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Das Leben des Psychoanalytikers Adrian Sur gerät aus den Fugen, als seine Patientin, die junge Anwältin Sibylle Moor in Berlin tot aufgefunden wird. Mit fachmännisch gebrochenem Genick. Amina Reshad, Kriminalkommissarin mit britisch-indischem Hintergrund, muss ein verstörendes Rätsel um emotionalen Missbrauch und sexuelle Grenzverletzungen lösen. Bei ihren Ermittlungen wird sie wird damit konfrontiert, wie Menschen Verlust und Traumatisierungen bewältigen und wie existentielle Kränkungen sich noch jahrzehntelang auswirken können, manche zu Opfern werden lassen und manche zu Tätern. Haben wir eine Wahl? Rezension der 2015 unter dem Pseudonym Andreas Oberholz bei Brandes & Apsel erschienenen Druckausgabe: "Ich möchte diesen Text allen Lesern dringend ans Herz legen. Ans Herz deshalb, weil mir dieser Roman direkt aus dem Herzen eines analytischen Psychotherapeuten geflossen zu sein scheint. Über lange Passagen drängte sich mir der Eindruck auf, dass dieses Buch sich eigne als Lehrbuch der analytischen Psychotherapie sowohl für Auszubildende als auch für Fortgeschrittene ... Natürlich ist dies kein Lehrbuch, sondern ein Kriminalroman und hier liegt die zweite große Qualität des Textes ...Die Kunst des Textes liegt dabei insbesondere darin, dass er gar nicht spektakulär Auftritt, sondern die Spannung sozusagen auf leisen Sohlen entsteht ...Es gibt auch stellen, an denen man die Welt nicht mehr versteht, dann aber sich der Psycho-Logik des Geschehens dennoch wieder hingeben muss, besonders als sich der Weg in die psychische Dynamik sowohl des Opfers als auch des Mörders auftut. Diese wird wie in einer Obduktion mit dem Skalpell Schicht um Schicht zu einem entsetzlichen Bild innerer Verletzungen und draus resultierender Destruktivität freigelegt ...Dies hat bei mir auch ein Bild großer Schönheit und Ästhetik hinterlassen, auch der Ästhetik der analytischen Arbeit." Hans Holm, Jung-Journal, September 2015
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2023
Andreas Kloiber
Hinter dem Schatten
Psychologischer Kriminalroman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Hinter dem Schatten
Prolog
1
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2
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3
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Epilog
Impressum neobooks
Im Schatten. Sam. In friedvollem Schlaf. Sein Atem tief und entspannt. Unversehens regt sich ein Ohr, richtet sich aus, dann das andere. Wie Radarschirme. Sam hebt den Kopf. Eben noch gelöste Ruhe, jetzt angespannte Regungslosigkeit. Goldgrüne Augen fixieren das Rotkehlchen, einige Meter entfernt im Gras.
Blitzartig schnellt der graue Kater hoch, jagt über den Rasen und springt. Für einen Augenblick liegt sein gestreckter Körper waagerecht in der Luft, bevor die Vorderpfoten den Vogel im Moment des Auffliegens erfassen.
Das schreiende Rotkehlchen fest in seinen Krallen, beißt er mit messerscharfen Zähnen zu, schleudert es hoch. Der Vogel erhebt sich in die Luft, schlägt wild, dann immer kraftloser mit gebrochenen Flügeln, stürzt. Sein Jäger fängt ihn auf und beißt erneut zu. Wieder und wieder. Endlich legt sich der Kater mit schlagendem Schwanz vor sein Opfer und tippt es mit den Tatzen an, als wolle er es necken. Der sterbende Singvogel öffnet und schließt den Schnabel. Stumm.
Hinlaufen, eingreifen, das grausame Spiel beenden? Doch mit welchem Recht? Es liegt in seiner Natur.
Hätte er gewusst, in welchen Aufruhr sein Leben an diesem Tag geraten sollte, in welche Abgründe er blicken würde, er wäre davongelaufen. Wäre er das? Vielleicht nicht. Vielleicht hatte er sein ganzes Leben darauf gewartet. Wenigstens seit er zwölf war.
Wie jeden Morgen betrat Adrian Sur mit einer Tasse Milchkaffee sein Arbeitszimmer und schaute auf den Anrufbeantworter. Vier Anrufe. Er drückte die Taste und öffnete das Fenster. Die Zweige der Kastanien, die der Straße ihren Namen gaben, zeigten bereits Knospen, und ein Geruch von Frühling lag in der kühlen Märzluft. Adrian Sur ließ seinen Blick aus dem Hochparterre, in dem sich seine Praxis befand, über den Garten schweifen. Krokusse hatten über Nacht erstes Blau und Gelb auf das erdige Grün des Rasens getupft. Dieses Jahr überwog das Blau. Auf dem bemoosten Kiesweg lag noch das Herbstlaub, blattlose Sträucher wucherten kreuz und quer, und der Efeu hatte die alte Linde im Würgegriff.
»Guten Tag«, sagte die Frauenstimme nach dem Piep. »Mein Name ist Kallenberg. Ich wollte fragen, ob Sie noch einen freien Therapieplatz haben. Ähm, ich werde es zu Ihren Telefonzeiten noch einmal versuchen. Auf Wiederhören.«
Der Ton einer Anfrage bot ihm bereits einen ersten Eindruck der Person, die sich an ihn wandte. Manchen war anzumerken, wie viel Überwindung es sie gekostet hatte anzurufen. Doch die Not war größer als die Angst oder das demütigende Gefühl erneuter Zurückweisung, wenn auch der zehnte Therapeut keinen freien Platz anbieten konnte. Einige klangen ängstlich, unsicher, entschuldigten sich fast dafür, zu stören. Bei ihnen tat es Adrian besonders leid, wenn auch sein Terminplan hoffnungslos überfüllt war. Andere, oft Männer um die vierzig, klangen selbstbewusst. Im Ton eines Vorgesetzten oder eines potenziellen — und potenten — Geschäftspartners, der einen Auftrag zu vergeben hatte, erbaten sie Rückruf. Die Tonart der Ouvertüre zog sich oft wie ein roter Faden durch weite Teile der Symphonie einer Behandlung. Falls eine Behandlung zustande kam.
Im Garten strich Sam umher, auf der Suche nach Beute.
Da seine Warteliste ohnehin zu lang war, um neue Patienten aufnehmen zu können, ging Adrian in Gedanken den Verlauf der letzten Sitzung mit dem ersten Patienten des Tages durch.
Die dritte Nachricht auf dem Anrufbeantworter ließ ihn jedoch aufhorchen.
»Hallo, Sibylle Moor am Apparat. Ich kann morgen nicht zur Stunde kommen. Ich melde mich.«
Besorgt stoppte er den Anrufbeantworter und hörte die Nachricht noch einmal ab. Und noch einmal. Konnte er etwas aus Sibylle Moors Tonfall heraushören? Ihre Stimme klang — distanziert, zögerlich.
Absagen waren nicht ungewöhnlich. Es gab Patienten, die regelmäßig nicht zu den vereinbarten Gesprächsterminen erschienen, immer mit neuen Begründungen. Selten lagen wirklich dringende äußere Gründe vor. Manche Patienten waren so instabil, dass sie ihren Alltag nicht organisieren konnten. Meistens jedoch mussten sie sich gegen etwas schützen, das in den Behandlungsstunden davor aufgekommen war. Bedrohliche Phantasien aus der Tiefe ihres Unbewussten oder Gefühle gegenüber dem Therapeuten, meist Enttäuschung, Wut, Angst, wachgerufen durch einen scheinbar strengen Blick, eine einfache Nachfrage, eine Urlaubsankündigung.
Doch Sibylle Moor gehörte nicht zu diesen Patientinnen. Sie war immer pünktlich erschienen, weder zu früh noch zu spät. Wie mit dem Glockenschlag klingelte sie an der Tür. Nur einmal hatte sie eine Stunde abgesagt, weil ein Gerichtstermin vertagt worden war. Selbst in ihren schlimmsten Phasen war sie erschienen. Adrian schloss das Fenster. Ein Kälteschauer durchzog ihn.
In den letzten beiden Therapiesitzungen hatte Sibylle bedrückt gewirkt. Aber —anders als in ihren depressiven Phasen — nicht verzweifelt, sondern ängstlich. Hatte sie sich in den vergangenen Monaten zunehmend öffnen können und ihm auch Scham besetzte Gedanken offenbaren können, so hatte er sie jetzt als verschlossen erlebt. Adrian sah nach, was er nach der letzten Sitzung mit ihr notiert hatte.
»Was ist es, das sie mir nicht mitteilen kann?«, hatte er geschrieben.
Plötzlich, wie Blitze durchzuckten ihn Bilder, Traumszenen aus der letzten Nacht. Schatten huschten durch weiß-rotes Stroboskoplicht. Schreie erstickten. Ein Lachen verhallte. Stahl traf auf Stahl. So sehr er sich auch bemühte, er konnte die Bilder nicht festhalten. Doch er ahnte: Sie bedeuten Gefahr.
Adrian griff zum Telefon und wählte Sibylle Moors Nummer, als es an der Tür klingelte. Er zögerte, legte auf und ließ den ersten Patienten des Tages herein.
Nur mit Mühe konnte Adrian sich auf die Therapiestunde konzentrieren. Einer seiner Grundsätze im Umgang mit Patienten war: »Behandle jeden so als wäre er in diesem Moment der wichtigste Mensch in deinem Leben.« An diesem Morgen gelang es ihm jedoch nicht, sich ganz und gar auf den Mittfünfziger im grauen Anzug einzustellen, der seit Monaten über seinen zehn Jahre jüngeren Vorgesetzten klagte, den sie ihm vor die Nase gesetzt hatten. Wie Wasser drangen düstere Ahnungen durch kleinste Aufmerksamkeitsritzen in Adrians Bewusstsein und schwemmten das Lamento des Patienten in weite Ferne.
Nachdem er gegangen war, machte Adrian sich einige eilige Notizen und wollte gerade zum Telefon greifen, als es erneut klingelte. Zu früh für die nächste Patientin. Er öffnete die Tür.
»Doktor Adrian Sur?«, fragte eine Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie mochte Mitte dreißig sein. Hinter ihr stand ein etwa gleichaltriger Mann. Die beiden sahen nicht aus wie ein Paar, das eine Eheberatung wünschte, und bevor Adrian etwas sagen konnte, hielten sie ihm Ausweise entgegen. Samariter, Ordnungsamt oder Zeugen Jehovas. Es hätte alles sein können. Er war viel zu verdutzt, um zu lesen, was darauf stand.
»Mein Name ist Amina Reshad«, fuhr die Frau fort. »Mein Kollege Schrader und ich sind von der Kriminalpolizei. Wir würden gerne mit Ihnen sprechen.«
»Darf ich fragen, worum es geht?«, fragte Adrian.
»Können wir eintreten?«
Adrian spürte seinen Herzschlag und ein flaues Gefühl im Magen. Er wusste, dass der Besuch der Polizei mit Sibylle Moor zu tun hatte. Es musste etwas passiert sein. Er trat zur Seite und deutete auf die Tür zum Arbeitszimmer. »Bitte gehen Sie durch.«
In diesem Moment erschien seine nächste Patientin. Die Frau mit Lippenpiercing und Irokesenfrisur blieb in der geöffneten Tür stehen und schaute ihn fragend an.
Er gab ihr die Hand. »Hallo Frau Gündel. Bitte nehmen Sie noch kurz im Wartezimmer Platz. Der Beginn der Stunde wird sich um einige Minuten verzögern.«
Aus dem Augenwinkel sah er, wie seine Besucher sich anschauten, als die junge Frau sichtlich unzufrieden im Wartezimmer verschwand. Er schloss die Tür des Behandlungsraumes und bat die beiden, Platz zu nehmen. Während Amina Reshad sich Adrian gegenüber auf die Couch setzte, blieb ihr Kollege stehen und schaute im Zimmer umher. Er war durchtrainiert und trug sandfarbene Chinohosen, Lederchucks und eine Jeansjacke über dem grün-weiß gestreiften Rugbyshirt.
»Doktor Sur«, begann die Polizistin, »kennen Sie eine Frau«, sie zog ein Notizbuch aus der Innentasche ihrer Lederjacke, schlug es auf und las, »Moor, Sibylle?«
Adrians Puls beschleunigte sich. »Können sie mir jetzt bitte sagen, worum es geht?«
»Beantworten Sie bitte unsere Frage!«, fiel ihm Schrader ins Wort.
»Es tut mir leid, aber ich stehe unter Schweigepflicht und darf keine Auskünfte über Patientinnen geben«, antwortete Adrian.
»Damit haben Sie meine Frage, ob Sie Frau Moor kennen, beantwortet«, sagte Amina Reshad. In ihrem Blick lag nichts Triumphierendes, vielmehr eine Ernsthaftigkeit, die sie jung und zugleich weise wirken ließ. »Sie war eine Patientin von Ihnen?«
»War?« Seine Besorgnis wuchs.
»Heute Morgen wurde sie tot aufgefunden.«
Adrians Herzschlag schien sekundenlang auszusetzen. Aus seiner Ahnung, dass ihr etwas zugestoßen sein musste, war schockierende Gewissheit geworden.
»In ihrem Adressbuch haben wir Ihre Visitenkarte gefunden«, fuhr Amina Reshad fort, während sie ihn mit durchdringendem Blick beobachtete. »Wie lange kennen Sie Frau Moor?«, fragte sie.
Etwas an ihrem Akzent konnte er nicht genau einordnen. Er konnte keine Dialektfärbung ausmachen. Gleichzeitig hörten sich manche Wortendungen ungewöhnlich an. Und doch irgendwie vertraut. Ihre schwarzen Haare, der Teint, der an blassen Milchkaffee erinnerte, und die Form ihrer Augen ließen darauf schließen, dass sie asiatische Wurzeln hatte. Nur die Augenfarbe – ein tiefes Meeresblau – passte nicht ins Bild.
»Sie ist seit etwa einem Jahr bei mir in Behandlung. Aber bitte verstehen Sie, dass ich Ihnen keine Details aus der Therapie mitteilen kann.«
»Hören Sie, es geht hier um Mord.« Schrader baute sich vor ihm auf.
Dieser Kerl erinnerte ihn an jemanden. An wen bloß? Adrian verspürte den Impuls, aufzustehen und sich ihm auf gleicher Augenhöhe entgegenzustellen. Er blieb jedoch sitzen, lehnte sich noch weiter zurück, schlug das linke Bein über das rechte und schaute an ihm vorbei zu Amina Reshad. »Mord? Ist das sicher?«
»Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand müssen wir davon ausgehen«, antwortete sie.
»Wer kann das getan haben?«, sagte er mehr zu sich selbst. Ihm ging noch einmal die letzte Therapiestunde mit Sibylle Moor durch den Sinn. Und die Unsicherheit in ihrer Stimme auf dem Anrufbeantworter.
»Das wollen wir von Ihnen wissen«, schaltete sich Schrader wieder ein. »Wann haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?«
Er musste nicht lange überlegen. Sie hatte feste Termine. Zweimal in der Woche, montags und donnerstags, siebzehn Uhr. Also hatte sie ihre letzte Sitzung am vergangenen Donnerstag.
»Und danach haben Sie sie weder gesehen noch von ihr gehört?« In Schraders Stimme klang Misstrauen.
»Heute Morgen hatte ich eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter. Sie hat die heutige Sitzung abgesagt. Warten Sie.« Er stand auf, ging zum Telefon und drückte die Taste, bis ihre Nachricht erschien. »Die Nachricht ist von gestern, achtzehn Uhr dreiundvierzig.«
Amina und Schrader schauten sich an.
»Wissen Sie denn schon, wann sie ermordet wurde – und wie?«, fragte Adrian mit Blick auf Amina Reshad. Von Schrader erwartete er keine Antwort.
»Wir dürfen Ihnen keine Details zu den Ermittlungen mitteilen«, antwortete sie. »Aber wir haben noch einige Fragen zu Frau Moors Lebenssituation. Vielleicht können Sie uns trotz Ihrer Schweigepflicht weiterhelfen.«
»Glauben Sie mir«, entgegnete Adrian, »das möchte ich wirklich, soweit es mir möglich ist. Jetzt muss ich mich aber um meine Patientin im Wartezimmer kümmern. Können Sie heute Nachmittag noch einmal kommen? Ich werde versuchen, meine Abendtermine abzusagen. Dann stehe ich Ihnen zur Verfügung.«
Amina Reshad stand auf und reichte ihm die Hand. Die Berührung verwirrte ihn. Auf der einen Seite wollte er die beiden so schnell wie möglich loswerden. Als könnte er dadurch aus diesem Alptraum erwachen und die furchtbare Geschichte ungeschehen machen. Auf der anderen Seite fühlte sich diese Hand in seiner seltsam vertraut an.
»Der hat was damit zu tun.«
Amina kannte Tom Schrader mittlerweile gut. Er war schnell dabei, sich ein Urteil zu bilden, und konnte sehr impulsiv sein. Aber sie mochte ihn. Und immer wieder trafen seine Schnellschüsse mitten ins Schwarze. Manchmal lag er aber auch weit daneben. Über die Gründe konnte sie nur spekulieren. Sie arbeiteten mittlerweile seit vier Jahren zusammen. Er war bereits im Team, als Amina die Leitung übernahm. Und anders als andere Kollegen akzeptierte er sie von Anfang an. Auch als Vorgesetzte. Keine Kommentare über ihre Herkunft oder dass sie eine Frau war. Da musste sie sich über lange Zeit manches gefallen lassen. Sogar von Turner, obwohl der ihr den Job gegeben hatte.
»Langsam, langsam. Wir haben nichts Konkretes«, sagte Amina. »Alles, was wir wissen, ist, dass sie seine Patientin war.«
Schrader bog in die Reichsstraße Richtung Theodor-Heuss-Platz ein. »Trotzdem. Ich traue dem Typen nicht. Zuerst reagiert er schockiert. Dann bittet er die nächste Patientin herein, als ob nichts gewesen wäre.«
»Er ist dir unsympathisch.«
»Ich kann diese Typen nicht leiden. Hast du dir sein Haus angesehen? Der hat doch Geld wie Dreck. Und dann läuft er rum wie ein Student, in abgetragenen Jeans und einem Second-Hand-Sakko.«
»Understatement«, sagte Amina. »Das würdest du anders machen, wenn du Geld hättest.«
»Darauf kannst du Gift nehmen«, erwiderte Tom. »Wenn ich nicht mit diesem mageren Polizistengehalt auskommen müsste. Ich wüsste schon, wo ich shoppen gehe.«
Sie ließ die Begegnung noch einmal an ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Sur war freundlich gewesen, aber distanziert, professionell. Seine Erscheinung – schlank, etwa einsachtzig groß, halblanges Haar, Dreitagebart – hatte etwas Jugendliches und entsprach vielleicht nicht ihrer Vorstellung eines gediegenen Psychoanalytikers. Aber das machte ihn noch nicht verdächtig. Und dennoch, etwas an Sur irritierte sie.
»Und hast du gesehen, wie er dich angeschaut hat?«
»Tom, du bist voreingenommen. Lass uns abwarten, was die Ermittlungen ergeben, bevor du dich auf ihn einschießt. Noch ist er einfach nur ein Zeuge.«
Amina schaute aus dem Fenster. War es der intensive, etwas zu lange Blick seiner graublauen Augen?
Adrian atmete auf, als er die letzte Patientin entlassen hatte. Den meisten hatte er für den Nachmittag absagen können. Zwei waren dennoch erschienen. In seiner aufgewühlten Verfassung war er ihnen sicher nicht gerecht geworden. Mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette setzte er sich auf die Veranda und blickte auf den Pavillon hinter dem Haus. In den Fenstern, die die Vorderfront des Gebäudes bildeten, spiegelte sich die Abendsonne. Den Teich, dessen trübes Wasser einen gewaltigen Findling umspülte, musste er diesen Frühling unbedingt reinigen. Im vergangenen Jahr hatte er die Gartenarbeit sträflich vernachlässigt. Vielleicht sollte er sich eingestehen, dass er einfach keinen grünen Daumen hatte, und einen Gärtner beauftragen. Dabei liebte er den Blick auf den Teich. Oft genügte eine Zigarettenlänge, um den Geist zwischen zwei Therapiesitzungen auszulüften. Und nach anstrengenden Arbeitstagen genoss er den kurzen Weg durch den Garten zu seinem Dojo. Aber Gartenliebhaber und Gärtner waren nicht ein und dasselbe.
Adrian dachte an Sibylle Moor. In den letzten zwei oder drei Behandlungsstunden hatte sie verändert gewirkt, so als verheimliche sie ihm etwas. Das hatte ihn irritiert, vor allem nachdem sie vor wenigen Wochen eine schwierige Phase überstanden hatten.
Motorengeräusch und Türenschlagen unterbrachen sein Grübeln. Kurz darauf klingelte es. Adrian stellte die Tasse ab und öffnete die Tür. Es waren wieder Amina Reshad und Schrader, dieses Mal jedoch in Begleitung einer halben Fußballmannschaft. Uniformierte Polizisten und Leute in weißen Overalls standen hinter ihnen.
»Doktor Sur«, begann Amina. »Wir müssen Ihre Wohnung durchsuchen und Sie bitten, zur Vernehmung mit uns zu kommen.«
»Durchsuchen? Vernehmung?«, fragte Adrian schockiert. »Was werfen Sie mir vor?«
»Ich kann Ihnen keine Einzelheiten nennen. Nur so viel: Wir haben Anhaltspunkte, die darauf hinweisen, dass Sie in Frau Moors Tod verwickelt sein könnten.«
Adrian überkam eine Übelkeit. Der Boden unter ihm begann zu schwanken, und er musste sich am Türrahmen festhalten.
Was darauf folgte, nahm er wie durch dichten Nebel wahr, unfähig einzugreifen. Das amtliche Schreiben, das ihm Amina vor die Nase hielt, das Gewimmel in seinen Räumen. Schränke wurden geöffnet, Schubladen herausgezogen, Bücher aus den Regalen genommen. Wie aus großer Ferne hörte er sich reden. »Das dürfen Sie nicht – Privatsphäre – Patientendaten.«
Und von ebenso weit weg drang Aminas Stimme an sein Ohr. »Durchsuchungsanordnung – Tatverdacht – Verdunklungsgefahr.«
Wie gelähmt ließ er alles über sich ergehen. Kurz und mutlos war sein Aufbegehren gewesen. Und als das Schauspiel vorüber war – es hätten Minuten sein können oder Stunden –, stieg er wie ferngesteuert in Schraders Begleitung in den Polizeiwagen.
Der Nebel lichtete sich erst, als Adrian in dem fensterlosen Raum im Gebäude des Landeskriminalamtes 1, Abteilung für Delikte am Menschen saß, in den sie ihn nach kurzer Fahrt gebracht hatten. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Was war vorgefallen? Von welchen Anhaltspunkten hatte die Polizistin gesprochen? Wie in einer Endlosschleife kreisten die Fragen in seinem Kopf, als sich die Tür öffnete und Amina Reshad eintrat. Schrader folgte ihr, und die beiden setzten sich ihm gegenüber. Schrader schaltete das Mikrofon auf dem Tisch zwischen ihnen ein.
Amina belehrte Adrian über seine Rechte als Tatverdächtiger und fuhr fort: »Wenn Sie doch noch einen Anwalt hinzuziehen wollen, haben Sie jederzeit das Recht dazu.«
Bereits auf der Fahrt in das Kommissariat hatte sie ihn darauf hingewiesen. Aber Adrian hatte abgelehnt. Bisher hatte er noch nie einen Anwalt benötigt, trotz der Tendenz zu »amerikanischen Verhältnissen« und zunehmenden Schadensersatzklagen gegen Ärzte.
»Vielleicht sagen Sie mir endlich, was Sie mir zur Last legen«, sagte er. Wie konnte er sich – mit oder ohne Anwalt – verteidigen, wenn er nicht einmal wusste wogegen?
»Wir haben in Frau Moors Wohnung ein Tagebuch gefunden«, antwortete Amina. »Und die Aufzeichnungen darin weisen darauf hin, dass Sie ein Motiv gehabt haben könnten, sie zu töten.«
»Welches Motiv sollte ich denn gehabt haben?«, fragte Adrian bestürzt.
»Spielen Sie nicht den Naiven!«, herrschte ihn Schrader an. »Sie haben doch eine Menge zu verlieren. Wenn die Frau Ihre Schweinereien an die Öffentlichkeit gebracht hätte, wären Sie Ihren Job los und könnten Ihre Karriere als der große Herr Freud vergessen.«
»Von welchen Schweinereien reden Sie?«, fragte Adrian.
»Dass Ihre Patientin Sie als Schw ...«
»Tom!«, fuhr ihm Amina in die Parade. »Genug!«
Schrader hob beschwichtigend die Hände.
An Adrian gerichtet fuhr Amina fort: »In ihrem Tagebuch hat sie unter anderem über sexuelle Handlungen mit Ihnen geschrieben.«
Adrian zuckte zusammen, als hätte ihn ein Fausthieb in den Magen getroffen. Er spürte, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn und im Nacken bildeten. Er rang nach Worten, doch keines wollte sich bilden.
»Das wäre sexueller Missbrauch von Patientinnen«, sagte Schrader. »Und das ist ein Straftatbestand. Vielleicht wollte die Frau sie anzeigen. Wenn das kein Mordmotiv ist.«
Adrian ließ sich in die Stuhllehne zurückfallen. Er musste den Aufruhr in seinem Kopf zur Ruhe bringen. Nicht nur konnte er sich überhaupt keinen Reim darauf machen, was er gerade gehört hatte. Er fühlte sich auch völlig hilflos, wusste nicht, was er sagen durfte, um sich zu verteidigen, und was ihm die Schweigepflicht verbat. Er brauchte nun doch einen Anwalt. Dringend!
Angestrengt dachte er darüber nach, wie er jetzt auf dem schnellsten Wege einen guten Rechtsbeistand finden konnte, als es klopfte und ein Mann Mitte fünfzig eintrat.
»Was ist, Kurt?«, fragte Amina.
»Ähm, kannst du mal eben mitkommen?«, antwortete der verhalten. »Ich glaube, wir haben da was gefunden.«
Die Polizistin richtete sich an Adrian: »Entschuldigen Sie mich für einen Moment.« Dann blickte sie Schrader scharf an, stand auf und verließ den Raum.
Unmittelbar nachdem die Tür ins Schloss gefallen war und er mit Schrader allein war, entstand eine bleischwere Stille in dem fensterlosen Zimmer, die Adrian fast den Atem raubte. Er spürte, dass sein Gegenüber ihn verabscheute. Fragend schaute er Schrader in die Augen. In jahrelanger Erfahrung mit Patienten hatte er ein feines Gespür dafür entwickelt, welche Gefühle ihm entgegengebracht wurden.
»Ihre Intuition ist fein wie die Nase eines Spürhundes«, hatte ihm Gossler immer wieder attestiert.
Schrader richtete sich leicht auf, hob fast unmerklich den Kopf, sodass sich sein Kinn etwas nach vorne bewegte, und fixierte Adrian mit überlegenem Blick. Starr. Adrian hielt stand. Nach einigen Minuten ließ Schraders Körperspannung nach, und sein Blick verlor an Entschiedenheit. Nervös bewegte er sich auf seinem Stuhl hin und her, linste auf seine Uhr, um Adrian von neuem feindselig zu fixieren. »Was glotzen Sie so?«, fuhr er Adrian an. »Will der Herr Freud mich hypnotisieren? Das können Sie mit jemand anderem versuchen.«
Adrian schaute ihn weiter an und sagte mit ruhiger Stimme: »Ich weiß nicht, was es ist. Aber ich habe den Eindruck, dass Sie ein Problem mit mir haben, das mit dem Tod meiner Patientin nichts zu tun hat.«
Schrader fiel ihm ins Wort: »Wenn ich eine Therapiestunde brauche, dann suche ich mir schon jemanden. Mit Sicherheit aber nicht Sie. Ich kann Leute wie Sie nicht ausstehen. Ihr arroganten Besserwisser! Glaubt, ihr habt die Weisheit mit Löffeln gefressen.«
Waren es Minderwertigkeitsgefühle, Neid?
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Amina betrat den Raum. Schrader verstummte.
Mit bedeutungsschwerem Blick setzte sie sich an den Tisch. »Bei der Durchsuchung Ihres Hauses und des Nebengebäudes haben wir Material gefunden, das Sie weiter belastet.«
Adrian vermochte nicht zu erkennen, was es war, das in ihrer Stimme schwang. Wut, Enttäuschung, Ablehnung? Aufgewühlt wie er war, konnte er gar nichts mehr beurteilen. Eins war jedoch sicher. Hatte er bisher so etwas wie Wohlwollen bei ihr gespürt, so war sie jetzt meterweit von ihm abgerückt. Und er war völlig im Stich gelassen.
»Ich empfehle Ihnen dringend, nun doch einen Anwalt hinzuzuziehen«, sagte sie in geschäftsmäßigem Ton. Dann stand sie auf und verließ den Raum.
Amina kochte vor Wut.
»Bist du noch zu retten?«, zischte sie, als Schrader nach ihr den Vernehmungsraum verlassen hatte. »Du kannst ihm ja gleich alle Ermittlungsergebnisse unter die Nase reiben.«
Sie sah, wie Schrader schuldbewusst den Kopf wiegte.
»Das war bloody unprofessionell. Das mit dem Schwein könnte Täterwissen sein.«
»Ja, ja, ich weiß«, sagte Schrader kleinlaut.
»Dann halte dich an die Regeln!«
Auch wenn etwas in ihr — was es war, wusste sie nicht — Sur lieber nicht als Täter gesehen hätte, war es ihr Anspruch, korrekte Arbeit zu leisten.
Adrian saß auf der Pritsche. Die Arme umfassten seine Knie. Den Kopf an die Wand gelehnt, schaute er auf das Gitter vor dem Fenster. Noch nie hatte er in einer Gefängniszelle gesessen. Er kam sich vor wie in einem der Kriminalfilme, die er hin und wieder im Fernsehen sah. Auch die Fotos, die von ihm gemacht wurden – richtige Verbrecherfotos –, die Fingerabdrücke, der DNA-Test, den er mehr oder weniger freiwillig über sich ergehen ließ. Das konnte doch nicht wahr sein! Es kam ihm so unwirklich vor. Der Tod seiner Patientin, die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden. Sexueller Missbrauch! Was war nur passiert? Ja, sie hatten eine schwierige Phase gemeinsam durchlebt. In den vergangenen drei Monaten hatte der Fortgang der Therapie sogar auf dem Spiel gestanden.
Seit etwa einem Jahr war sie bei ihm in Behandlung. Aufgesucht hatte sie ihn wegen häufig wiederkehrender depressiver Verstimmungen, während derer sie nur mit allergrößter Mühe ihrer Tätigkeit als Anwältin nachzugehen vermochte. Mit immenser Kraftanstrengung musste sie morgens ihre »professionelle Rüstung« – so nannte sie es – anlegen, um den Tag zu bewältigen. Wer sie näher kannte und von ihrer inneren Not wusste, konnte ihr ansehen, wenn sie wieder »im Loch« saß. An den grellroten Farbtupfern in Form von Blusen und Schals, die die formelle Geradlinigkeit ihrer anthrazitfarbenen Hosenanzüge, kontrastierten, dem zu dick aufgetragenen Make-up und dem Knoten, mit dem sie ihre schulterlangen blonden Locken streng nach hinten band. Vor allem aber sah man es ihrem Blick an. Innerhalb weniger Minuten konnte der sich von tieftrauriger Schwere zu fahriger Rastlosigkeit wandeln. Bürotage waren dann gerade noch erträglich. An denen konnte sie hinter geschlossener Tür ihren Gefühlsschwankungen nachgeben. In einem gewissen Maß jedenfalls. Hätte sie sich ganz fallen lassen, wäre sie – wie abends und nachts in diesen Phasen – zwischen apathischer Starre und ängstlicher Getriebenheit hin und herkatapultiert worden, zwischen Gefühllosigkeit und Verzweiflung. Im Büro konnte sie sich das nicht leisten, da musste die Rüstung halten. Aber immerhin konnte sie ihre Arbeit immer wieder unterbrechen, wenn sie die Schwere nicht mehr aushalten konnte oder von bedrohlichen Phantasien aufgewühlt wurde. Schwierig waren Beratungstermine mit Mandanten. Besonders quälend waren jedoch Sitzungen bei Gericht, in denen sie ihre Rolle als kompetente Anwältin bis zum bitteren Ende spielen musste.
»Ein Ultramarathon ist ein Spaziergang dagegen«, hatte sie in einer Therapiestunde fatalistisch gesagt.
In den depressiven Phasen schleppte sie sich zu Adrians Praxis, legte sich auf die Behandlungscouch, deckte sich mit der Wolldecke zu und schwieg. Es gab Sitzungen, in denen sie fast die ganze Stunde da lag und Adrian den Rücken zuwandte. Zusammengekrümmt wie ein Embryo. Manchmal hörte er nach langer Stille ein leises Wimmern, manchmal sah er, wie ihr Körper von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Er wusste, dass er in diesen Momenten nur schweigen konnte. Dass Sibylle in ihrer bodenlosen Verzweiflung jeder tröstende oder ermutigen wollende Satz zynisch oder hilflos erschienen wäre. Und hilflos, das war sie selbst! Diesen Schmerz vermochte er weder kleinzureden noch mit einem Griff in die therapeutische Trickkiste zu mildern. Er konnte ihn nur mit ihr zusammen aushalten. Manchmal stand er auf und reichte Sibylle wortlos ein Papiertaschentuch, das sie ebenso wortlos annahm. Am Ende solcher Stunden setzte sie sich auf, brachte ihre Frisur in Ordnung, nahm sich ein weiteres Taschentuch aus der Keramikschale auf dem Tisch und wischte sich die Tränen ab. Oft stand sie auf, schaute Adrian in die Augen und sagte mit leiser Stimme: »Danke.« Dann wandte sie sich ab und verließ den Raum. Wie zerbrechlich sie wirkte! In den Stunden darauf – oft Wochen später – betonte sie, wie hilfreich sie Adrians Schweigen erlebt hatte. Einmal verglich sie es damit, zusammen mit ihm in der Brandung zu stehen und zu wissen, dass er der anrollenden Riesenwelle würde standhalten können und sie vor dem Untergang bewahren würde. Dies erlebte sie als heilsam, und es gab ihr den Mut zu sprechen.
Adrian stand auf und ging zum Waschbecken, um Wasser aus dem Hahn zu trinken. Wie gerne hätte er jetzt eine Tasse Kaffee und eine Zigarette gehabt. Im Spiegel sah er sein Gesicht. Aus dem Dreitagebart war ein Fünftagebart geworden.
Viele Supervisionsstunden hatte er auf Sibylle verwandt. Mit seinem Mentor, Lothar Gossler, hatte er auch über die Gefühle gesprochen, die er für seine Patientin entwickelt hatte. Gossler war ihm ein guter Lehrer. In ihm verband sich messerscharfer Verstand mit einfühlendem Wohlwollen. Vater und Mutter in einem. So erlebte er den alten Mann immer wieder. Die Gespräche mit ihm hatten Adrian geholfen, die schwierige Phase mit Sibylle zu überstehen. So hatte er jedenfalls gedacht. Sollte er sich so geirrt haben?
Das Kopfsteinpflaster ist regennass. Er geht durch die von Straßenlampen und einigen Schaufenstern beleuchteten Gassen der fremden Stadt. Paare und Grüppchen von Leuten schlendern von Bar zu Bar. Frauen lachen. Musik dringt aus den Kneipen. Dem Klang der Klaviermusik folgend betritt er eine in schummriges Rot getauchte Bar. Tabakrauch hängt in der Luft. Am Piano sitzt ein Mann in schwarzem Anzug. Gäste sitzen am Tresen und in Plüschsesseln, hören der trägen Jazzmusik zu oder unterhalten sich. Er setzt sich in einen Sessel an einem freien Tisch, lehnt sich zurück und zündet sich eine Zigarette an. Nach einigen Minuten kommt eine Kellnerin auf ihn zu und bleibt vor ihm stehen. Er kennt sie!
»Was darf ich Ihnen bringen?«, fragt die junge Frau.
Sie trägt einen schwarzen knielangen Rock, eine weinrote Schürze und eine weiße Bluse. Sie schaut ihn an, fragend und zugleich wissend. Etwas an ihr verwirrt ihn. Die Art, wie sie ihn im Blick behält, während sie ihre blonden Locken nach hinten wirft.
»Ein Glas trockenen Rotwein, bitte«, antwortet er und fährt fort: »Kennen wir uns?«
Sie dreht sich wortlos um und geht zur Bar. Als sie mit einem Tablett zurückkommt und das Weinglas auf den Tisch stellt, sagt sie in beiläufigem Ton: »Natürlich kennen wir uns, Doktor Sur.« Sie beugt sich vor, um den Tisch abzuwischen. Dabei gibt sie den Blick auf ihr Dekolleté frei, auf den Ansatz ihrer Brüste. Befangen drückt Adrian seine Zigarette aus und nimmt das Weinglas. Ja, natürlich kennt er sie, sogar sehr gut. Diese blonden Locken, diesen Blick und die fahrigen Bewegungen. Aber woher? Sie greift in die Tasche ihrer Schürze und holt eine Visitenkarte heraus, die sie auf den Tisch legt, um sich sofort umzudrehen und wegzugehen, bevor Adrian weiter fragen kann. Er nimmt die Karte und versucht zu lesen. Im schummrigen Licht kann er jedoch nur einzelne Buchstaben erkennen: S und U. Als er die Karte hin und her wendet, um etwas mehr Licht einzufangen, sieht er den Pianisten aufstehen und in raschem Schritt zur Bar gehen. Verwirrt schaut er auf. Die Musik spielt weiter, so als säße er noch am Klavier. Irritiert folgen Adrians Blicke dem Pianisten, der hinter den Tresen geht, die Kellnerin am Arm packt und durch eine Tür hinausführt.
Sibylle, durchfährt es Adrian. Es ist Sibylle Moor. Adrian springt auf und läuft zur Bar. Hinter dem Tresen stößt er den Barmann, der sich ihm in den Weg stellt, zur Seite und reißt die Tür auf. Er findet sich am Kopf einer Treppe, die steil nach unten führt. Alles ist in goldenes Licht getaucht. Adrian eilt die Treppe hinab, stolpert, hält sich am Geländer fest und geht weiter, mehrere Stufen auf einmal nehmend. Unten angelangt öffnet sich ein schmaler Gang, der zu zwei Türen führt. Adrian geht bis zum Ende und versucht, die rechte Tür zu öffnen. Verschlossen. Sie ist aus schwerem Eisen, mit einer geschmiedeten Klinke. Auch die linke Tür, aus dickem Eichenholz, lässt sich nicht öffnen. Adrian ruft: »Frau Moor!« Keine Antwort. Plötzlich – ein erstickter Schrei, dann ein dumpfes Fallen hinter der Eisentür. Danach Stille.
Mit beiden Fäusten trommelt Adrian gegen die Tür. Hält inne. Lauscht. Nichts. Schweiß rinnt über sein Gesicht, brennt in den Augen. Seine Hände schmerzen. Grabesstille.
Da nähern sich Schritte. Ohne Eile. Ein Schlüssel wird ins Schloss gesteckt. Eisen in Eisen. Dreht sich.
Adrian zuckte zusammen und öffnete die Augen. Er musste doch noch eingeschlafen sein. Die Zellentür öffnete sich, und ein Polizeibeamter trat ein. Derselbe, der ihn gestern in die Zelle gebracht hatte. Er hatte schütteres Haar und einen Bauch, der massig über den Gürtel seiner Hose quoll. Seine Wurstigkeit hatte Adrian nach der Anspannung im Befragungszimmer wohlgetan, und er hatte sich etwas beruhigen können.
Adrians Nacken schmerzte, als er aufstand und sich streckte.
»Guten Morgen, Herr Sur«, berlinerte der Polizist. »Ihr Anwalt ist hier. Sie können jetzt mit ihm reden.«
Adrian hatte nach der Vernehmung Klaus Olten angerufen, einen Kollegen aus dem psychoanalytischen Institut, der selbst vor einiger Zeit Rechtsbeistand gebraucht hatte. Ein Patient hatte gegen ihn geklagt und ihm vorgeworfen, ihn nicht richtig über die Nebenwirkungen eines Medikamentes aufgeklärt zu haben. Nachdem die Angelegenheit beigelegt worden war, erzählte Olten Adrian, dass sein Anwalt ihn gut beraten hatte. Natürlich wollte Olten wissen, weswegen Adrian einen Anwalt brauchte, als der ihn um dessen Telefonnummer bat. Adrian vertraute ihm in wenigen Sätzen an, in welche Lage er geraten war. Erst danach, wieder in der Zelle, kamen ihm Zweifel, ob dies klug gewesen war. Schließlich war er Verdächtiger in einem Mordfall. Andererseits, so versuchte er sich zu beruhigen, war Klaus Olten selbst in einer schwierigen Situation gewesen und hatte mit Adrian darüber gesprochen. Und außerdem war er auch Psychoanalytiker und mit der Wahrung von Persönlichkeitsrechten vertraut. Und dennoch beschlich Adrian ein ungutes Gefühl.
»Wollen Sie vorher noch ein bisschen Wasser über Ihr Gesicht laufen lassen? Und 'ne Tasse Kaffee können Sie sicher auch gebrauchen«, fuhr der Beamte fort.
Adrian musste schmunzeln und antwortete: »Kaffee wäre großartig, am besten mit einer Zigarette.«
»Aber Herr Doktor, Sie wissen doch: Rauchen ist ungesund.«
Fünfzehn Minuten später saß Adrian Simon Holdenried gegenüber. Bereits nach wenigen Sätzen hatte er den schwäbischen Tonfall erkannt, der ihm aus seiner Studienzeit in Tübingen so vertraut war. Anders als viele in Berlin lebende Schwaben schien Holdenried seine Herkunft nicht leugnen zu wollen. Kein Bemühen, die verräterischen Wortendungen auf -er oder -ar hinter einem gekünstelten Berliner Akzent zu verbergen. Sein Hochdeutsch war klar, wenn auch etwas schwerfällig, was an der bedächtigen Art zu liegen schien, mit der er seine Sätze formulierte. Adrian fand den gedrungenen Mann in seinem etwas biederen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte sofort sympathisch. Sein offener Blick, der kräftige Händedruck und der Abstand, in dem er vor ihm stehen blieb, bevor er sich ihm gegenüber an den Tisch setzte, vermittelten Adrian, dass er über ein feines Gespür für Nähe und Distanz verfügte. Er hatte das Gefühl, ihm vertrauen zu können.
Holdenried hörte aufmerksam zu, unterbrach Adrian an mehreren Stellen, um genauer nachzufragen, machte Notizen. Als Adrian geendet hatte, lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und blickte aus dem Fenster. Dabei strich er sich mit der Hand über das glatt rasierte Kinn. Adrian schaute Holdenried an und hoffte.
Nach einigen Sekunden, die Adrian wie Minuten vorkamen, schaute ihm der Anwalt in die Augen und sagte in vorsichtigem Ton: »Herr Doktor Sur, ich weiß, dass diese Frage Sie vielleicht verärgert. Aber wenn ich Sie vertreten soll, wäre es hilfreich zu wissen, ob die gegen Sie vorgebrachten Anschuldigen den Tatsachen entsprechen.«
Adrian erwiderte Holdenrieds Blick und schwieg. Er wusste nicht mehr, was er denken sollte. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden hatten alles durcheinandergebracht. Bis jetzt war er sich immer sicher gewesen, dass er sich seinen Patientinnen gegenüber korrekt verhalten hatte. Dass alles, was er getan hatte, im Dienste der Behandlung stand, zum Wohle der Patientinnen. Aber wenn es stimmte, was ihm über Sibylle Moors Tagebuch gesagt worden war, konnte es dann sein, dass er in den Therapiestunden doch Grenzen überschritten hatte? Ja, er hatte Sibylle Moor anziehend gefunden. Und wie sie sich zu Beginn ihrer Verliebtheit kleidete, hatte ihn bisweilen in arge Bedrängnis gebracht. Er war sich auf einmal nicht mehr sicher.
»Herr Holdenried«, sagte er schließlich, »bis gestern hätte ich ohne zu zögern mit einem klaren ›Nein, natürlich nicht‹, geantwortet. Jetzt ist mir so vieles unklar.«
Holdenried beugte sich vor. »Ich habe schon einige Ihrer Kollegen vertreten. Und meistens hatte es Schwierigkeiten gegeben, weil Patient und Therapeut bestimmte Situationen unterschiedlich interpretiert hatten.«
»Nach alldem, was passiert ist, frage ich mich genau das«, sagte Adrian. »Habe ich etwas vollkommen fehlinterpretiert?«
»In Ihrem Fall wäre diese Frage relevant, wenn es um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs ginge. Im Moment steht dies aber allenfalls als Tatmotiv zur Debatte. Die Frage, um die es hier geht, ist eine andere. Und bei der gibt es wenig Interpretationsspielraum.«
Adrian nickte. »Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich Sibylle Moor nicht umgebracht habe.«
Holdenrieds besonnene Art beruhigte Adrian und half ihm, das Chaos in seinem Kopf zu ordnen. Der Anwalt klärte ihn auf, und sie besprachen das weitere Vorgehen. Bereitwillig unterschrieb Adrian das Formular, mit dem er Holdenried das Mandat übertrug, bevor sie sich verabschiedeten.
Adrian hatte gerade ein wenig inspirierendes Frühstück bestehend aus lauwarmem Kaffee und einem trockenen Brötchen mit Butter und Marmelade zu sich genommen, als Amina Reshad in seiner Zelle erschien. Sie wirkte zugleich distanziert und bedrückt.
»Doktor Sur, kommen Sie bitte mit zur Vernehmung. Ihr Anwalt ist verständigt und wird dazukommen.«
Wortlos ging sie neben ihm her. Adrian konnte die Kluft zwischen ihnen förmlich spüren. Ihn fröstelte. Er wollte fragen, ob es neue Erkenntnisse gab. Solche, die ihn entlasteten. Aber die Polizistin war so abweisend, dass er es vorzog, zu schweigen. Schrader erwartete die beiden in demselben Raum, in dem Adrian am Vorabend vernommen worden war. Mit grimmigem Blick saß er am Tisch. Adrians Gruß ignorierend schaltete er das Mikrofon ein, sobald alle saßen.
Bevor Schrader die üblichen Angaben zu Beginn einer Vernehmung in das Mikrofon sprechen konnte, sagte Adrian: »Entschuldigen Sie bitte, aber ich ziehe es vor, zu warten, bis mein Anwalt hier ist. Hat er schon Akteneinsicht erhalten?«
Mit einem Achselzucken schaltete Schrader das Mikrofon wieder aus.
Wenig später wurde Holdenried in den Raum geführt. Er stellte sich vor und schaute Amina verbindlich an. »Frau Reshad, nehme ich an. Sie leiten die Untersuchung, wenn ich richtig informiert bin.«
Amina nahm seine Hand, die er ihr zur Begrüßung entgegenstreckte. »Ja, und das ist mein Kollege Schrader.«
Holdenried nickte Schrader zu, was dieser mit einer kaum wahrnehmbaren Kopfbewegung erwiderte.
Adrian beobachtete die Szene interessiert. Dann wandte er sich an Holdenried, der auch ihm die Hand gab und sich neben ihn setzte. »Konnten Sie die Akten schon einsehen?«
»Bisher nicht. Ich habe Akteneinsicht beantragt und heute Vormittag einen Termin bei der Staatsanwaltschaft.«
»Vielleicht können wir Ihnen ja trotzdem einige Fragen stellen, damit wir vorankommen«, sagte Amina.
»Naja«, antwortete Holdenried vorsichtig, aber bestimmt, »ist das nicht ein bisschen verkehrte Welt?«
»Ich weiß, aber wir wollen keine Zeit verlieren«, sagte Amina.
»Jetzt bin ich aber irritiert«, fiel ihr Adrian ins Wort. »Wozu die Eile? Nachdem Sie mich bereits als Täter identifiziert haben, können Sie doch in Ruhe zuwarten, bis mein Anwalt die Akten studiert hat und wir uns beraten haben.«
»Wir haben uns keineswegs auf Sie als Täter festgelegt«, antwortete Amina. »Wir ermitteln auch in andere Richtungen. Das Tagebuch des Opfers ist noch nicht ganz ausgewertet.«
Adrian blickte Holdenried fragend an. Dieser beugte sich zu ihm und flüsterte: »Die werden sicher wissen wollen, ob Sie für die Tatzeit ein Alibi haben.«
Adrian nickte. »Okay, was wollen Sie wissen?«
»Können Sie uns sagen, wo Sie vorgestern, also Sonntagabend zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr waren?«, fragte Amina.
Adrian atmete erleichtert auf. »Da war ich auf der Tagung meiner psychoanalytischen Gesellschaft.«
»Wo fand die Veranstaltung statt?«
»Im Seminaris CampusHotel.«
»Wie lange waren Sie dort?«
»Bis um zweiundzwanzig Uhr dreißig. Da war die Tagung zu Ende. Danach bin ich nach Hause gefahren.«
Amina schaute ihn, wie es schien, erleichtert an. »Na, das wird sich ja wohl leicht überprüfen lassen. Man hat Sie dort doch sicher gesehen.«
Adrian durchzuckte es, als hätte er einen Tritt in den Unterleib bekommen. Sein Blick verfinsterte sich.
»Nein, das stimmt nicht ganz. Gegen einundzwanzig Uhr habe ich das Tagungshotel verlassen. Vorübergehend. Ich war so verärgert über die Grabenkämpfe der verschiedenen Institute. Immer wieder, auf jeder Tagung dasselbe. Besserwisserei, uralte ideologische Gefechte, die mit dem Eigentlichen nichts zu tun haben. Ich hatte keine Lust mehr und brauchte etwas Abstand.«
»Was haben Sie dann gemacht?«, fragte Amina.
»Herumgelaufen. Ich bin spazieren gegangen. Zum offiziellen Tagungsende bin ich wieder zurück zum Hotel gegangen.«
»Und natürlich hat Sie keiner gesehen.« Schrader hielt sein Smartphone in der Hand und schien etwas zu suchen. »Aha, da haben wir es. Seminaris CampusHotel Berlin. Liegt sechzehn Autominuten vom Fundort der Leiche am Wannsee entfernt. Sie hätten also problemlos hin und zurück fahren können – und hätten noch genügend Zeit gehabt, Ihre Patientin zu ermorden.«
Holdenried legte beide Hände auf den Tisch und richtete sich auf: »Ich halte es für das Beste, wenn wir die Befragung an dieser Stelle unterbrechen. Mein Mandant sollte die Gelegenheit haben, sich mit mir zu besprechen, nachdem ich die Akten eingesehen habe.«
Schrader schnaubte. Amina packte die Papiere, die sie vor sich ausgebreitet hatte, zusammen und beendete die Vernehmung.
