen ließe, könnte ich vielleicht ein paar Strähnen blondieren lassen, so wie Sofia. Mama bekam für ihre Sommersprossen oft Komplimente, doch bei mir mischten sie sich mit meinen Pickeln. Ich konnte das nie zusammenbringen – wie ich aussah und wie ich mich innen drin fühlte. Tagsüber versteckte ich mich in der Jeansjacke meines Vaters, aber jetzt, im T-Shirt, sah ich meinen Körper deutlich. Woher wusste man eigentlich, ob man schön war? Wahrscheinlich wäre ich es, wenn ich dünner wäre, dachte ich, und dann versuchte ich, so gut es ging, an meinen eigenen Augen und überhaupt an mir selbst vorbeischauen, bis ich nur noch die geblümten Fliesen hinter mir sah.
Nicht nur hatte alles Leckere aufgehört, lecker zu sein. Es war auch, als hätte alles Helle aufgehört, hell zu sein. Licht zum Beispiel. In meinem Zimmer machte ich alle Lampen an. Die an der Decke, klick, die neben meinem Bett, klick, die auf meinem Schreibtisch, klick. Aber irgendetwas war trotzdem zu dunkel, auch wenn ich nicht wusste, was.
Dann schaute ich Liebe auf Umwegen. Das war eine Seifenoper, die jeden Abend lief, und nachts und am Wochenende kamen stundenlange Wiederholungen von alten Folgen. Bei Liebe auf Umwegen musste niemand mehr zur Schule. Es ging bloß um die Affären von Anna und Max und um Intrigen von Giovanni, dem Bösewicht. Manchmal schauten Mama und ich die Serie zusammen, im Wohnzimmer oder auf Mamas Bett.
»Die spinnen ja alle«, sagte Mama dann oft. Ich stimmte ihr zu und fühlte mich wenigstens für ein paar Minuten ein bisschen normaler.
In dieser Nacht lag ich wach und starrte an die Decke.
Wenn ich nur lange genug an die Decke starrte, würde sich vielleicht ein Fenster zum Universum öffnen, durch das ich still und heimlich schlüpfen könnte. Dann würde ich loslaufen, ohne zurückzuschauen, bis an den Rand meiner Gedanken.
Und dann noch einen Schritt weiter.
B-r-r-r-r-r-r-r-r-r-r. Morgens, auf dem Weg zum Bus, ließ ich meine Hand über den grünen Metallzaun gleiten, bis meine Finger erst ganz kribbelig wurden und dann taub. Ich machte das jeden Tag, auf dem Hinweg und auch auf dem Rückweg. Hinweg, Rückweg. Hinweg, Rückweg. Es kam mir unglaublich vor, dass dazwischen ganze Schultage, Wochen, Monate vergingen, denn jedes Mal, wenn ich mit den Fingern über die Metallstreben fuhr, war mir, als wäre ich gerade erst dagewesen.
Im Bus setzte ich mich nach hinten und wartete. Nach zwei Stationen stieg er ein.
Mikolaj.
Er setzte sich ein paar Reihen vor mich.
Im Bus waren wir Fremde, auch wenn wir in dieselbe Klasse gingen. Ich starrte auf seinen Hinterkopf. Seine braunen Haare waren der Himmel meiner Schultage, denn sie waren nie gleich, immer ein bisschen anders, immer ein bisschen aufs Neue zerzaust, und das gefiel mir. Mikolaj war auf eine Weise schön, von der ich mir sicher war, dass es jedem auffiel, und still auf eine Weise, bei der ich mir sicher war, dass man sich gut mit ihm unterhalten konnte. Außerdem spielte er Gitarre in einer Band mit zweien aus der Neunten, FUCHS hießen die. Manchmal spielten sie auf Schulfesten und auf YouTube gab es ein Video von ihrem Song Sirup, das ich schon so oft gesehen hatte, dass ich den Song auswendig konnte.
Und jeder Mensch hat deinen Namen
Und jeder Mensch hat dein Gesicht
An deiner Hand klebt wohl noch Sirup
Weil loslassen kann ich dich nicht,
kann ich dich nicht
Ich war verliebt in ihn, seit wir einmal bei der Telefonkette miteinander telefoniert hatten, weil bei Esther keiner drangegangen war. Seitdem hoffte ich, Esther würde wegziehen oder einfach für immer Stromausfall haben.
10Mielczarek, Mikolaj
11 Nagel, Esther
12 Neumer, Charlie
Dass es Liebe war, merkte ich daran, dass ich sofort Herzklopfen bekam, wenn mir irgendwo rote Rucksäcke begegneten. Außerdem Füchse jeder Art, Sirupflaschen im Supermarkt, braune Haare, Gitarrenklänge, der Schulbus, Telefone im Allgemeinen, Mikolaj im Speziellen. Ich versuchte immer, ganz beiläufig auf seinen Hinterkopf zu gucken, beinahe so, als würde ich träumen. Aber in Wahrheit schaute ich ganz genau hin.
Als der Bus vor der Schule hielt und ich ausstieg, sah ich im Vorbeigehen etwas auf seinem Sitz liegen.
Mikolajs iPod.
Ich hatte immer einen haben wollen, mich aber nie getraut, Mama zu fragen, weil ich wusste, dass wir dafür kein Geld hatten. Ich wollte Mikolaj nachrufen, aber da war er schon längst außer Sichtweite. Es dauerte nur eine Sekunde, da hatte ich den iPod schon in meine Jeansjacke gesteckt.
Er war kühl und schwer.
Ich würde ihn Mikolaj in der Schule zurückgeben.
Ich schaffte es nicht in Musik, als Sofia ein Lied aus Wicked vorsang. Als das Klavier einsezte und Sofia anfing, da überkam mich gegen meinen Willen ein so komisches Gefühl, ein bisschen wie eine Übelkeit, aber ich konnte nicht genau sagen, was es war.
»Lach doch mal, Charlie«, rief mir Herr Kuhle in der Pause auf dem Gang zu. Ich hasste es, wenn er das sagte.
In Mathe drehte Mikolaj sich zu mir um.
»Brauchst du das noch?«, fragte er, deutete auf mein Lineal und legte den Kopf schief, damit ihm die Haare nicht in die Augen fielen, und ich hatte Angst, mir würde vielleicht jeden Moment was zum Thema seiner Schönheit oder meiner Liebe rausrutschen.
»Nein«, sagte ich und schaute dabei dem Lineal tief in die Augen.
»Okay«, sagte er und ich versuchte rauszuhören, ob er auch oft an unser Telefonat dachte.
»Okay«, sagte ich zum Lineal, das jetzt von Mikolajs schöner Hand über den Tisch gezogen wurde und langsam aus meinem Blickfeld verschwand.
Als ich die Turnhalle betrat, lief leider schon die nervige Rockmusik von Herrn Hühnermörder. Unser Sportlehrer war hager, hatte lange dunkle Locken und es ging das Gerücht herum, dass unsere Klassenlehrerin Frau Reichow seinen Heiratsantrag nur deshalb abgelehnt hatte, weil sie nicht Susanne Hühnermörder heißen wollte.
Als wir uns einliefen, überholten mich alle. Lukas als Erster. Er war der Beste in Sport. Einmal hörte ich es hinter mir tuscheln, aber als ich mich umdrehte, wurde es still.
»Liebe auf Umwegen ist so eine dumme Sendung«, sagte Daria, als sie ebenfalls an mir vorbeilief, »das guckt doch keiner.«
»Echt?«, sagte Esther, die neben ihr lief. »Ich schau das voll oft beim Abendbrot.«
Am liebsten hätte ich gesagt, dass ich sie auch gern schaute. Mir fiel oft etwas ein, wenn andere sich unterhielten, aber ich verpasste immer den Moment, es zu sagen.
»Schneller, Neumer!«, rief Herr Hühnermörder.
Ich war die Langsamste in meiner Klasse, vielleicht sogar in meiner Schule, vielleicht sogar in meiner Stadt. Ich war so langsam, als hätte jemand alles auf Zeitlupe gestellt, dabei war ich es, die schon mein Leben lang auf Zeitlupe gestellt war.
Später spielten wir Brennball und Brennball war der Killer. Die blauen Turnmatten, die wir durch die Halle tragen mussten, stanken nach altem Gummi, und hinter mir hörte ich ein Kichern, das sofort verstummte, als ich mich umdrehte. Kati wählte mich nicht in ihr Team. Sie wählte Sofia.
»Sorry, Charlie«, sagte sie hinterher beim Umziehen, »das war nur wegen der Noten.« Ich verstand das sogar. Normalerweise war Kati die Einzige, die mich überhaupt wählte, aber ich wollte nicht, dass sie meinetwegen eine schlechte Note bekam, damit hätte ich mich noch schlechter gefühlt.
Große Pause, Tischtennisplatte, Raucherecke, Mauer.
»Ich muss echt schneller werden«, sagte ich zu Kati, als wir unsere Runde über den Hof liefen und uns auf die Mauer setzten. Ich aß einen Riegel aus dem Automaten.
»Iih«, sagte Kati, »wie kannst du die nur immer noch essen?« Und sie erklärte mir wieder einmal, dass die Riegel dick machten und alles.
»Keine Ahnung«, sagte ich. »Hast du heute Zeit?«
»Ich pass doch diese Woche jeden Tag auf Merle auf.«
»Ach so, ja, klar«, sagte ich und schob den Gedanken beiseite, dass es komisch war, wie wenig Zeit Kati auf einmal hatte.
»Und Samstag?«, fragte ich.
Kati schien über irgendwas nachzudenken.
»Samstag bin ich bei Sofia«, sagte sie, »sie hat ein paar Leute eingeladen zum Grillen oder so.«
»Vom Theater?«, fragte ich.
»Ja, kann sein, ich glaub, aus der Klasse auch.«
Kati und ich hatten schon so oft über Sofia gelästert, ich hatte nicht mal gewusst, dass zu Sofia gehen eine Option war.
»Das wird bestimmt langweilig«, schob Kati gleich hinterher, »und ich weiß auch nicht hundertpro, ob ich gehe. Aber falls sie was zum Stück besprechen.«
»Verstehe«, sagte ich.
Nach der Schule verpasste ich den Bus.
Ich verpasste ihn fast jeden Tag, weil er immer schon drei Minuten nach der sechsten Stunde abfuhr. Ich stellte mir oft vor, ich könnte so schnell rennen wie Lukas. Und würde jeden Tag den Bus erreichen. Auf Sportfesten Medaillen gewinnen. Niemand würde mich überholen und jeder würde wissen wollen, was mein Geheimnis war. Aber das war eben nur eine Vorstellung.
B-r-r-r-r-r-r. Schon wieder ein Tag vorbei. Mit der linken Hand fuhr ich über die Streben des Zauns, während ich mit der rechten Mikolajs iPod in meiner Jackentasche umklammerte, fast so, als könnte er sonst wegfliegen. Zu Hause angekommen, schob ich den iPod unter mein Kopfkissen, und da lag er dann erst mal – zusammen mit meiner heimlichen Verliebtheit – wie ein bescheuertes Geheimnis.
Am nächsten Morgen auf dem Schulhof kamen Mikolaj und Esther auf mich zugelaufen. Im ersten Moment freute ich mich ziemlich, dass sie mit mir reden wollten.
Aber dann sah ich Mikolajs Blick.
»Jemand hat Mikos iPod geklaut«, sagte Esther.
Eine Welle von Scham flutete durch mich hindurch. Ich kaute an meinen Nägeln und versuchte auszusehen wie jemand, unter dessen Kissen kein iPod lag. Ich dachte daran, wer ich war und das alles. Vielleicht einfach ein schlechter Mensch.
»Echt Scheiße«, sagte Esther, »die Teile sind arschteuer.«
»Sag Bescheid, wenn du was siehst, ja?«, sagte Mikolaj, und wie er das fragte, das machte mich fertig.
»Klar«, sagte ich.
Als ich nach Hause kam, schlief Mama noch und Markus schlief auch. Ich wusste nicht, wohin mit meiner Schuld und meinen bescheuerten Gedanken, also weckte ich Markus, nahm ihn auf den Arm und versuchte mich abzulenken mit seiner Wärme und seinem Geruch. Aber das klappte nicht und ich hielt es nicht aus.
Ich klopfte an Mamas Tür.
Als sie nicht antwortete, schaute ich vorsichtig hinein.
Der Fernseher lief.
»Ich hatte Nachtschicht, Charlie, ist es dringend?«, fragte Mama schläfrig.
In dem Moment wusste ich es. Wie sie schimpfen würde, wenn ich ihr von dem iPod erzählte.
»Ne, ist egal. Ich wollte nur sagen, dass ich jetzt da bin.«
»Und dafür hast du mich geweckt?«, sagte sie und ich schloss die Tür.
Also machte ich mich auf den Weg zu Kati. Auch wenn sie auf ihren Hund aufpassen musste, konnte sie deswegen ja wohl trotzdem Besuch bekommen. Ich musste ihr einfach von dem iPod erzählen.
Pauline machte die Tür auf, Katis ältere Schwester.
»Charlie, was machst du denn hier?«, fragte sie. Da checkte ich es noch nicht.
»Ich wollte zu Kati«, sagte ich.
»Wer ist es denn jetzt schon wieder?« Jetzt kam auch Birgit, Katis Mutter, in den Flur.
Und erst als ich Paulines nervösen Blick bemerkte, schaute ich an ihr vorbei, ins Wohnzimmer.
Und da saßen sie.
Sofia und Kati. Saßen auf dem Sofa und schauten Fernsehen.
Frau Reichow hatte in Deutsch mal gesagt, jede Geschichte brauche einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber meine Geschichte fühlte sich an wie ein einziges Ende.
In dem Moment schaute Kati zur Tür.
Und ich schaute weg.
Später konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich da weggekommen war. Ob ich überhaupt etwas gesagt hatte. Kati hatte mich angelogen. Meine beste Freundin hatte mich angelogen. Weil ich komisch war. Weil ich die falschen Gedanken hatte, die zu den falschen Worten führten, die alles kaputt machten. Und weil ich zu still war und zu dumm und zu komisch und sowieso jeder nur von mir wegwollte. Ich hatte keinen Vater mehr. Und jetzt hatte ich auch keine beste Freundin mehr. Und ich schämte mich. Für alles, was ich war.
Mein achter Geburtstag war der erste Geburtstag ohne meinen Vater. Es war auch der erste Geburtstag, an dem ich meinen Papa »meinen Vater« nannte, weil meine Mutter ihn plötzlich »dein Vater« nannte (und manchmal auch einen Feigling). Und ich weiß, es hätte wegen dieser Umstände eigentlich ein trauriger Tag sein sollen, aber für mich war er ein glücklicher Tag. Mama hatte schon morgens die allerbeste Laune, als sie mich weckte, und als sie abends von ihrer Schicht wiederkam, strahlte sie sogar noch mehr. »Jetzt wird gefeiert«, sagte sie entschlossen und drückte mich an sich. Mein Kopf reichte ihr damals schon fast bis zur Schulter, das weiß ich noch genau, weil es dort eine Kuhle gab, in der ich meinen Kopf perfekt anlehnen konnte. An dem Tag roch sie mehr nach Parfum als nach dem Waschmittel auf dem Stoff ihrer Kleidung. Sogar Oma hatte angerufen und uns Glück verordnet: »Na, dann lasst es euch heute mal so richtig gut gehen!«
»Also, das lassen wir uns nicht zweimal sagen!«, hatte Mama verkündet und mir dabei zugezwinkert und auch, wenn ich damals noch nicht gut zwinkern konnte und jedes Mal beide Augen zugingen, zwinkerte ich zuversichtlich mit beiden Augen zurück. Wir waren Komplizinnen in dieser Sache. Mama hatte ihr schickstes Kleid angezogen und Rouge aufgetragen und als ich im Bad neben ihr stand und sie bewundernd beobachtete, da drehte sie sich zu mir und fragte: »Willst du zur Feier des Tages auch mal ein bisschen?« Ich nickte ehrfürchtig. Ich weiß noch genau, wie der Pinsel roch und wie weich er auf meiner Wange war.
»Dann schieß mal los! Was werden wir essen?«, fragte sie so abenteuerlustig, als wären wir zwei Banditinnen, die ihren nächsten Überfall planten.
»Eis!«, befahl ich entschlossen. »Wir essen Eis!«
Und als uns nach dem Eis schlecht zu werden drohte, riss Mama ruckartig alle Fenster auf und ging zu unserer Stereoanlage.
»Wir müssen uns bewegen«, sagte sie. Sie legte eine CD ein und drückte auf Play. Auf eine festliche Geigenmelodie folgte ein lässiges Intro mit Gute-Laune-Beat, Klavier und Schlagzeug. Come on Eileen, sangen sie.
»Ich liebe dieses Lied«, sagte Mama und drehte die Lautstärke auf. »Dazu haben wir früher immer getanzt.«
Sie grinste mich verschwörerisch an und begann, vor dem Bücherregal auf und ab zu tanzen. Mama wusste immer irgendwie ganz genau, wie man tanzt. Ich grinste zurück und wippte mit dem Kopf, immer heftiger, bis mein Kopf den Rest meines Körpers in Bewegung brachte.
»In meiner Jugend«, ergänzte Mama und grinste noch breiter.
In ihrer Jugend, dachte ich und versuchte angestrengt, mir meine Mutter als Jugendliche vorzustellen. Aber auf jedem Bild, das ich mir von ihr machte, war sie meine Mutter. Sie hielt mir eine Hand hin und zog mich auf unsere Tanzfläche zwischen Regal und Sofa. Ich ließ mich mitziehen und lächelte, stolz, dass meine Mutter, ausgerechnet mich zum Tanzen gebeten hatte, obwohl wir die einzigen beiden Personen im Raum waren.
»Mein großer Schatz, meine Geburtstags-Charlie«, sagte sie und drückte meine beiden Hände mit ihren, und ich wollte nicht, dass es jemals aufhörte. Mama hatte die coolsten Tanzschritte der Welt drauf. Wir machten eine Polonaise um den Tisch, die immer wilder wurde, bis wir gar nicht mehr schneller rennen konnten und uns lachend aufs Sofa fallen lassen mussten. Dann schauten wir noch die Feuerzangenbowle (das war Omas Lieblingsfilm und deshalb Mamas und deshalb meiner), obwohl es schon ganz schön spät war, denn es war schließlich mein Geburtstag und am Geburtstag war alles erlaubt.
»Spät? Ach was, heute gibt es kein Spät«, hatte Mama beschlossen und so aßen wir Chips aus einer knisternden Tüte, betranken uns mit Eistee und überboten uns im Sätze Vorhersagen.
»Ackermann! Was haben Sie getrunken?«, rief ich laut und freute mich, als Mama sich gespielt ärgerte: »Wie, das kam jetzt schon?«
Als wir langsam müde wurden, brachte ich Mama ins Bett. Die Idee war uns im Flur gekommen, weil ich doch jetzt schon so groß war, und wäre ich nicht glühend vor Freude gewesen, hätte ich vielleicht das bisschen Traurigkeit in ihren Augen sehen können, das sich langsam den Weg nach draußen bahnte. Ihr Bett war noch ganz kühl und als ich sie zudeckte, achtete ich sorgfältig darauf, die Decke auch um ihre Füße zu wickeln.
»Gute Nacht, mein großer Schatz«, sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, aber ich musste dabei ein Kichern unterdrücken.
Mama betrachtete mich. Ihr Blick sagte so viele Sachen gleichzeitig, dass ich keine einzige davon entziffern konnte. Als ob man hundert verschiedene Sätze mit einem Stift auf ein Blatt in ein und dieselbe Zeile schreibt.
»Gute Nacht, mein liebes Geburtstagskind«, sagte Mama sanft.
»Träum schnell oder du bist morgen ganz müde«, sagte ich so, wie ich es seit Jahren zu hören bekam, mit gespielter Strenge.
»Jaaha«, sagte Mama gespielt genervt und zwinkerte mir zu.
Und bevor ich die Tür schloss, zwinkerte ich mit beiden Augen zurück.
Als ich in meinem eigenen kühlen Bett lag, summte mein ganzer Körper. Als ich Mama noch für ein paar Minuten durch die Wand schluchzen hörte, schob ich all meine Gedanken dazu beiseite. Ich dachte nicht darüber nach, dass Mama die gute Stimmung für mich vielleicht nur aufgesetzt hatte. Dass sie gar nicht wirklich vor Lebensfreunde gesprüht hatte. Dass es sie Kraft gekostet hatte, dieser erste Geburtstag als alleinerziehende Mutter, dieser erste Geburtstag ihrer Tochter ohne einen Vater. Und ich dachte schon gar nicht darüber nach, dass ich eine Belastung für sie sein könnte.
Stattdessen versuchte ich mich auf den schönen Tag zu zweit zu konzentrieren, während die Melodie von Come on Eileen in meinem Kopf in Dauerschleife spielte.
An meinem fünfzehnten Geburtstag traute ich mich kaum in die Schule. Und hätte mich jemand gefragt, was ich mir wünschte, hätte ich nur eine Antwort gehabt: dass ich aufhörte zu existieren.
Als ich das Klassenzimmer betrat, war das furchtbare Gefühl in meinem Bauch so schlimm, dass ich es kaum aushielt. Auch an dem Tag, an dem ich bei Kati geklingelt hatte, hatte ich solche Bauchschmerzen, dass ich nicht in die Schule gegangen war. Aus dem einen Tag waren drei Tage geworden. Mama erzählte ich von alldem nichts. Einmal überlegte ich, Kati anzurufen, aber dann sah ich wieder alles vor mir: ihre Schwester, ihre Mutter, Sofia, und ließ es sein. Am Abend vor meinem Geburtstag war Mama misstrauisch geworden und ich konnte mich nicht länger vor der Welt verstecken.
Als Kati reinkam trafen sich unserer Blicke. Sie trafen sich nur kurz, wie die Blicke zweier Fremder, und trotzdem kamen alle Bilder wieder hoch. Und kurz dachte ich, dass ich was sagen könnte, aber ich traute mich nicht.
Ich wartete darauf, dass Kati sich neben mich setzte, damit wir endlich miteinander reden könnten. Aber sie lief an unserem Tisch vorbei und setzte sich ganz hinten neben Sofia.
Der Platz neben mir blieb leer.
Ich konnte nicht glauben, wie schnell das ging. Dass Kati und ich keine Freundinnen mehr waren. Ich hatte nie daran gezweifelt, dass unsere Freundschaft für immer halten würde, hatte nie in Erwägung gezogen, dass wir vielleicht zu unterschiedlich waren, hatte immer gedacht, dass es eben ein Zeichen von echter Freundschaft war, dass man nicht zusammengehörte, weil man zusammenpasste, sondern weil man zusammenhielt.
Ich kaute an meinen Nägeln, so sehr, dass es wehtat, und versuchte mit aller Kraft, nicht zu weinen.
»Sieht mega aus«, hörte ich Esther sagen.
»Ja, oder? Schau mal wie gerade.«
Kati hatte also ihre Zahnspange rausbekommen. Sie hatte jahrelang von diesem Tag gesprochen, und wir hatten uns immer vorgestellt, was wir dann machen würden, um es zu feiern. In die Arkaden gehen und ein neues Outfit kaufen. Fotos im Automaten machen. Über den Schulhof laufen und grinsen.
Meinen Geburtstag erwähnte keiner und da checkte ich, dass es alle immer nur gewusst hatten, weil Kati mir jedes Jahr einen Kuchen gebacken hatte. Auf dem Gang hielt ich den Blick auf die Fliesen gesenkt, um nicht auf die Linien zu treten.
In der großen Pause ging ich die Runde um den Hof zum ersten Mal allein. Vorbei an den Tischtennisplatten, wo gerade ein paar Jüngere Rundlauf spielten – selbst in der Siebten gewesen zu sein schien mir hundert Jahre her –, vorbei an der Raucherecke, wo ein paar aus den höheren Klassen standen – wenn ich erst mal in der Neunten wäre, würde ich mir sicher nicht mehr diese ganzen bescheuerten Gedanken machen. Ich lief dann weiter schräg rüber bis zu den Bäumen vor der Turnhalle, setzte mich auf die Mauer und aß einen Riegel.
Genevieve steuerte auf mich zu. »Charlie, wenn du noch Karten fürs Sommertheater kaufen willst, dann musst du das heute machen.«
»Okay«, sagte ich, aber jetzt hatte ich erst recht keine Lust hinzugehen.
Ich ließ den Blick schweifen. Alle auf diesem Schulhof schienen zu wissen, was zu tun war. Als hätte jede und jeder von ihnen ein Drehbuch bekommen. Ein Drehbuch, das ich nie hatte lesen können. Da checkte ich es. Ich fühlte mich, als würde mein ganzes Leben hinter einer Glasscheibe ablaufen. Alles, was jemand zu mir sagte, jedes Mal, wenn mich jemand anlächelte, alles Traurige, Tragische, Lustige, Schöne, das sich vor meinen Augen abspielte, all das passierte hinter dieser Glasscheibe, durch die ich zwar sehen konnte, die mich aber von allem trennte. Egal, wo ich mich befand, egal, mit wem oder unter wie vielen Leuten, es war, als ob ich an nichts und niemanden rankam und niemand an mich. Als ob mich etwas Unsichtbares und Unüberwindbares von allem abschnitt.
Ich fragte mich oft, woher ich das hatte. Mama schien sich nie von allem abgeschnitten zu fühlen, sie war immer auf der richtigen Seite der Glasscheibe. Ob mein Vater deshalb so viel gelaufen war? Um auf die andere Seite zu kommen? Oder ob er es war, der mich auf der falschen Seite hatte stehen lassen, als er gegangen war, ohne die richtigen Worte zu finden?
Nach der Schule verpasste ich wie immer den Bus. Während ich wartete, schoben Sofia und Genevieve ihre Fahrräder an mir vorbei. Sie redeten über die Sommerferien.
»Seid ihr wieder bei deiner Tante in Florida?«, fragte Genevieve und ich tat so, als dachte ich an was völlig anderes, dabei hörte ich in Wahrheit ganz genau zu.
»Nee, wir sind in Paris, weil mein Vater da arbeitet«, sagte Sofia. »Ich liebe es, ohne Witz, alles dort ist schöner, das ganze Leben ist schöner. Die Leute, das Essen, einfach die Stimmung. Du bist wie neu, keinen interessiert es, was du machst, du bist wie unsichtbar.«