Himmelblaue Tage oder die Jugendrepublik - Reuven Kritz - E-Book

Himmelblaue Tage oder die Jugendrepublik E-Book

Reuven Kritz

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Beschreibung

Der 13jaehrige Rafi wird von seinem Kibbuz in die Schule eines sozialistischen Kibbuz, eine Jugendrepublik, geschickt. Unterricht, Mitarbeit in der Landwirtschaft und Gruppenaktivitaeten bestimmen den Alltag der Jugendlichen. Alles Tun soll die gesellschaftlichen Probleme widerspiegeln. Rafi moechte über sich hinauswachsen, er traeumt davon Schriftsteller zu werden. Sein Ringen um persoenlichen Ausdruck bringt ihn in Konflikte mit seinen Lehrern. Kann er in der kollektiven Erziehung seinen individuellen Weg finden? Und dann ist da noch die kleine verschworene Gemeinschaft um seinen Freund Gadi, die eine Sondersprache entwickelt hat: ihr Versuch innerhalb der kollektiven Strukturen, den Alltag individuell mitzugestalten. Als Gadi und Rafi bemerken, dass es in der Jugendrepublik gar nicht so demokratisch zugeht, meint Gadi, dass sie in einer Utopie leben und schlaegt vor: Schreib doch ein Buch über uns und nenn es Topia - Ein-Ort der besteht, anstatt Utopia, Kein-Ort.

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Reuven Kritz, in Wien geboren, wuchs in Israel in einem Kibbuz auf, studierte an der Universität Jerusalem, lehrte moderne hebräische Literatur an der Universität Tel Aviv und als Gastprofessor in Los Angeles, Boston und Heidelberg. Er veröffentlichte Erzählungen, Gedichte und Werke zur Literaturtheorie und Literaturgeschichte.

Neben diesem Jugendroman sind auf Deutsch erschienen: “Die Genies von Kiryat-Motzkin – Israelische Mini-Essays“, die Romane “Die Krankheit der Dichter oder Hoffmanns Erzählungen“, “Wie Krebse in der Nacht“, “Studentin in Jerusalem. Roni“ und “Kleine Schwester“. der autobiografische Roman “Morgenluft“ (erster Teil einer Trilogie) und die Erzählungen “Meine kleine Rote“.

Muni Poppendiek-Kritz studierte Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der Universität Heidelberg. Sie ist Lektorin und Herausgeberin der deutschen Bücher von Kritz und bearbeitete seine deutschen Rohübersetzungen gemeinsam mit ihm.

Yona Kollmann ist ein israelischer Design-Grafiker, der einige Bücher von Reuven Kritz illustrierte. In Tschechien geboren, wuchs er mit Reuven Kritz zusammen im Kibbuz auf.

Aus israelischen Rezensionen: "Der zweite Band mit Kritz’ autobiografischen Erzählungen. Besonders anregend für Erwachsene, die sich für Pädagogik interessieren.“ – "Alte Bekannte und neue Teilnehmer." – "Das Model der Republik war das pädagogische Institut der Bewegung ‘Der Jungen Wächter‘, zu der Kibbuz Mischmar haEmek gehört." – "Eine humorvolle Sichtweise und persönliche Erfahrung des Autors.". – "Vieles ist typisch für die Pubertät."

Ich danke Catherine Stiefel für die sorgfältige

und aufmerksame letzte Korrektur des Manuskripts

reuven kritz

skyblue days or

a children’s republic

Die erste hebräische Auflage erschien

im Verlag Massada, Tel-Aviv,

unter dem Titel yamim shel tchelet, 1960.

3. und 4. Auflage erschienen im Verlag

Sifrej Pura

Für Esra Minzer,

der am 4. April 1948 − im Befreiungskrieg −

bei einem Angriff auf den Kibbuz

Mischmar haEmek getötet wurde.

Wir waren 18 Jahre alt.

Er war mein bester Freund.

“Und jener Tage werden wir gedenken,

ihrer Höhe Kraft, ihrer Jugend Ewigkeit.

Denn wenn wir sie vergessen,

mit wem, mit wem, Brüder, sollen wir verbluten?“

Nathan Alterman

Inhalt

Grüne Tücher und brennende Sanddosen

Tagebücher

Bei Abu-Selim

Aufstieg und Fall

Gründung der Bande

Riesen der Urzeit

“Sie schaut dich an!”

Wasser in der Hosentasche.

Das Heft des Ringens.

Unerträglich

Eliah am Hof Ahabs

Ein Gespräch über Poesie.

Wandzeitung

“Ameisen”

Die Bande in Hochform

Süß und schmerzhaft

Ein hilfreicher Distelhaufen

Ein Liebesgedicht sorgt für Aufsehen

Heft der Enttäuschungen

Streitigkeiten im Komitee

Heft des Wachstums. Credo.

Konflikte mit Israel

Jugendrepublik “Topia“

Grüne Tücher und brennende Sanddosen

Sie sind noch da und sie gehen dem Ende entgegen, die Sommerferien, verblüffend, wie ausgedehnt sie sind, bis sich plötzlich herausstellt, dass sie kurz waren. Man könnte meinen, sie und nicht du waren es, die barfuß im Hof herum liefen, im warmen Staub wateten, langsam und vorsichtig durch den Weinberg gehen, um nicht auf zerquetschte Trauben zu treten, an denen bitter stechende Bienen sich süßen Saft saugen. Oh, die langen, sonnengebräunten Tage, die mit uns während der Olivenernte auf die Leitern kletterten, und im Siloturm auf dem geschnittenen Mais tanzten, um ihn kräftig zusammenzudrücken, dann die Ogden- und Beauty-pflaumen pflückten, bis zur Ernte der großen Santa-Rosa-Pflaumen... Und auf den Feldern die Heugabel leicht in die Strohballen stachen, sie auf den großen flachen Anhänger des Traktors warfen, der sie in die Scheune, neben den Kuhställen, bringt. Zum Schluss, nachdem eure Arbeitsquote absolviert war, fuhren sie mit euch für die langen, langen Tage, nach Tel-Aviv, Haifa und allen Orten, in denen es Freunde und Verwandte zu besuchen gibt, um viel Eis zu lutschen und Filme mit Danny Kaye zu sehen... Ja, diese Tage schienen unendlich, bis sie das Gefühl und den traurigen Geruch von etwas, das zu Ende geht, bekamen.

Jetzt werden schon die Stoppelfelder gepflügt. Der riesige Di-Six-Traktor, auf dem nur die Veteranen sitzen dürfen, mit seinen klappernden Ketten, der zwei achtklingige Pflüge beharrlich hinter sich herzieht, erregt keine Neugier und Neid mehr und der kleiner Di-Four, auf den manchmal sogar die älteren Schulkinder klettern dürfen... zieht auch nicht mehr das Auge und das Herz mit sich.

Wenn man auf dem Rasen vor dem Speisesaal liegt und den kleinen, weißen Wolken zu schaut, die sich schon hier und da ballen, dann denkt man... Man weiß eigentlich nicht, was man denkt, aber es gibt da oben, im Blauen, eine Schafherde, an die sich der Blick heften kann und alle sagen, der Herbst kommt. Zeit, in die Komuna zu gehen, um sich neue Hemden und Hosen anpassen zu lassen, weil wir bald, verblüffend, wie lange das bald dauert... So lange, dass man plötzlich Lust bekommt, tief Luft zu holen und etwas zu tun, nur, was?

Wir werden zu einem fremden, rätselhaften Ort fahren, ins pädagogischen Institut. Channa und Jehuda nennen ihn so, weil sie alles, was nach Pädagogik riecht, gern haben, sagt Gadi, und weil sie traurig sind, uns hergeben zu müssen. Aber wir, die wir nicht so auf alles Pädagogische erpicht sind, wir sagen nur das Institut, als ob es selbstverständlich ist, ah, ja, das Institut. Dort gibt es eine Jugendrepublik, die Jüngsten sind zwölf und die Ältesten achtzehn, es gibt in den frühgegründeten Kibbuzim – Beth-Alfa und Mischmar-haEmek, Merchavia und Ssarid, Misra, Ejn-Schemer und Ma’abarot – schon junge Genossen, über die man hinter vorgehaltener Hand sagt, das ist Einer, der das Institut beendet hat.

Die Eltern und einige Genossen – Yossef, Riwka, Judl und andere – begleiten die Kinder mit den Koffern von den Schlafräumen zum Pritschen-LKW. Sie winken schon bevor sich der Wagen in Bewegung setzt. Vielleicht haben die Mütter Tränen in den Augen, oder sie sind es schon, seit der Geburt ihrer Kinder gewöhnt, sie immer abgeben zu müssen? Als der Pritschen-Wagen im Staub des Feldwegs verschwindet, gehen sie wieder zu ihrer Arbeit. Zurück bleibt der Lehrer, Jehuda, seine Brillengläser glänzen in der Sonne, er winkt noch, als das Auto längst verschwunden ist. Efraim sitzt am Steuer des Wagens, Channa begleitet Kinder und Kleider, das fanden Uri und Ofra unwohl, dass die Mutter und der Vater sie noch einige Stunden in die neue Welt begleiten. Rechts und links liegen gepflügte Felder mit dunkelbrauner Erde, Stoppelfelder im satten Gelb, in der Ferne Bergketten: Hinter uns die Nazareth-Berge, der Tabor, auf dem die Richterin Debora unter einer Palme saß, der Moreh-Hügel, an dessen Fuß die Hexe von Ejn-Dor vor dreitausend Jahren in einer Höhle hauste, die Gilboa-Berge, in denen König Saul von den Philistern besiegt wurde und auf sein Schwert fiel, um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Vor uns liegen die Efrajim-Berge, die wir noch nicht kennen, dann der Karmel, mit dem Muchraka-Gipfel, wo angeblich für den Propheten Elijahu das von ihm erbetene Feuer vom Himmel fiel.

Rafi steht wie alle auf dem Pritschen-Wagen, sie halten sich an den Leiterrahmen fest und verschlingen mit ihren Augen die Landschaft. Rafi denkt – so klar, als würde er es laut sagen – vor uns liegen die breiten Felder der Yisrael-Ebene, hinter uns die Erinnerungen, wie das poetisch klingt.

“Also, jetzt sind wir groß und selbständig und sind die Erziehung los“, sagt Gadi und schaut Channa an.

“Wie alt bist du eigentlich, Gadi“, fragt Channa.

“Eigentlich bin ich vierzehn und nicht-eigentlich ein bisschen mehr als dreizehn.“

“Und schon brauchst du keine Erziehung mehr, so schnell?“

“Das war gar nicht schnell. Ich hoffe, dass es jetzt zu Ende ist, aber wenn nicht, soll es lieber Selbsterziehung sein, das ist bequemer.“

Channa schaut nachdenklich die lockigen Köpfe an, alle hat sie in den letzten Jahren betreut. Eine lange Zeit, die plötzlich vorbei ist, als wäre sie ganz kurz gewesen. Ob es ihnen – ihren Kindern – auch so schwer fällt, Abschied zu nehmen? Werden sie an sie denken? Rafi ist sicher, Betreuerinnen und Mütter denken so. Wenn wir in den Sommerferien und in noch einigen Jahren endgültig, in den Kibbuz zurück kommen, erwachsen und gleichberechtigt, als neue Kibbuzgenossen, was jetzt komisch erscheint, dann aber selbstverständlich sein wird... Channa fragt sich sicher, ob wir sie dann auf dem Weg zum Speisesaal grüßen werden? Denkt Rafi so, oder ist es “der Geist der Erzählung“, über den Rafi bei einem berühmten Schriftsteller, so wie Rafi einer werden will, gelesen hat?

Öfter und länger als die anderen, schaut Channa Ofra an. Wie war ich, als ich dreizehn war? War mir meine Mutter auch so fremd? Was wird aus dieser Fremdheit werden? Sie wird sich während der 6 Jahre, in denen die Kinder fern von zu Hause sind, vergrößern.

“Jetzt haben wir 1942, ich bin 13, also sind wir im Sommer ’48 fertig, 1950 werde ich 21 sein und 2000 71“, denkt Jossi laut. “Schade!“

Ofra schaut ihn nachsichtig an: Wie wird er zu Recht kommen, es werden viele Kinder aus verschiedenen Kibbuzim aufeinandertreffen. Man wird Lerneifer und gesellschaftliche Aktivität fordern. Wie wird sich Jossi, mit seinem struppigen Haar, zurechtfinden?

“Warum ist das schade?“, fragt Rami und blinzelt.

“Das eine Jahr verdirbt mir alles“, erklärt Jossi. “Es wäre besser, wenn ich 1950 erst 20 wäre, dann würde ich 2000 siebzig sein. Runde Zahlen merkt man sich leichter, aber die runden habe ich verpasst, da kann man nichts machen.“

“Einige runde sind noch offen“, tröstet ihn Gadi. “Wenn du 1950 heiratest und jedes Jahr ein Kind machst, wie die Ultrareligiösen, ein Apfelkind das nicht weit vom Stamm fällt, dann hast du 1960 zehn Kinder, 1990 hast du 100 Enkeln und Enkelinnen und im Jahr 2029, wenn du genau 100 bist, hast du 1000 Urenkeln. Ist das rund genug?“ Jossi schaut in ungläubig an: “Das meinst du sicher nur im Spaß. Aber eigentlich, wenn man wirklich im Alter von 20 heiratet und jedes Jahr ein Kind macht, wie du sagst...“

Rafi lehnt sich an den Leiterrahmen, der Wind streicht durch seine dunklen Haare, seine blauen Augen sehen nachdenklich aus. Alle, die da reden und lachen, sind seine Genossen, aber zwei von ihnen liebt er, obwohl er das Gefühl hat, sie verstehen ihn nicht: Gadi mit dem wild zerrauften braunen Haar, der runden Kartoffelnase und seinen braunen lachenden, warmen Augen, die rasch alles aufnehmen, und Ruti, neben ihm, schlank, hoch und biegsam, Rafi liebt diese Worte, schlank, hoch und biegsam, wenn die Sonne auf ihre kurzen Haare scheint, zaubert sie einen rötlich goldenen Glanz auf sie. Auf ihrer Stupsnase blitzen einige freche Sonnensprossen, in ihren Augen tänzelt Grün-lustiges, wie an deinem ersten Tag im Kibbuz, als Channa dich in den Duschraum führte, und du so überrascht und beschämt warst, weil Jungen und Mädchen gemeinsam duschten. Sie stand über ein Waschbecken gebückt und spülte ihre Haare, sie richtete sich auf, schaute dich einen grünen Moment an, nur einen Moment, seitdem manchmal..., das heißt immer...

Die Hälfte der Sommerferien hat Rafi in Haifa, bei seinem Vater verbracht. Verspürte er Sehnsucht nach seinen Freunden? Sich sehnen? Sehnen sind Schnüre im Körper, die sich dehnen und zusammenziehen, z. B. wenn man die Hand ausstreckt. Kann man auch die Seele dehnen, wie z. B. wenn du an deine Mutter denkst? Vater hat eine Einzimmerwohnung und eine Menge Bücher. Während er in der Klinik arbeitet oder Vorträge hört, kannst du endlich mit dir selbst sein, lesen, Blockflöte spielen, dösen, schreiben... Wunderbar! Dabei denkst du an die langen Sommerferien, ans barfuß im warmen Staub waten. Die sonnengebräunten Tage, zusammen mit deinen Freunden, du siehst sie im Schlafraum, im Speisesaal, im Duschraum, siehst sie oft, eigentlich die ganze Zeit, vor dir, aber besonders...

Rafi kam gestern aus Haifa zurück, um mit ihnen in die neue Welt des Pädagogischen Institutes, zu fahren. Sein Vater verstand diesen Impuls, dein neues Lebenskapitel zusammen mit deinen Freunden zu beginnen. Vater ist Psychiater.

Während der letzten Tage auf der Farm waren alle so beschäftigt, dass sie sich kaum gegenseitig beachteten. Man lief zwischen den Gruppenräumen, dem Elternzimmer, dem Klassenzimmer und der Kleiderkammer hin und her, und in der Früh schleppten sie Koffer und Taschen zum Pritschen-Wagen, riefen dabei Schalom. Schalom, auf Wiedersehen, alles Gute, und ihr auch, danke, natürlich, bis das Lastauto den Kibbuz verlässt, “vor ihnen breiten sich die Felder der Jesreel-Ebene aus und hinter ihnen liegen die Erinnerungen“, das wirst du einmal über dich, Gadi und Ruti schreiben. Es ist schön und traurig: In dem Lärm, um dich herum, bist du eigentlich allein.

Du hast mit ihnen gesprochen, einige nichtssagende Worte, Schalom, was gibt’s Neues, wie war’s, die Ferien, toll, ich hatte es wunderbar, das ist’s was man sagen kann, ohne die Hand auszustrecken, man tauscht ein Lächeln aus, Schalom-Schalom.

Wie lange fährt man von einer bekannten Welt in eine unbekannte? Eine halbe Stunde:

Die Neue ist auf der anderen Seite der Jesreel-Ebene. “Auf der anderen“ – das hängt natürlich davon ab, von welcher Seite du es betrachtest.

“Leute, schaut, dort drüben, man sieht schon...“ und man zeigt, “vor den Bergen, auf dem Hügel, dieses große Gebäude, mit den zwei Flügeln, ja, das ist es!“ Es schaut in die Ferne, denkt Rafi, gekrönt von einem grünen Teppich. Ein Teppich ist doch keine Krone. Der grüne Teppich liegt auf den Hügelabhängen hinter dem Gebäude. Das Grün sieht frisch und kühl aus und sie fahren auf einem Feldweg voller ausgedürstetem Staub in der Sonnenglut. Ausgedürstet und Sonnenglut sind gute Worte für eine Erzählung.

Stoppelfelder. Frischgepflügte Furchen. Jetzt überqueren sie ein Wadi, grünlich stehendes Wasser, von Disteln, Schilf und Brombeeren umgeben. Das ist der Kischon, Leute, der uralte Bach, das Wasser Meggidos, der einst Siseras eiserne Streitwagen hinweg riss. Vor dreitausend Jahren versanken sie hier in Dreck und Schlamm, wie kann es ihnen gelungen sein, darin zu ertrinken? – fragt Gadi – Da braucht man eine eiserne Fantasie. Wer jetzt hier ertrinken will, muss vorher Kopfstand üben.

Vor uns die Kreidehügel, bedeckt mit niedrigen, dornigen Sträuchern und schwarzen Ziegenpunkten, an den Täler liegen arabische Obstgärten und Lehmhäuser, wie große Spielzeuge.

Uri bemüht sich um einen klaren Überblick. “Das Institut ist ganz getrennt vom Kibbuz“, sagt er.

“Das sieht doch jeder, und Uri war schon einmal hier auf Besuch mit Channan und Esther“, lässt Rafi in seiner zukünftigen Erzählung Rami denken, “Da weiß er alles.“

“Auf die Hügel kann man mit dem Pritschen-Wagen von vorne und von der Seite hinauffahren,“, erklärt Uri.

Da ihn niemand beachtet, fährt er fort: “Bald, wenn es in den Kibbuzim viele Kinder geben wird, wird man solche Pädagogischen Institute überall gründen, vielleicht auch bei uns, obwohl das eine Menge Geld kostet. Man hat bereits im Sekretariat darüber gesprochen, Channan hat’s mir gesagt.“

Er nennt ihn nie Papa.

Eine Palmenallee führt zum Kibbuztor. Ruti klettert ganz aufgeregt auf den Leiterrahmen des Pritschen-Wagens. Ofra ruft, man soll singen. Niemand hört auf sie. Der Weg ist fast weiß, so kalkhaltig ist der Boden, und da fahren sie schon auf das weißgetünchte Institutsgebäude zu, zwei Stockwerke, lange Fluren, große Fenster, vor ihnen breiten sich die Felder der Jesreel-Ebene aus und hinter ihnen liegen viele Erinnerungen...

Der Pritschen-Wagen tastet sich langsam den schmalen Weg entlang. Als er bremst, purzeln alle nach vorne, Ruti klettert über den Leiterrahmen, springt hinunter, ruft, man solle ihr die Rucksäcke und Bündel runter werfen.

“Langsam, langsam“, beschwichtigt Channa. “Vorsichtig und langsam, bitte!“

Efrajim ist aus dem Führerhaus gestiegen, reicht Channa die Hand, es ist ihr schon nicht mehr leicht herunterzuspringen.

Um das Auto scharen sich neugierige Kinder und Jugendliche, alle in kibbuzblauen Hemden mit weißen Band.1

“Schaut, schaut welche Pipsqueaker man uns da schickt! “, ruft ein blondgelockter Bursche, dem eine Whistle-Pfeife aus der Hosentasche hängt. Alle Augen wendeten sich ihm zu.

“Den kenn ich“, flüstert Ruti Ofra zu, “zum 1. Mai, sprach er über den Lebensstil der jungen Wächter im Wald bei Afula, erinnerst du dich?.“

“Nun, Kinder, fangt an abzuladen!“, spornt Efrajim sie an, sie reichen einander die weichen, aufgebauschten Säcke der Winterdecken, Kleider, in Leintücher gewickelt, auch private Kisten, vielleicht mit Blockflöten, Büchern, Taschenlampen, Taschenmesser, Schach-Spiele, Briefmarken-Sammlungen, Tagebücher, Fotoalben...

“Der Fahrer scheint es eilig zu haben.“

Schon wird die hintere Klappe des Pritschen-Wagens gesperrt, nun Kinder, Schalom, eine gute Zeit euch allen! Efrajim wendet sich besonders an Rami, seinen Sohn, Rami murmelt ein schwaches Schalom, gibt Efrajim aber nicht die Hand. Efrajim sitzt schon im Führerhaus und der Wagen rumpelt langsam den Abhang hinab.

Channa bittet um Mithilfe, die Pakete in die Kleiderbetreuung zu bringen, auch sie hat es eilig.

Uri und Rafi helfen ihr und kehren auf den Platz zurück. Da stehen sie – das heißt: wir, neun Kinder – allein, von neugierigen Blauhemden umringt, bis sie sich zerstreuen. Es sind unsere Leute, wir sind ihre, vom selben Stamm, und trotzdem, man ist sich fremd. Die Mädchen scharen sich um Ofra und Ruti und und flüstern miteinander. Die Jungen stehen um Uri und Gadi, “als ob sie sich schweigend beraten würden“. Rafi hätte gern mit ihnen den neuen Ort auskundschaftet und die Eindrücke ausgetauscht: “Und wie sind diese Klassenzimmer, größer als unsere, oder? Und wohin, glaubt ihr, gelangt man, wenn man da weitergeht? Lasst uns mal schauen!“

Auch Ruti ist plötzlich anders. Ein bisschen zu laut, sie singt und trällert, sie tuschelt und lacht, nein, sie kichert, man kann ihr unmöglich den Vorschlag machen, “komm, geh’n wir uns umschau’n, gut?“ Sie spricht mit einer Neuen, einer Rothaarigen, weiß schon wie sie heißt, Schoschanna, und die sagt nachlässig: “Schiebt mal eure sieben Zwetschken an den Baum da drüben, bis ihr endlich wisst, wohin damit“, nun gehen die Mädels zusammen, man zeigt ihnen Duschraum und Klo.

“Na, sind wir interessant? “, fragt Gadi ein paar umstehende Mädchen.

“Schrecklich, besonders du!“

“Toll! Ich dachte schon nur ihr seid’s, aber wenn wir auch, ist’s okay. Es ist langweilig allein interessant zu sein.“

Dann gehen auch diese Mädchen weg, und eine bemerkt: “Der mit der Haartolle, der ist witzig.“

“Also“, sagt Uri, “ich bring meine Sachen da zum Baum, bis wir dran sind, unsere Kleidung aufschreiben zu lassen und man uns unsere Zimmer zeigt. Derweil geh ich mich umschauen, kommst du mit, Rafi?“. Und geht ohne sich umzuwenden.

Die, die sich nicht kümmern, ob man ihnen folgt, denen folgt man. Rafi folgt ihm, auch Jossi und Rami. Gadi geht in eine andere Richtung, plaudert mit jemand, hat Fuß gefasst.

Uri kennt sich ein wenig aus.

“Siehst du, da unten, auf der anderen Seite der Straße, sind ihre Felder. Die Erde ist schwer. Channan sagt, ohne Entwässerungsgräben haben sie keine Chance. Jetzt gibt’s einen Pflug, der macht unter der Oberfläche kleine Tunnels, aber es ist nicht klar, wie lange die halten.“ Sie durchqueren das Gebäude zwischen den Seitenflügeln, da ist eine Treppe. Jossi, erinnerst du dich, wie wir bei unserem Besuch aufs Dach gekommen sind und man uns die Gegend gezeigt hat? Da drüben geht’s hinunter zur Lern-Farm“, − Uri zählt die Bereiche auf − “Da liegen die Naturkunde-Räume, einer davon ist für landwirtschaftliche Versuche“.

Jossi will gleich wissen, ob man auch allein Versuche machen darf, wenn man gerade Lust dazu hat, Uri übergeht die Frage und zählt weiter auf: “Ihre Schreinerei, ihre Buchbinderei, Schusterei und dort unten ist das Schwimmbad, leer, es sieht armselig aus. Und die Tür ist geschlossen, der Springturm ist höchstens 2 Meter. hoch.“ Dann stellt er gemächlich fest: “Mit dieser Seite sind wir fertig. Jetzt können wir die Seite zum Wald anschauen.“

“Wir sind müde, aber... Schweigend gehen wir über den Sportplatz zum Wadi hinunter,“ schreibt Rafi in seine Seele. Zwischen den Kiefern plätschert ein Bach, Felsblöcke türmen sich aufeinander. Einmal, vielleicht bei einem Ur-Erdbeben, sind sie donnernd den Abhang herunter gekollert und haben im Schilf und in den Brombeeren ihre Ruhe gefunden.

“Dass wir nur nicht verloren gehen“, warnt Jossi.

“Keine Gefahr. Es ist ganz einfach, sich da zurechtzufinden“, erklärt Uri. “Das Institut liegt auf einem Hügel, der hat drei Abhänge: Nordwärts geht’s hinunter in die Jesreel-Ebene, im Osten führt der Abhang in den Kibbuz, im Westen liegt dieses Tal, Wadi Abu Schusha, das wird so genannt, wegen des Dorfes Abu Shusha, das dort drüben liegt. Südwärts geht’s hinauf in den Wald.“

“Aber jetzt sind wir im Wald, obwohl wir runter gegangen sind“, widerspricht Rafi.

“Klar“, – Uri ist nie verwirrt, wenn man über eine geografische Lage spricht, – “in den Wald führen zwei Wege, der untere mit dem Wadi, neben dem Bach, der obere – neben einem Weinberg und einer Apfelplantage.“

Unten Tal und Bach und oben – Äpfel, ist das nicht symbolisch? Was hätte Papa gesagt, wenn ein Patient ihm erzählt hätte, er habe von einem Bach unten und Äpfeln oben geträumt? –

Rafi hat in der Bibliothek seines Vaters Freuds “Traumdeutung“ entdeckt.

“Wie findest du dich so zurecht?“, bewundert Jossi Uri.

Uri genießt das Kompliment.

“Gleich kommen wir zu einer Pfahlbau-Hütte. Da gibt’s für den Bach ein Gefälle mit einem Wasserfall. Auf der anderen Seite des Baches ist der Weg ans Dorf Abu-Shusha, auf dem Weg dahin liegt unsere Mülldeponie, dann kommt der Friedhof von Abu-Shusha, dort steht eine heilige Eiche.“

Vom Rundgang zurück, zeigt Channa ihnen ihre Zimmer, mahnt sie lächelnd brav zu sein und manchmal zu schreiben. Damit verabschiedet sie sich.

Man beachtet ihr ’Schalom’ kaum und antwortet nachlässig, natürlich, alles Gute, Schalom, Schalom. Jetzt ist am wichtigsten, Wer mit wem in einem Zimmer schläft. In jedem Zimmer sollen 2 Mädchen und 2 Jungen wohnen, die Mädels haben sich ihre Betten schon reserviert, Gut das wir im zweiten Stock sind, da läuft man uns weniger vor der Nase herum und wir haben einen Ausblick auf die Jesreel Ebene. Jeder hat ein Klappbett, das tagsüber in ein Regal mit Vorhang geklappt wird. Unter dem großen Fenster sind Wandfächer für die Kleider. Schade. Bevor sie ihre Sachen verstauen, das wöchentliche Kleiderpacket, das sie sich geholt haben und die Kramkiste die sie mitgebracht haben, hört man draußen ein Chorgeschrei: “Essen, esseeen!“

“Statt zum Essen zu läuten“, erklärt Uri, “zünden sie auf einem Mast eine rote Laterne an, das soll Lärm vermeiden und damit die stille Lampe nicht unbemerkt bleibt, schreit man dazu!“

Der Speisesaal hat eine überdeckte Terrasse. “Größer als unserer“, muss Uri zugeben. An den Wänden hängen Girlanden und Fotos: Auf einem der Fotos stehen Mädchen und Jungen in einem Halbkreis, über dem Foto steht: “Mit Jugendglut bauen wir...“

Uri liest nicht zu Ende und verzieht verächtlich den Mund. Die Fotos interessieren vielleicht die, die drauf sind, was sie mit Jugendglut bauen wollen, geht mir am Arsch vorbei. Mit energischen Schritten steuert er auf einem gedeckten Tisch zu. Rafi, Jossi und Rami setzen sich neben ihn und nehmen sich vom Brot, Quark, Omeletten, Salat-Gemüse... Da schlägt der Bursche, den sie bei ihrer Ankunft getroffen haben, mit einer Gabel an einen Teller und verkündet: “Beim Erschallen der Trompete, werden die Gruppen zum Apell gerufen. Jede Gruppe sammelt sich vor ihren Zimmern und geht zusammen auf den Sportplatz. Natürlich alle in Jung-wächter-Hemden.“

“Ziki heißt er!“ flüstert Ruti zu Ofra. “Vorhin ging er an mir vorbei, berührt mich leicht am Ärmel und warf so dahin: ’Na, Süße, wie gefällt dir unser Institut, nicht schlecht, oder?’, ich hab mich sofort erkundigt, wie er heißt. Was für ein lustiger Name, Ziki!“

Blaue, spöttische Augen hat er, das Wächterhemd in seine extrem kurze Khakihose geschoben, die er mit einem Gürtel zusammenhält, an dem eine Whistle herunter baumelt. So muss man sich anziehen!

“Sicher aus der ältesten Gruppe“, stellt Ofra fest.

“Nein, ich hab mich erkundigt“, verbessert Ruti. “Er ist von den Zweitältersten, ’Flamme’, aus der werden die neuen Gruppenführer gewählt. Vielleicht, wenn wir Glück haben...“

“Was für ein Angeber!“ kritisiert Rami. “Ein Aufschneider!“

Eine halbe Stunde nach dem Abendessen ertönt die erwartete Trompete.

An den Galerien beginnt eine Lauferei, Türen werden zugeworfen, man drängt und stößt sich, sucht seine Gruppe, in der es Neue gibt, die jetzt auch zur Gruppe gehören, man hätte ein Kennenlernen initiieren sollen.

“Na, Jungs“, sagt überraschend einer der Neuen, “da sollte doch einer von euch, Veteranen, die Sache in die Hand nehmen und etwas sagen, zum Beispiel, wann wir los gehen.“

“Ihr braucht ihn nicht mit den Augen auffressen“, sagt Gadi. “Er heißt Usi, trinkt kein Petroleum, isst keine Nägel.“

“Wir müssen einen Namen für unsere Gruppe wählen“, sagt Ofra, “so hat man mir ausgerichtet.“

Ah, ausgerichtet hat man’s ihr, wir müssen und brauchen, wichtigtuerisch wie immer“, denkt Rami. Da kommen schon die ersten Vorschläge, Eiche, Felsen, Zukunft... Nach Geschrei und Probeabstimmung wählt man ’Felsen’, nur Rami ist strikt dagegen. Er findet Felsen total unpassend.

“Warum nicht Eukalyptusbaum? Ich schlage Eukalyptus vor, lasst uns nochmal abstimmen!“

“Ich fordere noch einen Vorschlag, damit wir eine größere Auswahl haben, zum Beispiel Kröte, damit wir, im Fall dass man uns eine Kröte zu schlucken gibt, uns selbst schlucken können. Also, wer ist für Ramis Kröte?“

Da erscheint Ziki, mit dunkelblauem Tuch zum Wächterhemd, die Whistle baumelt am Gürtel. Dunkelblaues Tuch, er gehört zur mittleren Stufe. Die Absolventen, die am Ende dieses Jahres das Institut verlassen, tragen schwarze, wir, die jungen, bekommen bald grüne, wenn wir einen Gruppenführer haben, der uns darauf vorbereiten wird.

Auf seinem Herzen trägt Ziki, wie alle, die dazu berechtigt sind, das Abzeichen der Bewegung, allerdings noch ohne roten Hintergrund, eine vergoldete Lilie, mit einem Kranz. Nach der Probezeit, werden wir unsere Abzeichen bekommen, die Lilien-Brosche, nach zwei Jahren... – denkt Ofra.

“Wie schön die extrem kurze Hose ist, doppelt aufgekrempelt!“, denkt Jossi und fragt sich, ob er rasch aufs Klo laufen soll, um sich seine Hose auch hochzukrempeln.

“Hört, Genossen!“, ruft Ziki, “weil ihr noch keinen Gruppenführer habt, werde ich das für heute übernehmen. Habt ihr einen Gruppennamen gewählt? Wunderbar. Also, Gruppe Felsen, habt Acht! In Dreiern – marsch!“

Die Trompete ertönt wieder. Man bringt Fackeln. Usi drängt sich nach vorne und erwischt eine Fackel. Auch Jossi drängt sich vor, aber Ziki vergibt die Fackel an Ruti, damit ein Junge und ein Mädchen Fackelträger sind. Gruppe Felsen, habt Acht! Steht stramm! Links ausrichten! Vorwärts Marsch! Mir nach! − Wir sind bereit, ihm zu folgen!

Der Sportplatz ist von Licht umrahmt. Kleine Flammen, die aus der Dunkelheit wachsen, bei näherem hinsehen erkennt man, sie sprießen aus Konservendosen. Das ist einfach, erklärt Uri, man füllt eine Dose mit Sand, begießt ihn mit Petroleum, steckt einen Docht hinein und schon brennt es und leuchtet es.

Ziki kommandiert sie zum linken Flügel, hier stehen die jüngsten, grün betuchten Blauhemden, die Schwarzbetuchten stehen ganz rechts. Felsen, habt Acht! In Dreiern rechts um!

Vorne lodern zwei Feuersäulen, zwischen denen steht eine kleine Gruppe.

“Das ist die Wächterführung“, flüstert Uri, “mit dem Trompeter und Trommler“.

Jetzt werden direkt hinter den Fahnen noch drei Feuersäulen angezündet. Uri erklärt überflüssigerweise, es ist die Nationalfahne, die Klassenfahne des Proletariats und die Jungwächternestfahne unseres Instituts. Hinter der Nestführung brennt jetzt eine Feuerinschrift. Uri flüstert, es sieht nur so aus, als ob sie auf ihren Köpfen brennt, sie ist hinter ihnen, am Abhang haben sie Pfosten eingerammt und Eisendrähte gespannt: Der kapiert einfach nicht, dass seine dauernden Erklärungen nerven. Die Hauptsache ist nicht, dass in Petroleum eingetunkte Sackstücke um die Buchstaben aus Drähten gewickelt sind und dann angezündet werden, sondern, dass aus dem Dunkel Feuerbuchstaben verkünden: “Jeden Tag vorwärts!“ Jeden Tag. Das letzte Wort ist vom Rauch verwischt. “Habt Acht! Steht Stramm! Am Apell nehmen Teil 182 junge Wächter und Wächterinnen“ verkündet ein magerer Bursche.

“Auf die Fahnen schaut!“

Das Bild gräbt sich in Rafi ein. Dunkelheit, Feuer und Licht. Die Führung. Die Fahnen. Hundertzweiundachtzig, und er ist einer von ihnen, ein junger Wächter. Als man “Stärkt eure Hände!“2 singt, heftet er seine Augen auf die Jungwächternestfahne, unsere, unsere Fahne! Rot, mit Gold bestickt, man sieht es kaum, aber man weiß es! Während der Nationalhymne “Die Hoffnung“, schaut er auf die blau-weiße Fahne, die Hoffnung und Reinheit symbolisieren soll, und als die “Internationale“ gesungen wird, denkt er an das Arbeiterblut, das im Kampf vergossen wurde, die verbrennende Welt von gestern, den roten Aufruf zum Kampf für den roten Morgen. Die Fahnen wehen im Wind, flammenvergoldet. Jeden Tag vorwärts! Wenn der hagere Bursche jetzt aufgerufen hätte, in einen heiligen Krieg zu stürmen, Rafi wäre gestürmt. Ein Mädchen, das zwischen den Fahnen steht, liest den Tagesbefehl vor. “Jetzt um so mehr! Wir werden unsere Reihen vereint stärken, mit Eifer studieren und arbeiten, unsere Werte kristallisieren, mit jungwächterlichem Eifer, jetzt umso mehr...“

Sie hat kurze braune Zöpfe, Rafi kennt sie von irgendwoher. Sie hält das Blatt des Tagebefehls in den Händen und der dunkle Hagere, der den Apell befiehlt, leuchtet ihr mit einer Taschenlampe. “Wir werden ein jungwächterliches Lebensmilieu gestalten, unsere ideologischen Grundlagen vertiefen, denn ...“ Ihre Stimme ist weich und hell.

Es geht um drei Säulen, auf denen die Welt des Institutes ruht: Lernen, gesellschaftliche Aktivität, Arbeit. Die Genossen der ältesten Gruppe, Lilie, geben ihre Positionen als Gruppenführer und Vorstände der Komitees ab. Die Genossen der zweitältesten Gruppe, Föhre, tragen ihre Verantwortungen weiter, die Genossen der drittältesten Gruppe, Flamme, gliedern sich in die Leitung unserer Jugendgemeinschaft ein, auch als Gruppenführer. Uns treten junge Gruppen bei, die bilden die Jugendsektion, Felsen, Tamariske, Möwe, Vorstürmer, Schwalbe.

Die Flammen flackern, die Fahnen wehen. Damit ist unser Jahr des Lernens, der gesellschaftlichen Aktivitäten und der Arbeit eröffnet. Der Apell ist beendet.

“Entlassen!“

Wohin jetzt?

Natürlich, in den Speisesaal, zur Feier. Die Tische werden zur Seite geschoben, die Bänke in einen Halbkreis gestellt. Man singt: “Wie ist’s gut und schön wenn man zusammen sitzt...“. − “Die Fahne weht auf dem Mast“, − “Schaut und seht, wie groß ist dieser Tag“3. Aus jeder Gruppe geht jemand an den Tisch, der vor dem Halb-Kreis steht und berichtet, ein wenig zögernd, wie seine Gruppe den Sommer verbracht hat. Wer berichtet über uns, die Felsen? Rasch, Jungs, jemand muss sich melden, das wäre eine Schande, wenn wir, als einzige Gruppe... Ofra ist bereit. Natürlich! Sie geht zum Tisch und stottert, so wie die vor ihr. Nichts Besonderes zu berichten, wir haben auf der Farm gearbeitet, bei der Weinlese, der Olivenernte, beim Mais stampfen, Pflaumen pflücken, an den Abenden haben wir Kartoffeln gebraten, Verwandte in der Stadt besucht, wie gewöhnlich, wie alle, und... und... Als die Zeit kam, hierher zu kommen, waren wir begeistert und aufgeregt... und jetzt hoffen wir... ich meine, jetzt sind wir sicher... Sie setzt sich wieder auf ihren Platz. Sie war ganz gut. Hat uns nicht beschämt. Einige Kinder, pardon, Genossen, lesen die im Feuilleton abgedruckten Artikel aus dem Milieu der Ferienlager und Sommerausflüge der Jung-Wächter-Bewegung. Die daran teilgenommen haben, lachen viel und laut, auch wir, die Felsen, die eigentlich nichts verstehen, lachen mit.

Ruti sitzt in der ersten Reihe und lacht und lacht, man hört es im allgemeinen Lärm kaum, aber man sieht ihr strahlendes Gesicht. Sie ist weit, weit weg. Rafi sitzt in der letzten Reihe, bemüht, zu lächeln, etwas schnürt ihm die Kehle zu.

Dann wird Hora in drei Kreisen getanzt. Die Mädchen – Ruti, Ofra, Talma – drängen sich in den innersten Kreis, auch Ziki tanzt dort, natürlich. Rafi, Uri, Gadi und die Anderen stehen abseits und schauen schweigend zu. Ruti, mit wirren Haar und glühenden Wangen, zieht Ofra mit sich aus dem Tanzkreis und lässt sich auf eine leere Bank fallen.

“Ah, das nenne ich tanzen! Bei uns, zu Hause, waren die Jungen Kleinkinder. Aber hier... Genug! Jetzt muss ich mich ein wenig ausruhen, damit mir Kraft für die Paartänze bleibt.“ Sie folgt mit glitzernden Augen den Tanzenden.

“Schau dir mal Ziki an! “

Er kann tatsächlich Blicke auf sich ziehen, die Whistle baumelt kokett an ihrer geflochtenen Schnur. Das Mädchen, das beim Apell den Tagesbefehl verlesen hat, verlässt den zweiten Horakreis und integriert sich in den innersten, neben Ziki. Und er ruft ihr ganz laut zu, − es kümmert ihn nicht, wenn alle es hören − im Gegenteil, sollen sie doch, “Gut so, Tempo, Rachel, damit wir die Kleinkinder ermüden und loswerden, sonst wird’s heute keine richtigen Tänze geben!“

Zuletzt zerbröckeln die Kreise und lösen sich auf. Die eben noch getanzt haben, fallen wie lose Blätter auf die Bänke, um Atem zu holen. Jetzt zieht Ziki seine silberne Mundharmonika aus der Hosentasche und beginnt einen Krakowiak zu spielen.

“Na also“, sagt Gadi zu Rafi, “jetzt beginnen die Angebertänze!“

In der Tat, im Saal drehen sich nur wenige Paare, die anderen sitzen oder stehen an den Wänden, beobachten die Tanzenden, kichern manchmal, zum Beispiel, wenn zwei Mädchen miteinander tanzen. Die geübten Tänzer aus der ältesten Gruppe, begleitet man mit neidvollen Blicken.

Rafi geht auf Ruti zu, ihre Bluse hat sich im Hora Schwung aus der Hose befreit, auf ihrer Stirn glänzen Schweißperlen, ihre Augen folgen den Paaren, sie bemerkt nicht, dass jemand neben ihr steht. Rafi hat noch nie einen Paartanz versucht, er traut sich nicht, ihr leichthin und nachlässig, den Vorschlag zu machen, “Lust zu tanzen, Ruti?“ Im Sommer ist sie gewachsen, ist älter und reifer, aber auch fremder geworden. Und wenn er es trotzdem wagt? Natürlich wird sie ihm eine Absage erteilen, “Ach, nicht jetzt, Rafi, ich bin halb tot“. Aber etwas muss er sagen:

“Wie hast du den Sommer verbracht, Ruti? “ – das Langweiligste was man fragen kann. Fast wie, “was gibt’s Neues?“

“Ist vergangen, wie er eben vergeht“, antwortet sie unwillig, ihr Blick bleibt an die Tanzenden geheftet.

Da kommt Ziki und nimmt ihre Hand:

“Kommst tanzen, Schöne?“

Er erwartet keine Antwort und zieht sie zu sich.

“Ach“, sagt sie mit freudig verwöhnter Stimme, “aber ich bin noch ganz müde! “, dabei beeilt sie sich, ihre Schritte den seinen anzupassen.

Im Schwung des Drehens lehnt sie sich zurück, lässt ihren Kopf und ihre Haare zurückfallen, Ziki hält sie an der Hüfte und bei der letzten Drehung ruft er: “Jetzt hoch!“, hebt sie, schwingt sie, erst nach zwei Schritten landet sie wieder in seinem Armen, strahlend.

Rafi kehrt zu Gadi zurück. Gadi tanzt nie, auch Hora nicht, weil er diese Sache mit dem Bein hat, etwas mit dem Hüftengelenk, schon seit frühester Kindheit.

“Schau dir dieses Tanzen an,“ sagt er zu Rafi. “Man läuft immer im selben Kreis und kommt immer an denselben Platz zurück.“

Rafi nickt.

“Für den ersten Tag war es nicht schlecht, oder?“

Rafi nickt und steht auf.

“Wohin gehst du, Rafik?“

“Ich... ich glaube, ich gehe besser schlafen“, sagt Rafi unsicher. “Ah, das glaubst du? Und ich glaube, irgendwo steht geschrieben, selig sind die Glaubenden, also glaub ruhig weiter!“

Draußen ist es kühl und frisch. Links das Gebäude, die beiden Flügel, die beiden Stockwerke, die langen Galerien, die großen Dachterrassen. Rechts der Pfad ins Tal mit dem rauschenden Bach.

Die Nacht ist dunkel, die Sterne hell. Manche blinken. Hinter uns der Eintritt in die neue Welt, der Apell, die Feier, die Entfremdung. Und vor uns? Während des Sommers hat Rafi viele Gedichte gelesen, bei seinem Vater, in Haifa, steht die Sammlung, die Rafi zum Geburtstag bekommen hat, von allen Doktor-Kollegen, denen sein Vater erzählte, dass sein Sohn Gedichte schreibt. Sie fragten, wie alt denn der junge Dichter sei, und der Vater erwähnte, dass er nächsten Monat... In Rafi hat sich eine Zeile, − stur wie eine lästige Fliege − eingenistet: “Der Stern überm Wald ist groß. Er stürmt. / Unser Bruder stieg in das feuchte Tal“. Morgen wird... nein, heute hat das neue, stürmische Leben begonnen, alle sagen, es wird stürmisch. Auch die Aufschrift im Speisesaal: Mit der Glut der Jugend bauen wir ein stürmisch-gesellschaftliches Leben... oder ein stürmisches jungwächterliches... Dann beginnt die gesellschaftliche Aktivität für die wir unsere Reihen vereint stärken, mit Eifer studieren und arbeiten, unsere Werte kristallisieren, mit jungwächterlicher Bereitschaft, jetzt umso mehr... Alles, wie es Rachel in der Tagesanweisung vorgelesen hat.

Der Stern überm Wald ist groß. Er stürmt.

Unser Bruder stieg in das feuchte Tal...

Ruti hätte nicht eingewilligt, mit dir zu tanzen, wenn du gewagt hättest, es ihr vorzuschlagen, du störst sie nur, den Vogel, der dem Käfig entkam, bis jetzt ward ihr Kinder, ihr habt nie Paartänze getanzt.

Der Stern überm Wald. Unser Bruder stieg hinab ins feuchte Tal. Unser Bruder ist müde.

Im Gebäude ist es schwül und stickig. Rafi lässt die Tür offen, ein leichter, frischer Wind weht durch den Schlafraum. Er nagt am Bleistift. Ein Gedicht. Ich möchte ein Gedicht schreiben, gewidmet... Wem? Wird es ihr lästig sein?

Der Stern überm Wald ist groß. Stürmisch.

Werden wir noch ins feuchte Tal steigen?

Du tanztest stürmisch...

Ich wollte dich nicht stören.

Nein, nein! Nicht gut!

Ich bin der stürmische Stern überm Tal.

Ich schau dich nur an, von Mal zu Mal.

Ich schau dich nur an vom Himmelseck.

Ich stör dich nicht, weit von dir weg.

Auch diese Zeilen streichen, dann kommt noch ein Versuch:

Ein stürmischer Stern, von des Himmels Eck.

Weit weg.

Betrachtet dich stumm und vergebens,

Wie ich, von der Ecke des Lebens.

Da hört er hinter sich Gadis Stimme: “Ach, Rafik, Rafik, sogar Gedichte schreibst du schon, du kommst total runter, wie dein stürmischer Stern, wenn er eine Sternschnuppe wäre. Entschuldige die kritische Bemerkung: Der Himmel hat keine Ecken und auch das Leben nicht. Sie sind beide rund. Was mich an den Rekord der Geduld erinnert: In einem runden Zimmer eine Ecke zum Scheißen zu suchen. Das ist eine neue Fassung. Die Vorige war unschuldiger, aber weniger pädagogisch: einem Esel eine Limone geben und auf Limonade warten. So, hab ich dir die romantische Stimmung verdorben? Komm schlafen. Vorher erzähle ich dir noch über den Rekord der Frechheit.“

Rafi antwortet nicht. Er schaut auf die Zimmerdecke und wartet ungeduldig, bis Gadi seinen Rekord erzählt und das Licht löscht.

1In den israelischen Jugendbewegungen trug man blaue Hemden, die sich durch die Farbe des Bandes, dass man vorne zu einer Schleife band, unterschieden. Die “Jungen Wächter“ trugen ein weißes Band.

2 Die Hymne der hebräischen Arbeiterbewegung.

3 Drei damals populäre Lieder.

Tagebücher

Im Kibbuz veranstaltete man für die Kinder eine Abschiedsparty, am Abend, bevor sie ins Pädagogische Institut fuhren. Und wie bei einer Abschiedsfeier zu erwarten war, wurde gesungen und Abschiedsreden wurden gehalten. Jossef und Judl, Channan und sogar Efrajim, jeder von ihnen betonte, dass er nicht im Namen der Eltern spreche, nur in eigenen Namen, sie sprachen über Gedanken und Gefühle beim Zu-Ende-Gehen eines Lebenskapitels und dem Beginn eines neuen. Und gerade in diesen schweren Tagen... und die Wünsche mit denen wir unsere Kinder, die in einigen Jahren unsere Genossen sein werden, begleiten... Ofra bedankte sich im Namen der Gruppe bei unsern Lehrern und unsern Eltern und dem Kibbuz im Allgemeinen. Wir wollten ein Album zusammen stellen, aber leider ist uns die Zeit davon gelaufen, und wir dachten, der beste Dank wäre, wenn wir euch zeigen, dass wir es wert waren, so viel in uns zu investieren... Gadi bemerkte dazu, es sei lächerlich, zu sagen “wir dachten“, Ofra hörte es, und fragte, was da lächerlich sei, und Gadi antwortete, es gäbe Sachen, die man gut gemeinsam tun kann. wie zum Beispiel... Da unterbrach man ihn und fragte, ob er sprechen wolle, er könne gleich nach Ofra das Wort ergreifen. Nein, auf keinen Fall wolle er sprechen, nur etwas sagen. Um eine Rede zu halten, hätte er mit den drohenden dunklen Wolken, die sich am Horizont unseres Lebens zusammenballen, beginnen müssen, und da schrie Rami, man solle doch endlich die Süßigkeiten verteilen.

Als letzter sprach Simon Levi, der Vorsitzende des Erziehungskomitees. Im Namen des Kibbuz, zum neuen Lebensabschnitt, in dem... Und er zog unter der Tischplatte eine große Tüte hervor und holte ein Pack dünner Büchlein hervor. Der neue gesellschaftliche Rahmen werde die gesellschaftlichen Werte, die, hoffentlich unter unserer Obhut gewonnen wurden, auf die Probe stellen. Dann verteilte er die Büchlein.

Alle öffneten sie sofort – es waren Hefte, alle Seiten glatt und leer, bevor man den Buchdruck erfand, gab es Bücher, alle in Handschrift... Channa erklärte dazu, es sei wichtig und wohltuend, zur Selbsterkenntnis und zur Persönlichkeitsentwicklung zu schreiben...

“Und zur Selbsterziehung!“, rief Gadi

“Stimmt“, bekräftigte Channa, “auch dazu, besonders, wenn man beginnt...“

Das war ein Beweggrund, der das Schreiben ermöglichte. Zu Beginn schrieb jeder für sich selbst, halb geheim, niemand sah, wie die erste Zeile, nein, das erste Wort, der erste Buchstabe geschrieben wurde.

Am Morgen öffnet Uri die Augen, über seinen Kopf gibt es ein Regal, ach ja, das sind diese Klappbetten, wir sind ja im Pädagogischen Institut. Auf der unteren Seite des Regals wurde viel gekritzelt, Namen, Zeichnungen. Direkt über seinem Kopf steht, umrahmt, eine Inschrift: “Zur ewigen Erinnerung: In diesem Zimmer wohnten...

Von draußen hört man ein sonderbares Summen, die Pumpe, die den Wasserbehälter auf dem Dach füllt, damit es genug Wasserdruck gibt. Der Institutshügel ist höher als der Wasserturm im Kibbuz. Gut, dass du dich schon gestern mit dem Wasserbehälter beschäftigt hast, sonst hättest du nicht gewusst, was dieses Summen ist.

Was, eine Woche ist schon verstrichen? Uri streckt sich. Es ist gut selbst aufzuwachen, ohne geweckt zu werden. Man kann sich dehnen und in Ruhe denken. Gegenüber schläft Ofra, neben ihr – Talma und in vierten Bett ein Neuer: Amos. Keine schlechten Nachbarn. Talma ist manchmal ein wenig hysterisch und kichert, sie kommt auch immer spät schlafen, aber man kann mit ihr zu Recht kommen. Ofra predigt gern Moral, und der Neue hat abstehende Ohren, aber das stört uns nicht. Uri wirft einen Blick auf seine neue Armbanduhr, ein Geschenk seiner Eltern. Eine halbe Stunde bis zur Trompete. Er gähnt, nimmt sein Heftchen vom Regal und blättert.

Tagebuch, steht dort und darunter, mit etwas größeren Buchstaben als er gewohnt ist, Uri Felsen. Das Wort Gruppe hat er vergessen, jetzt wäre es unschön es hinzu zu fügen. Jeder weiß sowieso, Felsen bedeutet Gruppe Felsen. Wenn jemand denkt, das ist dein Familienname, soll er denken. Felsen ist ein schöner Name, Uri Felsen. Vielleicht wird er den Eltern vorschlagen, sie sollen sich auch so nennen. Chanan und Ester Felsen.

Der erste Tag. Ich habe einen Rundgang gemacht, um mir die allgemeine Lage anzusehen. Kurz gefasst, sie ist gar nicht schlecht. Der Ort ist praktisch, die Erde ist nicht so gut für Getreide, es gibt auch ein arabisches Dorf, Abu-Shusha, das habe ich noch nicht aufgesucht.

Das Institut. Das Hauptgebäude Ist genau 80 Meter lang, also ziemlich lang. Hat zwei Flügel, verbunden durch das Treppenhaus, das bedeutet, jeder Flügel ist etwas weniger als 40 Meter lang. Das ist ziemlich lang, hat Platz für... Ich habe sie nicht gezählt, aber sagen wir acht oder neun Zimmer, weil es auch Toiletten gibt. Wenn jede Gruppe 32 Kinder zählen würde, hätte jedes Stockwerk Platz für eine Gruppe. Aber weil die Gruppen ungefähr 20 umfassen, kann es eineinhalb Gruppen beherbergen. Gruppe Vorstürmer ist geteilt, die Hälfte neben uns, die andere Hälfte im anderen Flügel. Morgen werde ich die Zimmer zählen. Ah, es gibt noch einen Klassenraum, der nimmt den Platz von wenigstens 2 Zimmern ein. Jetzt geht die Rechnung auf: 5 Zimmer sind unsere Felsenzimmer, 2 gehören den Vorstürmern. Sie nennen das ihr Exil. Wir, die Felsen, sind im zweiten Stock. Auf dem Dach des anderen Flügels, gibt es eine Terrasse. Das hört sich verwirrend an, wenn man es hört, aber ist es nicht, wenn man es sieht. In so einem großen Gebäude gibt es viel Lauferei und Lärm. Alles in Allem ist das nicht schlecht. Die Farm: Da arbeiten nur Kinder und ein Erwachsener, der sie anleitet. Man nennt ihn Adasch und sagt über ihn, er würde leise schreien. Die Farm ist wie in ein minimierter Kibbuz, allerdings ohne Kuhstall, weil man Kühe auch in der Nacht melken muss. Ich hab beschlossen, auf dem Feld zu arbeiten. Gadi sagt, ich hätte keine Chance, die Warteliste sei lang. Dann habe ich gedacht, die haben keinen Traktor, da lohnt es sich nicht, also habe ich Gadi gesagt, ich verzichte.

Die Tagesordnung: Um 6.30 Morgengymnastik. Dann 2 Stunden Unterricht, danach wird gefrühstückt. Auf der Farm arbeiten wir nachmittags eineinhalb Stunden lang, die Älteren – 3 Stunden. Jeden Abend gibt es ein Programm: eine Aktivität mit dem Gruppenführer, eine Gruppenbesprechung mit dem Erzieher oder einen Arbeitskreis. Ich gehe nicht in den Chor, obwohl dort Jungen fehlen.