Himmel und Schwert: Herrscher - Verena Nebl - E-Book

Himmel und Schwert: Herrscher E-Book

Verena Nebl

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Beschreibung

Den dunklen Wächtern ist es scheinbar endlich gelungen. Sie stehen an der Schwelle zur Befreiung ihres Herrn und Gebieters, des dunklen Drachen. Worauf warten sie also noch? Wird der Kampf nun wieder in einen weltenzerstörenden Krieg ausarten? Werden Sora und ihre Kampfgefährten stark genug sein, um es mit dem dunklen Drachen höchstselbst aufzunehmen? Kann Sora ihre Erzfeindin, Olga Romanowa bezwingen, da sie nun im Vollbesitz ihrer Kräfte zu sein scheint? Die Ruhe vor dem Sturm verspricht Schmerz und Pein. Tod Gefahr Ein Überraschungsangriff...

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Verena Nebl

Himmel und Schwert: Herrscher

Die Zeit des Krieges rückt immer näher. Trotz all der Vorbereitungen in ihrer Schule für Kampftechniken und Magie... werden Sora und ihre Freunde es mit den dunklen Wächtern aufnehmen können oder enden sie schließlich doch so wie der dunkle Drache: in einem finsteren Verließ unter der Erde?

Band 3: Herrscher

Den dunklen Wächtern ist es scheinbar endlich gelungen. Sie stehen an der Schwelle zur Befreiung ihres Herrn und Gebieters, des dunklen Drachen.

Worauf warten sie also noch?

Wird der Kampf nun wieder in einen weltenzerstörenden Krieg ausarten?

Werden Sora und ihre Kampfgefährten stark genug sein, um es mit dem dunklen Drachen höchstselbst aufzunehmen?

Kann Sora ihre Erzfeindin, Olga Romanowa bezwingen, da sie nun im Vollbesitz ihrer Kräfte zu sein scheint?

Die Ruhe vor dem Sturm verspricht Schmerz und Pein.

Tod

Gefahr

Ein Überraschungsangriff...

Ein Roman von Verena Nebl

Verena hat noch bevor sie lesen lernte von ihrer Oma einen dicken Fantasy-Roman zum "Üben" bekommen. So wurde ihr Weg bereits vorgezeichnet und schnell fand man sie selten ohne ein Buch, sobald sie die Zeichen entziffern konnte.

Nicht lange danach begann sie ihre eigenen Welten zu kreieren und darin ihre Geschichten zu spinnen.

Ehe sie es sich versah hatte sie Grundlagen für ein gutes Dutzend Bücher.

Die Altmettenerin lebt und arbeitet im beschaulichen Niederbayern.

Widmung:

Dieses Buch soll all jene begeistern, die Drachen und die Magie von den Elementen lieben, übrigens, wer mit den vielen Charakteren ein Problem hat, am Ende befindet sich ein Who is Who

Viel Spaß beim Lesen

Triggerwarnung:

Genauere Beschreibung von Tod, Folter, Verstümmelung, Verlust von Angehörigen, Krieg, sexuelle Handlungen

Teil 1:

Sora: Chaos

Ein Knallen wurde laut. Oder besser gesagt drei kleinere Explosionen quer im Saal verteilt.

Unser Plan schien aufgegangen zu sein. Denn in unseren Reihen erschienen anstelle von drei verdächtigen Schülern drei magische Kreaturen. Ein Gaiawolf und eine zierliche Waldelfe erschienen in unserer Mitte. Die dritte Kreatur blieb nicht lange sichtbar. Ich konnte nur einen flüchtigen Blick auf einen pelzigen Kopf und große, schaufelförmige Hände erhaschen. Ein Windgräber, der sich sofort eingrub und dadurch unsichtbar wurde.

Die anderen beiden konnten sich jedoch nicht so leicht vor uns verbergen. Der Gaiawolf bleckte sogleich die Zähne und knurrte die versammelte Schülerschaft bedrohlich an.

Ohne noch eine Sekunde zu zögern, zückten die Lehrer und diejenigen unter den Schülern, die in den Plan eingeweiht waren, ihre Klingen und stürzten sich in den Kampf.  

Die übrigen Schüler waren noch einen Augenblick ihrer Schockstarre ausgeliefert, schwängerten doch einen Sekundenbruchteil später die Luft mit ihrer knisternden, kühlen, nassen oder heißen Magie.

Mitten im Saal tobte plötzlich ein Wirbelsturm, der den Gaiawolf erfasste. Die kleine Waldelfe war zwar für ihre Rasse außergewöhnlich stark, aber abwenden konnte sie diesen Sturm nicht. Lediglich schwächen. Das verhinderte jedoch nicht, dass der Gaiawolf bis ans andere Ende des Saals geschleudert wurde und sofort von Schülern und Lehrern eingekesselt war.

Die winzige Waldelfe konnte den Angriffen meiner Mitstreiter geschickt ausweichen. Taktisch clever manövrierte sie sich immer weiter an den einzig offen gebliebenen Ausgang und schob sich Stück für Stück näher an ihren Fluchtweg.

Die Waldelfe konnte ich nicht länger im Auge behalten.

Scarlett kam aufgeschreckt auf mich zugestürmt und verlangte völlig außer Atem nach Antworten.

„Ich erkläre dir alles später!“, versprach ich und beschloss, mich dem Kampf gegen den Gaiawolf anzuschließen.

Mit gezückten Dolchen stellte ich mich dem krallenbewährten Unhold, der mich während unseres Zweikampfes gekratzt hatte, als es noch eine menschliche Gestalt gehabt hatte.

Mit einem Hechtsprung wich ich einem tödlichen Biss aus. Der Gaiawolf hatte nur knapp meinen Kopf verfehlt, doch nun war ich in der Lage zu kontern.

Ohne zu zögern trieb ich meinen Dolch in seine Flanke, wohl darauf bedacht, keine lebensgefährliche Wunde zu verursachen. Wir mussten diesen entlarvten Spion immer noh befragen. Tot nützte er uns nichts.

Kurzzeitig war ich von meiner Kaltschnäuzigkeit angewidert.

Noch vor einem Jahr hatte ich ein völlig sorgenfreies Leben in der Welt der Menschen geführt, hatte saubere Hände gehabt.

Heute waren meine Hände klebrig.

Heißes Blut machte meinen Griff um den Dolch unsicher, meine Hände wurden glitschig, gleichzeitig klebten meine Finger aneinander. Das Blut des Gaiawolfes war dunkel, fast schwarz, floss in Strömen.

Ich hatte das Gefühl, darin zu baden, darin zu ertrinken.

Früher schon hatte ich ordentlich ausgeteilt, hatte sogar gegen Olga Romanowa einen KO-Treffer landen können. Doch das Blut, das meine Hände nun dunkel färbte, gehörte zu jemandem, der sich als Freund ausgegeben hatte.

Dieses Gefühl des Verrats verursachte einen bitteren Geschmack in meinem Mund. Galle stieg mir hoch und ich musste den Würgereflex unterdrücken.

Der Geruch des Blutes ließ mich schaudern.

Dieser Gaiawolf hatte die Gestalt eines Kameraden gestohlen, eines Mitschülers, eines Freundes. Und dafür hatte er nun den Preis gezahlt.

Mit Blut und Schmerz hatte er für seine Sünden gebüßt.

Doch die wahre Tortur lag noch vor ihm.

Er würde sich dem Verhör unterziehen müssen. Wir mussten herausfinden, was mit den Schülern geschehen war, deren Plätze diese magischen Kreaturen eingenommen hatten.

Was danach mit diesen Wesen geschehen würde, wenn sie uns nicht mehr nützlich wären, daran wollte ich nicht denken. Ich wollte mir nicht ausmalen, wie diese Spione auf unser Geheiß hin ihr Leben aushauchen würden.

Denn genau das würde eintreten.

Ihr Verrat war ein anderer als der des armen Cap. Der kleine Gnom war von William Armstrong gezwungen worden, uns auszuspionieren. Ein Zauber hatte auf ihm gelegen. Ihm war keine Wahl geblieben.

Im Gegensatz zu diesen Kreaturen.

Diese drei hatten sich entschieden, hatten aus freien Stücken die Wahl getroffen, sich gegen den Drachen des Lichts zu stellen und gegen uns zu kämpfen.

Dieser Gaiawolf hatte sich sein Ende selbst zuzuschreiben.

So versuchte ich, das Blut an meinen Händen zu rechtfertigen, doch der Knoten um mein Herz zog sich nur noch enger zusammen, schnürte mich ein, ließ mein Herz rasen.

Pochen.

Zerreißen.

Zerspringen.

„Die Waldelfe und der Windgräber sind entkommen“, hörte ich Professor Jones das Kampfgeschehen zusammenfassen.

Erst jetzt bemerkte ich die Totenstille, die im Saal herrschte und lediglich von ohrenbetäubendem Keuchen unterbrochen wurde.

Alle waren außer Atem.

Überwältigt.

Schockiert.

Traumatisiert.

Wir hatten diese Versammlung einberufen, um mit Professor Cromwells Kräutern die Spione in unseren Reihen zu entlarven. Von diesem Plan hatte allerdings nur die Führungsriege gewusst. Neben einigen Lehrern schloss dies die Herrscher und Jacob mit ein.

Für alle anderen war aus dem nichts ein Kampf losgebrochen. Womit meine Mitschüler gerechnet hatten, konnte ich nur vermuten.

Vielleicht mit einer Krisensitzung bei der Professor Jones vermuten zur äußersten Vorsicht gemahnt hätte und einige Schüler für den Kampf an vorderster Front rekrutiert hätte. Mit Sicherheit hatte niemand kommen sehen, hier und jetzt seine Waffen gegen entlarvte Spitzel einsetzen zu müssen.

Denn natürlich waren die Schüler zu jeder Zeit bewaffnet. Jeder musste zu jeder Zeit kampfbereit sein. Auch wenn einen derartigen Ernstfall nur wenige von uns schon erlebt hatten.

So führte selbst der unscheinbarste unter uns zumindest einen Dolch im Stiefel oder ähnliches mit sich.

Daher verwunderte es mich nicht weiter, als ich meinen Blick nicht über gewöhnliche Schüler schweifen ließ, sondern über eine Horde bis an die Zähne bewaffneter junger Erwachsener.

Und aller Augenpaare waren auf den vom Blutverlust bewusstlosen Gaiawolf zu meinen Füßen geheftet.

Professor Cromwell klappte einen langen Speer zusammen, bis er so klein war, dass sie ihn in eine Tasche an ihrem Kittel stecken konnte. Dass Magie im Spiel war, war offensichtlich. Kein Speer der Welt konnte auf natürlichem Wege kleiner werden als ein Bleistift.

In diesem Moment schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, oder vielmehr eine Frage: Würde diese Welt jemals aufhören, mich zu überraschen?

10 Verletzte. Davon allesamt nur leichte Prellungen und oberflächliche Schnittwunden, verursacht von dem Gaiawolf, der einmal Liam gewesen war.

Eigentlich keine schlechte Bilanz.

Allerdings war der Gaiawolf der Einzige der entlarvten Spione, den wir hatten festsetzen können. Die Kreatur hatte von allen Kampfbeteiligten noch den größten Schaden davongetragen. Professor Cromwell sorgte derzeit dafür, dass er nicht an seinem Blutverlust starb, damit wir ihn noch verhören konnten.

„Was genau ist nun geschehen?“

„Wir verdienen Antworten!“

„Was ist mit Liam, Nazar und Cho?“

„Wie war das möglich?“

So wurden zahlreiche Stimmen im Saal laut. Viele der Schüler waren aufgebracht.

Verständlich.

Wir hatten sie ins kalte Wasser geworfen und einen Kampf provoziert, um die Identitäten der Spione aufzudecken.

„Begebt euch auf eure Zimmer. Bleibt wenigstens in Zweiergruppen zusammen. Je mehr ihr seid, desto besser. Und wartet auf weitere Anweisungen“, war alles, Professor Jones noch zu sagen wusste, ehe er zusammen mit Professor Campillo, Kyo und Professor Cromwell den blutüberströmten Gaiawolf nach draußen trug und unsere Lehrkräfte aus unserem Blickfeld verschwanden. Professor Jones hatte entschieden, das Verhör an oberste Stelle zu setzen und den Schülern erst später Rede und Antwort zu stehen.

Tausend Fragezeichen standen in den Gesichtern der versammelten Schüler. Nur einige Herrscherkinder waren noch unter uns. Die übrigen Lehrer und Herrscher hatten sich dem Verhör angeschlossen. Guilherme übernahm nun.

„Ihr müsst im Moment nicht mehr wissen als das eine: unter uns waren 3 magische Kreaturen, die sich mit einem Zauber als Schüler ausgegeben hatten. Dieser Zauber wurde dank Professor Cromwell gebrochen. Die Lehrer übernehmen nun die Befragung des entlarvten Gaiawolfes. Es ist nun alles in Ordnung. Dass noch einer von uns ein Spion ist, das ist relativ unwahrscheinlich. Verhaltet euch trotzdem so wie Professor Jones uns angewiesen hat. Bleibt zusammen. Am besten in größeren Gruppen. Die Situation ist unter Kontrolle.“

Mit diesen Worten schloss er sich mit Ljudmila, Ryota und einigen anderen zusammen und ließ uns mit den vielen Fragezeichen alleine.

Scarlett, Viola, Hayate, Wladimir und Matias standen sofort hinter mir.

Wladimir hatte mit grimmiger Miene die Arme vor der Brust verschränkt, schwieg jedoch. Kein gutes Zeichen. Eigentlich hatte ich erwartet, dass er sogleich drauflospoltern würde und eine Schimpftirade auf mich herniederprasseln lassen würde. Sein Schweigen bedeutete, dass er wirklich sauer war. Matias dagegen musterte mich besorgt.

„Gehen wir rauf. Da können wir in Ruhe reden“, schlug Hayate vor. Dankbar, dass er die Situation zumindest für ein paar Minuten entschärft hatte, führte ich unsere Gruppe in mein Schlafzimmer.

Als ich die Tür öffnete wurde ich zum zweiten Mal an diesem Abend zu Tode erschreckt. Diesmal jedoch war es ein Freudenschrei, der sich aus meiner Kehle löste.

„Viola!“

Keuchend fiel ich meiner Sandkastenfreundin um den Hals und wir sackten gemeinsam zu Boden.

Viola: Geständnisse

„Hey, war ich wirklich so lange weggetreten, dass ihr schon meine Beerdigung geplant habt, oder wie?“, witzelte ich, obwohl mir selbst die Tränen über die Wangen rannen.

Lange war ich nicht wieder bei Bewusstsein, ich war erst vor ca. 1 Stunde wieder zu mir gekommen, als mich ein lauter Knall wieder ins hier und jetzt befördert hatte.

Wie unter Drogeneinfluss hatte ich erkannt, wo ich mich befand: in der Krankenstation.

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass irgendwo Trümmer herumliegen würden. Immerhin war ich durch eine Art Explosion oder dergleichen wieder zu Sinnen gekommen. Aber in der Krankenstation war alles friedlich.

Draußen jedoch nicht.

Von fern drang Kampflärm an mich heran.

Die aufkommende Übelkeit verdrängend, eilte ich in die Flure.

Schreie wurden laut.

Stimmen, nein das Flattern von winzig kleinen Flügeln. Irgendwo in der Nähe mussten kleine Elfen herumschwirren.

Instinktiv hatte ich eine Verbindung aufgebaut, jedoch hatten die beiden nicht mitbekommen, wie ich sie belauschte.

Sie hat es.

Wir müssen sofort verschwinden.

Das Medaillon ist in ihren Händen, dann ist unser Teil der Abmachung erfüllt. Nun müssen sie sie freilassen.

Und wenn sie sich trotzdem weigern?

Dann sind wir verloren.

„Wen haben die dunklen Wächter?“, polterte ich sogleich hinter der Ecke hervor, und sprang in die Richtung, in der ich die drei kleinen Elfen vermutete.

Erschrocken quietschten die drei sofort drauflos und flatterten wild umher.

Eigentlich wollte ich kein derartiger Grobian sein, aber ich war im Krankenflügel gelegen, bewusstlos (offensichtlich), ich hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging und wie lange ich weggetreten war. Natürlich war ich wütend, gereizt und geladen. Das rechtfertigte allerdings nicht was ich nun tat: wie ein dreijähriger, der einen bunten Schmetterling zum ersten mal von Nahem sah, griff ich in die wild flatternde Schar der kleinen Waldelfen und bekam tatsächlich eine von ihnen zu fassen.

Verzweifelt biss die kleine mir in den Zeigefinger.

Den Schmerz wegblinzelnd hob ich die Hand vor mein Gesicht und zischte: „Wenn ich euch helfen soll, müsst ihr mir schon sagen was los ist. Hör mal, ich hab mörderische Kopfschmerzen, mir ist speiübel und offensichtlich sind die dunklen Wächter gerade dabei die Schule zu überrennen, schon wieder! Also würde mir bitte mal jemand erklären, was zum Teufel hier vor sich geht?!“

Meine Stimme war immer weiter angeschwollen.

Eigentlich hatte ich nicht schreien wollen, aber eigentlich hatte ich mich ja auch nicht wie der letzte Depp benehmen wollen und die Kleine einfach so aus der Luft fischen.

Aber ich hatte es getan und würde nun nicht kleinbeigeben.

Die dunklen Wächter haben uns erpresst. Sie haben sie entführt!

Sei still, zischte eine andere und hielt derjenigen, die gerade geredet hatte, den Mund zu. Die dritte versuchte gerade vergebens, an meinen Fingern zu rütteln, um ihre Freundin zu befreien.

Es ist doch ohnehin schon zu spät. Wir sind auf die dunklen Wächter angewiesen, dass sie sie freilassen. Aber was wenn sie sich weigern?! Wir brauchen Hilfe!, schluchzte die Kleine.

Mir riss allmählich der Geduldsfaden

„Klartext, bitte!“, knurrte ich, was diejenige, die an meiner Hand rüttelte, dazu veranlasste, sich hinter der gefangenen Freundin zu verstecken.

„Tut mir leid. Schlechter Tag. Also ich lasse dich jetzt los und danach erklärt ihr mir, was passiert ist, ja?“

Langsam lösten sich meine Finger um die gefangene Waldelfe und die drei tischten mir die haarsträubendste Geschichte auf, die ich je gehört hatte.

Ich meine: mein Aufenthalt in dieser abgedrehten Welt dauerte noch nicht allzu lange. Das alles war noch völlig neu für mich und immer wieder wurde alles, woran ich glaubte auf den Kopf gestellt und fuhr dann auch noch Karussell, um alles durcheinander zu wirbeln.

Ich musste mehrfach nachhaken, da ich einiges nicht ganz verstand. Aber als die drei mir alles genau erklärt hatten, wusste ich, es war Eile geboten.

Daher eilte ich sogleich in das Zimmer meiner besten Freundin. Sie musste gewarnt werden.

Sora: Verstehen

Viola konnte schon wieder Witze reißen. Verdammt, sie war an der Schwelle des Todes gestanden und hatte ihm den Mittelfinger gezeigt, kehrtgemacht und war zu uns zurückgekehrt. Das war typisch für meine beste Freundin.

Erst allmählich wurde ich mir der Anwesenheit all meiner Freunde bewusst.

Scarlett hatte sich niedergekniet und hatte sich unserer Umarmung etwas unbeholfen angeschlossen. Die Jungs beobachteten uns mit tränenfeuchten Augen, wahrten aber gepflogenen Abstand.

„Seit wann bist du wach?“, wollte ich wissen.

„Das ist jetzt nicht wichtig. Ich habe gerade etwas herausgefunden, das muss ich euch erzählen.“

Genau in diesem Moment kamen drei kleine Waldelfen hinter den Vorhängen aus ihrem Versteck geflattert, alle drei mit schuldbewussten Mienen und tränenverschleiertem Blick.

Instinktiv wussten alle, dass nun eine allumfassende Offenbarung kommen würde und setzten sich vorsorgehalber.

Viola berichtete von der Königin der Waldelfen, die von den dunklen Wächtern entführt worden war, um ihr Volk zu erpressen. Sie sollten den dunklen Wächtern das Medaillon bringen. Im Austausch für ihre Königin.

Diese war nämlich überlebenswichtig für das Volk der Waldelfen, da sie einen Nektar braute, der ihnen allen besondere Stärke verlieh und jedwede Wunde heilen konnte. Das Wissen um diesen Nektar wurde in der königlichen Familie weitergegeben und die derzeitige Herrscherin war die letzte ihrer Linie. Wenn sie starb, starb auch das Wissen um den Nektar.

Das wollten die Waldelfen natürlich verhindern und stimmten dem Handel zu.

„Aber sie haben dich gewarnt, nicht wahr? Da muss ein Zettel gewesen sein“, meinte Viola.

Ihre Augen wurden fordernd und wanderten aufgeregt zwischen den drei Waldelfen und mir hin und her.

„Ja“, bestätigte ich, „und wir wurden auch vor drei Spionen gewarnt.“

„Die habe ich schon gesehen“, erwiderte Viola und zog ihr Nachthemd etwas nach unten, sodass wir alle die klauenförmige Narbe auf ihrem Schlüsselbein sehen konnten. Die Wunde, die sie beinahe getötet hätte.

„Das war der Gaiawolf, der sich als Liam ausgegeben hat.“

Mir stockte der Atem.

Allmählich fügten sich die einzelnen Teilchen zu einem Puzzle zusammen.

Viola hatte gewusst, dass Liam ein Gaiawolf war. Sie hatte es gesehen. Und er hatte sie gesehen.

Er hatte…

Oh Gott.

In einem Weinkrampf fiel ich Viola um den Hals und wir klammerten uns aneinander wie zwei Schiffbrüchige, die einander zum Überleben brauchten.

„Könnte uns mal bitte einer die ganze Geschichte erklären?! Ich versteh nämlich nur die Hälfte“, fuhr uns Wladimir dazwischen.

Genau in diesem Moment flog die Tür zu meinen Gemächern auf, so rasant, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie noch in den Angeln hielt.

Jeder einzelne von uns hatte sofort seine Dolche gezückt.

Wo beim lichten Drachen hatte Scarlett unter ihren bauschenden Rücken einen Dolch verstecken können?

Bei den Jungs wunderte es mich nicht weiter, so war es nicht sonderlich schwer, unter der Anzugjacke einen Waffengürtel zu tragen.

Trotz seines Wutausbruchs stürzte sich gerade Wladimir, der Stärkste unter uns, sofort direkt vor uns Mädchen, um uns vor der neuen Bedrohung zu beschützen.

Doch der Eindringling war kein Fremder, kein Feind. Es war Jacob, der sogleich an unseren erschrockenen, bis an die Zähne bewaffneten Freunden vorbei rauschte und mich in seine starken Arme zog.

„Jake…“ Sein Name war nur ein Hauchen, wie ein Gebet und er war mein Erlöser. Beim lichten Drachen, wir waren erst seit einigen wenigen Stunden getrennt gewesen, da er zu seinen Eltern zurückgekehrt war, aber ich hatte ihn jetzt schon schrecklich vermisst.

Hatte mein Herz sich nicht erst vor wenigen Tagen endgültig für Hayate entschieden?

Ja sicherlich, trotzdem liebte ich auch Jacob. Nur eben anders.

„Wieso bist du zurück?“

Als hätte ich Scheuklappen auf, blendete ich unsere versammelten Freunde aus und hatte nur noch Augen für Jacob.

„Ich bin sofort durch ein Portal zurück zur Schule, als ich es gehört hatte. Unser Hausgnom hatte die Nachricht von Professor Jones erhalten. Da hat mich nichts mehr gehalten. Ich musste sicher gehen, dass hier alles in Ordnung ist. Dass du in Ordnung bist, Liebes.“

Ein lautes Räuspern, das gefährlich an ein Knurren erinnerte riss uns aus unserer Zweisamkeit und ein ungleiches, anklagendes Paar Augen schoss zwischen Jake und mir hin und her.

Schuld, Furcht und Scham bohrten sich in mein Herz wie spitze Schwerter.

Ehe ich wusste, was ich tat, griff ich nach Hayates Hand und drückte sie entschuldigend.

Noch immer war es befremdlich, dass ein Mädchen so Hals über Kopf in zwei Jungs verknallt sein konnte, doch so war es, beide hatten einen Teil meines Herzens für sich im Sturm erobert.

Dass es auf lange Sicht nicht so weitergehen konnte, wusste ich in den tiefsten Tiefen meiner Seele. Doch allein der Gedanke daran, dass ich mich eines Tages für den einen und gegen den anderen entscheiden müsste, verknotete mein Herz, sodass es von der Tragweite dieser Verantwortung, der daraus resultierenden Schuld, Scham und wegen des Verlustes regelrecht zerquetscht wurde und zu einer blutenden, pulsierenden Masse aus Schmerz reduziert wurde.

Mein tiefstes Inneres hatte diese Wahl schon getroffen und diese Wahl hatte mein Herz zerstört. Jacob jetzt hier zu sehen hatte lediglich alte Wunden aufgerissen und drohte mich zu verschlingen. Hayate in die magischen, verschiedenfarbigen Augen zu blicken, erdete mich, brachte mich ins Diesseits zurück, erinnerte mich daran, was ich wirklich wollte, wen ich wirklich wollte.

Gerade als ich mich wie eine zufriedene Katze schnurrend an seine Schulter schmiegen wollte, ertönte ein weiteres Räuspern, diesmal von Wladimir, dessen Augen immer noch Funken sprühten.

„Du schuldest uns immer noch Antworten. Zumal Jacob hier anscheinend schon mehr weiß als der Rest von uns, obwohl er bei seinen Eltern hunderte Meilen weit entfernt war. Also bitte, was bei allen lichten Mächten, beim lichten Drachen, bei der Entstehungsgeschichte und bei dem heiligen Santa Clause, was ist hier gerade für eine Kacke am Dampfen?“, knurrte Wladimir.

Seine Augen glühten vor Zorn und so mussten Viola und ich nochmal von vorne anfangen, damit auch unsere Freunde die Zusammenhänge gänzlich verstanden.

Hayate: vergossene Tränen

„Ich fasse zusammen: du hast einen Zettel statt des Medaillons gefunden und nach reiflicher Überlegung seid ihr zu dem Schluss gekommen, dass sich dunkle Wächter als Schüler getarnt haben, die ihr wiederum heute Abend überraschenderweise enttarnen und anschließend verhören wolltet. Hab ich was vergessen?“, knurrte Wladimir, „oh ja, eine Sache hast du vergessen, Sora: uns einzuweihen. Wir sind deine engsten Freunde, verdammt! Vertraust du uns etwa nicht?!“

Unser Russe brodelte. Seine Wut strahlte in heißen Wellen von ihm aus, sodass mich mein Instinkt sogleich antrieb, mich näher an Sora zu stellen, mich etwas zwischen mein Mädchen und die mögliche Bedrohung zu schieben.

Nach einigem Hin und her hatten wir gemeinsam Sora so weit gebracht, dass sie uns die ganze Hintergrundgeschichte erzählt hatte. Dass Liam, Nazar und Cho offensichtlich von dunklen Wächtern entführt worden waren und im Anschluss ein Gaiawolf, ein Windgräber und eine Waldelfe, die allesamt dem dunklen Drachen Treue geschworen hatten, an ihrer statt eingeschleust worden waren. Nicht zu fassen, dass die dunklen Wächter imstande waren, ihr Aussehen derart zu verändern. Auf Anhieb fiel mir kein Zauber oder Trank ein, der das bewirken könnte, doch William Armstrong war zu mehr imstande als nur andere zu kontrollieren.

Durch jahrelange, grausame Experimente an Verbündeten und Feinden hatte er sich ein immenses Wissen angeeignet. Wenn jemand dazu in der Lage wäre, dann er.

Beim lichten Drachen, mich würde es nicht einmal sonderlich wundern, wenn er schon mal einen dunklen Wächter von den Toten zurückgeholt hätte, oder zumindest wusste, wie das möglich wäre.

„Es tut mir leid, dazu war keine Zeit mehr. Wir mussten schnell handeln.“

Sora schob mich kurzerhand beiseite, um Wladimir an der Schulter zu fassen, doch unser Freund schlug ihre Hand einfach beiseite.

„Du hättest es uns sagen müssen“, beharrte Wladimir.

Er schien sich nicht mehr bremsen zu können.

Würde ich ihn tatsächlich für gewaltbereit halten, würde ich Sora sofort hinter mich stoßen und in Angriffsstellung gehen. Aber für Wladimir galt der gute Spruch: Hunde die bellen beißen nicht.

Oh er konnte schon gut austeilen und hatte eine harte Linke, die ich selbst schon einige Male an diversen Körperteilen spüren durfte. Doch er würde niemals aus einer Laune heraus jemanden angreifen, der ihm wichtig war. Daher schluckte ich diese verfluchten Instinkte hinunter, verdrängte sie, schob sie in eine Truhe in meinem Geist und verschloss diese mit dicken Ketten. Mein übermäßiger Beschützerinstinkt war bei Sora fehl am Platz. Ich wollte sie damit nicht verletzen. Sie konnte durchaus selbst auf sich aufpassen, darauf würde ich vertrauen. Ich würde ihr vertrauen.

Glücklicherweise schritt Matias ein und stellte sich zwischen die beiden Streithähne.

„Ich kann verstehen, dass du es nicht getan hast, Sora. Wirklich.“

Diese Aussage bescherte Matias einen giftigen Blick von Wladimir, der selbst einen ausgewachsenen Rußoger zum Erbleichen gebracht hätte.

„Es war nur logisch. Natürlich wäre es von Vorteil für uns gewesen, wenn wir alle eingeweiht gewesen wären. Dann wären vermutlich nicht so viele von uns verwundet worden. Alle wären darauf vorbereitet gewesen, dass gleich drei dunkle Wächter in unserer Mitte enttarnt würden.“

„Eben. Wir hätten es wissen müssen“, Wladimir fühlte sich im Recht und trippelte geladen von einem Fuß auf den anderen, fast als wüsste er nicht wohin mit dieser ganzen Energie, mit dieser ganzen Wut.

„Aber“, fügte Matias noch hinzu, „wenn es sich herumgesprochen hätte, wären die drei dunklen Wächter mit Sicherheit gewarnt worden. Zumindest wäre das Risiko erhöht gewesen. Je weniger Leute den Plan kannten, desto geringer das Risiko, dass es noch einen Spion geben könnte, der die drei gewarnt hätte. Dann wären sie schon längst über alle Berge gewesen. So wie es nun heute gelaufen ist, konnten wir wenigstens einen fangen. Nun wird er verhört und bald werden wir mehr über ihre Machenschaften herausgefunden haben.“

Wladimir blickte betreten zu Boden. So viel Logik war ihm zuwider.

„Zumindest uns hättest du es sagen müssen. Ich kann ja verstehen, dass nicht die ganze Schule ins Vertrauen gezogen worden ist, aber wir sind deine Freunde!“ Mit blitzenden Augen traktierte Wladimir immer noch die völlig aufgelöste Sora.

Ein Damm schien sich zu lösen.

Vermutlich war es der gesamte Druck und Stress der vergangenen Wochen und diese hitzige Diskussion brachte einfach das Fass zum Überlaufen, aber Sora brach in diesem Moment in Tränen aus.

Bevor sie zu Boden sacken konnte, fing ich sie in meinen Armen auf und wiegte sie, streichelte ihr beruhigend über den Kopf. Heftige Schluchzer durchschüttelten sie, während sie einen Nervenzusammenbruch erlitt.

„Wir gehen raus“, entschied Scarlett, die bislang mit verkniffener Miene geschwiegen hatte.

Viola schien hin und hergerissen. Die ganze Zeit über hatte sie ihre beste Freundin besorgt gemustert. Ein innerer Kampf trug sich binnen weniger Sekundenbruchteile aus und sie nickte mir noch vielsagend zu, ehe sie und Scarlett die Jungs mit sich nach draußen schoben.

Wie viel Zeit nun verging, konnte ich nicht genau sagen. Sekunden? Stunden?

Während Sora an meiner Schulter weinte, streichelte ich ihr weiter über Kopf und Rücken.

Ich wagte es nicht, ihr zuzuraunen, dass schon wieder alles gut werden würde.

Denn das wäre eine Lüge.

Nichts war in Ordnung.

Das Medaillon war verloren. Im Besitz der dunklen Wächter und sie würden sicherlich keine Zeit verlieren und sofort das Ritual ausführen, um ihren Herrn und Gebieter zu befreien.

Wie lange uns noch blieb, um uns auf den drohenden Krieg vorzubereiten konnte ich nicht beurteilen. Es wäre aber wohl das Klügste, von einem Minimum an Zeit auszugehen. Die dunklen Wächter könnten in dieser Sekunde den Wald durchqueren, um vor den Mauern unseres Schlosses Stellung zu beziehen und uns zu belagern.

Wie lange würden wir dem wohl standhalten?

Wie lange würden die Kämpfe dauern?

Wäre dieser endlose Krieg in einer alles entscheidenden Schlacht ausgefochten?

Hätten wir überhaupt eine Chance?

Sora war vermutlich das Mädchen aus dieser Prophezeiung, das Mädchen, die Prinzessin, die entweder Verderben oder Harmonie bringen würde.

Sora würde niemals bewusst einen von uns in Gefahr bringen, geschweige denn die gesamte Welt dem Untergang weihen, so wie es in der Prophezeiung drohte. Doch wie konnte sie uns erretten?

Dass sie über außerordentliche Macht verfügte stand außer Frage. Immerhin war es ihr irgendwie gelungen, Helga aus William Armstrongs Fängen zu befreien.

Doch worin genau bestanden diese Fähigkeiten?

Welche Macht schlummerte tatsächlich in Sora und was am wichtigsten war: wie konnten wir ihr helfen, diese Fähigkeiten zu erwecken und beherrschen zu lernen?

Fragen über Fragen.

Doch den Antworten kamen wir so kein bisschen näher.

Es machte auch keinen Sinn, alles zu überstürzen. Wir mussten einen Schritt nach dem anderen gehen.

Das bedeutete zuallererst mussten wir uns auf den Krieg vorbereiten, unsere Verteidigungslinie aufbauen. Entscheidungen, wie wir siegreich gegen den dunklen Drachen hervorgehen würden, mussten warten. Nun mussten wir überleben. Das war alles, was zählte.

Überleben, damit wir eine Chance hätten, zurückzuschlagen, uns besser vorzubereiten und den dunklen Drachen ein für alle Mal in seine Schranken zu verweisen, oder anders ausgedrückt: ihn endgültig zu vernichten.

„Denkst du, wir haben eine Chance“, ihre zittrige Stimme ließ mein Innerstes beben.

Meine Instinkte befahlen mir, alles niederzureißen und in Stücke zu hacken, dass ihr wehgetan hatte. Niemand durfte ihr ein Leid tun. Mein Herz zog sich zusammen und meine Muskeln verkrampften sich.

„Wir müssen uns vorbereiten“, sagte ich entschlossen.

„Was können wir schon tun? Die Herrscher damals hatten auch kaum eine Chance.“

„Aber letztendlich konnten sie ihn versiegeln.“

„Zu welchem Preis?“

Meine Prinzessin war ohne Eltern aufgewachsen wegen dieses Scheusals.

Niemals wieder würde er meiner Prinzessin ein Haar krümmen, das schwor ich mir im Stillen.

„Diesmal wird es anders. Das verspreche ich dir. Wir werden alle gemeinsam kämpfen und ich werde immer an deiner Seite sein, um dich zu beschützen.“

Flammen loderten in ihren Augen. Die Trauer war mit einem Mal aus ihrem Gesicht gewichen. Zorn flackerte über ihre Züge, fast so als würde sie eine unliebsame Erinnerung beiseite wischen.

„Ich werde nicht zulassen, dass irgendjemand heute oder auch in Zukunft sein Leben verliert. Dafür werde ich kämpfen. Mit allem, was ich habe.“

Magie überschwemmte mich, zwang mich in die Knie.

Ihre Augen leuchteten nunmehr. Magie schillerte darin.

„Sora…“

Im nächsten Moment war diese Aufbrandung purer, reiner Magie auch schon wieder verschwunden und Sora sackte bewusstlos in meinen Armen zusammen.

In diesem Moment hatte ich einen kleinen Vorgeschmack auf Soras wahres Wesen bekommen und ich war mir sicher: Soras Macht war der Schlüssel, diesen Krieg zu gewinnen und ich würde ihr Werkzeug sein.

Sora: Erwachen

Meine Lider klebten fest zu.

Es war mühsam, meine Augen auch nur einen spaltbreit zu öffnen. Blinzelnd musste ich feststellen, dass mein Kopf nicht auf einem Kissen ruhte, sondern auf einer männlichen Brust.

Meine Hand streifte über harte Bauchmuskeln. Ein Knurren ertönte, das mich aufblicken ließ.

In ein blaues und ein braunes Auge, eingerahmt von onyxschwarzem, bläulich glänzendem Haar.

„Wie fühlst du dich?“

„Wo bin ich?“, wollte ich wissen und blickte mich neugierig um. Die Möbel waren mir inzwischen so vertraut wie mein Handrücken. Das weiche, große Himmelbett und die antik anmutenden Möbel, die meine leiblichen Eltern für mich ausgesucht hatten.

Ich war in meinem Schlafgemach im obersten Zimmer des Turms der Winde.

Ein Blick in Richtung Balkontür verriet mir, dass die Greifen ganz in der Nähe waren. Ich konnte sie schnattern, mit den Hufen scharren und mit ihren Flügeln schlagen hören.

Da kam die Erinnerung an vergangene Nacht.

Noch immer trug ich dieses mitternachtsblaue Abendkleid. Es wirkte inzwischen wirklich fehl am Platze und war ohnehin vom Schlafen komplett verknittert.

Doch das war nebensächlich.

Die dunklen Wächter hatten nicht nur mein Medaillon gestohlen, mit dem sie in der Lage waren, ihren Meister den dunklen Drachen aus seinem Verließ im Inneren der Erde zu befreien, sondern hatten auch noch 3 unserer Schüler entführt. Ob die 3 noch am Leben waren? In welcher Verfassung? Würden sie sich erholen? Oder würden wir sie überhaupt wiedersehen?

Bittere Galle stieg meine Kehle hinauf, die ich nur mit Mühe wieder hinunterschlucken konnte.

Eine scharfe Kralle scharrte an meinem Inneren, deren Stimme mir zuflüsterte, dass all das meine Schuld gewesen war. Ich hätte umsichtiger sein müssen, misstrauischer. Dann hätte mich die als Cho getarnte Waldelfe nicht so leicht aushorchen können. Ich hatte sie ja regelrecht mit der Nase draufgestoßen, wo sie suchen musste. Es war fast so, als hätte ich Olga Romanowa das Medaillon persönlich überreicht.

„Nicht“, brummte Hayate auf eine Weise, dass es mich bis in die Zehen kribbelte.

Er hob mein Kinn, sodass ich ihm in diese magischen Augen blicken musste.

„Es war nicht deine Schuld. Du konntest es nicht wissen.“

„Ich hätte es ahnen müssen.“

„Du konntest es nicht wissen“, beharrte er mit einem Ton, der keine Widerrede mehr duldete.

„Und wie kommen wir nun aus dem Schlamassel?“, fragte ich gereizt. Denn vor meinem inneren Auge sah ich bereits die Leichenberge, sah das Blut in Strömen fließen und abgetrennte Körperteile. Inmitten dieses Gemetzels sah ich die grinsenden Fratzen von Olga Romanowa und ihren dunklen Wächtern, allen voran William Armstrong, der neue Forschungsobjekte zum Foltern aussuchte und Josh, der mit Vergnügen lebende Kreaturen Stück für Stück zerschnibbelte.

Wie nur sollte ich das verhindern?

„Du erinnerst dich nicht?“

Meine verdutzte Miene schien ihm als Antwort zu genügen und er klärte mich auf.

Vorhin war ich wohl nicht einfach so zusammengebrochen, weil ich mit der Situation überfordert war. Nein, offenbar hatte ich eine große Menge Magie freigesetzt, die meinen Körper kurzzeitig überlastet hatte.

Als er es so aussprach, konnte ich mich erinnern. Ich hatte in diesem Moment etwas gefühlt.

Hatte etwas in meiner Brust gespürt, als würde dort noch ein zweites Herz schlagen, das Zentrum großer Macht war.

Für wenige Sekunden hatte ich Zugriff auf dieses Machtzentrum in meinem Inneren gehabt.

„Da war dieses Licht“, setzte ich an.

„Ja?“

Mit verkniffener Miene erwiderte ich seinen Blick und rang mit den Worten. „Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Es war eigenartig.“

„Versuch es einfach. Was auch immer du gerade getan oder gesagt oder gespürt hast, es könnte der Schlüssel sein, die Prophezeiung zu erfüllen.“

„Du meinst diese Sage über das Mädchen, das entweder Harmonie oder Tod bringen soll? Du spinnst doch.“

Gerade wollte ich mich aufrichten, um mich allmählich aus diesen verschwitzten, klebrigen Gewändern zu schälen, mich zu waschen und möglicherweise einige Übungen durchzuführen, um mich auf die Kämpfe vorzubereiten, die wohl früher denn später kommen würden.

Doch Hayate hielt mich entschieden zurück.

Er hatte mein Handgelenk ergriffen und blickte mir eindringlich in die Augen.

„Das ist mit Sicherheit kein Quatsch. Ich weiß was ich gerade eben gesehen habe. Und es war mehr als ein gewöhnlicher Wächter oder auch ein Herrscher vollbringen könnte. In dir schlummert irgendeine Macht und wir sollten schnellstmöglich herausfinden, wie du sie nutzen kannst. Versuch dich zu erinnern, was du in diesem Moment gefühlt hast. Horch in dich hinein. Ich bitte dich. Wenn du es jetzt nicht versuchst, ist die Erinnerung vielleicht zu weit entfernt und der Weg dorthin zurück, zurück zu dieser Magie wird vermutlich um einiges schwerer.“

Sein eindringlicher Blick war entwaffnend und ich ergab mich.

Ich nickte ihm bestätigend zu, damit er mein Handgelenk freigab und setzte mich ihm gegenüber im Schneidersitz hin, so gut es eben möglich war mit dieser Abendgarderobe.

Den Rocksaum bauschte ich um meine Beine, um meine Blöße zu verdecken und schloss die Augen.

Was hatte ich gefühlt?

Woran hatte ich gedacht?

Was war überhaupt genau geschehen?

Ich hatte den anderen von unserem Plan erzählt. Hatte ihnen berichtet, dass ich einen Brief gefunden hatte, mit dem Geständnis eines Diebes. Eines Diebes, der mein Medaillon gestohlen hatte, um es den dunklen Wächtern auszuhändigen. Wir hatten einen Kriegsrat abgehalten und einen Plan geschmiedet, um die getarnten dunklen Wächter zu entlarven.

Wladimir war schrecklich wütend geworden und Matias musste mir beistehen.

In meinem Innersten wusste ich, dass Wladimir recht hatte.

Recht damit, dass ich meine Freunde verraten hatte, indem ich sie außenvorgelassen hatte.

Und mehr noch: ich hatte nicht nur meine Freunde enttäuscht, sondern unsere gesamte Welt dem Untergang geweiht.

Ich hatte nur eine einzige winzige, einfache Aufgabe: das Medaillon unter Verschluss zu halten, zu verhindern, dass es den dunklen Wächtern in die Hände fiel.

Mit Pauken und Trompeten hatte ich versagt.

Der dunkle Drache würde über uns kommen und uns alle vernichten.

Angst schnürte mir die Kehle zu.

Angst davor, ihm gegenübertreten zu müssen. Dem Monster, das meine leiblichen Eltern abgeschlachtet hatte.

Ich fürchtete mich davor, an der Seite meiner Freunde kämpfen zu müssen. Nicht etwa, weil ich meinen Tod fürchtete. Nein. Davor hatte ich keine Angst mehr. Dem würde ich mit Freuden entgegentreten, wenn es bedeutete, meine Freunde zu beschützen.

Nein, ich hatte Angst davor, noch jemanden an dieses Scheusal zu verlieren.

Das musste ich um jeden Preis verhindern. Mit aller Macht.

Ich musste kämpfen, musste stärker werden, über mich selbst hinauswachsen.

Da plötzlich pulsierte etwas tief in mir.

Wie ein goldener Ball sah ich es aus der Ferne. Es pochte im Gleichklang mit meinem Herzen.

Bummbumm, bummbumm.

Ich versuchte mich ihm zu nähern, konzentrierte mich mit aller Macht darauf.

Der Ball wurde größer, pulsierte.

Goldene Fäden schlängelten sich daraus hervor, griffen um sich.

Bei dem Versuch, danach zu greifen, umschlang mich einer dieser Fäden und zog mich in seine Mitte.

Ehe ich es mich versah, war ich im Inneren dieses goldenen Balls. Sein Glühen hüllte mich ein wie eine wärmende Decke. Wie Feuer, das mich aber nicht verbrennen konnte.

Es züngelte zwischen meinen Fingern und waberte um meinen Körper.

Als ich die Augen öffnete und an mir herabblickte, sah ich genau dieses goldene Leuchten. Ich spürte diese reine, pure Energie, diese Magie.

Es fühlte sich an, als wäre dieser Macht keine Grenze gesetzt. Als könnte ich alles damit anstellen, was mir nur vorschwebte.

Flammen.

Wasser.

Erde.

Wind.

Ich war auf keines der vier Grundelemente beschränkt. Ich konnte sie alle beherrschen und noch viel mehr. Es war als wäre Fantasie die Grenze allein und davon hatte ich mehr als genug.

Mit einem Krachen flog meine Zimmertür auf und meine Konzentration war dahin.

Die Macht schwand und das goldene Flimmern hatte sich mitsamt der Magie wieder in mein Innerstes zurückgezogen.

Professor Yuujou stand in der Tür.

Kreidebleich.

„Ich habe da etwas gespürt und dachte… Was war das?“

Hayate, der mich die ganze Zeit über mit großen Augen gemusterte hatte, war genauso ratlos wie ich.

Ja was war das für eine Macht?

Das galt es nun herauszufinden.

Es könnte die entscheidende Wende bringen.

Professor Yuujou: Die Gabe

Es bestand kein Zweifel mehr daran, dass Sora die Heldin aus der Prophezeiung war.

Entschlossen knallte ich die Tür hinter mir wieder zu. Ich konnte vom Treppenhaus aufgeregtes Gemurmel hören. Stimmen wurden laut. Fragen, woher diese merkwürdige Magie kam. Ob denn nun der Angriff beginnen würde. Angst und Furcht mischten sich in die Fragen und die Flüche.

„Dann stimmt es also.“

Ich ging entschlossen auf mein Patenkind zu. Sie saß immer noch im Schneidersitz auf ihrem Bett. Hayate ihr gegenüber. Doch die Magie, die sie umgeben hatte, war verschwunden.

„Das muss vorerst unter uns bleiben“, entschied ich.

„Aber Kyo, wenn ich es kontrollieren kann, dann könnte ich“ „Nein. Du verstehst das nicht, Sora“, schnitt ich ihr das Wort ab.

„Professor Yuujou hat Recht. Noch kannst du es nicht kontrollieren. Es zu trainieren ist im Moment zu gefährlich. Wer weiß, wer noch alles für den dunklen Drachen spioniert und wenn die dunklen Wächter hier eintreffen und quasi den letzten Beweis haben, dass du den dunklen Drachen vielleicht ein für alle Mal besiegen kannst, weil du diese Prophezeiung erfüllen könntest, dann bist du schneller tot als du auch nur daran denken könntest, diese Macht hervorzuholen“, mischte sich Hayate ein, „du hast gerade eben minutenlang dagesessen, um diese Magie zu rufen. Auf dem Schlachtfeld wärst du schon längst tot und die Unterbrechung durch Professor Yuujou hat dich sofort all deiner Konzentration beraubt.“

„Ich muss meinem jungen Freund rechtgeben, Sora. Meine Kleine, bitte, es ist zu gefährlich.“

„Früher oder später muss ich lernen es zu kontrollieren.“

„Sora, ich verspreche dir, dass ich mit Ethan, Irene und Lucy darüber reden werde. Sie haben sicherlich eine Idee, wie du deine Fähigkeiten trainieren kannst, ohne dass irgendjemand davon erfährt. Hier ist es zu gefährlich. Die halbe Schule hat deine Macht gerade eben wahrgenommen. Wir können von Glück reden, wenn die dunklen Wächter davon nichts erfahren.“

Resigniert senkte Sora den Blick.

„In Ordnung.“

Erleichtert stieß ich den Atem aus.

„Aber wie willst du erklären, was gerade eben passiert ist? Das kann ich schließlich nicht mehr ungeschehen machen.“

Ich überbrückte die restliche Distanz zu meiner Prinzessin, setzte mich neben sie ans Bett und schlang die Arme um mein Patenkind.

„Was den Ausbruch gerade eben angeht, da fällt mir schon was ein. Im Moment bin ich nur froh, dass du in Ordnung bist. Für einen kurzen Augenblick dachte ich schon, dass jemand hier eingedrungen wäre und du in Schwierigkeiten steckst, Kleines.“

Sora schmiegte den Kopf an meine Schulter und lehnte sich an mich.

„Jacob wird jede Sekunde hier eintreffen, zusammen mit den anderen Wächtern und Beschützern, die zurückbeordert wurden, um bei den Vorbereitungen zu helfen“, klärte ich die beiden auf.

„Er wird dann wieder an deiner Seite wachen. Zusammen mit einigen anderen. Die Sicherheitsvorkehrungen werden auf ein maximum erhöht, während wir unsere Kriegsräte abhalten und Vorbereitungen treffen.“

Behutsam löste sie sich aus der Umarmung und blickte mir geradewegs mit entschlossenem Blick in die Augen. „Ich möchte helfen.“

„Sora…“

„Bitte. Das alles ist meine Schuld. Ich muss das ganze irgendwie wieder in Ordnung bringen.“

„Das wirst du auch. Jeder muss jetzt seinen Teil dazu beitragen. Das heißt, wenn das schlimmste eintritt… wenn der Krieg erneut losbricht, müssen alle kampfbereit sein.“

Das hatte ich eigentlich vermeiden wollen. Sora war mein Patenkind, alles was von Taiki noch geblieben war. Doch es war offensichtlich ihr Schicksal und dem mussten wir alle uns fügen.

„Ich stehe hinter dir. Immer“, erwiderte nun Hayate.

Sora wandte sich nun wieder ihm zu und schlang ihn in eine innige Umarmung.

Genauso verliebt waren einst Taiki und Aiko, schoss mir plötzlich durch den Kopf und das Bild vor mir von Sora und Hayate vermischte sich mehr und mehr mit dem von Soras Eltern.

In dem Moment wurde mir klar, was das bedeuten würde. Und es verwirrte mich mehr und mehr. Denn was würde nun aus Jacob werden?

Sora: Abschied

„Sora, mein Kleines, bist du dir sicher, dass du uns einfach so wegschicken willst“, murrte meine Mutter.

Fest hatte sie mich in den Arm genommen und drohte, mich zu zerquetschen.

„Es ist nicht so, dass ich euch nicht hier haben will, aber dort seid ihr in Sicherheit.“

„Sind wir das hier nicht mehr?“

Frust verdunkelte meine Seele. Am liebsten wollte ich sie anbrüllen, dass sie einfach gehen sollten, weit weg von mir. Am besten wäre es vermutlich, ihr Gedächtnis an mich zu löschen und sie irgendwo in einem einsamen Häuschen im Wald zu verstecken, weit weg von den dunklen Wächtern und auch weit weg von mir, von den Gefahren, die ich kontinuierlich heraufbeschwor.

„Mama, die dunklen Wächter haben jetzt schon so oft versucht, mich hier zu töten. Hier bei mir seid ihr nur in Gefahr.“

„Gerade deswegen solltest du genauso wenig hier sein. Wenn wir hier in Gefahr schweben, dann gilt das auch für dich. Allein der Gedanke, dass diese schrecklichen Leute es auf dich abgesehen haben, ist unerträglich.“

Meine Mutter löste sich aus der Umarmung, um mir eindringlich in die Augen zu blicken.

Tränen verschmierten ihre Wangen. Ihre Augen waren seit Tagen gerötet und geschwollen. Gerade deswegen hatte ich entschieden, dass sie auf dem Anwesen der Cumberlands am sichersten aufgehoben wären.

Hier würde ich sie nur weiter der Gefahr aussetzen, ins Kreuzfeuer zu geraten.

„Liebste, mach es ihr nicht unnötig schwer. Unserem kleinen Mädchen war es schon immer vorherbestimmt, hier zu sein. Dem dürfen wir nicht im Wege stehen. Komm.“

Mein Vater zog behutsam meine Mutter aus meinen Armen und schenkte mir ein trauriges Lächeln, das irgendwie gezwungen wirkte.

Umarmt hatten wir uns nur kurz, meine Mutter war gleich darauf regelrecht über mich hergefallen, hatte sich geweigert, mich loszulassen.

Erst mein besonnener Vater hatte ihr die nötige Kraft geschenkt, mich loszulassen.

Gemeinsam wandten sie sich dem Portal zu und durchquerten es, nicht ohne mir noch einen bedauernden Blick zuzuwerfen.

Meine Mutter hatte nie eigene Kinder bekommen können. Adoption war für sie der einzige Weg gewesen, ein Kind großzuziehen. Als sie mich damals als Baby in ihre Obhut genommen hatten, war ich mit Liebe überschüttet worden. Für sie hatte es keine Rolle gespielt, dass ich nicht ihre biologische Tochter war, sie liebten mich mehr als alles andere in der Welt.

Und ich liebte sie.

Deswegen musste ich sie nun fortschicken.

Um sie zu beschützen.

Wenn die dunklen Wächter nicht davor zurückschreckten, Schüler zu entführen und durch ihre Spione auszutauschen, könnten sie dasselbe bei meinen Eltern machen.

Die beiden waren so gut wie wehrlos.

Zwar hatte Kyo bereits einige Stunden investiert, um ihnen Selbstverteidigungstechniken beizubringen. Bei meiner Mutter war allerdings Hopfen und Malz verloren. Sie war ein hoffnungsloser Fall.

So blieb nur noch die Option, sie in Sicherheit zu bringen.

„Meine Eltern werden sich gut um die beiden kümmern, Sora, mach dir keine Sorgen.“ Scarlett legte mir schwesterlich den Arm auf die Schulter und drehte mich weg von dem Fleckchen Erde, an dem gerade eben noch ein Portal gewesen war. Minutenlang hatte ich darauf gestarrt, nachdem es sich geschlossen und meine Eltern verschluckt hatte.

Hayate und Jacob hatten beide angeboten, meine Eltern mit mir zu verabschieden. Doch ich hatte sie abgewiesen. Gerade konnte ich keinem der beiden in die Augen blicken. Zu frisch war der Schmerz, dass ich endlich begriffen hatte, mit wem von beiden ich mein Leben verbringen wollte, zu frisch die Trauer, den anderen zurückzulassen. Diese Entscheidung fühlte sich derart schmerzhaft an, dass ich begann, sie anzuzweifeln. War es wirklich der richtige Weg, einen zu wählen und dem andern das Herz zu brechen?

Dafür war im Moment allerdings keine Zeit.

Alle hier in der Schule arbeiteten auf Hochtouren daran, die Schlossmauern zu befestigen. An jeder strategisch wichtigen Stelle hatte man mehrere Wächter postiert, um die Umgebung im Auge zu behalten.

In der Luft über uns kreisten Vögel, alles verwandelte Wächter, die den Wald und die Schule von oben überwachten.

Bei dem bloßen Gedanken, dass wir möglicherweise bald würden kämpfen müssen, wurde mir ganz mulmig.

Vor meinen Eltern hatte ich versucht, tapfer zu wirken.

Zumindest mein Vater hatte sich inzwischen damit arrangiert, dass ich die Prinzessin des Windes war, meiner Mutter allerdings war die ganze Situation einfach zuwider.

Die Angst, mich zu verlieren, dass die dunklen Wächter mich angreifen würden, ließ sie panisch werden und rotsehen.

Nur weitere Gründe, um sie weit weg von hier unterzubringen.

So konnten wir uns den bevorstehenden Kämpfen widmen und uns vorbereiten.

Der Rat fand sich mittlerweile täglich zusammen und ich musste mich beeilen, mich meinen Kameraden anzuschließen.

Natascha: Krisensitzung

Einige Vögel kreisten am Himmel.

Lichte Wächter des Windelementes.

Draußen am Waldrand pirschten Löwen, Tiger, Pumas, Bären, Wölfe und noch viele weitere Gestalten umher.

Lichte Wächter des Feuers und der Erde.

Überall auf dem gesamten Schulgelände waren Patrouillen an strategisch wichtigen Stellen positioniert. 

Seit Tagen konnten wir nichts anderes tun als Wache zu schieben.

Zu warten.

Auf den Sturm, der uns bevorstand.

Doch nichts geschah.

Entweder wollten uns die dunklen Wächter in Sicherheit wiegen, oder etwas war schiefgegangen. Doch so viel Glück konnten wir nicht erwarten. Nein. Auf so etwas wie Glück durften wir nicht zählen. Wir mussten uns auf den Worst Case einstellen.

Angespannt hielt ich meinen Blick auf den Waldrand geheftet. Von dort konnten jeden Augenblick dunkle Wächter mit der Kraft ihres Meisters heranstürmen, um uns zu überrennen. Oder sie hatten eine etwas gewieftere Strategie als einfach nur draufloszuschlagen, was mir wahrscheinlicher vorkam.

Vielleicht hatten sie ein Ablenkungsmanöver geplant, um uns in eine Falle zu locken.

Oder sie planten, uns herauszulocken, um uns anschließend einzukreisen.

Oder etwas völlig anderes.

Unter den dunklen Wächter waren leider des lichten Drachen schlaue Strategen. Wir mussten auf alles gefasst sein.

„Wachablösung“, schreckte mich Wladimir aus meinen Tagträumen.

„Du wirst bei den Herrschern zu einer Krisensitzung erwartet“, erläuterte er, während er meinen Platz einnahm. „Wieso ich?“, wollte ich irritiert wissen. „Arnar hat wohl darauf bestanden“, fuhr er fort und warf mir einen vielsagenden Seitenblick zu.

So gut es ging die Blicke ignorierend, die mir Wladimir hinterherwarf, eilte ich die Treppe hinunter, um an besagter Krisensitzung teilzunehmen.

Wild entschlossen, Autorität auszustrahlen – immerhin war ich die Gewinnerin der Wettkämpfe und die Lebensgefährtin von Arnar Aronsson – stürmte ich durch die Tür und platzte in die Unterredung der anderen Herrscher.

Pedro Ferreira: Strategien …

„Vielen Dank, Miss Müller, wir hatten gerade einen wichtigen Ansatz diskutiert, der unterbrochen werden wollte“, kommentierte ich das plötzliche Eindringen der jungen Schülerin. Die junge Deutsche war eine aufstrebende Wächterin und hatte viel Potenzial, zumal sie – allem Anschein nach – die nächste Herrscherin des Feuers werden würde. Dies allein jedoch war kein Freibrief für alles. Sie hatte sich an Regeln zu halten und sich den ihr höhergestellten unterzuordnen. Nur wer Befehle befolgen konnte, hatte eines Tages das Wissen und die Erfahrung, selbst Befehle zu erteilen.

Aber das war ja nur meine bescheidene Denkweise. Die Schüler heutzutage machten ohnehin, wonach ihnen der Sinn stand.

Das lag in erster Linie daran, dass sie noch nie zuvor ein Schlachtfeld aus der Nähe gesehen hatten. Genau das würde ihnen bald vergehen. So wie sich die Dinge entwickelten, würden wir schon bald einen erneuten Krieg ausfechten müssen.

So wie es während Kriegshandlungen leider gang und gebe war, hatten wir uns wieder eine Nacht um die Ohren geschlagen, um einen Plan zu entwickeln.

Die meisten von uns hatten in der vergangenen Woche höchstens 5 Stunden geschlafen. Viele hatten kein Auge zubekommen, in der Furcht, der dunkle Drache könnte jeden Augenblick angreifen.

Der Drache des Lichts hatte uns auch keine Informationen zu seinem bösen Zwilling liefern können. Er hatte uns lediglich berichtet, wie er das Recken und Strecken seines Bruders spürte.

Wo sich der Drache der Dunkelheit in dieser Sekunde aufhielt, geschweige denn was er plante, konnte er uns nicht sagen. Der finstere Drache hatte jeden Gedanken gut vor seinem weißen Bruder verborgen. Obwohl die beiden Drachen einmal ein Wesen waren und sie immer noch eine gewisse Verbindung zueinander hatten, so hatten sie im Laufe der Jahrtausende gelernt, die Gedanken des jeweils anderen auszusperren.

Diese Tatsache war zum einen ein Fluch, zum anderen kam es uns dahingehend zugute, dass wir nicht befürchten mussten, dass der dunkle Drache uns ausspionierte.

„Wie ich bereits sagte, auch zum Verständnis der später eingetroffenen“, erläuterte Lucy Robinson weiter, wobei sie Natascha mit einem tadelnden Blick bedachte, „wir planen einen Offensivschlag. Hintergrund hierfür ist der folgende: Die Waldelfen, die uns verraten haben, wurden selbst von den dunklen Wächtern ausgelöscht. Einige konnten allerdings entkommen und uns verraten, wo das Hauptquartier des Feindes liegt.“ Lucy ließ den Blick in die Runde schweifen und traf reihum auf grimmige Mienen. „Wir werden hier ein Ablenkungsmanöver durch Gruppe A starten“, ihr graziler Finger deutete auf einen Punkt unserer eigens angefertigten Karte vom Versteck des Feindes – Olga Romanowas Anwesen. „Anschließend werden die Gruppen B, C und D hier, hier und hier in das Gebäude einsteigen, während hier unsere Hauptstreitmacht lauert und sie von hinten erwischen soll“, fasste sie weiter zusammen und deutete auf verschiedene weitere Punkte auf der Karte.

Eine simple Strategie.

Einfach umzusetzen.

Trotzdem konnte so unwahrscheinlich vieles schiefgehen.

Jack Robinson: … und der Plan

„Die Operation wird in zwei Tagen starten“, schloss ich schließlich die Ausführungen meiner Frau ab.

Alle stimmten mir mit einem entschlossenen Nicken zu.

Dieser ermutigende Anblick konnte jedoch mein rasendes Herz und meine innere Aufgewühltheit, um nicht zu sagen meine Panik, zerschlagen.

Wieder ein Krieg.

Wieder Kämpfe.

Wieder Blutvergießen.

Wieder Tod.

Alles begann wieder von vorne. Genauso wie vor mittlerweile fast 16 Jahren. Ungewöhnlich war jedoch, dass der Drache der Dunkelheit noch zu keinem Offensivstreich seinerseits ausgeholt hatte.

„Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die dunklen Wächter einen Angriff wagen“, sprach Ethan Jones meine Befürchtung laut aus. „Es ist gut möglich dass sie uns noch zuvorkommen“, meinte ich. „Du meinst, sie könnten in den nächsten 48 Stunden angreifen?“, fragte Irene Campillo. „Darauf sollten wir in jedem Fall gefasst sein“, brachte sich wieder meine Frau ein, „wir sollten weiterhin Wachposten aufstellen. Das Schulgelände muss rund um die Uhr observiert werden. Das sollten für die nächsten 48 Stunden hauptsächlich unsere Schüler, zusammen mit einigen wenigen Wächtern und Beschützern übernehmen, damit sich unsere Streitkräfte bis zu unserem Angriff ausruhen und Kräfte sammeln können.“

„Das haben wir alle bitter nötig“, schloss Kyo Yuujou und wir beendeten die heutige Kriegsratsbesprechung.

Jacob: Ein Arrangement…

Wütend und erwartungsvoll schlenderte ich vor Soras Schlafzimmertür auf und ab. Meinen Nebenbuhler hatte ich für exakt 23:00 Uhr zu mir bestellt.

Eine Zeit, zu der Sora höchstwahrscheinlich schon schlafen würde, aber in jedem Fall nicht mehr vorhätte, ihr Zimmer zu verlassen.

Das war entscheidend.

Denn hierfür wollte ich keine lästigen Zeugen.

Es war mir auch so schon unangenehm genug, mich mit Hayate arrangieren zu müssen, so wie die Dinge aktuell standen.

Dann hörte ich leise Schritte. Zehen, die leise den Boden streichelten, um unnötige Geräusche möglichst zu vermeiden. Doch wenn man erst unsere Trainingseinheiten hinter sich hatte, waren das Gehör und Gespür für lauernde Gefahren geschärft. Hayate bewegte sich leise, wie wir es hier alle lernten, doch sein Nähertreten blieb mir dennoch nicht verborgen.

Hayate: … mit dem Feind

Jacob schien mich bereits bemerkt zu haben. Jedenfalls richteten sich seine feindseligen braunen Augen sofort auf mich. Traktierten mich mit finsteren Blicken.

Mit einem knappen Nicken bedeutete er mir, dass ich nähertreten sollte.

Ohne verbal darauf zu reagieren, gehorchte ich und uns beide trennten nur noch wenige Schritte.

Eine ganze Weile waren wir in eisiges Schweigen gehüllt. Jake schien nach den richtigen Worten zu suchen. Ich war jedoch auch nicht gewillt, ihm zuvorzukommen. Immerhin hatte er mich zu sich bestellt. Er wollte etwas von mir. Nicht andersherum.

Von draußen hörte ich das Zirpen der Grillen, das Plätschern des Sees, dessen Wasser in großen Wellen ans Ufer schwappte, die Schreie von Eulen. Durchschnitten wurde diese harmonische, einschläfernde Geräuschkulisse, von Jake, der nun endlich das Wort ergriffen hatte: „Ich muss… nein, ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“

Sora: Finstere Gedanken …

Krieg.

Wir befanden uns tatsächlich in einem richtigen Krieg.

Mit Kämpfen und Töten.

Mit Blut und Tod.

Und das war alles meine Schuld.

Noch immer fiel es mir schwer zu glauben, dass mein Medaillon so einfach hatte gestohlen werden können. Ich war mir so sicher gewesen, dass mit den Greifen vor meiner Tür, meinen guten Freunden, meinem Partner so nah, niemand es wagen würde, etwas, gar das Medaillon aus meinem Zimmer zu entwenden. Doch es war geschehen und ich konnte es nicht ungeschehen machen.

Stattdessen mussten wir nun alle mit den Konsequenzen leben.

Sofern wir es überlebten, was nicht selbstverständlich war.

---ENDE DER LESEPROBE---