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Eigentlich wollte Nina nur mit ihrem Freund schwimmen gehen - doch als sie einem jungen Mädchen folgt, das sie um Hilfe bittet, findet sie sich in einer albtraumhaften Welt wieder, in der nichts ist, wie es scheint. Nur eine seltsame kleine Fledermaus begleitet sie auf ihrem Weg durch die Welt der Schatten. Wird Nina es schaffen, das Mädchen zu retten, obwohl überall neue Gefahren drohen? Ein märchenhaftes, phantastisches Abenteuer in einer surrealen Traumwelt.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Epilog
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Über die Autorin
Ich hasse seine Blicke, die mein Kleid durchdringen.
Ich hasse sein Grinsen, das mehr als seine Worte verrät, was er von mir will.
Ich hasse seine Hände, die mich verstohlen betasten wie Obst auf dem Markt.
Ich hasse alles an ihm – und ich hasse mich selbst dafür, dass ich nicht stark genug bin, mich zu wehren oder zu fliehen, während es mit jedem Tag schlimmer wird. Doch wohin sollte ich gehen? Wer sollte mir glauben?
Es gibt nur einen Ausweg. Ich werde ihn wählen. Bald. Und dann wieder und wieder und immer.
Prustend tauchte Nina wieder auf. „Frank, lass den Quatsch!“, fauchte sie.
Ihr Freund grinste unschuldig. „Wenn du nicht geduckt werden wolltest, warum hast du dich dann nicht gewehrt?“, entgegnete er.
Nina musste lachen. Als ob sie sich gegen Frank wehren könnte, der einen Kopf größer und viel kräftiger war als sie. Kein Wunder, er hatte früher die verschiedensten Sportarten betrieben, und auch wenn er nach dem Studium dafür kaum noch Zeit hatte, so hatte er doch noch immer einen athletischen Körper. Es war schon fast eine Art Tradition, dass er sie im Freibad immer unter Wasser zu drücken versuchte, während Nina ihre langen braunen Locken möglichst lange trocken halten wollte. Eigentlich war sie nicht sonderlich eitel, aber auf den Struwwelpeter-Look sonnengetrockneter Haare konnte sie gut verzichten.
„Wir können sowieso nicht mehr lange hierbleiben“, bemerkte Frank und deutete zum Himmel. „Da hinten zieht ein Unwetter auf.“
Nina drehte sich um und nickte enttäuscht. Als sie losgefahren waren, war es zwar recht kühl gewesen, aber das Außenbecken war beheizt, und zur Not konnten sie immer noch im Innenbecken ein paar Bahnen schwimmen. Außerdem mochten sie es beide, wenn der Dampf über dem Becken waberte und der ganzen Szenerie trotz des Sonnenscheins eine unheimliche Stimmung verlieh. Aber ein Gewitter würde den schönen Nachmittag im Außenbecken natürlich rasch beenden.
„Vielleicht ziehen die Wolken ja auch vorbei“, antwortete Nina, ohne wirklich daran zu glauben. Plötzlich erschien ihr die Luft auch kühler als noch vor wenigen Minuten.
„Ich schwimme noch ein paar Bahnen“, entschied sie.
„Pass nur auf, dass du deine Kette nicht verlierst“, zog Frank sie auf und paddelte träge in Richtung des Beckenrandes, bis er den flachen Teil erreicht hatte, wo gerade die ersten Luftblasen aufstiegen. Als er sich in die Liegemulde sinken ließ, blubberte das Wasser schon überall um ihn herum, und Frank genoss mit geschlossenen Augen die Massage.
Nina fasste unwillkürlich an die Kette, die sie am Morgen auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Der Anhänger war wohl ursprünglich eine echte Münze gewesen, die offenbar vergoldet und eingefasst worden war. Eigentlich mochte sie Goldschmuck nicht, aber diese Kette hatte sie fasziniert. Und der Händler hatte sich mit ein paar Euro zufrieden gegeben, obwohl die Jahreszahl „1901“ auf der Münze zu sehen war. Für solche alten Dinge hatte Nina schon immer ein Faible gehabt.
Während sie langsam ihre Bahnen durch das warme Wasser schwamm, spürte sie, wie die Münze an der langen Kette immer wieder leicht ihre Brust berührte. Vielleicht, überlegte sie, hätte sie den Schmuck lieber im Spind lassen sollen? Sie war sich nicht sicher, ob das warme, gechlorte Wasser die vergoldete Oberfläche der Münze angreifen würde.
Als Nina die nächste Bahn beendet hatte, blieb sie am Rand stehen und beäugte misstrauisch die Kette, aber bislang schien dem Anhänger sich nicht verändert zu haben. Sie zog den Verschluss der Kette nach vorn und betrachtete ihn genauer. Was stand eigentlich auf dem Stempel? Ohne Brille war Nina sich nicht sicher, was dort eingeprägt war.
Langsam schwamm sie zurück zu Frank, der noch immer reglos und mit geschlossenen Augen im brodelnden Wasser lag.
„Schau mal, kannst du das lesen?“, fragte Nina, nachdem sie sich neben ihm in der Liegemulde ausgestreckt hatte.
Frank grunzte, öffnete dann aber doch die Augen und beugte sich über den Kettenverschluss, den Nina ihm zeigte.
„Drei Zahlen“, brummte er, „vielleicht ‚666‘? Na ja, vielleicht auch ‚585‘“, fügte er hinzu, als er Ninas irritierten Blick bemerkte.
„Dann ist die Kette wirklich aus echtem Gold“, entgegnete sie verwundert.
„Wow, du bist ja reich“, murmelte er, ließ sich wieder zurücksinken und schloss mit einem wohligen Grinsen die Augen.
Nina musste lachen. „Dann solltest du mich lieber festhalten, bevor ich dir noch wegkomme“, grinste sie, strich ihrem Freund sanft über die Wange und stieß sich dann vom Rand ab, um weiter ihre Bahnen zu schwimmen.
Als eine Windbö kalt in ihr Gesicht fuhr, sah Nina erschrocken zum Himmel. Tatsächlich hatten die Wolken sich drohender aufgetürmt, auch wenn die Luft noch nicht nach einem bevorstehenden Gewitter roch. Vielleicht würde es wirklich bei ein paar Tropfen Regen bleiben. Auf jeden Fall war es nun, wo die Sonne kaum noch einen Weg durch die Wolken fand, deutlich kühler geworden, und die Dampfschwaden über dem warmen Wasser wurden immer dichter.
Echtes Gold, überlegte Nina, während sie wieder auf das fast grau erscheinende Wasser vor ihr blickte. Und dazu hatte sie noch eine hübsche Geschichte geschenkt bekommen, auch wenn sie im Gedränge und Lärm des Flohmarktes die Erzählung des Händlers nicht ganz verstanden hatte. Diese Kette sollte angeblich einer jungen Frau gehört haben, die auf merkwürdige Weise verschwunden war. Oder verstorben? Ganz sicher war Nina sich nicht. Auf alle Fälle fand sie den Gedanken spannend, dass mit dem Anhänger eine solche Geschichte verbunden war.
Natürlich hatte Frank dennoch nicht verstanden, dass sie das Schmuckstück gekauft hatte. „Ist doch albern, sich eine Münze mit dem Kopf eines seit Jahrzehnten toten deutschen Kaisers umzuhängen“, hatte er den Kauf kommentiert. Eigentlich hatte er ja recht, dachte Nina, und dennoch hatte sie diese Kette einfach haben müssen.
Als sie zurück zur anderen Seite schwamm, hörte sie Franks Stimme, die ihren Namen rief. Zwischen den aufsteigenden Dampfschwaden konnte sie ihren Freund kaum noch erkennen.
„Was meinst du, sollen wir mal wieder ins Innenbecken zurückschwimmen?“, schlug er vor. „Langsam wird es doch ein bisschen frisch hier draußen.“
„Gut, ich schwimme nur noch einmal hin und zurück“, beschloss Nina. „Das sieht so toll aus …“
Der Dampf über dem Wasser war inzwischen so dicht geworden, dass die anderen Menschen nur noch schemenhaft zu erkennen waren, der gegenüberliegende Beckenrand war längst im Nebel verschwunden.
„Okay“, nickte Frank, „aber beeil dich – das Wetter sieht wirklich nicht gut aus.“ Er sah Nina nach, die schon nach wenigen Schwimmzügen im Nebel verschwand. Als sie nach einigen Minuten noch nicht zurückgekehrt war, wurde er langsam unruhig. Vielleicht hatte Nina einen Wadenkrampf und konnte nicht zu ihm zurückkehren? Aber das Wasser war nirgends so tief, dass sie nicht stehen konnte, sagte er sich. Es bestand überhaupt keine Gefahr.
Er zwang sich, noch ein paar Minuten zu warten, ehe er in Richtung des anderen Beckenrandes kraulte. Doch auch dort fand er Nina nicht. Andererseits war der Dampf inzwischen so dicht geworden, dass Frank nur noch weniger Meter weit sehen konnte. Vielleicht wartete Nina an einem der seitlichen Ränder auf ihn? Oder sie war gerade getaucht? Er schüttelte verärgert den Kopf. „Mist, warum habe ich meine Schwimmbrille nicht mitgenommen?“, murmelte er. Dennoch tauchte er den Kopf unter Wasser und sah sich um, bis ihm die Luft ausging. Ringsum hatte er überhaupt keine anderen Menschen ausmachen können. Sicher waren alle schon ins Gebäude zurückgekehrt und schwammen nun fleißig im Innenbecken ihre Bahnen.
„Nina!“, rief er leise, immer wieder, während er in der Mitte des Beckens zur anderen Seite zurückwatete. Sicher war sie schon durch die Schleuse ins Innenbecken zurückgekehrt, weil sie ihn nicht gefunden hatte, versuchte er sich zu beruhigen. Aber das ungute Gefühl in seinem Magen blieb.
„Nina!“, rief er lauter. Doch niemand antwortete ihm. Schließlich schwamm Frank auf den Durchgang ins Innenbecken zu, den er zu seinem Erstaunen trotz des Nebels auf Anhieb fand. Drinnen kletterte er aus dem Becken, sah sich immer unruhiger um und rief schließlich voller Angst „Nina!“
Er sah, wie einige Gesichter sich verwundert zu ihm umdrehten und manche schmunzelnd oder befremdet den Kopf schüttelten. Doch Nina antwortete nicht.
Nina genoss die Umhüllung durch den Nebel über dem Wasser, der die Welt ringsum verschluckte. Für einen Moment konnte sie fast glauben, in einem endlosen Ozean zu schwimmen. Rings umher, soweit ihr Blick reichte, sah sie nur Wasser, durchzogen von kleinen Wellen, die sie selbst mit jeder Bewegung auslöste. Selbst die üblichen Geräusche schien der Dampf zu verschlucken, aber vielleicht fuhren gerade auch wirklich keine Autos am Schwimmbad vorbei. Und die Vögel hatten sicher schon Schutz vor dem heranziehenden Unwetter gesucht.
Zumindest die Wolken über sich konnte Nina noch erkennen. Der Himmel sah tatsächlich so aus, als könnten jeden Moment die ersten Blitze die tiefdunkle Wolkendecke durchbrechen. Nur noch bis zum Beckenrand und zurück, beruhigte sie sich. Bis dahin konnte eigentlich nichts passieren. Bestimmt hätte längst ein Bademeister sie hineingeschickt, wenn es zu gefährlich wäre, noch ein paar Minuten zu schwimmen.
Das Becken kam ihr viel länger vor als sonst, jetzt, wo sie den Rand nicht erkennen konnte. Aber Nina war sich sicher, dass sie nicht im Kreis schwamm. Dazu war das Becken zu klein, und sie war eine geübte Schwimmerin.
Dennoch erschrak sie, als plötzlich direkt vor ihr eine junge Frau aus dem Nebel auftauchte. Eigentlich war die andere noch fast ein Kind, obwohl die hochgesteckten Haare sie älter wirken ließen.
Rasch bremste Nina ab und ließ ihre Beine auf den Boden sinken. Das junge Mädchen schaute sie einen Moment mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an, ehe es nickte, offenbar zufrieden mit dem, was es sah.
„Könnt Ihr mir helfen?“, fragte es leise und mit einem leichten Zittern in der Stimme.
„Äh – ja, natürlich“, entgegnete Nina erstaunt. Rasch blickte sie sich um, doch da war niemand – vermutlich hatte die junge Frau im Nebel noch eine weitere Person zu sehen geglaubt und sie deshalb in der Mehrzahl angesprochen.
„Kommt mit, bitte“, sagte die Fremde und streckte Nina ihre Hand entgegen, die sie ohne nachzudenken fasste. Hand in Hand gingen sie los. Tatsächlich bewegte sich die Frau im Wasser so mühelos, als spüre sie den Widerstand der Flüssigkeit überhaupt nicht.
Nach wenigen Schritten bemerkte Nina, wie der Boden unter ihren Füßen anzusteigen begann. Obwohl sie verwundert den Kopf schüttelte, da sie sich daran überhaupt nicht erinnern konnte, ließ sie sich von der Fremden weiterziehen, die, ohne sich umzusehen, vorausschritt.
Ein Kleid, fuhr es ihr durch den Kopf, dieses junge Mädchen trug tatsächlich ein Kleid! Und das im Schwimmbad! Sicher war sie ins Wasser gefallen und hatte alleine in diesem Nebel nicht den Weg durch eine der Fluchttüren ins Hallenbad gefunden. Nina sah sich mit zusammengekniffenen Augen um. Schon seit einigen Metern hatten sie festen Boden erreicht, und dennoch schien der Nebel eher noch stärker geworden zu sein. Sie hatte gedacht, nur über dem warmen Wasser hätte sich eine dichte Dampfwolke gebildet, aber offenbar war inzwischen zusätzlich noch Nebel aufgekommen. Merkwürdig bei einem drohenden Gewitter, dachte sie und sah nach oben. Aber selbst dort konnte sie nichts mehr sehen, weder Wolken noch hellere Flecken. Ganz still war es nun, nicht einmal das Rascheln von Bäumen oder den Flügelschlag eines einzigen Vogels vernahm sie, und selbst ihre nassen Füße verursachten auf dem weichen Boden kein Geräusch.
Nina fühlte sich merkwürdig leicht, so als hätte sie einen kleinen Schwips. Außer dem roten Kleid des Mädchens gleich vor ihr sah sie nichts mehr. Woher wusste diese Fremde, wohin sie Nina führte? Und wenn sie den Weg kannte, weshalb hatte sie dann überhaupt um Hilfe gebeten?
Ehe Nina sie fragen konnte, wurde der weiße Schleier vor ihr urplötzlich dunkler, und nur einen Schritt später konnte sie ein großes, nachtschwarzes Tor gleich vor sich erkennen. Wo der allgegenwärtige Nebel sich abgesetzt hatte, funkelte das Tor wie der Himmel in einer sternenklaren Nacht.
Das junge Mädchen drehte sich zu Nina um. „Nun müsst Ihr vorangehen“, sagte sie. „Ich werde Euch folgen.“
„Aber … das ist doch nicht der Ausgang“, widersprach Nina halbherzig. Oder vielleicht doch? Sie hatte noch nie versucht, um das Hallenbad herumzugehen.
„Dies ist der Eingang“, beteuerte die Fremde. Sie lächelte Nina zu. „Geht nun, ehe es zu spät ist. Ich danke Euch.“
„Hm … ja, klar“, murmelte Nina. Langsam kam ihr diese Fremde immer merkwürdiger vor. Aber Hauptsache war, dass das Tor sie endlich wieder ins Hallenbad führte. Der Nebel war noch immer so undurchdringlich, dass Nina das rote Kleid des jungen Mädchens kaum noch erkennen konnte, und als sie langsam die dunkle Tür aufdrückte, erwartete sie dahinter nur ein konturloses Dunkel.
Vermutlich ein nur schwach beleuchteter Flur, dachte sie, das war bei einem Notausgang ja nicht ungewöhnlich. Sie trat durch das Tor – ins Leere. Als Nina begriff, dass sie in die Tiefe stürzte, ohne den Boden oder irgendetwas anderes sehen zu können, begann sie zu schreien. Sie schrie immer lauter, bis ihr die Luft wegblieb und eine gnädige Ohnmacht sie umfing.
Als Nina mit einem dumpfen Schrei erwachte, war ihr Nachthemd nass vor Schweiß. Rasch richtete sie sich auf und atmete tief durch. Sie hatte noch immer das Gefühl zu ersticken, als schnüre ihr etwas die Luft ab, oder besser noch, als ertrinke sie im Schlaf.
Jetzt fiel ihr wieder ein, was sie zuletzt geträumt hatte. Doch dazu passte die drückende Last auf ihrer Brust nicht, im Traum hatte sie das Wasser schließlich verlassen … Welch ein verrückter Traum. Sie gähnte und rieb sich durch die Augen. Ihr Wecker war offensichtlich stehengeblieben, kurz vor drei Uhr konnte eigentlich nicht stimmen. Durch den Vorhang vor dem Schlafzimmerfenster drang fahles Licht in den Raum, die Sonne musste also schon aufgegangen sein.
Nina schlug die Decke zurück und stand auf. Nachdem sie die Brille aufgesetzt und ihre Haare mit einem lockeren Pferdeschwanz im Nacken befestigt hatte, öffnete sie die Vorhänge einen Spaltbreit. Nebel! Nicht schon wieder, dachte sie, ehe ihr einfiel, dass das alles ja nur ein Traum gewesen war.
Der Nebel vor ihrem Fenster war jedenfalls so dicht, dass sie nicht einmal die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkennen konnte. Kein Wunder, dass sie auch kein Auto hörte, bei diesem Wetter würde wohl niemand freiwillig in seinen Wagen steigen. Und vielleicht war es ja auch noch früh morgens. Ihre Wanduhr zeigte wenige Minuten vor drei an.
Nina runzelte die Stirn. Stromausfall? Nein, Unfug. Sie schüttelte den Kopf, verärgert über ihre voreilige Schlussfolgerung. Beide Uhren liefen mit Batterien.
Auf dem Nachttisch stand noch der Radiowecker, wenn auch verdeckt durch die Vase mit Franks getrockneter Rose, und gleich daneben lag ihre Armbanduhr. Nina schob die Vase zur Seite, griff dann nach der Armbanduhr. Einen Moment lang verkrampfte sich ihr Magen. Kurz vor drei, behaupteten beide Uhren. Nina schüttelte den Kopf. Was war denn los mit ihr? Hatte sie etwa einen ganzen Vormittag verschlafen? Das war ihr bisher nur passiert, wenn sie auf einer Party viel zu viel getrunken hatte, und davon hätte Frank sie mit Sicherheit abgehalten.
Waren sie gestern überhaupt noch ausgegangen? Nina starrte mit zusammengekniffenen Augen die getrocknete Rose an, als könne die ihr einen Hinweis geben. Aber im Moment konnte sie sich einfach nicht daran erinnern, was sie noch unternommen hatten, nachdem sie das Schwimmbad verlassen hatten.
„Langsam werde ich wirklich alt“, murmelte sie. Ihre Stimme klang merkwürdig gedämpft, fast als hätte der Nebel einen Weg in ihr Zimmer gefunden.
Energisch schüttelte Nina den Kopf. Was für einen Unfug sie sich heute zusammenphantasierte … Natürlich sprach man morgens mit etwas rauerer Stimme als später am Tag. Außerdem hatte sie wahrscheinlich einfach noch Wasser im Ohr. Wäre jedenfalls kein Wunder, wenn Frank sie ständig duckte. Sie zog die Brille wieder aus und ging ins Bad.
Erst als Nina die Zahncremetube von der Ablage nahm, fiel ihr auf, dass sie ihren Bikini und das Badetuch gar nicht über den Rand der Badewanne gelegt hatte, wo sie die Schwimmsachen normalerweise trocknete. Hatte sie etwa alles noch in der Schwimmtasche gelassen? Nina schüttelte seufzend den Kopf. Offenbar war gestern wirklich nicht ihr Tag gewesen.
Sobald sie die Zähne geputzt hatte, ging sie eilig zurück ins Schlafzimmer und nahm die Schwimmtasche mit wachsender Verwunderung aus dem Schrank, in den sie sie offensichtlich schon geräumt hatte. Wie konnte sie nur so vergesslich sein? Nina öffnete die Tasche, zog das Handtuch halb heraus – und ließ es wieder zurücksinken. Der Stoff war nicht mehr feucht. Gleich unter dem Handtuch fand sie ihren Bikini, der ebenso trocken war.
Nina zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Was war nur los mit ihr? Hatte sie vielleicht so lange geschlafen, dass sie gar nicht mehr richtig wach wurde? Das kannte sie noch aus ihrer Studentenzeit. Aber dass sie so lange brauchte, bis ihr Gedächtnis wieder zwischen Traum und Realität unterscheiden konnte, hatte sie noch nicht erlebt. Das konnte in den ersten paar Minuten nach dem Aufstehen mal passieren, aber doch nicht … wie lange? Sie sah auf die Uhr. Kurz vor drei? Wie spät war es vorhin gewesen? Sicher hatte sie nach dem Aufstehen nur nicht richtig hingesehen. Im Halbschlaf konnte das ja mal passieren.
Langsam schloss Nina die Schwimmtasche und räumte sie wieder in den Schrank. Sie zog sich an, setzte die Brille wieder auf und legte die Armbanduhr an. Als sie erneut auf das kleine Zifferblatt sah, zuckte sie erschrocken zusammen. Musste sie heute nicht arbeiten? Wie sollte sie ihrem Chef nur erklären, dass sie erst nachmittags ins Büro kam? Nein, das ging nicht. Dann würde sie sich lieber krankmelden. Aber war heute wirklich schon wieder Montag? Gestern waren sie wie an jedem Sonntag schwimmen gegangen … Nein, eben nicht, verbesserte sie sich. Aber vor einem normalen Arbeitstag würde sie doch niemals so viel trinken, dass sie am nächsten Tag erst nach Mittag erwachte … Und wenn sie nicht zu viel getrunken hätte, hätte sie sich doch an den letzten Abend erinnern müssen …
Nina schüttelte den Kopf und rieb sich das Kinn, immer rascher, als könne sie so ihre Erinnerung beflügeln. Es war zum Verzweifeln. Erst mal musste sie herausbekommen, welcher Tag heute war. Aber wie? Eine Freundin anrufen? Zu peinlich. Und Frank gegenüber wollte sie sich diese Blöße auch nicht geben. Natürlich, das Fernsehprogramm!
Rasch griff sie nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Auf dem ersten Programm sah sie nur Rauschen, auf dem zweiten ebenso, und schließlich auch auf allen anderen Kanälen.
Entmutigt ließ Nina sich auf ihrem Bett zurücksinken. „Das gibt’s doch gar nicht“, murmelte sie. Sie kniff die Lippen zusammen, als sie spürte, dass ihre Augen feucht wurden. Am liebsten wäre sie einfach liegengeblieben, hätte sich ein Buch genommen und bei ruhiger Musik gewartet, bis die Welt wieder normal wurde. Aber sie wusste genau, dass sie damit dem größten Problem nur aus dem Weg ging. Wenn heute wirklich ein ganz normaler Arbeitstag war, musste sie so bald wie möglich ihren Chef anrufen und sich eine gute Ausrede einfallen lassen, weshalb er seine Briefe heute selbst schreiben musste.
Aber wie sollte sie herausfinden, welcher Wochentag heute war? Ihr Handy, das wie immer in ihrer Jacke steckte, war offensichtlich leer. Sie schloss das Ladegerät an, doch das Display blieb schwarz. Als sie eine Weile die verschiedenen Maserungen der Deckenbalken angestarrt hatte, kam sie endlich auf die Idee, eine Zeitung zu kaufen. Die nächste Tankstelle lag nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt, dort würde es sicher irgendeine Tageszeitung geben. Und falls doch Sonntag war, würde sie sich auch gleich zwei Brötchen mitbringen. Nach diesem merkwürdigen Tagesbeginn konnte ein ordentliches Frühstück nichts schaden.
Nina fühlte sich gleich schon wieder besser, als sie in ihre gemütlichen Wanderstiefel schlüpfte und die Lederjacke überzog. Bei diesem Wetter würde ihr neuer Wollmantel sicher den Nebel aufsaugen wie ein Schwamm, und für den Weg zur Tankstelle genügte die alte Jacke sowieso.
Das Licht im Treppenhaus war wieder einmal ausgefallen, aber zum Glück ließen die Glasbausteine auf jeder Etage einen schwachen Lichtschein hindurch. Dennoch ging sie lieber langsamer die drei Stockwerke hinunter.
Als sie die Haustür öffnete, riss Nina verwundert die Augen auf. Der Nebel war tatsächlich verschwunden, obwohl das Licht noch immer merkwürdig trüb war. Sie sah mit leicht zusammengekniffenen Augen nach oben. Der Himmel wirkte wie eine weißgeflockte Wand, nirgends konnte sie einen Tupfer Blau entdecken. Aber zumindest konnte sie nun endlich wieder die Häuser auf der anderen Straßenseite sehen. Nur in der Ferne, wenn sie die Straße entlang ins Tal sah, wirkte die Luft wie eine wabernde Flüssigkeit und verwischte die Konturen der Häuser und Bäume.
Vielleicht eine Art Fata Morgana, überlegte Nina, während sie den Berg hinauf in Richtung der Tankstelle ging. Sie hatte im Fernsehen mal eine faszinierende Sendung über diese Phänomene gesehen. Bei dem merkwürdigen Wetter, das heute herrschte, war alles möglich.
Während sie langsam weiterging, beschlich Nina das merkwürdige Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Eigentlich war alles wie immer – einige Autos fuhren an ihr vorbei, ein paar Fußgänger eilten mit gesenktem Kopf den Bürgersteig entlang, aus einem geöffneten Fenster drang eine leise Melodie. Sicherlich lag es nur an diesem merkwürdigen Licht, überlegte sie. Oder gestern Abend hatte ihr irgendjemand etwas ziemlich Übles in die Cola gekippt. Nina spürte, dass sie immer wütender wurde, ohne zu wissen worüber – oder auf wen. Sie beschleunigte ihre Schritte. Es wurde wirklich Zeit, dass sie endlich eine Zeitung in die Finger bekam.
Die Melodie, die sie vorhin schon wahrgenommen hatte, wurde mit jedem Schritt lauter. Dennoch dauerte es eine Weile, bis Nina begriff, was ihr an dem Lied merkwürdig erschien: Zwischen den Klängen des Big-Band-Orchesters hörte sie deutlich das stete Knistern und Kratzen einer alten Schellack-Platte, und der Sound klang mehr nach einem nostalgischen Grammophon als nach einer normalen Stereo-Anlage. Da hatte wohl jemand ein Faible für diese uralte Musik, dachte sie und warf einen flüchtigen Blick hoch zu dem geöffneten Fenster, aus dem die Musik zu kommen schien. Von der Straße aus konnte sie nur ein beigefarbenes Oberteil, den schmalen Hals eines Mädchens und darüber eine Hochsteckfrisur erkennen, dennoch erinnerte sie dieser Anblick an irgendetwas …
Nina schüttelte energisch den Kopf. Wenn sie nicht bald an der Tankstelle ankam, würde sie noch völlig durchdrehen. Rasch ging sie weiter, um ein paar Schritte später abrupt stehenzubleiben. Sie sah sich um, ließ ihren Blick hastig umherirren. War sie nicht eben noch die Bahnhofsstraße entlanggegangen? Sie merkte, wie sie in der schweren Lederjacke zu schwitzen begann. Was war nur los mit ihr? Das konnten doch nicht mehr die Folgen einer durchgemachten Partynacht sein! Wie kam sie jetzt in den Eulenweg? Dann hätte sie ja an der Tankstelle vorbeilaufen müssen, ohne sie zu bemerken … War sie wirklich so in Gedanken versunken gewesen?
Nina spürte, dass ihre Brust sich immer schneller hob und senkte. Sie zwang sich, langsamer zu atmen, bis sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte. Das leichte Brennen in der Nähe des Herzens beschloss sie zu ignorieren, sicher hatte sie nur zu heftig hyperventiliert.
Jetzt ganz langsam, beschwor sie sich. Sie stand am Anfang des Eulenweges, daran gab es keinen Zweifel. Nur wenige Meter weiter erkannte sie die uralte Eiche, die zwischen den neugebauten Reihenhäusern ihren Platz verteidigte und unter der Nina schon oft auf der halbverfallenen Bank gesessen hatte, wenn sie im Ort spazieren gegangen war.
Von hier aus war es nicht weit zu der Tankstelle, zu der sie eigentlich hatte gehen wollen, ehe sie von der merkwürdigen Melodie abgelenkt worden war … Nina ließ ihren Blick über die Fenster der umliegenden Häuser streichen, aber keines davon war geöffnet. Sie nickte. Auch die Melodie war nicht mehr zu hören.
Langsam ging sie den Weg zurück, den sie kurz zuvor offensichtlich gedankenverloren zurückgelegt hatte. Als sie die Kreuzung mit der Bahnhofstraße erreichte, beschlich Nina wieder das merkwürdige Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Eigentlich sahen die Häuser ringsum genauso aus wie an jedem Tag, und dennoch wirkten sie irgendwie anders – vielleicht um ein winziges Stück verschoben, die Farben einen Hauch zu hell, die Winkel nicht exakt richtig. Als stecken sie in einem Kostüm, das nicht völlig passt, dachte Nina und musste über diesen Gedanken lachen. Welch einen Unsinn sie sich zusammenphantasierte …
Diesmal passte sie genau auf, wohin ihre Füße sie trugen. Da vorne ragte schon das Schild der Tankstelle in den Himmel, und wenige Schritte später konnte sie bereits die Anzeigetafel mit den Benzinpreisen sehen. Offenbar wurden die Preise gerade geändert, denn die elektrisch umschaltbaren Zahlen zeigten allesamt Null an.
Der Himmel war noch immer weiß und undurchsichtig, wie eine weiche Decke, die jemand über die Stadt gelegt hatte. Vielleicht eine Art Höhennebel, überlegte sie. Sicherlich konnte es geschehen, dass der Nebel sich nicht in den Tälern und am Boden sammelte, sondern auf einer anderen Luftschicht ruhte. Nina glaubte sich dunkel zu erinnern, dass solche Wetterphänomene mal Thema im Erdkundeunterricht gewesen waren. Immerhin konnte sie alles um sich herum problemlos erkennen, und wenn sie noch mit dem Wagen fahren musste, war das sicher auch kein Problem.
