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Lena hasst das neue Haus und die fremde Stadt, in die sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder gezogen ist. Das ändert sich an dem Tag, als der Kater Felix in ihrem Garten sitzt und ihr den Weg zu einem ganz besonderen Baum zeigt. Doch zaubern zu lernen, ist alles andere als leicht - und Lena bleibt nicht viel Zeit dafür, denn eine unheimliche Bedrohung kommt mit jedem Tag näher ...
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Winterkatze
Das Versteck
Ein altes Buch und alte Bilder
Ein Zauberstab für Lena
Die Warnung aus dem Zauberbuch
Lenas erster Zauberspruch
Freiraum für den Herzensbaum
Eine zauberhafte Silvesternacht
Kein frohes neues Jahr
Neue Zauber und neue Sorgen
Eine gute Idee
Wie fängt man böse Träume?
Das Netz über dem Brunnen
Über die Autorin
Es schneite seit Tagen. Die Hauptstraßen in Kleinenhoven wurden jeden Morgen und Abend gestreut, und wenn die Räumfahrzeuge kamen, schoben sie den Schnee an den Straßenrändern zu schmutzig-weißen Wällen auf.
In den Fliederweg dagegen verirrten sich die Räumfahrzeuge nur selten. Die wenigen Anwohner, die zwischen Weihnachten und Neujahr zur Arbeit fahren mussten, hatten ihre Wagen gleich um die Ecke in der Feldstraße abgestellt, und Lena sah sie morgens zu der größeren Straße gehen, hörte das Kratzen der Eisschaber auf den Scheiben und das Starten der Motoren, und abends sah sie die Erwachsenen mit müden Gesichtern zurückkehren. Es passte, fand sie, dass der Fliederweg eine Sackgasse war.
Lena hasste die Stadt, sie hasste das Haus, und den Schnee hasste sie ganz besonders. Südlich von München, wo sie aufgewachsen war, hatte der Schnee weiß und glänzend auf den besten Rodelhügeln gelegen, die man sich vorstellen konnte. Hier war er nur schmutzig-weiß und matschig und nicht einmal zum Schneemann-Bauen geeignet. Und im Garten, wo der Schnee inzwischen kniehoch lag, verbarg er die Büsche und Steinfiguren und ließ nur einen dunklen Flecken matschiger Erde am Rand der hohen Fichten frei, die das ganze Grundstück umgaben. Da ihre Mutter beim Kauf des Häuschens erfahren hatte, dass irgendwo ein alter Brunnen sein sollte, durfte Lena nun nicht einmal in den Garten, solange die dicke grauweiße Decke alle möglichen Gefahren unter sich verstecken mochte.
Doch als sie an diesem Morgen aus dem Fenster schaute, sah Lena mitten in dem grau-weißen Garten einen kleinen schwarzen Fleck. Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie sich in ihrem Zimmer um, bis sie auf einem der Umzugskartons ihre Brille entdeckte. Normalerweise trug sie die Brille nicht freiwillig, aber jetzt war Lenas Neugier geweckt.
Als sie wieder ans Fenster trat, entpuppte sich der kleine schwarze Fleck als schwarze Katze mit weißer Brust. Das Tier saß reglos im Schnee und schien Lena genau anzusehen, obwohl das Mädchen natürlich wusste, dass das Unsinn war. Die Katze konnte nicht durch die Fensterscheibe mit den Gardinen dahinter in das dunkle Zimmer schauen. Und doch …
Nachdem Lena die Katze eine Weile beobachtet hatte, beschloss sie, dass das Tier tot sein musste. Weshalb sonst sollte es so bewegungslos im kalten Schnee sitzen? Aber – wenn es noch lebte, würde es vielleicht Hunger haben.
Kurz entschlossen zog Lena sich an und lief die Treppe hinunter. Ihre Mutter stand bereits in der Küche und buk Brötchen auf, während sie den Inhalt der Umzugskiste mit den Gläsern in einem Hängeschrank zu verstauen versuchte.
„Kann ich etwas Milch für die Katze im Garten haben?“, fragte Lena aufgeregt.
Ihre Mutter sah sie verdutzt an. „Eine Katze? Nein, das ist keine gute Idee. Die kommt immer wieder, wenn du sie fütterst. Und du weißt doch, dass du gegen den Kater unserer früheren Nachbarn allergisch warst. Katzen wollen wir hier nicht haben.“
„Gegen diese Katze bin ich bestimmt nicht allergisch“, entgegnete Lena betrübt. Eine Katze, die mitten im Schnee saß, war entweder tot oder etwas ganz Besonderes. Beide Möglichkeiten erschienen ihr spannender als alles, was sie in den zwei Wochen seit ihrem Umzug erlebt hatte.
„Ach Lena“, seufzte ihre Mutter und schüttelte den Kopf. Dann öffnete sie den Kühlschrank, reichte ihrer Tochter eine Packung Milch und nahm eine Untertasse von dem Stapel Geschirr neben der Spüle, der noch darauf wartete, eingeräumt zu werden. „Aber wenn du merkst, dass du niesen musst oder keine Luft mehr bekommst, kommst du sofort wieder ins Haus“, mahnte sie. „Zieh dir einen warmen Anorak an, vergiss die Mütze nicht, und verlass die Veranda nicht – du weißt ja …“
„… da versteckt sich irgendwo ein Brunnen“, nickte Lena. Auch wenn es ihr reichlich albern erschien, sich für den kurzen Moment draußen so warm anzuziehen, setzte sie brav ihre Mütze auf, schloss den dicken Anorak bis zum Hals und nahm sogar die Handschuhe mit. Mama war durch den Umzug und den neuen Job, der Mitte Januar beginnen würde, in letzter Zeit viel nervöser als sonst. Lena wollte sie nicht mehr als nötig aufregen.
Als sie endlich die Tür zur Veranda öffnete, atmete sie erleichtert auf: Die Katze hatte gewartet. Noch immer saß das kleine schwarze Tier mit der weißen Brust hoch aufgerichtet mitten im Schnee und sah Lena unverwandt an.
Langsam ging das Mädchen zum Rand der Veranda. Gestern hatte sie gemeinsam mit Mama den Schnee zu den Nachbarhäusern geschoben und so einen Platz in der Mitte frei geräumt. Die rauen, scheinbar uralten Steine unter ihren Füßen waren auch jetzt nicht rutschig. Bestimmt waren sie im Sommer angenehm kühl. Lena hätte sich gewünscht, dass das kleine Reihenhaus ebenso alt wäre; stattdessen war ihr neues Heim ein ganz gewöhnlicher, langweiliger Neubau.
Direkt oberhalb der zwei Stufen, die normalerweise zum Garten hinunterführten, jetzt aber von Schnee bedeckt waren, stellte Lena die Untertasse auf den Boden und schüttete etwas Milch hinein. Dann trat sie ein Stück zurück und wartete.
Die Katze legte den Kopf zur Seite. Lena riss verwundert die Augen auf. Seit wann machten Katzen denn so etwas? Jetzt war sie sich ganz sicher – dieses Tier war etwas Besonderes.
„Hast du auf mich gewartet?“, fragte sie und kam sich im nächsten Moment ziemlich dumm vor – mit ihren zehn Jahren sollte sie eigentlich nicht mehr versuchen, mit Tieren zu sprechen.
Die Katze nickte.
Vermutlich hatte sie in Wirklichkeit nur eine Fliege zu vertreiben versucht, doch einen Moment lang war Lena überzeugt davon, dass das Tier sie verstanden hatte. Außerdem, fiel ihr schließlich ein, gab es jetzt, im tiefsten Winter, gar keine Fliegen.
„Magst du etwas Milch?“, fragte das Mädchen schließlich und deutete auf die Schale. „Mama meint zwar, ich sei gegen Katzen allergisch, aber gegen dich bestimmt nicht …“, fügte sie hinzu und kam sich dabei nicht mehr ganz so dumm vor. Für einen Moment war Lena bereit zu akzeptieren, dass die Katze sie vielleicht ein klein wenig verstand.
Tatsächlich nickte die Katze wieder, richtete sich auf und kam langsam näher. Ohne Scheu blieb sie vor Lena stehen, trank gemächlich ein paar Schlucke Milch aus der Untertasse und setzte sich dann auf die rauen Steine der Veranda. Lena sah, dass das Tier weiße Pfoten hatte und dass ihm die Schwanzspitze fehlte – vielleicht in einem Kampf verloren, dachte sie.
„Ist das nicht zu kalt für dich?“, überlegte Lena laut. „Mama würde mit mir schimpfen, wenn ich mich auf den Boden setzen würde.“
Die Katze legte wieder den Kopf zur Seite.
„Ach, du meinst, bei Katzen ist das anders?“, fragte Lena und wunderte sich kaum noch, als die Katze nickte. Dann entdeckte sie das Halsband mit dem Anhänger, das das Tier trug. Sie bückte sich und nahm den runden, schillernden Anhänger in die Hand. „Du heißt Felix“, las sie den Namen ab.
Auf der Rückseite des glänzenden Medaillons schienen Worte in einer fremden Schrift eingraviert zu sein. „Ist das griechisch oder russisch?“, fragte Lena und sah Felix an. Sie hatte in der Schule gelernt, dass die Menschen in vielen Ländern der Welt ganz anders schrieben als in Deutschland. Aber diesmal schüttelte der Kater eindeutig den Kopf.
Nachdenklich betrachtete Lena die fremde Schrift. Die Zeichen wirkten gleichzeitig sehr alt und merkwürdig vertraut. „Das ist sicher ein Glücksbringer“, sagte sie. Felix sah sie einen Augenblick lang durchdringender an, als eine normale Katze es tun sollte; dann nickte er.
Als hätte sie ihm mit ihrer Frage ein Zeichen gegeben, richtete er sich auf, spazierte mit wenigen Schritten zum schneebedeckten Garten und sah sich erwartungsvoll um.
„Ich darf dir nicht folgen“, sagte Lena traurig. „Hier soll irgendwo ein Brunnen sein, und meine Mutter hat Angst, dass ich ihn unter dem Schnee nicht sehe und hineinfalle.“
Wieder legte der Kater den Kopf zur Seite. Dann spazierte er über den Schnee zum hinteren rechten Rand des Gartens. Er sank nur leicht in die dichte, grauweiße Masse ein. Das ganze Grundstück war von einem Ring hoher Fichten und einzelner Laubbäume umgeben, so als hätte eine normale Hecke den vorigen Besitzern nicht als Sichtschutz genügt. Dort, wo Felix nun hinging, schließlich stehen blieb und sich umsah, wirkten die Bäume besonders alt und schienen krank zu sein.
„Ist dort hinten der Brunnen?“, rief Lena Felix zu, und als der Kater diesmal nickte, wunderte sie sich überhaupt nicht mehr.
Jetzt ging Felix nach links, blieb etwas weiter vorne neben den Fichten stehen und sah Lena erwartungsvoll an. Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie leise: „Aber ich darf wirklich nicht in den Garten gehen, auch wenn ich dir gern folgen würde …“
Felix schüttelte langsam den Kopf, dann trat er zwischen die Bäume und blieb verschwunden, so lange Lena auch nach ihm rief.
„Mama, können wir nach dem Frühstück Schnee schaufeln?“, fragte Lena sofort, als sie wieder ins Haus kam.
Ihre Mutter sah sie verblüfft an. „Aber du hast doch Ferien, mein Spatz, und dein Zimmer ist noch nicht ganz fertig – weshalb willst du denn noch mehr arbeiten?“
Lena zögerte einen Moment, dann erklärte sie wahrheitsgemäß: „Weil die Katze wollte, dass ich ihr folgen sollte – und das darf ich doch erst, wenn der Schnee weg ist. Ach ja“, fiel ihr ein, „der Brunnen ist übrigens hinten rechts in der Ecke, dort wo die Bäume so merkwürdig aussehen.“
„Das hat dir bestimmt auch die Katze gesagt“, entgegnete Mama lächelnd.
„Hihi, Klein-Lena spricht mit Katzen“, hörte Lena die Stimme ihres Bruders hinter sich. Michael war schon siebzehn und fühlte sich zurzeit sehr erwachsen – auf alle Fälle zu erwachsen, um Lena ernst zu nehmen.
„Ach was“, protestierte das Mädchen, „ich weiß doch schon längst, dass man nicht mit Tieren sprechen kann. Aber sie hat es mir gezeigt …“
Michael ließ sich auf seinen Stuhl am Küchentisch fallen und griff nach einer Semmel, die hier Brötchen hieß. „So so, die Katze hat es Klein-Lena also gezeigt“, grinste er.
„Ach, du bist doch doof“, murrte Lena und zog sich den Anorak aus.
„Nun gebt ihr beiden mal Ruhe, zuerst wird gefrühstückt“, warf ihre Mutter energisch ein. „Und anschließend räumen wir gemeinsam die restlichen Kartons hier aus“, sie deutete auf die Umzugskisten, in denen sich offenbar noch Dinge befanden, die in die Küche gehörten. Lena fand eigentlich, dass sie alles Wichtige schon vor Weihnachten ausgepackt hatten, aber sie ahnte, dass Mama das anders sehen würde.
Obwohl die drei sofort nach dem Frühstück begannen, war es schon Mittag, als sie alles so verstaut hatten, wie Mama es wollte. Kurzerhand wurde Michael zum Athena-Grill in der Feldstraße geschickt, um dreimal Hähnchen mit Pommes zu holen.
Eigentlich liebte Lena Hähnchen, und der Athena-Grill war zumindest ein kleiner Lichtblick in dieser ansonsten langweiligen, trostlosen Stadt. Aber jetzt hätte sie viel lieber nachgesehen, wohin die merkwürdige Katze sie führen wollte. Oder gab es dort vielleicht doch gar nichts Spannendes zu sehen? Lena hätte sich so sehr gewünscht, etwas Interessantes in dem neuen Garten zu entdecken. Vielleicht ein Baumhaus, das die Enkel der Vorbesitzerin gebaut hatten. Oder ein vergrabener Piratenschatz. Vielleicht gab es ja auch einen Geheimgang, durch den man zu einem spannenderen Ort als dem langweiligen Haus gelangen konnte, das Mama unbedingt hatte kaufen müssen. Und alles nur, weil sie nach Papas Tod vor sechs Jahren nun wieder arbeiten gehen wollte. Ein Schulfreund von ihr besaß hier eine Firma, in der Mama als Buchhalterin arbeiten konnte, und Mamas Eltern wohnten nicht weit entfernt – für sie war der Umzug sicherlich toll, dachte Lena manchmal.
Sobald sie das Mittagessen beendet hatten, sprang Lena auf. „Können wir jetzt Schnee schippen gehen?“, schlug sie wieder vor.
„Viel Spaß, Kleine“, grinste Michael und stand ebenfalls auf. „Ich bin zum Kickern verabredet“, verkündete er.
Mama nickte. „Viel Spaß, und sei pünktlich …“
„… zum Abendbrot zurück“, nickte Michael, zog den langen schwarzen Mantel über, den er extrem cool fand, seitdem er mit seiner alten Clique einige Vampirfilme geschaut hatte, und machte sich auf den Weg zum Jugendzentrum.
