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Bei einem abendlichen Spaziergang auf der Ölgangsinsel findet Künstlerin Anna Berg einen Toten. Ausgerechnet Hartmut Lanski, Redakteur des Neusser Lokalkuriers, der kurz zuvor bei ihrer Vernissage für einen Eklat gesorgt hat. Plötzlich steht Anna unter Mordverdacht. Weil die ermittelnde Kommissarin ihren Unschuldsbeteuerungen wenig Glauben schenkt, beginnt Anna auf eigene Faust zu ermitteln. Und findet schnell heraus, dass es Lanski auf der Jagd nach der nächsten Schlagzeile mit dem journalistischen Berufsethos nicht so genau genommen hat ... Ein spannender Krimi mit viel Lokalkolorit.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Über die Autorin
Anna fluchte leise, als sie über einen Ast stolperte, der mitten auf dem Weg lag. Eigentlich schien der Vollmond hell genug, doch ab und an, wenn eine Wolke an ihm vorbeijagte, war der schmale Pfad kaum noch zu erkennen.
Sie schüttelte den Kopf, als sie daran dachte, dass sie jetzt ebenso gut am ruhigen Rheinufer hätte sitzen können. Nach dieser völlig misslungenen Vernissage hätte sie einfach wie geplant nach Hause fahren, ihren Wagen abstellen und zu Fuß zum Fluss gehen sollen. Der halbe Kilometer Weg von ihrem Häuschen im Schlehenweg zur Erftmündung hätte ihr sicherlich gutgetan, und nun, kurz vor Mitternacht, würde auch der benachbarte Sporthafen den rastlosen Rhein nicht mehr übertönen.
Dass sie stattdessen nun über die Ölgangsinsel lief, ohne die erhoffte Ruhe zu finden, passte zu diesem völlig verkorksten Tag. Wenn Anna früher, bis vor fast einem Jahr, hier mit Frank spazieren gegangen war, hatte sie nur die Schönheit dieser Wildnis wahrgenommen, die Pappeln und Weiden, dazwischen die meterhohen Brennnesseln, Kletten und die ausgedehnten Bereiche voll Schilf. An manchen Stellen wuchsen damals, wie ein niedriger Wald, der gerade ihre Köpfe überragte, die riesigen Erzengelwurz-Pflanzen. Sie hatten wohl beide fest daran geglaubt, dass es ein Zeichen sein musste, dass diese mächtigen Pflanzen mit dem ungewöhnlichen Namen ausgerechnet hier zu finden waren, wo sie am liebsten spazieren gingen. Vielleicht war es auch ein Zeichen gewesen, dass sie die Erzengelwurz hier schon lange nicht mehr gesehen hatte. Damals, nachdem der Sturm Ela seine Zerstörungswut auch an der Ölgangsinsel ausgelassen hatte, hatte sich das Gesicht des Naturschutzgebietes zu verändern begonnen. Als sich das Blätterdach gelichtet hatte, hatten die Erzengelwurz-Stauden wohl zu viel Konkurrenz bekommen, nicht nur durch die allgegenwärtigen Brennnesseln, sondern auch durch die wilden Brombeeren, die es hier inzwischen wie auf so vielen sich selbst überlassenen Flächen gab, den Japanischen Knöterich und das Indische Springkraut. Sie hatte diesen Veränderungen nie viel Bedeutung beigemessen, hatte die Ölgangsinsel immer noch als ihre persönliche Oase betrachtet, auch wenn die Vegetation sich veränderte und die Wege ins Innere der Insel langsam zuwuchsen und verschwanden.
Jetzt, als sie zum ersten Mal nach der Zeit mit Frank wieder hier war, fiel ihr das ständige Rauschen der Autos auf der nahen Schnellstraße auf, und der merkwürdig süßliche Geruch der Papierfabrik hinter dem Deich ließ ihre Nase kribbeln. Weshalb hatte sie sich nur von dieser fremden Frau überzeugen lassen, die Ölgangsinsel sei genau der richtige Ort, um ein wenig Ruhe zu finden? Im Nachhinein konnte sie ihre Entscheidung nicht mehr verstehen. Vermutlich hatten einfach die Worte, mit der die Fremde diese Wildnis beschrieben hatte, einen Nerv in Anna getroffen. Wahrscheinlich war sie gerade heute, nach dieser furchtbaren Vernissage, an die sie gar nicht mehr denken wollte, besonders empfänglich für alles, was sie an Frank erinnerte.
Erschrocken blieb Anna stehen, als sie ein Geräusch hörte. Im ersten Moment dachte sie an den Ruf eines Käuzchens; damals hatten sie oft Steinkäuze gehört, die in den Kopfweiden saßen. Dann korrigierte sie sich, unwillkürlich schmunzelnd. Der Laut war noch viel harmloser gewesen, nur eine Katze, die sich hier herumtrieb.
„Komm mir nur nicht zu nahe“, sagte sie halblaut in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Nach diesem grauenhaften Abend hätte es sie nicht gewundert, wenn sich irgendeine wildfremde Katze an ihrer Samthose rieb und ihre Katzenhaarallergie ausbrechen ließ. Sie sah hinunter auf ihre Schuhe, die im Mondlicht unregelmäßig glänzten. Bei ihrem Glück hatte sie sich inzwischen bestimmt die neuen Schuhe ruiniert.
Die Katze maunzte wieder, diesmal ganz nah. Anna fand, dass der Laut merkwürdig traurig klang. „Hast du auch Kummer?“, fragte sie ins Dunkle links neben dem schmalen Weg. Sie hörte ein leises Rascheln, vielleicht bewegte sich die Katze. Vielleicht auch ein Vogel, den Anna aufgescheucht und dadurch vor der Katze gerettet hatte. Eigentlich gab es keinen Grund, nicht weiter-zugehen, dennoch blieb Anna stehen und starrte in die schwarze Wildnis, die sich neben dem Pfad ausbreitete. Wenn sie die Silhouetten der Pflanzen gegen den nachtblauen Himmel richtig deutete, stand sie inmitten eines Waldes aus Brennnesseln und irgendwelchen hohen, stacheligen Pflanzen, die sie im Dunkeln nicht erkannte. Gleich zu ihrer Linken glaubte sie eine Schneise zu erkennen, vielleicht von einem Reh niedergetreten. Gab es hier Rehe? Anna hatte nie eines bemerkt. Aber damals, als sie mit Frank hier gewesen war, hatte sie vermutlich kaum etwas anderes außer ihrem Freund wahrgenommen.
Jetzt hörte sie das Maunzen wieder, und diesmal meinte sie auch eine Bewegung in dieser Schneise zu erkennen. Vorsichtshalber trat Anna zwei Schritte zurück, bis sie mit dem Rücken die Pflanzen auf der anderen Seite des Weges berührte, die den Blick auf den Rhein verdeckten. Tatsächlich schlenderte eine hell gefleckte Katze auf den Pfad, verharrte einen Moment, in dem sie die junge Frau zu mustern schien, und spazierte dann genau auf Anna zu.
„Geh weg!“, befahl Anna erschrocken. Sie glaubte schon zu spüren, wie ihre Augen feucht wurden und ihre Nase zu kribbeln begann, obwohl sie selbst wusste, dass ihre Allergie nicht so schnell ausbrechen konnte. Schnell ging sie ein paar Schritte weiter den Weg entlang, doch mit einem empörten Maunzen überholte die Katze sie und stellte sich ihr in den Weg. Im Mondlicht schimmerten die großen Flecken auf ihrem hellen Fell merkwürdig rötlich. Sicher nur eine optische Täuschung, dennoch runzelte Anna die Stirn. Ob das Tier verletzt war? Brauchte es vielleicht Hilfe?
Während sie langsam in die Hocke ging, verfluchte sie ihre Gutmütigkeit. Sicherlich wollte dieses verflixte Viech sie nur ärgern. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass ausgerechnet Katzen, die einzigen Tiere, auf die sie allergisch reagierte, absichtlich ihre Nähe suchten.
Die Katze kam nun näher, ohne jede Scheu, und schmiegte sich gegen Annas linkes Knie. Die junge Frau seufzte. Das hatte ihr wirklich gerade noch gefehlt.
Vorsichtig berührte sie den großen Fleck an der Seite des Tieres, der sich tatsächlich feucht an-fühlte. Sie betrachtete ihre Fingerspitzen, roch daran. Der metallische Geruch nach Blut war unverkennbar. Anna nahm ein Päckchen Taschentücher aus der Jackentasche, bemerkte erst dabei, dass der Saum ihres Kurzmantels den aufgeweichten Boden berührte, und seufzte ergeben. Irgendwann in ein paar Wochen oder Monaten würde sie über diesen grauenhaften Abend lachen können, zumindest hoffte sie das.
Sie spuckte auf ein Taschentuch und begann vorsichtig, das Blut von der Katze abzureiben. Vielleicht war die Verletzung ja nur klein, und sie konnte das Tier guten Gewissens sich selbst überlassen. Und falls sie die Katze wirklich zum Tierarzt fahren musste, wollte sie sich zumindest nicht noch die Autositze ruinieren.
Das Blut schien noch recht frisch zu sein, jedenfalls gelang es Anna bald, die Flecken größtenteils zu entfernen. Eine Verletzung fand sie allerdings nicht. Einerseits war sie erleichtert, dass ihr die Suche nach einem Tierarzt mit Bereitschaftsdienst nun erspart blieb; andererseits machte sich in ihrem Magen ein beklemmendes Gefühl breit. Wie konnte dieses kleine Tier überhaupt so viel Blut verlieren, ohne geschwächt zu wirken? Hätte die Katze nicht zumindest zusammenzucken müssen, als Anna die Wunde berührte?
Sie strich noch einmal mit beiden Händen am Körper der Katze entlang, über Beine und Köpfchen. Das Tier schnurrte leise. Woher kam das Blut?
Anna spürte, dass sie zu schwitzen begann. Hatte die Katze vielleicht Hilfe für ein anderes Tier holen wollen? Lag dort im Schutz des Dickichts eine zweite Katze? Und wie sollte Anna in dieser völligen Dunkelheit ein Tier finden, ohne eine Taschenlampe? Sie hatte nicht mal eine im Auto; wenn sie an der nächsten Tankstelle eine Lampe kaufen würde, würde sie diesen Platz hier sicherlich nicht wiederfinden. Dafür hatte sie zu wenig auf den Weg geachtet, war zu sehr in Gedanken vertieft gewesen. Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie den Weg nahe dem Rhein bereits entlanggegangen war, wie weit der Hafen noch vor ihr lag und wo der Querweg an den verbrannten Bäumen vorbei war, der sie zurück zu ihrem Wagen führen würde. Und die Schneise, die sie vorhin zu sehen geglaubt hatte, hätte sie vermutlich selbst bei hellem Sonnenlicht kaum wiedergefunden.
Die Katze vor ihr maunzte leise. Anna nickte gedankenverloren. „Keine Sorge“, murmelte sie. Sie konnte nicht einfach nach Hause fahren und tun, als wäre nichts geschehen. Aber woher sollte sie eine Lampe bekommen? Zumindest hatte sie ihr Handy nicht im Wagen gelassen. Doch wen konnte sie anrufen? Wer war jetzt, kurz nach Mitternacht, noch wach?
Kurz entschlossen wählte sie die 112. Die Dame in der Zentrale klang zwar wacher, als Anna sich fühlte, wirkte aber dennoch reichlich irritiert. Anna versuchte zu erklären, verhedderte sich, wurde weiterverbunden, begann zu stottern, erklärte wieder anderen Männern. Schließlich war ein Team von der Feuerwehr bereit, zur Ölgangsinsel zu fahren und Scheinwerfer mitzubringen. Offensichtlich gehörte die Rettung eines möglicherweise verletzten Tieres um diese Zeit nicht zu den vorrangigen Aufgaben der Feuerwehr.
Es dauerte nicht lange, bis Anna die Männer hörte, sie durch Rufe zu sich dirigieren konnte. Inzwischen fror sie erbärmlich, wohl mehr aus Müdigkeit als vor Kälte, und der Geruch nach Blut hatte sich in ihrer verstopften Nase festgesetzt und ließ ihren Magen revoltieren. Die beiden Feuerwehrmänner begrüßten sie grinsend, folgten lachend der Schneise im Brennnesselwald, und Anna hörte sie noch flachsen, als die Lichtkegel der beiden Handscheinwerfer schon fast zwischen den hohen Stauden verschwunden waren. Anna dachte nicht darüber nach. Der Tag war zu lang für sie gewesen, sie musste ins Bett und ihre Allergie auskurieren.
Dann verstummten die Männer. Anna glaubte das Knacken eines Funkgerätes zu hören, kurze, angespannte Worte, die sie nicht verstand. Die Scheinwerferkegel wurden umgedreht, kamen näher, flackerten manchmal für Sekundenbruchteile durch die Pflanzen in Annas tränende Augen. Als die Männer zurückkehrten, lachten sie nicht mehr.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis Anna in der Ferne die Sirenen hörte. Sie saß wenige Meter hinter der Schneise auf der Rettungsdecke, die die Feuerwehrmänner vorsichtshalber mitgebracht hatten, und streichelte mit der linken Hand die Katze, während sie sich mit der rechten immer wieder einzelne Tränen von den Wangen wischte und ab und an die Nase putzte. Das Tier weigerte sich sowieso, von ihrer Seite zu weichen.
Sie hatte kein Wort aus den Feuerwehrmännern herausbekommen, und erst jetzt begann sie zu begreifen, dass diese Aufregung keiner verletzten Katze gelten konnte. War etwa ein Mensch dort verunglückt? Langsam begann die Müdigkeit zu weichen und einer wohligen Wärme Platz zu machen, als Anna sich vorstellte, dass sie vielleicht einem Menschen das Leben gerettet hatte. Dann hätte diese Kette aus Zufällen sie tatsächlich genau zur richtigen Zeit zum richtigen Ort geführt.
Wieder hörte sie Männer heranstapfen, dirigiert von den Rufen der beiden Feuerwehrleute. Ein Motor heulte auf, erstarb, wurde wieder angelassen. Handscheinwerfer und Taschenlampen zerschnitten das Dunkel, beleuchteten den Weg durch den Wald aus Brennnesseln und hohen Stauden, die sie als Schattenrisse nicht erkannte.
Anna schirmte ihre Augen mit der rechten Hand ab. Die Katze maunzte und drückte sich an ihre linke Seite, als die ersten Menschen sichtbar wurden. Zu Annas Verwunderung trugen sie weiße Overalls. Ihnen folgten einige Männer und Frauen in normaler Kleidung. Eine der Frauen sprach leise mit einem Feuerwehrmann, blickte zu Anna hinüber, nickte ein paar Mal. Sie wurden von einem der Männer in Weiß unterbrochen, der gerade wieder aus der Schneise zwischen den Stauden herausgekommen war und die Frau nun halblaut zu informieren schien. Nur Wortfetzen drangen zu Anna durch, die keinen Sinn ergaben, dann ging der Mann zurück in die Wildnis.
Wieder sah die Frau Anna an, löste sich von dem Feuerwehrmann und kam näher. Mit einem leisen Fauchen glitt die Katze unter Annas Hand hinweg und verschwand zwischen den Stauden in ihrem Rücken.
Anna sah ihr einen Moment lang verwirrt nach, dann suchte sie hastig nach dem nächsten Taschentuch.
„Allergisch gegen das Grünzeug hier?“, fragte die Fremde. Anna konnte ihr Gesicht nicht erkennen, als sie dankbar ein Taschentuch aus dem Päckchen zog, das die Frau ihr hinhielt.
Nachdem sie sich geschnäuzt hatte, schüttelte sie den Kopf. „Nein, nur gegen die Katze“, erklärte sie.
Die andere Frau sah Anna irritiert an, dann zuckte sie mit den Schultern. „Gabriele Richards“, stellte sie sich vor und reichte Anna ihre Hand, „KK 11, Mordkommission.“
Mechanisch schüttelte Anna die Hand der Frau. „Anna Berg, Malerin“, murmelte sie. Mordkommission? Sie musste niesen, zwei-, dreimal, und ihre Augen begannen wieder zu tränen, obwohl die Katze verschwunden war. Die weißen Anzüge der ersten Gruppe, die Aufregung der Feuerwehrmänner und schließlich das ganze Blut an der kleinen Katze – alles ergab endlich einen Sinn. Dennoch schüttelte Anna den Kopf. „Das kann doch nicht …“, murmelte sie. Nicht hier, in diesem friedlichen Naturschutzgebiet. Nicht in so einer verschlafenen Stadt wie Neuss. Vielleicht in Köln oder Düsseldorf, ja, dort mochten Menschen ermordet werden, aber hier?
„Was ist denn passiert?“, fragte sie schließlich, nachdem die Kommissarin – oder welchen Rang auch immer diese Frau haben mochte – ihr geduldig ein weiteres Taschentuch gereicht hatte.
„So genau wissen wir das noch nicht.“ Frau Richards konnte sich ein Gähnen nicht verkneifen. Vermutlich war sie gerade aus dem ersten Schlaf gerissen worden. „Ich hatte gehofft, Sie könnten mir mehr erzählen“, fuhr sie fort.
Anna schüttelte den Kopf. Ihre linke Hand, mit der sie die Katze gekrault hatte, begann zu jucken, und als sie mit der Rechten hastig über den Handrücken rieb, verstärkte sich das Gefühl noch. „Ich weiß überhaupt nichts“, entgegnete sie schärfer als beabsichtigt. „Ich wollte nur ein wenig spazieren gehen, dann kam die Katze … Ich dachte, sie sei verletzt, aber sie hatte keine Wunde … Und dann habe ich die Feuerwehr angerufen.“ Sie verstummte, als sie begriff, wie wirr ihre Erzählung klingen musste. „Was ist denn passiert?“, wiederholte sie ihre erste Frage.
„Sie haben den Toten nicht gesehen?“, entgegnete die Kommissarin. Sie zog ein Zigarettenetui aus der Manteltasche, hielt es Anna hin, die hastig ablehnte, und zündete sich ruhig eine Zigarette an, ehe sie die Malerin wieder fragend ansah.
„Natürlich nicht!“ Erschrocken verstummte Anna, als ihre Stimme lauter als erwartet durch die Nacht tönte. „Sonst hätte ich doch nicht die Feuerwehr angerufen“, fuhr sie beherrschter fort. „Liegt dort wirklich … ein toter Mensch?“, fragte sie nach kurzem Zögern nach.
„Ziemlich tot“, nickte Frau Richards. Sie gähnte wieder. „Vermutlich erschlagen. Muss heftig geblutet haben.“ Sie zog ihr Feuerzeug wieder aus der Tasche und leuchtete Anna ins Gesicht. Die wandte geblendet den Kopf ab und bedeckte mit der Hand ihre Augen, die sofort wieder zu tränen begannen.
„Karl, Taschenlampe!“, befahl die Polizistin, offenbar an einen der Männer in weißem Overall gerichtet. Der trat zu ihnen und leuchtete ebenfalls in Annas Gesicht.
„Hey, was soll denn das“, protestierte die junge Frau müde.
„Da auf dem Knie, und sehen Sie sich die linke Hand an“, hörte sie die Kommissarin sagen. Anna versuchte, ihre Augen wieder zu öffnen, doch das Licht war zu grell. Blind tastete sie in der Jacke nach einem Taschentuch, bis ihr ein frisches in die Hand gedrückt wurde.
„Danke“, murmelte sie. Der Lichtkegel verschwand. Als sie mühsam die Augen wieder öffnete, stand ein junger Mann neben der Kommissarin.
„Mein Assistent, Brenner“, stellte Frau Richards ihn knapp vor. „Er wird Sie zum Kommissariat mitnehmen.“
„Aber …“, Anna schüttelte verwirrt den Kopf. „Hat das nicht Zeit bis morgen? Wissen Sie, wie lange ich schon auf den Beinen bin?“
„Danach fragt mich auch niemand“, entgegnete die Polizistin trocken. „Die übliche Prozedur, Brenner, ich komme gleich nach.“
Wortlos rappelte Anna sich hoch. Sie wäre froh gewesen, dass sie den Rückweg zu ihrem Wagen nicht alleine finden musste, wenn ihr nicht immer deutlicher bewusst geworden wäre, in welcher Situation sie steckte. Anna hatte zu viele Fernsehkrimis gesehen, um nicht zu begreifen, dass sie nicht nur einfach eine Zeugin war. Verdammt. Was mochte hier nur geschehen sein?
„Hier rechts“, kommandierte Brenner, und Anna, die auf dem schmalen Pfad vor ihm ging, gehorchte. Der Rückweg kam ihr viel länger vor als erwartet, aber das mochte natürlich auch daran liegen, dass sie auf dem Hinweg ihren Gedanken nachgehangen hatte und noch nicht so erschöpft gewesen war wie jetzt. Nachdem sie eine Zeitlang relativ wach gewesen war, fühlte sie sich nun wieder so schwach, dass sie sich am liebsten mitten auf dem geschotterten Pfad eine Weile hingelegt und ausgeruht hätte. Die noch immer tränenden Augen und die kribbelnde Nase taten ihr Übriges.
Umso überraschter war sie, als sie hinter der nächsten Wegbiegung vor einem Streifenwagen standen, der einige Meter in den schlammigen Weg hineingefahren war. Eine junge Polizistin in Uniform sprang vom Beifahrersitz. Anna hätte sich nicht gewundert, wenn sie vor Brenner salutiert hätte. Vermutlich war es einer ihrer ersten Einsätze.
„Wo steckt denn Ihr Kollege?“, fragte der Polizist, während er mit kritischem Blick den Lichtstrahl seiner Taschenlampe über den Wagen gleiten ließ, dessen Vorderräder einige Zentimeter tief in den Boden eingesunken waren. „Rufen Sie Küpper, der soll die Karre selbst aus dem Dreck fahren.“
Er öffnete die linke hintere Tür, bat Anna mit einer Handbewegung einzusteigen, ging um den Wagen herum und setzte sich rechts neben sie. Sie mussten nicht lange warten, bis ein leicht untersetzter junger Mann in Uniform auf sie zustolperte, die Fahrertür aufriss und den Motor startete, noch ehe seine Kollegin einsteigen konnte. „Zum Kommissariat?“, fragte er, während er den festgefahrenen Wagen mit heulendem Motor aus dem Schlamm löste und wendete.
Brenner verzog gequält das Gesicht, während er nickte und zustimmend brummte. Dann, als sie wieder festen Boden unter den Rädern hatten, wandte er sich abrupt zu Anna: „Wo steht Ihr Wagen?“
„Auf dem kleinen Parkplatz hinter der Kläranlage“, antwortete sie mechanisch. „Wir kommen ja gleich daran vorbei.“
„Marke, Nummernschild?“, fuhr Brenner fort, während er sich von der jungen Polizistin das Funkgerät nach hinten reichen ließ. Anna beantwortete auch diese Fragen, obwohl um diese Zeit sicher kein zweiter Wagen dort stand.
Brenner sprach kurz in das Funkgerät; Anna hörte, wie er ihr Fahrzeug beschrieb, dann fielen ihr die Augen zu. Bestimmt würde der Wagen abgeschleppt werden, überlegte sie im Halbschlaf, wegen der Spuren – aber da gab es ja zum Glück keine. Und das Blut an ihrer Kleidung konnte sie erklären … Sie öffnete die Augen einen Spalt, sah die Lichter der nächtlichen Stadt vorbeihuschen, überlegte, wann sie wohl endlich nach Hause durfte, und nickte wieder ein. Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, erkannte sie die Jülicher Straße, dann fuhren sie weiter auf die Jülicher Landstraße, und Sekunden später tauchte das mächtige Gebäude der Kreispolizeibehörde schon auf der rechten Seite auf. Anna schloss die Augen wieder, bis der Wagen zum Stehen kam. Immerhin, fiel ihr auf, hatten sich ihre Augen und die Nase inzwischen wieder ein wenig beruhigt.
„Kommen Sie, Frau Berg.“ Brenner hielt ihr die Wagentür auf, bis sie etwas wackelig ausgestiegen war, warf die Tür zu, klopfte noch einmal an die Scheibe der Fahrertür und hob, als die Streifenpolizisten ihn ansahen, zum Dank die Hand.
Auf den wenigen Metern bis zum Eingang des Gebäudes begann Anna wieder zu frieren, und als die Türe hinter ihr zugefallen war, überfiel sie in dem warmen Flur erneut die Müdigkeit. Sie trottete neben dem Mann her, ohne auf den Weg zu achten. Ein zufälliger Blick auf ihre schlammverkrusteten Schuhe ließ sie leise aufstöhnen, doch als sie den großen dunklen Fleck auf ihrer grauen Hose bemerkte, wurde ihr wieder bewusst, dass Erde auf ihrer Kleidung nun das kleinste Problem war.
Brenner schloss eine Tür auf, bot ihr einen Stuhl in dem Büro dahinter an, telefonierte kurz mit einer Kollegin. Während Anna ihre nun wieder juckende linke Hand rieb, bemerkte sie, dass ihre Finger noch immer klebrig waren vom Blut, das sie der Katze abgewischt hatte. „Wo ist denn hier die Toilette?“, fragte sie, ehe ihr bewusst wurde, wie durchsichtig dieser Versuch war.
„Ich muss Sie bitten, noch einen Moment zu warten“, entgegnete Brenner, ohne sich anmerken zu lassen, ob er Annas Absichten durchschaut hatte.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis eine ältere Polizistin in Uniformhose und -bluse ins Zimmer kam und Anna in einen Nebenraum begleitete. Dort zog sie Handschuhe an und bat die Künstlerin um ihren Mantel, die Schuhe, den leuchtend roten Schal. Ein plötzliches Gefühl von Wehmut überfiel Anna, als ihr wieder einfiel, wie lange sie gestern erst nach diesem Schal gesucht hatte, der genau den gleichen Ton wie ihre aktuelle Haarfarbe haben sollte. Sie war nicht berühmt genug, um auf der Straße an ihrem Gesicht erkannt zu werden; aber an die Malerin, die auf allen Pressefotos mit roten Haaren und rotem Schal vor einem ihrer rot-schwarzen Bilder abgelichtet war, würden sich viele Menschen erinnern.
Jetzt, wo sie am liebsten im Erdboden versunken wäre, erschien ihr dieser Gedanke reichlich unpassend. Als sie der Beamtin den Schal reichte, stutzte diese, holte rasch aus einem Schrank zwei durchsichtige Tütchen, stülpte sie Anna über beide Hände und zog sie am Rand zusammen.
Anna entkleidete sich weiter, bis die Polizistin auch Hose, Bluse und Weste in durchsichtigen Beuteln verpackt hatte und ihr stattdessen einen Overall reichte. Anna zitterte inzwischen so heftig, dass sie den Reißverschluss nicht alleine schließen konnte, die ältere Frau musste ihr helfen. Eigentlich hatte sie überhaupt nicht das Gefühl zu frieren; vermutlich, dachte sie, spielte nur ihr Kreislauf verrückt. Andererseits war sie tief im Innern froh über ihre Erschöpfung, die sie diese Prozedur irgendwie überstehen ließ. Obwohl sie begriff, was mit ihr geschah, fühlte sie sich eher wie ein Zuschauer. Die Angst, die kurz zuvor noch ihren Magen zusammengezogen hatte, war einer dumpfen Benommenheit gewichen, die Anna aus den Momenten zwischen Schlaf und Wachen kannte, wenn sie sich noch einmal auf die andere Seite drehte und es genoss, dem Tag noch ein paar Minuten abtrotzen zu können.
Zurück in dem Büroraum, wurde sie bereits von Brenner und einem anderen Mann in Zivil erwartet. Der Fremde entfernte die Tüten von ihren Händen, murmelte etwas von unfähigen Kollegen, wobei Anna an seinem Gesicht nicht ablesen konnte, auf wen sich diese Bemerkung bezog, und begann dann, Abstriche von ihren Fingern und Händen zu nehmen.
Gedankenverloren sah Anna der Polizistin hinterher, die mit den gut verpackten Kleidungsstücken den Raum verließ. Erst als sie einen stechenden Schmerz unter dem Fingernagel spürte, zuckte sie zurück und sah wieder auf ihre Hände.
„Sorry, is’ spät“, murmelte der Mann und stocherte etwas vorsichtiger unter dem nächsten Fingernagel nach etwas Brauchbarem. Noch immer fühlte Anna sich merkwürdig unbeteiligt. Am liebsten hätte sie ihn gefragt, ob er schon etwas Interessantes gefunden hatte, doch dazu war sie noch zu müde.
Sie begann zu überlegen, wann sie ihre Fingernägel zum letzten Mal gereinigt hatte. Heute sicherlich nicht, dazu war sie den ganzen Tag zu sehr mit der Vorbereitung der Ausstellung beschäftigt gewesen. Aber gestern bestimmt. Dann würde der Mann auf jeden Fall Farbe finden, mit der sie am letzten Abend noch einige winzige Korrekturen angebracht hatte, Terpentin natürlich, vielleicht Putz vom Aufhängen der Bilder in der Galerie. Sie hatte im Laufe des Tages eine ganze Tafel Schokolade und einige Bonbons gegessen, die ihre Spuren hinterlassen haben mochten; seit sie endlich aufgehört hatte zu rauchen, war ihr Schokoladenkonsum sprunghaft angestiegen. Dann natürlich Blut, vielleicht Katzenhaare und sicherlich Erde von der Ölgangsinsel … Die arme Katze, fuhr ihr durch den Kopf, sicherlich hatte die Kleine einen fürchterlichen Schreck bekommen, als sie den Toten gefunden hatte. Vielleicht hatte sie ihn sogar gekannt? Anna versuchte sich an das Tier zu erinnern. Im schwachen Mondlicht hatte sie nicht viel erkennen können, doch ein Halsband hätte sie spüren müssen, als sie nach einer Wunde gesucht hatte. Wohl eine wilde Katze. Oder von einer freilaufenden Hauskatze dort geboren.
Während der Polizist gerade seine Sachen zusammenpackte und Anna überlegte, ob sie wohl noch mal nach der Toilette fragen sollte, kam Frau Richards ohne zu klopfen herein.
„Alles erledigt?“, fragte sie Brenner, und als der nickte, hängte sie ihren kurzen Mantel an den Garderobenständer und setzte sich gegenüber der Künstlerin an den Tisch. „Kaffee? Etwas zu essen?“
Anna riss sich zusammen. „Das wäre schön“, murmelte sie. Immerhin gehorchte ihre Zunge ihr noch, auch wenn sie das Gefühl hatte, dass ihr Gehirn sich gerade in Watte verwandelte. Aber jetzt musste sie versuchen, wach zu werden. Bisher hatte sie alles nur über sich ergehen lassen; sie hätte sowieso nichts ändern können. Wenn sie nun aber etwas Falsches sagte, konnten die Folgen schlimmer sein, als sie sich im Moment auszumalen wagte.
„Brauchen Sie eine warme Jacke?“, erkundigte sich Frau Richards. Offenbar hatte sie die kurzen Anfälle von Schüttelfrost bemerkt, die Anna immer wieder erzittern ließen.
„Danke, das ist nur der Kreislauf“, entgegnete die. Schweigend warteten sie auf den Kaffee, den Brenner holen gegangen war. Als er zurückkehrte, brachte er neben drei dampfenden Bechern mit schwarzem Kaffee auch mehrere Schokoriegel mit. Offenbar hatte er sein gesamtes Kleingeld in den Automaten geworfen. Anna überlegte kurz, ob das einfach eine aufmerksame Geste war oder auf eine lange Nacht hindeutete; dann verdrängte sie den Gedanken und griff dankbar zu. Der heiße Kaffee und die Süßigkeiten taten ihre Wirkung; schon nach einigen Minuten fühlte Anna sich wach genug, um Frau Richards auffordernd anzusehen.
„Stört es Sie, wenn ich ein Band mitlaufen lasse?“, fragte die, und als Anna den Kopf schüttelte, richtete sie das kleine Mikrofon aus, das sie unter dem Tisch hervorgeholt hatte, und drückte einen Knopf auf dem angeschlossenen Aufnahmegerät. Dann sprach sie Datum und Uhrzeit in das Mikrofon, brummte kopfschüttelnd „So spät schon“, setzte sich aufrechter und fuhr fort: „Anwesend: Kriminaloberkommissarin Gabriele Richards, Kriminalkommissar Bernd Brenner, die Zeugin Anna Berg. Frau Berg“, sie sah Anna an, „nennen Sie uns bitte Anschrift und Geburtsdatum.“
Anna beantwortete diese Fragen ebenso wie ein paar weitere zu ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld. Sie beschränkte sich auf die nötigsten Fakten – dass sie ledig und als Künstlerin tätig war. Es ging niemanden etwas an, dass die Trennung von Frank noch immer in manchen Momenten schmerzte und dass sie nur deshalb freiberuflich arbeitete, weil sie in ihrem erlernten Beruf als Restauratorin seit Jahren keinen Job mehr fand.
„Kommen wir nun zum heutigen Abend“, fuhr die Kommissarin – Oberkommissarin, korrigierte Anna sich in Gedanken – fort, „Sie wollten also wie jeden Tag einen nächtlichen Spaziergang über die Ölgangsinsel machen, als Sie den Toten fanden?“
Anna schüttelte den Kopf. „Nein, meist gehe ich abends am Rhein spazieren, wenn ich nicht schlafen kann“, antwortete sie. „Ich wohne ja nicht weit von der Erftmündung entfernt, und dort unten ist es ruhig und friedlich. Nur heute …“ Sie runzelte die Stirn, als sie sich zu konzentrieren versuchte. „Heute Abend war ich zuerst bei meiner Vernissage in der Galerie BlickPunkt … die neue Galerie in der Rheinwallstraße“, fügte sie hinzu, als sie Frau Richards' fragenden Gesichtsausdruck bemerkte. „Dort unterhielt ich mich eine Weile mit einer Frau, die Interesse an einem Bild hatte, und irgendwann fragte sie nach den Pflanzen, die ich dargestellt hatte.“ Anna schwieg wieder einen Moment, während sie sich zu erinnern versuchte.
„Die Frau meinte, sie fände die Pflanzen sehr tröstlich, und daraufhin erklärte ich ihr, das sei kein Wunder bei einer Erzengelwurz. Offensichtlich“, wieder unterbrach sich Anna, als ihr bewusst wurde, dass nicht viele Menschen diese Stauden kannten, „hatte sie die Pflanze schon früher auf der Ölgangsinsel bemerkt, als sie dort noch wuchs – andere Standorte gibt es hier in der Nähe nicht, soweit ich weiß“, fügte sie hinzu. „Auf alle Fälle erzählte sie weiter, wie beruhigend sie die Ölgangsinsel bei Nacht finde … und da es mit dem Wagen nur ein Katzensprung vom Parkhaus hinter der Bibliothek dorthin war, wollte ich heute statt an der Erftmündung eben auf der Ölgangsinsel spazieren gehen.“
„Wie bei einer Schnitzeljagd“, kommentierte Brenner halblaut, woraufhin Frau Richards ihm einen ärgerlichen Blick zuwarf. Aber genau so kam es Anna im Nachhinein auch vor – ein Wort hatte zum nächsten geführt, und diese lange Kette von Zufällen hatte sie schließlich zuerst zur Ölgangsinsel und dann hierher gebracht. Andererseits klang Brenners Stimme so misstrauisch, als hielte er schon diesen Teil ihres Abends für konstruiert. Was würde er dann erst zu der Katze sagen? Rasch griff Anna nach dem vorletzten Schokoriegel, ehe die Angst wieder aufsteigen konnte.
„Wann haben Sie denn die Galerie verlassen?“, fragte Frau Richards nach.
Anna überlegte einen Moment. „Das muss gegen halb elf gewesen sein“, antwortete sie dann. „Ich weiß noch, ich habe um kurz nach zehn auf die Uhr gesehen, weil ich hoffte, die letzten Gäste würden bald gehen. Danach hat es nicht mehr lange gedauert, ich habe mich von dem Galeristen – Sascha Andres – verabschiedet und bin zum Parkhaus gegangen, in dem mein Wagen stand.“
„Ihr Anruf erreichte die Feuerwehr …“, Frau Richards blätterte in ihrem Notizbuch, „um 23 Uhr 26. Wie lange haben Sie denn für den Weg zu dem Ort gebraucht, wo Sie Ihren Wagen – übrigens nicht ganz legal – abgestellt haben?“
Anna schoss das Blut in die Wangen. Sie hatte sich zwar ab und an mal gefragt, ob die Erdflächen links und rechts der Einfahrt zur Kläranlage tatsächlich als Parkplätze gedacht waren, diese Frage aber für sich selbst immer kurzerhand mit Ja beantwortet. Doch das war nun wirklich ihr geringstes Problem. „Ich weiß nicht genau, vielleicht zehn Minuten, vielleicht auch eine Viertelstunde?“, überlegte sie laut. Jetzt erst wurde ihr das eigentliche Problem bewusst, und sie fügte schnell hinzu: „Ich bin dann ganz gemütlich zur Ölgangsinsel gegangen, in der großen Schleife um den Damm herum, weil ich im Dunkeln nicht die Böschung hinuntergehen und dabei vielleicht in ein Erdloch treten wollte … sicherlich war ich eine Weile unterwegs, ehe ich die Stelle erreicht hatte, wo … der Tote lag.“ Sie wunderte sich kurz, wie schwer es ihr fiel, dieses Wort auszusprechen.
Frau Richards ließ sich jedenfalls nicht anmerken, was sie von der bisherigen Geschichte hielt. „Haben Sie denn gar keine Angst, dort so alleine spazieren zu gehen, mitten in der Nacht?“, fuhr sie ruhig fort.
Anna schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Im Hafen sind doch immer Menschen unterwegs, der Weg führt fast direkt am Rhein entlang, und von dort aus kann man ihn größtenteils einsehen. Außerdem bin ich auf der Ölgangsinsel sogar einigen Hundehaltern begegnet.“
Die Oberkommissarin sah sie nachdenklich an. „Sicherlich werden diese Menschen sich an Sie erinnern können“, sagte sie langsam, und Anna hatte das merkwürdige Gefühl, dass die Frau gar nicht mehr über ein Alibi sprach, sondern einen ganz anderen Gedanken verfolgte. „Und Ihr Wagen ist, wie ich gehört habe, auch nicht gerade unauffällig.“
Wieder spürte Anna, wie sie rot wurde. „Klappern gehört eben zum Handwerk“, entgegnete sie möglichst ruhig. Dabei war sie oft genug selbst unsicher, ob die großflächige Werbung auf den Türen und der Heckscheibe des alten Kastenwagens nicht übertrieben war. Aber seit sie ihr Auto mit einigen Kopien ihrer Kunstwerke verziert und ihren Namen und die Adresse ihrer Website auf allen Seiten gut sichtbar angebracht hatte, hatten die Zugriffe auf ihre Internetseite deutlich zugenommen, und seither hatte sie auch häufiger als früher ein Bild verkauft.
„Den Wagen werden also auch einige Zeugen gesehen haben“, setzte die Polizistin ihren Gedankengang fort.
„Bestimmt“, nickte Anna. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass die Frau über etwas ganz Bestimmtes nachdachte, doch im Moment war Anna viel zu erschöpft, um ihr noch folgen zu können.
„Wie ging es denn weiter, nachdem Sie Ihren Wagen abgestellt hatten?“, fragte die Oberkommissarin, nachdem sie ein paar Worte in ihr Notizbuch gekritzelt hatte.
„Ich bin einfach ziellos über die Insel gewandert“, antwortete Anna. „Bis ich aus dem Dickicht ein Geräusch hörte …“ Sie versuchte, so genau wie möglich ihre Begegnung mit der kleinen Katze zu beschreiben, schilderte, wie sie das Blut von deren Fell abgewischt und dennoch keine Wunde gefunden hatte, sodass sie schließlich fürchtete, ein verletztes Tier liege im Dickicht, und die Feuerwehr um Hilfe gebeten hatte.
Brenner schnaubte leise. Es war nicht zu übersehen, dass er ihr kein Wort glaubte. Oder spielten sie nur „Guter Bulle, böser Bulle“, wie Anna es so oft in Fernsehkrimis gesehen hatte? Dabei wäre er eher für den Part des guten Bullen prädestiniert, zumindest wirkte er eigentlich ganz nett … aber genau genommen war ihr das auch egal. Sie wollte nur nach Hause, ein paar Stunden schlafen – und vorher endlich die Finger waschen, die noch immer penetrant nach Blut zu stinken schienen. Aber vielleicht hatte sich auch einfach der Geruch in ihrer Nase festgesetzt.
„Gut, alles Weitere wissen wir ja“, sagte Frau Richards entschieden. „Das Gespräch endet um …“, sie warf einen Blick auf die Uhr, notierte die Zeit und schaltete das Band ab.
„Frau Berg“, wandte sie sich wieder an Anna, „ich bringe Sie jetzt nach Hause, und morgen melden wir uns bei Ihnen. Wenn Ihnen noch irgendetwas einfällt …“ Sie tastete die Taschen ihres Jacketts ab und fluchte dann leise. „Rufen Sie einfach die Kreispolizeibehörde an und lassen Sie sich durchstellen“, fuhr sie fort. „Visitenkarten habe ich in der anderen Jacke.“
„Mache ich“, nickte Anna. Jetzt, wo offenbar endlich alles vorbei war, überfiel die Erschöpfung sie wieder. Sie musste sich einen Moment lang am Stuhl festhalten, nachdem sie aufgestanden war. „Mein Schlüssel?“, fiel ihr noch ein.
Den holte Brenner, während Anna langsam mit Frau Richards ins Erdgeschoss hinunterging. Auf dem kurzen Weg vom Kommissariat nach Grimlinghausen zu ihrer Wohnung schlief Anna wieder ein und musste vor ihrem Haus von der Kommissarin geweckt werden. Erst als die Polizistin sie zur Haustür begleitete, fiel Anna auf, dass sie noch immer nicht wusste, wer überhaupt ermordet worden war. Aber danach konnte sie immer noch fragen. Jetzt wollte sie nur noch schlafen.
Als Anna sich am nächsten Morgen aus dem Bett quälte, beschien die Sonne so strahlend hell die Fassaden der gegenüberliegenden Häuser, dass Anna sich für einen Moment in den Sommer zurückversetzt fühlte. Das Außenthermometer zeigte sieben Grad, angemessen für einen Novembertag. Anna kippte das Schlafzimmerfenster, um ein bisschen frische Luft hereinzulassen, warf dabei noch einen Blick auf die Straße und stutzte. Weshalb waren die Scheiben des schwarzen Wagens, der gegenüber ihrem Haus parkte, bei diesem Wetter beschlagen? Und hatte sich nicht gerade etwas darin bewegt?
„Ob ich den Polizisten einen Kaffee bringen soll?“, fragte sie den Ficus auf der Fensterbank in einem Anflug von Galgenhumor. Aber der ließ nur trübe seine Blätter hängen.
Am liebsten hätte Anna sich gleich wieder ins Bett gelegt. Die vergangene Nacht erschien ihr wie ein böser Traum – erst die fürchterliche Vernissage, der Streit mit diesem merkwürdigen Journalisten, und dann noch der Tote … und ihr Wagen wurde vermutlich gerade von der Spurensicherung in seine Einzelteile zerlegt. Anna atmete tief ein, als ihr bewusst wurde, was an diesem Tag alles auf sie zukommen mochte. Sie war sich ziemlich sicher, dass Lanski – oder wie der Reporter vom Neusser Lokalkurier hieß – Annas Bilder in seinem Artikel nicht vorsichtiger beschreiben würde, als er es während der Vernissage in diesem hässlichen Streit getan hatte. „Kastrationsphantasien“ hatte er ihr vorgeworfen und „Mordgelüste an allen Männern“.
Vermutlich hätte Anna sich darüber keine großen Sorgen gemacht – wenn sie nicht insgeheim befürchtet hätte, der Mann könne recht haben. Die seit gestern ausgestellten Bilder waren allesamt in den Monaten nach ihrer Trennung von Frank entstanden, und sie enthielten mehr Schmerz und Wut, als Anna jemals zuvor dargestellt hatte.
Auch in den Gesichtern der anderen Gäste der Vernissage hatte sie Verwunderung und Ablehnung gelesen. Diese Bilder waren mit ihrem sonstigen Werk nicht zu vergleichen. Hier gab es keine Harmonie, sondern Zerrissenheit und Gewalt. Manche Gäste waren schon bald gegangen, offenbar schockiert und empört zugleich. Anna erinnerte sich an eine halblaute Frage, die eine Frau ihrem Mann gestellt hatte – „Darf man so etwas denn überhaupt malen?“
Dabei hatte sie bis zuletzt gehofft, die Bilder hätten nur für sie selbst diese Bedeutung. Dass auch andere Menschen sehen konnten, was sie nach ihrer Trennung empfunden hatte, hätte Anna eigentlich als Zeichen dafür deuten können, dass sie immer besser malte – nur hätte sie gerade bei diesen Bildern gut darauf verzichten können.
Sie musste schnell einen Lokalkurier kaufen, nahm sie sich vor, um zumindest vorgewarnt zu sein. Und falls der Artikel so schlimm war, wie sie befürchtete, würde sie wieder einmal ihre Haarfarbe ändern und in den nächsten Wochen kein Rot tragen. Zum Glück war sie nicht bekannt genug, um länger für Schlagzeilen zu sorgen, dachte sie und musste grinsen. Normalerweise hätte sie vieles getan, um diesen Zustand zu ändern.
Dann musste sie wieder an das Verhör denken und merkte im selben Moment, wie ihr schwindelig wurde. Sicherlich hatte sie viel zu wenig geschlafen. Erst mal stellte sie sich unter die Dusche, kochte Kaffee und zwang sich, eine Scheibe Brot mit Käse zu essen.
Schließlich zog Anna einen warmen Mantel über die farbverschmierten Arbeitsklamotten, in die sie nach dem Duschen geschlüpft war, zog feste Schuhe an und machte sich auf den Weg zum nächstgelegenen Kiosk. Sobald sie einen Blick in den Lokalkurier geworfen hätte, wäre sie sich zumindest in dieser Hinsicht sicher, wie schlimm die Situation für sie war. An die andere Geschichte mochte sie noch gar nicht denken; zu unwirklich erschien ihr die Idee, jemand könne sie für fähig halten, irgendeinem Fremden etwas anzutun.
Im Briefkasten wartete schon die NGZ auf sie. Anna schlug zuerst die Neusser Seite auf, fand ihre Ausstellung nicht erwähnt und blätterte nach kurzem Zögern zurück zum Kulturteil. Tatsächlich, dort war ein Foto von ihr! Obwohl Anna eigentlich anderes im Kopf hatte, begann sie vor Freude breit zu grinsen. Das Bild war genau so geworden, wie sie es sich vorgestellt hatte, und der Artikel gefiel ihr beim ersten Überfliegen sehr gut – der Reporter sprach von einer „außergewöhnlichen“ Ausstellung mit Bildern voller Kraft und voll tiefer Emotionen. Entweder waren ihm die schockierten Besucher tatsächlich nicht aufgefallen, oder er hatte nur eine freundlichere Beschreibung für die Bilder gefunden.
Anna war jedenfalls mehr als zufrieden mit dem Artikel. Als sie aus der Haustür trat, winkte sie den Polizisten hinter den beschlagenen Scheiben des Wagens auf der anderen Straßenseite fast übermütig zu, ehe sie sich wieder fing. Erst einmal musste sie sich vergewissern, was im Lokalkurier über ihre Ausstellung stand, und dann … Was mochte eigentlich aus der kleinen Katze geworden sein?, fiel ihr plötzlich ein. Irrte das arme Tier etwa bei dieser Kälte über die Ölgangsinsel, ohne Nahrung und Schutz?
