Hindenburg - Christoph Lanzendörfer - E-Book

Hindenburg E-Book

Christoph Lanzendörfer

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Beschreibung

Ruhmreicher Generalfeldmarschall und Reichspräsident. Aber auch: Verräter an seinen Freunden und Hitlers Aufstiegshelfer. Der Mythos Hindenburg beschäftigt noch heute Interessierte. Dabei war er als Feldherr quasi nicht existent, die sog. Tannenbergschlacht verlief völlig ohne sein Zutun, und als Politiker war er vielen eine herbe Enttäuschung. Hindenburg lebte von Symbolen, die er selbst nicht ausfüllte. Deswegen ist sein Lebensmotto "Die Treue ist das Mark der Ehre" eine groteske Verhöhnung aller, mit denen er zu tun hatte. - Neben einer Biografie Hindenburgs schließt sich ein Kapitel über Ehre und ein weiteres über Ehrungen Hindenburgs an, wobei auch die Abläufe um die nicht erfolgte Namensänderung einer niedersächsischen Kleinstadt dargestellt werden.

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Meinem Freund

Norbert Lyko

Leiter des Stadtarchivs Bassum

für seine dauernde Pfadfinderhilfe in den Labyrinthen des Archivs

Inhaltsverzeichnis

Voraussetzungen

Der Beginn

Beruf: Militär.

Im Krieg. Tannenberg.

Oberste Heeresleitung. Dioskuren, Halbgötter oder Diktatoren?

Das Ende

Die Dolchstoßlegende: Die Ermordung der Wahrhaftigkeit

Reichspräsident

Hindenburg. Hitler

Ehre. „Treue ist das Mark der Ehre".

Ehrungen

Zusammenfassung

Literatur

Voraussetzungen.

Autobiographien können wohl nicht anders als kritisch gelesen zu werden. Zu leicht ist doch die Versuchung des Autobiographen oder seiner „Ghostwriter", Geschehnisse in eine schlüssige Folge umzudeuten. Zur Niederschrift waren die Ergebnisse des Handelns bereits zumindest absehbar, da fällt es leicht, ein wenig an den Abläufen zu basteln, um das Ende als konsequenten Handlungsstrang zu erklären. Am bekanntesten für derlei Erinnerungsakrobatik ist wohl der Beginn von Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen": „Als normales Product unseres staatlichen Unterrichts verließ ich Ostern 1832 die Schule als Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung, daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei" (Bismarck, S. 1). Für eine gewisse Objektivität sollten wohl zwei Fußnoten in diesem kurzen Satz (in Schule und Pantheist) bürgen. Den durch große Kriege das Kaiserreich schaffenden und treu zum greisen Wilhelm I stehenden Bismarck kann man sich nur sehr eingeschränkt als Republikaner vorstellen. Eigentlich überhaupt nicht.

Für Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg gilt diese Geschichtsklitterung oder präziser: dessen "ausgeprägter Sinn für Geschichtsproduktion" (Pyta, S. 435) in einem ganz besonderen Maße. Pyta sieht sogar ein durchgängiges Motiv: „Für Hindenburg war es daher nicht nur ein nachvollziehbares persönliches Interesse, nach Kriegsende einen großen Teil seiner Energie auf die Pflege seines Ansehens zu verwenden" (S. 411).

Hindenburgs Memoiren also als objektive Quelle nutzen zu wollen hieße analog, Trumps Beiträge als Ausdruck reinster und sachlicher Wahrheitsliebe zu interpretieren. Aufmerksam machen Personen, die dort nicht vorkommen (Hoffmann) oder kaum erwähnt werden (Schlieffen, Bismarck), auch die Länge, vielmehr Kürze mancher Abschnitte (wie den zur Kaiserabdankung am 9.11.1918) zeigt, was verschwiegen oder zumindest umgedeutet werden soll.

Um der Person und dem Mythos Hindenburg näher zu kommen, bedarf es deswegen anderer Quellen. Da sind zum einen die Erinnerungen von Hindenburgs Zeitgenossen und Mitstreitern wie vor allem Ludendorff, Hoffmann und Groener, aber auch Brüning, Conrad, Falkenhayn, Gessler, der Kronprinz Wilhelm, Kühlmann, Luther, Meißner, Vogel und Westarp. Alle zusammengefasst dürfen wohl ein leidlich objektives Bild bieten. Zudem gibt es etliche Biographien Hindenburgs, die diese Vorarbeit bereits unternommen haben. Die umfangreichste und modernste hat Wolfram Pyta erstmals 2007 vorgelegt, die „Pantheon-Ausgabe" erschien auch bereits in der dritten Auflage. Bedauerlich, dass durch die Kriegszeiten John Wheeler-Bennett (1935, 1969) in seiner Darstellung auf den Anmerkungsapparat verzichten musste. Er ist ein Zeitgenosse Hindenburgs und war persönlich mit immerhin sechs Reichskanzlern befreundet oder zumindest gut bekannt. Interessant auch die durchaus nicht unkritische Darstellung des Neffen Gert von Hindenburg.

Zwei Biographien scheren aus der Reihe ernstzunehmender Arbeiten aus: Zum einen die 1953 erschienene von Walter Görlitz, die insbesondere im zweiten Teil eine reine Hagiographie ist und den Mythos Hindenburg in die Nachkriegszeit des 2. Weltkriegs zu transportieren die Absicht hatte, wobei entsprechend der Adenauer-Zeit alles „Linke" schlecht oder verdächtig war. Und dann die Arbeit von Wolfgang Ruge aus dem Jahre 1980. Als DDR-Historiker durfte er wohl nicht nur, er musste parteiisch schreiben. Das allein lässt sich wohl überlesen, nicht jedoch die überall wimmelnden erklärenden und vom eigenen Denken damit abhaltenden Adjektive. In jedem Satz drei oder vier Attributionen wie chauvinistisch, reaktionär oder rechtssozialdemokratisch zur Kenntlichmachung allen Übels, das definitionsgemäß nur bei den anderen vorliegen kann, vorgesetzt zu finden, hemmt die Lesefreude allerdings ungemein.

In Hindenburgs Memoiren gibt es Lücken. Über die Familie der Ehefrau lässt sich nur finden, dass deren Vater „Generalarzt" war. Obwohl er beim Militär war, ist das durchaus kein militärischer Titel. Die väterliche Linie wird hingegen ausführlich gewürdigt. Genaueres lässt sich dann bei der 1915 erschienenen Kurzbiographie seines jüngsten Bruders Bernhard finden. Bernhard von Hindenburg war ebenfalls Soldat, quittierte allerdings bereits dreiunddreißigjährig 1892 den Dienst, um als Schriftsteller zu leben. Er publizierte unter dem Namen Bernhard von Burgdorff vor allem Schauspiele und Theaterstücke. Von seinen Romanen findet sich heute noch „Der Bernsteinkönig" im Antiquariat. In der Biographie seines Bruders hat er die Familie ausführlich geschildert.

Die Jugend ist in Hindenburgs Autobiographie sehr knapp dargestellt, insgesamt nur von Seite 3 bis 15 und damit kürzer als so manche Schlacht. Es mag damit zusammenhängen, dass Hindenburg ursprünglich zwei Autoren mit der Niederschrift seiner Autobiografie betraut hatte: Einen namentlich nicht gekennzeichneten Journalisten (Wheeler-Bennett, 1969, S. 238) für die Jugendzeit, der sich aber bald zurückgezogen habe, und insbesondere für die militärischen Teile den Obersten Hermann Ritter Mertz von Quirnheim, dem späteren Leiter des Reicharchivs.

Hindenburgs Jugend ist dabei allerdings nicht unwichtig.

Der Beginn.

Die frühen von Beneckendorffs wurden schon im 12. Jahrhundert in Preußen erwähnt. Der erste namentlich bekannte Vorfahr erweckt wenig Sympathie, denn er wollte als Deutschtempler sein Pferd nicht wie vorgeschrieben dem allgemeinen Fundus überantworten, sondern erstach stattdessen ersatzweise den Großmeister. Hindenburg meinte später zu seinem Hausmaler Vogel auf die Frage, weshalb er das gemacht nach kurzem Sinnieren: „Er wird sich wohl geärgert haben". Die Familie gehörte nie zum Hochadel, bildete wie die anderen Junkerfamilien aber dennoch das Rückgrat des preußischen Staates: Nur Adelige konnten Offiziere werden, dafür wurden sie aber mit Geschenken wie vor allem Gütern belohnt. So gelangten die Hindenburgs in den Besitz des Gutes Neudeck.

Die ersten Jahrhunderte dieser Familie mögen in dumpfer Unbeweglichkeit eines junkerlichen Landlebens vergangen sein. Emil Ludwig schrieb darüber, den Freiherrn vom Stein zitierend: „Kein Bürger hat die Junker tiefer begriffen als der Reichsfreiherr vom Stein ...: ,Eine Form seiner Armut ist Mangel an Bildung, Notwendigkeit in unvollkommenen Kadettenhäusern erzogen zu werden, Unfähigkeit zu den oberen Stellen ... Diese große Zahl halbgebildeter Menschen übte nun ihre Anmaßungen zur größten Last der Mitbürger in ihrer doppelten Eigenschaft als Edelleute und Beamte aus'" (S. 24).

Der österreichische Historiker Rauscher fand noch einen Asmus von Beneckendorff, der „als Raubritter Ende des 15. Jahrhunderts unter den Danziger Kaufleuten Angst und Schrecken" verbreitete (Rauscher, S. 8). Ein namensgleicher Vorfahre, Paul von Beneckendorff und von Hindenburg, war 1806 als Major Kommandant der Festung Spandau, die er gegen die französischen Truppen zu verteidigen hatte, sie dennoch befehlswidrig kampflos übergab. In einem Verfahren 1808 wurde er deswegen zum Tode durch „Arkebusieren" (Erschießen) verurteilt, aber zu lebenslänglicher Festungshaft begnadigt. Er war nicht der einzige Offizier, der wegen Feigheit vor dem Feind verurteilt wurde: Nach den katastrophalen preußischen Niederlagen in Jena und Austerlitz 1806 und 1807 wurde eine „Militär-Reorganisationskommission" gegründet, die zum einen Versäumnisse aufzuarbeiten, zum anderen Verbesserungsvorschläge zu machen hatte. Nur etwa 20% der die Kriege überlebenden Offiziere ging ungeschoren aus der Kommission hervor. Welche Wirkung diese Kommission hatte, zeigt ein fast hundert Jahre später erfolgte Bericht des späteren Generals Max Hoffmann, der ab 1904 als Beobachter zum russisch-japanischen Krieg abkommandiert war: „28.3.1905: Die Leute sollen Frieden machen und, wie wir nach Jena, ihr Offizierskorps reformieren, dann können sie vielleicht in 10 Jahren auch ihr Leipzig und Waterloo haben" (Hoffmann, I S. 36).

Über diesen namensgleichen Vorfahren aus Spandau berichtete der abkommensstolze Hindenburg kein Wort.

Über einen anderen auch nicht: Aus einer „russifizierten Linie" entsprang Aleksander Christoforowitsch von Beneckendorff, 1783 in Reval geboren, der Gründer der brutalen Geheimpolizei Ochrana des Zaren.

Jedenfalls starben im Laufe der Zeit unzählbar viele Beneckendorffs im Feld für ihre Fürsten, später Könige, besonders in den letzten Jahren vor Hindenburg: „Nicht weniger als 23 von ihnen fielen in den ersten hundert Jahren der Hohenzollerschen Herrschaft für Preußens Expansionsdrang" (Rauscher, S. 8).

Ein kinderloser Verwandter vermachte das Gut Neudeck seiner Cousine, wenn sie Namen und Wappen der beiden Familien zusammenführte, was mit Allerhöchster, also königlicher Genehmigung geschah. Fortan, seit 1772, hieß dieses Geschlecht „von Beneckendorff und von Hindenburg".

Die mütterliche Linie war bürgerlich. In ihr waren Handwerker und Arbeiter vertreten. Und: Aus ihr erbte Paul von Hindenburg seine Statur. Die Beneckendorffs waren allesamt eher klein und gedrungen, einzig Paul ragte mit seiner Größe von 1,86 Meter aus dieser Gruppe hervor. Und genau diese Größe wies auch sein Urgroßvater auf, der Grenadier Schwickhardt. Er diente unter Friedrich dem Großen aufgrund seiner Hünenhaftigkeit. Ludwig hat Erstaunliches herausgefunden: „So sind die beiden Urgroßväter Hindenburgs wahrscheinlich im selben Potsdamer Schloss einander zuweilen begegnet: der eine, Riesige, stand am Tor stramm und präsentierte das Gewehr, wenn der andere aus seiner Kutsche stieg, um zum Hofball beim König zu gehen. Die eine Urgroßmutter wusch die Wäsche der anderen, die sie, als Gast im Schlosse, morgen tragen wollte. Das Merkwürdige war nur, daß sie einander nicht kannten" (S. 26).

Zusammenfassend lässt sich wiederum mit Ludwig sagen: „Die Beneckendorffs und die Hindenburgs waren ein gesundes Geschlecht, ohne Skrupel und Nerven, mit viel Landluft und wenig geistiger Tätigkeit, darum sind fast alle 70 und 80 und 85 Jahre alt geworden" (S. 16).

In diese Welt wurde Paul von Beneckendorff und von Hindenburg am 2.10.1847 in Posen als Sohn des Majors Robert von Beneckendorff und von Hindenburg und seiner Frau Luise Schwickhardt hineingeboren. Dies war ein Jahr vor dem deutschen März, der Revolution von 1848. Wie ängstlich der Adel damals war und welche Wahnvorstellungen als völlig real galten, schildert Bernhard von Hindenburg in seiner Biografie von 1915: „Für jeden Offizier war ein Meuchelmörder gedungen, der im passenden Moment sein Werk tun sollte. Wenn die Eltern abends ausgingen, schlich ihnen, sich im Schatten der Bäume haltend, eine unheimliche Gestalt nach" (S. 31). Allerdings muss auch Bernhard erkannt haben, dass dieses Spiel mit dem Grusel wohl ein wenig übertrieben war, denn in der Auflage von 1916 (S. 64) beginnt der Passus mit: „Es ging das Gerücht, dass für jeden Offizier...", wobei der zweite Satz dann ganz gestrichen wurde.

Der junge Paul hörte die Geschichten seines Großvaters, die nur Kriegserzählungen waren, er spielte schon früh mit kleinen Figuren, die er als Truppen befehligte. Und deshalb schrieb er in seinen Erinnerungen auch: „Soldat zu werden war für mich kein Entschluss, es war eine Selbstverständlichkeit" (S. 3). Seine „Erinnerungen" beginnen deswegen auch tatsächlich mit dem Eintritt: in die Kadettenanstalt zu Wahlstatt 1859, mit elf Jahren war seine Kindheit abrupt zu Ende. Seine Gymnasialzeit zuvor wurde nicht anerkannt, er musste dort alles Gelernte wiederholen. Aus dem Abgangszeugnis der Schule in Pinne, wohin sein Vater versetzt worden war, zitiert Bernhard von Hindenburg: „Sein Fleiß war früher zu loben, ließ aber in letzter Zeit etwas nach. Sein Betragen war, einige Plauderhaftigkeit abgerechnet, gut" (S. 38).

Darüber ist sogar Bruder Bernhard belustigt: „Amüsant ist in dem wohlwollenden Zeugnis der Hinweis auf die Plauderhaftigkeit. Dieser schweigsame Mann jetzt!" (ibid.). Es muss also etwas passiert sein, was aus einem offensichtlich lebenslustigen Jungen einen in sich gekehrten, schweigsamen Mann gemacht hat. Rudolf Olden hat in seiner Studie „Hindenburg oder Der Geist der preußischen Arme" gerade den Drill und die absolute Entpersönlichung jedes Kadetten in diesen Anstalten als Ursache ausgemacht: „Paul von Hindenburgs kindliche ,Plauderhaftigkeit' ist in Wahlstatt in den fast düsteren Ernst umgewandelt worden, den er sein ganzes Leben lang zeigte" (S. 76).

Bruder Bernhard Hindenburg kannte diese Seelenzerstörung wohl schon. Er schrieb über das Leben in der Kadettenanstalt: „Das Leben in den Kadettenanstalten war dem in den Kasernen möglichst nachgebildet; es war eine harte, spartanische Erziehung. Man kann darüber streiten, ob für Kinder jenes Alters nicht das Elternhaus der bessere Schutz ist, - wenn die Verhältnisse es gestatten -, manch einer hat sein Leben lang die Schwermut nicht überwunden, zu der dort der Grund gelegt wurde" (B. v. Hindenburg, S. 40). Das spricht wohl eine deutliche Sprache.

Es gehört wahrscheinlich zur Psychohygiene, im Rückblick alles als gut und richtig zu erkennen - sonst könnte es ein seelisches Desaster werden. Wir kennen diese Situationen selbst, wenn wir im Rückblick über einen Zeitabschnitt denken, ach, so schlimm war es nun doch nicht, es gab auch gute Seiten, während wir damals voller Verzweiflung und Kummer lebten. Und so schildert auch Paul von Hindenburg seine Kadettenzeit als zwar „bewusst und gewollt rauh" (S. 9), aber freundschaftlich und herzlich. Vergessen sind die dauernden Wanzen, die ihn manche Nacht nicht schlafen ließen. Vergessen ist der ewige Hunger, der ihn Bettelbriefe nach Hause um „Fresspakete" schreiben ließ, vergessen war auch die Sitte von „Fresskontrakten", mit denen sich Kadetten gegenseitig verpflichteten, ihre Pakete von zu Hause zu teilen, vergessen war wohl auch Pauls Zeichnung, die Gert von Hindenburg gleich als erste Abbildung in seinem Buch (nach S.16) abdrucken ließ, in dem Träume von Essen, die mit einer Schubkarre nach Wahlstatt gebracht würden, dargestellt wurden. Vergessen wurden auch das Verstecken und Weinen zu Hause am Ende der Ferien, wenn er wieder in die Anstalt musste. Gleichfalls das alles Persönliche vernichtende Geschrei der Ausbilder, die „Schurrigelungen" auch unter einander, die Eile, in der gegessen werden musste (3 - 4 Minuten), alles leuchtet zum Schluss in einem anderen Licht: Hindenburg lobte an vielen Stellen seiner Erinnerungen „Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit" (z.B. S. 9), die in den Kadettenanstalten gelernt wurden. Nichts konnte falscher sein, gerade das Fehlen dieser Eigenschaften führte zu den katastrophalen Niederlagen in den Napoleonischen Kriegen. In der „Militär-Reorganisationskommission" wurde deshalb auch die Abschaffung dieser Anstalten empfohlen. Vergeblich.

Und geändert hatte sich gar nichts.

Abbildung 1: Hungerfantasien in der Kadettenanstalt, Zeichnung Hindenburgs

Vielleicht glänzte etwas von der verschütteten Erinnerungslast von Verzweiflung und Hunger auf, als er zum Ende dieses Kapitels darüber nachdenkt, „daß auch die heutigen, milderen Erziehungsformen zum gleichen Ergebnis führen" (S. 38). Und wie aus dem einst wohl lustigen, plauderhaften Jungen ein Mann von dunklem Ernst werden konnte.

Abbildung 2: Leutnant Hindenburg

Aus dem Kadetten wurde ab 1866 ein Soldat, Hindenburg durchlief die typische Karriere eines Offiziers, er begann als „Secondelieutenant" im 3. Garderegiment zu Fuß, eines der am höchsten geschätzten Armeeteile: Es war eine Nachfolgeeinheit der „Langen Kerls" des Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Sein Sohn Oskar begann auch später in diesem Regiment - gemeinsam mit seinem Kameraden Kurt von Schleicher. Noch 1866 nahm Hindenburg an der Schlacht von Königsgrätz teil, dabei durchschlug eine Gewehrkugel seinen Helm, den er seitdem auf seinem Schreibtisch zu liegen hatte. Kurz danach nahm er auch am deutsch-französischen Krieg 1870/71 teil, er kämpfte in der Schlacht von Sedan am 1. und 2.9.1870. Schließlich wurde er als Abgesandter seiner Einheit zur Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Dort begeistert ihn vor allem, dass die Freude über die Einheit Deutschlands am lautesten „unsere süddeutschen Brüder" (S. 42) äußerten. Damit meinte er augenscheinlich nur die Württemberger und Badenser; die Bayern wurden letztlich von ihrem eigenen König und dessen engstem Berater, Maximilian von Holstein (Bendikowski, S. 178), verraten, die sich von Bismarck mit riesigen Summen, die Ludwig II für seine Fantasieschlösser brauchte, bestechen ließen (die Bismarck seinerseits den Hannoveranern gestohlen hatte: Das „Weifengold").

Ab 1873 besuchte Hindenburg bis 1876 die Kriegsakademie in Berlin. Er schloss die Ausbildung mit der Empfehlung zur Generalstabsarbeit ab. Ein kurzer Truppenaufenthalt in Hannover schloss sich an, ab 1877, mit knapp 30 Jahren, wurde Hindenburg unter Beförderung zum Hauptmann in den Generalstab versetzt.

Der preußische Generalstab ist eine Folge der Niederlagen in den Napoleonischen Kriegen. Gneisenau und Scharnhorst schufen eine Institution, die nicht für einzelne Kriege gedacht war, sondern eine dauerhafte Leistungsfähigkeit beinhalten mussten. Der USamerikanische Militärhistoriker Trevor Dupuy hält den preußisch-deutschen Generalstab und die dadurch geleitete Armee für die schlagkräftigste und beste Armee der Weltgeschichte. In vielen Beispielen schildert er in seinem Buch (2011) die Entwicklung des Generalstabs bis 1945. Er beschreibt besonders die Aufmerksamkeit, mit der Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz der Ausbildung und den Gefechtsübungen Raum boten. In die Ausbildung zum Generalstabsoffizier implementierten gerade die Reformer auch eine neue Sichtweise, die aus „dem Soldaten des Königs" einen Bürger machte, der für sein Land und sein Volk eintrat. Formell gedachten die Reformer, Würde und Aufmerksamkeit in die Ausbildung einzubauen. Die Aufnahme in die Generalstabsausbildung war schon schwierig: Maximal 150 Offiziere wurden jährlich in die Ausbildung aufgenommen, allerhöchstens ein Drittel davon bestand sie. Nach der Ausbildung gehörten noch zwei Jahre weitere Lehrzeit im Großen Generalstab dazu, in dem die Hälfte der Zeit mit weiteren Lehrinhalten wie Topografie oder Militärgeschichte ausgefüllt war.

Hier begann Hauptmann Paul von Beneckendorff und von Hindenburg 1877 den wichtigsten Abschnitt seiner Laufbahn.

Beruf: Militär.

Die Generalstabsausbildung führte naturgemäß zu weiteren Verwendungen. Was schon sein Vater erlitt, geschah nun auch mit Hindenburg: Ein dauerndes Umziehen. Stationen mit jeweiliger Beförderung waren Hannover, Stettin, Bad Kreuznach, Oldenburg, Karlsruhe und schließlich Magdeburg. Die preußischen Kommandeure hatten die Aufgabe, sich als Repräsentanten des Militärs auch an gesellschaftlichen Veranstaltungen zu beteiligen. Das gelang Hindenburg, mittlerweile General und Kommandeur des IV. Armeekorps, gerade in Magdeburg sehr gut.

Auffallende Leistungen hat er nicht mehr erbracht. Man muss ehrlich sagen: Wie sollte das auch in Friedenszeiten? So leistete er seinen Dienst gewissenhaft, aber unspektakulär. Von den etwa 470 deutschen Generalen waren die allermeisten völlig unbekannt oder zumindest nur Eingeweihten und in ihrer näheren Umgebung geläufig. Bekannt war wohl Schlieffen, der in der Zeit von 1891 bis 1906 Chef des Generalstabs war und gerade die taktische Ausbildung sehr intensivierte. Möglicherweise kannte man auch noch Helmuth von Moltke, aber da war es schon fraglich, ob man damit „Moltke den Älteren" (1800-1891), den Stabschef wahrend der als „Einigungskriege" bezeichneten Eroberungskriege von 1864, 1866 und 1870/71, oder seinen Neffen „Moltke den Jüngeren" (1848-1916) meinte, den Generalstabschef nach Schlieffen und damit zu Beginn des 1. Weltkriegs. Aber viel Prominentere gab es nicht, es sei denn, sie spielten sich bewusst wie Lothar von Trotta (1848-1920), den Gouverneur in „Deutsch-Südwestafrika", der die Massaker an den Herero und Nama zu verantworten hatte und sogar zu Hause mit seinen Kriegsverbrechen protzte.

Die anderen Generale, so auch Paul Hindenburg, waren im Allgemeinen in der Bevölkerung völlig unbekannt.

1911 beantragte Hindenburg seine Versetzung in den Ruhestand. Offiziell begründete er dies mit seinem Alter: „Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach vorwärts frei zu machen, und erbat 1911 meinen Abschied" (P. v. Hindenburg, 1920, S. 63). Im Herzen sei er immer noch Soldat.