Himmel und Erde -  - E-Book

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Beschreibung

Gerhard Kühn wird 1913 in Berlin geboren. Mit 12 Jahren fängt er an, Tagebuch zu schreiben. Er notiert seine schulischen Misserfolge, seine Fahrten mit den Wandervögeln nach Schweden, seine Beobachtungen der Menschen um ihn herum im Berlin der turbulenten Zwanziger- und Dreißigerjahre. Hunger und Arbeitslosigkeit, Hunger nach Wissen und Kultur, Sehnsucht nach Schönheit und den Frauen. Während er seine Schriftsetzerlehre und die Abendschule absolviert, übernehmen die Nazis die Macht. Schließlich die Einberufung und seine Kriegserlebnisse in Belgien, Frankreich, Polen, Bulgarien und Russland. Trotz der Welt, die in Trümmer fällt, eine Geschichte der leisen Töne, Farben und Empfindungen - und ein berührendes Stück authentischer Zeitgeschichte.

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Gerhard Kühn wird 1913 in Berlin–Südende geboren. Sein Vater will eigentlich Geiger werden und wird dann Prokurist, vererbt seinem Sohn aber die Liebe zur Musik. Der bricht die Schule ab, wird arbeitslos, macht eine Schriftsetzerlehre, holt an der Abendschule sein Abitur nach, wird kurz danach eingezogen. 1944 kommt er in amerikanische Gefangenschaft und gelangt über Thüringen zurück nach Berlin, wo er mit 33 Jahren anfängt, Theologie zu studieren, eine Familie gründet, sechs Kinder bekommt und bis zu seiner Pensionierung als Pfarrer arbeitet. Er stirbt 2002 in Berlin.

Erdmann Kühn ist das dritte Kind, wächst in Berlin auf und studiert Kunst und Musik in Köln. Er lebt im Rheinland, arbeitet als Lehrer und in der Lehrerfortbildung. Er ist Musiker, Chorleiter, singt, komponiert, arrangiert und schreibt. 2011 erscheint sein erster Roman: „Jascheks Reise“, ein „Road Movie in Buchform“. Es folgen die drei Bücher der Friedel-Trilogie „Der Junge auf der Schaukel“, „Abschied von Berlin“ und „Mein Kopf, der ist ein Zimmer“. 2018 erscheint „Der Tag, an dem er sein Spiegelbild grüßte – Ein Lehrer verschwindet“.

Für Dörte, Maria

und die vielen Menschen,

die Gerhard gekannt, geliebt

und auf seinem Weg begleitet haben.

Immer wieder … geh’n wir zu zwei’n hinaus

unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder

zwischen die Blumen gegenüber dem Himmel.

Immer wieder geh’n wir zu zwei’n hinaus.“

R. M. Rilke

Vor meinem Leben eine endlose Weite

und mir nur zwei schwache Arme,

die sich ausbreiten möchten,

um Himmel und Erde zu umfassen.

Gerhard Kühn

Es gibt Menschen, die innerlich reich, ausgeglichen und schön sind. Dann gibt es andere, die meist arm dran sind. Aber in ihrer Armut haben sie geschenkte Augenblicke, von denen sie so aufjubeln, dass fast die Erde dabei zittert. Als sei ein Edelstein aus dem Laub des Baumes auf sie herabgefallen. Zu dieser Sorte gehöre ich.

Gerhard Kühn

Am Ende des Buches befindet sich ein

Inhaltsverzeichnis

sowie ein Namensregister

zum Nachschlagen der häufig vorkommenden Namen.

Inhalt

Gespräch mit meinem Vater

Kindheit in Südende

Schweden

Die Gruppe

Lehrzeit

Suche

Geselle

Abendschule

In der Kaserne

Am Rhein

Nach Westen

Polen

Nach Süden

Ukraine

Russland

Baltikum

Gefangenschaft

Nestsuche

Gespräch mit meinem Vater

Personenregister

Gespräch mit meinem Vater

Hallo Paps,

ich sitze gemütlich auf der Terrasse im Garten und stoße auf dich an. Du wirst heute hundert, herzliche Glückwünsche! Ein langes Leben kann ich dir nicht mehr wünschen, denn du hast ja vor elf Jahren die Seiten gewechselt. Bist morgens aufgestanden, hast dich sonntagsfein gemacht – Sonntag, der Tag des Herrn, das war immer dein Tag! – und dann bist du einfach umgefallen, während draußen die Kirchenglocken läuteten.

Ich komme jetzt in das Alter, wo ich manchmal überlege: Wie viel Zeit bleibt mir noch? Was will ich auf jeden Fall noch vorher erledigen? Wo möchte ich noch einmal sein? Wen will ich auf jeden Fall noch einmal sehen? Welche losen Fäden aus meinem Leben möchte ich wiederaufnehmen? Welche alten Freundschaften erneuern? Was war wichtig in meinem Leben? Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr hier bin?

Du hast immer einen besonderen Sinn für Skurriles und Schrulliges gehabt, deinen schwarzen Humor hast du mir vererbt. Wie oft haben wir früher gelacht über schräge Grabinschriften wie: „Ich würde jetzt auch lieber am Strand liegen.“ Oder über lustige Versprecher am Grab. Als Dorfpfarrer warst du ja direkt an der Quelle. Über die Vorstellung, dass wir Oma wahrscheinlich falsch herum beerdigt haben, mit den Füßen nach vorn, konnten wir Tränen lachen. Das hätte ihr gut gefallen, da waren wir uns sicher. Dazu dann Mutters Altberliner Spruch: „Immer ran an’ Sarg und mitjeweent!“

Schade, dass wir heute nicht mehr so reden und lachen können. Obwohl, ich rede ja gerade mit dir. Aber es ist schon anders. Wenn mich jetzt einer sieht, hier draußen im Garten, wie ich meinen Wein trinke und vor mich hinrede, wundert er sich bestimmt. Aber eigentlich wusste ich es die ganze Zeit: Du bist da irgendwo. Ich kann dich zwar nicht mehr sehen, aber ich habe das Gefühl, ich kann dich noch hören. Ich spüre noch das Kratzen deiner Bartstoppeln, wenn du mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange gabst. Ich rieche noch dein Rasierwasser. Ich höre noch dein Lachen, mit Tränen in den Augen. Und ich höre deinen Spruch, fast ins Ohr geflüstert, den du mir beim Abschied immer mitgabst: „Bleib behütet, Junge!“

Du hast 1926 angefangen, Tagebuch zu schreiben, da warst du gerade mal 12. Und du bist dein ganzes Leben dabeigeblieben, selbst im Schützengraben. Du hast mit Kindheitserinnerungen begonnen, aus den wilden „Rauen Bergen“ in Berlin–Südende, bevor du deine Abenteuer als Wandervogel beschrieben hast. Wenn wir früher als Kinder auf deinem Schoß gesessen haben und gebettelt haben: „Vater, erzähl doch was von früher!“ hast du immer eine Weile herumgedruckst und gebrummelt: „Was soll ich denn erzählen?“ Aber wenn du dann angefangen hast, hast du so schnell nicht wieder aufgehört. Und nun sitze ich hier, schaukele im Wind, habe dein erstes Tagebuch auf den Knien und, während ich darin lese, deine Stimme im Ohr ...

Juni 2013

Kindheit in Südende

Die Südender Rauen Berge. Gelber Sand. Kuten. Hopp, spring! Blauer Himmel, auch satte Wolken. Ziegen auf einem grünen Streifen. Die Schwanzstummel wedeln. Eckige Bewegungen. Raue Hirtenjungs: „Wat wollt ihr hier?“ Ich kloppe einem die Nase blutig. Sie werfen mit Steinen nach uns. Wir fliehen.

Unser „Kosakenclub“ schiebt Kegel auf Attis Hinterhof. Eine Kugel und Konservendosen. Da bedroht uns eine Bande. Es kommt zur Schlacht. Greiser, der lange Gärtnersohn, hat einen Gummiknüppel. Atti nimmt einen Besen. Wir Kleineren lugen von einem Küchenritz aus zu. Atti schlägt die andern raus. Er schrubbt ihnen mit dem Besen ins Gesicht. So wurden wir Sieger.

Wir im Club sollen zehn Klimmzüge an der Teppichkloppstange machen. Ich schaffe nur drei. Zur Strafe werde ich in den Ziegenstall gesperrt. Der Bock geht auf mich los. Ich stehe unbeweglich an der Wand, wage nicht zu atmen. Der Bock tut mir nichts.

Bei der Gründung unseres Clubs wurde ein Eimer mit Wasser gefüllt. Dann ein Wasserglas herumgereicht. Dann der Schnitt ins Fleisch. Beim feisten Wegner wollte kein Blut kommen. Schimpfen. Das Messer ist zu stumpf. Wegner ist kalkbleich und säbelt. Endlich strömt’s ins Wasserglas. Graurot geht es herum, feierlich. Jeder schluckt. Handgeben. Dann werden wir mit dem Kopf in den Wassereimer gestuckt. Wegner ganz tief. Er prustet. Vom Dachfenster oben schimpft der lange Sperber über den grauen Hof.

In der Volksschule der Klassenprimus Mahle. Ich strecke ihm die Zunge raus und mache: „Bääh!“ Die Lehrerin Fräulein Kobe haut mir für meinen Ausfall mit dem Stock über die Finger. Beim Zurückgehen auf meinen Platz mache ich wieder: „Bääh!“ Beim dritten „Bääh“ legt sie mich über die Bank und feuert drauflos. Wumm, wumm, wumm. Ich habe nur eine Träne, die zerdrücke ich still.

Es war nach Ostern. Drei Sitzenbleiber und ich in der leeren Klasse. Ein Neuer kommt dazu. Schon gibt es einen Kampf. Ich dabei. Auf dem Schulhof jagten wir über den Kies. Sie wollten mich fassen, ich riss mich los. Keiner konnte mich halten.

Ich hasste Hosen, die übers Knie schlampelten. Meine Mutter musste sie umnähen und kürzen. Meine Stimme war rau. Tag für Tag war ich draußen. Erst recht im Regen. Im Steglitzer Stadtpark wurden Rutenschlachten geschlagen. Die Wunden verschorften in der Kälte.

In meiner Klasse Ronning, der Redner. Wir zwei können am besten phantasieren. Im Dunkeln denke ich an meinen Kindheitstraum von der Göttin, der ich Herz und Leben schenkte. Für die ich Heldentaten vollbrachte. Mit meinem Freund Walter hatte ich mich gezankt und geprügelt. Wir bluteten. Wir sahen uns nicht mehr an. Breuer, der Mulatte, vermittelte zwischen uns. Wir gaben uns wieder die Hände.

Und Mädchen? Gertrud Schwarz hatte blaue Augen. Wir spielten Dornröschen an meinem Geburtstag. Mit Fia Burchardt spielte ich im großen Garten der Villa ihres Vaters. Werner Strelau, der Nachbarsjunge sagte mir: „Du gefällst ihr von uns allen am besten.“ Nun stand ich jeden Tag vor ihrem Gartentor. Dann schwankte ich zwischen ihr und Inge Hintze, Tochter vom Kaufmann gegenüber. Die Asphaltstraße vor unserem Mietshaus in Südende. Wir machen Radrennen, auch mit Rollern. Da machen die Mädchen nicht mit. Wir spielen Ball. Immer sind es Wettkämpfe. Wir machen Länderspiele. Mit meiner Mannschaft vertrete ich die Schweden. Male mit Tusche auf Stoff die blaugelbe Fahne. Die lass ich auf der Straße groß flattern. Vor unserm Haus ein Sandhaufen. Es ist nasswarm. Wir stökern. Ein Regenwurm. Der wird zerschnitten.

29.4.1926 Südende

Meine Gedanken richteten sich den ganzen Tag, auch in der Schule, auf den heutigen Abend. Erich Wendt aus der Prima hatte mich eingeladen, einem Wandervogelverein beizutreten. Die Eltern wurden von mir gequält, meinem Willen nachzugeben. Nach langem Zögern erhörten sie meine Bitte, als sie erfuhren, dass auch mein Klassenfreund August mitmachen durfte. Abends 7 Uhr sollte der „Nestabend“ anfangen. Steil führte eine Treppe hinab in einen Keller. Da, ein kleines Gewölbe, kahl, Kalkwände, völlig leer. Es roch nach Kohlenrauch, der von der gegenüberliegenden Tür kam, auch der Lärm vieler Stimmen. Die Tür tat sich auf, August und ich traten ein. Fünfzehn Jungs begrüßten uns. Oberrealschüler. Mir wurde ein Platz angewiesen. Jetzt erst konnte ich mir die Umgebung näher betrachten. In der Mitte ein ziemlich langer Tisch mit einer weißen Tischdecke. Davor und dahinter roh gezimmerte Bänke. Der Tür gegenüber ein Herd und ein eiserner Ofen, davor ein pfiffiger Koch. Tassen, Gläser, Töpfe fehlten nicht. Tee wurde ausgeschenkt mit dem Spruch: „Nimm hin das edle Gesöff!“ Es wurde vorgelesen, erzählt, beraten und gesungen. Für Sonnabend wurde eine Wanderfahrt verabredet.

1.5.1926

Sonnabend. Wir trafen uns nachmittags am Bahnhof Mariendorf. Die Gruppe von Erich Wendt bestand nur aus fünf Jungen: Klaus, Peter, Hans, August und ich. Der Zug nach Wünsdorf fuhr ein. Im Abteil waren schon andere Gruppen unseres Vereins. Es war schon ziemlich dunkel, als wir in Wünsdorf hinter Zossen ankamen. Ein Waldweg wurde entlanggewandert. Am Waldrand nahmen wir an einem Lagerfeuer Platz. Es war feierlich. Als dann später das Feuer gelöscht war, wanderten wir noch eine halbe Stunde und erreichten eine Scheune. Da hatten wir ein warmes Nachtlager. Sehr früh am Morgen waren die anderen schon auf. Ich musste auch raus. Am See wurde Tee abgekocht. Die Wanderung ging an vielen Seen vorbei bis nach Wünsdorf. Von da aus fuhren wir mit der Eisenbahn nach Haus.

13.11.1926

Gruppenfahrt nach Zolchow. Hinter Zolchow weite Felder und Äcker. Nacht. Wundervoll scheint der Mond auf die von Bäumen begrenzte Landstraße. Unsere kleine Karawane, ungefähr 15 muntere Jungs, zieht schwatzend durch die Stille. Unser Ziel: eine Raubritterburg. Jetzt führt die Landstraße durch einen dichten Laubwald, es geht um eine Kurve. Da liegt sie und alle bleiben verwundert stehen: eine alte, zerfallene Burgruine. Einige Mauern und ein Erker sind noch erhalten. Der Erker mit Efeu umrankt. Der milde Mond scheint friedlich auf dies schöne Landschaftsbild. Andachtsvoll leise nähern wir uns dem Bau. Keine Tür, nur Löcher, durch die wir einsteigen. Innen Brandgeruch. Wir stolpern über Steintrümmer von verfallenen Treppen. Dahinter der Schimmer eines Feuers. Ein Kochtopf hängt über der Flamme. Zwei Jungen warten hier schon auf uns und begrüßen uns mit freudigem Händedruck. Wir setzen uns dazu. Jeder packt seine mitgebrachten Brote aus. Gespräche. Dann gingen wir Jüngeren schlafen. Der Schlafraum ein dunkles Gewölbe, Stroh und Gras unser Bett. Ich konnte und wollte noch nicht schlafen. Eberhard, einer aus der Steglitzer Gruppe neben mir, stieß mich an und fragte, ob wir nicht noch spazieren gehen wollten. Ich war sofort bereit. Langsam gingen wir zum See. Dort quakte ein Frosch, daneben piepste ein Vogel, nur weit weg aus den Ruinen das Lärmen der Großen am Feuer. Wir kehrten um und schliefen den Schlaf der Gerechten.

22.1.1927

Unerwartet fiel Schnee. In Berlin fiel er den Straßenfegern und dem milderen Klima zwischen den Häusern zum Opfer. Aber draußen bei Zossen lag der Schnee so dicht, dass man Skifahren könnte. Es ging über schneebedeckte Felder, durch eiskalte Wälder, ein endlos scheinender Marsch. Endlich gelangten wir an unser Ziel. Wir übernachteten in der Zossener Jugendherberge. Da war es schön warm. Am anderen Tag wanderten wir weiter durch Kälte und Schnee.

Schweden

6.7.1927 Lübeck

Vormittags bummelten wir durch die Stadt. Eine berühmte Kirche, 12 Apostel, Grabplatten. Am Nachmittag wurde das Gepäck zum Hafen gebracht. Unser schwedischer Dampfer heißt Gauthiod, ein schönes Schiff. Die Mannschaft spricht Schwedisch. Langsam entschwand Lübeck. Die Abendsonne funkelte golden über dem weiten Meer. Die See unbewegt und klar. Tausende Quallen sah man schwimmen oder bewegungslos schweben. Die Nacht brach herein, es wurde Zeit, schlafen zu gehen.

8.7.1927 Gauthiod

Gestern Abend habe ich Bekanntschaft mit einem Engländer und einer schwedischen Studentin gemacht. Wir Deutschen hatten einen lustigen Lagerzirkus veranstaltet, der die Schiffsmannschaft ergötzte. Heute Morgen klettre ich in den Heizraum hinunter. Der Engländer neben mir. Er zog sich seine Jacke aus und fing zum Erstaunen der anderen an, Kohlen zu schippen. Der Heizer und ich lachten.

Dann war ich wieder an Deck. Ab und zu kamen Kriegsschiffe vorbei. Dann aber fuhr unser Schiff in die Schären ein, eine Insel–, Busch–, Wald– und Felslandschaft, durch die wir schipperten, das ging so bis nach Stockholm. Große Häuser starren zu uns herüber. Unser Schiff legt an. Zollbeamte kommen an Deck. Aussteigen heißt es für uns. Mit unserem Gepäck geht es über die Schiffsplanke. Das Leben und Treiben auf den Straßen wie bei uns in Berlin. In unserem Quartier laden wir nur kurz das Gepäck ab und gleich geht’s wieder los. Unterwegs fragen uns die Leute auf Schwedisch, aus welchem Land wir seien. „Ah, Tyska, Tyska“ hört man rufen.

9.7.1927 Stockholm

Stadtspaziergang, Postkartenkauf und Fahrt mit dem Fahrstuhl in den niedriger gelegenen Stadtteil. Es war sehr heiß und die Strömsund–Badeanstalt lud uns ein. Das Wasser sehr kalt, aber erfrischend. Dort wurde nackt gebadet. Dann ging’s auch für uns los. „Affenpacken“ und Abmarsch zum Bahnhof. Ein elektrischer Zug kam angebraust, kaum waren wir eingestiegen, sauste er schon los. Durch Tunnel, Schluchten, Wälder, über Berge, an Seen und Felsen vorbei. Halt. Aussteigen. Wir stehen auf einer Landstraße, begegnen eigenartigen Pfadfindern. Einige haben Röcke an und Puschel davor, Ohrringe und Käppis. Es sind Schotten. Dann kommen wir ins Scoutzeltlager. Pfadfinder in verschiedensten Trachten kommen uns entgegen und fragen neugierig auf Englisch, Schwedisch, Dänisch, woher wir kommen. „Tyska“ antworten wir. „Oh, Tyska, Tyska!“ hören wir sie murmeln. Im Wald dann unser Lagerplatz mit Zelten. Als wir uns einrichten, schauen viele Scouts aus anderen Ländern zu. Ein Norweger spricht mich an. Er ist Deutscher, wohnt aber in Norwegen.

Nach dem Essen marschieren wir zum Lagerfeuerplatz. Einem Amphitheater ähnlich, mit einer Bühne. Da sind schon alle Nationen des Lagers versammelt. Wie wir Deutschen dazu kommen, fangen alle an zu klatschen und zu singen. Was sind wir froh über den freundlichen Empfang. Danach Lieder und Vorführungen der verschiedensten Gruppen. Bei unserem Abmarsch wieder begeisterter Beifall der andren. Imponiert unsere stille Geschlossenheit zum Klang unserer Klampfen? Wir spielten den Nerother Marsch, ich als Kleinster spielte mit.

10.7.1927 Scoutlager bei Stockholm

Sonntag. Nach dem Aufstehen und Waschen gehen wir zum Versammlungsplatz mit der Fahnenstange in der Mitte. Es sieht gut aus, wie von allen Seiten die Gruppen der Völker zusammenkommen. Die Dänen in riesigen Haufen mit Hörnerklang und Trompeten. Auch die Franzosen fielen auf. Als man sie noch nicht sah, hörte man ihre gepfiffenen Melodien. Dann brachen sie lustig aus dem Waldesdickicht hervor. Nun standen sie auf dem Platz. Wenn ihr Anführer sich am Kopf kratzte, rührten sich auch seine Mannen, wenn er die Hacken zusammenschlug, die Schultern hochreckte, die Hände klatschend an die Hosennaht warf, machten es auch die anderen. Als sie sich dann setzten und wieder aufstanden, machten sie das auf eigenartige Weise. Sie sangen dabei folgenden Vers: „Toujours près sing á sing, bumm bumm“ Bei „Toujours près sing á sing“ erhoben sie sich langsam. Bei „bumm bumm“ standen sie aufrecht und stramm da.

Als endlich alle Nationen versammelt waren, wurde es auf dem Platz ganz still. Die schwedische Kapelle spielte, zu den Klängen wurde die schwedische Fahne am Mast emporgezogen. Sämtliche Pfadfinder auf dem großen Platz standen stramm und machten das „große Männchen“, das war sehr feierlich. Am Nachmittag hatten wir frei und durften spazieren gehen. Uli und ich schlenderten ins dänische Lager. Die waren gerade beim Essen. Kaum sahen sie uns, umringten sie uns mit „Hallo“, zerrten uns an ihren Tisch, mit ihnen zu essen und zu trinken. Sie freuten sich, wenn wir sie verstanden, wenn ein Wort richtig ausgesprochen wurde. Wir hatten viel Spaß und amüsierten uns gut. Abends waren wir wieder am großen Lagerfeuer. Diesmal taten sich die Letten durch wunderschön melancholisches Singen hervor.

13.7.1927 Stockholm

Morgens fuhren wir im Zug nach Stockholm. Dort offizieller Vorbeimarsch sämtlicher Scoutlager–Mannschaften an Baden Powell, länderweise, je nach ihren Besonderheiten locker oder fest geordnet. Und wieder: Als wir Deutschen vorbeizogen, fing die schwedische Menge an, wie doll zu klatschen. Später lasen wir in der Zeitung, dass die Schweden unsere gute Haltung und die einfache Kleidung ohne Schmuck und Brimborium bewunderten. Danach ging’s zum Hafen. Wir klettern auf einen Dampfer, der „Cäsar“ heißt.

15.7.1927 Scoutlager bei Stockholm

Für heute ist von uns Deutschen eine Zirkusvorstellung geplant. Zur Vorbereitung wird ein geeigneter Platz ausgesucht, Kostüme werden verfertigt, Reklameschilder gemalt, an Tragestangen befestigt. Damit ziehen wir werbend durch das Lager. Gegen Abend versammelt sich Groß und Klein. Die Vorstellung beginnt mit einer Ouvertüre: ein Landsknechtslied mit vier Klampfen als Begleitung. Danach treten Feuerschlucker, Akrobaten, Kunstschützen, Clowns auf. Ein Löwe macht seine Sache besonders gut. Darüber wird viel gelacht. Nachmittags zwischendurch hatte ich freie Zeit und verschwand. Wohin? Natürlich zum Lager der Franzosen. Ich probierte meine Sprachkenntnisse zu verwerten: Französisch, Englisch, Deutsch radebrechend und in Zeichensprache unterhielten wir uns über Lassowerfen.

16.7.1927 Scoutlager bei Stockholm

Diese Nacht hatte ich Zeltwache. Hundemüde legte ich mich danach hin, um wenigstens noch etwas Schlaf zu bekommen. Da – es mochte 4 Uhr sein: Hörnertuten, Schreien, Trillerpfeifen ließen mich erschreckt hochfahren. Schon sprangen über mich verschlafene, notdürftig angezogene Jungen und stürzten ins Freie. Ich aber, noch zu müde, fiel wieder zurück und duselte ein. Doch dann hörte ich deutlich die Rufe: „Feuer! Feuer!“ Ich sprang hoch und raus war ich. Fern im Wald sah ich einen rötlichen Schein, wie Morgenrot so schön. Doch dann sah ich es flackern, Brandgeruch kam herüber. Ich rannte da hin. Unterwegs huschten an mir graue Gestalten vorbei, vor mir, hinter mir, überall. Jetzt stand ich am Feuer. Ein angezündeter Holzstoß mit viel Rauch, der die Augen beizte. Männer und Jungs standen frierend fröstelnd drum herum und wischten sich Rauch und Schlaf aus den Augen. Lagerleiter notierten, wie viel Scouter von welcher Nation gekommen waren, in welcher Zeit, wie viele Wassereimer und Spaten mitgebracht wurden. Die Zählung war schon lange vorbei, bei der wir den dritten Preis erhielten, da erschienen die ersten sechs Franzosen. Sie kamen in Pyjamas mit nackten Füßen, noch schrecklich verschlafen. Die anderen am Feuer fingen an zu lachen. Dann lachten auch die Franzosen über sich selbst und ihren Aufzug.

17.7.1927 Scoutlager bei Stockholm

Das Morgenbad im Meer erfrischend wie immer. Von dem hohen Sprungbrett sprang ich in die glasklare kalte Flut. Mir macht es Spaß, mich von einem Stein in die Tiefe ziehen zu lassen. Bin ich dann tief hinunter gesunken, bekomme ich meist Angst, lasse den Stein los und schnelle wieder an die Wasseroberfläche zurück.

18.7.1927 Scoutlager bei Stockholm

Am heutigen Abend war das letzte, ich fand, das beste Lagerfeuer. An diesem Abend kam zum Abschluss die Kritik an Lager und Ländern, auf witzige Weise. Mir machte am meisten Spaß, wie die Ungarn die Eigenarten der Franzosen und Schotten nachmachten. Zuerst kamen sie mit Stöckchen, die sie kurz aufstießen, in schnellem Marschschritt heran. Dazu pfiffen sie die im ganzen Lager populär gewordenen französischen Marschmelodien. Dann machten sie den Franzosen ihr „Aa wui wui, wiki wui wui, schsch bumm ahh – kuku“ nach. Alles lachte. Am meisten die Franzosen selber. Danach sprangen die Franzosen nach Manier der Schotten im Kreis herum, ahmten mit dem Mund dazu den Dudelsack nach und ahmten die unartikulierten Laute nach, die die Schotten bei ihren Tänzen ausstoßen.

21.7.1927 Arvika

An Felsen vorbei, durch Wälder, vorbei an Pferdekoppeln und Einzelgehöften, durch Schluchten donnerte der elektrische Zug. Dann umsteigen. Ein Zug mit offener Plattform. Es wird Abend, im Zug brannten nun Lampen. Wie schnell der Zug rast. Ich schütze meine Augen vor dem Zugwind. In dieser Gegend möchte ich wohnen, weit und breit nur Wälder, Bäume, kein Mensch. Wir sausen durch einen Tunnel, nur schwach erleuchtet. Ich gehe wieder rein und lege mich schlafen. Als ich aufwache, sitzen mir gegenüber Damen. Sie lachen über mich. Unsere Großen unterhalten sich mit ihnen. Endlich unser Ziel: Arvika. Eine Kleinstadt. Vor dem Bahnhof warten Wagen für Hotelgäste. Die Damen laden uns in ihre Villa ein, besser gesagt, in die Scheune. Wir müssen vor ihrem Haus warten, warum, weiß ich nicht, das weiß man überhaupt nie. Da hole ich meine Klampfe vor, wir singen leise ein Lied. Sofort ist ein Schutzmann da. Er verbietet das Singen. Er droht. Wir verstummen. Ich gucke auf die schöne Villa. Nebenan die Scheune. Auf schrägen Balken muss man da hineinklettern, das macht Spaß. Davor ein schöner großer Bernhardiner, der sich Schwanz wedelnd streicheln lässt.

22.7.1927 Arvika

Aufstehen. In der Küche des Hauses Essen. Wir gehen auch in das Musikzimmer. Dort wird getanzt. Einer spielt Klavier. Es sieht ulkig aus, wie Walter die schwedischen Mädchen auffordert, mit ihm zu tanzen. Sie kichern. Jede von ihnen aber freut sich, wenn Peter sie auffordert.

Danach Trennung von Peters Gruppe. Noch ein Foto von Haus und Mädchen. Dann klotzen wir los, endlos durch Wald. Es dunkelt bereits, wir erreichen Högerud. Im Wald versteckte Bauernhäuser. Erich legt sich schon passende Worte auf Schwedisch zurecht, die er im nächsten Bauernhaus anbringt: „Fa we bekomma en höloda?“ Wir bekommen die Erlaubnis, in einer Scheune zu übernachten. Vorher Abendbrot in der Küche des Hauses. Da ist es urgemütlich. Der Tee brodelt, eine alte, gutmütige, apfelwangige Großmutter nickt uns freundlich zu. Der Bauer holt seine Brille und liest halblaut die Zeitung. Ich hole die Klampfe heraus und wir singen. Die Frau des Hauses freut sich, wohl auch über mich: Der Kleinste und Jüngste der Gruppe, von so weit her mit der Gitarre. Dann versucht es auch die Tochter der Familie. Ein paar Akkorde kann sie anschlagen.

23.7.1927 Högerud

Wir haben gut geschlafen, kochten uns etwas zum Frühstück, nahmen Abschied von der gastlichen Familie und zogen los. Fürchterliche Hitze. Gegen Mittag kamen wir an einen See. Erich übernahm das Abkochen: Linsen mit Rosinen. Wir anderen badeten inzwischen. Helmut, Lutz und ich ergatterten einen Kahn und fuhren übern See. Drüben am anderen Ufer stiegen wir aus und guckten den felsigen Grund hinunter. Die Körper von Fels und Sonne getrocknet und schön warm. Da fuhren Helmut und Lutz plötzlich mit dem Kahn los und ließen mich zurück. Was blieb mir anderes übrig, als hinterher ins Wasser zu springen? Schade, der Körper war gerade so angenehm angewärmt. Ich sprang. Brrr, wie kalt! Da sprang auch Lutz aus dem Kahn. Wir schwammen gemeinsam über den See zurück. Eine schöne Leistung. Ich war stolz, es geschafft zu haben. Lutz pustete erschöpft. Nun gab es Essen. Mmh, ein guter Fraß! Abends schliefen wir in einer Villa, da wurde gerade Geburtstag gefeiert. Auch für uns gab es reichlich und gut zu essen.

24.7.1927 Värmland

Nach dem Waschen wurden wir zum Frühstück eingeladen. Wie gastfreundlich sind doch die Schweden. Zum Dank sangen wir beim Abschied. Über endlose Kurven ging unser Weg, weiter, immer weiter. Ein Mann in Arbeiterkleidung kommt mit seinem Fahrrad vorbei, er spricht uns auf Deutsch an. Er freut sich darüber, dass wir sein Radebrechen verstehen. Er zeigt uns das Wasser, über das wir nun hinübermüssen. Wir lassen uns mit einer Fähre übersetzen. Ein Auto ist mit auf der Fähre. Wir fragen den Autofahrer: „Fa we oka med?“ Kurzes Kopfnicken. Im Auto machen wir es uns, trotz der Enge durch unser Gepäck, gemütlich. Wir singen, summen und klampfen. Aber bald werden wir wieder abgesetzt. Wir befestigen am Weg einen Zettel zur Orientierung für die anderen unserer Gruppe. Wir fragen eine Frau nach dem Weg. Sie lädt uns gleich zum Kaffee ein. Im Haus sitzt ein Mann, brummig und wortkarg. Wir singen. Er wird heiter, die Falten auf seiner Stirn glätten sich. Aber wir müssen weiter. Laufen und laufen. Wald, soweit man sehen kann. Wir kommen abends in ein Kirchspiel und übernachten beim Organisten.

Die Gruppe

April 1929 Südende

Ostern gehen wir in den Spreewald auf Fahrt. Trotz Schnee sind wir schon neun.

Mai 1929 Südende

Wir werden als Probegruppe in der „Deutschen Freischar“ anerkannt. Wir machen eine Pfingstfahrt an die Ostsee. Wir sind zehn! Drei Tage zelten wir zwischen Dünen und Wacholder auf Wollin.

Juni 1929 Südende

Sonnenwende. zwölf Jungen stehen am Feuer.

Juli 1929 Südende

Große Ferien. Die Jungen verreisen mit ihren Eltern. Ich fahre über den deutsch–schwedischen Schüleraustausch nach Västeras.

August 1929 Südende

Fünftagefahrt an den Wentowsee in Mecklenburg. Rudern, segeln, angeln, abends Lagerfeuer.

Oktober 1929 Südende

Herbstfahrt in die Altmark. Viel Regen, viel „Klotzen“.

Wir sind zehn. Apfelchausseen, gastfreie Bauern, Lastautos, die uns mitnahmen.

November 1929 Südende

Fünf–Männer–Nachtklotz von Südende nach Beelitz. 50 Kilometer.

26.12.1929 Südende

Mit neun Jungen fahren wir ins winterliche Riesengebirge auf den Braunberg bei Petzer zum Skifahren.

25.8.1931 Südende

Bin ich glücklich? In der Schule stehe ich nicht mehr ganz Fünf. Das mit meiner Jugendgruppe klappt vorzüglich. Ich habe sie gern, den Günter, Walter, Folkhart, Peter, Iltis, Hänschen, Kalli. Sie mögen mich auch und sind begeisterungsfähig zu jeder Sache, die ich anrege. Es ist schon etwas Besonderes, solch eine Jungengemeinschaft. Ich bin glücklich.

Am Abend war ich bei Erich Wendt. Er ist nun der älter gewordene Stammesführer. Manchmal ist er mir nah, manchmal ganz fern. Liegt es an ihm, liegt es an mir? Wird es mir später im Älterwerden ähnlich ergehen wie ihm? Dass die Jüngeren dann von einem abrücken? Dass dann all das Schöne der Gemeinschaft vorbei ist, zerplatzt wie eine Seifenblase?

26.8.1931 Südende

Klassenausflug der Obersekunda. Diesmal ohne Cliquenbildung. Ich soll sogar mit allen singen. Wudke, er gehört zum „Großdeutschen Bund“, sagt zu mir: „Die hier verhunzen ja doch alles!“ Aber als sie später Bier trinken und dämliche Witze über Mädchen machen, mischt er kräftig mit. Ich sondere mich ab und bin froh, allein zu sein. Ein Buch zu schreiben, schwebt mir vor. Ob ich es zustande bringe?

Spät am Abend gehe ich noch spazieren. Die Luft ist mild, der Mond beißt silbern in die Augen. Ich laufe durch die Laubenkolonie. Gegenüber der Kegelbahn hockt was. Ein Igel. Ein junger Mann bleibt auch davor stehen. Er sagt was, redet mit mir. Aber ich höre nicht hin, denke: „Kleines liebes Igelchen!“ Der andere streichelt den Igel. Wie schön die Hand im Mondschein. Der Igel trollt sich. „Guten Abend!“ sage ich. „Guten Abend!“ sagt der andere und jeder geht seinen Weg.

Oktober 1931 Südende

Bin mit meiner Gruppe auf Herbstfahrt. Sonne. Licht. Wasser. Wald. Flöße. Sägemühle. Mit einem der Flöße staksen wir los. Mitten auf dem See Gewitter. Blitz, Donner, Hagel. Kommen klatschnass ins nächste Dorf. In der Schnapsbrennerei des Gutes Baron von Knesebeck trocknen wir uns. Werden am Abend eingeladen zu Kartoffeln mit Speckstippe. Futtern, bis uns der Bauch weh tut.

November 1931 Südende

Ich verlasse die Oberrealschule Mariendorf. Suche Lehrstelle. Gibt keine.

13.6.1932 Südende

„Wer kann sich vorstellen, wenn er in einem Zug von Westend nach Südende fährt und auf einer Bank des leeren Wagens den Kopf in Gerhards Schoß gelegt, liegend die Augen schließt, dass er jetzt in Amerika auf einer Weltreise in einem Güterzug als Tramp fährt? – Ich, Dieter.“

22.6.1932 Südende

Heute sieht alles sehr grau aus, eine graue Wand, die bis ans Ende der Welt geht. Ich werfe mich mit aller Macht in die Jugendbewegung, um zu vergessen, was um mich herum ist.

Was hatte Dr. Krug, der Berufsberater zu mir gesagt: „Ungeeignet zum Führen, unkonzentriert, hochgradig nervös!“ Er warf mir auch den Schulabgang vor, weil ich nicht fleißig genug war. Ich möchte aber nicht leben wie die alte Generation.

Draußen die braune Scheißflut der Raufbolde mit protzigen Heil–Hitler–Gesichtern. Zehnmal lieber würde ich für die Kommunisten eintreten. Am Abend kommt Dieter. Wir unterhalten uns. Edler Menschen wegen, die für eine Idee eintreten, würde ich mich schon bestimmen lassen. Wütend aber machen mich die dummen, dickköpfigen Muskelprotze, von denen die Straße beherrscht wird. Dieter meint dagegen, wer den Staat haben will, muss auch das Volk beherrschen, das Volk ist dumm. Ich bin damit nicht einverstanden.

August 1932 Südende

Mit anderen Freischargruppen Hilfseinsatz bei Masurischen Bauern in Ostpreußen. Hans schreibt: „Gerhard bringt uns zu unserem Bauern. Ob der mit uns zufrieden sein wird, wo wir doch die Kleinsten der Gruppe sind? Aber die Bäuerin lacht, stellt mir Essen hin und unterhält sich mit uns. Um 12 Uhr kommt der Bauer, gibt mir freundlich die Hand und lädt mich zum Mittag ein. Nachmittags geht’s aufs Feld, Rüben hacken. Gemeine Arbeit. Aber man gewöhnt sich. Abends müssen wir noch Pferde ausspannen. Habe noch nie so gut geschlafen, wie nach diesem ersten Arbeitstag in Masuren.“

Unser Tagesablauf: 5 Uhr Wecken, Waschen im See. 5 Uhr 30 Frühstück, Feldarbeit. 9 Uhr: zweites Frühstück, Feldarbeit. 12 Uhr Mittagessen und Mittagspause. 14 bis 16 Uhr Feldarbeit. Kaffeetrinken. 16 bis 20 Uhr Freizeit mit der Jungengruppe. 20 Uhr: Singen am Lagerfeuer. 21 Uhr: Zapfenstreich.

Ich bin beim Kornmähen. Vor uns die Reihe der Bauern mit ihren Sensen. Wir dahinter stapeln und binden. Müssen uns beeilen, um dran zu bleiben. Die Sonne brennt. Da summt einer von uns ein Lied. Nun singen wir andern mit, dem Bauern gefällt’s. Abends dengelt er im Abendrot seine Sense und summt unser Lied.

Am Sonntag gestalten wir fürs Dorf einen Festnachmittag mit Zirkus, Sackhüpfen, Wurstschnappen und Verteilen von Urkunden für Gewinner. Am meisten wurde über unseren Zirkuselefanten gelacht. Am Sonntag danach führen wir ein Theaterstück auf. 250 Bauernfamilien schauen zu, auch aus den Nachbardörfern.

Von der Dorfjugend lassen wir uns das Lied „Trink, Brüderlein trink“ auf Polnisch beibringen. Klaus sang es dann beim Kühehüten. Bauer Radek spendierte uns zum Abschied Bohnen mit Speck, war traurig über unsere Abfahrt.

14.8.1932 Südende

Nachts konnte ich nicht schlafen, stand um 2 Uhr auf, zog mich an und ging spazieren, zwei Stunden. Unterwegs grübelte ich: Wie kann man ein Vaterland schaffen, in dem man sich wohl fühlt, ohne Nationalgetue und spießbürgerliche Gesellschaft?

Ich bin unentschieden, ob ich mit meiner Gruppe im Stamm Seeland bleibe. Oder soll ich alleine was machen? Ich komme zu keinem Ergebnis.

Mit Mama besuche ich am nächsten Tag das neue Häuschen in Biesdorf. Ist ‘ne ziemlich mickrige Angelegenheit. Südende wird meine eigentliche Heimat bleiben.

20.8.1932 Südende

Wir sind nun raus aus dem Stamm Seeland. Ich war nicht bereit, den ganzen Verein zu übernehmen. Mir genügt meine Gruppe. Mit Mama vertrage ich mich jetzt ganz gut. Aber mit Vati? Es ist unmenschlich heiß. Er sitzt vor dem Küchenschrank, nur mit einem Netzhemd bekleidet. Er holt eine Dose nach der anderen heraus, um etwas Erfrischendes zu finden. Er guckt bei diesem Geschäft, als erwäge er schwere Gedanken.

Liebes Tagebuch, du bist Helfer und Freund. Wenn ich dir etwas mitgeteilt habe, bin ich erleichtert, auch wenn mich vorher etwas bedrückte. Da ist die Freundschaft mit Peter Kalli, Werner, Folkhart, Dieter, den ich besonders gernhabe, nun auch Pius. Sie haben sich mir angeschlossen. Unsere Freundschaft, eine Lebensgemeinschaft. Weil ich die Jungen aus meiner Gruppe liebhabe, ist Südende meine Heimat.

7.9.1932 Südende

Ich komme von der Eignungsprüfung für Buchdrucker. Ich gehe zu Werner. Er ist krank. Ich lese ihm vor. Frank Thiess: Der Boykott. Beim Abschied umarmt er mich und will mich nicht loslassen. Ich bin ihm mehr als seine Eltern, Verwandtschaft und alles andre.

14.9.1932 Südende

Ich lese „Der Sieg des Lebens“. Dieter Bratt wird darin ins sogenannte Leben eingeführt durch aufmerksame Freunde. Sie brachten ihn zu einer Dirne. Unwillkürlich stellte ich mir beim Lesen Dieter Hase vor und fing plötzlich an zu heulen. Ich hatte sonst noch über kein Buch geheult. Durch die geöffneten Fenster strömt kalte Nachtluft herein. Hinter mit tickt die große Wanduhr. Hin und wieder fährt draußen ein Auto vorbei. Es ist schon so spät. Ich bin müde, bleibe aber wach und lese weiter. Vor Tagesanbruch kommen draußen die Burschen vom Markt und knallen ihre Bretter und Stangen vom Wagen, um die Buden aufzubauen. Morgens dann trippelt Vati über den Hof, vom Stall Holz zu holen. Nun gehe ich schlafen.

23.9.1932 Südende

Wir sind vier in Erichs Stube. Frau Wendt und ich plaudern, trinken Tee und futtern Lachsstullen. Herr Wendt, nach seinem Kohlenhändleralltag, liegt auf dem Chaiselongue, er ist vergnügt und lacht bei unserem Erzählen. Hund Tell liegt zu unseren Füßen. Mein toter Erich schwebt über uns. Herr Wendt erzählt vom Krieg, ich vom Arbeitsdienst, zu dem ich mich jetzt im Grunewald gemeldet hatte. Da kriege ich ein paar Groschen und warmes Essen. Gestern habe ich angefangen. Musste Schienen schleppen, dann mit der Lore dicke Steine fahren. Die Jungs da sind wüst, aber herzlich.

Gestern Abend hatte ich fast Fieber vor Schlappheit. Heute ging’s. Wir machen oft „Fuffzehn“. Schon als wir anfingen, sagte uns ein Kutscher, breitbeinig stand er da, die Hände unterm Lederschurz: „Bete leise, aber innig, arbeete langsam, aber sinnig! Und det, Jungs, merkt euch fürs Leben!“ Na, und wir haben uns das gemerkt!

Als Vater Wendt lachte, sah er wie Erich aus. Und die kleine Frau Wendt mit ihren übergeisterten Augen schaute zu mir herüber, als bestehe sie seit Erichs Tod nur noch aus großen Augen.

Dezember 1932 Biesdorf

Am Totensonntag war ich mit den Jungen der Gruppe am Grabe Erich Wendts. Nun steht sein Bild hier auf meinem Schreibtisch. Vor einem Jahr starb er, so lange schon ist es her.

Seit dem 15. Oktober arbeite ich als Schriftsetzerlehrling in der Hausdruckerei bei Laboschin (AG für medizinische Produkte) am Wedding, Tegeler Straße 14. Bevor ich meine Lehre anfing, war ich noch mit meiner Gruppe auf Herbstfahrt in Goldenbaum. Hirsche und Wildschweine, Sumpf und Wald.

Inzwischen sind wir aus Südende nach Biesdorf umgezogen. Stadtrandsiedlung Haus 40. Als ich Barlachs „Toten Tag“ las, schrieb ich auf einen Zettel: „Ich könnte vor Freude in meine Hand beißen.“ Dass das möglich ist, auch aus Elend so Großes zu schaffen!

Wenn ich in den Spiegel sehe, gefalle ich mir nicht. Freue mich aber, dass mein Herbststimmungsbild in einer Jugendzeitschrift abgedruckt wurde, bekam sogar Honorar dafür:

auch wenn der wind pfeift

und gelbes laub

von den bäumen reißt,

hörst du das große

wagenrad ächzen.

die braungrauen

holzspeichen knarren

mühsam im radkranz.

sie neigen sich, schwingen

langsam zur erde,

wenden im staub,

erklimmen zäh die höhe,

um in den himmel zu stoßen.

sie drängen und schieben

und meinen, sie kämen

ins blau. ihr höchster punkt

ist ihnen marterpunkt,

denn nun geht es mit

gesenktem leib in die tiefe,

in den staub zurück.

jede speiche nimmt diesen weg.

eine zwingt die andre.

ein eisernes gesetz zwängt

sie wuchtig in ihre

kreisende bahn.

so knarrt das große wagenrad

mit ächzender achse durch regen

und wind und fallende blätter.

huiiiiiiii, hörst du den ton?

Lehrzeit

3.1.1933 Biesdorf

Lilo Ernst, eine Freundin meiner Schwester Ursel ist im Haus. Kleiner flotter Bursch mit blauen Augen. Blond. Hübsch? Nee! Aber so ein hübsches Wesen. Ohne Aufdringlichkeit. Schlagfertig, dass ich mir dagegen manchmal wie ein Trottel vorkomme. Bombenstimme, besonders, wenn sie den „Roten Sarafan“ singt. Perlenzähne. Beim Abendbrot, das Zimmer ist überheiß, Augenfunkel. Nachher saßen wir noch und sangen. Ursel ging einen Augenblick hinaus. Lilo am Klavier, ich neben ihr. Ich sehe sie an. Ich könnte, aber ich tu es nicht, Ursels wegen, ich möchte sie ihr nicht wegnehmen.

Nachts, die beiden schlafen im Schlafzimmer, ich im Wohnzimmer, liege unbequem auf dem Sofa. Ekelhafte Luft. Ich versuche, mir etwas Sinnliches vorzustellen. Wenn sie auf Zehenspitzen leise hereingeschlichen käme, mich auf die Stirn küsste und „Gerhard“ flüsterte, dann wäre ich mir meiner nicht mehr sicher.

Nachts schlafe ich schlecht. Wieder schüttelt mich Qual und Weh der Trennung von meinen Südender Freunden. Ich beiße in die Wolldecke. Wozu nur weiterleben? Wozu nur alt und älter werden? Ich weiß keinen Rat. Ich bin nun mal kein Intellektueller. In der Schule gaben sie mir den Rat: „Gehn se ab und machen se was Praktisches!“ Aber in mir diese unruhige Glut, dieser Sturm: Ein großes, erfülltes Leben – oder gar keins! Draußen dämmert schon der Morgen. Mir fällt ein Wort ein, erst fern und ohne Sinn, dann aber nah und wichtig, wie Salbe im Schmerz. „Tatkreis“. Hej, das ist die Lösung. Mit anderen zusammen etwas tun und schaffen, dass Großes draus wird. Wenn mich morgen der Arzt wieder gesundschreibt, gehe ich an meine Arbeit und ich freu mich drauf.

4.1.1933 Biesdorf

Lilo ist nun weg. Schade. Unser Haus nun leerer, grauer. Das schelmische Blitzen ihrer Augen, kindlich und reif, das war’s, was mich anzog. Ich spreche mit Ursel über den Südender Jungenkreis. Ich muss erst mit mir selber fertig werden, dann erst kann ich ihnen etwas sein. Ich ergreife jetzt manchmal die Partei der Eltern. Zu Peter hatte ich gesagt: „Sei nicht frech zu ihnen, sie wollen wie ich, dass aus dir etwas wird!“

Ich träumte, ich wär in unserer Südender Hofwohnung. War dabei, mich mit Brandbomben gegen eine Menge zu verteidigen. Beim Aufrichten hinter meinem Holzverschlag die Gefahr, selber getroffen zu werden. Ich hatte wahnsinnige Angst vorm Sterben. Als ich aufwachte, dachte ich: „Wat biste für ein Held!“

8.1.1933 Südende

Bob, Achim und ich stehen mit Werner auf der Straße. Bob schildert, wie er geknechtet wird, von Lehrern und vom Vater. Ich tröste ihn. Bob muss rauf. Wir klettern indes über den Zaun auf den Hof. Hier ist es schwarzdunkel. Bob klettert an den Weinranken aus seinem Zimmerfenster wieder zu uns herunter. Wir klönen weiter. Die Eltern wissen von nichts. Wir besprechen die Dienste der Jungs in der Gruppe. Ich hatte mir vorgenommen, nun einigen Klampfe und Flöte beizubringen.

6.2.1933 Südende

Ich spreche mit Werners Eltern. Der alte Herr ist mächtig aufgeräumt. Alt, aber gesprächig. Seine Frau will den Jungen am Sonnabend nicht mit zur Fahrt lassen. Er sei überanstrengt usw. Ich sage den Eltern: Die Fahrt lockert und löst. Werner darf mit.

An diesem Tag war ich in einer Kunstausstellung bei Cassirer. Ich sah Plastiken von Ernst Barlach: „Die Bettlerin“: braunes Sandelholz, bittende, wunderbar geschwungene Gestalt, die Linien bitten alle mit, „Die Kupplerin“: Sie lupft das Tuch, darunter der Oberkörper eines Mädchens.

Bilder von Karl Hofer: Ansätze zum Kubismus. Zum ersten Mal kann ich mich in diese Art reindenken, kann deuten und verstehen. So die „Frau im Spiegel“: Reflexe auf den Kleidern, zwischen der Brust. Spiegelempfindungen, Gefühle, die sich mit Worten nicht ausdrücken lassen. „Bogenschütze“ besteht nur aus Auge und Bogen. „Zwei Mädchen“: steife, dumme Figuren, doch auch hier wie bei der „Frau im Spiegel“ werde ich durch Linien, die symbolisieren, erregt. Da der Arm, dumm und plump, aber er liegt um den Hals der anderen. Ich spüre dieser Geste mädchenhafte Liebe ab.

Georg Kolbe: Da habe ich den Plastiker, da hab ich ihn. Auf meinem Schreibtisch zu Haus hab ich eine Abbildung des „Herabsteigenden“. Kolbe ein Menschenformer, so beglückend schön. Seine Mädchenkörper sind so eben, unendlich eben. Ich kann dazu nichts sagen, ich fühle nur Glück. Ich möchte streicheln, mitnehmen, ewig besitzen, das leichte Dehnen und Sehnen.

Schließlich Bilder von Schmidt–Rottluff, mit großer Farbenkraft und Frische. „Am Belasee“: das ist das beste. Ein Steg führt in die offene See. Der Himmelsschein. Unendliche Tiefe.

Beim Nachhausefahren saß ich im falschen Zug. Als ob ich aus einem Schlaf aufwachte, merkte es erst an der Endstation. Schnell raus und in einen anderen Zug. Zwei Stunden mit Zugfahrt verplempert. So geht es mir jetzt manchmal. Bin jetzt so gleichgültig unterwegs, lese, schreibe, knabber irgendwas. Das kann nicht so weitergehn. Das muss mit mir anders werden.

15.2.1933 Biesdorf

Ich liege im Bett und schnaufe. Bonsels Buch „Indienfahrt“ liegt aufgeschlagen in meinem Kopf. Geh weg von dem täglichen Kleinklein und Hasten. Erkenne doch endlich dich und dein Glück. Naturverbundenheit, du, der Wald und das Wild, dazwischen darf nichts liegen. Erst dort bist du wahr und glücklich. – Aber ich werde nicht aufhören mit meiner Lehre. Das Arbeiten darf mir nicht zum Alb werden. Auch der Schriftsatz und die Maschine haben ihre Reize.

Ich bin krank: Grippe, Unterernährung, Schwäche. Die Fahrt am letzten Sonntag gab mir den Rest. Wie viel habe ich in der letzten Woche geschlafen? Fünf Stunden, Sonnabend nur zwei Stunden. Ein warmes Mittagessen hatte ich nur am Freitag. Sonst trockene Stullen. Nun die Fahrt an die Löcknitz. Mondbeschienen. Eiskalte Wiese. Drei Grad Kälte. Wir übernachteten am offenen Feuer. Vorher der Weg durch feuchte Sumpfwiesen. In unseren Schlafsäcken lagen wir auf Schilfhaufen, die von Eis knisterten.

Während ich das hier schreibe, kommt Mama ins Zimmer. Sie klagt über unsre Not. Ich werde grob: Na dann mach Schluss, häng dich doch auf. Sie schluchzt. Ich streichle begütigend ihre Haare. Mir schnürt’s die Worte ab. Ich will ihr sagen: Mama, wir verdienen es nicht anders, wenn wir uns von solchem kleinmaterialistischen Mist unterkriegen lassen. Denk doch an Frau Wendt. Diese Frau hat alles Materielle. Nur nicht ihr Liebstes, ihren einzigen Sohn. Sie ist unsagbar einsam. Ihr schmeckt nichts. Sie will das Grab, sonst nichts. Aber ich kriege kein Wort heraus. Streichle über den schwarzen Kopf mit den ersten Silberfäden, zart, langsam, zu plump, zu grob mit meiner schweißigen Arbeiterhand. Mutter geht hinaus und kramt im Nebenzimmer herum.

18.2.1933 Biesdorf

Ich bin immer noch krank. Lese immer noch in Bonsels Indienträumen. Das Bejahen von Tier und Blume. Die Bettdecke voll Hitze und Schweiß. Im Zimmer riecht es stickig. Wenn ich die Füße aneinander reibe, ist es glitschig. Ich nehme einen meiner Füße in die Hand. Der kleine Zeh ist vom Schuhtragen verbogen, angekrüppelt. Mein Körper schmerzt vom vielen Liegen. Was bin ich für ein Schlappschwanz.

23.2.1933 Biesdorf

Ich komme von der Arbeit nach Hause. Bin froh. Nun ist auch Ursel in unsrer Firma angestellt. In der Packerei. Anscheinend hatte ich dem Chef leidgetan. „Armer Kerl, der Kühn, ohne Mittagessen, Brote ohne Belag“. Der Krummbeinige hatte es dem Meister gesagt, der hatte es dem Chef weitergemeldet. Und der Chef ließ mich zu sich kommen. Durch eine gepolsterte Tür ins Chefzimmer. Er, eine dicke Zigarre im Mund. Ich, der Lehrbub, erzählte von Vati, von Ursel, von der Not zu Haus. So kam es zur Einstellung. Ich machte Ursel Mut: Deine Musik kannst du immer noch machen.

24.2.1933 Biesdorf

Nach der Arbeit fahre ich nicht nach Südende. Die Gruppe wartet auf mich heute vergeblich an ihrem Nestabend. Zu Hause übe ich die Lisztsche Rhapsodie harter Energie, schwelge in Tönen und Klängen. Dichte und schreibe ein bisschen. Das macht mir Freude.

8.3.1933 Biesdorf

Heute Morgen bei der Arbeit am Wedding. Die Maschinen summen. Ich bin prächtig ausgeschlafen und habe guten Mut. Der Geselle Schumm. Schon am Morgen mit Schnaps. Mensch, dir geht deine Schönheit flöten, bist ja auch schon ein Gespenst, außerdem stinkst du. Schade um dich. Jetzt bleibt dir bloß blöde Witzigkeit. Wir grienen, wenn du mit deinen Chaplinbeinen hin und her schwankst, vor und zurück. Tust uns leid. Dein Finger sticht in die Luft, als wolltest du eine Rede halten. Die Zunge hängt dir raus, Mensch.

10.3.1933 Biesdorf

Heute ist Freitag, es hat Geld gegeben. Heute kriegte jeder eineinhalb Koteletts und einen Riesenberg Kartoffeln. Dazu noch rote Möhren. Vormittags schon spielte auf dem Hof der Fabrik der Leierkastenmann. Da hüpfen die Herzen bei der Arbeit schneller in Gedanken an die Lohntüte und den Abend. Abends übte Ursel im Haus unten Cello. Ich fühlte mich einsam. Draußen lag gelber Mond überm Dach.

13.3.1933 Biesdorf

Heute hab ich während der Arbeit zu den Frauen rüber geguckt. Muss aufpassen, dass der Schädel des Meisters nicht auftaucht, gleich hinter der Maschine. Die „Doofe“ vorn steckt gerade ihren Finger in die Nase. Zieht ihn aber schnell wieder heraus, als sie sieht, dass ich hingucke.

14.3.1933 Biesdorf

Vormittags stehe ich am Setzkasten. Schumm sagt: „Jeh schnell weg, sonst jibts eine jebretzelt!“ Er watschelt an mir vorbei und sagt zum Gesellen Weidehoff: „Wat grienste denn, Maas?“ Er ist wieder so schnapsfett, dass er Maas und Weidehoff nicht mehr auseinanderhalten kann.

15.3.1933 Biesdorf

Während der Arbeit heute war ich deprimiert. Mir geht durch den Kopf: „Die Freischar nur durch die Nationalsozialisten legalisiert.“ Was haben wir mit denen zu tun?

Nach der Arbeit geh ich am Hafen spazieren. Noch kalt, aber sonnengoldig. Ich habe die Hände in den Taschen und schlendre an den Schiffen vorbei. Gierig sauge ich die Luft ein. Wenn ich nun ein Tramp wär? Müsste mir hier eine Heuer suchen. Ich befühle meine Hände, die könnten schon hart arbeiten. Während ich weitergehe, versuche ich den Seemannsgang nachzumachen. Drüben kreischt eine Säge. Vom Wasser– und Holzgeruch sauge ich mir die Lungen voll und träume von der Zukunft.

16.3.1933 Biesdorf

Mit den Jungen diskutieren wir über Menschenrassen, über den französisch–romanischen Typ, den slawischen und den deutsch–nordischen Typ. Pius guckt mich dabei so dämlich an und meint, nun fehle uns nur noch das braune Hemd der Hitlerleute.

Mehr und mehr bricht meine Theorie zusammen, nur durch gegenseitige Freundschaft unsre Gruppe zu erhalten. Zwar sagt Kalli, er ist jetzt in der Bäckerlehre: Mir sind unsere Fahrten und Freundschaften das Einzige, was mich an den Wochenenden froh macht, Kanisterfüllung für die Arbeit der Woche danach.

22.3.1933 Biesdorf

Heute Vormittag am Arbeitsplatz murmelte ich: „Verfluchter Meister!“ Er hatte gesagt: „Schumm, lassen Sie von Gerhard den Kasten säubern, dazu ist er ja da!“ Schumm und Geselle Kleinvogel waren noch besoffen, gestern hatten sie den „Aufbruch der Nation“ im „Storchennest“ gefeiert. Ich hatte mir gestern unterwegs einen Rollmops gekauft und auf der Straße gierig verschlungen. Wie verfressen ich doch bin.

Die Nacht in Biesdorf. Die Sterne überm Haus. Aus Marzahn das Flattern der Festtrompeten bis zu uns herüber, dazwischen das „wumm wumm“ der Pauken. Ich blieb allein.

4.4.1933 Biesdorf

Ich bin krankgeschrieben. Ringsum die Volksfeste, Aufmärsche und Paraden. Verbrüderung der Jugendbewegung unter Admiral von Trotha. So viele blöde Reden, so viel Käse mit Angabe.

8.4.1933 Biesdorf

Am Abend gehe ich über die Felder. Da die Mühle, das Dorf …

Danach setze ich mich ans Klavier. Ich schlage einen Bachband auf und spiele. Schlichte Melodien mit unerhörtem Klangreiz. Mich hat’s gepackt. Bach. Früher waren es Beethoven, Liszt und Brahms. Aber hier bei Bach begriff ich zum ersten Mal in meinem Leben Musik. Ruhig und froh, was für ein Glück kommt da in mein Leben. Alles andre versinkt.

28.4.1933 Biesdorf

Heute habe ich mich bei Ursel ausgeheult. Ich will mich von der Jungengruppe zurückziehen.

24.5.1933 Biesdorf

Bei aller Not zwischendurch, auch meine Fresslust. Kaufe unterwegs Kuchen und futtere und futtere, schäme mich danach, aber der Trieb ist größer. Habe aber auch Freude an hundert Kleinigkeiten, an Blumen, Blüten, Bach und an der ruhigen Vollendung eines Werktages.

25.5.1933 Biesdorf

Die Augen der Menschen sind dein Spiegel. Denk mal, sogar in gemeinen Pfützen vermagst du dich ziemlich klar zu sehen. Das, was Menschen Natur nennen, ist doch eigentlich Unnatur. Denn Natur heißt, nach deiner Bestimmung leben. Unnatürlich: Lebt ein Tier wie eine Pflanze, ein Mensch wie ein Tier? Nietzsche spricht vom „Übermenschen“. Meint er damit „Übertier“?

In der letzten Woche war ich zum ersten Mal in einer NSVO–Versammlung des Betriebes. Eine Arbeiterversammlung. Mit schwieliger Faust hieb der Redner auf den Tisch, in die Luft. Phrasen und falsches Deutsch. Er spuckte hier hin und da hin. Auch der nächste Redner machte sich lächerlich, als er naiv behauptete, er werde unter den Versammelten den Spitzel noch rauskriegen. Krankemann saß mit seiner Zukünftigen. Er wie ein Ringkäse, steif und bleich. Maas hantierte mit Gentleman–Biertischgesten zwischen den Frauen. Lehrling Kurt und ich saßen nebeneinander. Ringsum schnatterte es. Einer bestellte „Molle hell“ für eine Dame von „oben“. Mein Bedarf an Typen wurde hier reichlich gedeckt. Eine mit einem schiefen Deckel als Hut erzählte Anekdötchen. Ich hätte Lust, mit ihr anzubändeln.

29.5.1933 Biesdorf

Weil’s nach frischem Holz riecht, ist es schön in unserem Haus. Ich hab’s Vati vorhin durchs Fenster reingereicht, auch mein ganzes Zimmer duftet danach. Vati ist braungebrannt. Seine Augen blau. Auch Mamas Blick ist schön an diesem Tag. Rolf, unser Hund, hat ein einfältiges Gesicht. Seine Augen haben gelben Bernsteinglanz.

Die Eltern von Werner Paul sagten mir: Gott sei Dank wird in euren Jugendgruppen kein Wert auf das Militärische gelegt. Vater Paul setzte hinzu: Ich bin Maler, ich beuge mich nur freiwillig, nur in Freiheit! – Am Himmelfahrtstag waren wir mit der Gruppe in Genshagen. Gestern die Bündischen im Grunewald: Ernst Kienast, Rudi Brée, Hans Thum, Walter Praetorius – alles edle Ritter. Ich dazwischen wie eine Fehlanzeige.

30.5.1933 Biesdorf

Vor Gruppenabenden übernachte ich manchmal bei Frommes in Lichterfelde. Herr Fromme sitzt mit Schillerkragen am Flügel und schwelgt, seine Söhne Pius und Dixi hören zu. Fromme spielt die „Meistersinger“. Zwischendurch erklärt er einige Stellen und wiederholt die Melodien, um zu verdeutlichen. Frau Fromme mit ihrem feinen Gesicht und den leuchtenden Augen ist auch dabei. Ich als Fremdkörper dazwischen. Ich log, als ich gefragt wurde, die Meistersinger, natürlich kenne ich sie! Aber als Vater Fromme mich nach anderen Opern fragte, sagte ich die Wahrheit, dass ich kaum eine kenne. Neben dem schwarzen Flügel eine braune Plastik von Gerhard Marcks, dem Freund der Familie. Pius und Dixi blieben stumm. Als wir in ihre Zimmer hinaufgingen, erklärten sie mir, ich sei ein Überläufer, halte wohl mehr zu den Eltern als zu ihnen.

2.6.1933 Biesdorf