Hinter dem Horizont gibt es noch Meer - Rüdiger Neukäter - E-Book

Hinter dem Horizont gibt es noch Meer E-Book

Rüdiger Neukäter

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Beschreibung

Buchbeschreibung In dieser Sammlung von Reisetagebüchern und Reiseberichten schaut der Autor mit neugierigen, aufmerksamen und kritischen Blicken weit über den Horizont hinaus. Dort gibt es nicht nur oft das Meer, sondern auch Dinge, Begebenheiten, Menschen, mit denen auseinanderzusetzen sich lohnt. In den Berichten erfährt der Leser Interessantes, Wissenswertes und auch Lustiges von Urlaubsreisen nach Kreta, Ibiza, Ägypten, USA, Kenia, Bali und anderen Zielen. Es sind Pauschalreisen, über die der Autor berichtet, aber auch selbst organisierte Touren. Ein besonderer Reiz dieser Aufzeichnungen liegt in ihrer Authentizität. Sie sind zwischen 1990 und 2018 geschrieben worden und geben somit auch die Erfahrungen und Empfindungen der jeweiligen Zeit wieder. Band 1 beinhaltet Reisen in den Jahren 1990 bis 1997. Darin lässt der Autor die Leserin, den Leser unter anderem teilnehmen an Reisen durch Amerikas Westen, die süditalienische Landschaft Campanien (Pompeii, Neapel, Vesuv), die türkische Riviera, aber auch durch so entfernte Ziele wie Bali und Kenia. Über Reiseerlebnisse und Erfahrungen aus Kreta, Ibiza, Hurghada wird ebenso lebendig und auch humorvoll berichtet.

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Seitenzahl: 581

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buchbeschreibung

Reisen war immer Rüdiger Neukäters bevorzugtes Hobby. Immer war es ihm ein Bedürfnis, das Erlebte in Worten festzuhalten. So entstanden diese Reiseberichte. Er erkundete Städte, Länder, Landschaften und schaute aufmerksam und kritisch weit über den Horizont hinaus. Dort gibt immer wieder Dinge, Begebenheiten, Menschen, mit denen auseinanderzusetzen sich lohnt. So erfährt der Leser Interessantes, Wissenswertes, Lustiges. Dieser erste Band führt u.a. nach Paris, Ägypten, die USA, Kenia, Bali. Es sind Pauschalreisen, aber auch selbst organisierte Touren. Ein Reiz dieser Aufzeichnungen liegt in ihrer Authentizität. Von 1990 bis 1997 geschrieben, geben die Berichte auch die Erfahrungen und die Empfindungen dieser Jahre wieder.

Über den Autor

Rüdiger Neukäter war viele Jahre Lehrer.

Er lebt mit seiner Frau, der Malerin Ildiko Hajnal, in Kassel. Vor und vor allem nach seiner Pensionierung ist er viel gereist. Von jungen Jahren an war es ihm ein Bedürfnis, über die engen Grenzen seiner Heimat hinauszusehen. Reisebücher über Sri Lanka, Indonesien, Südostasien und Indien, Dubai/Abu Dhabi sind so entstanden. Aber auch Kurzgeschichten, Gedichtbände und ein Roman zählen zu seinem Werk. Außerdem hat er viele Videos bei YouTube veröffentlicht.

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Budapest – Prag – Dresden – Weimar (1990)

3. Durch Amerikas Westen (1990)

4. Oktober in Campanien (1991)

5. Paris im Frühling (1991)

6. Griechisches Tagebuch (1992)

7. An der türkischen Riviera (1993)

8. Herbst in Hurghada (1994)

9. Kreta - Himmel und Meer (1994)

10. Auch auf Ibiza war es schön (1995)

11. Ostern in Kenia (April 1995)

12. Bali: Das gespaltene Tor (1996/97)

1. Vorwort

Seitdem ich denken kann, hat es mich immer gereizt, Neues zu entdecken und mich auf den Weg irgendwohin zu machen. Mit Sieben wollte ich mit dem Zirkus auf Wanderschaft gehen. Vom 10. Lebensjahr an machte ich Radtouren, kreuz und quer durch den Bayerischen Wald, wo ich viel Jugendzeit verbrachte und einmal auch bis zum Gardasee. Dann kamen Touren per Anhalter, nach Frankreich und Spanien. Eine Zeit lang war Interrail in und ich entdeckte Griechenland mit dem Zug, quer durch das damalige Jugoslawien. Von Piräus ging es dann weiter mit dem Schiff auf diverse Inseln. Als ich älter wurde und mir ein Auto leisten konnte, fuhr ich wieder nach Griechenland. Immer wieder. Als ich mit knapp dreißig meine Frau kennenlernte, machten wir die Hochzeitsreise nach England. Ich überzeugte sie davon, dass Reisen der schönste Zeitvertreib sei, und von da an unternahmen wir alle Reisen gemeinsam. Es wurden sehr viele. Bis 2019 Corona dem erst mal ein vorläufiges Ende machte.

Im Laufe der Jahre sind einige Bücher über unsere Reisen entstanden: Unterwegs in Südostasien, Indien, Indonesien, Vietnam, Sri Lanka, arabische Emirate.

Vor Kurzem entdeckte ich, als ich die Festplatte meines Computers ein wenig aufräumte, eine Anzahl von Reiseberichten aus früheren Jahren. Nicht, dass ich diese vergessen hatte, aber sie schienen mir über dem Aktuelleren nicht wichtig. Ich las sie, fand sie nicht schlecht und sogar würdig, sie in Form eines Buches der Nachwelt, womit ich im Wesentlichen unsere Kinder und Kindeskinder meine, zu erhalten. So entstand der Plan für dieses Buch. Natürlich musste ich die alten Texte kürzen und überarbeiten. Aber dabei habe ich mich zurückgehalten, denn ich fand, dass der Reiz, der von den Texten ausging, nicht zuletzt in ihrer Authentizität bestand. Es sind Reiseberichte von gestern, ohne aktuelle Tipps und Empfehlungen, doch vieles von dem, was damals stimmte, ist auch heute noch richtig. Die Berge, Täler, Kirchen, Tempel und Sehenswürdigkeiten sind auch heute, sofern nicht Erdbeben, Brände, Kriege oder sonstige Katastrophen sie zerstört haben, an der gleichen Stelle. So gesehen sind diese Reiseberichte ein Stück Zeitgeschichte, wobei die Welt aus meiner Sicht wahrgenommen wird. Ich hoffe, dass den Texten dadurch ein gewisser Charme des Gestrigen und zu anderer Zeit Erlebten zu eigen ist.

Ich habe eine Reise gebucht, bin angekommen, halte die Augen auf und bemühe mich unvoreingenommen, neugierig, offen zu sein. Ich habe mir die Zeit genommen, aufzuschreiben, wie die Tage verlaufen sind, was ich erlebt, gesehen, empfunden habe. Ich habe versucht, Erlebnisse, Gedanken, Impressionen, Wissenswertes festzuhalten, mir zur Erinnerung und anderen vielleicht zu unterhaltsamer Lektüre. Was mir begegnete, habe ich auf meine Art festgehalten: mit Wörtern und Sätzen. Manchmal war das mühsam und zeitraubend, doch ist mir diese Aufschreiberei irgendwann zur Pflicht geworden. Ich habe in allen Lebenslagen geschrieben und manchmal war meine Schrift selbst für mich schwer entzifferbar. Zu Hause habe ich dann die Notizen am Computer überarbeitet. Vielleicht ist in meinen Berichten die eine oder andere Darstellung nicht ganz korrekt, Lokalitäten mögen fehlerhaft beschrieben, Historie eigenwillig oder irreführend interpretiert sein. Wie auch immer: Meine Darstellung ist subjektiv und soll es auch bleiben.

In diesem Sinne hoffe ich, dass die Lektüre meiner Reiseerinnerungen nicht nur anregend, sondern möglicherweise auch nützlich ist. Vielleicht kann sie dem einen oder anderen in seinen Erinnerungen nachhelfen oder auch bei der Planung einer Reise von Nutzen sein.

Rüdiger Neukäter, im Mai 2025

2. Budapest – Prag – Dresden – Weimar (1990)

Am 5. Oktober beginnen die Herbstferien.

Ursprünglich hatten wir geplant, nach Ägypten zu den Pyramiden zu reisen. Doch Saddam Hussein, der irakische Diktator, hat uns die Tour vermasselt. Die Reise wurde storniert. Wer möchte schon in ein Krisengebiet zu reisen, in dem alles unvorhersehbar ist, in dem sogar ein Krieg, losbrechen kann.

Also planen wir das schon oft Bewährte: Wir werden nach Ungarn fahren und in Budapest bei Ildikos Eltern wohnen und die Rückreise über Prag nehmen. Ildiko macht sich Sorgen um ihre alten Eltern. Opas Verkalkung wird von Monat zu Monat bedrohlicher. Er vergisst alles, richtet nur noch Unsinn an und ist darüber hinaus häufig aggressiv.

Ein weiterer Anlass der Ungarnreise ist mein Zahn, besser gesagt, mein fehlender Zahn. Im Frühjahr machte er Beschwerden und im April trennte ich mich von ihm. Seitdem pfeift die Luft durch die Lücke und ich lispele mehr denn je. Der Kostenvoranschlag des Zahnarztes für eine Brücke bereitete Kummer: 2200.- DM. Ist ein gestopftes Zahnloch so viel Geld wert? In Budapest lebt Marianne, Zahnärztin und Ildikos Freundin. Und Zahnbehandlungen, Zahnersatz sind viel billiger im Osten. Was also lag näher, als die Kosten der Gebissreparatur in Ungarn zu verringern.

Ildiko und ich fahren zum ersten Mal seit vielen Jahren ohne die Kinder. Eine ganz neue Erfahrung.

Die Fahrt verläuft ohne nennenswerte Besonderheiten. Wir machen die üblichen Pausen an den gewohnten Tankstellen. Selbst McDonalds steuern wir wie all die Jahre zuvor an. In Österreich Föhn: Selten sahen wir die Alpen so klar in der Ferne. Stau in Wien: Eine Stunde lang quälen wir uns durch das Gewühl.

Das neue Gefühl an der österreichisch-ungarischen Grenze kennen wir nun schon. Das grenzenlose Europa ist fast Wirklichkeit geworden. Der Traum von der unbegrenzten Freizügigkeit ist kein Traum mehr. Noch vor einem Jahr bereiteten die Stahlschranke und die bewaffneten Soldaten und das Warten auf den Stempel im Pass Angst. Heute geht der Grenzübertritt fast ohne Unterbrechung vonstatten.

In Budapest erwarten uns Ildikos Eltern und Schwester mit warmen Gefühlen und leckerem Essen.

Budapest

Am Sonntagabend sind wir zum Essen bei Marianne und Janos eingeladen. Marianne ist die besagte Zahnärztin, Janos ist Jurist. Als Budapest noch die Hauptstadt einer Volksrepublik war, besuchte uns Janos zweimal in Kassel, um sich ein deutsches Auto zu kaufen, einmal einen BMW, das zweite Mal einen Opel Omega. Er brachte viel Geld mit, wir suchten gemeinsam das entsprechende Fahrzeug und Ildiko veranlasste, dass ein Notar die Schenkungsurkunde ausstellte. An der Grenze ließ sich Janos die Mehrwertsteuer zurückerstatten und verkaufte die Autos kurze Zeit später in Budapest. Mit ordentlichem Gewinn natürlich. Eine fragwürdige Art, zu Geld zu kommen. Im letzten Jahr bauten sich Janos und Marianne eine prachtvolle Villa, elegant, großzügig, allen westlichen Ansprüchen genügend.

Unsere aktive Beteiligung am Wohlstand der beiden ist sicher gering, aber nicht völlig von der Hand zu weisen. Die Einladung nehmen wir gerne an. Die beiden lieben wie die meisten Ungarn gutes Essen und Trinken und sind infolgedessen nicht gerade schlank. Marianne führt einen ständigen Kampf gegen die überflüssigen Pfunde. Sie lebte mit ihrem ersten Mann mehrere Jahre in Deutschland, sodass unsere Konversation teilweise auf Deutsch verläuft und ich nicht nur zum Zuhören verdammt bin.

Zunächst feilt Marianne meinen gesunden Zahn ab, als Stützpfeiler für die Brücke. Nach zwei Stunden etwa lässt die Wirkung der Spritze nach und wir essen zu Abend. Die Politik spielt bei dem Gespräch natürlich die Hauptrolle. Ungarn ist wie der gesamte ehemalige Ostblock im Umbruch. Alles verändert sich in einem unglaublichen Tempo und keiner weiß so recht, wie und ob er Schritt halten kann. Janos ist optimistisch, obgleich auch er nicht weiß, ob er seine Stellung beim Magistrat behalten wird. Irgendwann wird sie ausgeschrieben werden, und ob man ihn dann wieder einstellt, ist ungewiss. Aber Janos ist clever und bereit, neue Gedanken zu denken. Mit einem halben Fuß stand er sowieso schon immer im Westen.

Am nächsten Tag, einem Montag, machen wir einen Stadtbummel durch Pest. Die Stadt platzt mehr denn je aus den Nähten. Der Verkehr quält sich im Schritttempo durch die breiten Straßen. Mit viel Glück finden wir einen Parkplatz am Deak-Ter. Jahrelang haben wir hier im DDR-Kulturzentrum Bücher gekauft. Oft war das, was in der gesamten DDR nicht zu finden war, hier zu haben: Maxi Wander, Stefan Heyms Romane, Stücke von Christoph Hein. Natürlich gibt es kein DDR-Zentrum mehr. „Dieser Laden musste leider schließen. Wir danken all unseren Kunden für die langjährige Treue.“ Deutsche Bücher findet man noch in einigen Buchhandlungen, weniger zwar als vor dem Umbruch und teurer sind sie alle geworden. Überhaupt die Preise: explosionsartig haben sie sich im Laufe weniger Monate erhöht. Ich frage mich, wer all diese westlichen Produkte, die zum Teil teurer sind als bei uns, kaufen kann. Die Löhne sind zwar gestiegen, aber in ungleich geringerem Maße. Man merkt das an den Kosten für Dienstleistungen, die immer noch unglaublich niedrig sind. Eine Fußpflege umgerechnet etwa vier Mark, eine Reifenreparatur inklusive zweimaliger Montage acht Mark, die Straßenbahn kostet das Doppelte wie vor einem Jahr, nämlich sechs Forint, fünfzehn Pfennige. Ildikos jüngste Schwester verdient als Kindergärtnerin etwa 10 000 Forint. Was ist das schon, wenn Kleidung, Schuhe, Lebensmittel, Kosmetika, Schmuck, überhaupt alles gewaltig im Preis gestiegen sind. Die Verlockungen sind größer geworden, die Kaufentscheidungen schwieriger und der persönliche Etat vieler Ungarn kleiner. Und man bekommt alles. Markenartikel mit Rang und Namen schmücken die Schaufenster. Wenigstens gibt es in den Warenhäusern noch ungarische Produkte, weniger elegant verpackt, aber viel billiger. Ob sie deswegen schlechter sind?

Trotz des Preisanstiegs ist Ungarn immer noch Billigland für westliche Touristen. Der Schwarzmarktkurs liegt fast bei 50 Forint für eine Mark, gegenüber den offiziellen 39 Forint ein erheblicher Unterschied. Für hundert Mark gehört einem zwar in Budapest auch nicht die Welt, aber es reicht bei Weitem, um über die Verhältnisse zu leben und den Mann von Welt zu spielen. So erleben auch die Váci-utca und die Ringstraßen einen wahren Kaufrausch. Die Geschäfte sind voll, die flanierenden Kunden vielsprachig und multinational. Deutsche Wortfetzen überwiegen. Ungarn, hieß es vor wenigen Tagen im Fernsehen, sei auf dem besten Wege, das Bangkok Europas zu werden. Liebe, Rauschgift und Alkohol sind wohlfeil, Zigeuner und dunkelhäutige Banden beherrschen den Markt. Zwar wirkt auch am Abend die Stadtszene nicht bedrohlich, aber auffällig ist die Vielzahl von dunkelhaarigen und exotisch-arabisch aussehenden Männern, die an den Straßenecken und in den Unterführungen in Gruppen zusammenstehen.

An der Népköstarsasag-utca, werden wir Zeuge eines historischen Moments. Das Schild mit dem ungeliebten Straßennamen wird von einem auf einer Leiter stehenden Herren im dunklen Anzug abgeschraubt. Die Prachtstraße erhält wieder ihren alten historischen Namen. „Andrási“. Die Fernsehkameras surren und am Abend kann das Ereignis auf den Bildschirmen der Nation besichtigt werden. Die Ungarn finden ihre Geschichte wieder.

Wir machen ein paar kleine Einkäufe, bummeln und kaufen Theaterkarten für drei Abende. Dann beginnt es zu regnen. Janos und Marianne haben uns zwei Dauerkarten für Sauna und Schwimmbad in einem Hotel überlassen. Was können wir Besseres tun, als uns aufzuwärmen und unsere Gesundheit zu pflegen.

Zu Hause bei Oma und Opa ist die Stimmung eher trüb. Ildikos Vater, das Sorgenkind, das ständiger Aufsicht bedarf, ist das Hauptthema. Es ist deprimierend, zu sehen, wie dieser kräftige Mann im Laufe des letzten Jahres abgebaut hat und infantil in den Tag hinein lebt. Dabei ist der Körper noch kräftig und verlangt nach Betätigung, der Geist jedoch ist unfähig geworden, diesen Betätigungsdrang zu regulieren. Spannungen sind die Folge. Was noch funktioniert, sind die ritualisierten Handlungen: waschen, essen, den Garten spritzen. Aber das geschieht zur Unzeit.

Am nächsten Tag besuchen wir die internationale Kleinplastiken-Ausstellung. Vor Jahren war dieses Kunstereignis uns eine überraschende Offenbarung: eine Fülle witzig-ironischer, anmutiger Kleinplastiken. Diesmal aber überwiegt Enttäuschung. Fast alle Objekte sind spartanisch, kaum etwas findet sich, das lustig und verspielt die damaligen Eindrücke wiederholen könnte. Immerhin fällt unser Blick in der Eingangshalle auf das Plakat einer Marilyn-Monroe-Ausstellung. Diese Ausstellung in der Innenstadt macht alles wieder gut: witzige Objekte im Pop-Art-Stil. Schmunzeln über die Verballhornung eines amerikanischen Traums.

In der Burg gibt es eine Karikaturen-Ausstellung. Eine Fülle von Ideen und wohlgelungenen bissigen Zeitbetrachtungen. Auffällig ist, dass die Karikaturisten der vormals sozialistischen Staaten die interessanteren und aussagekräftigeren Themen haben. Die Arbeiten der Russen, Rumänen, Tschechen, Polen und Ungarn beißen mehr als die der westlichen Cartoonisten. Bei diesen verliert sich der Witz häufig im Unverbindlichen. Im gleichen Museum findet sich seit Neuestem ein Ableger der Sammlung Ludwig. Großartige Werke der Moderne in einer Dauerleihgabe.

An drei Tagen nacheinander gehen wir ins Theater. Das erste Stück, das wir sehen, das Musical ‚Les Miserables‘, eine Adaptation des Romans von Victor Hugo, zur Zeit Erfolg auf allen großen Bühnen der Welt, ist eher ärgerlich. Die Musik strömt unverbindlich während des ganzen Stückes zum einen Ohr hinein, zum anderen heraus, die Handlung ist trivial und tränenrührend. Schlimm ist die Revolutionsromantik. Das Sterben der braven Studenten, die für die Märzrevolution in Paris kämpfen, vollzieht sich quälend langsam und kitschig. Jeder ist ein Held und Märtyrer, und als endlich der letzte der Tapferen von Kugeln niedergestreckt von der Barrikade plumpst, ist man als Zuschauer all dieser Heldenhaftigkeit von Herzen froh.

Über das zweite Stück, ‚Padlás', der Dachboden, ist nicht viel mehr zu sagen, als dass es ein liebevoll gemachtes Märchen ist mit zum Teil ansprechender Musik.

Von Brechts Dreigroschenoper am letzten Theaterabend waren wir begeistert. Die Aufführung, locker revuehaft, ohne den eh nicht mehr vorhandenen Zeitbezug in den Mittelpunkt zu stellen, lebt ganz und gar von den Songs. Und die werden, in bravouröser Manier vorgetragen. Die berühmten Weill-Songs gehen nach wie vor durchs Ohr unter die Haut. Und Mackeath bekommt sein verdientes Fett. Am Schluss rettet ihn der amerikanische Botschafter vor dem Strick und Mackie Messer erhält einen Lehrstuhl für Ökonomie an einer amerikanischen Universität.

Vor und nach den Theaterbesuchen fängt uns Budapest mit seinem Charme und seinem Flair ein. Wir bummeln durch Geschäfte, über die bekannten Straßen und die berühmten Brücken. Seit dem regnerischen Montag strahlt beständig eine warme Oktobersonne.

Am Samstag verstauen wir unser frisch erworbenes Konsumgut im Bus. Sieben Tage Budapest sind genug, zumal wir beide die Stadt so gut kennen, dass wir manchmal sogar das überhebliche Gefühl haben, sie könne uns nur noch wenig Neues bieten. Ich war eine Woche lang sprachlich auf Sparflamme gesetzt und freue mich, mit Ildiko wieder ausgiebig Deutsch sprechen zu können. Sie war, wieder sehr von ihrer Familie absorbiert worden und wenn man nur so wenig versteht wie ich, zieht man sich schnell ins Schneckenhaus zurück.

Am Abfahrtstag schlafen wir morgens recht lange. Bis Prag sind es ja nur 500 Kilometer.

Prag

Mittags sind wir an der ungarisch-tschechoslowakischen Grenze, im Dreiländereck Österreich, Ungarn, Tschechoslowakei. Der Hauptstrom des Verkehrs ist von Masonmajoróvár weiter in Richtung Wien geflossen. An der Grenze sind wir fast alleine. Zwei Grenzbeamte begutachten nacheinander unsere Pässe. Der Eine möchte wissen, woher wir kommen. Dann winkt er uns durch. Vor einem Jahr hätte dieser Grenzübertritt sicher noch mehr als eine Stunde gedauert. Wir sind uns noch nicht sicher, ob wir schon auf tschechischem Gebiet sind. Ildiko hält sicherheitshalber die Pässe parat und ich suche nach einer Wechselstube, denn natürlich haben wir kein tschechisches Geld dabei. Wir sind ziemlich naiv und unvorbereitet in dieses Land gefahren. Außer einem Reiseführer Prag und einer Straßenkarte der CSSR haben wir kein Informationsmaterial. Ildiko war vor Jahren einmal in Prag. Für mich ist die CSSR nicht mehr als ein Name. Die Abgeschlossenheit dieses Ostblockstaates hat dazu geführt, dass die CSSR als Reiseland kaum einer Überlegung für wert befunden wurde. Nun, da die Grenzen offen sind, hat sich das geändert.

Eine Wechselstube ist auch nach einigen Kilometern nicht zu sehen, dafür aber eine kleine, etwas schmuddelige Kneipe, vor der zwei ungarische Autos stehen, deren Besitzer noch schnell vor der Heimreise tschechisches Bier kaufen. Wir fragen den Kneipier, wo man Geld wechseln könne. Er versteht weder Deutsch noch Ungarisch, macht uns aber irgendwie klar, dass er zum Wechseln bereit wäre. Zu welchem Kurs, frage ich. 16 Kronen für eine Mark, das sei 2 Kronen besser als der offizielle Kurs. Ich habe ein ungutes Gefühl, ärgere mich, dass wir uns nicht wenigstens nach dem Wert der Krone erkundigt haben. Aber wir brauchen Geld und so tausche ich 200 Mark und erhalte dafür 3200 Kronen. Mein Gefühl, dass der Kerl ein gutes Geschäft mit uns gemacht hat, hat mich nicht getrogen. In Prag finden wir heraus, dass der offizielle Kurs 1:20 ist. Natürlich ärgern wir uns, über unsere Einfältigkeit und auch über dieses schäbige Gaunertum, sagen uns aber, dass wir besser die Sache schnell vergessen sollten.

Wohnsilos, soweit das Auge sehen kann am Rande von Bratislava, Pressburg. Die Stadt sieht aus der Ferne nicht einladend aus und wir wollen schließlich nach Prag. Die Autobahn ist in gutem Zustand und wenig befahren. Man merkt, dass man im Herkunftsland der Skodas ist. Jedes zweite Auto ist ein Skoda. Die ungarische Mischung zwischen 20 Prozent Westautos und dem Rest Trabant, Wartburg, Lada gibt es hier nicht mehr.

Fünfzig Kilometer vor Prag fahre ich eine Tankstelle an. 18 Kronen kostet laut Zapfsäule der Liter Sprit. Ich tanke für 600 Kronen und als ich zahlen will, fragt der Kassierer nach meinen Coupons und winkt mich, als ich ahnungslos die Schultern zucke, ins Innere der Tankstelle. Sein Kollege zückt den Taschenrechner und verlangt 770 Kronen von mir. Ich verstehe zwar nicht warum, zahle aber brav. Ein paar Stunden später erfahren wir, dass das Benzin in der CSSR kontingentiert ist und man ohne Coupons eigentlich gar keinen Sprit kaufen darf, oder aber einen höheren Preis in westlicher Währung zahlen muss.

Vor Prag kommen wir in den zweiten Stau dieser Reise. Stop und Go auf 15 Kilometer. Halb Prag kommt anscheinend von einem sonnigen Sonntagsausflug zurück.

Direkt gegenüber dem Prager Hauptbahnhof auf einem Parkplatz sehen wir einige Wohnmobile stehen. Wir zahlen 22 Kronen Parkgebühr für die ganze Nacht. Der folgende Tag kostet 104 Kronen. Jeder Campingplatz wäre wahrscheinlich teurer und der Bahnhofsparkplatz hat den Vorteil, dass er innenstadtnah ist. Bis zum Wenzelsplatz sind es keine fünf Minuten. Wir beschließen, unseren Wagen für die Dauer des Pragaufenthaltes hier stehen zu lassen. Nachts wird es sicherlich etwas laut sein, aber wir haben einen gesunden Schlaf. Unsere Chemietoilette haben wir zu Hause vergessen. Doch auch dieses Problem löst sich: die Toiletten im Bahnhof sind sauber, kosten zwei Kronen und sind Tag und Nacht geöffnet. Sogar eine Dusche für acht Kronen Benutzungsgebühr gibt es. Die einzige Unannehmlichkeit, morgens nach dem Aufwachen zur Toilette zu pilgern, nehmen wir in Kauf.

Unser Abendspaziergang beginnt am Wenzelsplatz. Vom Nationalmuseum abwärts zieht sich dieser Platz, der eigentlich eher eine sehr breite Allee ist, auf eine abschließende Häuserfront zu. In der Mitte eine Vielzahl von Blumenrabatten und Bänke. Der Wenzelsplatz lebt und brodelt von flanierenden, die angenehme Wärme dieses Oktoberabends genießenden Menschen. Zu beiden Seiten des Platzes Jugendstilhotels und Cafés mit klingenden Namen. Der Glanz einer vergangenen Epoche, zwar heruntergekommen und abgeblättert, reicht immer noch aus, die Stadt und die Menschen zu bestrahlen. Wir bummeln ziemlich ziellos umher. Zwar habe ich den Stadtplan in der Hand, aber wir benutzen ihn nur als grobe Orientierung. Erste Eindrücke genügen bei diesen Bummel. Wir wollen zur Moldau und dann in die Altstadt. Und wir haben Hunger. Alex heißt das Restaurant, in dem wir tatsächlich das Glück haben, einen Platz zu bekommen. Bekannte haben uns gewarnt: Abends seien alle Prager Restaurants voll und ohne Reservierung habe man keine Chance. Dass das stimmt, erfahren wir am folgenden Abend. Diesmal komme ich aber recht schnell zu meinem Schweinebraten mit Knödeln und Kraut. Das Essen ist vorzüglich und recht billig. Kein Wunder bei diesen Preisen, dass Prag voll ist von Westtouristen. Am Nebentisch sitzen zwei Mädchen aus der ehemaligen DDR. Natürlich kommt das Gespräch schnell auf die Politik. Heute wird in den fünf neuen Bundesländern gewählt und die beiden jungen Damen schwänzen ihre staatsbürgerliche Lektion. Sie sind resigniert: „Die DDR wählt sowieso CDU.“ Sie sind nicht besonders glücklich darüber, das der bundesrepublikanische Zuwachs eine ‚Kolonie‘ geworden ist.

Das nächtliche Prag hat durchaus seinen Charme. Überall sind Kirchen, Häuserfassaden und Brücken angestrahlt. Auch noch gegen 23.00 Uhr ist der Wenzelsplatz voll von Menschen. Gruppen von Jugendlichen stehen vor den Discos, aus denen Rapstakkatos erklingen.

Im Wohnmobil leeren wir noch eine Flasche ungarischen Sekt und schlafen damit gut bis zum nächsten Morgen, an dem uns eine drückende Blase zum Gang auf die Bahnhofstoilette zwingt. Viele Jugendliche und auch Obdachlose haben in der abgestandenen Wärme der Bahnhofshalle übernachtet. An einigen Ständen werden, um halb acht Uhr morgens schon Flohmarktartikel, russische Mützen, Armeemäntel und alternative Zeitschriften verkauft.

Nach dem Frühstück beginnen wir unseren Stadtbummel. Manches ist schon ein Wiederentdecken nach dem abendlichen Spaziergang: der Wenzelsplatz, der Altstädter Ring, das Judenviertel. Die Sonne strahlt und nachdem wir uns zur vollen Stunde vor der astronomischen Uhr in die wartende Menschenmenge eingereiht und dem Vorbeidefilieren der zwölf Apostel zugesehen haben, setzen wir uns auf eine der Bänke vor dem Johannes-Hus-Denkmal und lassen den wunderschönen Platz auf uns wirken.

Prag ist eine übersichtliche Stadt. Alle Sehenswürdigkeiten liegen in einem relativ kleinen Radius beieinander. Zwar ist man müde, wenn man von der Nove Mesto, der Neustadt über den Wenzelsplatz zur Stare Mesto und durch die Josefstadt zum Hradschin und wieder über Karlsbrücke zurückgelaufen ist, aber nach diesem langen Spaziergang hat man auch die meisten Sehenswürdigkeiten zumindest in einem ersten flüchtigen Eindruck gesehen.

Mehr als schnuppern an diesem, vom Krieg unzerstört gebliebenen, Prag wollen wir diesmal auch gar nicht. Man kann ja jetzt, da die Grenzen offen sind, wiederkommen.

Prag gefällt mir: Die Kleinseite mit den verwinkelten Sträßchen, die Burg mit dem imposanten Veitsdom und dem niedlichen Goldenen Gässchen, das Altstädter Rathaus, die eigenartige, von Barockhäusern umgebene Teinkirche und nicht zuletzt das rege Leben und Treiben auf der Karlsbrücke, der ältesten Brücke über die Moldau mit ihren zwar rußschwarzen, imposanten Statuen. Ein quirliges Durcheinander herrscht auf dieser Brücke: Porträtisten, Musikanten, Aktionskünstler, eine Viermann-Band, die fröhlichen New Orleans-Jazz spielt und viele Menschen, die auf den Brückenbrüstungen sitzen und die warme Sonne genießen.

Wir versuchen, Karten für das berühmte Laterna-magica-Theater zu erhalten, aber das ist aussichtslos. Die Schaufenster in den Geschäftsstraßen sind weniger elegant als in Budapest. Man merkt den Vorsprung mehrerer Jahre, den die ungarische Metropole Prag voraushat. Zufällig kommen wir an der Nationalgalerie vorbei. Werke von Andy Warhol werden ausgestellt. Doch leider sind auch in Prag montags die Museen geschlossen. Aber just, als wir an der Eingangspforte vorübergehen, öffnet sich diese und eine Gruppe von Männern tritt heraus. In ihrer Mitte Vaclav Havel, der Präsident und politische Glücksfall für diesen neuen Staat. Von großer Statur, aber in einem unscheinbaren Lederjäckchen und sehr salopper Kleidung wirkt dieser sympathische Literat etwas unbeholfen inmitten seiner die staatsmännische Wichtigkeit unterstreichenden Begleitung. Ildiko wird höflich gebeten, zur Seite zu treten. Havel lächelt. Wahrscheinlich bilde ich mir nur ein, dass er meine Frau anlächelt. Andere Passanten erkennen ihn nun auch, winken. Havel winkt zurück und verschwindet dann in einem bereitstehenden Auto. Wir sind ganz gerührt von dieser Begegnung. Sie passt zu diesem Tag, dem Sonnenschein und unserer aufgeräumten Stimmung. Ja, Prag macht Spaß. Trotzdem wollen wir am nächsten Morgen weiter.

Am Abend erweist es sich als schwierig, etwas zu essen zu bekommen. Alex, ein Altberliner Lokal ist voll, bei drei anderen Restaurants werden wir ebenfalls abgewiesen und erst beim fünften haben wir Glück. Eigentlich rutschen wir nur so zufällig mit einer Reisegruppe am Wächter vorbei ins Reich der Oberkellner. Die Bräuche sind streng hier. Zwar sind mehrere Plätze frei, aber ob jemand herein darf oder nicht, bestimmt nach unerfindlichen Gesetzen die Kellnerschar. Wir jedenfalls bekommen Speis und Trank und bewundern die herrliche, trotz einer gewissen Verwahrlosung beeindruckende Sezessionshalle. Jugendstil pur. Großflächige Gemälde an der Stirnseite des Raumes. Die Garderobenfrau meint, es seien echte Muchas. Am Wenzelsplatz trinken wir in einem Café noch ein Glas Wein. Auch dieses Lokal beeindruckt mit seinem Sezessionsstil. Nur die vier Kronleuchter passen nicht zum Ambiente der übrigen Beleuchtungskörper und auch die Sitzgelegenheiten sind eher sozialistische Massenware. Um 23.00 Uhr schließen die Türen. Man geht immer noch früh zu Bett im nachsozialistischen Prag. Also tun wir das auch. Müde genug sind wir von diesem langen Tag auf den Beinen.

Dresden

Bis um 9.00 Uhr haben wir die Parkplatzgebühren bezahlt. 22 Kronen für eine weitere Nacht. Wir haben gut geschlafen und lassen Prag hinter uns.

Zwischen Prag und Dresden beträgt die Entfernung rund 150 Kilometer. Landstraße, von langsamen und stinkenden Lkws frequentiert, eng, kurvig und zum Teil in schlechtem Zustand. Kein angenehmes Fahren. Und es riecht nach ungefilterter Industrie und Hausbrand. Der Gestank des Sozialismus, den wir zum ersten Mal am 3. Januar 1990 kennenlernten, als wir neugierig auf das unbekannte Land jenseits der Mauer die Grenze zur DDR überquerten, um nach Heiligenstadt in Thüringen zu fahren.

Irgendwo zwischen Prag und Dresden werden wir von der Hauptstraße an einem größeren Industrieort vorbei umgeleitet. Die Landschaft wird überragt von einem Dutzend Schloten, aus denen sich grauschwarze Rußfahnen gleichmäßig über das Land ausbreiten. Die Häuser sind schwarz getönt und das, was links und rechts der Straße aus dem Boden ragt, kann man kaum noch als Bäume bezeichnen. Dürre, blattlose, verdorrte Äste fingern erbarmenswürdig in den fahlen Himmel. Die Wiesen wirken stumpfgrün. Wie mögen sich die Menschen fühlen, die hier leben! Vielleicht haben sie sich an das Leichenhafte der Landschaft gewöhnt.

Ein Schild weist auf die Gedenkstätte Terencin hin. Wir sind uns nicht sicher, ob es sich dabei um Theresienstadt handelt. Die Landkarte der KZs ist uns nicht geläufig. Wenig später gibt es keinen Zweifel mehr. Sie gleichen einander, die Vernichtungslager der Nazis, auch von außen: die Mauern, die niedrigen Barackenbauten, der weite Vorplatz. Erinnerungsstücke des tausendjährigen Reiches. Was ist von dieser grauenhaftesten Epoche deutscher Geschichte sonst noch auf die Nachwelt gekommen außer Auschwitz, Buchenwald, Theresienstadt, Dachau. Entsetzliche Hinterlassenschaft. Zum ersten Mal auf dieser Reise kommen Spannungen zwischen Ildiko und mir auf. Ich möchte Theresienstadt besichtigen, fühle so etwas wie Schuld und glaube nicht, einfach so vorbeifahren zu dürfen. Ildiko weigert sich, möchte sich nicht deprimieren lassen. Sie habe schon so viele dieser Lager gesehen, eines sei wie das andere, hinterlasse nur Beklommenheit. Vielleicht hat sie recht. Wir fahren vorüber.

Bald sind wir in Teplice, dem früheren Teplitz-Schönau. Ich kann mich an Erzählungen meiner Eltern erinnern, die häufig diesen Ort besuchten und davon schwärmten. Wie Marienbad und Karlsbad war auch Teplitz ein berühmter Platz mit Hotels und einem internationalen Kurbetrieb inmitten herrlicher Landschaften. Was haben die vierzig Jahre Sozialismus daraus gemacht! Eine einfallslose, schmutzige Stadt, ein Marktplatz mit Betonklötzen und einigen wenigen Häusern, die noch etwas vom Glanz vergangener Zeiten ahnen lassen.

Wir besitzen noch 370 Kronen und die bis zur letzten Münze auszugeben erweist sich als gar nicht so leicht. Bücher haben wir schon genug gekauft, Kosmetika und Kleidung sind uninteressant. Also kaufen wir zwei Paar Schuhe, eins für mich, eins für Patrick auf Verdacht. Für umgerechnet ganze sechzehn Mark. Ein unanständiger Preis. Allerdings sind dem Einkauf Schwierigkeiten in den Weg gelegt: Am Eingang zum Laden wartet eine Menschenschlange, das Geschäft selbst ist fast leer. Erst wenn ein Kunde herauskommt und sein Körbchen an den nächsten Wartenden weitergibt, darf dieser den Verkaufsraum betreten. Etwa zehn Körbe sind so im Umlauf. Sechs Verkäuferinnen passen auf, dass alles ordentlich zugeht, beraten tun sie kaum. Und die Menschen warten geduldig auf ihre Eintrittskarte ins Paradies. Endlich haben auch wir eines der verbogenen Drahtkörbchen ergattert. Danach besitzen wir immer noch 22 Kronen. Ildiko zieht es in einen Schreibwarenladen. Auch hier wartet geduldig eine Schlange von Kunden. Körbchen gibt es hier nicht. Dafür wird man bedient und muss der Verkäuferin genau sagen, was man möchte. Für einen Füllfederhalter und ein Gläschen Tinte reicht das Geld noch.

Wir fahren durch das Elbsandsteingebirge. Da, wo früher wohl einmal Wälder standen, sind jetzt ausgedehnte Kahlschläge zu sehen. Was einmal Wald war, sieht entsetzlich aus. Baumleichen klagen himmelwärts. Kaum noch ein Baum, den man als nur geschädigt bezeichnen könnte. Man sollte Besichtigungstouren veranstalten, um allen Menschen vor Augen zu führen, wie tote Wälder aussehen und was Waldsterben im Endzustand bedeutet.

Dann sind wir in der DDR, in der seit einer Woche ehemaligen. Wie nennt man das Kind denn nun? Ostdeutschland, Mitteldeutschland, die fünf neuen Bundesländer? Von einigen Mauern und Wänden blicken uns die zukunftsfrohen und vertrauenerweckenden Gesichter Kurt Biedenkopfs und Anke Fuchs' an. Wir sind in Sachsen, der lustlose Wahlkampf ist gelaufen und brachte eine absolute Mehrheit für die CDU. Ich bin deprimiert in Hinblick auf die Bundestagswahlen am 2. Dezember.

Am frühen Nachmittag sind wir in Dresden.

Am Elbufer unter der Friedrichsbrücke stellen wir neben einigen anderen Wohnmobilen unser Fahrzeug ab und laufen die knapp tausend Meter bis zu dem Teil Dresdens, der der Stadt den Namen Elbflorenz eintrug. Die ehemaligen Prunkgebäude zeigen sich in schlimmstem Verfall, tiefschwarz von Ruß und Abgasen, als ausgebrannte Ruinen wie das Taschenbergpalais oder sie sind mit Baugerüsten verstellt. Der Krieg ist seit fünfundvierzig Jahren beendet, aber hier entsteht der Eindruck, als sei er es erst seit kurzem. Touristen wie wir schwärmen durch diese Trümmerlandschaft und suchen vermutlich nach den Spuren ehemaliger Herrlichkeit. Aus dem Gewandhaus hat man ein Hotel gemacht, einen sozialistischen Feudalschuppen. Selbst die Semperoper, deren Wiederherstellung im Inneren vor Jahren den Ruhm des Arbeiter- und Bauernstaates in alle Welt trug, sieht äußerlich schäbig aus. Es wird Unsummen kosten, bis das alles wieder in historischem Glanz einen Besuch wert ist. Wir flüchten uns ins Museum und genießen die alten Meister.

Ein kurzer Bummel in das wiedererbaute Dresden erweist sich als noch deprimierender. Unendlich breite Straßen, deren Überquerung fast einer Wanderung gleichkommt und dann auf der anderen Seite nur wieder triste Betonkästen, breite Straßen und öde Plätze. Wie schön war da doch Prag mit seiner belebten Enge. In unserer Verzweiflung gehen wir essen. Das Menü ist gut und der Ober freundlich. Wenigstens das.

Es ist noch nicht acht Uhr. Um diese Zeit können wir uns doch noch nicht ins Wohnmobil verkriechen. Zunächst aber finden wir einen anderen Standplatz, näher an einer öffentlichen Toilette, unter der Brücke mit dem schönen russischen Namen Georgy Dimitroff. Wer war dieser Volksheld? Nach einer Stunde Ausruhen raffen wir uns dann noch einmal auf. Über die Brücke zur ‚Straße der Befreiung‘. Namen sind nicht nur Schall und Rauch, sondern sie zeugen auch von der Fantasie ihrer Geber. In dieser Prachtstraße, hat eine nette Buchhändlerin Ildiko gesagt, ergehen sich die Dresdner gerne. Geschäfte links und rechts der breiten Allee in den Gebäuden, die das Können sozialistischer Betonbauer bezeugen. Die Auslagen entsprechen inzwischen dem westlichen Standard und unterscheiden sich kaum noch vom Warenangebot in Düsseldorf, Deggendorf oder Castrop-Rauxel. Warum sollten sie auch? Wir sind ja in der Bundesrepublik Deutschland. Nicht, dass ich das bedaure, aber es passt alles nicht so richtig zusammen. Was zusammengehört, wird zusammenwachsen, aber braucht seine Zeit. Vielleicht lohnt es sich in ein paar Jahren, nach Dresden zu fahren.

Auf der Suche nach einem Lokal geraten wir in den Meißner Weinkeller. Ein künstlich zum Weinlokal stilisierter Keller in einem Neubau, in dem alles unecht wirkt. Die Akustik stimmt nicht, man versteht jedes Wort, das an den Tischen im Umkreis gesprochen wird, die pseudovornehmen Sessel sind zu weich und man sitzt sich Schwielen auf dem durchdrückenden Holzgestell. Die Empfangsdame ist zu penetrant höflich und sortiert die Gäste, der Wein ist mit neun Mark für einen Viertelliter zu teuer. Ich kann mir gut vorstellen, dass hier die Funktionärsclique des Rates der Stadt Dresden und die Stasi-Oberen ihre illustren Gäste bewirteten. Wir zahlen bald. Die Luft im Gewölbe ist stickig. Draußen ist es kühl und stinkt nach Abgasen.

Nachts ist es laut auf der Terrasse am Elbufer. Als ich einmal austreten muss, pinkele ich in Ermangelung einer Toilette in die Elbe. Schmutziger kann der Fluss davon auch nicht werden.

Bevor wir am Morgen Dresden ohne Abschiedsschmerz verlassen, findet Ildiko noch ein Fotomotiv: Eine Moschee, die 1909 als Zigarettenfabrik errichtet wurde. Glimmstängel mit dem exotisch klingenden Namen ‚Yenidse‘ wurden dort hergestellt. Das Minarett ragt in den Himmel, Wahrzeichen einer Industrie, die sich als Kultur gerierte. Die Honeckers sind dem Verwendungszweck treu geblieben, haben ein Tabakkontor daraus gemacht und eine hässliche Fabrikhalle neben das Prachtgebäude gesetzt.

Weimar

Um neun Uhr sind wir auf der Autobahn Dresden Chemnitz. Das heißt, ich verfahre mich ein wenig, gerate versehentlich in Richtung Berlin. Es soll wohl so sein, dass wir uns wenigstens von außen noch das Schloss Moritzburg ansehen. Wenigstens ein guter Eindruck. Das Jagdschloss, in dem Käthe Kollwitz starb und das eine Gedenkstätte der Malerin beherbergt, ist in gutem Zustand. Die Sandsteinfiguren auf der Brücke davor sind allerdings auch angenagt von der allgegenwärtigen Umweltverschmutzung.

Gestern hörte ich in den Nachrichten, dass die Unfallzahlen in der DDR im September ebenso hoch waren wie im ganzen vergangenen Jahr. Kein Wunder: das Autofahren ist ungleich gefährlicher als im Westteil dieses unseres Vaterlandes. Keine Standspur auf der Autobahn, keine Spuren zum Einfädeln, kein gesicherter Mittelstreifen. Hin und wieder blockieren liegen gebliebene Lkws die rechte Spur und erweisen sich als gefährliches Hindernis. Einspurige Verkehrsführung alle zwanzig Kilometer und man sieht meist nicht ein, warum. Einmal streichen zwei Arbeiter eine Brücke und dafür ist eine Seite der Autobahn auf fünfzehn Kilometer gesperrt, ein anderes Mal steht ein Trabbi quer über die Fahrbahn. Wiederum zehn Kilometer einspurige Verkehrsführung. Das Verkehrsaufkommen ist gewaltig. Lkws in beiden Richtungen, Unmengen westlicher Kennzeichen und neu zugelassener Fahrzeuge westlicher Marken. Die Staus und Unfälle sind vorprogrammiert. Am Abend stehen wir mehr als eine Stunde im Stau auf der Autobahn vor Erfurt. Eine Einengung auch hier ohne einsehbaren Grund. Man kann nur fluchen oder verzweifeln. Schon am Abend in Dresden haben wir uns entschlossen, heute zu Hause anzukommen. Wir haben keine Lust mehr, herumzustromern.

Weimar, der letzten Station der Reise sieht man an, dass es einmal eine schöne Stadt war und es hat auch gute Chancen, wieder eine solche zu werden. Die alte Bausubstanz ist erhalten geblieben, bedarf nur der Restaurierung. Und überall ist man bereits dabei. Baugerüste an den Häusern am Markt, an der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik, an vielen anderen Gebäuden.

Der unverständliche Schlendrian feiert aber immer noch Urstände: Zwischen zwölf und zwei Uhr sind alle Sehenswürdigkeiten, selbst die Stadtkirche geschlossen. Die werktätige Bevölkerung braucht ihre Mittagspause. Wir nutzen die Zeit, um zum historischen Friedhof zu laufen. Die Toten halten keine Mittagsruhe. Die Goethe- und Schillergruft ist geöffnet. Die beiden Dichter haben in ihren Eichensarkophagen den zentralen Platz in dem Raum. Die großherzogliche Familie muss sich mit den seitlichen Rängen begnügen. Aus der russisch-orthodoxen Kirche hinter der Gruft erklingt Gesang: ein sonorer Bass im Wechsel mit einem klaren, klingenden Sopran. Wir stören die wenigen Gläubigen nicht in ihrer Andacht. Der Friedhof, letzte Stätte so vieler Künstler der Goethezeit, strahlt Ruhe und Geborgenheit aus. Wer hier ruht, ruht gut und in bester Nachbarschaft.

Natürlich sind Goethehaus und Museum Hauptanziehungspunkt der Stadt. Goethes Haus am Frauenplan, weitgehend in dem Zustand, in dem es der Deutschen Dichterfürst in seinen letzten Lebensjahren bewohnte, spiegelt die klassische Ruhe und Ausgeglichenheit ihres Bewohners wieder. Die siebzehn Räume, die sich hufeisenförmig um einen Innenhof gruppieren, sind jeder für sich ein kleines Museum des Sammlers Goethe. Eine Vielzahl von Büsten, erlesene Gipsnachbildungen antiker Stücke, belebt die Interieurs. Zeichnungen Goethes und Gemälde von ihm bevorzugter Künstler schmücken die Wände. Der Gang durch das Wohnhaus ist eine behutsame Annäherung an den genialen Dichter. In den Vorräumen zum Arbeitszimmer entdeckt man Teile der Mineraliensammlung und die Bibliothek ist zum Schutz der Bücher in dämmriges Halbdunkel gehüllt. Im Arbeitszimmer, ausgestattet mit Büchern und Mineralien steht der Schreibtisch vor dem Fenster zum Garten. So konnte Goethe sich während der Arbeit immer wieder an der blühenden Natur erfreuen. Neben dem Arbeitszimmer gibt es ein kleines Räumchen mit Bett, Schrank und Paravent. Nachdem seine Frau Christiane gestorben war, mochte Goethe nicht mehr im gemeinsamen großen Schlafzimmer ruhen.

Der gepflegte Garten verlockt auch heute noch zu kleinen Spaziergängen. Zwischen Hecke und Mauer ein schmaler Weg vom Gartenhaus zur Laube. Gespräche mit Charlotte von Stein. Goethes Kutsche, vor Berührung geschützt, steht in einem verschlossenen Raum.

Das Museum ist ein mehrtägiges Studium wert. Die thematische Ausgestaltung der einzelnen Räume mit ihren Bildern, Zitaten, Zeitzeugnissen könnte die Lektüre manches Buches über den Dichter ersparen. Man erfährt vieles beim Hindurchgehen, Schauen, Lesen. Mit Faust fängt der Rundgang an und mit Faust schließt er. Dazwischen liegen fast ein Jahrhundert und ein Lebenswerk, das so voll und so erfüllt ist, dass man beinahe zusammenbricht unter der Last des Versuches, es in seiner Gesamtheit zu erfassen. Ich möchte wiederkommen und Goethe in seinem Wohnhaus näher kommen, doch für diesmal reicht es.

Für das Schillerhaus reicht die Zeit nicht mehr, außerdem möchte Ildiko noch die Gemälde im Schloss sehen. Auch hier nagt der Verfall und Restaurierung tut not. Der reiche Bestand ist reduziert und in wenigen Abteilungen des weiträumigen Gebäudes zusammengefasst. Das zweite Stockwerk ist zurzeit nicht zu besichtigen, die Ausstellungsstücke des Bauhauses sind überhaupt eingemottet, können, wie mir ein Museumsbediensteter sagt, nicht adäquat präsentiert werden. Es wird noch eine Zeit dauern, bis alles zu besichtigen sein wird.

Auch Ildiko, sonst in Kunstgeschichte und Museumskunde fast unschlagbar, wusste nicht, welch ein reicher Bestand von Gemälden Lucas Cranachs hier in Weimar hängt. Satte Farbigkeit und Charakterstudien, die weit über die Zeit ihres Schöpfers hinausragen. Gesichter, die Geschichten erzählen. Ich wusste wenig über Cranach, aber nun hat er gute Chancen, mir etwas zu bedeuten.

Nach soviel Kultur können wir einem Stück Torte im nahe gelegenen Café Resi nicht widerstehen. Dann aber drängt es uns nach Hause. Mit gut zwei Stunden Fahrt rechne ich. Aber der besagte Stau kommt dazwischen und so dauert es fast vier Stunden, bis wir wieder Heimatluft, sauberer und weniger abgasgeschwängert, schnuppern.

Wir sind froh, wieder zu Hause zu sein.

3. Durch Amerikas Westen (1990)

Vorspiel

25. März 1990: Heute Nacht wurden die Uhren auf die Sommerzeit umgestellt. Der Frühling ist drei Tage alt, doch nach Zwischenspielen im Februar und Anfang März hat er sich noch einmal in den Schmollwinkel zurückgezogen: es ist kalt heute Morgen.

Ich habe Zahnschmerzen und eine geschwollene Backe. Meine Nervosität wächst. Nicht wegen der dicken Backe oder der Sommerzeit, nein, die USA, Kalifornien, Los Angeles und San Francisco sind die Ursache des Kribbelns in der Magengegend. Wir fliegen am Donnerstag, den 29. März nach Los Angeles. Das ist schon aufregend, denn Amerika ist immer noch so etwas wie ein Traum für einen Europäer: die neue Welt, die großen Weiten, das andere Lebensgefühl.

An einem Samstagmorgen Ende Februar war ich früh aufgestanden und ich las in aller Seelenruhe Zeitung. Außer DDR, Wiedervereinigungsgezeter und gesamtdeutschem Spektakel war nichts Wesentliches passiert. Ich komme schnell zum Anzeigenteil. Unter ‚Reisen‘ fällt mir eine kleine Anzeige ins Auge: „Wegen Rücktritts USA-Reise Los Angeles - San Francisco für vier Personen inkl. Wohnmobil günstig abzugeben.“ Ich rufe kurz vor neun an, doch niemand geht ans Telefon. Eine halbe Stunde später bekomme ich den Anschluss: Ja, die Reise ginge ab Frankfurt über London nach Los Angeles, dort übernähme man ein Wohnmobil und drei Wochen, später ginge es ab San Francisco wieder nach Hause. Das Ganze koste für vier Personen siebentausend Mark. Ich bedanke mich und sage, dass ich gegebenenfalls zurückrufe. Da die übrigen Familienmitglieder immer noch ihren Träumen nachhängen, schwinge ich mich aufs Fahrrad, nehme unseren Hund an die Leine und mache eine Runde durch den Park. Dabei kann man gut nachdenken: Amerika, das wäre doch etwas, zumal wir für Ostern noch keine Urlaubspläne haben. Allerdings sind siebentausend Mark auch ein ganz schöner Batzen. Ich komme leicht aufgekratzt nach Hause. Ildiko sitzt am Frühstückstisch und liest Zeitung. Wenn sie das tut, vermag kaum etwas sie zu stören. Also versuche ich es gar nicht erst. Wenn die Kinder hoffentlich irgendwann zum Frühstück auftauchen, werde ich das Bömbchen platzen lassen.

Endlich: Was haltet ihr davon, wenn wir in den Osterferien nach Amerika fliegen? Schweigen, Überraschung, fragende Blicke. „Was soll das?“ Ich berichte. Natürlich herrscht bei den Kindern nicht der geringste Zweifel, dass wir uns in dieses Abenteuer stürzen. Julia fragt zwischendurch mal zaghaft, ob wir denn das Geld hätten. Als ich bejahe, dass das zurzeit wohl ginge, sind die letzten Unsicherheiten beseitigt. Ildiko zögert: In ein Land mit so wenig Kultur! Eigentlich habe sie nicht den Wunsch..., doch in der ungestümen Begeisterung der Kinder versickern diese Widersprüche. Einen Haken hat das Ganze, berichte ich weiter. Die Reise beginnt am Donnerstagmorgen und die Ferien erst am Freitag. Die Kinder sind natürlich krank: Das ist nicht das Problem, aber wir, Ildiko und ich, als Lehrer an der gleichen Schule! Da die Reise Gestalt anzunehmen beginnt, rufe ich unseren Schulleiter an. Nach einem kurzen Gespräch haben wir die Genehmigung. Dennoch immer noch Zögern, auch bei mir. Gegen vierzehn Uhr rufe ich die Reiserücktrittsnummer an, in der Hoffnung, dass sich kein weiterer Interessent gemeldet hat und dass ich die Entscheidung bis zum Montag hinauszögern kann. Es hat sich einer gemeldet und der scheint wild entschlossen, die Reise zu übernehmen. Jetzt wirds auf einmal spannend. Ich werde in fünf Minuten wieder anrufen. Familienrat: Wer ist dafür, dass wir nach Amerika fliegen? Ildiko hat wenig Chancen und meint schließlich, sie mache mit und werde schon auf ihre Kosten kommen. Das genügt. Ich rufe an und sage zu. Eine halbe Stunde später sind wir im Reisebüro und leisten eine Anzahlung. Wir fliegen in den Osterferien nach Amerika!

Seitdem sind vier Wochen vergangen. Ich habe Reiseprospekte besorgt, Reiseführer studiert, Dollars eingetauscht, mir Plastikgeld und Travellerschecks besorgt, die Reiseroute auf der Karte eingetragen, Temperaturtabellen verglichen, und der Familie vorgeworfen, dass sie sich so wenig informiert. Seit drei Tagen liegen die Tickets der British Airways in der Schreibtischschublade und die Gutscheine für Hotelübernachtung und Wohnmobil. Morgen werden wir die Reisetaschen packen, Mittwoch nach der Schule nach Mainz fahren, dort bei meinen Eltern übernachten und uns am frühen Donnerstagmorgen mit dem Taxi zum Flughafen bringen lassen. Um 8.05 Uhr wird die Maschine planmäßig abheben und am Nachmittag des gleichen Tages werden wir amerikanischen Boden betreten.

Ich bin nervös, habe Zahnschmerzen und eine etwas angedickte Backe. Morgen um vierzehn Uhr muss ich zum Zahnarzt.

Die Reise

Zunächst ist der Zahn noch das Wichtigste. Die Röntgenaufnahme zeigt eine starke Entzündung. Der Arzt ist begeistert: ein richtige Lehrbuchfall, ein Zahn zum Ziehen. Penicillin, kühlen und warten, was sich tut. Nicht gerade das, was man sich vor einem Urlaub wünscht. Ich traktiere meine Backe mit Eis und packe meine Sachen. Egal, ob mit oder ohne Zahn, Amerika wartet. Zahnärzte, dentist surgeons, soll es ja dort auch geben. Außerdem fahren wir in den Wilden Westen und dort sind harte Männer gefragt, die mit einer Flasche Whisky die stärksten Schmerzen herunterspülen. Am Mittwochmorgen zeigt der Blick in den Spiegel, dass die Schwellung noch etwas größer geworden ist. Ein richtiges Hamsterbäckchen. Der Schmerz aber ist geringer geworden.

Zwei Stunden Unterricht, dann bin ich wieder beim Zahnarzt. Der ist richtig lieb und nimmt Anteil. Ich entscheide: Der Zahn kommt mit nach USA. Das Risiko, ihn ziehen zu lassen und die möglichen Folgen, scheint mir größer als eine eventuelle weitere Entzündung. Ich setze auf die Wirkung des Penicillins. Das Röntgenbild und eine zusätzliche Packung Tabletten nehme ich mit. Sicherheitshalber und falls ich in Amerika zum Zahnarzt müsste. Bis zum späten Nachmittag trödeln wir herum. Dann ab nach Mainz. Meine Eltern warten schon ungeduldig. Abendessen und früh ins Bett.

Donnerstag, 29.3.

Um 5.00 Uhr klingelt der Wecker. Kurzes Frühstück im Stehen und um 5.40 Uhr pünktlich steht das Taxi vor der Tür. Mein Gott, haben wir einen Haufen Gepäck: fünf schwere Reisetaschen und dann noch eine Menge Handgepäck. Mit Sicherheit haben wir viel zu viel mitgenommen: Klamotten für vier Jahreszeiten in drei Wochen und Lektüre für Monate und genug Schuhe zum häufigen Wechseln. Wir lernen es nie.

6.15 Uhr Frankfurt Flughafen. Patrick bekommt am British Airways-Schalter ein neues Ticket, da auf Ildikos komplizierten Namen versehentlich zwei ausgestellt wurden. Gepäckabgabe, einchecken, warten, aber die Zeit vergeht schnell.

Um 8.05 startet die Maschine. Die Anlaufgeschwindigkeit beim Start und das atemberaubende Abheben vom sicheren Boden sind am schönsten. Ich genieße das Kribbeln im Bauch und denke an den dämlichen Spruch, dass man runter allemal kommt. Dann fliegen wir über der dichten Wolkendecke, ruhig und sanft wie im Reisebus. Das Frühstück ist so reichhaltig, dass es auch bis zum Abend anhalten würde. Kurz vor dem Erreichen des Kanals reißt die Wolkendecke auf. Unter dem tiefblauen Himmel das Grau, Grün, Braun der Felder und Wiesen, der altbekannte Flickenteppich, die Küstenlinie, große Dünenflächen, das Meer.

Alles geht sehr schnell, kaum Zeit zu verdauen.

Wir sitzen in Gatwick in der Departure-Lounge und warten. Wir hätten jetzt alle vier Schule. Das macht das Warten angenehmer. Fast drei Stunden haben wir Aufenthalt. Endlich ist es so weit. Wir haben die Uhr eine Stunde zurückgestellt und um 12.00 Uhr hebt die Boing 747 ab zum Flug über den Großen Teich. Sie schießt himmelwärts, stößt durch die dichten Wolken über England und darüber dehnt sich unendliches Blau. Wir sitzen wie in einen komfortablen D-Zug, der fast schwerelos über die Schienen gleitet. Kein Beben, kein Schütteln, nur das gleichmäßige Röhren der Motoren. Die Zeit vergeht mit Essen, Dösen, Lesen. Zwischendurch läuft ein Film, den ich halb wach, die Kinder hellwach, zur Kenntnis nehme. Als ich nach Stunden aus dem kleinen Fenster schaue, sehe ich tief unten die Eisfelder Grönlands. Scholle an Scholle ewiger Winter. Drei Stunden später liegt die Wüste unter uns. Wie ein Bleistiftstrich zieht sich schnurgerade eine Straße durch das Gelb. Wir haben Kalifornien erreicht und landen um 14.00 Uhr, nach elf Stunden Flug, in Los Angeles.

Der Himmel ist bedeckt. In Deutschland ist es jetzt 23.00 Uhr. Wir warten auf unser Gepäck, die Passkontrolle und den Eintritt ins gelobte Land. Unsere Reisetaschen scheinen noch schwerer geworden zu sein. Wir sind zu warm angezogen und laufen ein wenig verschreckt in diesem Gewirr von Gängen, Hallen, Treppen und Schildern herum. Flughäfen sind wie Bahnhöfe: hektisch. Internationaler, farbiger, vielleicht spannender, aber nicht sympathischer. Nach sechzehn Stunden unterwegs sind wir ausgelaugt und müde. Bei der Immigrationskontrolle geht es sehr schnell. Keine Probleme, keine Formalitäten, ein Zettel im Pass.

Dann finde ich keinen Zubringer, keinen Shuttlebus zum Hotel. Das Hotel gibts in Downtown LA gar nicht. Pleite. Fängt ja gut an. Ich schwitze, bin Familienhaupt und der Einzige, der gut Englisch spricht. Die ganze Verantwortung lastet auf meinen Schultern. Weltmännisch wende ich mich an einen freundlichen Herrn an der Information und finde heraus, dass das Hyatt Regency in Anaheim liegt, etwa 40 Meilen vom Flughafen entfernt. Außerdem finde ich zum ersten, aber nicht zum letzten Mal heraus, dass die Amerikaner überhaupt nicht gut Englisch können: sie verstehen mich kaum und ich sie nur schlecht.

Ich telefoniere zum ersten Mal. Alles ist neu. Der Operator, eine Sie, erklärt mir, welche Münzen ich einzuwerfen habe. Etwas ungewohnt, mit der Vermittlungsdame zu sprechen und Erklärungen entgegenzunehmen, aber man fühlt sich nicht schlecht an die Hand genommen. Die Hotelrezeption erklärt mir kurz und bündig, ich solle ein blaues Super-Shuttle nehmen.

Vor dem Flughafen ein Gewirr von kleinen Minibussen in allen Farben. Alle haben es furchtbar eilig. Time is money. Wir finden tatsächlich eins, das bereit ist, uns nach Anaheim zu bringen. Unklar bleibt zunächst nur, ob wir den Transfer schon in Deutschland bezahlt haben. Wir zahlen die 50 Dollar aus der Reisekasse. Im Taxi erste Eindrücke von LA. Breite, vierspurige Autobahnen, links und rechts Ansammlungen flacher Häuser und Hallen und Autos, Autos, Autos. Der Fahrer, ein Schwarzer, fährt abenteuerlich. Blitzschnell fädelt er sich in jede noch so kleine Lücke ein. Die Fahrt scheint endlos. Julia und Patrick können kaum noch die Augen aufhalten. Nur ab und zu reißen die vielen unförmigen, großspurigen Autos unseren Sohn zu Begeisterungsrufen hin. Nach einer guten Stunde sind wir am Hotel: Ein bonbonrosafarbener Hochhausblock mit spiegelnden Glasfassaden, einer Säulenallee, die auf eine kitschige überlebensgroße Flamingogruppe zuläuft, die von Springbrunnen und einem kleinen Palmenhain umgeben, mitten im grünblauen, nach Chlor riechendem Wasser steht. Die große Hyatt-Eingangshalle ist beste Postmoderne, gläsern, durchsichtig, durchgestylt bis ins letzte Detail. Alles scheint für unser Portemonnaie eine Nummer zu groß zu sein, aber es ist ja schon bezahlt. Hoffen wir.

Das Zimmer ist hübsch, sachlich, funktional. Patrick entdeckt als erstes den mit 24 Programmen ausgestatteten Fernseher. Das Pay-TV bietet den ‚Rosenkrieg‘, den neuesten Filmhit. Die 15 Minuten, die unser Sohn im Halbschlaf davon wahrnimmt, kosten uns am nächsten Tag fast sieben Dollar. Ich rufe unser Motorhome-Unternehmen an, erreiche aber niemanden mehr. Next morning.

Auf unserer Zimmeretage liegt ein großer Dachgarten mit Swimmingpool, Whirlpool, Tennisplätzen. Das sprudelnde, warme Wasser macht müde und frisch zugleich. Im Pool ist das Wasser zwar viel kälter, aber immer noch warm genug, um angenehm darin zu schwimmen. Julia, Ildiko und ich fühlen uns erfrischt und tatsächlich noch ein bisschen unternehmungslustig. Patrick schläft schon und ist durch nichts mehr wachzukriegen. Also gehen wir ohne ihn noch aus. Wir landen in einem kleinen Restaurant. Angenehm die Trennung zwischen Raucher und Nichtraucher: „Please wait, you will be seated.“ Non-smokers haben den größeren Teil. Die Karte ist vielfältig, verwirrend und die Speisen sind verdammt teuer. Das meiste kostet mehr als 10 Dollar. Wir bestellen das Billigste und fluchen über die amerikanischen Preise. Eiswasser gibts umsonst. Ildikos überbackener Käse und mein und Julias Toast entpuppen sich als riesige, wohlschmeckende, gut gewürzte und reich garnierte Portionen. Über die Preise sind wir danach auch nicht mehr so entsetzt. Am Nachbartisch isst eine Familie. Jeder hat auf dem Teller so viel, wie wir mit Mühe über den ganzen Tag verteilt schaffen würden. Wir sehen noch viele dicke Menschen in den nächsten drei Wochen.

Um 22.00 Uhr liegen wir im Bett, nach mehr als vierundzwanzig Stunden Wachseins.

Muss man Disneyland gesehen haben?

Nein, das muss man nicht.

Bei der Vorbereitung der Reise hatten wir Amerikareisende danach gefragt. Na ja, sagten sie, Disneyland, das seit eben ein Stück typisches Amerika. Und wenn man schon einmal da sei, dann solle man es sich doch ansehen.

Eigentlich wollten wir nicht. Doch wie der Zufall so spielt. Am Ankunftstag fuhren wir im Taxi an Disneyland vorbei. Unser Hotel liegt fünfzehn Minuten Fußweg von Disneyland entfernt. Unser Mietfahrzeug übernehmen wir ebenfalls in Anaheim, in unmittelbarer Nachbarschaft dieses ‚glücklichsten aller Plätze auf Erden‘. Kann bei solchem Zufall der Weg an Disneyland vorbeiführen?

Doch der Reihe nach.

Ich werde früh wach am ersten Morgen in Amerika. Die Backe ist zum Glück abgeschwollen. Das Frühstück fällt mangels Essbarem zunächst aus. Das heißt, vom Flug gibt es noch drei Portiönchen Marmelade. Die kann man auch mit dem Finger auslöffeln. Aber satt wird man davon nicht.

Zwischen 11.30 und 12.00 Uhr sollen wir abgeholt werden, um unser Motorhome zu übernehmen. Bis dahin sind wir verhungert. Doch glücklicherweise gibt es ein Hamburger-Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dort nehmen wir ein herrliches amerikanisches Frühstück zu uns: Pancakes, Ahornsirup, zwei Eier, ein wabbeliges Brötchen und Kaffee, soviel man will. Eine tolle Einrichtung, dass der Kaffee nicht portioniert ist. Die Bedienung kommt mit der vollen Kanne vorbei, fragt und füllt nach. Und das Ganze ist wirklich preiswert.

Um 11.30 ist der Bus von Go-Vacations am Hotel. Wir sind nicht die einzigen Deutschen, die auf ihr Motorhome warten. Bei der dritten Fuhre sind wir dabei und nach wenigen Minuten Fahrt, sehen wir unser rollendes Heim für die nächsten zwanzig Tage. Nach drei Stunden Einweisung, Versicherungsabschluss, Formalitäten nehmen wir unsere ‚Unit‘, Nr. 3416 in Besitz. Ein geräumiger Ford Econovan von fast sieben Metern Länge (24 Foot) und zwölf Fuß Höhe, klobig auf breiten Zwillingsreifen unter der Hinterachse. Innen ist alles vorhanden, was man braucht: Schlafgelegenheiten für fünf Personen, Sitzecke, viel Stauraum, Toilette und Dusche, ein großer Kühlschrank, Gasherd mit Backofen, Heizung und sogar eine Klimaanlage. Mit diesem Lkw werden wir nun den wilden Westen erobern.

Disneyland ist bis 24.00 Uhr geöffnet. Patrick möchte furchtbar gerne und er bekommt seinen Willen. Saumäßig teuer ist der Spaß aber schon: 110 Dollar. Gegen Ende unserer Reise sagt mir eine Amerikanerin, um Disneyland zu erleben, müsse man wieder Kind werden und mit großen staunenden Augen durch die Welt gehen. Na ja, vielleicht haben wir unsere Kindheit in Europa gelassen. Disneyland ist so etwas wie Amerika-Extrakt, gefriergetrocknet, steril und bunt wie eine Handvoll Gummibären. Ein bisschen hiervon und ein bisschen davon, Cinderella und Robinson Crusoe und Papageienballett, Futureland und Adventureland und Klimbimland. Alles verpackt in Licht, Flitter und bonbonfarbene Verkleidung. Ein Amerika im Westentaschenformat für kindliche Kinder und kindische Erwachsene. Ein Raddampfer, die ‚Mark Twain‘, schippert von unsichtbaren Seilen unter Wasser gezogen unter Tuten und des Captains tiefer Stimme vom Tonband über einen kleinen Teich durch lianenverzurrte, wasserfallgeschwängerte Wildnis und Indianerland. Die Rothäute am Ufer lachten sich wohl tot über die Weißen, wären sie nicht aus Plastik. Die Bergwerksbahn und der Gletscherexpress rasen auf Rollen zu Tal und die Mitfahrer und vor allem Mitfahrerinnen quietschen sich bei den hohen Geschwindigkeiten der Talfahrt die Seele aus dem Leib. Auf der Gletscherbahn dräut irgendwo beim Vorbeirasen ein Schneemensch und ein weißer Tiger fletscht die Zähne. Zwischen all dem Kitsch und Kram beginnt gegen 22.00 Uhr endlich die Micky-Maus Parade. Die Goofys, Dagoberts, Plutos und die Statisten in den farbenprächtigen Kostümen spielen Carneval in Rio und singen und tanzen den allabendlichen Mardi Gras. Kameras surren und Fotoapparate klicken. Höhepunkt dieser glücklichen Welt ist die Future-World. Hier tobt sich im ‚Krieg der Sterne‘ die Technology der neuen Welt aus. Perfekte Illusion, Geschwindigkeit und Nervenkitzel, Disneys Inszenierung der Reise in ferne Galaxien.

Kurz vor Mitternacht haben wir genug von dem Rummel und sind überfüttert vom Licht- und Tonspektakel dieses amerikanischsten aller amerikanischen Vergnügungsparks. Erschöpft und todmüde kuscheln wir uns das erste Mal in die Betten unseres Schlafmobils.

Nein, Disneyland muss nicht sein.

Getti und die schönen Künste.

Der RV-Park, auf dem wir unsere erste Nacht im Wohnmobil verbracht haben, ist eigentlich nur ein großer Parkplatz. RV steht für recreation vehicle, Erholungsfahrzeug. Der europäische Begriff Campingplatz stimmt für Amerika sowieso nicht, denn das, was man auf dem Kontinent findet, sucht man hier in der Regel vergebens: Zelte und Wohnwagen. Stattdessen Wohnmobile von unglaublichen Ausmaßen. Die Größenvorstellungen sind einfach andere und die bisweilen spartanische Einfachheit, mit der wir in Europa bei einem Campingurlaub zufrieden sind, ist wohl für Amerikaner unvorstellbar. Unser Motorhome mit seinen sieben Metern ist eines der kleinsten. Rundherum stehen Fahrzeuge von der doppelten Länge und manchmal noch mehr, auch Caravans, die nur noch mit einem Sattelschlepper zu transportieren sind. Viele dieser mit allem Komfort ausgestatteten Monstren stehen ständig auf den RV-Plätzen. Aber auch auf den Straßen begegnen uns häufig diese rollenden Häuser einer Nation, die sich der Freizeit-Mobilität verschrieben zu haben scheint. Oft hängt hinten ein Jeep oder ein Pkw dran, rollt mit zum nächsten Standplatz, um dort für kleinere Ausflüge zur Verfügung zu stehen.

Patrick ist früh aufgestanden und fotografiert Straßenkreuzer. Viele Amerikaner wohnen auch auf den RV-Parks. Immer wieder finden wir Anlagen, von einem Zaun umgeben, auf denen mehr oder weniger fest installiert, Caravans und Mobile Homes stehen.

Nach dem Frühstück brechen wir auf. Das J. Paul Getti-Museum in Malibu ist unser Ziel. Ildiko möchte Kunst sehen.

Zum Glück haben wir einen guten Stadtplan von Los Angeles. Landkarte wäre allerdings der treffendere Begriff. Denn dies ist keine Stadt, sondern eine ausgedehnte Ansammlung von Siedlungen mit hallenförmigen Flachbauten, Wohncontainern, umzäunten Bungalows und kleinen Häuschen. Werbeflächen und Palmen überragen das Einerlei. Irgendwo in der Ferne sieht man eine Ansammlung von Hochhäusern. Dort muss Downtown sein. Und diese ‚Unstadt‘, die sich Los Angeles nennt, mit ihren mehr als acht Millionen Einwohnern dehnt sich über 1200 Quadratkilometer entlang der Pazifikküste aus. Ein weitmaschiges Netz von vier bis fünfspurigen Highways und Freeways, ein Gewirr von Autobahnen, durchzieht dieses Gebilde. Der Verkehr rollt zügig, aber verglichen mit unseren Geschwindigkeitsvorstellungen eher langsam. Kaum jemand fährt schneller als 60 Meilen. Man kommt, wenn nicht gerade Rushhour ist, überall gut durch und das Fahren ist nicht besonders anstrengend.

Wir haben in Anaheim übernachtet und bis Santa Monica im Norden, auch das gehört zu L.A., sind es etwa vierzig Meilen, etwa die Hälfte der Nord-Süd-Ausdehnung dieses Molochs einer Stadt. Nach einer guten Fahrtstunde sind wir da.

Auf einem Hügel an der Strandstraße, inmitten eines Parks liegt die Villa des J. Paul Getti, die das Museum der Getti-Stiftung beherbergt. Vor 14 Tagen ging es durch die Schlagzeilen der Weltpresse, hat es doch das teuerste Gemälde der Welt, Van Goghs Schwertlilien, gekauft. Ich hatte im Reiseführer gelesen, dass Fußgänger keinen Eintritt ins Museum erhalten. Entweder man kommt mit dem Auto zum museumseigenen Parkplatz, mit dem Taxi oder per Bus, wobei man das vom Busfahrer abgestempelte Ticket vorweisen muss. Die Erklärung dieser Bestimmung erhalte ich vor Ort: Malibu ist der Wohnsitz der Reichen und man möchte keine parkenden Autos vor den Villen. Also hat man mit der Getti-Stiftung eine Regelung getroffen, die verhindern soll, dass Besucher mit dem eigenen Fahrzeug kommen. Ob das funktioniert? Wir dürfen hinein, obwohl wir als Fußgänger ankommen. Allerdings muss ich unser Fahrzeug an einem öffentlichen Parkplatz abstellen. Vielleicht haben wir auch nur Glück mit dem Parkwächter, der die Besucher vorsortiert, jedenfalls lässt er uns passieren.

Der Herr über das Museum, J. Paul Getti, wurde unermesslich reich durch Erdöl, das schwarze Gold. Und vielleicht, weil es in seinem armen Leben als Millionär nichts mehr zu erleben gab, entdeckte er seine Liebe für die Kunst, vor allem die der Griechen, Römer und der Renaissancemalerei. Er machte sich auf ins alte Europa und begann aufzukaufen, was immer er an Schönem und Altehrwürdigem finden konnte, wobei Geld keine Rolle spielte, und er ließ die Kostbarkeiten in seine Villa an der kalifornischen Pazifikküste schaffen. Als diese zu klein wurde, um auch noch darin zu wohnen, wurde sie ein Museum, perfekt umgestaltet als stilechtes Ambiente für all die Kunstschätze. Getreu nach den Grundrissen einer römischen Villa im antiken Herculaneum, die im Aschenregen des Vesuv begraben wurde, entstand hier ein Stück Rom, so geschichtsgetreu, dass man sich in die Antike zurückversetzt fühlt. Vieles ist echt, manches nachempfunden. Selbst die Vegetation spielt mit, sind doch hier Flora und Fauna dieselben wie im Südzipfel Italiens. Es gibt Parkanlagen, Wasserspiele, zierliche Statuen, Palmen, mediterrane Blütenpracht und einen meist blauen Himmel. Betritt man das Gelände durch den herrlichen Park, strahlt Reichtum aus allen Ritzen und Fugen. Selbst die Toiletten in der weiträumigen Garage, die nur für die Museumsbesucher zur Verfügung steht, sind aus reinstem Marmor.

Und dann die Sammlungen in den einzelnen Räumen! Jeder Saal ist den Exponaten entsprechend gestaltet: Mosaikfußböden, Wandmalereien, Gobelins, Rokokomöbel, Einrichtungsstücke aus der Zeit Ludwigs XIV.. Es gibt sicherlich Museen, die mehr bieten, aber wohl kaum eines, in dem Ausstellungsraum und Exponate solch eine harmonische Einheit bilden. Die Plastiken, Vasen, Gemälde, Grafiken sind vom Besten, was die 2000-jährige europäische Kultur hervorbrachte. Rundherum gediegene Vornehmheit, Freundlichkeit, Höflichkeit. Getti hat noch zu Lebzeiten das Museum in eine Stiftung umgewandelt und so wird hier geforscht und weitergesammelt und gesichtet. Man ist Gast in diesem Prunkstück eines kultivierten Sammlers und zahlt keinen Pfennig dafür.

Nach drei Stunden verlassen wir, um einige kulturelle Erfahrungen reicher geworden, dieses beeindruckende Museum. Vielleicht hätte J. Paul Getti mit seinem vielen Geld Besseres anfangen können, aber die Idee, seinen Landsleuten ein kunstvolles Stück Europa nahezubringen, war nicht die Schlechteste.

Wir fahren nach Süden, verlassen Los Angeles und nach etwa achtzig Meilen auch den Freeway, um auf der Küstenstraße weiterzufahren. Zufällig erblicke ich am späten Nachmittag ein Schild, das auf den State Park South Carlsbad hinweist. Ein wunderschön an der Steilküste gelegener Campingplatz, der mit zehn Dollar noch dazu recht billig ist. Alles ist einfach, praktisch und sauber. Warme Duschen gibt es auch. Die Kinder sind müde, Ildiko und ich machen noch einen Klippenbummel, hören in das Rauschen der heranbrandenden Wellen und genießen den sternenklaren Abend.

Balboa Park