Mathilda tanzt - Andrea Tillmanns - E-Book

Mathilda tanzt E-Book

Andrea Tillmanns

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Beschreibung

Mathildas liebevoll angelegter Garten in Aachen ist ihre ganz private Oase. Mit der Ruhe ist es jedoch vorbei, als sie ausgerechnet am Tag der offenen Gartentür einen Toten in einer versteckten Ecke des Gartens findet und ihre Lieblingsstatue "Waltzing Matilda" sich als die Mordwaffe herausstellt. Und damit nicht genug - Mathilda wird des Mordes verdächtigt, und mit jedem Versuch, ihre Unschuld zu beweisen, verstrickt sie sich und ihre Nachbarinnen nur noch tiefer in den Fall. Dabei hatte der ermordete Anlageberater und notorische Frauenheld mehr als genügend Feinde, doch die haben allesamt Alibis. Oder haben Mathilda und die ermittelnden Polizisten etwas Entscheidendes übersehen?

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Über die Autorin

Kapitel Eins

Der Gesang der Amseln weckte Mathilda. Noch eine Stunde bis Sonnenaufgang, dachte sie mit geschlossenen Augen. Der Tag versprach schön zu werden. Fast wolkenlos, hatte der Wetterbericht angekündigt. Ein perfekter Tag für den „Tag der offenen Gartentür“, an dem sie in diesem Jahr zum ersten Mal teilnahm.

Ein bisschen nervös war sie schon, gestand sie sich ein und öffnete nun doch die Augen, um einen Blick auf den Wecker zu werfen. Halb fünf – das war definitiv zu früh zum Aufstehen. Die ersten Besucher würden nicht vor elf Uhr kommen. Das war zumindest die Zeit, die sie angegeben hatte. Die meisten Aachener Gärten wurden um elf Uhr geöffnet, wobei Mathilda ihren Gästen gerne auch gezeigt hätte, wie zutraulich die Vögel in den frühen Morgenstunden auf den Rasenflächen nach Futter suchten oder in den Büschen und Bäumen saßen und sangen. Aber die Organisatorin der Veranstaltung, mit der sie kurz telefoniert hatte, war von dieser Idee wenig begeistert gewesen. „Sonntagmorgens um acht wird noch niemand zu Ihnen kommen wollen“, hatte die Dame behauptet. „Öffnen Sie um elf, wie es die meisten tun, oder vielleicht um zehn, wenn Sie das für sinnvoll halten … aber weshalb wollen Sie nicht noch in Ruhe frühstücken, ehe die Besucherströme kommen?“

Bei dem Wort „Besucherströme“ hatte Mathilda sofort dem späteren Beginn zugestimmt. Menschenmassen wollte sie eigentlich gar nicht in ihrem Garten haben. Wenn Else und Irmtraud, ihre Nachbarinnen zur Linken und zur Rechten, nicht so überzeugend gewesen wären, dann hätte Mathilda sowieso gar nicht bei dieser Aktion mitgemacht. Dann würde sie sich jetzt noch einmal umdrehen und weiterschlafen. Später würde sie ein paar verwelkte Blüten abzupfen, vielleicht einige junge Löwenzahnpflanzen aus dem Rasen ausstechen und sich dann auf die halbschattige Bank unter dem alten Apfelbaum setzen. Sie würde in einem ihrer zahlreichen Gartenbücher blättern und sich überlegen, ob sie wirklich fünf Reihen Kartoffeln brauchte, oder ob sie nicht eine Reihe in ein weiteres Beet mit Wildblumen umwandeln könnte. Je länger sie alleine lebte, desto mehr Blumen schienen sich auf wundersame Weise in ihrem Garten anzusiedeln und den Nutzgarten Stück für Stück zurückzudrängen. Dass das mit ihren regelmäßigen Besuchen auf dem Wochenmarkt und im Blumenladen zu tun haben könnte, war Mathilda natürlich klar. Vielmehr erstaunte es sie, wie leicht es ihr fiel, die Kartoffeln, Erdbeeren, Möhren, Gurken und Kopfsalate aufzugeben, nur um weiteren Blumen eine Heimat bieten zu können. Manchmal hatte sie das Gefühl, immer mehr Schönes um sich herum haben zu wollen, je älter sie wurde. Und Blumen gehörten für sie zu den schönsten Dingen, die es auf der Welt gab.

Heute aber, fiel ihr wieder ein, war kein Sonntag wie jeder andere, und so schaltete sie schließlich die Nachttischlampe ein, starrte noch einen Moment an die holzvertäfelte Decke und stand dann auf. Nachdem sie nachts gelüftet hatte, war es angenehm kühl im Schlafzimmer, und auch im Bad, das sich jetzt im Sommer schnell aufheizte, war noch die Frische der Nacht gespeichert.

Nach der Hitze der letzten Tage genoss sie es, zumindest eine Zeitlang nicht zu schwitzen. Die ganze letzte Woche war es heiß gewesen, und mit jedem weiteren Tag hatte Mathilda sich mehr Sorgen gemacht, dass die empfindlicheren Blumen nicht bis heute durchhalten würden. Überhaupt begriff sie nicht mehr, wie sie sich von ihren Nachbarinnen überreden lassen konnte, am heutigen „Tag der Offenen Gartentür“ teilzunehmen. Weshalb hatte sie den Sonntag nicht einfach genießen können, statt sich diesen Stress anzutun?

Während sie zum Frühstück wie üblich viel Käse auf wenig Brot aß und ihren ersten Tee trank, beruhigte Mathilda sich langsam ein wenig. Vielleicht würde es ja doch schön werden. Vielleicht kämen ja gar keine Besucherströme, sondern nur wenige und dafür besonders nette, interessierte Menschen. Vielleicht bot sich sogar die Gelegenheit, jemanden kennenzulernen, mit dem sie sich über Gärten austauschen konnte … denn ihre Nachbarinnen bevorzugten durchgehend einen Nutzgarten mit einigen praktischen Apfelbäumen, die man leicht mit dem Aufsitzmäher umfahren konnte. Eine richtige Gartenlandschaft, wie Mathilda sie in den letzten Jahrzehnten angelegt hatte, mit versteckten Ecken zum Träumen und Lesen, gab es in diesem Bereich der Horbacher Straße sonst nicht. Selbst den Gemüsegarten hatte sie mit in die Gestaltung einbezogen und den Nutzgarten für Kartoffeln und ähnliches hinter niedrigen Hecken und sommerlichen Blütenmeeren verborgen. Vielleicht käme ja zufällig eine andere Gartenfreundin vorbei, mit der sie sich unterhalten könnte …

„Stell dich nicht an, Mathilda, du kommst auch alleine zurecht“, murmelte sie und stand auf, um den Frühstückstisch abzuräumen. „Alleine“ war schließlich nicht gleichbedeutend mit „einsam“, solange sie ihren Garten hatte, ihr Haus und nicht zuletzt Tausende von Büchern.

Sie blickte auf die Uhr. Kurz vor sechs. Mathilda spülte, putzte über die Wohnzimmerschränke, nur für den Fall, dass einer der Gäste mit ins Haus wollte, was sie eigentlich nicht vorgesehen hatte. Wo sie gerade dabei war, wischte sie auch die Küchenschränke feucht ab.

Gegen sieben gestand sie sich endlich ein, dass sie sowieso keine Ruhe hatte, ehe sie nicht noch einmal durch ihren Garten spaziert war. Sie musste wenigstens sichergehen, dass die Nachbarskatzen nicht wieder mitten auf dem Rasen ihr Geschäft verrichtet hatten. Oder womöglich auf einem der schmalen Wege zwischen den Staudenbeeten versteckt … das würden ihr die Besucher sicher nie verzeihen, wenn sie mitten in ihrem Garten in Katzenkacke träten.

Rasch zog sie sich eine dünne Strickjacke über, nahm vorsichtshalber gleich eine Plastiktüte mit, um eventuelle „Geschenke“ der Tiere aus der Nachbarschaft aufzusammeln, und trat auf die Veranda hinaus.

Die hölzernen Planken gaben unter ihren Füßen leicht nach. Mathilda mochte es, wie sich die gerippten Balken anfühlten, besonders im Hochsommer, wo sie selbst mittags nicht so heiß wurden wie Steinplatten. Wenn sie viel Zeit hatte, zog sie manchmal die Schuhe aus und versuchte mit bloßen Füßen die Unebenheiten im Holz zu ertasten, die unterschiedlichen Temperaturen, je nachdem, wie lange die Sonne eine Stelle schon gewärmt hatte. Jetzt aber flackerte ihre Nervosität wieder auf und ließ ihr keine Ruhe für solche Gedanken.

Links zwischen den einzelnen Töpfen und Pflanzkübeln am Rand der Veranda, wo die weißen Kletterrosen die Garagenwand zu großen Teilen überwucherten und dazwischen die ersten Hauswurzen sich in die Höhe zu recken begannen, war jedenfalls nichts zu sehen – und vor allem nichts zu riechen. Das einzig Gute an den Hinterlassenschaften der Nachbarskatzen war in Mathildas Augen, dass man diese auch ohne Lesebrille fand, solange man sich auf seine Nase verließ.

Sie folgte dem geschlungenen Weg links um das erste Rondell mit den Rosen herum und beobachtete dabei aufmerksam das kurzgeschnittene Gras und die wenigen freien Flächen zwischen den Blumen auf beiden Seiten des Rasens. Hier war alles in Ordnung. Der Kaffeesatz, ein Tipp der Verkäuferin im Supermarkt, schien bisher wirklich gut gegen die ständigen Besuche der Katzen zu helfen.

Weiter ging es durch die Engstelle zwischen dem alten Nussbaum zur Linken und dem ewig wuchernden Holunder zu ihrer Rechten. Auch hier war alles in Ordnung. Sie hob ein paar Blätter vom Rasen auf. Normalerweise war Mathilda nicht so penibel, aber heute sollte alles ordentlich aussehen.

Aus dem Insektenhotel, das links an dem efeuüberwachsenen Unterstand für das Brennholz hing, hörte sie das Summen der Bienen, und aus dem rot gestrichenen Teil des großen Kastens startete gerade eine Schwebfliege in den Tag.

Im nächsten Beet suchten schon die ersten Hummeln und Bienen an den blauen Blüten der Katzenminze nach Leckereien, und auch bei den weißblühenden Funkien und den rosafarbenen Glockenblumen gleich daneben herrschte bereits reger Verkehr.

Mathilda nahm das als gutes Omen. Es würde ein schöner Tag werden. Besonders, nachdem der Grünspecht gleich vor ihr über den Rasen hüpfte, sie kurz ansah, in der Erde pickte und dann in aller Ruhe weiterlief. Dieser morgendliche Frieden war es, den sie gerne mit ihren Gästen geteilt hätte.

Langsam ging Mathilda weiter und folgte dem Rasen, der sich zwischen den Beeten entlang-schlängelte, bis zu ihrem kleinen Gemüsegarten, der von Weitem betrachtet etwa die Form einer Blüte mit runden Blättern hatte – auch wenn sie zugeben musste, dass man für diese Deutung ein Mindestmaß an Phantasie brauchte. Wenigstens waren die Ränder der einzelnen Beete breit genug gepflastert, um darauf problemlos gehen und auch mal von ihnen aus arbeiten zu können, ohne in die Erde treten zu müssen.

Nur die Kartoffeln hatte sie hier nicht unterbringen können. Obwohl sie den hintersten Bereich des Gartens, den eigentlichen Nutzgarten, mit den Besuchern gar nicht betreten wollte, kontrollierte sie dennoch vorsichtshalber auch hier, ob alles in Ordnung war. Die Brombeer-, Himbeerund Johannisbeersträucher am Zaun zu den linken Nachbarn hin ließen ein wenig die Blätter hängen, aber das war normal bei der momentanen Hitzewelle. Die Kartoffelpflanzen waren kräftig, ihnen machte die Trockenheit noch nicht viel aus. Rechts vom Hauptweg, abgetrennt durch uralte Rhododendron-Büsche, war noch ihre „Hochsommer-Ecke“ zu finden, mit den kleinen weißen Metallstühlen und der verrückten Holzbank mit dem breiten hölzernen Dach, die Mathilda irgendwann einmal aus dem Gartenkatalog bestellt hatte und auf der es sich selbst im stärksten Sonnenschein gut aushalten ließ.

Und wo jetzt, obwohl die Sonne noch tief stand, ein Mann saß.

„Hallo, Sie da – es ist aber noch viel zu früh“, sagte Mathilda, ohne darüber nachzudenken, was dieser Mann in ihrem Garten zu suchen hatte. Natürlich war er ein verfrühter Besucher, was sonst? Einen Augenblick freute sie sich sogar, dass sie den morgendlichen Frieden in ihrem Garten nun doch mit jemandem teilen konnte. Dann fiel ihr auf, wie ruhig der Mann dort saß. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, dazu hatte er seinen Strohhut zu tief in die Stirn gezogen.

Ob er vielleicht eingenickt war, während er auf die offizielle Öffnung ihres Gartens wartete? Oder war er ein Obdachloser, der hier übernachtet hatte?

Langsam mischte sich ein wenig Ärger in ihre Vorfreude. Das gehörte sich nicht. Auch wenn er offensichtlich nichts zerstört hatte, als er wohl vom Feld hinter dem Garten über den Holzzaun auf ihr Grundstück geklettert war – er hätte sich zumindest anmelden können. Oder aber rechtzeitig wieder verschwinden. Und wenn das wirklich ein Obdachloser war, hätte sie ihm doch die Gartenlaube aufschließen und ihm ein belegtes Brot machen können. Hier in Laurensberg gab es keine Einbrecher oder andere böse Menschen, davon war sie überzeugt. Sie hätte wirklich kein Problem damit gehabt, den Mann eine Weile in der Laube zu beherbergen.

„Sie da, wachen Sie auf!“, sagte sie, nun schon etwas lauter, und rüttelte ihn an der Schulter.

Der Mann kippte langsam zur Seite und schlug mit dem Kopf auf die Armlehne, ohne darauf zu reagieren. Das Geräusch ließ sie zurückzucken. Entsetzt starrte Mathilda auf das bleiche Gesicht, das nun sichtbar wurde, während der Hut über den Boden rollte und ein paar Schritte weiter liegen blieb. Das Blut war merkwürdigerweise auf der falschen Seite des Kopfes, gar nicht auf der linken, mit der er auf die Lehne geschlagen war.

Instinktiv griff sie in die Jackentasche nach ihrem Handy, das sie auch jetzt, wie so oft, im Haus vergessen hatte. Während sie versuchte, tief ein-und auszuatmen und die aufsteigende Panik zu unterdrücken, starrte Mathilda weiter auf den Mann, der dort in einer grotesk verdrehten Haltung auf ihrer Lieblingsbank lag. Und dann erst begriff sie, dass er nie wieder aufwachen würde.

Die Stimme der Nachbarin riss Mathilda aus ihrer Erstarrung. „Und, alles in Ordnung?“, rief Irmtraud von ihrer Veranda aus. „Alles vorbereitet? Können die Besucher kommen?“

„Ja … natürlich, alles in Ordnung“, antwortete Mathilda mechanisch. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Fast halb acht. Ab elf erwartete sie die ersten Besucher. Dreieinhalb Stunden Zeit. Wie lange brauchte die Polizei für die Spurensicherung? Mathilda kannte sich mit solchen Dingen nicht aus. Am liebsten hätte sie bis zum Abend gewartet, wenn sie um fünf ihre Gartentür wieder abschließen konnte, und dann erst die Polizei angerufen. Aber dass das keine gute Idee war, ahnte sie auch ohne große Erfahrung in Kriminalfällen. Und davon abgesehen – was, wenn einer ihrer Gäste diese Ecke betreten wollte? Auch wenn sie vom Großteil des Gartens – und zum Glück auch von den Nachbarn und vom Feld aus – nicht einsehbar war, konnte Mathilda dennoch nicht verhindern, dass jemand dem kleinen Weg zwischen den Rhododendren hindurch folgte und dann unvermittelt vor dem Toten stand.

Es half nichts – sie musste jetzt die Polizei anrufen und einfach darum bitten, dass sich die Leute beeilten. Und am besten möglichst leise arbeiteten. Was würden die Nachbarn sagen, wenn sie erführen, dass in Mathildas Garten ein Toter gefunden worden war … Das mochte sie sich gar nicht ausmalen.

„Kann ich dir noch irgendwie bei den Vorbereitungen helfen?“, rief Irmtraud.

„Nein, danke, hier ist alles soweit fertig“, antwortete Mathilda, ohne darüber nachzudenken. Sie ging ein paar Schritte näher auf die Statue zu, die halb zwischen Efeu und Clematis verborgen hinter der Metallsitzgruppe stand. „Waltzing Matilda“ hatte Hannes sie genannt, als er sie ihr vor ein paar Jahren zum Sechzigsten geschenkt hatte. Tatsächlich sah die abstrakte Figur ein wenig aus wie eine Frau, die alleine Walzer tanzte. Mathilda hatte sie hier untergebracht, wo keine der neugierigen Nachbarinnen sie sehen und Fragen stellen konnte. Schließlich sollten keine Gerüchte aufkommen, dass sie jemanden kennengelernt hatte. Hannes war ein alter Schulfreund, mehr nicht.

Jetzt aber erschien ihr diese Idee nicht mehr so gut. Denn auf dem polierten Stahl entdeckte Mathilda dunkle Flecken, die gestern noch nicht dort gewesen waren. Und der Zusammenhang mit dem Toten gleich daneben war selbst für Mathilda, die sich eigentlich nur noch für Blumen interessierte, unübersehbar.

„Polizei? Ja, guten Morgen, Mathilda Müller hier.“ Sie schluckte, dann fuhr sie fort: „In meinem Garten liegt ein toter Mann, den jemand erschlagen hat.“ Das hätte man bestimmt auch intelligenter formulieren können, fiel ihr auf. Aber in dieser Situation waren andere Dinge wichtig. „Ich wohne an der Horbacher Straße, in Laurensberg“, fügte sie hinzu. „Wenn Sie von der Roermonder Straße in Richtung Horbach abbiegen …“

„Das finden wir schon“, unterbrach sie die junge Frau am anderen Ende der Leitung. „Bitte bleiben Sie in der Nähe des Telefons, fassen Sie am Tatort nichts an und warten Sie, bis die Kollegen kommen.“

„Natürlich“, antwortete Mathilda frostig. Das hatte sie sich auch selbst denken können. Andererseits – vielleicht gab es ja auch Menschen, die sich noch viel unbedarfter anstellten als sie selbst, wenn sie einen Toten fanden. Die Polizistin in der Telefonzentrale konnte schließlich nicht wissen, dass Mathilda sich nicht immer nur mit Blumen beschäftigt hatte.

Während sie auf die Polizei wartete, fraß sich die Sorge kalt in ihren Magen. Was würde nun geschehen? Wenn sie ehrlich war, konnte sie sich nicht vorstellen, dass die Spurensicherung pünktlich um elf fertig wäre. Und selbst wenn – würde der Tatort nicht abgesperrt werden? Denn das war ein Teil ihres Gartens – ein Tatort. Nicht nur ein Fundort, was ja schon schlimm genug gewesen wäre. Irgendjemand hatte dem Mann dort auf ihrer Sonnenschutzbank ihre Statue gegen den Kopf geschlagen und ihn damit vermutlich getötet. Aber wer tat so etwas? Und weshalb?

Mathilda schüttelte den Kopf. „Unbegreiflich“, murmelte sie. Die ganze Situation wirkte wie in einem Film – in einem Horrorfilm, genaugenommen. Wer brachte ausgerechnet in ihrem friedlichen Garten, der für Mathilda immer eine Oase der Ruhe inmitten der hektischen Stadt dargestellt hatte, einen anderen Menschen um?

Sie schwankte noch immer zwischen einer undefinierbaren Furcht vor dem, was nun auf sie zukommen würde, und wachsendem Ärger auf den Menschen, der ihren Garten entweiht hatte, als die Polizei kurz darauf eintraf. „Morgen, Hauptkommissar Saatkamp, meine Kollegin Kommissarin Schlangen“, stellte der Mann sich knapp vor und schüttelte ihre ausgestreckte Hand. „Frau Müller, wo haben Sie den Toten entdeckt?“

„Müssen wir nicht auf die Spurensicherung warten?“, erkundigte sich Mathilda.

„Die rufen wir gleich dazu“, erklärte die junge Frau, die entgegen ihrem Namen sehr hübsch und sehr blond war und einen sympathischen Eindruck machte. Ihr Chef war deutlich älter und wirkte trotz seines Bauchansatzes und der bequemen Strickjacke über dem Hemd nicht sonderlich gemütlich.

Mathilda nickte verstehend. „Sicher werden Sie häufig zu angeblichen Mordfällen gerufen, bei denen sich die Leiche dann als Schnapsleiche herausstellt“, entgegnete sie trocken. „Kommen Sie, ich bringe Sie zu dem Toten.“

Auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, dass der Mörder durch den vorderen Teil des Gartens gegangen war, führte sie die Polizisten vorsichtshalber wieder über den linken Weg nach hinten zu ihrer versteckten Sonnenschutzecke. Man musste ja nicht mehr Spuren zertrampeln als nötig. „Hier haben Sie ihren Toten“, fügte sie hinzu, als sie um die Rhododendren herumtraten. Erwartungsgemäß lag der Mann noch immer genauso leblos auf der Bank wie eben. Und er starrte Mathilda immer noch so anklagend an, als habe sie etwas mit seinem Tod zu tun. Aber das war natürlich Unsinn, versuchte sie sich zu beruhigen. Tote starrten eben irgendwohin, bis ihnen jemand die Augen schloss.

„Ja, Sandra hier, schick uns bitte die Spurensicherung zur Horbacher Straße“, sagte die Polizistin gerade in ihr Handy, als Mathilda sich zu den beiden umdrehte.

„Und die Mordwaffe ist die Statue dort hinten neben den Clematis“, bemerkte Mathilda, nachdem das Telefonat beendet war.

„Woher wissen Sie das?“, fragte der Hauptkommissar. Jetzt sah er noch ungemütlicher aus als eben, fand Mathilda.

„Weil die Flecken darauf gestern Abend noch nicht zu sehen waren“, entgegnete sie. „Außerdem steht die Statue falsch herum – normalerweise tanzt sie mit dem Gesicht zum Weg.“

„Sie tanzt?“, hakte Saatkamp nach und betrachte die Statue misstrauisch.

„Die Figur heißt ‚Waltzing Matilda‘ und stellt eine tanzende Frau dar“, antwortete Mathilda. Kommissarin Schlangen nickte ihr grinsend zu. Sie schien Mathildas Vornamen von der Telefonzentrale erfahren zu haben.

„Das Lied ‚Waltzing Matilda‘ handelt von einem Wanderarbeiter, der sich am Ende das Leben nimmt“, bemerkte Saatkamp nüchtern. „Aber davon scheint der Künstler nichts gewusst zu haben.“

Mathilda spürte, wie sie errötete. Weshalb hatte sie das eigentlich nie überprüft? Das war im Zeitalter des Internets doch alles andere als schwierig.

„Das ist ein Wortspiel“, behauptete sie rasch. „Die Einsamkeit des Wanderarbeiters wird auf die Einsamkeit der alleine tanzenden Frau übertragen.“ Sie hatte vielleicht keine Ahnung von Liedtexten, aber schnell auf unerwartete verbale Angriffe zu reagieren, hatte sie während ihres Berufslebens notgedrungen gelernt. Sie hatte zu lange in der mikrobiologischen Forschung gearbeitet, um sich von solchen plötzlichen Attacken aus der Ruhe bringen zu lassen.

„Na ja …“, brummte der Hauptkommissar und zog ein paar Handschuhe aus der Tasche, um den Puls des Toten zu fühlen – natürlich vergeblich.

Die junge Polizistin hatte inzwischen ein Notizbuch aus der Tasche geholt und begann Mathilda die erwarteten Fragen zu stellen: wann sie den Toten gefunden hatte, was sie so früh schon im Garten mache, wann sie gestern Abend das letzte Mal hier in der Ecke gewesen sei … Erst das Klingeln ihres Handys unterbrach Kommissarin Schlangen. Sie meldete sich und nickte dann. „Ja, kein Problem, Frau Müller öffnet Ihnen.“

Offenbar hatte die Spurensicherung das Schild neben der Klingel „Bitte an der Gartentür rufen, wenn niemand öffnet“ nicht bemerkt, dachte Mathilda, während sie wieder über den gleichen Weg zurück zum Haus eilte. Das konnte ja was werden, wenn diese Leute selbst ein solches Schild übersahen … Unvermittelt musste sie an einen ihrer Lieblingssprüche aus der Zeit denken, als sie noch berufstätig war: „Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, mach es selbst.“ Damit war sie damals immer gut gefahren. Aber das galt natürlich nicht für solche fachfremden Bereiche wie Mord.

Einer der beiden Männer, die zusammen mit zwei etwas jüngeren Frauen vor ihrer Gartentür warteten, trug eine typische leuchtend rote Notarztjacke. Hastig blickte Mathilda sich um. Wenn das einer der Nachbarn sähe, würde in ein paar Minuten das Telefon zu klingeln beginnen, weil alle glaubten, ihr sei etwas zugestoßen.

Doch es kam noch schlimmer. Als sie mit den vier Neuankömmlingen im Schlepptau zum Ende ihres Gartens ging, hörte sie schon Elses Stimme aus dem Garten zu ihrer Linken: „Moin, Mathilda, dat sin aber frühe Besucher, wa?“ Else hatte mit ihrem Mann schon in einem Dutzend Orten in ganz Deutschland gelebt und sich inzwischen ein undefinierbares Plattdeutsch angewöhnt, in das sie vermutlich aus allen möglichen Landstrichen das eine oder andere Wort übernommen hatte.

„Ja, aber es ist ja auch schon nach acht“, antwortete sie und merkte erst im Nachhinein, wie dämlich diese Antwort war. Zumal Else von ihrer Seite aus gut erkennen konnte, dass einer der „Besucher“ Notarzt war. Und dass die anderen nun in die obligatorischen weißen Schutzanzüge schlüpften, die Mathilda ein wenig an Papier erinnerten. Vermutlich der gleiche Vliesstoff, aus dem auch die Reinraumanzüge hergestellt wurden, die sie jahrelang regelmäßig getragen hatte, dachte sie und ging neugierig einen Schritt näher, ehe ihr bewusst wurde, wie merkwürdig das aussehen musste.

„Ach, macht ihr da noch ein Theaterstück?“, hakte Else nach. Inzwischen war sie näher an den niedrigen Holzzaun getreten und sah interessiert zu, wie die zwei Männer und zwei Frauen hinter den mannshohen Rhododendren verschwanden.

„Sowas in der Richtung“, nickte Mathilda. Eigentlich konnte sie Else auch gleich reinen Wein einschenken, schließlich würde morgen sowieso in der Zeitung stehen, dass in Laurensberg ein Toter gefunden wurde. Und dann konnte es nicht mehr lange dauern, bis alle in der Nachbarschaft wussten, dass der Mann in Mathildas Garten gelegen hatte. Andererseits war sie froh um jede Minute, die sie noch Ruhe hatte, ehe die Nachbarinnen wie eine hungrige Schar Krähen über sie herfallen und sie mit Fragen löchern würden.

„Ja, denn mal noch viel Spaß beim Proben“, sagte Else und wandte sich zögernd ab.

„Danke, und bis später!“, verabschiedete sich Mathilda und folgte den Neuankömmlingen rasch. Die Hälfte von ihnen waren schließlich Männer, die verstanden nichts von Blumen – da musste sie achtgeben, dass sie bei der Spurensicherung nichts zerstörten.

Aber ihre Sorge war unbegründet. Sowohl der Notarzt, der erwartungsgemäß feststellte, dass der Tote tot war, als auch die drei Leute von der Spurensicherung bewegten sich sehr vorsichtig. Nur einmal musste Mathilda einen von ihnen stoppen, als er fast einen neugierigen Regenwurm zertreten hätte, der gerade die Pflastersteine überquerte, auf denen die Metallsitzgruppe stand.

„Was haben Sie hier eigentlich angefasst, nachdem Sie den Toten entdeckt hatten?“, führte Kommissarin Schlangen nach der Rettung des Wurms die Befragung fort.

„Nun, ich habe den Toten natürlich an der Schulter gepackt und ihn gerüttelt, um ihn aufzuwecken“, antwortete Mathilda und erklärte dann rasch: „Zu diesem Zeitpunkt trug er noch den Hut, der sein Gesicht verdeckte. Ich dachte, er sei vielleicht ein Obdachloser, der hier übernachtet hatte.“

„Und der im Sitzen schlief, statt sich auf der Bank auszustrecken?“, hakte die Kommissarin nach.

„Die Bank ist nicht sehr bequem zum Liegen“, entgegnete Mathilda scharf. Sie atmete tief durch. Was waren das für Fragen? So oft hatte sie nun mal noch keinen Toten in ihrem Garten gefunden. Da war es doch wohl verständlich, wenn sie im ersten Moment nicht völlig richtig reagiert hatte. Dieser Sonntag war wirklich ein Alptraum – und bisher machte er keinerlei Anstalten, sich zu bessern.

„Haben Sie das schon probiert?“, fragte Frau Schlangen penetrant nach.

Mathilda seufzte leise. „Nein, aber ich sitze hier oft und weiß, wie hart die dünnen Balken der Sitzfläche sind, wenn man kein Kissen unterlegt“, erklärte sie. Was war daran so schwer zu verstehen?

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie eine der beiden Frauen von der Spurensicherung Plastiktüten über die Hände des Toten zog, wohl um beim Transport keine Spuren zu verlieren. Die andere wedelte derweil mit einem großen, weichen Pinsel an der Metallstatue herum. Offenbar suchte sie nach Fingerabdrücken. Wenn das hier nicht gerade ihr eigener Garten gewesen wäre, hätte Mathilda es sogar interessant gefunden, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen. Auch wenn sie der Forschung schon vor Jahren den Rücken gekehrt hatte, um ihr Rentnerdasein zu genießen und sich nur noch mit schönen Dingen zu befassen, hatte sie ihre Neugier doch nicht ganz abstellen können.

Aber das hier war ihr Garten. Und bei allem Interesse für die Arbeit der Spurensicherung, der Polizei und auch des Notarztes, der sich bald verabschiedete und dem Rechtsmediziner Platz machte – auf einen Mord auf ihrem eigenen Grund und Boden, der vermutlich auch noch mit ihrer Lieblingsstatue begangen worden war, hätte Mathilda wahrhaftig gerne verzichtet.

Um kurz nach zehn hängte Mathilda ein Schild von außen an die Gartentür: „Wegen Krankheit geschlossen.“ Den Tod, fand sie, konnte man durchaus als eine sehr ernste Krankheit bezeichnen.

Wider Erwarten wurde die Spurensicherung aber doch eine halbe Stunde später fertig, packte alles zusammen und verabschiedete sich. Nicht einmal das Flatterband, mit dem Mathilda gerechnet hatte, wurde um den Tatort herum aufgespannt – angeblich waren alle Spuren gesichert. Bis auf die Statue der Tänzerin und die Bank, die die Spurensicherung beide mitgenommen hatte, sah dieses kleine Fleckchen Garten eigentlich genauso aus wie vorher. Und als Mathilda die beiden Polizisten wenig später hinausbegleitete, bemerkte sie, dass diese mit einem normalen Auto gekommen waren, keinem Polizeiwagen. Wenn sie Glück hatte, hatte vielleicht keiner der Nachbarn etwas bemerkt.

„Kommen Sie bitte morgen zwischen zehn und zwölf zu uns, um das Protokoll zu unterschreiben“, sagte Kommissarin Schlangen und drückte Mathilda eine Visitenkarte in die Hand. „Sie haben sicherlich nicht vor, in nächster Zeit zu verreisen?“

Mit einem Mal war die kalte Furcht zurück. „Nein, ich verreise nie“, antwortete Mathilda gepresst.

Sie wartete nicht, bis die beiden abgefahren waren, ehe sie zurück zur Gartentür ging, das Schild „Wegen Krankheit geschlossen“ abriss und die Tür hinter sich zuschlug. War sie jetzt etwa verdächtig? Für wie bescheuert hielten sie diese Polizisten denn, dass sie in ihrem eigenen Garten einen Mann umbrachte? Das konnte wirklich nicht wahr sein.

Erst als sie eine Weile gedankenverloren durch ihren Garten gestreift war, ein paar verwelkte Blüten abgezupft und winzige Unkräutlein ausgerissen hatte, beruhigte sie sich langsam wieder. Sicher war das nur eine Phrase gewesen. Kein normaler Mensch konnte auf die Idee kommen, dass Mathilda jemandem etwas antun könnte. Und erst recht nicht hier, in ihrer eigenen Oase. Bestimmt würde sich bald alles aufklären. Wer auch immer den armen Mann erschlagen hatte, er würde sicherlich schnell gefasst werden.

Und doch konnte sie sich nicht gegen das ungute Gefühl wehren, dass der Himmel über ihrem Garten nicht mehr lange so wolkenlos blau bleiben würde.

Kapitel Zwei

Um Punkt elf Uhr standen die ersten Besucher vor ihrer Tür. Eine Gruppe älterer Frauen, die mit zwei Wagen gemeinsam durch Aachen fuhren und eine genaue Liste gemacht hatten, welche Gärten sie wann sehen wollten. „Ihrer ist ja eigentlich für den frühen Morgen prädestiniert“, sagte eine von ihnen, „aber da war er leider noch nicht geöffnet.“

Mathilda verkniff sich einen Kommentar. Nächstes Jahr konnte sie das immer noch anders machen. Vor allem würde nächstes Jahr wohl nicht wieder ein Toter auf ihrer Lieblingsbank sitzen. Aber das konnte sie jetzt nicht mehr ändern. Jetzt musste sie sich zusammenreißen und mit ihren Besuchern plaudern.

Als die nächste kleine Gruppe wenige Minuten später klingelte, entschied sie sich, die Tür von der Straße zum Garten nun wirklich offenstehen zu lassen und stattdessen die Verandatür zu verschließen, so dass niemand ins Haus gelangen konnte. Von den hinteren Ecken des Gartens aus konnte sie diese Tür nicht im Auge behalten. Und sie hatte keine Lust auf weitere unliebsame Überraschungen an diesem Tag.