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Als Heinrich Himmler und Marga Siegroth sich 1927 kennenlernen, ist die Zuneigung gegenseitig. Das Paar ist sich einig in seinem Antisemitismus (»das Judenpack«) wie in seinem Traum vom Landleben. Himmler, als Funktionär der NSDAP häufig »mit dem Chef« Hitler auf Reisen, rät seinem »Liebchen« aus der Ferne, den »Holunder als Mus einzumachen«; Marga berichtet ihrem Mann stolz, dass ihr Haus »Treffpunkt aller Nationalsozialisten« sei. Während Himmler nach 1933 zum mächtigsten Mann hinter Hitler aufsteigt und als Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei die »Endlösung der Judenfrage« organisiert, schickt er seiner »kleinen Frau«, die für das Rote Kreuz durch das besetzte Polen reist (»der unbeschreibliche Dreck«) »liebe Gedanken zum Muttertag«, brüstet sich mit der vielen »Arbeit« und legt Fotos von seinen Reisen zu den SS-Einsatzgruppen und Waffen-SS-Einheiten bei. Die Harmlosigkeit der Briefe ist nur scheinbar, hinter der kleinbürgerlichen Fassade werden die Gewalt und der Mangel an Empathie sichtbar, die auch das Privatleben der Himmlers prägten.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
2. Auflage 2014
ISBN 978-3-492-96639-9
© Plon, 2014
Deutschsprachige Ausgabe:
© 2014 Piper Verlag GmbH, München
Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München
Umschlagmotiv: Realworks Ltd., Tel Aviv
Litho: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee
Datenkonvertierung: Tobias Wantzen, Bremen
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Unmittelbar nach Kriegsende, im Frühjahr 1945, traf ein U. S. Intelligence Officer in Gmund am Tegernsee auf zwei amerikanische G. I.s, die sich offensichtlich im »Haus Lindenfycht«, dem Privatdomizil Heinrich Himmlers, mit »Souvenirs« versorgt hatten. Der Offizier, ein Historiker, erkannte schnell, was die beiden mit sich trugen, und versuchte ihnen die Funde abzukaufen. Einer der beiden willigte ein, und so erwarb der Offizier ein Konvolut mit privaten Dokumenten der Familie Himmler, unter anderem die handschriftlichen Tagebücher des jungen Heinrich Himmler aus den Jahren 1914 bis 1922. Der andere G. I. indes mochte seine Schätze nicht verkaufen und zog weiter.
Der Offizier schickte die Tagebücher und die anderen Dokumente nach Hause und schenkte ihnen keine weitere Beachtung, bis er sich 1957 in einer Diskussion mit einem befreundeten deutsch-jüdischen Historiker, Werner Tom Angress, der Tagebücher erinnerte und sie diesem zur historischen Auswertung übergab. Gemeinsam mit einem jungen Kollegen, Bradley F. Smith, transkribierte Angress die Handschriften, und beide berichteten 1959 über den Fund in einem Aufsatz im Journal of Modern History.{1}
Es gibt auch andere Versionen dieser Geschichte, die letztlich unaufgeklärt bleiben muss, da die beiden G. I.s sicher nie mehr ermittelt werden können. Die Tagebücher wie die übrigen Dokumente übergab Angress später der Hoover Institution on War, Revolution and Peace der Stanford University in Kalifornien, die sie der Öffentlichkeit zugänglich machte. Jahrelang bildete diese »Himmler Collection«, darunter die Briefe von Marga Himmler an ihren Ehemann, eine Fundgrube für die Geschichtswissenschaft. Nach mehrjährigen Verhandlungen erwarb das Bundesarchiv in Koblenz Mitte der 90er-Jahre von der Hoover Institution die Originale, die nun als »Nachlass Himmler« aufbewahrt werden.
Anfang der 80er-Jahre tauchte in Israel eine weitere Sammlung von privaten Dokumenten der Familie Heinrich Himmlers auf, die offenkundig jene »Souvenirs« darstellten, die der zweite G. I. an sich genommen hatte. Dieses Material umfasst rund 200 auf Mikrofilmrollen aufgenommene Briefe Heinrich Himmlers an seine Frau aus den Jahren 1927 bis 1945 sowie die ebenso verfilmten Tagebücher von Marga Himmler von 1937 bis 1945, deren Originale heute im Besitz des United States Holocaust Memorial Museum in Washington sind. Außerdem befinden sich in der in Israel gefundenen Sammlung die Originale von Marga Himmlers NSDAP-Parteibuch, ihres Jugendtagebuchs von 1909 bis 1916, eines Kindheitstagebuchs über die Tochter Gudrun, des Poesiealbums der Tochter und deren Mädchentagebuch von 1941 bis zum April 1945, ferner von Büchern Margas mit Eintragungen zu Haushaltsausgaben, Weihnachtsgeschenken und Kochrezepten, von Zeugnissen und HJ-Urkunden des Pflegesohns Gerhard von der Ahé sowie zahlreiche private Fotos, teils lose, teils in einem Album.
Wie diese Materialien nach Israel gelangten, bleibt offen. Der langjährige Besitzer, ein Holocaustüberlebender, will sie in der einen Version Ende der 60er-Jahre auf einem Flohmarkt in Belgien, in einer anderen Version vom ehemaligen Sekretär des Himmlervertrauten Karl Wolff in Mexiko erworben haben, um sie dann jahrelang bei sich aufzubewahren. Ein israelischer Filmemacher soll vorgehabt haben, damit einen Film über Heinrich Himmler drehen, was aber aufgrund seines frühen Todes nicht zustande kam. Zeitweise war offenbar im Gespräch, die Dokumente dem Bundesarchiv in Koblenz zu verkaufen. Wohl deswegen nahm das Bundesarchiv 1982/83 eine umfangreiche Expertise einschließlich einer Materialprobe vor, um die Authentizität der Dokumente prüfen zu lassen, und kam zu dem Schluss, dass es sich zweifelsfrei um echte Dokumente handelt. Obwohl die Originalbriefe Himmlers nicht vorliegen, ließ sich sowohl aufgrund der Handschrift als auch hinsichtlich der zeitlichen wie inhaltlichen Verschränkung seiner Briefe mit denen Marga Himmlers eindeutig die Echtheit feststellen.{2}
Mittlerweile sind diese Materialien Eigentum der israelischen Dokumentarfilmerin Vanessa Lapa, die mit ihnen ihren Film Der Anständige drehte (Berlinale 2014) und damit zum ersten Mal diese bislang noch nicht gezeigten Dokumente der Öffentlichkeit vorstellte.{3}
Mit den beiden Quellensammlungen ist somit ein dichtes Korpus an privaten Dokumenten von Heinrich Himmler vorhanden, wie es das von keinem anderen Angehörigen der NS-Führung gibt. Während Hitler bekanntlich weder Tagebücher noch private Aufzeichnungen hinterlassen hat, Hermann Göring, der als ranghöchster Nationalsozialist 1945/46 auf der Anklagebank in Nürnberg saß, nur in den amtlichen Dokumenten des Dritten Reiches eine schriftliche Spur hinterließ und Joseph Goebbels zwar ein megalomanisches Tagebuch geschrieben hat, das viele Tausend Blatt umfasst, aber in erster Linie seine politische Rolle als führender Nationalsozialist dokumentieren sollte und als Grundlage für spätere Veröffentlichungen gedacht war, ist Heinrich Himmler damit hinsichtlich seines Privatlebens der bestdokumentierte führende NS-Täter.
Die hier erstmals veröffentlichten Briefe Heinrich Himmlers an seine Frau Marga und die Gegenbriefe seiner Frau ergänzen sich zu einem umfassenden Briefwechsel über den Zeitraum von ihrer ersten Begegnung 1927 bis zum Kriegsende 1945. Die frühen Briefe erscheinen zunächst äußerst banal; nichts deutet darauf hin, dass sich der Mensch Heinrich Himmler von 1927 später zu einem Massenmörder entwickeln würde: Zwei eher schlichte Menschen, ein Parteifunktionär der NSDAP und eine geschiedene Krankenschwester, lernen sich Ende der 20er-Jahre kennen und beteuern sich ihre Liebe in zahllosen Briefen; sie heiraten, bauen sich einen Selbstversorgerbetrieb auf dem Land auf, bekommen ein Kind, nehmen später noch ein Pflegekind bei sich auf. Während der Ehemann in den folgenden Jahren beruflich meist auf Reisen ist, bleibt die Frau zunächst zu Hause, versorgt Kind, Haus und die Landwirtschaft. Die Briefe werden im Laufe der Jahre nüchterner, der Mann macht Karriere, die Eheleute tauschen sich über alltägliche Sorgen aus, telefonieren fast täglich, auch als der Mann längst eine Geliebte und mit ihr weitere Kinder hat. Der Krieg erscheint in diesen Briefen nur schemenhaft; sie schreibt von den Bombennächten in Berlin, er von der »vielen Arbeit«, die er an der Ostfront zu tun hat. Als auch ihm klar wird, dass der Krieg verloren ist, schließt der Briefwechsel mit einem Abschiedsbrief von ihm ab.
So nichtssagend diese Skizze klingen mag, so wird doch beim genauen Hinsehen deutlich, wie viel diese alltägliche Korrespondenz zwischen Heinrich und Marga Himmler über ihre Wahrnehmungen, Selbstverständigungen und Weltanschauungen erkennen lässt. Diese Briefe sind keineswegs harmlos und banal. Selbst die Diskrepanz zwischen dem fast gänzlich verschwiegenen mörderischen Alltag und der in den Briefen beschworenen privaten Idylle verringert sich in dem Maße, wie Gewalt und mangelnde Empathie auch im kleinbürgerlichen Alltag der Himmlers sichtbar werden.
Heinrich Himmler wurde am 7. Oktober 1900 in München als mittlerer Sohn des Gymnasiallehrers Gebhard Himmler und seiner Frau Anna geboren. Mit seinen Brüdern Gebhard und Ernst wuchs er in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Söhne erhielten eine umfassende humanistische Bildung, zugleich spielten Sekundärtugenden wie Gehorsam und Pflichterfüllung eine große Rolle in der Erziehung. Nachdem Heinrichs Wunsch, Offizier zu werden, mit dem Ende des Ersten Weltkriegs gescheitert war, studierte er Landwirtschaft und engagierte sich anschließend für die völkische, später als Redner für die nationalsozialistische »Bewegung«. Ab 1929 war er Reichsführer-SS und seit 1930 Reichstagsabgeordneter. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten unterstand ihm ab 1936 die gesamte deutsche Polizei, er war verantwortlich für Terror, Verfolgung und die Vernichtung der europäischen Juden. 1939 wurde er als »Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums« zuständig für die Planung gigantischer Umsiedlungs- und Mordpläne in Ost- wie Westeuropa. Zum Kriegsende avancierte er 1943 außerdem zum Innenminister des Deutschen Reiches und schließlich 1944 zum Chef des Ersatzheeres. Nach seiner Verhaftung nahm er sich am 23. Mai 1945 das Leben.
Marga Siegroth, geb. Boden, wurde am 9. September 1893 im pommerschen Goncerzewo (Goncarzewy) bei Bromberg (Bydgoszcz) als Tochter des Gutsbesitzers Hans Boden und seiner Frau Elfriede geboren und wuchs mit zwei Brüdern und drei Schwestern auf. Im Ersten Weltkrieg verlor sie ihren älteren Bruder, machte selbst eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete in Kriegslazaretten. 1920 heiratete sie und arbeitete nach dem Scheitern ihrer Ehe ab 1923 in einer Privatklinik in Berlin, in der sie dank ihres Vaters Teilhaberin war, als Oberschwester. Nach der Heirat mit Himmler trat sie 1928 in die NSDAP ein, gebar 1929 die einzige gemeinsame Tochter Gudrun und kümmerte sich ab 1933 zudem um ihrer beider Pflegesohn. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Marga Himmler als Oberführerin des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin und bereiste die besetzten Länder Europas. Nach Kriegsende wurde sie zusammen mit der Tochter interniert, lebte später in Bielefeld und bei der Tochter in München, wo sie am 25. August 1967 starb.
Heinrich Himmler und Marga Siegroth lernten sich am 18. September 1927 auf einer Zugfahrt zwischen Berchtesgaden und München kennen. Marga hatte in Berchtesgaden Urlaub gemacht, Heinrich sich aus beruflichen Gründen dort aufgehalten. Mit ihren blonden Haaren und blauen Augen entsprach sie äußerlich Himmlers Frauenideal, auch sonst waren sie sich in vieler Hinsicht einig: in ihrer Ablehnung der Demokratie und dem Hass auf »das System Berlin«, in ihrem Antisemitismus (»das Judenpack«) und ihrer Menschenverachtung (»was sind die Menschen falsch und schlecht«). Bald träumten sie gemeinsam vom Landleben – nicht nur weil sie Himmlers bescheidenes Parteigehalt durch einen Selbstversorgerbetrieb mit Tierhaltung und Gemüseanbau aufstocken wollten, sondern auch weil dies zur völkischen Idealisierung einer »Rückkehr zur Scholle« passte. Das »schöne, reine Heim«, das sie errichten wollten, sollte zugleich eine »sichere Burg« sein, mit der sie den »Schmutz« der Außenwelt fernzuhalten hofften.
Auffallend ist jedoch, was in diesen frühen Briefen fehlt: Weder Heinrich noch Marga zeigen ein echtes Interesse am jeweils anderen. Sie stellen keine Fragen zum Alltag, zur Familie, zur Vergangenheit oder den Sehnsüchten des anderen, in den Briefen werden manchmal »hochinteressante« Erlebnisse oder Gespräche erwähnt, ohne dass das »Interessante« daran je greifbar wird – kurz, es herrscht beiderseits ein völliger Mangel an Neugier und Empathie. Die gegenseitige Liebe wird in stereotypen Formeln und endlosen Redundanzen ausgedrückt, die zugleich mit maßlosen, egozentrischen Forderungen verknüpft werden (»Vergiß nicht, du gehörst dann nur noch mir«). Der tägliche Brief des anderen ist ihnen wichtiger als dessen immer gleicher Inhalt, es ist gerade diese Redundanz, die der Herstellung von Einvernehmen dient. Gelegentlich aufkommende Zweifel an dieser Einigkeit werden nicht zugelassen, da sie nicht in die enge Welt passen, in der sich beide bewegen (»wir müssen doch derselben Ansicht sein, es kann ja gar nicht anders sein«). Beide sind nicht in der Lage auszudrücken, worin ihre Zuneigung zueinander eigentlich begründet ist. Gefühle werden allenfalls in Form von Sentimentalitäten ausgedrückt (»so überreich beschenkt mit Liebe und Güte«), bei ihren seltenen Treffen vor der Heirat wappnen sie sich mit Rätselheften gegen drohende Langeweile.
In den Briefen wird deutlich, wie konsequent Himmler über all die Jahre entsprechend seiner weltanschaulichen Überzeugung lebte und handelte: Seit 1924 war es sein Ziel, der nationalsozialistischen »Bewegung« durch den unermüdlichen Einsatz als Redner und den konsequenten Aufbau von Strukturen und Netzwerken im gesamten Reich zum Erfolg zu verhelfen. Er war keineswegs nur der unbedeutende Sekretär einer Splitterpartei, der unter ständigen Geldnöten litt und erst nach 1933 plötzlich Karriere machte. Vielmehr zeigt sich, wie wichtig seine Position in der Partei und wie groß seine Nähe zu Hitler bereits in den 20er-Jahren war: Himmler organisierte die Rednerauftritte Hitlers und war häufig mit ihm auf Reisen (»bin mit dem Chef unterwegs«), er selbst war jahrelang Parteiredner, der als studierter Landwirt vor allem in den für die NSDAP so wichtigen ländlichen Gebieten agitierte. Nebenbei schuf er vor Ort mit den SA- und SS-Einheiten jene Strukturen und persönlichen Kontakte, auf die er sich nach 1933 beim Aufbau seines mächtigen Terrorapparates von SS, Polizei und Gestapo stützen konnte.
Er selbst bezeichnete seine Arbeit gern romantisierend als »Kampf« und stilisierte sich in den Briefen an Marga zum »Landsknecht«, wodurch er sich zugleich von der gewöhnlichen Büroarbeit »langweiliger Spießer« abzugrenzen suchte. Durch den langen Zeitraum des Briefwechsels und die frühe Erwähnung von Personen, die später zur Führungsriege des NS-Regimes zählten, wird deutlich, in welchem Maß sich Himmler über all die Jahre unter seinesgleichen bewegte – und welch wichtige Rolle die Kontakte der »alten Kameraden« zueinander für ihre späteren Karrieren spielten. Himmlers Seilschaften in der »Bewegung« waren untrennbar mit seinem Privatleben verknüpft: Bereits vor der Heirat hatte er fast nur noch Umgang mit Gleichgesinnten; danach verwirklichte er mit der Rückkehr aufs Land auch privat das, was er in seinen Reden und durch die Mitgliedschaft beim völkischen Bund Artam propagierte.
Schon Jahre vor der »Machtergreifung« lebte das Ehepaar in einer Welt von Gleichgesinnten, mit denen sie die Verachtung der Demokratie und den Antisemitismus, den Glauben an den Sieg der nationalsozialistischen »Bewegung« durch fortgesetzten »Kampf« sowie die unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Hybris teilten. Auch Marga Himmler war keineswegs eine unpolitische Ehefrau. Nach der Heirat trat sie umgehend in die von ihrem Mann gegründete Ortsgruppe der NSDAP in Waldtrudering bei München ein. Und schon bald berichtete Marga ihrem Mann stolz, dass ihr Haus »Treffpunkt aller Nationalsozialisten« am Ort sei.
Von zu Hause aus verfolgte Marga mit Interesse die politische Entwicklung (»was wäre ich einmal gerne bei all den großen Ereignissen dabei«), las ab 1928 regelmäßig das Parteiorgan, den Völkischen Beobachter, und fand sogar ihre Dienstmädchen über Inserate des rechten Hetzblatts. Einige Male gelang es ihr, Heinrich dazu zu überreden, sie auf seine Reisen mitzunehmen.
Die nüchterneren Briefe aus den ersten Ehejahren bestehen vor allem aus alltäglicher Berichterstattung, die kaum je über eine inhaltsleere Aufzählung von Fakten und Namen hinausgeht. Dennoch wird deutlich, dass Marga unter der häufigen Abwesenheit ihres Mannes litt. Himmler hatte nur selten Zeit, sich um ihren landwirtschaftlichen Betrieb zu kümmern. In seinen Briefen aus allen Ecken Deutschlands bedauerte er zwar seine Frau, die als Schwangere bzw. später mit dem kleinen Kind zu Hause all die schwere Arbeit allein verrichten musste. Aber zugleich wurde die Notwendigkeit seiner ständigen Abwesenheit immer unanfechtbarer – zumal er ab 1930 als Reichstagsabgeordneter nicht nur häufig in Berlin sein musste, sondern aufgrund der mit dem Mandat verbundenen kostenlosen Bahnfahrten von der Partei noch stärker als zuvor in die Rednertätigkeit eingebunden wurde.
Aus den Jahren zwischen 1933 und 1940 sind nur wenige Briefe von Marga und gar keine von Heinrich Himmler erhalten. In dieser Zeit machte er Karriere als Chef der deutschen Polizei, SS und Gestapo, die Familie erwarb das »Haus Lindenfycht« in Gmund und bezog einen Dienstsitz in Berlin, ab 1937 war dies die Dienstvilla »Dohnenstieg« in Berlin-Dahlem. Privates erfahren wir nur aus Margas Kindheitstagebuch, das sie über die Tochter Gudrun und den Pflegesohn Gerhard führte, sowie aus den nach dem Krieg aufgezeichneten Erinnerungen von Lydia Boden, Margas Schwester, die ab 1934 mit in Gmund lebte und die Kinder versorgte, wenn beide Eltern in Berlin waren. Während das Kindheitstagebuch 1936 endet, gibt ab 1937 Margas eigenes Tagebuch Auskunft über das neue gesellschaftliche Leben, das sie dem Aufstieg ihres Mannes verdankte und in vollen Zügen genoss, wenn sie etwa Einladungen zum Tee oder Bridge für die Damen der höheren Gesellschaft organisierte oder ihrerseits zu Dinners eingeladen war. Meist erfahren wir nicht mehr als die reinen Fakten: welche Personen bei welchem Ereignis anwesend waren, allenfalls noch, dass es »sehr nett« war. Neben all den Belanglosigkeiten und Margas bornierter Spießigkeit lässt sich an diesen Tagebüchern jedoch auch anderes ablesen: der Stolz auf die Nähe zur Macht (»es war nett, sich einmal in Ruhe mit dem Führer zu unterhalten«), die Überzeugung, berechtigterweise zu dieser neuen Elite zu gehören (»ich bin der festen Ansicht, dass ich mir den Platz an der Sonne selbst verdient habe«), und die Billigung der mitleidlosen Verfolgung derjenigen, die als »Feinde Deutschlands« galten, etwa wenn sie sich für »faule« Dienstboten wünscht: »warum kommen diese Leute nicht alle hinter Schloß und Riegel u. müßten arbeiten bis sie sterben«; oder wenn sie nach dem Pogrom vom 9. November 1938 ungeduldig schreibt: »Diese Judengeschichte, wann wird uns das Pack endlich verlassen, damit man auch seines Lebens froh wird.«
Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich Himmler kaum noch in Berlin oder München auf, sondern – ebenso wie andere Angehörige der NS-Führung – überwiegend in Sonderzügen nahe den wechselnden Kriegsschauplätzen, die als Hauptquartiere fungierten. Während des Westfeldzugs war er im Frühjahr 1940 zwei Monate lang im Sonderzug unterwegs und den Rest des Jahres noch in Berlin, mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurde die mobile Feldkommandostelle endgültig Himmlers Standort. Schon wenige Tage nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 nahm er im »Sonderzug Heinrich« Quartier, in der Nähe von Angerburg in Ostpreußen, wo sich Hitlers »Wolfsschanze« befand. Zur Jahresmitte 1942, als Hitler sein Hauptquartier in Winniza in der Ukraine errichtete, entstand zusätzlich eine weitere Feldkommandostelle bei Schitomir unter dem Decknamen »Hegewald«. Zwar kehrte Himmler auch in den folgenden Jahren immer wieder für kurze Zeit nach Berlin oder München zurück, aber sein Hauptaufenthaltsort befand sich nun im Osten.
Marga arbeitete mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wieder als Krankenschwester und hielt sich öfter viele Wochen am Stück in Berlin auf, denn, so ihre Überzeugung, »wenn alle Leute mithelfen, wird der Krieg ja bald vorbei sein«. Sie verrichtete keineswegs nur »unpolitische« weibliche Pflegetätigkeit, sondern hatte als DRK-Oberführerin die Aufsicht über zahlreiche Lazarette und bereiste gemeinsam mit anderen DRK-Funktionären die besetzten Länder Europas, um sich ein Bild von der Versorgung deutscher Soldaten, aber auch von der Umsiedlung der Volksdeutschen zu machen, die ihr Mann organisierte.
Ab 1941 sind wieder zahlreiche Briefe zwischen den Eheleuten erhalten, ab 1942 nur noch die von Heinrich Himmler, in denen er allerdings häufig die Briefe seiner Frau erwähnt. Während der Kriegsjahre telefonierte Himmler außerdem alle zwei bis drei Tage mit »Püppi«, seiner Tochter Gudrun, in Gmund und beinahe täglich mit Marga, wenn sie sich in Berlin aufhielt.
Entgegen der Annahme in der Forschungsliteratur, dass Heinrich Himmlers Ehe schon früh zerrüttet gewesen sei, beschränkte er sich also keineswegs darauf, nur den Kontakt zur Tochter in Gmund zu halten. Die Briefe und ergänzenden Dokumente zeigen weiterhin die Einigkeit der Himmlers in ihrem Antisemitismus und ihrem Rassismus (»die Pollacken«, »der unbeschreibliche Dreck«), in ihrem unbedingten Glauben an Hitler und in ihrer Kriegsbegeisterung (»Der Krieg geht herrlich vorwärts. Alles verdanken wir dem Führer«). Himmler war weiterhin besorgt um Margas Gesundheit, fand es wichtig, dass sie seine Redetexte las, schickte ihr Süßigkeiten, während sie ihm selbst gebackene Kekse an seine Einsatzorte im Osten sandte. Zwar war Margas Tätigkeit beim Roten Kreuz ständiger Gegenstand des Streits mit ihrem Mann, der sie lieber in Gmund bei der Tochter sah; sie setzte sich jedoch durch – »ohne Arbeit könnte ich im Kriege nicht sein«, erklärte sie.
Die Vertrautheit zwischen den Eheleuten änderte sich auch dann nicht, als Himmler an Weihnachten 1938 eine heimliche Liaison mit seiner Privatsekretärin, der zwölf Jahre jüngeren Hedwig Potthast, einging und mit ihr während des Krieges zwei Kinder bekam. Zwar klagte Marga bereits 1940, dass ihr Mann »keinen Abend mehr zu Hause« sei; zwar sind seine Briefe ab 1942 oft nur noch eilige Begleitbriefe, die er einem Adjutanten mitgab, über den er Marga auch mit Geschenken versorgte. Dennoch betrieb er erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwand, um nicht nur die Tochter, sondern auch seine Frau mit Süßigkeiten, Blumensträußen und nützlichen Dingen wie Papier aller Art zu versorgen, die während des Krieges nur noch schwer zu beschaffen waren. Er fühlte sich seiner ersten Familie nach wie vor eng verbunden, etwa wenn er 1944 bedauerte, dass er Weihnachten erstmals nicht mit ihnen feiern konnte, oder wenn er sich mit Tochter und Ehefrau telefonisch verabredete, dass sie genau zur gleichen Zeit in der Feldkommandostelle, in Berlin und Gmund ihren »Julleuchter« anzünden sollten, damit sie »aneinander denken« und ihre Verbundenheit zueinander bekräftigen könnten.
Die vielen im Dienstkalender und im Taschenkalender vermerkten Kurzbesuche in Gmund und Berlin zeigen, dass er Gudrun und Marga während des Krieges nicht seltener sah als Hedwig Potthast und ihre gemeinsamen Kinder, die zunächst nahe der SS-Klinik Hohenlychen in Mecklenburg, später in Schönau bei Berchtesgaden lebten. Himmler hatte die Entscheidung, mit Hedwig Potthast Kinder zu haben, bereits 1939/40 getroffen – zur gleichen Zeit, als er mit seinem »Kinderzeugungsbefehl« auch öffentlich für die Zeugung unehelicher Kinder bzw. das Eingehen einer Zweitehe eintrat. Bei einer solchen »Friedelehe« sollte die erste Frau alle Rechte behalten. Himmler lebte also, soweit es seine Ämter und der Krieg möglich machten, das Konzept der zwei Familien, das er auch für seine SS propagierte, aus voller Überzeugung. Das Formelhafte der Liebesbeteuerungen, die Gefühlsarmut Himmlers, die bereits in den ersten Briefen an Marga deutlich wurde, findet sich auch in einem erhaltenen Brief an Hedwig Potthast. Nicht nur Inhalt und Stil sind den frühen Briefen an Marga zum Verwechseln ähnlich, die Schlussworte sind sogar identisch mit denen, die er 16 Jahre zuvor an seine Frau schrieb: »Ich küsse Deine lieben, guten Hände und Deinen süßen Mund.«
Marga fiel es – im Gegensatz zu anderen Ehefrauen in der NS-Entourage wie etwa Gerda Bormann – schwer, sich mit einer »Nebenfrau« abzufinden. Ihren Unmut darüber deutete sie jedoch selbst in ihrem Tagebuch nur an (»was sonst noch passiert außerhalb des Krieges, darüber kann ich nicht schreiben«). Da sie von der NS-Ideologie – und somit auch von der Dringlichkeit, Söhne »für Deutschland« zu zeugen – genauso überzeugt war wie Heinrich, konnte sie kaum Einwände gegen seine Entscheidung geltend machen. Andererseits empfand sie die Situation zweifellos als demütigend – nicht nur weil sie den Treuebruch als Verrat an der einst von beiden so idealisierten Ehe ansah, sondern auch weil sie selbst nach der schweren Geburt ihrer Tochter keine weiteren Kinder bekommen konnte.
Der mörderische Alltag Himmlers während der Kriegsjahre wird in den Briefen an seine Frau nur andeutungsweise erwähnt (»Die Kämpfe gerade auch für die SS sind sehr hart«). Mit Vorliebe unterstrich er, wie auch schon früher, sein riesiges »Arbeitspensum« (»die Arbeit ist sehr viel«) und schickte harmlose Fotos von seinen Kurzreisen entlang der Ostfront (»ein paar Bildchen von meiner letzten Fahrt nach Lublin–Lemberg–Dubno–Rowno–Luck lege ich bei«). Dass die von ihm in den Briefen erwähnten Reisen nicht nur mit seiner Aufgabe als Siedlungskommissar und den damit verbundenen Vertreibungs- und Umsiedlungsplänen zusammenhingen (»die Fahrt ins Baltikum war hochinteressant; es sind Riesenaufgaben«), sondern ihn auch regelmäßig zu den SS-Einheiten führten, die unmittelbar nach dem Überfall auf die Sowjetunion in Massenerschießungen jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordeten (»Meine Reise geht jetzt nach Kowno–Riga–Wilna–Mitau–Dünaburg–Minsk«), oder ab 1941/42 zu den Vernichtungslagern (»Ich werde in den nächsten Tagen in Lublin, Zamosch, Auschwitz, Lemberg sein«), erschließt sich nur aus dem historischen Kontext.
Im letzten Kriegsjahr, als Himmler nicht nur Innenminister war, sondern auch noch Befehlshaber des Ersatzheeres und Heerführer einer Armee wurde, klagte er gegenüber seiner Frau über die immer größere Verantwortung, die »schwer« auf ihm laste. Dennoch präsentierte er sich bis zum Schluss gegenüber Marga als fröhlicher, optimistischer Mann voller Tatendrang, der trotz seines schlechten Gesundheitszustands – chronische Magenprobleme – »selbstlos« immer mehr Lasten schulterte, weil er sie als notwendigen »Dienst am deutschen Volk« verstand. Der Stolz seiner Frau über seine wachsende Verantwortung spiegelt sich in ihrem Tagebuch wider (»Wie herrlich, daß er zu so großen Aufgaben berufen ist und sie meistern kann«).
Hinweise auf seinen »unermüdlichen Fleiß« und die »Schwere« seiner Aufgaben finden sich immer öfter auch in Gudruns Tagebuch: »Das ganze Volk schaut auf ihn. Er hält sich immer so zurück tut sich nie hervor.« Die »große Verantwortung« des Vaters war offenbar nicht nur Gesprächsthema zwischen Mutter und Tochter, sondern auch in den Telefonaten zwischen Vater und Tochter. Die ständige Abwesenheit des Vaters machte ihn immer mehr zum fernen Helden für Gudrun, trotz ihres Kummers darüber war sie stolz auf ihn und darauf, die »Tochter des so bedeutenden Mannes« zu sein, von dessen wahrer Tätigkeit sie vermutlich kaum etwas wusste.
Doch wird hinter der kleinbürgerlichen Fassade eine Gewalt und Härte sichtbar, deren Ursprünge zum einen in der Schwarzen Pädagogik liegen, von der Heinrich und Marga ebenso wie ihre ganze Generation geprägt waren; zum anderen in der nationalsozialistischen Ideologie, die Gewalt, Härte und Mitleidlosigkeit in allen Bereichen des Lebens zu höchsten Tugenden erklärte. Die Härte gegenüber sich selbst »rechtfertigte« eine ebenso unerbittliche Haltung gegenüber anderen, auch und gerade den eigenen Kindern.
Gegenüber Gudrun wird diese Haltung vor allem in den Aufzeichnungen Margas über die ersten Jahre deutlich: in der rigiden Sauberkeitserziehung, in den Schlägen der Eltern bei Ungehorsam, dem strengen Umgang Heinrichs mit der kleinen Tochter (»dem Pappi gehorcht sie viel besser als mir«). Als der Pflegesohn Gerhard im Alter von vier Jahren zu ihnen kam, versprach sich Marga davon einen guten Einfluss auf ihre dreijährige Tochter: »Der Bub ist sehr gehorsam, hoffentlich lernt Püppi es auch bald.«
Die anfängliche Begeisterung über die Bravheit des Jungen ließ schon bald nach, da er regelmäßig Pflegeeltern, Lehrer und andere Autoritäten durch seine Streiche gegen sich aufbrachte. Gudrun hingegen, die in den frühen Jahren ihre Mutter noch angefleht hatte, dem Vater nichts davon zu erzählen, wenn sie etwas »angestellt« hatte, erfüllte die an sie gestellten Erwartungen offenbar zunehmend perfekt. Zwar war sie häufig krank und hatte schlechte Schulnoten, andererseits waren ihre Eltern stolz, dass Püppi schon »stundenlang beim Einkochen« half, dass sie Geschenke für Soldaten an der Front handarbeitete und die ideologisch korrekte Lektüre las, die der Vater seiner Frau und Tochter regelmäßig in Paketen mitschickte.
Das Verhalten der Pflegeeltern gegenüber Gerhard war weit weniger liebevoll und wurde mit zunehmendem Alter immer strenger – offenbar um ihn als Jungen auf seine zukünftige Soldatenrolle vorzubereiten. In den ergänzenden Dokumenten, den Tagebüchern und den persönlichen Erinnerungen des Pflegesohns, wird deutlich, dass er jahrelang Angst hatte vor den Besuchen Himmlers in Gmund, da dieser ihn mit brutalen Schlägen strafte – was nicht ausschloss, dass er manchmal friedlich mit dem Jungen angeln ging, wie dieser sich erinnerte: »Er konnte auch ein normaler Vater sein.« Marga Himmler ließ bald kein gutes Haar mehr an dem Jungen (»er lügt unbeschreiblich«), bezeichnete den Zehnjährigen als »Verbrechernatur«. Schließlich riet Himmler seiner Frau, die Briefe an den Sohn vorläufig nicht mehr mit »Mutter« zu unterschreiben – »sollte er sich bessern«, sei dies ja später vielleicht wieder möglich. Kurz vor Kriegsende schickte er Gerhard mit 16 Jahren zur SS-Ausbildung bei einer Panzerdivision, was dem Pflegesohn erstmals wieder die Anerkennung Margas einbrachte (»Er ist sehr mutig u. sehr gerne bei der SS.«).
So zeigt sich Himmler in seinen privaten Briefen eben nicht nur als sorgender Ehemann und Vater, sondern auch als unerbittlicher nationalsozialistischer Erzieher, worin er sich mit seiner Frau bis zum Schluss einig wusste. An beide Kinder wurden hohe Erwartungen gestellt, an den Jungen als zukünftigen Kämpfer noch weit stärker als an die Tochter. Gehorsam war oberstes Gebot, Fehlverhalten führte zu Strafen bis hin zu Liebesentzug – eine Form der Gewalt, die sich auf die Empathiefähigkeit zweifellos ebenso zerstörerisch auswirkt wie Schläge.
In diesen privaten Briefen wird Heinrich Himmler als Überzeugungstäter sichtbar. Sein Selbst musste nicht gespalten werden, Himmler war nicht zugleich Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er trennte keineswegs seine Tätigkeit als SS-Chef und Exekutor der Vernichtungspolitik von seinem Privatleben ab, als müsse er den Massenmord verbergen. Er prahlte damit auch nicht gegenüber seiner Ehefrau, sondern verstand den Massenmord als notwendige Pflicht, die ihm auferlegt worden war und die er gewissenhaft zu erfüllen hatte.
Es gibt in seinen Briefen nicht den Anschein eines Zweifels, eines Gewissensbisses, den er seiner Frau mitgeteilt hätte. Vielmehr wusste er sich mit ihr einig in der »Richtigkeit« und »Notwendigkeit« seines Handelns. Marga hatte nicht nur von Beginn an seinen Antisemitismus und Rassismus geteilt, sondern nach der »Machtergreifung« auch die Verstoßung von Kommunisten, Juden, »Asozialen« aus der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft gutgeheißen. Die zunehmende Radikalisierung bei der Judenverfolgung, von der Vertreibung hin zur systematischen Ermordung, kann ihr angesichts der Nähe zur Macht kaum entgangen sein – selbst wenn ihr Mann nicht offen mit ihr darüber sprach. Auch in ihren Briefen sowie ihren privaten Aufzeichnungen finden sich keinerlei Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns.
Es ist nicht die »Banalität des Bösen«, die in diesen Briefen aufscheint. Himmler war keineswegs, wie Hannah Arendt fälschlicherweise in Adolf Eichmann zu erkennen glaubte, ein Rädchen in einem arbeitsteiligen, totalitären Getriebe, ein Mensch, der keine Vorstellung mehr davon zu entwickeln imstande war, was seine Tätigkeit anrichtete. Himmler wollte, was er tat, und er wollte dies gründlich, zuverlässig und »anständig« tun.
»Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte« – so lauteten Himmlers Kernsätze am 4. Oktober 1943 in der ersten seiner beiden berüchtigten Posener Reden. Den Massenmord beging er mit derselben selbstgewissen Moral, mit der er schon in frühen Jahren über die Lebensführung seiner Brüder und Freunde wachte, die eigenen Kinder erzog und sich mit seiner Frau in seinen Briefen einig wusste. Nicht psychische Deformation, sondern Überzeugung und »Anständigkeit«, wie Raphael Gross und Werner Konitzer zu Recht hervorgehoben haben, machten für Himmler selbst den Massenmord möglich, wenn er in seinen Augen nötig war.
Diese Deformierung der Normalität, die Gewalt, die sich in der Harmlosigkeit verbirgt, die Eiseskälte, die mit der vordergründigen Fürsorglichkeit einhergeht, und die unbeirrbare moralische Selbstgewissheit noch beim Massenmord geben diese Briefe zu erkennen. »Anständigkeit« und Pflichterfüllung, auch wenn damit die monströsesten Verbrechen begangen werden, waren die Leitlinien von Himmlers Handeln. Er selbst wollte Vorbild sein, als Ehemann ebenso wie als SS-Chef, als Familienvater ebenso wie als Exekutor der »Endlösung«. In diesen Briefen äußert sich die Unbeirrbarkeit eines deutschen Ehepaars, das von sich glaubt, an »großen Zeiten« teilzunehmen, und nicht zu erkennen in der Lage ist, dass es große Verbrechen sind. Mögen die Briefe heute zuweilen zum Lachen reizen, muss man sich im Grunde vor ihrer scheinbaren kleinbürgerlichen Normalität fürchten.
Im Mittelpunkt dieser Edition steht der Briefwechsel zwischen Heinrich und Marga Himmler von 1927 bis 1945. Die handschriftlichen Briefe Heinrich Himmlers aus der in Israel gefundenen Sammlung sowie Marga Himmlers aus dem Bundesarchiv Koblenz wurden vollständig transkribiert und werden hier im Original abgedruckt – also in der damals gültigen Rechtschreibung, aber auch mit allen Grammatik- und Rechtschreibfehlern. Sie werden jedoch nur in einer Auswahl abgedruckt. Vor allem für das Jahr 1928 haben wir uns auf Auszüge beschränkt, da die Briefe aus der Phase ihres Kennenlernens zahllose Wiederholungen enthalten. Die zunehmend knapperen Briefe der Jahre vor der »Machtergreifung« sowie während der Kriegsjahre sind dagegen nahezu vollständig abgedruckt.
Zur Ergänzung haben wir weitere Dokumente aus dem Bestand Tel Aviv herangezogen, vor allem Auszüge aus Gudruns Tagebuch sowie dem Kindheitstagebuch, das Marga Himmler über ihre Tochter und später auch den Pflegesohn anlegte. Des Weiteren haben wir aus dem Nachlass Himmler im Bundesarchiv Koblenz Auszüge aus Himmlers Taschenkalendern herangezogen, Briefe Gudruns an ihren Vater sowie Dokumente und Briefe Hedwig Potthasts. Eine große Hilfe waren neben umfangreichen Himmlerbiografien von Peter Longerich (2008) und Klaus Mües-Baron (2011) die Editionen der Dienst- und Taschenkalender Himmlers aus den Jahren 1937, 1940 wie 1941/42.
Zwischen die transkribierten Briefe sind thematisch gegliederte Kommentare eingefügt, sodass sich das Verständnis der Zusammenhänge und Hintergründe der wichtigsten Personen, Ereignisse und Orte unmittelbar beim Lesen erschließt. Ausführlichere Informationen zu den vorkommenden Personen können im Glossar im Anhang des Buches nachgelesen werden. Hier haben wir bewusst eine Auswahl derjenigen getroffen, die zum Verständnis der Briefe wichtig sind. Auf die biografische Erfassung solcher Personen, die ausführlich in einschlägigen Lexika des Dritten Reiches zu finden sind, haben wir verzichtet.
Für die Kommentare und das Personenglossar wurden vor allem der umfangreiche Bestand NS 19 (Persönlicher Stab Reichsführer-SS) sowie zahlreiche andere Bestände des Bundesarchivs Berlin-Lichterfelde ausgewertet: SS-Führungsakten, NSDAP-Parteimitgliedsakten sowie Personalakten des Rasse- und Siedlungshauptamtes.
Zur besseren Lesbarkeit haben wir uns auf wenige Fußnoten beschränkt und gänzlich auf Quellenangaben verzichtet. Ein umfangreicher Quellen- und Literaturapparat findet sich im Anhang des Buches. In den Kommentaren werden die in der Zeit des Briefwechsels gebräuchlichen deutschen Ortsnamen verwendet und die heutigen in Klammern gesetzt.
Den größten Dank schulden wir Vanessa Lapa, die uns die Chance gab, diese einmaligen Dokumente zu bearbeiten. Vor allem aber waren die zahlreichen Gespräche mit ihr über das Material für uns alle sehr fruchtbar. Ohne ihren unermüdlichen Einsatz in den letzten Jahren wäre unser gemeinsames Buch- und Filmprojekt nie zustande gekommen.
Herzlichen Dank auch ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Filmproduktion; ein besonderer Dank geht an Hermann Pölking-Eiken, von dessen gründlichen Recherchen für den Film auch wir mehrmals profitiert haben. Sharon Brook, Dorothea Otto und Sarah Strebelow danken wir für die gute Zusammenarbeit beim Austausch von Informationen; ein besonderer Dank geht dabei an Sharon für die Kinderbetreuung in Tel Aviv, Berlin und Lübeck.
Horst von der Ahé danken wir dafür, dass er mit uns über seinen Vater Gerhard sprach und uns dessen umfangreichen Nachlass zur Verfügung stellte.
Anne Pütz und Alexandra Wiersch nahmen uns dankenswerterweise das Tippen der Transkripte der Briefe ab.
Die zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Archive, des Staatsarchivs München, des Bundesarchivs Berlin-Lichterfelde und Koblenz einschließlich Bildarchiv haben unsere unzähligen Anfragen und Wünsche stets schnell und zuverlässig erfüllt. Unser ganz besonderer Dank gilt hier Michael Hollmann vom Bundesarchiv Koblenz.
Dank auch an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Bibliotheken, besonders der Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors Berlin sowie der Zentralbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin.
Linde Apel hat die Einleitung kritisch gelesen und uns mit ihren Hinweisen sehr geholfen.
Christina Wittler verdanken wir wichtige Hinweise zu Marga Himmler, Jens Westemeier desgleichen zu Hedwig Potthast.
Dank auch an Amir Gilan, dessen Unterstützung viele Recherchetage in Archiven und Bibliotheken ermöglichte.
Und schließlich bedanken wir uns bei unseren Lektorinnen: Kristin Rotter vom Piper Verlag und Cécile Majorel vom Verlag Plon-Perrin in Paris, deren gründliche Lektüre und zahlreiche wertvollen Ratschläge unser Manuskript in ein wirkliches Buch verwandelt haben.
»[…] von unserem Heim, unserer Burg, da wird alles Schmutzige ferngehalten.«
Heinrich Himmler am 15. Februar 1928
Im Sommer 1924 fand Heinrich Himmler nach langem Suchen endlich eine Anstellung – in der verbotenen NSDAP. Der leitende Parteifunktionär Gregor Strasser, der in Landshut eine Apotheke besaß, war im Mai für den Völkischen Block, eine nationalsozialistische Ersatzorganisation, in den Bayerischen Landtag, im Dezember sogar in den Reichstag gewählt worden. Da ihm nunmehr die Zeit fehlte, die Partei in Niederbayern zu organisieren, übernahm der junge Heinrich Himmler die Leitung der Geschäftsstelle der Partei.
An einen Bekannten schrieb er im August 1924 über seine neue Tätigkeit: »Ich habe entsetzlich viel zu tun, habe ich doch die Organisation von ganz Niederbayern zu leiten und auszubauen und zwar in jeder Richtung. Zu einem Arbeiten für mich, dass ich einmal dazukäme, rechtzeitig einen Brief zu beantworten, ist gar kein Darandenken. Die Organisationsarbeit, die ich vollkommen selbständig leite, liegt mir ja gut und die Sache wäre ja einzig schön, wenn man den nahen Sieg oder den nahen Freiheitskampf vorbereiten könnte, aber so ist es ein entsagungsvolles Arbeiten von uns Völkischen, ein Arbeiten, das in der nächsten Zeit niemals sichtbare Frucht bringen wird, immer mit dem Bewusstsein, die Frucht dieser Arbeit wird erst in späteren Jahren aufgehen und heute ist unsere Tätigkeit eine auf einem im Augenblick vielleicht verlorenen Posten.«
So verloren war der Posten nicht. Im Mai hatte der Völkische Block in Bayern 17,4 Prozent der Stimmen erzielt, so viele wie die Sozialdemokraten, und auch bei den Reichstagswahlen hatten die Rechtsextremen überdurchschnittliche Stimmenanteile für sich gewinnen können. Im Dezember 1924 wurde Adolf Hitler aus der Haft entlassen{4} und gründete im Februar 1925 die NSDAP neu, auch wenn ihm selbst noch einige Monate lang ein Redeverbot auferlegt worden war – in Bayern galt dieses sogar bis März 1927 und in Preußen bis November 1928.
Himmler hatte nun die Aufgabe, die etwa 1000 niederbayerischen Parteimitglieder, die in 25 Ortsgruppen organisiert waren, in die neu gegründete NSDAP zu überführen, was angesichts der Umschreibung der Parteibücher, der Mitgliedsbeiträge etc. kein einfaches Unterfangen war.
Das bedeutete auch, dass er viel in Niederbayern unterwegs war, Ortsgruppen besuchte, Vorträge hielt und die organisatorischen Dinge vor Ort klären musste. Allein zwischen November 1925 und Mai 1926 sprach er auf 27 Veranstaltungen in Bayern und zusätzlich auf 20 auswärtigen in Westfalen, Hamburg, Mecklenburg, Schleswig-Holstein und anderswo. Mit der rastlosen Reisetätigkeit unterschied er sich nicht von anderen Parteifunktionären. Auch Joseph Goebbels war 1925/26 unermüdlich unterwegs, um an vielen Orten im Deutschen Reich Vorträge zu halten und nationalsozialistische Ortsgruppen aufzubauen. Unter anderem kam Goebbels im April 1926 auch nach Bayern zu einer Vortragsreise. »Mit Himmler den Nachmittag in Landshut«, notierte Goebbels am 13. April im Tagebuch, »Himmler: ein guter Kerl mit viel Intelligenz. Ich mag ihn gern.«
Auf dem Reichsparteitag der NSDAP im Weimar im Juli 1926 wurde Gregor Strasser zum Reichspropagandaleiter bestimmt, und Himmler folgte wieder nach: Er wurde zum stellvertretenden Reichspropagandaleiter ernannt, wechselte in die Parteizentrale in München und wurde zugleich stellvertretender Gauleiter von Niederbayern. War er bislang vor allem für Bayern verantwortlich gewesen, erweiterte sich sein Tätigkeitsfeld nun auf ganz Deutschland. Da Gregor Strasser als Reichstagsabgeordneter und Parteigröße vollauf beschäftigt war, oblag Heinrich Himmler die alltägliche Propagandaarbeit. Er hatte dafür zu sorgen, dass Propagandamaterial verschickt wurde, hielt Kontakt zu den Ortsgruppen und hatte vor allem den reichsweiten Einsatz der Parteiredner zu koordinieren, an erster Stelle die »Hitlerversammlungen« zu organisieren. Dadurch fiel ihm eine ganz besondere Rolle im Parteiapparat zu, denn zum einen lag es in seiner Hand, welche Ortsgruppe das Privileg eines Hitlerauftritts erhielt, und zum anderen hielt er engen Kontakt mit Hitler, um mit ihm dessen Redetermine abzusprechen. Obwohl mitunter im Nachhinein das Bild von Himmler als blassem Funktionär gezeichnet wird, befand er sich tatsächlich im Machtzentrum der NSDAP und verfügte über sehr gute Kontakte zum »Chef«, wie er nicht nur in Himmlers Briefen genannt wurde.
Auf seinen Reisen las Himmler unter anderem Hitlers Schrift Mein Kampf, die damals noch in zwei Bänden erschien: Der erste Band, der eine politisch stilisierte Autobiografie Hitlers darstellte, war 1925 veröffentlicht worden, der zweite Band, der das politische Programm der Nationalsozialisten umriss, 1927. Gleich nach Erscheinen hatte Himmler sich im Juli 1925 den ersten Band gekauft und offenbar, wie handschriftliche Randnotizen belegen, sofort mit der Lektüre begonnen, diese aber wieder unterbrochen und erst im Februar 1927 zu Ende gelesen, wie der Eintrag in seiner Leseliste zeigt. »Es stehen unheimlich viel Wahrheiten darin«, notierte er. »Die ersten Kapitel über die eigene Jugend enthalten manche Schwäche.« Vielleicht war dies der Grund für die Unterbrechung der Lektüre.
Den zweiten Band kaufte Himmler sich gleichfalls sofort nach Erscheinen. Bis zum 17. Dezember 1927 war er bis zum Ende des dritten Kapitels gekommen und am 19. Dezember, als er bereits seit einem Tag bei Marga in Berlin war, bis zum Ende des achten Kapitels – was darauf hinweist, dass womöglich auch Marga in diesen Tagen in Hitlers Mein Kampf gelesen hat.
Was Himmler – folgt man seinen Markierungen und Unterstreichungen – vor allem interessierte, waren Hitlers Ausführungen zu »Volksgesundheit« und Rassismus. Er unterstrich dessen Satz: »Die Forderung, dass defekten Menschen die Zeugung anderer defekter Menschen unmöglich gemacht wird, ist eine Forderung klarster Vernunft und bedeutet in ihrer planmäßigen Durchführung die humanste Tat der Menschheit« und notierte am Rand: »lex Zwickau«. Damit verwies Himmler auf die Initiative des Zwickauer Arztes Gustav Emil Boeters, der in den 1920er-Jahren, damals noch erfolglos, ein radikales Gesetz zur Zwangssterilisation forderte, das später dann von der Regierung Hitler im Juli 1933 verabschiedet wurde. Zu Hitlers vehementer Warnung vor »Rassenkreuzung« und der Gefahr, die für die »Rassereinen« durch die »Mischprodukte« entstünden, schrieb Himmler: »die Möglichkeit der Entmischung ist vorhanden«. Und Hitlers Forderung nach »Anerkennung des Blutes«, also der »rassenmäßigen Grundlage im allgemeinen«, auch »für die einzelnen Menschen in der Volksgemeinschaft«, die entsprechend ihrer »rassischen Zugehörigkeit« unterschiedlich bewertet werden müssten, kommentierte er mit der Frage: »Werden hieraus s. Konsequenzen gezogen«.
Himmler hob auch Hitlers Programm hervor, die gesamte Erziehung und Ausbildung darauf anzulegen, jedem jungen Deutschen »die Überzeugung zu geben, anderen unbedingt überlegen zu sein. Er muss in seiner körperlichen Kraft und Gewandtheit den Glauben an die Unbesiegbarkeit seines ganzen Volkstums wiedergewinnen.« Himmler notierte dazu: »Erziehung von SS u[nd] SA«.
Weiterhin war er viel auf Reisen, in Bayern wie in ganz Deutschland. Im Januar 1927 hielt er Vorträge in Thüringen, wo eine Landtagswahl bevorstand, im Februar in Westfalen, im April im Ruhrgebiet. Im Mai war er in Mecklenburg und Sachsen, im Juni in Norddeutschland, im Juli in Wien. Auf einer dieser Reisen lernte er im September 1927 im Zug auf der Rückfahrt von Berchtesgaden nach München Marga Siegroth, geb. Boden, kennen.{5}
Marga Siegroth, geb. Boden, hatte eine Woche Urlaub in Berchtesgaden verbracht und blieb noch eine weitere Woche in München, bevor sie nach Berlin zurückkehrte. Sie hatte bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich, die etwa von 1920 bis 1923 dauerte, über ihren ersten Ehemann mit Namen Siegroth ist nichts bekannt. Ihr Vater Hans Boden, ehemaliger Gutsbesitzer in Goncerzewo (Goncarzewy) bei Bromberg (Bydgoszcz) in Pommern hatte für sie im Herbst 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, für 1000 Dollar in Goldanleihe Anteile an einer »Privat-Frauenklinik« in Berlin gekauft. Die Klinik befand sich in einem Wohnhaus in der Münchner Straße 49 im bürgerlichen Stadtteil Schöneberg, wo Marga seitdem als Oberschwester arbeitete und wohnte.
Zweifellos weckte sie nicht nur durch ihre blonden Haare und die blauen Augen, sondern auch durch ihren Beruf Heinrich Himmlers Interesse, zumal sie als Rotkreuzschwester im Ersten Weltkrieg eine in seinen Augen vorbildliche weibliche Aufgabe übernommen hatte. Beide tauschen sich in ihren späteren Briefen mehrfach über den Krieg aus und nehmen Bezug darauf, so etwa wenn Marga einmal schreibt: »Vom Felde her bin ich gewohnt ohne Tisch zu schreiben« (22. 12. 1927).
Als Oberschwester in der Privatklinik führte sie ein selbstständiges, recht angenehmes Leben mit nur wenigen Arbeitsstunden täglich, hatte ein eigenes Dienstmädchen und wurde von der Klinikköchin versorgt. Nachmittags und abends blieb Zeit für Einkäufe in der Stadt und Verabredungen mit Bekannten zu kulturellen Vergnügen. Dennoch scheint sie mit ihrem Leben nicht glücklich gewesen zu sein. Obwohl ihr Arbeitsvertrag noch bis April 1929 lief, überlegte sie immer wieder, ihre Tätigkeit in der Privatklinik vorzeitig aufzugeben oder die Klinik zu wechseln. Ein wichtiger Grund war offenbar, dass sie mit den dortigen Ärzten nicht klarkam: »Wenn nur die unmöglichen Ärzte nicht wären«, klagt sie wiederholt. Möglicherweise sah sie die Arbeit in der Klinik auch eher als Notlösung nach dem Scheitern ihrer Ehe an, zumal das Ansehen einer geschiedenen Frau damals gering war. Finanziell war sie zwar versorgt, aber sie sollte ihre Arbeit schon bald bereitwillig für die zweite Ehe aufgeben.
Marga Siegroth scheute nicht nur den Umgang mit Menschen, sondern es »graute« ihr vor beinahe allem, was ihre tägliche Ruhe und Routine störte. Mit anderen Menschen zu tun zu haben bedeutete für sie, wie später noch deutlich wird, fast immer »Ärger« und »Enttäuschung«. Ihre Menschenverachtung (»es gibt noch ganz andere Individien«, Brief vom 4. 11. 1927), gepaart mit einem extrem hohen Anspruch an andere Menschen, andererseits ihre eigene Steifheit und mangelnde Liebenswürdigkeit im Umgang mit anderen ließen später auch den Kontakt zu Himmlers Familie, die sie zunächst herzlich aufnahm, sehr bald abkühlen und beschränkten diesen auf seltene, formelle Besuche.
Ihre Skepsis gegenüber Menschen im Allgemeinen und Männern im Besonderen ist vor allem in ihren ersten Briefen oft Thema, wo Heinrich Himmler sich wiederholt wünscht, sie möge doch ihr Misstrauen ihm gegenüber aufgeben. Ihr fällt dies jedoch schwer, da sie nach eigenem Bekunden »den Glauben vor allen Dingen an die Ehrlichkeit u. Aufrichtigkeit eines Mannes einer Frau gegenüber verloren« hat (Brief vom 26. 11. 1927).
Auf ihrer rund dreistündigen Zugfahrt hatten die beiden zweifellos Gelegenheit herauszufinden, was sie voneinander unterschied: preußische versus bayerische Mentalität, protestantische versus katholische Konfession, die Tatsache, dass Marga nicht nur eine bereits geschiedene Frau war, sondern auch sieben Jahre älter als Heinrich. Andererseits waren sie sich nicht nur in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Weimarer Demokratie und »den Juden« (»das Pack«) einig, sondern teilten auch Interessen. Heinrich hatte, wie seine Tagebücher belegen, als Landwirtschaftsstudent davon geträumt, irgendwann mit »einem geliebten Mädel« ein Stück Land zu bewirtschaften. Mit Marga lebte dieser alte Traum plötzlich wieder auf, denn obgleich sie zu jener Zeit leidenschaftliche Großstädterin war, hatte sie vom tatsächlichen Landleben weit mehr Ahnung als er selbst – und mehr, als irgendein junges Mädchen aus gutem Hause je haben könnte. Sie war auf einem Gutshof aufgewachsen und hatte praktische Erfahrung im Obst- und Gemüseanbau sowie mit der Tierhaltung, sie konnte nicht nur Lebensmittel für den Winter konservieren, sondern auch Beete umgraben und sogar Schweine schlachten. Hinzu kam, dass sie sich als Oberschwester mit Buchführung auskannte – und nicht zuletzt die für Himmler verlockende Aussicht, dass sie sich seiner labilen Gesundheit annehmen könnte. Auch Marga begeisterte sich schon bald für die Idee, wieder aufs Land zu ziehen und sich dort gemeinsam mit ihrem neuen Mann eine Existenz aufzubauen.
Offenbar verstanden sie sich auf Anhieb so gut, dass Marga ihm schon am nächsten Tag per Postkarte (mit Berchtesgadener Motiv) ihr Münchner Quartier, das direkt am Hauptbahnhof gelegene Hotel Stadt Wien, mitteilte, um sich mit ihm zu verabreden. Bei einem langen Spaziergang entlang der Isar wurden erste Differenzen sichtbar (»den Weg, wo wir uns damals bald in die Haare kamen«, 25. 12. 1927). Beide thematisieren später mehrfach ihre anfänglichen Streitigkeiten. So schreibt Himmler einmal: »Weißt du, wir haben in den ersten Tagen gestritten u. brauchen es nun zeitlebens nicht mehr zu tun« (13. 2. 1928). Und sie bestätigt dies: »Ich glaube auch Du hast recht, wir haben uns in der ersten Zeit genug für die Länge unseres Lebens gestritten. Jeder Satz war ein Streit u. ein Zweifel« (14. 2. 1928).
19. 9. 1927{6}
HerrnHeinrich HimmlerDiplom-LandwirtMünchenBarerstr. 44/II
Bin im Hotel Stadt Wien untergekommen.
Mit freundlichem Gruß
M. Siegroth
Die ersten Briefe Himmlers sind verloren gegangen, in seinem Korrespondenzheft ist jedoch vermerkt, dass er erstmals am 26. September 1927 einen Brief an Marga Siegroth (»M. S.«) schrieb. Hinter dem Datum von Margas Briefen notierte er ebenso wie bei seiner übrigen Post handschriftlich das Eingangsdatum. Dieses wird von den Herausgebern im Folgenden in runde Klammern gesetzt; alle übrigen runden Klammern in den Briefen stammen von Heinrich Himmler und Marga Siegroth, Anmerkungen der Herausgeber stehen in eckigen Klammern und kursiv.
Berlin W.[est] 30. 29. 9. 27 (Mü. 4. 10. 27, 9h)
Lieber Herr Himmler!
Dank für Ihre lieben Zeilen. Sie trafen mich in einer wenig schönen Stimmung, da ich doch mehr ärger vorfand, als ich für möglich gehalten hätte. Ich will u. muß der Sache ein Ende machen. Aber es ist schwer noch mal von vorne anzufangen; darum wird es doch gemacht.
Wie geht es Ihnen? gesundheitlich? Was macht der Mostrich, Essig, Zwiebeln ec.?
Waren Sie mal wieder im »guten« Kaffee? wenn dann schreiben Sie mir doch bitte eine Karte.
Grüßen Sie mein Hof-Kino. (Immer noch Spott!!) Ich warte auf den versprochenen Brief. Anspruchsvoll wie immer, nicht wahr?
Ihre Schriften habe ich mit großem Intresse gelesen. Was soll ich Ihnen davon wiederschicken? Das rote Buch nur, nicht wahr?
Das Wetter ist so herrlich. Und in M.[ünchen] hat es so oft geregnet.
Herzlichst Ihre
Frau M. Siegroth
Berlin W. 30 16. 10. 27Münchenerstr. 49
Lieber Herr Himmler!
Heute der erste ruhige Tag, u. ich habe ihn mit vollen Zügen genossen. Sonst nur Arbeit u. Ärger. Wie geht es Ihnen? Sicher viel zu tun, u. gesundheitlich? Aber was man kann, das will man, was man will, das kann man.
Ich habe es mir jetzt so oft gesagt, wenn ich dachte es geht nicht mehr weiter.
Was muß das Wetter jetzt bei Ihnen noch herrlich sein. Sind Sie viel auf Reisen? Wann kommen Sie nach Berlin?
Sonst geht es mir gut.
Herzlichst Ihre
M. Siegroth
Berlin 2. 11. 27 (Mü. 4. 11. 27, 24h)
Lieber Herr Himmler.
Endlich der Monatsabschluß fertig, nun will ich Ihnen noch für Ihre Zeilen u. die Zeitungen danken. Letztere gibt es in B.[erlin] auch zu kaufen, u. ich habe es getan, darum bitte ich mir welche aus München zu senden. Die Weimarer habe ich auch gelesen.
Über Ihren Brief will ich schweigen, gelacht habe ich bestimmt nicht. »Man sollte eigentlich nic[ht] anständig u. brav sein.« Fabelhaft was Sie sich alles vornehmen. Ihr Magen rächt sich nur für die ihm immer wieder zugefügte Unbill. Verständlich, da das Recht auf seiner Seite ist.
Man arbeitet um Steuern bezahlen zu können, wenigstens eine Freude, die Steuern!
Ich las Ludendorfs Buch über die Freimaurer.
Das Buch schimpft über die Juden, ich finde die Tatsachen sprechen doch schon Bände, wozu noch diese Bemerkungen. Das Leben bietet doch wirklich der Freuden zu viel.
Viele Grüße Ihre
Frau M. Siegroth
Marga las offenbar die gerade erschienene Broschüre des einstigen kaiserlichen Generals und militärischen Führers im Ersten Weltkrieg sowie engagierten deutschvölkischen und antisemitischen Politikers Erich von Ludendorff, Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse (München 1927), das voller Judenhass steckte: Das Ziel der Freimaurer sei, so Ludendorff, die »Verjudung der Völker und die Errichtung der Juden- und Jehova-Herrschaft«. Nach Ludendorffs eigenen Angaben fand die im Selbstverlag veröffentlichte Schrift, obwohl sie in der bürgerlichen Presse kaum besprochen und vom Buchhandel zunächst boykottiert worden sei, rasch Verbreitung. Bis Ende 1927 seien über 100000 Exemplare verkauft worden.
Berlin 4. 11. 27 (Mü. 9. 11. 27, 11h)
Lieber Herr Himmler.
Nun haben wir wieder am selben Tage geschrieben. Diesmal soll es nun aber nicht der Fall werden, darum schreibe ich schon heute.
Ein etwas schlechtes Gewissen haben Sie also doch, scheint es also »doch« noch nicht ganz so weit mit Ihrer neuen Errungenschaft zu sein. Daß Sie nicht brav sein wollen, könnte ich verstehen, jung, unabhängig, aber anständig, ich komm gar nicht darüber hinweg. Warten Sie wenigstens noch, bis Sie in meinem vergötterten Berlin waren. Alles auf einmal wird auch des Guten zu viel.
Sie sehen der Magen gut behandelt, bessert sich.
Wenn Sie nur mit innerlich unanständigen Menschen zu tun haben, freuen Sie sich. Es gibt noch ganz andere Individien, von Menschen gar nicht zu reden. Ich wäre schon dankbar dem Geschick, wenn es mir nur einige Menschen zeigen würde, deren Leben Inhalt wäre. Durch die man selbst zu dem Bewustsein käme, das Leben was es auch bringt, es hat eine Aufgabe, einen Zweck.
Ich warte auf den Tag, da ich mal einer Versammlung beiwohnen werde, (noch nie habe ich einer politischen Vers. beigewohnt), welchen Eindruck wird sie auf mich machen! Werde ich nicht mit dem Gefühl fortgehen alles nur Phrasen? Ist es nicht doch Romantik Menschen helfen zu wollen, die gar nicht wollen, daß man ihnen hilft! Trotzdem muß man es tun, um seiner selbst willen. Weil es viele Lumpen gibt, braucht man nicht auch einer zu sein. Ja das Blut es empört sich dagegen. Ich kann das Buch von Ludendorf nicht noch einmal aufmachen, es empört sich alles in mir, daß es frei[e] deutsche Männer gegeben hat u. gibt die nicht allein das äußere Benehmen für ihrer unwürdig bezeichnen.
Über meine eigenen Sorgen lassen Sie mich möglichst schweigen. Bis April 1929 läuft mein Vertrag u. bis dahin will ich es noch machen. Und ich denke ich werde es können. Man kann doch was man will! Manchmal habe ich zwar schon gedacht es geht nicht, aber es muß. Warum es zwar »muß«, weiß ich alleine nicht. Sicher bin ich zum Letzten zu Feige. Wenn man was Neues anfängt wird es dann besser sein! Ich bezweifele es.
Nun muß ich den zweiten Teil des Briefes doch noch mal schreiben. Er war in der ersten Fassung zu sehr mein eigenes »Ich«. Sind Sie auch vorsichtig mit meinen Briefen?
In einem Monat sind Sie dann also hier. Wird Ihnen der lange Aufenthalt in Berlin bekommen? Natürlich könnten wir friedlicher zu einander sein, aber ob wir es sein werden, nun die Zukunft wird es lehren. Ich freue mich auf Kampf u. Spott. […]
Viele Grüße.
Immer Ihre
M. Siegroth
W. 30. 13. 12. 27 (Bützow 17. 12. 27)
Lieber Herr Himmler, nun haben Sie ja die Beiden »Klein-Paris« glücklich überstanden, u. ich werde, wenn Sie in B.[erlin] sind sehen wie gut!{7} Oder!!
Als ich im V.[ölkischen] B.[eobachter] laß, daß Sie am Sonnabend in Stolp[e] heute sprechen, verstand ich auch Ihr Telegramm, daß mir natürlich erst sehr bömisch vorkam. Vielen Dank dafür, auch für den Brief.
Was mögen Sie wohl »gedacht« haben, sicher sehr schlecht, weil Sie es nicht schreiben, oder haben Sie es sich aufgehoben, bis Sie kommen? Ihr Vorschlag ist äußerst ordentlich. Lassen Sie mich bitte nicht zu lange warten. Sonst wird auch Potsdam so spät, um ½12 Uhr können Sie aber noch kaum da sein, denn Sie kommen doch auf dem Stettiner Bahnhof an. Und die Großstadt haben Sie vergessen, es ist nicht wie in München. Lachen Sie ruhig, Sie können es gerade so gut, wie ich. Ein Lob?!
Meinen Brief erhalten Sie nun Sonnabend, für Parchim war es zu spät. Ich bin gestern Abend erst sehr spät vom Geburtstag meines Vaters gekommen.
Was hat es wieder in diesen Tagen für Ärger gegeben. Weihnachten, die vielen Besorgungen, wie gern ich doch sonst kaufe, manchmal macht es doch gar keinen Spaß. Theater, ich war angenehm enttäuscht.
Über Januar – München sprechen wir noch.
Warum gefällt Ihnen mein Stolp-Pom.[mern] u. nicht mein Berlin, oder erlaubt Ihr »Dickkopf« nicht, daß Sie zugeben, daß Berl. doch angenehmer als Sie gedacht. Bitte keine Staatsaction machen. Vielleicht kennen Sie mich nun doch schon ein Bißchen, u.?! Da es sonst in dieser Tonart weiter geht, will ich aufhören!
Ich muß in dieser Woche noch einmal Gäste bei mir sehen, ich denke es wird ganz nett werden. Eigentlich doch schade, daß Sie mich so wenig verstehen, ich würde so gerne noch »spotten«. Aber es kann ja sein, daß es sich anders ließt, als wie es gemeint ist. Ich werde alles versäumte nachholen.
Gott, sieht der Dr. Goebbels »jüdisch« aus, schon die herübergekämmten Haare, mir sind all meine Sünden eingefallen. Ihr Bleistift ist bei mir geblieben. Was mögen Sie bloß alles in »Klein-Paris« erlebt haben?! Neugierig, ach!
Auf Wiederschaun Ihre
M. Siegroth
Heinrich besuchte Marga vom 18. bis 21. Dezember in Berlin. Wie immer hatte er schon vorher ein dichtes Programm geplant, so fuhren sie offenbar noch am Tag seiner Ankunft hinaus nach Potsdam, um Schloss Sanssouci zu besichtigen. Der folgende Brief Margas zeigt eine deutliche Veränderung in ihrem Verhältnis. Sie duzen sich nicht nur, sondern auch der Tonfall wechselt nun plötzlich vom freundlich-spöttischen einer oberflächlichen Bekanntschaft zum vertrauten und besorgten Umgangston von Liebenden.
Wie nah sie sich tatsächlich kamen, ob sie sich nur gegenseitig ihre Liebe erklärt hatten oder bereits miteinander ins Bett gegangen waren, geht weder aus den zurückhaltenden Formulierungen Margas noch aus denen in Himmlers nächstem Brief hervor.
Für Heinrich Himmler war der Zölibat vor der Ehe stets ein wichtiges Prinzip gewesen; möglicherweise sah er dies bei einer geschiedenen Frau weniger strikt. Allerdings könnte auch seine ständige Idealisierung Margas als »hohe, reine Frau« (obwohl sie im altmodischen Sinne ja nicht mehr rein war, da er nicht ihr erster Mann war) ein Hinweis dafür sein, dass die Enthaltsamkeit vor der Ehe nach wie vor bedeutsam für ihn war. Deshalb wäre es durchaus denkbar, dass sie sich in Berlin gegenseitig ihre Liebe erklärt und dies lediglich mit einigen Küssen und dem gegenseitigen Du besiegelt hatten. Auf alle Fälle hatten sie verabredet, sich bereits im Januar in München wiederzusehen.
1.{8} W. 30. 21. 12. 27 (Mü. 23. 12. 27, ½8h)
Nun ist es doch spät geworden, ehe ich dazu kam an Dich, mein lieber Dickkopf, zu schreiben. Ich fühle Dein enttäuschtes Gesicht, u. hätte so gerne eher geschrieben, aber es war unmöglich. Aber morgen ist ja unser Weihnachten u. dann ist ja Ruhe. Heute kam noch eine nette Schwester mich besuchen, u. ich konnte sie doch nicht so einfach an die Luft setzen. Glücklich bist Du nun in »Deinem« München gelandet, u. bei der vielen Arbeit. Bitte sei brav, laß Dich Weihnachten verwöhnen u. pflegen, damit Du Dich ein Bischen erholst. Sei lieb u. vergiß nicht, daß zwischen Tollkühnheit u. Feigheit unendlich viel liegt. Gestern plauderten wir noch mitsammen, heute sind wir örtlich getrennt. Man hat auf seine Fragen keine Antwort. Morgen werde ich einen Brief von Dir haben, Du Guter, u. ich. Ich werde mich bessern d. h. ich will. Und was man kann, daß will man u. was man will, daß kann man, nicht wahr?! Was war es diese Nacht kalt, Du mußt gefroren haben. Warst Du auch bei »Onkel Doktor«? Im Januar, da!
Mein lieber Guter.
Deine Marga
Heinrich Himmler hatte damals in München ein Zimmer bei den Prachers in der Maxvorstadt, Gabelsbergerstraße 2, gemietet. In dieser Straße befanden sich die Alte Pinakothek sowie die Technische Universität, die er 1919–22 besucht hatte. Ferdinand von Pracher war der Stiefvater von Heinrichs bestem Freund Falk Zipperer, den er seit der Landshuter Schulzeit kannte. Falks Eltern nannte er trotz der Vertrautheit beim Titel »Exzellenz«. Während er hierher täglich vom Büro »heimkehrte«, sah er sein eigentliches »Zuhause« offenbar immer noch bei den Eltern. Diese wohnten 1922–30 in einer Dienstwohnung im oberen Stockwerk des Wittelsbacher-Gymnasiums, wo der Vater bis zur Pensionierung als Direktor tätig war. Heinrich schaute manchmal zum Mittagessen kurz bei den Eltern vorbei, regelmäßig traf die ganze Familie sich dort sonntags zum Essen. Auch die Weihnachtsfeiertage verbrachte Heinrich Himmler im Elternhaus mit seinem jüngeren Bruder Ernst (»Ernstl«) sowie seinem älteren Bruder Gebhard, dessen Frau Hilde und der kleinen Tochter »Mausi«. Die Schule lag wenige Straßen westlich von seinem gemieteten Zimmer, am Marsplatz – einem weitläufigen, unwirtlichen Platz nahe den Bahngleisen, mit Blick auf eine Kaserne und auf das Zeltdach des »Circus Krone«, in dem Hitler seine ersten Reden in Massenversammlungen gehalten hatte.
Die nördlich vom Stadtzentrum gelegene Maxvorstadt und das angrenzende Schwabing waren vor dem Ersten Weltkrieg bekannt als künstlerische Bohemeviertel, ab 1921 gab es in Schwabing jedoch auch eine NSDAP-Sektion, die bereits 1925 mit 500 bis 600 Mitgliedern viermal so stark war wie andere Münchner Parteisektionen. Im Hinterhof der Schellingstraße 50 hatte der Hitlerfotograf Heinrich Hoffmann zunächst sein Fotolabor, 1925 trat er der NSDAP dort etliche Räume ab, die bis Ende 1930 ihre Hauptgeschäftsstelle unter dieser Adresse hatte. Die Geschäftsstelle der Partei war mit engen Gefolgsleuten Hitlers besetzt: Philipp Bouhler als Geschäftsführer, Franz Xaver Schwarz als Schatzmeister und Max Amann als Leiter des parteieigenen Eher-Verlags.
Eine Querstraße entfernt, in der Schellingstraße 41, befand sich 1927–31 die Redaktion und Druckerei des Völkischen Beobachters. Ebenfalls in der Schellingstraße lag Hitlers Stammlokal, die Osteria Bavaria. Der Schriftsteller Oskar Maria Graf, der 1919–31 im Viertel lebte und ein häufiger Gast des Bohemelokals im italienisierten Stil war, schreibt dazu: »Dort war Hitler der Mittelpunkt seiner künftigen ›Paladine‹«, unter anderem sah er ihn dort mit Heinrich Hoffmann, Rudolf Heß und Hermann Göring. »Der stiernackige, dickköpfige Gregor Strasser und der bezwickerte kleinäugige Himmler mit seinem beflissen aussehenden Bürovorstehergesicht kamen hin und wieder dazu.«
Ende der Leseprobe
