3,99 €
Die Kriminalkommissarin Amina Reshad und der Psychoanalytiker Adrian Sur geraten in ein verwirrendes Geflecht radikalisierten Denkens und Handelns. Amina ermittelt in einer Mordserie in Berlin, bei der türkische Männer getötet werden. Ihre Ermittlungen führen in das Milieu rechtsradikal motivierter Gewalt. Adrian behandelt eine türkische Patientin, die von Ehrenmord bedroht ist. Ihr Bruder, emotional zerrieben und orientierungslos, gerät in die Fänge einer radikal-islamistischen Gruppe. Was alle Figuren eint, ist ein Fehlen von Bezogenheit und ein intensives Bedürfnis nach Liebe und Wertschätzung. Jeder erlebt das Drama dieser Zeit und Kultur, die von schweren Erschütterungen und Auflösungserscheinungen heimgesucht wird. Für manche spielt es sich im intimen Kreis persönlicher Beziehungen ab, für manche in der Öffentlichkeit. Alle versuchen auf ihre Art und Weise, die Situation radikal zu verändern. Ein Sog der Gewalt führt die Handlungsstränge zusammen. Im Namen der Väter wird nichts gesagt - dieses Schweigen ist beunruhigend.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum neobooks
Im Namen der Väter
Von Andreas Kloiber
Die Kriminalkommissarin Amina Reshad und der Psychoanalytiker Adrian Sur geraten in ein verwirrendes Geflecht radikalisierten Denkens und Handelns.
Amina ermittelt in einer Mordserie in Berlin, bei der türkische Männer getötet werden. Ihre Ermittlungen führen in das Milieu rechtsradikal motivierter Gewalt. Adrian behandelt eine türkische Patientin, die von Ehrenmord bedroht ist. Ihr Bruder, emotional zerrieben und orientierungslos, gerät in die Fänge einer radikal-islamistischen Gruppe.
Was alle Figuren eint, ist ein Fehlen von Bezogenheit und ein intensives Bedürfnis nach Liebe und Wertschätzung. Jeder erlebt das Drama dieser Zeit und Kultur, die von schweren Erschütterungen und Auflösungserscheinungen heimgesucht wird. Für manche spielt es sich im intimen Kreis persönlicher Beziehungen ab, für manche in der Öffentlichkeit. Alle versuchen auf ihre Art und Weise, die Situation radikal zu verändern. Ein Sog der Gewalt führt die Handlungsstränge zusammen.
Im Namen der Väter wird nichts gesagt - dieses Schweigen ist beunruhigend.
Andreas Kloiber, geboren 1961, setzt sich seit 30 Jahren als Arzt und Analytischer Psychotherapeut mit den Konflikten und Dramen der Menschen auseinander, die er begleitet. Als Dozent in einem psychoanalytischen Ausbildungsinstitut unterrichtet er unter anderem Kreatives Schreiben und Filmanalyse. Und er hat langjährige Erfahrung in verschiedenen Kampfkünsten. Besonders fasziniert ihn, wie sich existenzielle Menschheitsthemen immer wieder in persönlichen Dramen darstellen.
Andreas Kloiber ist Autor von:
"Hinter dem Schatten" (Neobooks, 2023 und unter dem Pseudonym Andreas Oberholz bei Brandes & Apsel, 2015).
"Sexueller Missbrauch an Jungen" (Asanger Verlag, 2002)
Im Namen der Väter
Psychologischer Kriminalroman
Von Andreas Kloiber
1. Auflage, 2023
© Andreas Kloiber – alle Rechte vorbehalten.
Neobooks
»Die Zeit ist aus den Fugen«
Shakespeare, Hamlet
Für M., H. und die Gefährten
»Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war. Vielleicht fünf oder sechs. In den Sommerferien waren wir in die Heimat gefahren. Und ich hatte mir aus Großmutters Truhe Stoffe genommen und damit Prinzessin gespielt. Plötzlich habe ich Schritte gehört und bin unter das Sofa gekrochen. Ich hatte ja nicht um Erlaubnis gefragt und Angst, dass sie schimpfen würde. Dann sind sie ins Zimmer gekommen. Großmutter, mein Vater und meine Mutter, zwei Onkel mit ihren Frauen. Mein ältester Cousin war auch dabei. Meine Tante Yildiz stellte ein Tablett mit Tassen und Teekanne auf den Tisch. Alle haben sich hingesetzt. Ich hatte fürchterliche Angst und hab die Luft angehalten. Keiner hat was gesagt. Sie haben Tee getrunken und geraucht. Ich weiß noch, dass ich dringend auf die Toilette musste. Ich hatte schreckliches Herzklopfen und wäre am liebsten aus dem Zimmer gerannt. Irgendwann hat mein Onkel was gesagt. Aber ich hab nicht verstanden, was. Dann war es wieder still. Dann sagte wieder jemand was. Und dann wieder Stille. So ging das eine halbe Ewigkeit. Mir sind nur noch Satzfetzen in Erinnerung geblieben: Schande, Ehre, aufpassen müssen, versagt, wiederherstellen. Zuletzt hat mein älterer Onkel gesagt: ›Es muss sein.‹ Danach war es wieder still. Dann ist meine Großmutter aufgestanden und hat etwas aus der Schublade genommen. Sie stand mit dem Rücken zu mir und ich konnte nicht sehen, was es war. Sie hatte ihre Mantelschürze an. Mit hellblauen und roten Blüten drauf. Das Ding hat sie auf den Tisch gelegt. Es hat sich schwer angehört. Wie Eisen. Dann hat sie sich wieder hingesetzt. Und keiner hat was gesagt. Ich hätte mir fast in die Hose gemacht. Nach einer Weile hat mein Cousin dann das Ding vom Tisch genommen und ist rausgegangen.«
Es gab Tage, an denen wäre er am liebsten gar nicht aus dem Bett gestiegen. Berliner Schmuddelwetter. Und dann auch noch Montag. Missmutig kaute Tom Schrader auf einer Schrippe von vorgestern, an der er sich die Finger verbrannt hatte, als er sie vom Toaster nahm, und schaute aus dem Küchenfenster. Tiefgraue Wolkenmassen wrangen sich über dem Hinterhof aus. Ich brauche eine neue Wohnung, dachte er.
Es half nichts. Er musste sich auf den Weg machen. Montag war Montag. Tom Schrader schnürte seine Chucks, zog die Regenjacke über und verließ seine Wohnung. Auf dem Weg zur U-Bahn fiel ihm ein, dass heute ein neuer Kollege zum Team stoßen sollte. Er wusste nicht viel über ihn, nur, dass er frisch gebackener Kriminaloberkommissar war und bis vor Kurzem am Platz der Luftbrücke gearbeitet hatte.
Am Wittenbergplatz stieg er aus und bahnte sich seinen Weg durch Bindfäden aus Regen zur Keithstraße. Lange genug hatten sie auf Verstärkung gewartet. Und Tom war froh, dass Turner endlich jemanden gefunden hatte. Ein bisschen skeptisch war er dennoch. Der Leiter der Abteilung 1, Delikte am Menschen, hatte es auf Tom abgesehen, zeigte immer wieder, dass er ihn nicht leiden konnte. So fühlte es sich jedenfalls an. Lediglich nach der Sache mit Sur vor einem halben Jahr hatte er sich weniger ablehnend verhalten, war bald jedoch wieder zu seiner bissigen Art zurückgekehrt. Und Tom befürchtete, dass Turner ihn auch dem Neuen gegenüber zurücksetzen würde. So wie er ihm immer Aminas Fähigkeiten vorhielt.
Mit nass quietschenden Gummisohlen eilte er über den Flur, um vor Turner im Besprechungsraum zu sein. Vergeblich. Mist! Mit vorwurfsvollem Blick schaute Alexander Turner auf seine Armbanduhr, als Tom sich neben Kurt an den Tisch setzte. Der nickte ihm stumm zu.
Turner quittierte Toms »Sorry, die U-Bahn« mit einem zynischen Schnauben und sagte zu dem Mann, der neben Amina saß: »Drei Minuten zu spät. Hier haben Sie gleich zwei Informationen in einer, Herr Lenow. Erstens, dies ist der Kollege Schrader und zweitens, ich hasse Unpünktlichkeit.«
Da war es wieder.
Der Angesprochene – es musste der Neue sein – nickte Tom mit einem unbehaglichen Lächeln zu.
»Wo waren wir stehen geblieben?«, sagte Turner. »Ach ja, Herr Lenow war, wie Sie wissen, in der Abteilung 53 und hat sich bei uns beworben. Gratulation zum Oberkommissar, übrigens. Frau Reshad wird sie unter ihre Fittiche nehmen. Und natürlich werden Sie auch von den Kollegen Joraschky und Schrader eingearbeitet.«
Der Neue blickte in die Runde. »Danke, ich freue mich, hier im Team anfangen zu können.«
Irgendwie kam er Tom bekannt vor. Sah auf jeden Fall gut aus.
»Gut, gut«, sagte Turner. »An die Arbeit. Fall Ahmadi. Was gibt es Neues?«
Amina Reshad richtete sich auf. »Nicht viel. Ich habe mit den Kollegen vom Staatsschutz gesprochen. Die meinten, der Tathergang könnte für rechts motivierte Gewalt sprechen. Aber sicher ist es natürlich nicht. Die Rechten bekennen sich ja meistens nicht.«
Turner wandte sich zu Lenow: »War doch Ihre Baustelle.«
Der Neue zuckte zusammen.
»Organisierte?«, fragte Turner.
»Bei den Kollegen in der Vier war Ahmadi nicht bekannt«, warf Tom ein.
»Auch nicht beim Rauschgift?«
Tom schüttelte den Kopf.
»Auf jeden Fall sollte die Sache erst mal bei uns bleiben«, sagte Amina.
»Ist ja auch richtig«, erwiderte Turner. »Könnte ein ganz banaler Familienstreit gewesen sein.« Er blickte auf die Uhr. »Also dann«, stand auf und verließ den Raum.
Wenig später saßen sie im Büro. Amina hatte Kaffee an alle ausgeteilt.
»Jetzt noch einmal von mir: Willkommen im Team. Ich bin Amina, das sind Tom und Kurt.«
Die beiden reichten dem Neuen die Hand.
»Moritz«, sagte der.
Wie üblich hatte Turner Amina, obwohl sie Leiterin des Teams war, nicht in die Auswahl des neuen Kollegen einbezogen. Chefsache.
Allerdings konnte sie sich nicht beklagen. Mit ihrem Team war sie hochzufrieden. Auch mit dem erweiterten Stab. Turner hatte da offensichtlich ein gutes Händchen. Trotz seiner Art. Oder gerade deswegen?
»Kurt, könntest du Moritz bitte die internen Abläufe erklären und in den Fall einarbeiten?«, sagte Amina.
»Klar.«
»Tom, ich möchte noch einmal Ahmadis Angehörige befragen«, sagte Amina. »Das sollten wir zu zweit machen. Du den Sohn und ich die Frau.«
»Vor Ort?«, fragte Tom.
»Ist besser, denke ich. Die sind so verstört, dass eine Vorladung eher kontraproduktiv wäre.«
»Ich weiß nicht, ob ich noch in dem Haus leben könnte, wenn meinem Mann vor der Haustür der Schädel eingeschlagen worden wäre«, sagte Tom, als sie im Auto saßen.
»Auf jeden Fall brauchen sie psychologische Unterstützung«, sagte Amina. Und dachte an Adrian.
»Wie wäre es mit Sur?«, fragte Tom. »Der ist doch der Beste.«
Amina schmunzelte. »Das aus deinem Munde. Aber du hast recht. Wäre eine Möglichkeit. Wenn er einen Behandlungsplatz frei hätte. Infos über Opferhilfe haben sie.«
»Wenn ich nur wüsste, wo ich den Neuen schon mal gesehen habe«, sagte Tom, als sie in den Mehringdamm einbogen.
»Fortbildung? Amtshilfe?«
»Kann sein. Aber ich glaube, es war irgendetwas Privates.«
»Wie ist dein erster Eindruck?«
»Okay. Sympathisch.«
Amina wusste, dass Tom mit neuen Kollegen schwierig sein konnte. Aber dieses Mal hatte sie nicht das Gefühl, dass es Probleme geben würde. Jedenfalls nicht die üblichen.
Nuri schloss die Tür und zog seine Schuhe aus. Die Diele war düster, nur durch einen schwachen Lichtkegel erhellt, der durch die Glasscheibe in der Küchentür fiel. Er wollte direkt in sein Zimmer gehen, hatte keine Lust, mit jemandem zu reden. Am liebsten wäre er ausgezogen. Aber das konnte er ihnen nicht antun. Nicht auch noch er. Das würde ihnen vollends das Herz brechen. Und er wäre der schlechte Sohn, für den sein Vater ihn hielt. Und überhaupt, wovon sollte er das bezahlen?
Bevor er sein Zimmer am Ende des Flurs erreicht hatte, stand sein Vater in der Küchentür. »Nuri, ich muss mit dir reden.«
Das war keine Bitte. Das war ein Befehl. Nuri zog die Lederjacke aus und folgte seinem Vater, der sich an den Küchentisch setzte. Er musste lange dort auf ihn gewartet haben, denn der Aschenbecher quoll über. Nuris Mutter stand mit gesenktem Kopf am Herd und kochte. Sie schaute nicht auf, als Nuri, der Geste seines Vaters folgend, sich ihm gegenübersetzte.
»Baba, ich weiß nicht, ob Kühne für mich das Richtige ist«, sagte er in das Schweigen hinein. »Am Band.«
Er wusste, sein Vater erwartete, dass er sich in der Firma, in der seine Eltern seit fünfundzwanzig Jahren arbeiteten, bewarb. Nachdem er die Schule geschmissen hatte, hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Und lag seinen Eltern auf der Tasche.
»Man hat sie gesehen«, sagte sein Vater und zündete sich eine weitere Zigarette an.
Nuri zuckte zusammen, als hätte er einen Tritt in die Magengrube bekommen. Er wusste, was das zu bedeuten hatte. »Wo?«
»In einer Bank in Charlottenburg. Theodor-Heuss-Platz.«
»Dann hat sie die Stadt nicht verlassen«, sagte Nuri. Und dachte: Wie bescheuert kann man sein? »Soll ich mit ihr reden?«
»Zum Reden ist es zu spät. Das weißt du. Die Ehre der Familie kann nur auf eine Art wiederhergestellt werden.«
»Baba...«
»Es geht nicht nur um uns. Es geht um die ganze Familie.« Er erhob sich und verließ die Küche.
Nuri schaute zu seiner Mutter: »Anne, willst du das auch?«
Sie sah ihn ausdruckslos an. Tränen füllten ihre Augen. Aus dem Zimmer nebenan hörte Nuri Geräusche, ein Jaulen, das ihm so vertraut wie lästig war.
»Ich muss nach Gencer sehen«, sagte seine Mutter und ging nach nebenan.
Gencer, immer nur Gencer, dachte Nuri.
In diesem Moment kam sein Vater zurück, mit etwas in der Hand, das in eine Plastiktüte eingewickelt war, und setzte sich wieder. »Nuri, du bist mein erster Sohn.« Schweigend stierte er auf die Plastiktüte, drehte und wendete sie in seinen Händen. Der Stumpf seines rechten Zeigefingers, den ihm das Förderband in der Fabrik abgerissen hatte, zuckte. Nuri war damals elf. Er erinnerte sich noch gut an den riesigen, schneeweißen Verband, mit dem sein Vater aus dem Krankenhaus kam, und an die Bilder, die nicht aus seinem Kopf wollten: Sein Vater mit zerfetzter Hand und der Finger, der auf dem Band wegbefördert wurde. So hatte er es sich ausgemalt. Gesprochen wurde ja nicht darüber.
Nach einer Ewigkeit sagte sein Vater: »Du hast mich oft enttäuscht.«
Anders als Esin, dachte Nuri. »Und Soner?«, fragte er. »Er ist ihr Mann.«
»Soner ist schwach. Zu schwach. Jetzt hast du die Gelegenheit zu beweisen, dass du ein guter Sohn bist. Du bist der Einzige, der unsere Ehre wiederherstellen kann. Hier und in der Heimat. Es ist deine Pflicht.«
Er entrollte die Plastiktüte, griff hinein und legte eine Pistole und eine Schachtel auf den Tisch. Dann stand er auf und ging.
Nuri spürte kalten Schweiß unter seinen Achseln. Pistolen hatte er bisher nur im Film oder in Computerspielen gesehen. Er starrte auf den Tisch. Wie ferngesteuert hob sich seine Hand und näherte sich dem schwarz glänzenden Ding vor ihm. In Zeitlupe. Zitterte. Griff zu.
Adrian Sur ergriff die Hand, die ihm die Frau im dunkelblauen Business-Kostüm entgegenstreckte. »Frau Onur? Guten Tag.« Einladend zeigte er mit der geöffneten anderen Hand auf einen der beiden Ledersessel. Er selbst setzte sich ihr gegenüber und wartete. Die junge Frau schaute sich nervös im Zimmer um, sichtlich unsicher, was nun auf sie zukommen würde. Adrian kannte das. Die erste Begegnung zwischen Therapeut und Patientin war immer aufregend. Für beide. Selbst für einen erfahrenen Psychoanalytiker wie Adrian. Streng genommen war es bereits die zweite Begegnung. Die erste hatte am Telefon stattgefunden. Adrian hatte Esin Onur einen Termin für das Erstgespräch angeboten, obwohl er eigentlich keinen Therapieplatz vergeben wollte. Ja, vor Kurzem war eine Behandlung zum Ende gekommen. Doch er war sich nicht sicher, ob er den freien Platz wieder belegen oder ob er ihn freihalten sollte. Für anderes. Doch wofür? Die letzten Monate hatten sein Leben grundlegend verändert. War er sich selbst sein ganzes Leben lang irgendwie fremd gewesen, war ihm nun fremd, dass er sich auf eine ganz andere Weise kennengelernt hatte. Plötzlich waren Möglichkeiten vor ihm aufgetaucht, die die eingefahrenen Bahnen infrage stellten, auf denen er sich – sich auf sicherem Boden wähnend – bewegt hatte, um sich kreisend und sich selbst eben dadurch vermeidend. Doch als die junge Frau, die jetzt vor ihm saß, anrief und um einen Termin bat, sagte er spontan zu. Etwas in ihrer Stimme, an ihrer Art, um ein Gespräch zu bitten, veranlasste ihn dazu. Warum, wusste er nicht.
»Soll ich anfangen zu reden?«, fragte Esin Onur und wischte sich mit einer fahrigen Bewegung eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Adrian nickte. »Was führt Sie heute hierher?«
»Am Telefon habe ich Ihnen ja bereits gesagt, dass ich seit Monaten Kopfschmerzen habe.« Mit einer zuckenden Bewegung zog sie die Nase nach oben.
»Können Sie die Schmerzen beschreiben?«, fragte Adrian.
»Sie fühlen sich an, als hätte ich einen Eisenring um den Kopf. Meistens ziehen sie vom Nacken an aufwärts.«
»Sind die Schmerzen pochend, pulsierend?«
»Selten.«
»Stärker bei körperlicher Belastung?«
Sie überlegte.
»Wenn Sie zum Beispiel Treppen steigen?«, ergänzte Adrian.
»Nein. Aber ich wache nachts davon auf. Schlafe sowieso schlecht in letzter Zeit.«
»Haben Sie noch andere Beschwerden?«
Die junge Frau zögerte, schien mit sich zu ringen, sagte dann aber: »Nein, sonst bin ich gesund.«
»Sie haben die Kopfschmerzen sicher auf körperliche Ursachen hin untersuchen lassen?«
»Klar. Beim Hausarzt. Der hat mich zum Neurologen und zum HNO geschickt. Und dann noch zum Orthopäden. Aber die haben alle nichts gefunden. Und dann hat der Hausarzt gesagt, es könnte auch psychisch sein. Aber ich habe doch keinen an der Waffel.«
Adrian schmunzelte. »Wir alle haben einen an der Waffel.« Und fügte ernster hinzu: »Seelische Belastungen können zu körperlichen Beschwerden führen. Das kommt häufig vor.«
Ihr Blick richtete sich nach innen. »Na ja, ich bin ganz schön unter Druck.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihre Hände verkrampften sich. Wieder zog sie zuckend die Nase hoch. Dann, als müsse sie sich einen Ruck geben, sagte sie: »Ich habe Schande über meine Familie gebracht. Ich bin eine Schlampe. Das sagen sie jedenfalls über mich.«
»Wer sagt das?«
Die Tränen rannen und hinterließen eine feine Kajalspur auf ihren Wangen. Sie nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich Gesicht und Augen ab. Zu spät. Der erste Tropfen war bereits auf den Kragen ihrer schneeweißen Bluse gefallen. »Meine Familie. Alle. Ich bin schuld daran, dass meine Familie entehrt ist.«
Und dann kommt sie wegen Kopfschmerzen, dachte Adrian. »Wie ist es dazu gekommen?«, fragte er.
»Das ist eine lange Geschichte.«
»Möchten Sie sie mir erzählen?«
Sie schaute Adrian an. »Ich weiß nicht. Eigentlich bin ich nur wegen meiner Kopfschmerzen gekommen. Damit Sie mir vielleicht Tabletten verschreiben oder so.« Sie zögerte. »Wie weiß ich, dass ich Ihnen vertrauen kann?«
»Das können Sie nur herausfinden, wenn Sie es versuchen. Auf jeden Fall stehe ich unter Schweigepflicht. Ob Tabletten allein gegen Ihre Kopfschmerzen helfen, ist fraglich.«
»Das hat mein Hausarzt auch gesagt. Deshalb hat er mich ja zu Ihnen geschickt.«
Adrian nickte. »Manchmal hilft es zu reden.« Er ahnte, dass es eine Menge zu reden gab.
Die junge Frau – ihr schlanker, fast dürrer Körper passte nicht ganz zu ihrem runden Gesicht; offensichtlich hatte sie in letzter Zeit viel Gewicht verloren – schaute in die Weite. »Wo soll ich anfangen?«
»Maximilian! Komm doch mal eben. Ich muss mit dir reden.«
Er blickte kurz hoch, zögerte. Dann wendete er den Kopf nach rechts, dann nach links, legte die Hände aufs Gesicht, verharrte für einen Moment und stand auf.
Es klopfte erneut. »Max! Komm doch bitte!«
Mit einem Schnauben ging er zur Tür und auf Strümpfen ins Wohnzimmer, wo seine Mutter auf ihn wartete.
»Was ist denn?«
»Dein Ausbildungsleiter hat angerufen. Hat nach dir gefragt und wann du wieder zur Arbeit kommst. Er hat gesagt, dass du seit einer Woche krankgeschrieben bist. Das hast du mir gar nicht erzählt. Du bist doch nicht krank. Oder?«
»Das ist meine Sache.«
»Max, bitte verdirb es dir nicht wieder. Du kannst doch froh sein, dass du endlich einen Ausbildungsplatz bekommen hast. Nach der Sache im Internat.«
»Das geht nur mich etwas an.«
»Nimmst du wieder Drogen?«
Max lachte laut auf. »Sehe ich aus, als würde ich Drogen nehmen?« Wenn die wüsste, dachte er. Die Brüder würden mich grillen.
»Wenn Papa übernächstes Wochenende nach Hause kommt, sage ich ihm, er soll dir eine Stelle bei sich in Chemnitz geben. Wenn du da nicht mehr hin willst. Dann hat er ein Auge auf dich.«
»Sehr witzig.« Max verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. »Und dann wohne ich bei Dad und seiner Hure.«
»Was redest du?«
»Mensch, Mam, mach doch die Augen auf! Der bleibt doch nicht nur wegen seiner bescheuerten Firma die ganze Zeit in Chemnitz. Warum siehst du das denn nicht? Der betrügt dich!«
»Du bist undankbar, Max. Papa muss unheimlich viel arbeiten. Und er tut das, damit wir hier ein gutes Leben haben.«
»Gutes Leben. Hast du denn ein gutes Leben? Wochenlang allein. Dad in Chemnitz. Und ich sage dir: Der hat da eine Andere.«
»Wir hätten das Internat nie bezahlen können, nachdem du von der Schule geflogen bist. Und wir könnten uns nicht so ein schönes Haus leisten, wenn Papa nicht so viel arbeiten würde.«
Nach der Wende hatte sein Vater es mit verschiedenen Firmen versucht. War von Hannover nach Berlin gezogen. Wollte im Speckgürtel, dem Eldorado für Geschäftemacher, Geld verdienen. Und seine Mutter hinterher, mit ihm im Bauch. Nach etlichen Fehlschlägen klappte es dann mit einem kleinen Unternehmen in Chemnitz. Was genau er da machte, wusste Max nicht. Hatte ihn nie interessiert. So wie sein Vater sich nie für ihn interessiert hatte. Seine Geschäfte waren ihm immer wichtiger. Und Autos. Und Lebensstandard. Verlogene, verdorbene Werte, wie Max jetzt wusste. Und seit über einem Jahr kam er immer seltener nach Hause. Wegen der Firma, hieß es immer. Aber Max wusste genau, dass er eine andere Frau hatte. Sünde! Und seine Mutter tat so, als sehe sie das nicht. Hauptsache schickes Häuschen und nach außen hin alles schön. Alles Lüge. Seit ihm die Augen geöffnet wurden, sah er alles glasklar.
»Du hast dich so verändert. Damit kommen die Leute nicht zurecht«, sagte seine Mutter.
»Darüber rede ich nicht. Außerdem, das mit den Drogen hat dir und den Leuten auch nicht gefallen.«
»Kannst du nicht einfach ein ganz normaler Junge sein?«
Max hasste diesen weinerlichen Tonfall seiner Mutter. Er konnte das nicht mehr ertragen. Sie tat ihm leid. Aber irgendwie war sie selbst schuld.
Er zog seine Schuhe an und ließ sie stehen. In der Moschee hatte er sein wirkliches Zuhause gefunden.
»Was hast du, Tom?«, fragte Amina, als sie wieder im Auto saßen. Sie hatte über eine Stunde mit der durch und durch erschütterten Frau des getöteten Turgut Ahmadi gesprochen. Immer wieder musste sie die Befragung unterbrechen, weil Gülay Ahmadi, von Weinkrämpfen geschüttelt, zusammenbrach. Amina hatte sich auf Vorhaltungen gefasst gemacht, wenn sie nach dem beruflichen und familiären Umfeld des Getöteten fragen würde. Vorhaltungen wie: »Ihr denkt jetzt wohl wieder an Drogen und andere Frauen. An alles, nur nicht an Nazis. Wie damals.« Und nach allem, was nach den NSU-Morden passiert – oder nicht passiert – war, hätte Amina dies nur allzu gut verstehen können. Auch wenn sie selbst damals nicht beteiligt war, so nahm sie die Kollektivschuld der deutschen Ermittlungsbehörden an.
Vielleicht als Einzige. Aber nichts dergleichen kam von Gülay Ahmadi. Nur Ratlosigkeit und Verzweiflung. Vielleicht lag es an Aminas Namen und Aussehen, die deutlich erkennen ließen, dass sie selbst keine Eingeborene in diesem Land war. Obwohl man nicht so leicht auf ihre genauen Wurzeln kam: Britin mit deutsch-indischem Hintergrund.
Die Frau hatte keine Ahnung, wer ihrem Mann hätte den Schädel zertrümmern wollen. Sie wusste von keinen Feinden, weder auf der Arbeit noch im Privaten. Als Trainer mehrerer Fußballmannschaften sei er sehr beliebt gewesen. Auch bei den Deutschen. Vor allem nachdem sie aufgestiegen waren. Seit mehr als zwanzig Jahren Busfahrer bei der BVG. Keine Klagen, keine Probleme. Letztlich kam nichts heraus, was Amina nicht bereits bei der Erstbefragung erfahren hatte.
»Der Sohn hat wiederholt, was er vor zwei Tagen ausgesagt hat.« Tom Schrader nahm seinen Notizblock aus der Tasche. »Keine politischen Aktivitäten, keine Konflikte im Umfeld. Das Einzige sei ein Streit bei einem Fußballspiel gewesen. Im letzten Spiel der Saison sei es um den Aufstieg gegangen. Ahmadis Mannschaft bekam wohl in der Nachspielzeit einen Elfer zugesprochen. Das Tor hat dann über den Aufstieg entschieden. Die andere Mannschaft, vor allem die Väter, hätte dann lautstark protestiert. Und nach dem Spiel sei es fast zu Handgreiflichkeiten gekommen. Der Schiri, Ahmadi und seine Mannschaft hätten fluchtartig den Platz verlassen.« Schrader schüttelte den Kopf. »Die Kinder waren zwölf.«
»Ist Ahmadi danach bedroht worden?«
»Davon weiß der Sohn nichts. Aber mal im Ernst. Meinst du, das könnte ein Tatmotiv sein?«
»Menschen sind schon aus weit banaleren Gründen umgebracht worden«, sagte Amina.
»Banaler als Kinderfußball?«
»Du hast doch selber in deiner Jugend Fußball gespielt.«
»Aber wir – oder unsere Väter – hätten sicher niemanden umgebracht deswegen.« Tom sann nach. »Vielleicht hätte ich mir gewünscht, mein Alter hätte auch nur annähernd so viel Herzblut für meinen Fußball vergossen wie für sein bescheuertes Tennis. Aber den Schädel hätte der auch für Tennis niemandem eingeschlagen.«
»Und wie hat er den Anblick verkraftet?«, fragte Amina.
»Der Sohn? Er wirkt gefasst. Fast zu gefasst. Ich weiß nicht, wie es mir ginge, zwei Tage, nachdem ich meinen Vater in einem Cocktail aus Blut und Hirnmasse im Hauseingang aufgefunden hätte.«
Schraders schnodderige Art ging Amina manchmal auf die Nerven. Aber sie wusste: Dies war seine Art, mit den grausamen Bildern umzugehen, die sie in ihrem Job sehen mussten und die sich in ihren eigenen Köpfen festfraßen.
Sie waren in der Keithstraße angekommen. »Tom, wann können wir die Tochter befragen?«
»Sie kommt nächsten Mittwoch an. Hat ihr Studium unterbrochen. Da hat man einmal die Chance, in Kalifornien zu studieren ...«
Amina parkte den Wagen, und sie stiegen aus.
Auf dem Weg über den Parkplatz schnippte Tom mit den Fingern. »Jetzt weiß ich, wo ich den Neuen schon mal gesehen habe.«
»Haben Sie Ihren Mann seitdem nochmal gesehen?« Adrian schlug das linke Bein über das rechte.
»Einmal noch«, sagte Esin Onur, und wieder war da dieser Tic um die Nase. »Vielleicht drei Wochen, nachdem ich gegangen war. Ich dachte, ich muss ihm wenigstens erklären, warum ich weg bin.« Sie strich ihren Rock glatt. »Und ich wollte wissen, was er vorhat. Ob er mich sucht.«
»Und? Hatte er Sie gesucht?«, fragte Adrian.
»Noch nicht. Als ich ihn anrief, sagte er, er wartet darauf, dass ich zurückkomme. Wie es meine Pflicht ist. Als gehorsame Ehefrau.«
»Und Sie waren eine – gehorsame Ehefrau.«
»Nicht wirklich«, sagte Esin, und Adrian meinte, einen schalkhaften Zug um ihre Augen zu erkennen. »Aber ich hab mich mit ihm verabredet. Blöderweise in unserer Wohnung. Irgendwie hab ich gedacht, es könnte im Guten ausgehen, und ich könnte noch einiges mitnehmen. Ich hatte ja nur ein paar von meinen Sachen heimlich in die neue Wohnung geschafft. War ja schwierig genug. Wohnung finden und mieten, die wichtigsten Möbel kaufen und so weiter. Ohne dass er es mitkriegt.«
»Das muss sehr belastend für Sie gewesen sein«, sagte Adrian. »Sie hatten einen Plan, der ihr Leben umkrempelt, und Sie mussten alles alleine bewältigen. Ohne Unterstützung. Seelische oder praktische.«
»Die Hölle war das. Als ich dann in der neuen Wohnung saß, war ich erleichtert, aber auch völlig verzweifelt. Ich hatte niemanden.«
»Auch nicht Ihren Bruder?«
»Ach Nuri, den hätte ich brauchen können. Wenn er zu etwas zu gebrauchen wäre.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Adrian. Er spürte ihre Einsamkeit wie einen zu eng geschnallten Gürtel über seiner Brust.
»Ich hätte ihn doch in totale Schwierigkeiten gebracht. Wenn er zu mir halten würde, wäre er ein schlechter Sohn. Dass mein Vater mich verurteilen würde, war sicher. Und Nuri leidet genug darunter, von ihm als Versager angesehen zu werden.«
»Und Sie wollen Nuri vor jedem Konflikt bewahren. Selbst davor, zu wissen, wo Sie sind. Was er nicht weiß, muss er nicht für sich behalten.«
Esin nickte stumm. »Außerdem habe ich mich nie auf Nuri verlassen können. Er ist einfach unzuverlässig. Lieb, aber unzuverlässig.«
»Lieb, aber unzuverlässig«, echote Adrian.
»Ich hab mich also mit Soner in unserer ehemaligen gemeinsamen Wohnung getroffen.«
»Mutig«, sagte Adrian und dachte: leichtsinnig.
»Dumm war das. Idiotisch. Ich weiß nicht, was ich mir erhofft hatte. Dass er akzeptiert, dass ich nicht mit ihm zusammenbleiben kann? Dass er sagt: ›Ja, liebe Esin, ich verstehe dich? Es tut mir leid, was ich dir angetan habe? Ich wünsche dir für dein weiteres Leben alles Gute?‹« Dabei gestikulierte sie aufgebracht mit beiden Händen und schüttelte den Kopf über sich. So lebhaft hatte Adrian sie in den Sitzungen zuvor noch nicht erlebt.
»Und wie verlief das Treffen?«, fragte Adrian.
»Die Wohnung hat scheiße ausgesehen. Da hatte seit meinem Auszug niemand mehr sauber gemacht. Aber er hatte sich rausgeputzt. Frisch geduscht, gegelte Haare, neue Klamotten. Hat mich freundlich begrüßt. Hat mir Wasser angeboten. Wir haben uns an den Küchentisch gesetzt. Bevor ich ihm erklären konnte, warum es für mich aus ist, hat er meine Hand genommen und gesagt, das mit der Frau tut ihm leid. Ich soll ihm verzeihen und zurückkommen. Dann wird er auch mir verzeihen. Solche Sachen.«
»Was sollte er Ihnen verzeihen?«
»Dass ich ungehorsam gewesen bin.« Esin zog wieder schnaubend die Nase hoch. »Ich hab versucht, ihm zu erklären, dass das mit der Frau nur der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Da ist er aufgesprungen und hat die Gläser vom Tisch gewischt, dass sie an die Wand gescheppert sind.« Sie zog den Kopf ein. »Die Scherben sind überall herumgeflogen. Und er hat mich angebrüllt: ›Du musst mir gehorchen! Ich habe es im Guten versucht! Aber wenn du nicht machst, was ich sage, wirst du schon sehen! Ich bin dein Mann, und du gehörst mir!‹«
»Was geschah dann?«
»Ich hab Schiss gekriegt. Bin aufgestanden und wollte weg. Da hat er mich gepackt und zurückgerissen. Hat mir ins Gesicht geschlagen und mich auf den Tisch gedrückt.«
»Hatte er Sie schon öfter geschlagen?«, fragte Adrian.
»Immer wieder mal. Ohrfeigen. Das letzte Mal, als ich ihn wegen der Affäre gefragt habe.«
»Haben Sie sich jemals gewehrt?«
Esin schüttelte den Kopf. Sie schaute stumm auf den Boden, als studiere sie die Maserung des Parketts. »Aber dieses Mal. Er hat mich auf dem Tisch festgehalten und angebrüllt: ›Du bist mein Eigentum, ich kann machen mit dir, was ich will!‹ Dann hat er mir zwischen die Beine gefasst.« Esin verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. »Da hat es mir gereicht. Ich hab das Knie ausgefahren. Er ist zurück gegen den Kühlschrank geknallt. Ich bin gelaufen, wollte nur noch raus. Er hinterher, mit einem Brotmesser in der Hand. An der Wohnungstür hat er mich eingeholt. Da hab ich ihm eine mitgegeben.« Sie schniefte. »Tora-yop-chagi.«
Adrian überlegte. »Fußstoß aus der Drehung?«
»Sie kennen sich aus?«
Adrian nickte. »Ein wenig.«
»Ich habe Taekwondo gemacht. Zweiter Dan. Habe ihn voll am Brustkorb getroffen. Zum Glück hatte ich Sneakers an und keine Absatzschuhe. Zu seinem Glück.«
Adrian hoffte, seine Genugtuung strahle nur nach innen. »Sie wehrten sich. Und das war gut so.« Unabstinent, dachte er.
»Ihm ist die Luft weggeblieben, und er ist zu Boden gegangen. Und ich bin gerannt, was ich nur konnte. Seitdem habe ich ihn nicht mehr wiedergesehen.«
Das Blut tropfte warm über ihre Finger, als sie den Schrei hörte.
Wo sie gerade gewesen war, wusste sie nicht. Weit weg, vielleicht wieder in der Heimat. Dort fand sich Kader Dursun oft in letzter Zeit, wenn ihre Gedanken spazieren gingen. Obwohl, spazieren gingen sie nicht. Vielmehr flüchteten sie. Weit, weit zurück in eine Zeit, längst vergangen. In eine Heimat, die nicht mehr existierte. Nicht mehr so. Das Dorf, die Felder, ihre Familie, bevor alles so schrecklich wurde. Als sie und ihre Schwestern spielten und stritten, wie Kinder eben spielten und stritten. Vor allem, wenn die älteste Schwester auf die Jüngeren aufpassen musste. Eine Zeit, in der sie und ihre große Schwester auch glücklich waren, trotz der Arbeit auf dem Feld und der ewig nörgelnden Mutter. Und bevor das Fehlen einiger Blutstropfen auf einem Laken Unglück brachte und Schande über ihre Schwester und die ganze Familie. Eine Schande, unter derer Schatten auch sie seit damals zu leben und zu leiden hatte.
Kader schaute auf das Messer in ihrer Hand, auf das Rot, das sich mit dem Grün der Korianderblätter auf dem Holzbrett mischte wie Farben auf einer Palette. Noch fühlte sie keinen Schmerz, wusste aber, er würde in Sekundenschnelle kommen. Schließlich hatte sie sich nicht zum ersten Mal beim Kochen geschnitten. Und als der Schmerz im Finger langsam anschwoll, war es, als legte er sich scharf und klar über den dumpfen Druck, der wie eine Stahlhaube auf ihrem Kopf saß. Sie atmete tief ein und wieder aus. Seit Esin weg war, hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. So hatte sie sich gefühlt, als sie Esin und Nuri zurücklassen musste. Jetzt war Esin gegangen. Verschwunden. Und nun hatte man sie gesehen.
Wieder hörte sie den Schrei, der sie immer an das Schreien einer jungen Raubkatze erinnerte. Sie öffnete den Wasserhahn, hielt den Zeigefinger darunter und nahm das Geschirrtuch, das neben der Spüle lag. Drückte es auf die Wunde. »Ich komme, Gencer.« Dann nahm sie ein Pflaster aus der Schublade und klebte es auf den Finger. Das Geschirrtuch warf sie auf den Tisch, als sie die Küche verließ.
»Ich bin ja da, Kalbim«, sagte Kader, als sie Gencers Zimmer betrat. Sofort hörte er auf zu schreien und verzog das Gesicht zu der Grimasse, die Fremden oft Angst machte, in Kader aber nichts als einen warmen Strom erzeugte und die sie als sein Lächeln kannte. Sein Körper wand sich wie eine Schlange und seine Arme schraubten sich ihr entgegen. Die Spastik verstärkte sich, wenn er sich freute. Das wusste Kader. Sie nahm den Becher vom Tisch und steckte Gencer den Strohhalm in den Mund. Er sog gierig.
»Langsam, Kalbim, du verschluckst dich«, sagte sie. »Deine Musik ist zu Ende. Soll ich den Fernseher einschalten? Ich muss noch fertig kochen. Baba kommt bald nach Hause.«
Gencer warf den Kopf von einer Seite zur anderen und schrie seinen Schrei.
»Gut, ich nehme dich mit in die Küche. Dann kannst du mir zusehen.«
Gencer beruhigte sich, als Kader die Bremsen löste. Die Wunde an ihrem Finger schmerzte, als sie den Rollstuhl aus dem engen Zimmer über den Flur in die Küche bugsierte.
Auf dem Tisch lag das Geschirrtuch. Weiß mit einem kleinen Blutfleck in der Mitte.
Amina joggte die Jahnstraße entlang und überquerte die Hasenheide. Im Park beschleunigte sie ihr Tempo ein wenig und atmete tief ein. Sie liebte den Geruch, wenn es auf den aufgeheizten Asphalt und Sandboden Berlins geregnet hatte und der aufsteigende Dunst sich zu einem metallen-erdigen Aroma verband. Unter wolkenverhangenem Himmel spürte Amina die schwülwarme Luft wie Seide auf ihrer Haut, und erste Schweißtropfen rannen über ihren Rücken. Nach einem viel zu frühen Frühling und einer langen Zeit klimatischer Unentschlossenheit war es doch noch richtig Sommer geworden – Mitte Juli. Amina lächelte vor sich hin, als sie an Adrians Satz neulich dachte: »Früher, als es noch Jahreszeiten gab ...« In der Ferne war noch spärliches Donnergrollen zu hören.
Seit über einer Woche hatte sie Adrian nicht gesehen. Ihr Dienstplan und seine Termine stellten sich wie Bollwerke zwischen sie und verhinderten etwas, von dem Amina nicht wusste, ob sie und Adrian es überhaupt wollten. Die Ereignisse um den Rost-Fall hatten eine Nähe zwischen ihnen geschaffen, hatten sie zusammengeworfen. Und obwohl sich beide mit ganzer Kraft dagegengestemmt hatten, hatten sie den Dammbruch am Ende nicht aufhalten können und waren aufeinander zugerast wie zwei Züge in voller Fahrt. Seitdem ging es drei Schritte vor und zwei zurück. Irgendwie trabte Ralf noch immer neben ihr her, obwohl er seit über fünf Jahren tot war und sicher nicht gewollt hätte, dass Amina alleine blieb.
Sie dachte an den Ahmadi-Fall. Sehr viel weiter waren sie bisher nicht gekommen. Niemand hatte etwas gesehen – oder wollte etwas gesehen haben. Vieles deutete auf rechte Gewalt hin, vor allem die Tötungsart. Nazi-Übergriffe hatten besorgniserregend zugenommen. Angriffe auf alles, was nicht deutsch – was war schon deutsch? – aussah, brennende Flüchtlingsunterkünfte, pöbelnde »Wutbürger« und eine zunehmende Gesellschaftsfähigkeit dumpfer Ressentiments in emotional geführten Debatten, bar jeder vernünftigen Analyse sowohl der Hintergründe als auch dessen, was zu tun war. Von ihrem Großvater hatte sie früh gelernt, dass es nicht ausreichte, ein »guter Mensch« sein zu wollen, sondern wie wichtig es war, nachzudenken. Aber gerade deswegen durfte sie im Fall Ahmadi andere Möglichkeiten nicht von vorneherein ausschließen. Und deshalb wollte sie die Ermittlungen nicht vorschnell an die Kollegen der Abteilung 53 abgeben.
Am Columbiadamm bog Amina rechts nach Westen ab, umrundete den Rixdorfer Teich und lief nach Norden am Minigolfplatz vorbei zur Graefestraße. Sie schaute auf die Uhr. In einer Stunde musste sie in der Keithstraße sein. Gerade genügend Zeit für eine Dusche.
Im Besprechungsraum saßen bereits Tom und Moritz. Die beiden steckten die Köpfe zusammen, als hätten sie etwas Geheimes zu besprechen, wirkten fast aufgeschreckt, als Amina, gefolgt von Kurt, eintrat. Wie üblich erschien Turner wenige Sekunden vor der vollen Stunde, setzte sich an das Kopfende des Tisches und eröffnete die Sitzung, als der Sekundenzeiger auf der Wanduhr – funkgesteuert natürlich, dafür hatte Turner gesorgt – die Zwölf passierte.
»Haben wir Neues im Ahmadi-Fall?«, fragte er in die Runde.
Amina und Tom berichteten von ihrer erneuten Befragung der Ehefrau und des Sohnes.
»Also nichts Erhellendes«, sagte Turner. »Sonst noch was?«
»Ich habe noch mal in meiner alten Abteilung nachgefragt«, begann Moritz Lenow etwas zögerlich, als erwarte er Redeerlaubnis.
Turner drehte auffordernd die Handfläche nach oben.
»Genauer gesagt, ich habe einen Kollegen angerufen. Der arbeitet zurzeit als verdeckter Ermittler in der rechten Szene.«
Turner beugte sich vor und fixierte Moritz. »Offizielle Anfrage oder privates Telefonat?«
Amina kannte diesen Tonfall. Turner lag viel daran, die offiziellen Wege einzuhalten.
»Nun, es war eher – na ja - informell.« Moritz schaute sich um, als erhoffte er sich Unterstützung aus der Runde.
Amina nickte ihm ermutigend zu.
»Also, der Kollege sagte, in der Kameradschaft feiern sie Ahmadis Tod. Stoßen darauf an, dass es wieder einer weniger ist und so. Es scheint aber keine organisierte Aktion der Gruppe gewesen zu sein, zu der Sö..., äh, mein ehemaliger Kollege Zugang hat.«
»Aus einer anderen Gruppe also?«, fragte Amina.
»Also zu allererst«, fiel ihr Turner ins Wort. »Ich schätze Ihren Eifer und Ihre Initiative. Aber ich möchte doch darum bitten, die offiziellen Kanäle zu benutzen.«
Moritz sank in sich zusammen und nickte kleinlaut.
»Sie müssten wissen, wie wichtig das ist. Dass es lebenserhaltend sein kann, sich an die Regeln zu halten.«
Amina schaute von Tom zu Kurt. Was meinte Turner? Adrians Alleingang zu Rost, damals? Doch damit hatte Moritz nichts zu tun. Er war ja noch gar nicht im Team.
»Aus eigener Erfahrung. Ihr Wechsel zu uns kam schließlich nicht von ungefähr«, fuhr Turner fort.
Der Neue richtete sich wieder auf und öffnete den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, hob Turner abwehrend die Hände und sagte: »Ich weiß, es war nicht Ihre Schuld. Aber irgendjemand war dafür verantwortlich. Wer auch immer.«
Wovon spricht er, fragte sich Amina.
»Aber genug davon«, sagte Turner. »Zurück zu Frau Reshads Frage. Gibt es Anzeichen, dass der Täter aus einer anderen rechten Gruppierung kommt? Hat Ihr ehemaliger Kollege eine Vermutung?«
»Nein, er hat gesagt, er hat nichts mitbekommen.« Nach einer angespannten Pause fuhr Moritz fort: »Es gibt eine Reihe von Gruppen, na ja, Gruppen ist zu viel gesagt. Eher lose Zusammenschlüsse von Leuten, die in strenger organisierten Gruppen nicht unterkommen. Da ist meistens viel Alkohol im Spiel. Die Leute sind undiszipliniert, Schlägertypen, halten sich nicht an Absprachen und so.«
»Die Loser der rechten Szene«, schnaubte Tom. »Selbst dafür zu blöd.«
»Und die sind immer für unkoordinierte Aktionen gut,« sagte Moritz.
»Angefeuert von ›besorgten Bürgern‹. Mir wird schlecht«, brummte Tom vor sich hin.
»Wie können wir an diese Leute rankommen?«, fragte Amina.
»Die sind schwer zu greifen, weil sie eben nicht wirklich organisiert sind«, sagte Moritz.
»Jetzt mal abwarten«, schaltete sich Turner wieder ein. »Dafür brauchen wir wenigstens einen Anfangsverdacht. Aber selbstverständlich müssen wir die Spur im Auge behalten.«
Kurt Joraschky starrte auf seinen Laptop, blickte auf, räusperte sich: »Hm, der Bericht aus der Rechtsmedizin ist jetzt da.«
»Und?«, fragte Turner.
»Todesursache war«, er las: »Hämorrhagischer Schock bei stumpfer Gewalt. Wie vor Ort bereits vermutet. Ich les' mal vor ...«
»Bitte nur das Wichtigste«, sagte Turner.
Amina wusste, dass blutige Details Turner den Appetit verdarben.
