Die Tage des Drachen - Andrea Tillmanns - E-Book

Die Tage des Drachen E-Book

Andrea Tillmanns

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Beschreibung

"Da oben, siehst du?" Miko deutete auf die Spitze des Silberberges, dessen Silhouette sich schwarz von der tiefblauen Nacht abhob. Adira nickte, ohne den Kopf von seiner Schulter zu heben. "Ja, ganz deutlich", flüsterte sie ... Illustrierte Fantasy-Storys von Drachen, Zwergen und anderen zauberhaften Wesen, die nicht immer das sind, was sie scheinen.

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Die Traumbringerin

Pixel und die Hexe

Die Welt des Schwertes

Abu Risas zweite Chance

Auf den Schwingen der Nacht

Der Atem des Waldes

Der schöne Fremde

Der Tanz

Die Tage des Drachen

Drachentöter

Flucht

Geliebte Cindra

Gerechter Lohn

Der Turm der Prüfung

Im Zeichen der Melgrim

Quellennachweise

Über die Autorin und die Zeichnerin

Die Traumbringerin

Die Traumbringerin kam in jeder Nacht in Danians Dorf. Niemand hatte je mehr von ihr gesehen als einen vorbeischwebenden Schatten, und Danian hatte wie seine älteren Geschwister gelernt, nicht genauer hinzuschauen, denn er wusste, die Traumbringerin wollte nicht von den Menschen gesehen werden. Und wie alle Dorfbewohner wusste er, wie wichtig die Traumbringerin war. Dass sie ausgerechnet das Dorf auserwählt hatte, in dem Danian aufwuchs, empfanden alle als große Ehre.

Ohne die Träume wären sie so wie alle anderen Menschen in dieser kargen Steppe, hilflos ausgeliefert den Stürmen, den schier endlosen Zeiten ohne einen Tropfen Regen, der sengenden Sonne im Sommer und der unbarmherzigen Kälte im Winter. Ohne die Träume würden sie stets weiterziehen, immer auf der Suche nach dem Ort, der gerade die besten Bedingungen bot, auch wenn diese niemals gut genug wären zu bleiben.

Mit den Träumen aber kamen die Ideen, wie sie Wasser speichern und im Sommer zu den Bäumen leiten konnten, welche Bauwerke sie am besten vor Kälte und Sonne schützen würden, welche Pflanzen unter diesen schwierigen Bedingungen am besten gedeihen würden, und selbst die Kunstwerke aus Steinen, für die das Dorf bekannt war, entstanden zu allererst in den Träumen.

Wer konnte, legte am Abend ein kleines Geschenk für die Traumbringerin neben sein Bett, das sie manchmal nahm und ihnen manchmal ließ. Wenn die Menschen in dem Dorf ihre Ernte eingebracht hatten, sammelten sie Früchte und Wurzeln und Kräuter für die Traumbringerin, und diese Gaben nahm sie stets gerne an, so als müsse auch sie essen wie ein gewöhnlicher Mensch.

Danian hatte gerade seinen achten Sommer erreicht, als er spürte, dass sich etwas veränderte. Die Sonne schien diesmal besonders stark, ohne Unterlass, und nach nahezu zwei Monden ohne einen Tropfen Regen wurden die Mienen der Erwachsenen sorgenvoller. „Die Träume genügen nicht“, hörte Danian sie oft sagen. „Wir brauchen mehr und bessere Träume, nicht immer nur dieselben alten Geschichten.“

Danian hätte sich nie über seine Träume beklagt; er liebte es, nachts durch den Himmel zu gleiten, über die Steppe zu laufen wie der Wind, manchmal gar mit Freunden zu spielen, die es in seinem Dorf gar nicht gab. Und doch war er alt genug, um zu sehen, wie schwierig das Leben für sein Dorf gerade war. Die Älteren mussten Entscheidungen treffen, die nie richtig sein konnten, denn immer fehlte es an Wasser und drohten die Früchte und Kräuter zu vertrocknen, während die Jäger immer weniger Fleisch von ihren langen Jagden zurückbrachten und die ersten Gruppen zum Fischen zur Küste geschickt wurden, auch wenn der Weg dorthin weit war.

Wenn er mit seinen Eltern darüber zu sprechen versuchte, winkten diese ab. „Alles wird gut“, sagte seine Mutter. „Die Traumbringerin wird uns helfen, wie sie es immer tut.“

Und dennoch hörte Danian immer wieder, wie die Erwachsenen davon sprachen, dass sie mehr und bessere Träume bräuchten, um diesen schweren Sommer zu überstehen. Manche von ihnen legten sich sogar mittags, wenn es zu heiß für irgendwelche Arbeiten war, hin und hofften auf hilfreiche Träume, doch die Traumbringerin kam stets nur nachts. Wer am Tag schlief, träumte nicht.

Vermutlich war die Traumbringerin nach einer langen, arbeitsreichen Nacht selbst müde und musste den Tag nutzen, um auszuschlafen, überlegte Danian. Ob sie selber ebenfalls träumte? Und wenn ja, wer brachte ihre Träume? Gab es vielleicht eine zweite Traumbringerin, die für die Träume am Tag zuständig war? Er wurde ganz aufgeregt, als ihm diese Möglichkeit einfiel. Doch schon in der darauffolgenden Nacht träumte er von der Traumbringerin selbst, die nur ein Schatten in seinem Zimmer war, noch dunkler als die Nacht, und die ihm erklärte, dass sie die Träume der Menschen in diesem Dorf erschuf und lenkte, indem sie selber träumte.

Als Danian erwachte, erschien ihm diese Erklärung vernünftig. Und doch wollten seine Eltern ihm nicht glauben, als er von diesem Traum erzählte. Sie sprachen mit den Nachbarn und kehrten wieder nach Hause zurück: Niemand hatte je von der Traumbringerin geträumt. Was auch immer Danian geträumt hatte, sagten sie, musste eine andere Bedeutung haben.

Auch wenn sie es nicht aussprachen, spürte Danian dennoch, was sie nicht sagten: Dass er sich den Traum ausgedacht hatte, vielleicht um dem Dorf Hoffnung auf neue und hilfreiche Träume zu geben, vielleicht aber auch nur, um wichtiger zu erscheinen als die anderen Kinder.

Ein paar Tage lang dachte er nicht mehr an diesen besonderen Traum. Er träumte wieder von wundervollen Landschaften, über die er flog, von fröhlichen Spielen mit unbekannten Freunden, und einmal auch vom Ende dieser furchtbaren Hitze in weniger als einem halben Monat. Doch auch das glaubten seine Eltern ihm nicht, denn die Traumbringerin hatte die Zukunft noch nie einem Menschen so deutlich offenbart, nur manchmal rätselhafte Andeutungen gemacht, die niemand zu deuten wusste.

Und so fand Danian es nur natürlich, dass er in der nächsten Nacht gegen den Schlaf ankämpfte. Diesmal wollte er nicht träumen, weder die schönen, freundlichen Träume noch die besonderen, ein wenig beängstigenden, in denen die Traumbringerin selbst zu ihm sprach. Er lag wach in seinem Bett, als es dunkel wurde, und war noch immer wach, als die Tür zu seinem Zimmer sich langsam öffnete und ein dunkleres Schwarz die Nacht verdrängte. Danian schloss die Augen fest, und doch hörte er das Flüstern der Traumbringerin in seinen Gedanken, die ihm zu schlafen befahl. ‚Nein, nicht in dieser Nacht’, antwortete er ihr, und sie verließ den Raum so lautlos, wie sie ihn betreten hatte.

Er richtete sich auf, glitt leise aus dem Bett und folgte ihr. Es war nicht leicht, der reinen Schwärze inmitten der dunklen Nacht zu folgen, doch die schmale Sichel des wiedererwachenden Mondes warf immer wieder genügend Licht zwischen die kleinen Häuser, um die Traumbringerin wiederzufinden. Als sie das letzte Haus besucht hatte und das Dorf verließ, wurde es einfacher. Danian war immer gut darin gewesen, sich an die anderen Kinder anzuschleichen, wenn sie in besseren Zeiten draußen spielten, und so war er überzeugt davon, dass auch sie ihn nicht bemerken würde, als er ihr folgte, zunächst durch die Steppe, dann durch die Ausläufer der steinigen Hügel im Osten, wo nichts wuchs außer vereinzelten Flechten und kein Tier freiwillig lebte. In einem der Hügel tat sich eine Höhle auf, gut versteckt, die sie betrat.

Danian folgte ihr nicht hinein. Er wartete, bis die Sonne wieder ihren langen, unbarmherzigen Weg über den Himmel antrat. Erst dann folgte er ihren Strahlen in den ersten Teil der Höhle, ohne die Traumbringerin zu finden. Weiter innen in der Höhle wurde es rasch so dunkel, dass er sich nicht vorstellen konnte, sie dort zu entdecken. Also wartete er draußen vor der Höhle. Er zog sich in den Schatten zurück, als es heißer wurde, und wartete. Langsam bekam er Durst, doch hier gab es kein Wasser, und er hatte vergessen, einen Wasserschlauch mitzunehmen. Er dachte nicht lange darüber nach. In der Mittagshitze hätte er sowieso nicht zu seinem Dorf zurücklaufen können, das musste bis zum Abend warten, wenn die unbarmherzige Sonne sich langsam auf ihren Schlaf vorbereitete.

Und immer noch hoffte er, seinem Dorf helfen zu können, indem er hier wartete. Er hatte darauf gehofft, dass es eine weitere Traumbringerin gäbe, die mit der Sonne zu den Lebewesen kam, die am Tag schliefen … doch niemand kam zu dieser Höhle. Die Traumbringerin schlief allein, vielleicht ohne zu träumen, vielleicht dachte sie sich auch tatsächlich in ihrem eigenen Schlaf all die Träume aus, die sie in der nächsten Nacht den Menschen in Danians Dorf bringen würde. Er wusste es nicht.

Die Sonne hatte sich schon halb zur Ruhe gebettet, als Danian mehr spürte als sah, dass die Traumbringerin zurückkehrte. Noch dunkler als das Innere der Höhle war sie, und aus reinem Schwarz schien sie zu bestehen, als sie in den Schein der letzten Sonnenstrahlen trat. Zuerst wollte er sich verstecken, doch als sie einen Schritt in seine Richtung tat, glaubte er, dass sie ihn sowieso schon bemerkt hatte, und so stand er auf. „Niemand in meinem Dorf glaubt mir, dass du im Traum zu mir sprichst“, sagte er leise. „Bitte … kannst du uns helfen, diesen Sommer zu überstehen?“

Sie näherte sich langsam, noch immer in ihren Mantel aus reinem Schwarz gehüllt, der die letzten Sonnenstrahlen zu verschlucken schien. ‚Ich helfe niemandem’, hörte er sie in seinen Gedanken sagen, und auch ihre Stimme strahlte Schwärze aus. ‚Mehr kann ich dir nicht geben.’

Sie wandte sich zum Gehen. Aus einem Reflex heraus wollte Danian sie am Arm fassen, damit sie ihm weiter zuhören müsste, und das Schwarz, das seiner Hand keinen Widerstand bot, verrutschte ein Stück weit. Sie drehte sich um, und nun sah er zum ersten Mal ihr Gesicht, blinde Augen in einer Maske aus Nacht, die in sein Innerstes drangen, und er schrie auf, stolperte rückwärts, fiel, sprang wieder auf und rannte, nur weg von hier, in Richtung der nun fast schlafenden Sonne, rannte durch die trockenen Ausläufer der steinigen Hügel und durch die Steppe, bis er endlich sein Dorf erblickte, rannte zum Haus seiner Familie, die ihn mit einer Mischung aus Freude und Ärger begrüßte, und dann weinte er nur noch, den ganzen Abend und die Nacht hindurch, bis er am Morgen endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

Als er erwachte, folgten ihm die Blicke der Nachbarn. ‚Was hast du getan?’, schienen sie zu sagen. Er konnte es nicht erklären. Aber er sah in den Augen der anderen, dass sich in dieser Nacht etwas geändert hatte. Und als er schließlich selbst am Abend wieder einschlief, traumlos zunächst, dann gefangen in einer schier endlosen Jagd durch die Steppe, gefolgt von einem ewigen Sturz aus dem Himmel, durch den er sonst immer so leicht geflogen war, und am Morgen schweißgebadet hochschreckte, da verstand auch er.

Die Traumbringerin, die die Menschen in diesem Dorf in ihren Träumen immer beschützt und geleitet hatte, hatte sie verlassen. Jetzt waren sie auf sich allein gestellt.

Pixel und die Hexe

Zugegeben, es hätte schlimmer kommen können. Eine Ameise, beispielsweise, wäre schlimmer gewesen. Oder eine Pflanze. Wobei – konnten Pflanzen überhaupt darüber nachdenken, dass sie Pflanzen waren? Aber Insekten wären schlimmer gewesen. Ein Greifvogel allerdings wäre besser gewesen … zumindest der Teil mit dem Fliegen. Alles andere – die ständige und meist vergebliche Jagd nach etwas Essbarem, während man selbst Gefahr lief, von einer Jagdgesellschaft vom Himmel geholt zu werden – eher nicht. Eigentlich konnte ich mich nicht beklagen. Und genaugenommen hatte ich sowieso keine Wahl.

Als ich das erste Mal in diesem Körper erwachte, das weiße Fell auf meinen geschrumpften Armen und Händen sah, vor Schreck maunzte und so ungeschickt die Krallen ausfuhr, dass ich damit im Waldboden hängen blieb, hatte ich all das noch für einen Alptraum gehalten. Inzwischen, fast einen Monat später, begann ich langsam zu akzeptieren, dass ich jetzt ein Kater war. Verstanden hatte ich den Prozess noch nicht – hatte die Hexe, die ich gerade inhaftieren wollte, mich direkt in einen Kater verwandelt? Oder hatte sie mich getötet, und meine Seele war zufällig in einen schwarzweißen Kater geglitten? Oder war etwas ganz anderes passiert?

Ich wusste es nicht, und vermutlich würde ich es auch nicht mehr herausfinden. Auf dem Polizeirevier, zu dem ich auf vertrauten Wegen lief, wurde nur selten über mich gesprochen, beziehungsweise über den Menschen, der ich einmal gewesen war. Offensichtlich wurde ich seit einem Einsatz vermisst, ohne dass man eine Leiche gefunden hätte – das mochte alles oder nichts bedeuten. Für die Hexe wäre es sicher ein Leichtes gewesen, meinen Körper verschwinden zu lassen. Ich war bald nach Beginn meines Lebens als Kater zu dem Ort zurückgekehrt, an dem ihre Hütte stand, mitten auf einer Lichtung im Wald, gesäumt von merkwürdigen Pflanzen, die sie sicherlich für ihre Zaubertränke benötigte … und hatte dann doch darauf verzichtet, die Hütte zu betreten. Wie gesagt, es hätte schlimmer kommen können. Lieber ein Kater als tot. Oder eine Ameise.

Seitdem lebte ich auf der Polizeiwache. Die früheren Kollegen kannten mich inzwischen auch in meiner neuen Form, und auch wenn es manchmal merkwürdig war, dass sie mich zu streicheln versuchten, konnte ich damit leben, solange sie mir regelmäßig etwas von ihrem Essen abgaben. Mäuse hatte ich probiert, die gab es schließlich zu Genüge in allen Gassen, und sie waren furchtbar ungeschickt bei ihren Fluchtversuchen. Aber nachdem ich bei meiner ersten Maus versehentlich in die Galle gebissen hatte, entschied ich, darauf nur noch im Notfall zurückzugreifen. Praktischerweise waren meine früheren Kollegen schon zufrieden, wenn ich ihnen ab und an eine tote Maus präsentierte, und belohnten mich dafür mit deutlich geschmackvolleren Dingen. Und mit einem neuen Namen, statt Egbert nannten sie mich jetzt Pixel, was die hiesige Kobold-Bezeichnung für Elfen war. Wie eine Elfe, fand ich, sah ich nicht aus, aber ich wusste aus langjähriger Erfahrung als menschlicher Polizist, dass Tiere mit einem Namen das Recht auf ein Dach über dem Kopf und Futter hatten. Und das war in meiner jetzigen Situation wichtiger als ein standesgemäßer Name.

Jetzt aber waren alle vier Kollegen zu sehr mit ihren momentanen Fällen beschäftigt, um mich zu füttern. Ich merkte sofort, dass mein Wissen und meine Erfahrung ihnen fehlten; ich hätte sicher viel schneller herausgefunden, wer für die merkwürdigen Zwischenfälle verantwortlich war, die sich momentan rings um Everwalden und auch mitten in der Stadt ereigneten: Eine Heilerin wurde zu einem schwerkranken Kind gerufen – und stürzte plötzlich aufgeregt aus seinem Krankenzimmer, weil das Kind angeblich einfach verschwunden war. Die Stare des Herzogs sangen mit einem Mal Trinklieder und noch viel schlimmere Obszönitäten, woraufhin seine Frau sich alle fünf Kinder schnappte und mit ihnen zurück zu ihrer Mutter nach Kottenbruke zog. Das Manheimer Wäldchen leuchtete seit einer guten Woche in einem so intensiven Pink, dass alle Färber versuchten, diesen neuen Farbstoff aus den Blättern der Bäume zu gewinnen. Und es betraf nicht nur Menschen: Dem Brückentroll im Süden war seine Brücke abhandengekommen, keinen einzigen Stein konnte er mehr finden. Zwei junge Elfen – jung für elfische Verhältnisse – klebten mit den Händen aneinander, sodass weder elfische noch menschliche Ärzte eine Möglichkeit sahen, die beiden wieder voneinander zu trennen. Und als der Drache das nächste Mal über die Stadt flog, da wirkte er viel kleiner und sang angeblich so schön wie eine Nachtigall, woraufhin der Herzog sofort die Lieferung der allmonatlichen Schutzgebühr in Form dreier Ziegen einstellte.

Kurzum: Irgendjemand stiftete hier gerade ziemlich viel Chaos, und meine früheren Kollegen hatten keine Idee, wer dafür verantwortlich sein könnte. Und das wiederum war ein Zustand, der mir nicht gefiel – erwähnte ich schon das ausbleibende Futter?

Ich hatte immer schon nach dem Prinzip gehandelt, dass ich Dinge, die gut werden sollten, am besten selbst erledigte. Zugegeben, bei der Verhaftung der Hexe hatte das nicht ganz funktioniert, aber das hätte auch keiner meiner Kollegen besser hinbekommen. Gegen solche mächtigen bösen Kräfte kam man als normaler Mensch nicht an. Auf alle Fälle beschloss ich, mich lieber selbst um die rätselhaften Zwischenfälle zu kümmern, als darauf zu hoffen, dass die menschlichen Kollegen Erfolg bei der Lösung dieser Rätsel hatten. Der Gedanke an Mäusegalle war Motivation genug.

Zuerst folgte ich Eberhard, der erneut die Eltern des verschwundenen Kindes befragen wollte. Vermutlich merkte er davon gar nichts, Eberhard war nie besonders aufmerksam. Und wenn doch, hätte er sicher dennoch keinen Verdacht geschöpft, dass ich kein gewöhnlicher Kater war. Die Familie wohnte in der Südstadt, nahe dem Hollerbach, in einem kleinen Haus mit zwei Räumen, von denen einer nachts eigentlich die älteren Kinder beherbergte. Nur wenn jemand sehr krank war, so wie zuletzt der kleine Bertolf, durfte er alleine in dem Bett liegen, während alle anderen sich auf der Ofenbank und auf Fellen vor dem Ofen schlafen legten. Erwartungsgemäß ergab die Befragung nicht viel – die Heilerin war gekommen, hatte Kräuter aufgebrüht, da er den Dampf inhalieren sollte, und war dann schreiend aus dem Krankenzimmer gestürzt, weil Bertolf plötzlich verschwunden war. Das wusste ich alles schon. Immerhin sah Eberhard sich auch in dem Krankenzimmer gründlich um, und ich folgte ihm unauffällig. Hier konnte ein Kind nicht entführt werden, es gab dort keine zweite Tür und kein Fenster, nur Spalte in den Wänden, durch die die Gerüche der Straße und die kühle Luft hineindrangen. Wie konnte der kranke Junge aus diesem Raum verschwinden, ohne dass ihn jemand gesehen hatte?

Auch die darauffolgende Befragung der Heilerin, die in einer kleinen Siedlung außerhalb der Stadtmauer lebte, half mir nicht. Sie bestand darauf, nichts Schlimmes getan zu haben – „Ich habe doch nur versucht, sein Leiden zu lindern“, schluchzte sie, und als Eberhard weiter nachfragte, erklärte sie, dass der Junge von Hunger und Fieber so geschwächt gewesen sei, dass sie jeden Moment damit gerechnet habe, dass er diese Welt verlasse. „Ich habe mir so gewünscht, dass er an einen besseren Ort käme“, fügte sie hinzu und rieb sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen. „Aber ich hätte ihm doch nie etwas angetan!“

Nun, auch das war wenig aussagekräftig. Kein Wunder, dass Eberhard mit diesem Fall nicht weiterkam. Auf dem Rückweg machte er einen kleinen Umweg bei dem Brückentroll vorbei, doch der war genauso verschwunden wie seine Brücke. „Habt ihr’s nicht gehört?“, bemerkte eine der Nixen, die sich gerade am Ufer des hier ziemlich breiten Mühlbachs sonnten. „Der Troll hat sich noch ein paar Tage lang aufgeregt, und dann hat er kurzerhand beschlossen, die abhandengekommene Brücke als Zeichen zu sehen, dass er sich jetzt endlich ein paar Monate Urlaub gönnen sollte. Schließlich konnte er hier keinen Tag weg, solange er die Brücke bewachte. Und er wirkte wirklich urlaubsreif nach all den Jahren hier.“

Ich verzichtete auf die Anmerkung, dass er die Brücke auch sonst jederzeit hätte verlassen können. Sie zu bewachen – und für ihre Überquerung Münzen zu verlangen –, war seine eigene Entscheidung gewesen. Außerdem vermutete ich, dass weder die Nixen noch Eberhard mich verstanden hätten.

Nachdem wir wieder zum Polizeirevier zurückgekehrt waren, schloss ich mich als nächstes Enolf an, der mit dem Herzog über seine Stare und den Drachen sprechen wollte. Dort erfuhr ich immerhin, dass die zahmen Stare in dem großen Freiluftkäfig momentan ruhig waren. „Sie beginnen erst am Abend mit ihrem schauerlichen Gesang, dem Krakelen und Fluchen“, berichtete der Herzog. Offensichtlich war ihm diese Geschichte zu wichtig, um einen seiner Dienstboten mit uns sprechen zu lassen. „Und als wäre das allein nicht schlimm genug, so beginnen sie an den Feiertagen umso früher mit ihrem Lärm“, fügte er hinzu und schüttelte betrübt den Kopf. „Wenn ich nur wüsste, wo meine armen Stare all diesen Schmutz gehört haben …“

„Habt Ihr sie jemals mit in eine Gastschenke genommen?“, erkundigte sich Enolf, und ich schüttelte mit einem leisen Miauen den Kopf. Wer kam denn auf eine solche Idee?

„Natürlich nicht“, entgegnete der Herzog empört. „Ein Mann meines Standes kann es sich nicht leisten, in eine Gastschenke zu gehen, in der solche Gesänge und dieses Geschwätz zu hören sind.“ Er zuckte mit den Schultern. „Interessant wäre es natürlich schon, dort einmal unerkannt das Volk zu belauschen, aber das lässt sich wohl nicht umsetzen.“

Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass dieser Besuch doch nicht so sinnlos war, wie ich zuerst angenommen hätte. Was der Herzog wohl zu dem Drachen sagen würde?

„Ach, das ist ein merkwürdiger neumodischer Drache, der hier die Höhle seines Onkels übernommen hat“, erzählte er. „Zunächst wollte er gar keine monatlichen Opfergaben, er behauptete gar, er werde uns auch ohne diese nicht überfallen und die Stadt auch nicht anzünden. Aber als gewissenhaftes Oberhaupt dieser Stadt lege ich natürlich Wert darauf, auch solche merkwürdigen Drachen zufriedenzustellen.“ Er räusperte sich und sprach dann leiser weiter, so als solle keiner seiner Diener ihn hören. „Ich habe vernommen, der Drache soll die Ziegen gar nicht fressen, sondern lässt sie rings um seine Höhle weiden.“ Er sah sich hastig um und reckte dann sein Kinn vor. „Jedenfalls habe ich die weiteren Lieferungen sofort stoppen lassen, als er sich auf einmal in einen Singvogel verwandelt hat – wenn auch in einen sehr großen.“

Leider wollte Enolf nicht direkt mit dem Drachen sprechen, egal ob dieser gerade ein normaler Drache oder doch eher ein ziemlich großer Vogel war. Dafür trafen wir auf dem Rückweg zum Polizeirevier auf dem Markt einen Maler, der zwischen Obst- und Gemüseständen großformatige Gemälde von pinkfarbenen Bäumen und Wäldern anbot, die von vielen der Marktbesucher in kostbarerer Kleidung mit Interesse betrachtet und ab und an auch von jemandem gekauft wurden. Ich schlängelte mich zwischen den Menschen rings um seinen Stand hindurch und lauschte einem Gespräch, das er mit einem Kunden führte. „Oh, es dauert viele Tage, bis ein solches Gemälde entsteht“, erklärte der Maler gerade wichtig. „Ich schaffe höchstens drei bis vier pro Monat, daher werdet Ihr verstehen, dass ich euch das Bild nicht preiswerter lassen kann.“

Ich sah mir die Bilder an, die an dem Stand hingen, schlüpfte zwischen zwei losen Brettern in die Holzbude hinein und betrachtete die weiteren Gemälde, die noch zugedeckt unter dem Verkaufsbereich standen. Wenn der Mann gerade nicht ganz gewaltig übertrieben hatte – wann hatte er angefangen zu malen, um hier Dutzende von Bildern anbieten zu können? Wie lange war das Manheimer Wäldchen schon pink?

Als sich Ensfried nach unserer Rückkehr zur Polizeiwache auf den Weg zu dem elfischen Paar machte, folgte ich ihm nicht. Ich war mir ziemlich sicher, was die jungen Leute sagen würden. Die Frage war nur – wie konnte ich beweisen, dass all diese Fälle zusammenhingen und ich wirklich das Rätsel gelöst hatte, an dem sich meine Kollegen noch immer die Zähne ausbissen?

Ohne dass ich darüber nachdachte, trugen mich meine Pfoten zu der Hütte im Wald, in der die Hexe lebte, der ich meinen jetzigen Zustand verdankte. Auch wenn ich diese Hütte nie wieder hatte betreten wollen – tief in meinem Inneren war ich noch immer der erfolgreiche Polizist, der bisher jeden Fall gelöst hatte. Und irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie mich töten würde – jetzt, wo ich zu wissen glaubte, was sie mit all den merkwürdigen Zwischenfällen zu tun hatte.

Ich sprang auf den Holzstapel neben der Hütte, warf einen Blick durch das offene Fenster und machte dann einen eleganten Satz hinein, so leise, dass kein Mensch mich gehört hätte.

Die Hexe bemerkte mich dennoch. „Ah, da bist du ja“, sagte sie freundlich. „Schön, dass du zurückgekommen bist. Magst du etwas Fisch?“ Ohne auf meine Antwort zu warten, holte sie einen getrockneten Fisch von draußen, zerteilte ihn und legte ihn auf einen Teller, den sie auf den Boden stellte. Daneben platzierte sie noch eine Schale mit Wasser, das sie ebenfalls von draußen holte. „Hinter dem Haus ist ein Brunnen“, erklärte sie. „Lass es dir schmecken.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Einen weiteren Fisch später war ich gesättigt und leckte genüsslich meine Pfoten ab. Wer einen Kater so verwöhnte, der konnte kein schlechter Mensch sein.

„Kannst du eigentlich sprechen?“, fragte die Hexe und sah mich neugierig an.

Ich maunzte verneinend.

„Das ist schade“, sagte sie. „Ich hätte gerne mit dir darüber gesprochen, was geschehen ist … Darf ich deine Gedanken lesen, damit wir uns unterhalten können?“

Diesmal nickte ich vorsichtshalber, um sicherzugehen, dass sie mich verstand. ‚Kannst du das denn einfach so?’, erkundigte ich mich.

„Im Gedankenlesen war ich immer ganz gut“, antwortete sie. „In anderen Dingen weniger …“

‚Auf alle Fälle stellst du interessante Zaubertränke her’, behauptete ich und war froh, als sie errötete. Genaugenommen hätte es auch jede andere Hexe sein können; ich hatte es nur zuerst bei der einzigen versucht, die ich kannte. ‚Die wirken ziemlich gut’, fuhr ich fort. ‚Ich fürchte nur, deine Zaubertränke nehmen manche Wünsche zu wörtlich.’

Jetzt sah die Hexe sehr zerknirscht aus. „Ich weiß, aber manche Menschen sind auch nur allzu unvernünftig“, murmelte sie.

‚So wie diese Heilerin?’, fragte ich nach.

Sie nickte. „Sie hat das Kind an einen besseren Ort gewünscht. Es ist jetzt in Hondarribia, etwa vierzig Tagesreisen südlich von hier, und erholt sich ganz prächtig. Nur die Sprache ist ein Problem. Aber es wird schon lernen, sich mit seiner neuen Familie zu verständigen.“

‚Und der Herzog?’, fuhr ich fort. ‚Lass mich raten, er hat sich gewünscht, sein Volk in einem ausgelassenen Moment zu belauschen.’

Sie nickte. „Wohl ein wenig zu ausgelassen für seine Ohren“, gab sie zu.

‚Und der Drache?’

„Hat sich gewünscht, dass die Menschen ihn nicht als Bedrohung sehen würden. Eigentlich ist er sehr einsam … aber vielleicht kann er jetzt Freunde finden.“

‚Der Brückentroll hat sich Urlaub gewünscht, das elfische Liebespaar wollte sich durch nichts und niemanden trennen lassen, und der Maler wollte unbedingt seine pinkfarbenen Bilder verkaufen, die er seit Monaten aus mir unbekannten Gründen malt?’, mutmaßte ich.

„Farbenblind“, erklärte sie. „Aber ansonsten sehr begabt.“

Ich schwieg eine Weile. Damit waren eigentlich alle Rätsel gelöst – bis auf eines. ‚Ich habe mir nie gewünscht, ein Kater zu sein’, dachte ich. ‚Warum bin ich jetzt einer?’

Diesmal färbten sich die Wangen der Hexe tiefrot. „Ich habe das Wunsch-Elixier natürlich auch selbst ausprobiert“, murmelte sie. „Und als du dann hierherkamst in dieser schicken schwarzweißen Uniform … da habe ich mir einen Moment lang versehentlich gewünscht, wir könnten den Rest unseres Lebens gemeinsam verbringen.“

So ganz verstand ich es noch nicht, und sie schien es zu merken. „Hast du schon mal eine Hexe mit einem Ehemann gesehen?“, fragte sie und schüttelte den Kopf. „Hexen leben nicht mit Männern zusammen. Hexen haben Katzen.“

Ich hatte mir viele Gründe überlegt, weshalb ich jetzt ein Kater war – darauf wäre ich nicht gekommen. Ich warf einen Blick auf den Teller, der noch vom Fisch glänzte. Es hätte wirklich schlimmer kommen können. ‚Kannst du mich zurückwünschen?’, fragte ich trotzdem, obwohl ich die Antwort zu kennen glaubte. Und eigentlich war ich mir auch nicht sicher, dass mein früheres Leben als Egbert wirklich besser gewesen war als mein neues Leben als Pixel.

Sie schüttelte den Kopf. „Das habe ich schon probiert, es funktioniert nicht“, sagte sie leise.

‚Dann solltest du zum Polizeirevier gehen und eine Aussage machen’, schlug ich vor. ‚Die Sache mit dem Knubbel auf der Stirn von Gerlachs Pferd, wegen der ich dich verhaften sollte, gehört doch auch zu den schiefgegangenen Wünschen?’

„Seine Frau wünschte sich ein Einhorn“, bestätigte sie.

Ich seufzte leise. Ein Einhorn würde bestimmt nicht freiwillig Gerlachs Pflug ziehen. Dachte denn niemand vorher über das nach, was er sich wünschte?

‚Na dann mal los’, miaute ich und tapste zur Tür, die die Hexe öffnete. ‚Bringen wir es hinter uns, damit wieder Ruhe einkehrt. Und demnächst verkaufst du deine Wunsch-Elixiere mit einem großen Warnhinweis, dass man sich seine Wünsche sehr genau überlegen sollte.’

Jetzt hatte ich also zwei Orte, wo ich gefüttert wurde, und konnte mich selbst mit den interessantesten Fällen beschäftigen, während meine Kollegen sich um die langweiligen Probleme in der Stadt kümmerten. Und mit meiner neuen Verbündeten hatte ich auch eine Übersetzerin für Menschen, die selbst die offensichtlichsten Lösungen für Rätsel nicht erkannten. Es hätte wirklich schlimmer kommen können.

Die Welt des Schwertes

Bors hatte sich immer schon gefragt, was eigentlich passieren würde, wenn ein Unwürdiger das Schwert im Stein berührte. Natürlich war ihm aufgefallen, dass die meisten Ritter und Edelleute, die auf dem Weg zu diesem Schwert durch sein Dorf ritten, nicht zurückkehrten. Er hatte diese Tatsache bisher darauf geschoben, dass die Fremden sich schämten, ohne das Schwert gesehen zu werden. Es gab andere Wege durch die Ebene, nicht nur den durch Bors’ Dorf.

Jetzt aber ahnte er, was diesen Männern geschehen war. Sie hatten nicht zurückkehren können. Sie waren auch hier gelandet, in dieser stinkenden Ebene unter grünlichem Himmel, in dem jeder Stein tödlich aussah und der schwefelgelbe Nebel so viele Ungeheuer verbergen mochte, dass Bors nicht einmal wusste, wovor er sich am meisten fürchten sollte. Er wusste nur, dass er hier nicht bleiben konnte. Er brauchte einen Schutz, eine Unterkunft, irgendetwas anderes als diese freie und doch unübersehbare Ebene, in der der Tod aus jeder Richtung kommen konnte.

Doch wo mochte er diese finden? Es gab keinen Weg, jede Richtung wirkte gleich gefährlich. Bors versuchte, sich an der Sonne zu orientieren, doch selbst diese konnte er nicht ausmachen. Und auch Wind, der eine Richtung hätte definieren können, schien es nicht zu geben. Fast erschien es ihm, als wäre er im Inneren eines Ungeheuers gefangen.

Hätte er nur dieses verdammte Schwert nicht angefasst! Diese verfluchte Neugier – seine Mutter hatte ihn immer schon gewarnt, dass seine Neugier ihn eines Tages töten würde. Und wenn Bors es nicht bald schaffte, diesen unheimlichen Ort zu verlassen, dann würde das sicher nicht mehr lange dauern.

Er atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Der Gestank lenkte ihn ab, und die wabernden Nebelschwaden irritierten ihn und gaukelten ihm Lebewesen vor, wo keine waren. Zumindest hoffte er das. Er durfte sich nicht seiner Angst überlassen. Zu Hause war er schließlich auch einer derjenigen, die man in schwierigen Situationen um Rat fragte. In seinem Dorf war Bors trotz seines jungen Alters nicht nur als Schmied anerkannt, sondern auch als Ratgeber. Er atmete noch einmal tief durch und sah sich in alle Richtungen um. Überall derselbe schweflige Nebel, der Himmel überall gefärbt in diesem krank wirkenden fahlen Grün …

Der Angriff kam ohne Vorwarnung. Nur aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung, die aus dem Nebel herausstach, und warf sich reflexartig zu Boden. Der erste Schwerthieb verfehlte ihn, der zweite war ausreichend langsam, dass Bors sich zur Seite rollen konnte. Er selbst trug keine Waffen bei sich, nur das normale Jagdmesser, das nicht zum Kämpfen gedacht war. Doch es lag gut in der Hand und war seine einzige Chance, falls er nah genug an den Gegner herankommen konnte.

Dieser brauchte lange genug, sein Schwert aus dem morastigen Boden zu ziehen, dass Bors wieder aufspringen und gleichzeitig sein Messer ziehen konnte. Der junge Schmied beobachtete angespannt, wie sein Gegenüber wieder in Stellung ging. Ein Ritter offensichtlich, seiner Kleidung nach zu urteilen. Und Bors glaubte sich sogar an sein Wappen zu erinnern – war dieser Ritter nicht erst vor zwei Wochen durch das Dorf geritten, auf dem immer gleichen Weg zu dem Schwert im Stein?

„Wir müssen nicht kämpfen!“, rief er. „Ich will euch nichts tun, ich suche nur einen Ausweg aus dieser Hölle!“

„Schweig, Dämon!“, kreischte der Ritter. Wahnsinn flackerte in seinen Augen, als er Bors angriff. Der sprang zur Seite, versuchte selbst zuzustechen, erwischte den Ritter nicht, doch auch dessen Schwerthiebe gingen weit an Bors vorbei. Der Schmied hatte fast den Eindruck, dass der Ritter mit jedem Schlag schwächer wurde, immer weniger gezielt zuschlug, immer länger brauchte, um zum nächsten Hieb anzusetzen. Er wusste nicht, wie lange der ungleiche Kampf dauerte, bis der Ritter mit einem Mal zusammenbrach, das Schwert fallen ließ, nur noch mühsam eine sitzende Position beibehalten konnte, ohne ganz zu Boden zu sinken. Jetzt starrte der Fremde durch Bors hindurch, schwer atmend und offensichtlich zu erschöpft, um weiter anzugreifen.

Endlich! Bors trat die Waffe des Mannes zur Seite und näherte sich ihm vorsichtig, sein eigenes Messer erhoben. Der Fremde hatte sicherlich noch ein Kurzschwert oder ein Messer, um sich im Nahkampf zu wehren. Bors durfte kein Risiko eingehen. Dieser Mann war immer noch gefährlich, und daran würde sich nichts ändern, solange er lebte.

Nur … so sah der Ritter nicht aus. Nicht mehr. Sein Blick wirkte nun eher verwirrt als angriffslustig. Dennoch musste Bors sichergehen. Es war viel zu gefährlich, den Fremden am Leben zu lassen, sagte er sich immer wieder. Er musste den Mann nicht leiden lassen, ein rascher Stich in den Hals oder ins Herz, und er würde schnell und ohne große Schmerzen sterben. Nur ein Stich …