Himmelfahrt - Ulrich Klös - E-Book

Himmelfahrt E-Book

Ulrich Klös

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Beschreibung

Ein Traum, der tödlich endet. Ein Auto, das zum Schweigen verurteilt ist. Und ein Täter, der glaubt, davonfahren zu können. Als Willi Lenz spurlos verschwindet, führt die einzige Spur die Essener Kommissarin Clara Breuer zu einem Autohaus am Baldeneysee. Was zunächst wie ein Routinefall aussieht, entpuppt sich schnell als tödliches Netz aus Lügen, Geldnot und zerstörten Träumen. Willi wollte nur eines: sich endlich seinen Herzenswunsch erfüllen – ein eigenes Auto, eine Fahrt in die Freiheit. Doch jemand machte diesen Traum zunichte. Clara Breuer und ihr Kollege Jan Becker folgen jeder noch so kleinen Fährte, bis sich das Puzzle zusammensetzt und der Täter in die Enge getrieben wird. Eine Verfolgungsjagd auf den Ruhrhöhen führt zurück an den Ort, an dem alles begann – und enthüllt ein düsteres Geheimnis zwischen den Wurzeln der alten Buchen. "Himmelfahrt" – ein packender Ruhrgebiets-Krimi von Ulrich Klös, atmosphärisch, spannend und erschütternd bis zur letzten Seite.

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Seitenzahl: 74

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ulrich Klös

Himmelfahrt

Clara Breuer Kriminalromane, Band, Nr. 6

Ulrich Klös

Himmelfahrt

Kriminalroman

Texte: © 2025 Copyright by Ulrich Klös

Umschlaggestaltung: © 2025 Copyright by Ulrich Klös

Verlag:

Ulrich Klös

Am Kohlenkämpchen 25

45133 Essen

[email protected]

Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Frühstück am Waldrand

Die Morgensonne bricht sich durch das Blätterdach, taucht den Waldrand in ein warmes Gold. Kurt Hagemann sitzt auf einem umgestürzten Baumstamm, das Werkzeug liegt achtlos neben ihm. Mit einem zufriedenen Seufzer beißt er in das Butterbrot, das Hiltrud ihm eingepackt hat. Ein Hauch von Schnittlauch, dazu die Süße kleiner Zwergtomaten – fast so, als wollte sie ihm damit sagen: Vergiss nicht, wie gern ich dich habe. Ganz unten in der Brotdose klebt ein kleines, ausgeschnittenes Herz aus rotem Papier. Kurt lächelt.

Noch ein Bissen, dann muss er zurück zur Rüttelmaschine. Gemeinsam mit seinen Kollegen Walter Müller und Georg Filberich erneuert er den Wanderweg, der sich hier am Rand der Ruhrhöhen entlangzieht – ein Stück des beliebten BaldeneyseeSteigs.

Da bemerkt er den Schwarm Fliegen. Dunkel, unruhig, ein schwarzes Pulsieren knapp über dem Waldboden, wenige Meter entfernt. Kurt runzelt die Stirn. „Was zum Teufel …?“ Er steht auf, wischt sich die Hände an der Arbeitshose ab und geht näher.

Dann gefriert ihm das Blut in den Adern. Zwischen den Wurzeln einer Buche ragt eine Hand aus der Erde. Grau, aufgedunsen, die Finger leicht gekrümmt, als wollten sie noch immer nach Hilfe greifen.

„Walter! Georg!“ Kurts Stimme überschlägt sich. „Kommt schnell!“

Wenige Minuten später telefoniert einer der Kollegen hektisch mit der Polizei. Die Brotdose liegt vergessen im Gras, das rote Herz weht davon wie ein Spott.

Als Kommissarin Clara Breuer am Tatort eintrifft, kniet Gerichtsmediziner Dr. Friedrich Wanner bereits neben der Fundstelle. Mit routiniertem Blick untersucht er die freigelegte Leiche. „Ein Mann“, sagt er knapp. „Seit Monaten hier unten. Aber eins steht fest – das war kein natürlicher Tod.“

Clara mustert ihn aufmerksam. Wanner ist nicht für vorschnelle Urteile bekannt. Wenn er so früh diese Worte wählt, weiß sie, dass sie einen neuen Fall auf dem Tisch hat – und der wird sie so schnell nicht wieder loslassen.

Besuch bei der Schwester

Die kleine Doppelhaushälfte am Rand von Steele wirkt gepflegt, aber altmodisch – Gardinen mit Häkelrändern, ein Rosenbogen im Vorgarten. Clara Breuer klingelt, Jan Becker steht einen Schritt hinter ihr.

Die Tür öffnet sich. Eine Frau Mitte sechzig, schmale Gestalt, graues Haar streng zum Knoten gebunden, mustert die beiden mit nervöser Zurückhaltung.

„Frau Lenz?“, fragt Clara. „Kommissarin Breuer, Kriminalpolizei. Das ist mein Kollege Becker.“

Die Frau nickt, ihre Stimme zittert leicht. „Es geht um meinen Bruder, nicht wahr? Ich habe schon geahnt, dass… dass es nichts Gutes ist.“

Drinnen riecht es nach Bohnerwachs und Kamillentee. Auf dem Couchtisch liegt eine Handarbeit, daneben ein gerahmtes Foto: Ein Mann mit hagerem Gesicht, Brille, daneben die Schwester.

„Wir müssen Ihnen eine traurige Nachricht überbringen“, beginnt Clara vorsichtig. „Die Leiche, die im Wald gefunden wurde – es handelt sich nach unseren bisherigen Erkenntnissen um Ihren Bruder.“

Frau Lenz schließt die Augen, faltet die Hände. Minutenlang sagt sie nichts. Dann: „Er war so ein eigenwilliger Mensch… Aber er hat das Leben verdient, genau wie jeder andere.“

Clara wartet, bis die Frau einen Schluck Tee nimmt, und fragt dann: „Können Sie uns etwas über ihn erzählen? Über seinen Alltag, seine Kontakte?“

„Alltag? Nun… er war seit Jahren Frührentner. Herzschwäche, dazu die Lunge, die Ärzte haben ihm nie große Hoffnung gemacht. Aber er hat sich nicht hängen lassen. Er ging spazieren, er plante… immer wieder kleine Dinge, auf die er sich freuen konnte.“

„Hatte er Feinde? Streitigkeiten?“

Die Schwester schüttelt den Kopf. „Er war manchmal dickköpfig. Konnte aufbrausen, wenn man ihm zu nahetrat. Aber Feinde? Nein… höchstens Leute, die seine Hilfsbereitschaft ausgenutzt haben. Er konnte schlecht Nein sagen.“

Clara wirft einen Blick zu Becker. „Was meinen Sie mit ausgenutzt?“

„Da war dieser Bekannte… ein jüngerer Mann, der ständig Geld brauchte. Mein Bruder hat ihn öfter unterstützt. Ich habe ihn gewarnt, aber er meinte immer: ‚Was soll’s, ich hab ja sonst niemanden.‘“

Clara notiert den Hinweis. Ein erster Name, ein möglicher Ansatz.

Dann sagt Frau Lenz noch leiser: „Vor ein paar Wochen war er so aufgeregt wie lange nicht. Er sprach von einem Wunsch, den er sich endlich erfüllen wollte. Er war regelrecht euphorisch. Aber er wollte mir nicht verraten, was es war. Nur so viel: ‚Es wird mein Leben verändern.‘“

Clara lehnt sich zurück. Ein kranker Mann, ein einsamer Mann – und plötzlich dieser geheimnisvolle Wunsch.Es ist ein erster Faden, der sich in ihrem Kopf sofort mit vielen Fragen verknüpft.

Willi Lenz

Jan Becker, auf den sich Clara Breuer seit ihrem ersten gemeinsamen Fall im Schacht Schwarz Kohle verlassen konnte, hatte es übernommen, die Hintergründe des Opfers zu beleuchten. Am frühen Nachmittag legte er Clara seinen ersten Bericht vor.

„Der Tote heißt Willi Lenz“, begann Becker. „Sein Leben war alles andere als aufregend – aber es erzählt eine Menge über ihn.“

Willi Lenz hatte seine Lehre bei der Firma Silbermüller in Essen absolviert, dort den Abschluss als Schlosser gemacht und später sogar den Meisterbrief erworben. Jahrzehntelang war er dem Betrieb treu geblieben, bis seine Gesundheit ihm einen Strich durch die Rechnung machte.

Die COPD, eine unbarmherzige Folge jahrzehntelangen Rauchens, nahm ihm nach und nach die Luft zum Leben. Schon kurz nach seinem vierzigsten Geburtstag hatte er die ersten Stents eingesetzt bekommen. Arbeiten konnte er irgendwann nicht mehr – und so landete er früh in der Rente.

„Ein Eigenbrötler durch und durch“, fasste Becker zusammen. „Gesellschaft mochte er nicht, lange Gespräche waren ihm lästig. Er genoss die Stille – und seine Zigaretten. Kaum war eine ausgedrückt, steckte er sich schon die nächste an. Seine Lunge hat ihm das nie verziehen.“

Privat blieb sein Leben genauso karg. Beziehungen? Nur kurze Episoden, die nie von Dauer waren. Die einzige Frau, die ihn all die Jahre begleitete, war seine Schwester Gertrud.

Die Eltern waren früh gestorben, und so hatte Gertrud die Rolle der Beschützerin übernommen. Sie war für ihren Bruder da – konsequent, bis zur Selbstaufgabe. Vielleicht war das der Grund, warum auch sie allein durchs Leben ging. Die beiden lebten im alten Elternhaus, einem schlichten Zechenhäuschen am Stadtrand. Hinter dem Haus lag ein kleiner Garten, Gertruds ganzer Stolz. Zwischen Minze, Thymian und Rosmarin fand sie Ruhe – ein Gegenpol zu Willis Welt aus Zigarettenrauch und Schweigen.

Clara notierte sich jedes Detail. Das Bild, das sich abzeichnete, war das eines Mannes, der das Alleinsein suchte – und gleichzeitig einer Frau, die ihr Leben in den Dienst ihres Bruders gestellt hatte. Ein solches Geflecht barg Konflikte, vielleicht auch Motive.

Befragung von Gertrud Lenz

Das Wohnzimmer war makellos aufgeräumt, ein Hauch Lavendel hing in der Luft. Auf dem Tisch standen zwei Tassen Kamillentee, die Gertrud Lenz ohne ein Wort eingeschenkt hatte. Clara Breuer und Jan Becker saßen ihr gegenüber, während sie selbst auf dem Sofa Platz nahm – die Hände fest um das Stofftaschentuch gekrallt.

„Frau Lenz,“ begann Clara sanft, „wir möchten Sie nicht unnötig belasten. Aber um den Tod Ihres Bruders aufzuklären, müssen wir mehr über sein Leben erfahren.“

Gertrud nickte langsam, die Augen gerötet. „Mein Bruder… Willi war kein einfacher Mensch. Aber er war mein Bruder. Seit wir Kinder waren, habe ich auf ihn aufgepasst.“

Becker beugte sich leicht vor. „Wir haben gehört, dass er bei der Firma Silbermüller gearbeitet hat?“

Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ja, er hat dort als Schlosser angefangen. Er war geschickt, hatte Talent in den Händen. Später hat er sogar seinen Meister gemacht – darauf war er stolz, auch wenn er es selten zeigte.“

„Und warum musste er aufhören?“ fragte Clara.

Gertrud seufzte. „Seine Lunge. Die Zigaretten waren sein ständiger Begleiter. Ich habe ihn oft angefleht aufzuhören, aber… es war, als hätte er ohne sie nicht leben können. Die Ärzte sprachen von COPD, und nach seinem vierzigsten Geburtstag bekam er die ersten Stents. Danach war nichts mehr wie früher.“

Einen Moment lang herrschte Stille, nur das Ticken der Wanduhr war zu hören.

„Willi war sehr zurückgezogen, nicht wahr?“ hakte Clara vorsichtig nach.

„Das stimmt.“ Gertrud drehte das Taschentuch zwischen den Fingern. „Er mochte keine langen Gespräche. Wenn Besuch kam, hielt er es nicht lange aus. Lieber saß er allein auf der Bank im Garten oder vor dem Fernseher mit einer Zigarette. Beziehungen? Die hielten nie. Er war… schwierig. Vielleicht auch zu stolz.“

Clara machte sich Notizen. „Gab es denn jemanden, der ihm besonders nahe stand? Abgesehen von Ihnen?“

Gertrud schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war die Einzige. Wir beide haben das Elternhaus behalten. Ich habe meinen Kräutergarten, das war immer mein Rückzugsort. Und er… er hatte seine Ruhe. Wir lebten nebeneinander, nicht miteinander. Aber wir waren Familie.“

Sie hob den Kopf, plötzlich fester in der Stimme: „Wenn jemand meinem Bruder etwas angetan hat, dann will ich, dass Sie es herausfinden. Auch wenn er nicht einfach war – er hatte das nicht verdient.“

Clara begegnete ihrem Blick. „Das verspreche ich Ihnen, Frau Lenz.“

Der mysteriöse Bekannte