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Die 13-jährige Tami lebt in einem israelischen Dorfkollektiv. Ihre Bat-Mizva steht bevor. Zusammen mit ihrem Lehrer beschließt die Klasse eine Art Initiation, jeder von ihnen muss 13 Aufgaben erfüllen. Tami möchte mehr: Sie sucht Aufrichtigkeit und verstrickt sich immer wieder in kleine Lügen, sie möchte dazugehören und sucht nach etwas Eigenem, um nicht so zu werden wie alle, so mittelmäßig und kleingeistig, wie das Milieu, das sie umgibt. Sie befürchtet provinziell zu sein und möchte als attraktiv gelten. Und dann ist da noch Jaron, der Sohn russischer Einwanderer, der versucht, sich in die geschlossene Gesellschaft des Dorfes einzuleben, jedoch ein Fremder bleibt. Als man bei einem nächtlichen Vergnügen am See entdeckt, dass er nicht beschnitten ist, beginnt eine unbarmherzige Ausgrenzung.
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Reuven Kritz wurde in Wien geboren, wuchs in Israel in einem Kibbuz auf, studierte an der Universität Jerusalem, lehrte moderne hebräische Literatur an der Universität Tel Aviv und hatte Gastprofessuren in Los Angeles, Boston, Austin und Heidelberg. Der in Israel bekannte Autor veröffentlichte Romane, Erzählungen, Gedichte, Literaturkritik und Werke zur Literaturtheorie.
Auf Deutsch sind erschienen: 'Die Genies von Kiryat-Motzkin - israelische Minie-Essays', der realistische, phantastische Roman 'Die Krankheit der Dichter oder Hoffmanns Erzählungen', der Beichtroman 'Wie Krebse in der Nacht', der autobiografische Roman ’Morgenluft’, die Erzählungen ’Meine kleine Rote’ und der Roman ’Studentin in Jerusalem. Roni’.
Muni Poppendiek-Kritz studierte Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der Universität Heidelberg. Sie ist Herausgeberin und Lektorin dieses Romans und bearbeitete die deutsche Rohübersetzung des Autors gemeinsam mit ihm.
Aus israelischen Rezensionen: “Kritz kannte diese Gesellschaft und beschreibt sie meisterhaft in all den alltäglichen Details….Dieser Roman beeinflusste mich mehr als jedes andere Buch; er machte der Erwachsenen in mir Komplimente… und Tamis Entwicklung wurde eine Herausforderung für mich…“ (Shoham Smitt, “HaAretz“)
allen kleinen Schwestern…
"Wir haben eine kleine Schwester. Sie hat keine Brüste. Was werden wir mit unserer Schwester tun, am Tag, da man um sie wirbt?"
Das Hohelied, 8.8.1
"Ein unbequemes Alter!" Romain Rolland, Colas Breugnon
Ein enttäuschender Junge
Wohin heute Abend?
Wozu feiern?
Zum Nussgarten
Die Schwestern
Vorschläge und Argumente
Grüne Bohnen
Die Russen kommen!
Weste anziehen und Spinat essen
Die Aufgaben
Wirst du Tanzlehrerin?
Die Eltern ärgern sich
Jüdisches Bewusstsein
Nächtliches Rudern
Wem gehorche ich?
Romantische Paare
Ein Pferd anschirren
Reine Liebe
Die Fragestunde
Gibt es Gott?
Der große Sabbat
Mähen, Mahl, Mut
Nachtgedanken
Wache
Mit einem Besen tanzen
Bauchweh
Ein Bürgermeister und Tränen
Fahrt mit Vater
Bedingte Verfügung
Die vierzehnte Aufgabe
Wie nimmt man das auf?
Wer kommt?
Falscher Alarm
Ich gehe
Wer feiert?
Anmerkungen
“Ist der Platz da frei?“
“Klar. Setz dich!“
Tami rückte ans Fenster, strich ihren Rock glatt und nahm die Tasche auf den Schoß. Sie fühlt, wie ihr die Röte ins Gesicht steigt. Er hat es sicher bemerkt, obwohl er sie nicht anschaut. Immer dann, wenn sie es absolut nicht gebrauchen kann, wird sie rot! Sie ist kein Kind mehr: Nächsten Monat wirst du dreizehn, dann hast du ‘Bat-Mizwa’. Es ist höchste Zeit, dass du aufhörst, so schüchtern zu sein. Nimm dir Gilat zum Vorbild. Sie verliert nie den Kopf. Vor ein paar Wochen saß sie im Bus neben einem super Jungen und begann ein Gespräch mit ihm.
Seitdem korrespondieren sie, zum Spaß. Gilat hat versprochen, seine Briefe ihren Freundinnen zu zeigen.
Tami holte tief Atem und erklärte kichernd:
"Ich hab die Tasche da hingelegt, weil ich nicht wollte, dass sich irgendein alter Trottel neben mich setzt."
Der Junge antwortete nicht, und Tami bereute ihre Worte. Sie waren nicht besonders beeindruckend. Er muss sie für eine dumme Gans halten. Wie schön, wenn ein Gespräch entstanden wäre und er vorgeschlagen hätte, einander zu schreiben. Dann könnte sie die Briefe ihren Freundinnen zeigen. Was für ein Spaß könnte es sein, wenn er einen richtigen Liebesbrief schickt!
Es war ein heißer Sommertag, ein kühler Wind wehte durchs offene Fenster. Schade! Wenn das Fenster geschlossen wäre, hätte ich ihn bitten können, es zu öffnen. Ärgerlicherweise war alles in bester Ordnung. Immer ist alles in Ordnung, wenn man es nicht will!
Der Junge ist vielleicht sechzehn und schaut wie ein Kibbuznik aus: Khakihosen, hellblaues Hemd, breiter Ledergürtel mit Sportabzeichen, Sandalen. Sein Gesicht ist lang und schmal, die Nase gerade, er hat feine Härchen auf der Oberlippe, ist sonnengebräunt... Ein cooler guy, das sag’ ich euch, direkt attraktiv... Den Ausdruck 'attraktiv' hat sie von Alisa gehört, als sie über einen Jungen ihrer Klasse sprach. Man hat über dich gelacht, als du gefragt hast, woher man weiß, ob ein Bursche 'attraktiv' ist. Alisa, die Fiese, hat Aja zugezwinkert und herablassend gelacht: "Warte, bis du ins richtige Alter kommst, dann fühlst du es!” Jetzt hat sie das richtige Alter erreicht, sie bemerkt, ob jemand attraktiv ist.
Wie könnte sie das Gespräch weiterführen? Je länger das Schweigen dauert, desto schwerer wird es. Schade, der Anfang war dumm. ‘Irgendein alter Trottel’ − er hält dich für leer und oberflächlich. Es wäre besser gewesen, wenn du gefragt hättest: "Wohin fährst du?" Dann hätte er antworten können "Nach Chanita" oder "Nach Mazuba", und du hättest sagen können: "Kennst du vielleicht Esterke, so eine Rothaarige?" Es gibt in Westgaliläa kein Dorf, in dem du nicht ein oder zwei Freundinnen hast. Jishar macht gerne Ausflüge, und seitdem er unterrichtet, haben wir ganz Galiläa kreuz und quer durchkämmt und in allen Dörfern übernachtet. Jishar hält es für unhöflich, einen Fremden zu fragen, wohin er fährt. Er hat es ‘provinziell’ genannt. Natürlich hätte ich warten können, bis der Kontrolleur kommt, und sehen, wohin er fährt und ihn fragen: "Du fährst nach Mazuba? Könntest du einen Gruß an Erella aus der Achten mitnehmen?" Jemandem einen Gruß schicken kann nicht provinziell sein, aber wer weiß, wann der Kontrolleur kommt. Wenn man ihn nicht brauchen kann, dann kommt er.
Plötzlich hatte sie eine Idee: Sie nahm aus ihrer Tasche die letzte Nummer der "Filmwelt". Er wird der Versuchung nicht widerstehen können und fragen: "Wenn du fertig gelesen hast, kannst du es mir ausleihen?" − "Wir können auch zusammen hineinschauen. Hast du die Audrey Hepburn in 'Sabrina' gesehen? Sie ist ganz super, nicht wahr?" Und wenn er gar nichts sagt und nur einen Blick hineinwirft, kannst du ihm höflich vorschlagen, dass... Eine ganze Weile studierte Tami die Fotos, schaute sich die männlichen und weiblichen Filmstars an und las, wer wen heiratet, wer sich von wem scheiden lässt und wer mit wem zusammen gesehen wurde... Umsonst! Er nahm keine Notiz von ihr, obwohl sie am Fenster saß und er zu ihr schauen könnte, so als ob er sich die Landschaft anschauen würde! Schade!
Tami faltete die "Filmwelt" zusammen, steckte sie in die Tasche und schaute aus dem Fenster. Dann versuchte sie zu verstehen, worüber sich das Paar vor ihr unterhielt. Er hatte die Hand auf ihrer Schulter, während sie unaufhörlich auf ihn einsprach... Sind die verheiratet?
Tami glaubte, dass ihr Gespräch irgendwie interessanter sein müsste, wenn sie nicht verheiratet wären. Sie konnte die Hände der Frau nicht sehen, der Mann trug keinen Ring. An welcher trägt man gewöhnlich den Ring? Tami verstand nur Fetzen: "Da hab ich ihr gesagt: Sei nicht dumm, wieso musst du für solchen Unsinn Geld auszugeben, was ist dabei, wenn sie etwas hat, was du nicht hast?"
Tami kehrt von ihrer ersten selbstständigen Fahrt zurück. Der Autobus überfuhr niemanden und hatte keinen Zusammenstoß. In keinem Geschäft hatte man versucht, ihr zu wenig Wechselgeld herauszugeben, niemand ging ihr auf der Straße nach, niemand versuchte, mit ihr anzubandeln... Schon länger denkt sie über die Welt nach und versucht, aus Filmen und Büchern, aus Gesprächen und Illustrierten und aus Bemerkungen von Alisa zu ihren Freundinnen etwas über die Welt herauszubekommen. Aber die Welt entzieht sich ihr. Alle sagen, nun kommt ein neues Kapitel in ihrem Leben, aber sie spürt nicht das Geringste davon! Das Schlimmste ist, dass man dieses Nicht-Spüren niemandem eingestehen kann, man schämt sich. Genug, denk lieber an die Gästeliste. Wer soll zur Feier kommen?
Tami nahm aus ihrer Tasche die hektographierte Lokalzeitung ihres Dorfes.
Sie blätterte die Seiten durch, bis sie zu Jishars Artikel "Zur kommenden Bar-Mizwa Feier" kam.
Plötzlich fragte der Junge: "Bist du aus Kfar Dawidson?"
Seine Aussprache war ein wenig sonderbar.
"Ja", sagte sie, "woher weißt du das?"
Wieder nicht besonders geistreich.
"Ich hab es an dem gesehen, was du liest", sagte der Junge.
Auf dem Titelblatt der hektographierten Zeitung war eine Zeichnung des Wasserturms und der Volkshalle mit der Titelzeile: "Wochenblatt, Kfar Dawidson − Ejn Bdolach, Kollektivdorf."
"Ah", sagte Tami, "aber wir nennen unser Dorf ‘Ejn Bdolach’. Nur auf offiziellen Papieren steht ‘Kfar Dawidson’. Ein ganz scheußlicher Name, oder? Man hat uns gezwungen, ihn anzunehmen, einem alten, reichen amerikanischen Tro... ich meine, einem amerikanischen Millionär zu Ehren, damit er spendet, und er hat eine Volkshalle, ein Schwimmbad und einen großartigen Spielplatz gespendet, aber wir wollen trotzdem diesen hässlichen Namen nicht und haben einen Ausweg gefunden: Auf allen Schildern steht ‘Dawidson’, damit er es sieht, wenn er herkommt. Aber unter uns sagen wir nur 'Ejn Bdolach'."
Tami holte Luft. "Diesen Namen haben wir wegen der Quelle im Tal gewählt. Es gibt dort einen Wasserfall, eine Tropfsteinhöhle und man hat einen Damm angelegt, so dass wir einen Teich haben, in dem züchten wir Fische, und man kann rudern. Wenn man auf Briefe an uns nur ‘Ejn-Bdolach’ schreibt, kommen sie an, auch wenn gar nicht ‘Kfar Dawidson’ draufsteht. Man muss nur ‘Post Naharia’ hinzufügen.
Die Post hat sich schon daran gewöhnt."
"Ihr habt eine Mischung aus einem gewöhnlichem Dorf und ein bisschen Kibbuz, nicht wahr?"
Seine Aussprache. Wie komisch.
"Ja, genau so. Wir haben eine gemeinsame Farm, Arbeitsplanung und wählen jedes Jahr einen Farmleiter, wie im Kibbuz, aber jede Familie hat ein Haus und... ja und so ist es."
Schade, dass die Erklärung so kurz ausfiel! Aber dann erinnerte sie sich an noch etwas: "Aber zu den Häusern gehört keine Landwirtschaft wie in einem Dorf.
Jedes Haus hat zwar ein Grundstück, aber man darf dort nur Obstbäume und Blumen haben. Aber eigentlich ist auch das wie in einem Kibbuz. Zwei Genossen haben einen Taubenschlag. Aber Hühner darf man nicht züchten. Und jeden Monat bekommt jede Familie ihr Budget. Das sind solche Zettel für das kooperative Geschäft. Das ist unser Lokalgeld. Davon kaufen wir Lebensmittel und Kleider. Und die Frauen arbeiten auf der Farm zwei oder drei Stunden täglich, das hängt davon ab, wie viele Kinder sie haben. Mit jedem Kind arbeiten sie eine Stunde weniger. Deswegen lohnt es sich bei uns, viele Kinder zu haben" – Tami kicherte – "und dann, nach der Arbeit, haben die Frauen ihren Haushalt. Bis zur achten Klasse gehen wir in unsere Schule, dann fahren wir in die Mittelschule nach Naharia oder in eine Landwirtschaftsschule. Ja, so ist das." Diesmal war sie wirklich fertig.
"Und woher kommen eure Leute?"
Diesmal bemerkte sie, dass in seiner Aussprache etwas Weiches lag, als ob er 'undj' gesagt hätte, aber das L sprach er hart aus, bei "Llleute", außerdem rrollte er das R.
"Die allerersten waren ‘Jekes’ und die, die später nachgekommen sind, sind auch Jekes. Aber es gibt einige ‘Sabres’, meistens solche, die aus irgendeinem Kibbuz ausgetreten sind. Und jetzt haben wir eine Nachal-Gruppe bekommen, alles Schwarze."
Wieder kicherte sie leichthin, aber auf einmal fiel ihr auf, dass der Junge eine dunkle Hautfarbe hatte und fügte rasch hinzu: "Ich meine, einige davon sind ganz nett, aber... sie sind eben anders." Einen Moment überlegte sie, ob sie 'ein bisschen' oder 'ziemlich' hätte sagen sollen, und auf alle Fälle lächelte sie. Wenn er jetzt etwas darüber fragt, warum sie anders sind, dann erzählt sie es ihm.
"Und aus Russland – gibt es keinen?"
"Wieso? Natürlich. Familie Rabinowitz und Familie Lahaw. Die haben früher 'Feuerstein' geheißen. Und jetzt sollen noch ein paar Familien von Neueinwanderern zu uns kommen."
"Ah!"
Wieder schwiegen sie eine Weile. Schade! Jetzt hätte das eigentliche Gespräch beginnen sollen!
"Warum interessiert dich unser Dorf so?", forschte sie.
"Vielleicht kommen wir zu euch."
"Was?! Ihr?"
Also, keine Aussicht zu korrespondieren: keinen Brief wirst du deinen Freundinnen zeigen können, um über ihn zu lachen und die Antwort zu planen. Auch über das Autobusgespräch wirst du nicht viel erzählen können: "Ich hab mich da mit einem Jungen unterhalten, einem neuen Einwanderer, einem von denen, die zu uns kommen werden..."
Man muss gut über sie reden, über die neuen Einwanderer. Man muss sagen, dass man sie gut aufnehmen soll. Und man schreibt Aufsätze über neueingewanderte Jungen, die hier im Land Freunde finden. Und einmal im Jahr spendet man Spielzeug und Kleider für die Kinder. Aber niemand findet sie interessant oder sympathisch. Wenn ihr dieser Junge einen Brief, sogar einen Liebesbrief schreibt... so wird es doch nur von einem von denen sein. Und außerdem werden Schreibfehler drin sein: "Shcon bei unser erster Trefen du hast mich shcreklig gefalen da hap ich beshclosen dich zu shcreiben das ich dir libe..." Ihre Freundinnen werden zwar lachen, aber nicht in der Weise, wie über die Briefe die Gilat bekommt. Tami lächelte mitleidig, als sie an einen mit Fehlern geschriebenen Liebesbrief dachte. Wenn er wenigstens aus Amerika gewesen wäre und als Vater einen... Sie schaute sich den Jungen an: Sandalen ohne Strümpfe, kurze Khakihosen, doppelt umgekrempelt, ein breiter Ledergürtel mit silbernen Sportabzeichen – dieser Junge hat sich verkleidet, um mich zu beschwindeln!
"Wir sind zwei Familien und waren ein halbes Jahr im Kibbuz Ewron", erzählte er, "aber jetzt hat man uns vorgeschlagen, in ein kollektives Dorf zu gehen, so eines wie eures. In einer Woche kommen wahrscheinlich noch sechs Familien."
"Und wieso sprichst du hebräisch?"
"Ich habs im Kibbuz und in Russland gelernt."
"Und woher hast du das Abzeichen?"
Tami deutete auf seinen Gürtel. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn er gesagt hätte: gefunden!
"Ich hab es erworben wie alle. Aber ich war damals gerade krank, da war ich nicht so gut. Sonst hätte ich das goldene gemacht."
Tami nickte nur. Sie hätte das auch gesagt, wenn sie das silberne Sportabzeichen gehabt hätte.
"Wie alt bist du?" forschte sie.
Ihre Schüchternheit war verschwunden.
"Vierzehneinhalb. Aber ich komme in die Achte, weil ich bis jetzt nicht genug hebräisch konnte. Aber nächstes Jahr, wenn ich gut hebräisch kann, werde ich den Stoff nachholen und dann..."
"Und dann−was? Dann willst du eine Klasse überspringen?"
"Ja, dann überspringe ich eine Klasse."
"Unsinn. Das erlaubt man dir nie. Das geht nicht einfach so, dass jeder, der ein guter Schüler ist, auf einen Schlag lernen kann, soviel er will, und dann Klassen überspringen?"
"Mich wird man lassen", sagte er. "Du wirst schon sehen."
"Wenn man euch wirklich zu uns schickt, kommst du in unsere Klasse", sagte sie.
Damit war er noch eine Stufe gefallen.
Dann fügte sie hinzu: "Bei uns streiten die Jungen immer mit den Mädchen."
"Ja", sagte er, "das ist oft so. Aber ich mag nicht gern mit Mädchen streiten. Ich hab eine Schwester, die nur ein Jahr jünger ist als ich, und wir sind gute Freunde. Sie heißt ‘Anat’."
"Anat?! Das ist doch kein Name für ein russisches Mädchen?"
Sie fühlte sich gekränkt, dass das Mädchen sich diesen Namen zugelegt hatte.
"Sie hat ‘Anjuschka’ geheißen, und nun heißt sie ‘Anat’."
"Und du?"
"Ich heiße Jaron. Jaron Dwir."
"Und wie hat man dich auf russisch genannt?", fragte sie spöttisch.
"Das ist nicht wichtig", drückte er sich. "Die Hauptsache ist, dass ich jetzt 'Jaron Dwir’ heiße."
"Sag doch, was ist schon dabei?"
"Das ist nicht wichtig. Ich sag’s nicht."
Von jetzt an verlief das Gespräch schwerfällig. Der Junge fragte nach den Lehrern und was man voriges Jahr gelernt hatte, und Tami antwortete gleichgültig. Dann fuhren sie schweigend, bis der Autobus Kibbuz Ewron erreichte.
Da sagte er:
"Hier steig’ ich aus."
Tami antwortete nicht.
"Du hast mir noch gar nicht gesagt, wie du heißt."
"Man nennt mich ‘Tami’, aber eigentlich ist mein Name ‘Tamar’."
Er drückte ihre Hand:
"Schalom Tami. Vielleicht auf ein Wiedersehen in Kfar Dawidson."
Tami wurde rot und zog rasch ihre Hand zurück:
"Ich hab dir doch gesagt, wir sagen ‘Ejn Bdolach’. Schalom."
Familie Awiwi saß im Garten beim Nachtmahl: Tami und Alisa, Walter – Tamis Vater – und Ilse, ihre Mutter. Es war ein heißer Tag und im Haus war es noch sehr schwül, aber draußen wehte schon ein leichter Wind. Zu Beginn des Sommers hatte Walter elektrisches Licht in den Pfefferbaum vor dem Haus gelegt, dort haben Ilse und Alisa den Tisch gedeckt: Sie reichten die Speisen durchs Küchenfenster hinaus.
Walter aß und las die Zeitung.
"Hör doch auf zu lesen, Walter", sagte die Mutter. "Wenigstens während des Essens kannst du mit uns reden."
Der Vater seufzte, schob die Zeitung beiseite.
"Ich wollte sie schnell fertiglesen, um sie Ernst zu geben."
"Es wird Ernst gar nicht schaden, wenn er sie erst morgen liest", sagte die Mutter. "Vorigen Monat, als er an der Reihe war, sie zuerst zu nehmen, haben wir sie auch immer erst am nächsten Tag bekommen, und meistens war sie dann schon zerknittert und zerrissen. Es wäre gut, wenn wir ein Abonement hätten."
"Ich dachte, du willst sparen."
"Stimmt. Hör auf zu rauchen, dann können wir sparen."
"Wir geben nur dreißig Schekel im Monat für Zigaretten aus."
"Dreißig Schekel im Monat sind immerhin vierhundert im Jahr", rechnete die Mutter vor.
"Stimmt nicht, nur dreihundertsechzig!", protestierte Tami.
"Damit kann man nicht einmal einen ordentlichen Staubsauger kaufen", seufzte Walter.
"Hast du gehört, wie viel die Galilis für ihren Staubsauger bezahlt haben? Vierhundertachtzig!"
"Glaub mir, dass sie das nicht von ihrer monatlichen Zuteilung haben."
"Natürlich nicht. Aber die haben drei Kinder und sparen an den Kleidern. Zwi bekommt die von Ejal und Ofer bekommt die von Zwi. Ich würde meine Kinder nie in solchen Fetzen in die Schule schicken, auch wenn ich Söhne hätte, aber für euch“, wandte sie sich an ihre Töchter, "ist ja kein Kleid gut genug."
"Man könnte glauben, Mutti, dass du nie an neue Kleider denkst", sagte Alisa.
"Und ich bekomme auch die abgetragenen Kleider von Alisa", protestierte Tami. "Vergiss nicht, dass du mir einen Sarafan versprochen hast."
"Eine Uhr, ein Fahrrad, Gäste einladen und dazu noch einen Sarafan – das ist zuviel, selbst für eine Bat Mizva."
"Aber du hast es mir versprochen!"
"Ich hab nur gesagt, wenn..."
"Alisa, sag – hat’s Mutti versprochen oder nicht?"
Alisa zögerte, dann entschied sie sich:
"Sogar wenn sie es dir versprochen hat, brauchst du keinen Sarafan.
Nur weil Gilat einen bekommen hat, wollt ihr plötzlich alle Sarafane haben. Die waren einmal große Mode in den zwanziger Jahren, wahrscheinlich, aber jetzt werden sie bald nur noch für den Fasching gut sein. Wenn du klug wärst, würdest du dir einen schwarzen Rock und eine bestickte Bluse wünschen."
"Aber ich will nun mal einen Sarafan", sagte Tami. Eigentlich war sie schon nicht mehr so sicher.
"Hast du gesehen, Walter, welches Kleid sich Trude gekauft hat? Vorhin, als sie herüberkam, um die Kaffeemühle auszuleihen, hast du doch mit ihr gesprochen. Hast du da nicht gesehen, was sie anhatte?"
"Nein, hab ich nicht bemerkt", sagte Walter und schaute sehnsuchtsvoll zur Zeitung. Er behauptet, Frauen und ihren Kleidern keine Aufmerksamkeit zu schenken.
"Stell dir vor, hundertachtzig Schekel hat’s gekostet! Ich hätte schon für hundertfünfzig zwei gekauft. Und es ist so hell, dass sie es nicht anziehen kann, ohne gleich schmutzig zu werden, und man kann es nicht waschen. Die arme Trude! Sie spart und spart, und zum Schluss wirft sie das Geld für Dummheiten hinaus. Dann ist es natürlich kein Wunder, wenn sie nichts im Haus hat. Hast du gesehen, wie armselig ihre Möbel sind? Und der Sesselüberzug von ihrem großen gepolsterten Armstuhl ist auch schon ganz abgenutzt. Und dann vergeht sie natürlich vor Neid, wenn ein anderer was hat."
"Woher weißt du, dass sie vor Neid vergeht, Mutti?", fragte Alisa.
Die Mutter antwortete nicht. Immer wieder beschloss sie, während des Essens über Dinge zu sprechen, die auf die Mädchen erzieherischen Einfluss ausüben könnten, aber dann... immer... In diesem Augenblick hörte man Schritte auf den Betonplatten, die Walter von der Straße zur Haustür gelegt hatte. Alle schauten auf und sahen einen jungen Mann auf sie zukommen, ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt, nicht sehr groß, aber breit, mit Bart und Brille.
"Guten Abend, Ruth, angenehmen Abend, Se’ew, guten Appetit, Mädchen", sagte er.
Das war Jishar. Er war kein Mitglied des Dorfes, sondern Lehrer mit Monatsgehalt. Man sagte von ihm, dass er ein guter Kerl sei, der alle möglichen verrückten Sachen im Kopf hat, und den man deswegen nicht allzu ernst nehmen darf. Dinge dieser Art hörte Tami öfters von ihren Eltern, und einmal hatte sie sogar während der Stunde für alle möglichen Fragen gefragt, was es bedeutet, "jemanden nicht allzu ernst nehmen". Jishar hatte es erklärt, das sei eine Ausdrucksweise von Leuten, die noch auf Deutsch denken. Die Bedeutung sei, dass man nicht viel von demjenigen hält. Soll man wirklich nicht viel von Jishar halten? Manchmal wird er plötzlich böse, ganz unerwartet, und immer sagt er das Gegenteil von dem, was man erwartet. Und meistens ist das, was er sagt, nicht logisch. Aber wenigstens ist er nicht so langweilig wie die anderen Lehrer, auch wenn er viel zuviel redet: Während der Fragestunde antwortet er manchmal eine halbe Stunde auf eine Frage, die man auch mit einem Satz beantworten könnte, und die Kinder sagen dann, dass er philosophiert.
Einer seiner Ticks ist es, alle Mitglieder des Dorfes mit ihren hebräischen Vornamen anzusprechen, und in der Schule mussten alle immer Sarale nur "Sara" und Moischele nur "Mosche" nennen, und noch dazu mit Betonung der letzten Silbe.
"Guten Abend, Jishar", antwortete Walter-Se’ew, "trinkst du ein Glas Tee mit uns?"
Jishar lehnte dankend ab. Er sei gekommen, um Tami zu sagen, dass sich alle in einer Stunde in der Klasse zu einer Unterredung versammeln sollen, und er bittet sie, die Nachricht weiter zu geben. Dann wünschte er noch einmal einen guten und angenehmen Abend und ging.
Nachdem er sich entfernt hatte, drehte sich das Gespräch um ihn − was für ein Mensch er sei, wie hoch sein Gehalt wäre, wann er heiraten würde, ob Aussicht bestünde, dass er dauernd im Dorf bliebe, und ob das überhaupt wünschenswert wäre, und wieder zu spät bereute die Mutter, dass vor den Mädchen über ihn gesprochen wurde Tami hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie schrieb den Zettel mit der Nachricht von der Versammlung und lief damit zu Gilat, die ihn dann weitergeben würde. Danach eilte sie zurück, um rasch das Abendessen zu beenden.
Dass Jishar sie mitten in den Sommerferien zusammenrief, war ungewöhnlich. Zwar kam es oft vor, dass sich die Mädchen im Haus der einen oder anderen zusammenfanden oder auf dem großen Platz im Zentrum des Dorfes. Dann ging man zusammen im See schwimmen oder fuhr nach Naharia, um sich dort zu amüsieren, Eis zu essen und sich in der Nachmittagsvorstellung einen Film anzuschauen. Manchmal hielten sie auch einen "lustigen Abend" im Klubhaus ab, zusammen mit den Jungen: Man sang und tanzte. Die Mädchen bemühten sich, den Jungen die Tänze beizubringen, und die Jungen bemühten sich, so auszusehen, als sei ihnen das Ganze egal. Aber bis jetzt war es noch nie passiert, dass ein Lehrer die Kinder während der Sommerferien zusammenrief: In dieser Zeit fuhren die Lehrer zu Kursen oder gingen auf Urlaub wie alle Familien oder sie arbeiteten zwei Wochen auf der Farm: Es war komisch, sie in Arbeitskleidern mit Pferden oder auf einem Traktor zu sehen.
Tami schaute auf die Uhr. Sie muss sich noch umziehen.
Sie ging in das Zimmer, das sie mit Alisa teilte, zog die kurzen Khaki-Hosen aus und einen dunkelgrünen Rock mit einer weißen Bluse an.
Das war zwar ein bisschen zu feierlich für einen gewöhnlichen Wochentag, aber wer weiß − vielleicht gibt es nach diesem Treffen Gesellschaftsspiele, vielleicht wird man sogar tanzen und singen, und dann könnte es doch sein, dass einige Burschen von der Nachalgruppe herüberkämen.
Während sie sich anzog, hörte sie eine Auseinandersetzung aus der Küche:
"Spül das Geschirr, Alisa", sagte Ruth. "Ich muss zu Trude."
"Auch ich muss wohin", sagte Alisa. "Soll doch Tami mal spülen. Würde ihr nicht schaden."
"Ich hab Versammlung!", rief Tami aus dem Zimmer.
"Dann spül nach deiner so superwichtigen Versammlung."
"Eben nicht! Vielleicht wird’s spät."
"Warum soll’s spät werden?"
"Warum soll’s nicht spät werden?"
"Dumme Gans", sagte Alisa.
"Wohin willst du denn gehen?", fragte die Mutter.
"Ist doch egal. Zu Aja."
Insgesamt gab es im Dorf fünf Kinder in Alisas Alter − drei Mädchen und zwei Jungen. Die Jungen waren im Internat auf einer landwirtschaftlichen Schule, die weit weg war und einen komischen Namen hatte, "Kaduri". Nach Hause kamen sie nur zu Feiertagen und in den Sommerferien. Die Mädchen hatten die zehnte Klasse an der Mittelschule in Naharia beendet. Und weil sie keine andere Gesellschaft hatten, trafen sie sich jeden Abend. Fehlte eine von ihnen, dann redeten die beiden anderen über sie; wenn alle drei da waren, klatschten sie über die Lehrer. In der letzten Zeit gab es einen neuen Gesprächsstoff: Die Burschen aus der Nachalgruppe.
"Kannst du nicht zuerst das Geschirr spülen und dann zu Aja gehen?"
"Genauso wie du zuerst das Geschirr spülen und dann zu Trude gehen kannst."
"Alisa! Wie sprichst du denn!"
"Wie spreche ich denn?"
Alisa kam ins Zimmer. Aus der Küche hörte man das Wasser laufen: Ruth hatte begonnen, das Geschirr zu spülen. Verbittert klapperte sie mit den Töpfen und murmelte:
"Ich, als ich in deinem Alter war..."
Alisa nahm ihren neuen schwarzen Glockenrock und die hellblaue Bluse. Tami sah ihr zu.
"Gehst du wirklich zu Aja?"
"Dumme Gans! Was geht dich das an? Natürlich zu Aja."
"Und zusammen mit Aja geht ihr dann zur Nachalgruppe, Schallplatten hören?"
"Und wenn schon − ist was dabei?"
"Nichts ist dabei. Ich hab nur gefragt. Darf man nicht mehr fragen?"
Beide verließen schweigend das Haus.
Vor dem Klassenzimmer, im Dunkeln, drängten sich einige Mädchen um Gilat, und die Jungen hatten sich um Jigal versammelt.
Tami wandte sich den Mädchen zu.
"Warum geht ihr nicht hinein?"
"Das Klassenzimmer ist abgeschlossen."
"Kommt, gehen wir ins Klubhaus", schlug Ronit vor.
"Wir könnten auf dem Rasen sitzen", riet Michal.
"Der Rasen ist feucht. Wir könnten eine Strohmatte holen", sagte Ja’ara.
"Jishar hat sicher einen Schlüssel."
"Das ist gar nicht so sicher. In den Ferien wurde das Schloss ausgewechselt. Erinnert ihr euch nicht, die Jungen haben das alte kaputt gemacht?"
"Sicher hat man drinnen frisch gekalkt, und alles ist schmutzig."
"Wenn die Tür verschlossen ist, ist das ein Zeichen, dass man schon geputzt hat."
"Warum gehen wir nicht ins Klubhaus?", kam Tami auf Ronits Vorschlag zurück.
"Ach, da kommen alle möglichen Kinder und stören uns."
"Na und? Wir sagen ihnen, dass wir eine Versammlung haben."
"Dort wird Pingpong gespielt."
"Und die Burschen vom Nachal kommen und schauen herein."
"Die haben heute einen Schallplatten-Abend."
Unterdessen unterhielten sich die Jungen über den neuen Traktor.
"Er ist viel leichter als der ‘Alice’", sagte Jigal.
"Das ist gar nicht gut, wenn ein Traktor zu leicht ist, dann hat er keine Zugkraft", behauptete Gil.
"Überkluger, das kommt darauf an, wofür man ihn braucht. Mit diesem kann man rings um die Häuser pflügen. Da muss er leicht und klein sein, damit er zwischen die Bäume passt."
"Bei uns stehen die Bäume so dicht ums Haus, dass nicht einmal der kleinste Traktor durchkommt."
"Apropos, was machen eure Birnen? Gute Ernte heuer? Lohnt es sich, sie anzuschauen?"
"Wenn du dich an unseren Birnen vergreifst, werde ich mal ganz zufällig bei euren Äpfeln vorbeikommen."
"Dummköpfe, warum streitet ihr? Macht doch zusammen einen Besuch bei Ernst!"
"Kann also jeder den ‘Volvo’ nehmen?"
"Du sicher nicht."
"Warum nicht? Wenn man mich auf den ‘Alice’ lässt?"
"Auch auf den ‘Alice’ lässt man dich nicht."
"Was quatschst du für’n Blödsinn? Hast du nicht gesehen, wie ich vorige Woche beim Transport gearbeitet habe?"
Jishar kam, lehnte sein Fahrrad an einen Baum und fragte:
"Warum geht ihr nicht hinein?"
"Es ist abgeschlossen."
"Hast du keinen Schlüssel?"
"Sicher ist es schmutzig drin, weil man gekalkt hat."
Alle versammelten sich um Jishar.
"Dann gehen wir ins Klubhaus", entschied Jishar.
Die Besitzer von Fahrrädern nahmen ihre Räder, und die, die kein Fahrrad hatten, wurden von ihnen mitgenommen. Tami bat Gilat, aber die hatte es schon Michal versprochen.
"Bitte Gil", riet ihr Ronit.
"Ich will nicht."
Trotzdem suchte sie ihn, aber er war schon mit den übrigen Jungen losgefahren.
"Frag Jishar", flüsterte Ja’ara und kicherte.
Jishar hörte es und fragte:
"Was gibt’s, Tami? Soll ich dich mitnehme?"
Tami zögerte. Erst als es ihr nochmals anbot, nahm sie an.
Am Eingang des Klubhauses hing ein Holzschild, auf dem auf Hebräisch und Englisch geschrieben stand:
JUGENDKLUB DORF DAWIDSON ERBAUT MIT DER GROSSZÜGIGEN SPENDE VON HERRN SALOMON DAWIDSON U. S. A.
Von Zeit zu Zeit benutzten die Jungen dieses Schild als Zielscheibe fürs Messerwerfen. Wem es gelang, sein Messer aus einer Entfernung von fünf Schritten in das "O" von "DAWIDSON" zu werfen, so dass es stecken blieb, wurde Messerkönig. Jeden Sommer, wenn Touristen aus Amerika kamen, und besonders, wenn ein Besuch von Herrn Dawidson selbst zu erwarten war, wurde das Schild wieder hergestellt, und die Messerwerfer wurden gewarnt, dass von nun an die Ausgaben für die Renovierung auf ihre Rechnung gehen würde.
Sie betraten den großen Raum. Etan und Joaw begannen sofort, Pingpong zu spielen. Jishar beschlagnahmte den Ball und erklärte, er werde ihn erst am Ende des Treffens zurückgeben.
"Rückt den Tisch zur Seite und die Bänke in die Mitte und setzt euch", sagte er.
Die Mädchen begannen zu singen und die Jungen schrien:
"Anfangen, anfangen! Nicht singen! Das ist kein Gesellschaftsabend!
Wir singen genug an Gesellschaftsabenden!"
Tami sah sich im Klubhaus mit demselben Gefühl um, das sie für ihren Vater hatte, wenn Mutter ihn kränkte und er die Kränkung schweigend hinnahm. Das Holz war gut − dünne Bretter, gut zusammengefügt und mit einer angenehm hellgrünen Farbe gestrichen, braune Fensterläden. Die Decke aus dünnen viereckigen Platten, die 'Masonit' heißen. Die Jungen wetteten gerne, wem es gelingt, die Decke mit einem Stoß zu durchstechen, wozu der Speer aus der Turnhalle benutzt wurde. Und die wackligen Bänke... Und die Schachfiguren, die Dominosteine und die übrigen Würfelspiele, alles auf einem Haufen. Sooft man spielen wollte, stellte sich heraus, dass die Hälfte fehlt... Ein großer Haufen alter zerrissener Illustrierter lag auf dem Schrank. Diejenigen, die gerade an der Reihe waren, das Klubhaus zu reinigen, entledigten sich dieser Pflicht so rasch wie möglich, und Herr Dawidson hatte sein Dorf diesen Sommer noch nicht besucht. Tami stoppte ihren Gedanken-Ausflug und hörte wieder zu.
"Na und? Auch bei einer gewöhnlichen Versammlung kann man singen", riefen die Mädchen. "Wird euch nicht schaden!"
Jishar hob seine Hand, wartete einen Moment und sagte:
"Wie sollen wir die Bar-Mizwa Feier gestalten? Der Termin ist kurz nach Schulbeginn, und wenn wir noch warten, werden wir uns nicht vorbereiten können."
Dieser Anfang kam überraschend. Alle hörten neugierig zu. Aber bald begannen die Jungen wieder, einander zu stoßen und miteinander zu flüstern: Jishar sprach über Dinge, die jedem bekannt waren:
"...und weil im Laufe des Jahres alle fünfzehn Kinder unserer Klasse Geburtstag haben... und man nicht fünfzehn Feiern abhalten kann, wurde beschlossen, zwei große Feiern zu machen, eine zu Beginn des Jahres und die zweite am Ende. Diejenigen, deren Geburtstag in die Nähe des einen der beiden Daten fällt, werden an diesem Datum, zusammen..."
"Ich hab im September. Wann hast du, Jigal?"
"Ich im Oktober. Am fünfzehnten. Da haben wir Glück."
"Wer hat im April? Hallo, sagt, wer hat im April Geburtstag?"
"Ihr Armen! Da werdet ihr am Ende des Jahres feiern!"
Ronit versuchte, die Störenfriede zur Ruhe zu bringen, und Gil stichelte, dass sie sich nur hervortun und sich bei Jishar einschmeicheln wolle. Tami und Ja’ara fielen über ihn her und schrieen, er behandle alles geringschätzig, um Eindruck zu machen. Sofort kamen ihm alle Jungen mit Schreien und Pfiffen zu Hilfe.
"Kinder", sagte Jishar, als die Ruhe wieder hergestellt war, "wir müssen besprechen, wie wir feiern wollen."
Bevor er zu Ende sprechen konnte, erhoben sich einige Finger.
"Man kann einen kleinen Tanz vorbereiten", sagte Tami.
"Pyramiden, Pyramiden!", schrie Jigal. "Drei Gruppen übereinander! Ich oben!"
"Und man kann ein paar Stücke zum Vorlesen aussuchen", sagte Ronit. Meistens hatte sie die Aufgabe, Gedichte aufzusagen oder Texte zu lesen.
Und Joaw schrie:
"Einverstanden! Es soll viel vorgelesen werden, und dann wirst du, Jishar, eine Rede halten, und die Eltern werden Reden halten, und Ernst und Kurt und Andreas werden Reden halten, und dann haben wir eine wunderbare Feier!"
Alle lachten. Joaw war der Kleinste und Wendigste in der Gruppe, auf seinen Armen und Beinen wuchsen dünne helle Haare, sein Gesicht war mit linsengroßen Sommersprossen übersät, und sein großer Kopf saß auf einem dünnen Hals. Sooft man ihn "Äffchen" nannte, kratzte er sich auf der Seite unter der Achselhöhle und kreischte dabei.
"Sei doch still!" − "Sei du still!" − "Du Affe!" − "Und du Gans, du!" − "So hört doch auf!" − "Warum? Wenn er recht hat?" − "Wer?" − Alle schrieen durcheinander, und inmitten des Trubels saß Jishar mit einem düsteren Gesicht und rührte sich nicht.
Ein Schreihals nach dem anderen wurde still, bis alle schwiegen.
Etan fragte: "Also?"
"Wenn das alle Vorschläge sind, dann lohnt es sich nicht zu feiern", sagte Jishar plötzlich leise.
Die Kinder schauten ihn verblüfft an. Sein von dem hellen Bart umrahmtes Gesicht war verschlossen.
"Warum?", fragte Ronit gekränkt. Immer bereitete sie brav die Hausaufgaben vor, half ihrer Mutter bei der Hausarbeit und war daran gewöhnt, dass alle sie lobten.
"Wozu wollt ihr überhaupt feiern?", fragte Jishar.
Einen Moment herrschte betroffenes Schweigen.
Eigentlich wollen das nur die Eltern, dachte Tami, traute sich aber nicht, es laut zu sagen. Von mir aus könnte man... Aber das Fahrrad, die Uhr, der Sarafan, den du erwartest...
Ärger keimte in ihnen.
"Alle feiern, also warum sollen wir es nicht tun", fragte Etan. Man schaute ihn mit Zustimmung und Dank an. Er war nicht frech, aber oft leitete er die Auseinandersetzungen mit Jishar. "Jishar verwickelt und verwirrt alles", erklärte er, wenn Jishar nicht anwesend war. Das hatte er von seinem Vater gehört.
"Eingeborene haben so eine Feier, weil bei denen der Junge dann wirklich als erwachsen gilt: Von nun an hat er die Pflicht, auf die Jagd und in den Krieg zu ziehen, muss sich selbst versorgen und hat das Recht, mit den Frauen des Stammes wie einer der Männer zu verkehren", sagte Jishar leise. Es war kein gutes Zeichen, wenn er so sprach.
Die Jungen kicherten, und Gilat sagte halblaut:
"Na und, was ist denn dabei, meine Großmutter hat mir erzählt, dass, als sie jung war, die Mädels mit dreizehn geheiratet haben."
Diese Worte erweckten allgemeine Freude. Jeder wollte witzeln und etwas zum Thema erzählen: über frühes Heiraten bei den Arabern und den Jemeniten, über Frauenkauf.
Einige Mädchen wurden rot, und Jigal flüsterte seinem Nachbarn einen zotigen Witz zu.
Weil aber die Witzbolde auf einmal still wurden, hörte man deutlich, wie Tami zu Gilat sagte: "Stell dir nur vor, wie das wäre, jetzt schon zu heiraten, das wäre schrecklich."
Tami spürte die beschämende Wärme ihrer Wangen. Schon wieder wird sie rot.
"Die Religiösen", sagte Jishar, als ob man ihn überhaupt nicht unterbrochen hätte, "feiern diesen Zeitpunkt, weil die Jungen zum ersten Mal Gebetsriemen anlegen und von da an allen religiösen Geboten gehorchen sollen. Aber ihr, die ihr doch nicht religiös und nicht ganz wild seid − was bedeutet die Feier für euch? Nur eine Gelegenheit Geschenke zu bekommen?"
"Aber mein Vater sagt, ich sei ganz wild", sagte Joaw.
"Das bist du auch!", schrie Ja’ara.
"Wie kannst du ein Wilder sein, wenn du ein Affe bist?", bemerkte Jigal folgerichtig.
"Vielleicht ziehst du auf die Jagd und verkehrst mit den Frauen des Stammes?", schlug Gil vor.
"Lasst doch das Erziehungskomitee und das Kulturkomitee beschließen, wie sie unsere Bar-Mizwa feiern wollen", sagte Etan.
"In der Stadt gibt’s viele Leute, die nicht wild und nicht religiös sind und die trotzdem ihre Bar-Mizwa feiern. Sogar mein Vetter ist in die Synagoge gegangen und wurde zum Tora lesen aufgerufen, und er hat Gebetsriemen angelegt, obwohl er überhaupt nicht religiös ist", sagte Michal.
"Schön, also lass du dich auch zur Tora aufrufen und leg Gebetsriemen an!", rief Gil.
"Das ist Heuchelei, wenn man in die Synagoge geht, obwohl man nicht religiös ist", sagte Ronit.
"Warum?", verteidigte Michal ihren Vetter. "Alle Kinder in seiner Klasse machen das, also warum soll er’s nicht? Und außerdem hat er einen Großvater, der religiös ist."
Wieder befassten sich alle mit dem Thema: Was für Leute die Religiösen sind, und ob man für einen alten und religiösen Großvater in die Synagoge gehen soll, und ob man sich immer wie alle anderen Kinder benehmen soll, auch wenn das nur Heuchelei ist, ich zum Beispiel glaube, dass...
Nachdem die Quelle der Zwischenrufe versiegte, fielen noch einige halblaute und geflüsterte Bemerkungen, dann warteten wieder alle, was Jishar weiter sagen würde.
"Denkt darüber nach. Sprecht mit euren Eltern, beratet euch mit euren älteren und erfahrenen Geschwistern und bringt eure Vorschläge ein: Welche Form und welchen Inhalt wollen wir dieser Feier geben? Wie gestalten wir sie, damit sie nicht nur aus Redenhalten besteht, wie es Joaw befürchtet hat?"
Niemand sagte etwas, und Jishar fuhr fort:
"Damit beende ich das Treffen. Wir versammeln uns morgen abend um halb neun wieder und hören eure Vorschläge."
Die Kinder begannen, untereinander zu flüstern:
"Wieso, auf einmal...?"
"Warum sollen wir uns den Kopf zerbrechen? Das soll das Kulturkomitee beschließen!"
"Die Eltern sollen sagen, wie sie das feiern wollen."
"Warum gerade wir? Man hat bis jetzt immer Bar-Mizwa gefeiert, und nie gab es diese Schwierigkeiten!"
"Sag, Jishar, was machst du, wenn niemand einen Vorschlag bringt?"
"Wunderbar! Dann sagen wir die Feier ab!"
"Quatsch! Das werden die Eltern nie erlauben!"
"Gut, dann werden wir ja sehen, wer bis morgen was überlegt hat!"
"Denkst du auch nach, Jishar?"
"Stimmt, warum sollen nur wir Vorschläge machen und du nicht?"
Etans Stimme übertönte die anderen:
"Morgen um halb neun geht’s nicht, da gibt’s die ‘Arche Noah’." Und weil er Jishar in Verdacht hatte, das nicht zu verstehen, erklärte er:
"Wir wollen im Radio das Programm ‘Arche Noah’, das die neuesten Schlager bringt, hören."
Sofort waren sich alle einig:
"Stimmt! Morgen gibt’s doch die ‘Arche Noah’." − "Wir wollen die ‘Arche Noah’ nicht verpassen." − "Das macht ja nichts, wir können uns doch ein anderes Mal treffen."
Alle waren zufrieden.
"Wenn euch die ‘Arche Noah’ wichtiger ist als die Vorbereitungen für eure Feier", sagte Jishar, "dann sehe ich keinen Grund, meine Zeit weiterhin dafür zu vergeuden. Morgen um halb neun wird hier unsere Besprechung stattfinden. Wenn nicht wenigstens zwei Drittel von euch erscheinen und Vorschläge haben, werdet ihr euch allein mit den Vorbereitungen der Feier befassen müssen. Guten und angenehmen Abend." Damit verließ er das Klubhaus.
Einen Moment herrschte Stille. Dann sprang Gil auf und lief hinaus.
Zurückgekommen meldete er, Jishar sei nicht mehr in der Nähe. Nun begann man zu diskutieren:
"Und ich sag euch, dass das gerade gut ist, dass Jishar sich zurückzieht", sagte Jigal. "Schließlich ist es ja unsere Feier, und sie wird viel besser gelingen, wenn wir sie allein vorbereiten." Jigal war ein hochgewachsener und schöner Junge. Er führte das Wort, wenn kein Erwachsener in der Nähe war.
"Jishar wollte nur die Gelegenheit nutzen, sich zu drücken. Ich hab ihn voriges Jahr sagen gehört, dass er Vorbereitungen für Feiern hasst", sagte Michal.
Die einzige, die Jishar verteidigte, war Ronit: "Wir können einmal auf die ‘Arche Noah’ verzichten." Ihre Eltern begeisterten sich für klassische Musik und fanden die Schlager in der "Arche Noah" vulgär.
Inzwischen hatten die Jungen begonnen, Pingpong zu spielen, und die Mädchen sahen, dass keine Aussicht zum Tanzen bestand. Also verließen sie das Klubhaus, standen draußen, und jede wartete, dass die andere zuerst den Vorschlag mache, zu den Baracken der Nachalgruppe zu gehen, um dort Schallplatten zu hören. Am Ende fand Tami den Mut:
"Was machen wir? Ich hab keine Lust schlafen zu gehen. Gehen wir Platten hören."
Die Mädchen gingen zu den Baracken der Nachalgruppe hinunter. Das Dorf Ejn Bdolach lag auf einem felsigen Hügel. Die Kuh-, Schaf- und Hühnerställe, so wie die übrigen Wirtschaftsgebäude, lagen auf dem östlichen Abhang. Im Westen bildeten die Häuser der Genossen einige Halbkreise. Die Gemeinschaftsgebäude, der Konsum und das Kulturzentrum standen in der Mitte des Hügels. Dort lag auch das Schwimmbad und der Wasserturm erhob sich, von ihm aus wurden die Obstgärten, die auf den südlichen Abhängen zum Tal führten, bewässert. Die Schule und das Klubhaus befanden sich im nördlichen Teil − von da aus konnte man die Gebirgskette, die Israel vom Libanon trennt, sehen und zu Füßen des Hügels glänzt das Mittelmeer wie Quecksilber. Das kleine Lager der Nachalgruppe liegt auf der westlichen Seite und wirkt wie an das Dorf geklebt: Sechs Baracken bilden ein Rechteck, auf dessen einer Seite die Speisebaracke und Küche und auf der anderen Seite die Duschen und Toiletten liegen.
Als bekannt wurde, dass die Armee dem Ansuchen des Dorfes nachkommen und eine Nachalgruppe zuteilen würde, war die Erregung groß. Der Arbeitseinteiler sah darin eine Möglichkeit, den chronischen Arbeitskräfte-Mangel zu beheben; die fünf ältesten Kinder des Dorfes, und besonders die drei Mädchen, die nicht ins Internat der landwirtschaftlichen Schule geschickt wurden, freuten sich auf die "erfrischende Brise der Jugend", wie Ernst in seiner Rede zur Neujahrsfeier prophezeit. Aber die Mehrzahl der Nachal-Leute waren "Orientalische", und bei der Willkommensfeier, die das Dorf ihnen bereitete, knackten einige von ihnen Kürbiskerne, während Inge Beethovens Mondscheinsonate spielte. Dann erzählte man sich leise, dass sie eigentlich keine "echten Nachalisten" wären, sondern eine gewöhnliche Gruppe Burschen, die, als sie ihren Armeedienst beendet haben, nichts mit sich anzufangen wussten. Man fügte dieser Gruppe Mädchen, die ihren Armeedienst noch nicht beendet hatten, hinzu, damit sie in diesem entlegenen Fleck eine "gesellschaftliche Ergänzung" zu den Burschen bilden sollten. Die Mädchen jedoch erklärten jedem, der es hören wollte, dass sie schon ungeduldig auf die Gelegenheit warteten, in die Nähe einer Stadt versetzt zu werden. Der Arbeitseinteiler musste sich von den Genossen der verschiedenen Arbeitsplätze − besonders von denen des Obst- und Gemüsegartens − Beschwerden anhören, dass diese Mädchen keine Lust zur Arbeit hätten. Man tröstete sich mit der Bemerkung, dass es unter ihnen doch einige gute Kerle gäbe, aus denen sich vielleicht ein Kern herauskristallisiert, der einmal dem Dorf Ejn Bdolach beitreten oder ein ähnliches kooperatives Dorf in der Nachbarschaft gründen würde.
Einer der Nachalburschen hatte ein Grammophon mit einer Plattensammlung englischer und französischer Schlager. Fast jeden Abend trafen sie sich in einem der Zimmer und tanzten zu den Schlagern − zwei, drei Paare − auf dem knarrenden Bretterboden des kleinen Zimmers. Die anderen saßen herum, unterhielten sich und knabberten miteinander gesalzene Sonnenblumen- und Kürbiskerne, die jemand aus Naharia mitgebracht hatte.
Die Mädchen aus Tamis Klasse fühlten sich magisch angezogen. Die Tänze und die Schlager, die anzüglichen Witze, die Anekdoten vom Militär und den Millieus, aus denen die Burschen stammten... Andererseits machten sie sich über die Nachalburschen lustig, hielten, sie für dumm und ordinär, aber – so betonten sie − es gäbe unter ihnen auch einige gute Kerle, die ziemlich nett wären, nur wurde nie genau gesagt, wer das eigentlich sei.
Als sich die Mädchen den Baracken näherten, hörten sie das Grammophon "Küsse sind süßer als Wein" spielen. Sie standen im Korridor der Baracke, vor der Tür, durch die die Musik drang, stießen einander an, bis Gilat Mut fasste und laut kichernd an die Tür klopfte, bis man von drinnen den die Musik übertönenden Ruf hörte:
"Jawohl? Herein! So kommt doch schon! Kommt herein!"
Da klopften sie weiter an, rannten davon und versteckten sich im Dunkeln am Ende des Korridors, hinter den Kisten mit den Arbeitsschuhen. Zwei Burschen kamen heraus, und der eine, Jakob, der Besitzer des Grammophons, sang laut:
"Wer klopft denn an das Türchen mein / Wer pocht denn an mein Fensterlein?"
Dann hörte er auf zu singen und sagte die Worte des Schlagers nach: "Vielleicht ist’s der Milchmann? Oder der Gemüsemann? Oder sind’s die schüchternen Mädchen der siebenten Klasse?"
Da sprangen die Mädchen aus ihrem Versteck, lachten wie besessen und schrien: "Wir sind nicht mehr in der siebenten Klasse, wir sind in der achten!" Und traten ins Zimmer. Jakob legte eine neue Schallplatte auf den Plattenspieler. Die Burschen boten den Mädchen Kürbiskerne an, und einer schlug vor, sie Tango zu lehren. Tami rief: "Wunderbar! Tango!"
Da sah sie Alisa in einer Ecke mit Aja sitzen und schwieg.
Ronit wandte ein, dass man nicht immer nur "Salontänze" tanzen wolle. Wenn die Burschen einverstanden seien, ein paar Volkstänze zu lernen, wären die Mädchen bereit, bei ihnen Gesellschaftstänze zu lernen. Die Nachalburschen waren einverstanden, und man verhandelte, mit welchem Tanz man beginnen soll. Das Grammophon wurde abgestellt, weil Jakobs musikalischer Schatz keine Volkstanz-Musik enthielt. Die Mädchen sangen mit dünnen und unsicheren Stimmen und lachten viel. Einige Burschen waren bereit, die Tanzschritte zu versuchen. Michal und Gilat sprangen in die Mitte des Zimmers, um die Jungen zu unterrichten. Jakob lud Tami zum Tanzen ein. Tami wurde rot, und während sie ihm die Schritte erklärte, blickte sie verstohlen zu ihrer Schwester hin: Alisa blieb in ihrer Ecke sitzen, forderte niemanden zum Tanz auf, wurde von niemandem zum Tanz gebeten. Tami überkam ein ungutes Gefühl, als würde man etwas bereuen, das einem gelingt.
Nach ein paar Minuten waren die Mädchen des Singens und Unterrichtens müde. Die Burschen stellten sich dumm, machten die Schritte falsch, bewegten sich wie Holzklötze, nur bei den Drehungen, drehten sie die Mädchen schwindelerregend schnell, stießen einander an und lachten. Gilats Partner kitzelte sie und sie schrie: "Hör auf, sag ich dir!" Schlug ihm ins Gesicht und beide krümmten sich vor Lachen.
Michal rief:
"Genug! Ihr lernt es nie! Ihr seid absolute Tollpatsche!"
"Dann versuchen wir es eben allein zu lernen!", sagte Jakob, lud eines der Nachalmädchen zum Tanzen ein und sang: "Zum Nussgarten stieg ich hinab, das feuchte Bachgewächs zu schauen..." und weitere Paare kamen dazu.
Jetzt, so forderten die Burschen, sei der Tango an der Reihe. Tami behauptete, das Abkommen sei gebrochen, weil die Burschen geschwindelt hätten, und erwartete, dass sie nochmals bitten würden.
Aber die baten nicht viel. Jakob legte eine neue Platte aufs Grammophon, und wieder tanzten die Nachaljungen mit ihren Nachalmädchen, welche, nach Tamis Meinung, zwar nicht die schönsten waren, aber das musste man ihnen lassen: Alle waren gute Tänzerinnen. Michal und Gilat versuchten, miteinander zu tanzen, und Tami war sicher, ihr wäre es besser als Michal gelungen, wenn Gilat ihr den Vorschlag gemacht hätte... Aber Gilat tanzte weiterhin mit Michal, und Tami saß allein und blickte von Zeit zu Zeit verstohlen zu Alisa hin.
Gegen zehn erklärte Ronit, dass sie nach Hause müsse. Natürlich.
Muttis braves Mädi. Die anderen Mädchen seufzten und schickten sich auch an zu gehen.
"Komm, Alisa", sagte Tami.
"Geh nur, ich komme mit Aja nach", drückte sich Alisa.
Tami ärgerte sich und ging mit ihren Freundinnen. Jetzt fehlt nur noch, dass Mutter mit ihren Fragen anfängt und behauptet, dass du schlecht gelaunt bist. Warum enden diese Abende im Nachal-Lager immer mit diesem miesen Gefühl, und trotzdem gehst du immer wieder hin, Alisa und Aja und Gilat nach, und ärgerst dich dann über dich und die Welt?
Tami lag auf dem Rücken, ohne Kissen, um nicht einzuschlafen: Sie muss sehen, ob Alisa wirklich bald kommt, wie sie gesagt hat.
