Hinter verborgenen Pfaden - Kerstin Hornung - E-Book

Hinter verborgenen Pfaden E-Book

Kerstin Hornung

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Beschreibung

»Die Hoffnung eines ganzen Geschlechts ruhte auf dem winzigen Geschöpf, das, nackt und zerbrechlich wie ein Vogeljunges, im Moos lag. Im Mondlicht schimmerten die zarten Glieder wie Tau und es wimmerte leise und kraftlos.« Als der König die Elben zu Feinden erklärt, weiß Philip, dass das wunderschöne, kranke Wesen, das sein Vater im Wald gefunden hat, in Gefahr ist. Doch als er sich auf den Weg macht, um die verborgene Stadt der Elben im Alten Wald zu suchen, ahnt er nicht, dass er sobald nicht wieder nach Hause zurückkehren kann. Eine abenteuerliche Reise steht ihm bevor. Feinde sind ihm dicht auf den Fersen. Er stößt auf Geheimnisse, die den Frieden im Land gefährden und trifft Kreaturen, denen er niemals hätte begegnen dürfen...

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Seitenzahl: 653

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kerstin Hornung

Hinter verborgenen Pfaden

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

1. Waldoria

2. Pal’dor

3. Die Falkenburg

4. Elbischer Besuch

5. Der Auftrag des Königs

6. Flimmernde Luft

7. Der Rat

8. Der Weg in den Wald

9. Im Alten Wald

10. Aufbruch

11. Das Gnommesser

12. Abschied

13. Ala’na zweifelt

14. Auf der Flucht

15. Die Falle

16. Die Pforte

17. Die Entscheidung

18. Krähen

19. Das Wildmoortal

20. Von Krähen und Gnomen

Namensregister

Sprache

Danksagung

Impressum neobooks

Titel

Kerstin Hornung

Hinter

verborgenen

Pfaden

Der geheime Schlüssel

Band I

Impressum

© 2021 Kerstin Hornung

Redaktion: Hanna Drotleff

Umschlaggestaltung: Sophie Simón

Umschlagmotiv: ©tomertu

Schriftdesign:Imres Fraktur

Auflage 3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Widmung

Für Simon und Hanna

Prolog

Die Hoffnung eines ganzen Geschlechts ruhte auf dem winzigen Geschöpf, das nackt und zerbrechlich wie ein Vogeljunges im Moos lag. Im Mondlicht schimmerten die zarten Glieder wie Tau, und es wimmerte leise und kraftlos.

Jar’jana sah es an.

Es war das erste Kind, das nach Jahrzehnten im Reich der Elben geboren war, und die vorgeburtlichen Prophezeiungen verhießen ihm Kraft und Liebe gepaart mit göttlichem Beistand. Sie hatte diese Hoffnung in sich getragen und sie behütet. Sie hatte darauf vertraut, dass alle guten Vorhersagen eintrafen. Doch angesichts dieses zerbrechlichen und schwachen Wesens, das sie alleine hier im Wald zur Welt gebracht hatte und das jetzt mehr tot als lebendig dalag, schwand all ihre Zuversicht.

Überdeutlich wurde ihr klar, dass sie noch nie ein Kind gesehen hatte und nicht wusste, was sie tun musste.

Die dreizehn vergangenen Monde waren eine schwere Last für sie gewesen. Von den übermächtigen Erwartungen ihrer Familie erdrückt und überhäuft mit den Ratschlägen der Weisesten ihres Volkes, hatte sie sich auf den Weg der Besinnung gemacht, um sich innerlich auf die Geburt vorzubereiten. Ihren Aufbruch hatte sie, so lange wie möglich, hinausgezögert und gebetet, ihr Gefährte Fari’jaro möge doch noch rechtzeitig zurückkehren. Doch seit Tagen konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm etwas Furchtbares geschehen war. Wie oft hatte sie sich in den letzten Wochen gefragt, ob sie ihn nicht doch hätte bitten sollen, bei ihr zu bleiben. Aber sie hatte ihm die Möglichkeit, noch einmal frei von Verantwortung an einer Jagd teilzunehmen, nicht nehmen wollen. Es war schließlich nicht zu erwarten gewesen, dass diese Jagd so lange dauern würde.

Und jetzt war auch noch das Kind zu früh gekommen.

Laut den Berechnungen von Ala’na der Weisen wären noch vier Wochen Zeit gewesen. Vier Wochen, in denen Jar’jana erst die Ruhe des Waldes in sich aufnehmen sollte, um dann auf der Warte ihre Seele mit der des Kindes in Einklang zu bringen, bevor die Zeit der Geburt und des Lebens begann. Im geborgenen Kreis ihrer Liebsten, unter dem fürsorglichen Blick der drei Schicksalsnornen, hätte sie schließlich das Kind in die Arme nehmen sollen.

Doch die Kleine hatte sich nicht an die Rituale der Elben gehalten.

Vorsichtig streckte Jar’jana die Hand nach ihrer winzigen Tochter aus und berührte ihre Wange. Sie fühlte sich an wie der Flügel eines Schmetterlings. Sanft strich sie ihr über die kleine Brust und über die Ärmchen.

»Lume’tai«, flüsterte sie, nahm ihr Kind auf den Arm und hielt es unsicher.

Jar´jana wusste nicht, wie lange sie so dagesessen hatte. Schließlich löste sie Lume’tai von ihrem Körper und betrachtete das friedliche Gesicht. Die Kleine war makellos schön. Dünne Härchen glitzerten auf ihrem Kopf, die Hände waren zu winzigen Fäustchen geballt, die Fingernägel wie Perlen am Ende jeden Fingers.

Sie strich mit einer Hand über die Wange ihrer Tochter, und Lume’tai schlug die Augen auf. Wie gebannt starrte die Elbin ihr Kind an. Solche Augen hatte sie noch nie gesehen.

»Wirst du leben?«, hauchte sie.

Die Augenlider des Kindes flatterten. Beim Einatmen röchelte es in seinen Lungen.

»Oh, Lume’tai!« Tränen der Verzweiflung flossen über Jar’janas Wangen, perlten an der samtenen Haut des Kindes ab und versickerten im Waldboden.

Weinend streichelte sie den kleinen Kopf, die Arme, die Beine. Ihre Finger erkundeten die zarte, fast durchsichtige Haut, die kühl und stellenweise noch feucht war. Jar’jana erschrak. Weder Kälte noch Hitze konnte einem erwachsenen Elben etwas anhaben, aber galt das auch für ein Neugeborenes. Ein zu früh Geborenes?

Sie riss einen großen Streifen aus ihrem Unterrock und wickelte Lume’tai darin ein, dann legte sie sich, ihr Kind im Arm, auf den weichen Waldboden und versuchte, zu Kräften zu kommen.

Sie erwachte von fremdartigen Geräuschen. Lauschend richtete sie sich auf, wurde aber sogleich von starken Schmerzen im Unterleib übermannt. Durch das dichte Blätterdach sah sie den Morgen heraufziehen. Doch es war kein ruhiger Morgen. Irgendetwas störte den Frieden des Waldes. Sie horchte, aber sie konnte nicht erkennen, was es war.

Lume’tais Köpfchen war im Schlaf leicht zur Seite gefallen. Vorsichtig legte Jar’jana die Kleine ins Moos und versuchte aufzustehen. Stöhnend sank sie zurück. Die Schmerzen waren furchtbar, sie keuchte. Aber hier im Wald konnte sie nicht länger bleiben. Sie musste sofort nach Hause. Ihre Eltern mussten ihr sagen, was mit dem Kind zu tun war.

Mit schwindenden Kräften stemmte sie sich auf die Beine. Alles um sie herum schien sich zu drehen. Sie stützte sich an einen Baum und bemühte sich, ihre Sinne beisammenzuhalten.

Die Bewegung in der Ferne wurde deutlicher. Etwas, das vorher nicht da gewesen war, kam taumelnd auf sie zu.

Eine böse Vorahnung beschlich Jar´jana und eine nie dagewesene Angst bemächtigte sich ihrer. Sie löste sich von dem Baum. Ihr Kleid war blutgetränkt. Schwarze Kreise tanzten vor ihren Augen, und die Schmerzen wurden noch schlimmer. Da schallte ein Horn in der Ferne. Vor Pal’dor!? Waren das Kampfgeräusche? Wurde die Stadt angegriffen?

Das konnte nicht sein. Die Stadt war verborgen. Niemand konnte Pal’dor finden. Nur geheime Pfade führten dorthin, und die Eingänge waren versteckt. Es gab strenge Rituale, die man befolgen musste. Keiner entdeckte zufällig die Tore. Niemand konnte die Stadt angreifen.

Jar’jana taumelte, ihre Sinne drohten zu schwinden. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Lume’tai erwachte. Sie wimmerte leise.

Jar’jana musste sie hier fortbringen. Sie benötigten beide Hilfe. Die Ältesten mussten erfahren, dass das Ritual gestört war, dass es keine Geburt unter den blanken Sternen auf der Warte geben würde.

Unerträgliche Schmerzen zwangen Jar’jana zu Boden. Auf Knien rutschte sie zu ihrem Kind. Sie spürte die Dunkelheit, die ihre Arme nach ihr ausstreckte und sie zu überwältigen drohte. Verzweifelt, aber kraftlos wehrte sie sich dagegen. Dann brach sie neben ihrem Kind zusammen.

1. Waldoria

Mit einem Buch hatte sich Philip auf den Dachboden verzogen. Er hatte sich ein Nest aus Decken gebaut, das gut verborgen hinter einem Haufen alter und kaputter Möbel lag, die sein Vater irgendwann reparieren wollte.

Sein Reich.

Unten im Haus gab es keinen Platz, an dem er ungestört lesen konnte. Seine fünf jüngeren Brüder taten alles dafür, um ihn den ganzen Tag zu stören. Und wenn die Plagegeister einmal nicht um ihn herumschwirrten, hielt ihn seine Mutter mit Botengängen und Hilfsdiensten auf Trab. Ab und zu musste er auch dem Vater in der Schmiede helfen. Vor allem dann, wenn dessen Gehilfe Ruben sich um seine gebrechliche Mutter kümmerte.

Mit einem leisen Seufzen lehnte sich Philip zurück und strich über den ledernen Einband des Buches, das ihm sein Lehrer unter größter Geheimhaltung anvertraut hatte. »Pal’dor«

Das Bild einer schlanken, hochgewachsenen Gestalt mit langen Haaren und fließenden Kleidern zierte den Deckel. Das Wesen sah menschlich und doch fremdartig aus. Die gerade Nase und das vorspringende Kinn wirkten entschlossen, die Augen sahen ihm alt und wissend entgegen. In einer Hand hielt die Gestalt ein dickes Buch, in der anderen einen Speer. In kunstvollen Windungen verband sich die Speerspitze mit dem reichverzierten Schaft.

Philips Finger folgten dem Muster, dann schlug er das Buch auf und begann zu lesen.

»Philip! Phiiilip!!!« Die Stimme der Mutter klang ungeduldig. »Wo bist du? So antworte doch! Philip!!!!«

Philip stöhnte leise. Sollte er sich melden, oder würde sie irgendwann aufgeben?

»Philip Gordinian, ich weiß, dass du im Haus bist!«

Er stand auf und streckte sich. Dann versteckte er das Buch in einer Schublade. Seine Mutter würde nicht aufgeben, ehe sie ihn gefunden hatte. Widerwillig kletterte er die Dachbodenleiter hinunter.

»Hat er dir wieder ein Buch mitgegeben?«

Erschrocken fuhr Philip herum und blickte geradewegs in das Gesicht seiner Mutter.

»Äh … ja. Woher weißt du …?«, stammelte er verdutzt.

»Ach Junge! Ich hoffe, dort oben ist es zum Lesen hell genug.« Sie strich ihm über den Arm. »Ich muss gehen. Bei Elvira ist es so weit. Pass du auf die Zwillinge auf.«

Hinter ihrem Rücken verdrehte er die Augen und folgte seiner Mutter zur Tür.

Draußen stand ein hagerer junger Mann, den Hut hielt er mit beiden Händen fest. Als er sie sah, wirkte er sichtlich erleichtert. Das erste Kind, tippte Philip im Stillen.

»Wenn es spät wird, bring die Kleinen ins Bett. Und achte darauf, dass sich auch Jacob, Josua und Johann die Füße waschen, bevor sie ins Bett gehen. Bleibt nicht zu lange wach!«

»Ja, Mutter«, versprach Philip seufzend.

Seine Mutter schenkte ihm ein liebevolles Lächeln. Obwohl ihm deutlich anzusehen war, wie sehr ihm die Aussicht, auf seine Geschwister aufzupassen, missfiel, wusste sie, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. Mit seinen fast sechzehn Jahren, war er schon beinahe erwachsen. Dass er immer noch zur Schule gehen durfte, war ein Privileg. Nur wenige seines Alters hatten die Möglichkeit, das zu tun. Er verdankte es zu einem Großteil seiner Mutter und dem Geld, das sie als Hebamme verdiente.

»Wird Vater rechtzeitig zu Hause sein?«, fragte Philip.

Seine Mutter band sich eine Haube um und griff nach ihrer Tasche. »Wahrscheinlich nicht. Er hat wieder viel zu tun.« Sie zwinkerte ihm zu.

Damit war Philip klar, dass sein Vater am Morgen zum Jagen in den Wald gegangen war. Das tat er öfter, um die Vorräte in der Speisekammer zu ergänzen, aber dadurch würde er länger brauchen, um sein Tagwerk in der Schmiede zu vollbringen.

Philip war also auf sich allein gestellt. Er sah seiner Mutter nach, wie sie mit energischem Schritt den hageren Mann einholte und das Tempo für den weiteren Weg vorgab. Als sie um die Ecke bog, drehte er sich leise brummend um und ging zurück ins Haus.

Ein Blick in den Garten machte Philip klar, dass die vierjährigen Rabauken-Zwillinge, die Gunst der Stunde genutzt hatten, um zu türmen. Da sein mittlerer Bruder Josua vermutlich mit seinem Freund am Teich spielte, war anzunehmen, dass Jaris und Jaden ihm gefolgt waren.

Philip machte sich auf den Weg, sie dort einzusammeln. Erst schlüpfte er zwischen zwei Gartenzäunen hindurch und folgte dem ausgetretenen Pfad, der an einem kleinen Mäuerchen entlangführte. Dann lief er ein paar Schritte bergan über die Streuobstwiese. Von der leichten Erhebung aus konnte er die Trauerweide am Ufer des Teiches sehen. Es war ein mächtiger Baum, dessen Äste bis ins Wasser hingen und die dadurch ein wunderbares Versteck vor neugierigen Blicken boten.

Früher war er selbst gerne dort gewesen und hatte sich eingebildet, dass ihn niemals jemand dort finden könnte. Doch dann war Jacob zur Welt gekommen, nur ein Jahr später Johann. Beide hatten sich an seine Fersen geheftet, sobald sie laufen konnten, und mit der Ruhe war es vorbei. Wenn Philip aus der Schule kam, warteten die beiden schon auf der Türschwelle und ließen ihn nicht mehr aus den Augen, bis sie abends im Bett lagen. Er hatte sie geärgert, bis sie heulten, oder war ihnen, so schnell er konnte, davongerannt. Sie ließen sich einfach nicht abschütteln.

Mit der Geburt von Josua änderte sich einiges. Winzig klein kam er an Philips achtem Geburtstag zur Welt. Eine Frühgeburt. Die Mutter brauchte lange, um sich von den Strapazen zu erholen. Da sie sich kaum um Josua kümmern konnte, bedurfte der Kleine die Aufmerksamkeit der gesamten Familie.

Oftmals wimmerte er den ganzen Tag über und ließ sich durch nichts und niemanden davon abbringen. Während Philips andere Brüder jedes Mal, wenn man in ihr Körbchen sah, wieder ein Stückchen gewachsen waren, blieb Josua winzig. Oft weinte Mutter, wenn sie ihn stillte.

Doch eines Tages begann auch Josua seine Umgebung genauer zu beobachten, versuchte sein Köpfchen zu heben, und an seinem ersten Geburtstag stand er plötzlich im Bettchen.

Dreieinhalb Jahre später stellte die Geburt der Zwillinge noch einmal den Familienalltag auf den Kopf.

Inzwischen hatte er die Weide erreicht, aber er konnte weder Josua noch die Zwillinge sehen. Plötzlich sprang ihm etwas auf den Rücken, während gleichzeitig seine Beine umklammert wurden. Philip strauchelte und fiel kopfüber in den Teich.

»Seid ihr vollkommen verrückt geworden?«, schimpfte er los, kaum, dass er seinen Kopf aus dem Wasser gezogen hatte. Die braunen Haare hingen ihm nass ins Gesicht, und er funkelte Jaris und Jaden aus seinen grünen Augen wütend an. »Wenn Mutter erfährt, dass ihr weggelaufen seid, zieht sie euch den Hosenboden stramm!«

»Sie ist sowieso nicht zu Hause«, antwortete Jaris frech.

»Ach ja! Was du alles weißt.«

»Da kam dieser Hinkebein-Mann, der wollte, dass sie mitgeht und da …«

»Habt ihr euch gedacht, dass dies die beste Gelegenheit ist, was Verbotenes zu tun?«, beendete Philip den Satz. »Habt ihr zwei Josua gesehen?«

»Nööö!«

»Jaaa!«, antworteten die Zwillinge im Chor.

Ach so, dachte Philip bei sich, den haben sie also vertrieben.

»Dann müsst ihr mir helfen, ihn zu suchen.«

Jaris und Jaden wollten gerade damit beginnen, sich jammernd über diese Ungerechtigkeit zu beschweren, als Philip sie barsch unterbrach.

»Ansonsten erzähle ich Mutter, wo ich euch gefunden habe«, drohte er.

Missmutig fügten sich die Zwillinge.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück zum Haus, denn sie brauchten alle erstmal trockene Kleidung.

Philip vermutete, dass er Josua, nachdem die Zwillinge ihn am Teich verscheucht hatten, im alten Turm finden würde.

Der verfallene Turm war der einzige noch übrig gebliebene Wehrturm der alten Stadtmauer.

Stand man ganz oben, konnte man über die Mauer hinweg den Alten Wald sehen und hatte gleichzeitig einen atemberaubenden Blick auf die Stadt.

Das war jedoch nicht der Grund, warum Josua und sein Freund Lennart sich hierher zurückgezogen hatten.

Für die beiden Siebenjährigen bedeutete der Turm ein sicheres Versteck, wo sie ungestört waren. Die unterste Stufe war hoch genug, so dass Jaris und Jaden sie nicht erreichen konnten, und Lennarts Schwestern machten um den Turm einen großen Bogen, seit sie gehört hatten, dass es darin spukte.

Philip schwang sich auf die unterste Stufe des Turmes und kletterte die bröckelnden Treppen nach oben. Er fand Josua und Lennart im alten Wächterhäuschen, wo sie völlig versunken waren in ihr Spiel mit Holztieren und Rittern.

»Was los?«, fragte Lennart.

Josua antwortete an Philips Stelle. »Er schaut bloß, wo ich bin.«

»Sieh zu, dass du pünktlich zum Abendessen zu Hause bist«, forderte Philip seinen Bruder auf und ging. Nach den zwei Älteren Jacob und Johann musste er nicht suchen. Die konnten überall sein, aber wenn er schon mal hier war, wollte er den Rückweg über den Kirchenanger nehmen. Auf dem Platz stand ein alter Kirschbaum, der jede Menge Früchte trug. Dass der noch nicht leergeplündert war, lag einzig und allein an seiner stattlichen Größe. Philip beschloss, sich mit den Zwillingen ein paar Kirschen zu holen.

Schon von Weitem sah er, dass sich eine Horde Kinder um den Baum drängte, und als er dort ankam, erreichte sein Bruder Jacob gerade den untersten Ast des Kirschbaums. Johann saß bereits in einer höhergelegenen Astgabel und angelte nach Kirschen. »Was sagst du dazu?«, rief Johann stolz.

»Toll«, knurrte Philip. »Jetzt werde ich nie mehr rechtzeitig hier sein, um auch nur eine Kirsche abzubekommen.«

»Eine kann ich dir schon mitbringen«, gab Jacob grinsend zurück.

Philip sah hoch zu Johann.

»Wirf deinen kleinen Brüdern mal ein paar von den Kirschen ’runter.«

»Wir sind nicht klein!«, brüllten die Zwillinge im Chor.

»Dann klettert doch selbst hier hoch, ihr Zwerge.«

Das brauchte Johann nicht zweimal sagen, denn schon versuchte Jaris sich am Baumstamm hochzuziehen, während Jaden von unten kräftig schob.

»Ihr seid mutig, das muss belohnt werden«, beschloss Jacob, hangelte sich noch ein paar Äste weiter nach oben und zupfte für jeden seiner kleinen Brüder eine Handvoll Kirschen ab.

Doch statt auch Philip ein paar Kirschen zuzuwerfen, stopfte er alle weiteren Früchte, die er pflückte, sofort in sich hinein. Das Wasser lief Philip im Mund zusammen.

Wenn er Kirschen wollte, musste er sie sich selbst holen. Er sprang, griff den untersten Ast des Baumes und zog sich an ihm hoch. Eichhörnchenflink stieg er den sonnenreifen Köstlichkeiten entgegen, pflückte sich so viele wie möglich in den Mund und verstaute einige in seinem Hemd, ehe er vom Baum heruntersprang.

»So ihr beiden«, rief er seinen kleinen Brüdern zu, »jetzt geht’s ab nach Hause.«

Jaris maulte, Jaden jammerte, bis Philip versprach, zuhause eine Geschichte von den Waldfeen zu erzählen.

»Ich will die mit den Schiffen und dem Meer!«, bestimmte Jaden energisch.

»Ihr wollt also die Geschichte hören, wie die Elben ihre Schiffe bauten und mit ihnen über das Meer fuhren, um sich die ganze Welt zu unterwerfen?«

Die Zwillinge nickten eifrig.

Philip hatte diese Geschichte schon hundert Mal erzählt und sie hing ihm zum Hals heraus. Es gab so viele Geschichten über die Feen, die auch Elben genannt wurden. Viele dieser Geschichten standen in engem Zusammenhang mit dem Alten Wald. Diese liebte Philip am meisten. Der Alte Wald, das Geheimnis vor der Haustür, faszinierte ihn und er beneidete seinen Vater, der der Einzige in der Familie war, der den Wald betreten durfte. Die Geschichten, die man sich in der Stadt über den Wald erzählte, hatten es allerdings alle in sich und so verstand er auch, warum seine Mutter das Betreten des Waldes absolut verboten hatte. Zu viele Menschen, die in den Wald gegangen waren, waren nie wieder gesehen worden, und Gründe dafür gab es so viele, wie Leute, die davon erzählten. Selbst jene, die sich vor der langen Hand des Königs versteckten, hielten sich nur in den Randgebieten auf.

Philip überlegte, wie er seine Brüder davon überzeugen konnte, eine echte Waldelbengeschichte hören zu wollen. Das alte Volk der Elben hatte laut Sage einst überall hier in Ardelan gelebt, bevor die Menschen das Land für sich beanspruchten. Es gab viele Geschichten, die erzählten, dass die Elben seither ein Dasein im Verborgenen führte. Und welcher Ort wäre dafür geeigneter als der Alte Wald? Mehr als einmal hatte Philip von seinem Lehrer Theophil wissen wollen, ob zumindest manche dieser Geschichten auch tatsächlich mit in der Geschichte des Landes zusammenhingen, doch er hatte nie eine befriedigende Antwort erhalten. Nur immer wieder neue Bücher und weitere Fragen.

Seine Gedanken schweiften zu dem Buch, das jetzt gut versteckt auf dem Dachboden wartete. Noch so ein Geheimnis, von dem niemand wissen durfte und wieder ging es um Elben und eine Elbenstadt im Wald. Der Schreiber behauptete, das Buch beruhe auf Tatsachen, aber Philip fiel es schwer, das zu glauben. Andere Bücher, die Theophil ihm geliehen hatte, erzählten von wagemutigen Menschen, die den gesamten Wald durchwandert hatten. Da war jedoch nie davon die Rede, dass jemand auch nur auf die kleinste Spur einer Besiedlung gestoßen wäre. Nicht einmal auf Ruinen. Diese Bücher hatte der Lehrer Theophil jedoch bereitwillig auch anderen Schülern ausgeliehen. Ob das Buch, das Philip jetzt hütete, wohl von größerem Wert war, und der Lehrer Beschädigungen fürchtete? Oder fürchtete er möglicherweise, dass sich …

Philip wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als ihm sein Vater vor dem Haus entgegentrat.

»Wo ist Phine …, äh … eure Mutter?«, fragte er aufgeregt.

»Was machst du so früh hier?«, wollte Philip mit einer Gegenfrage wissen, aber Feodor Gordinian antwortete ihm nicht.

»Die Elvira bekommt ein Kind«, rief Jaris und lief seinem Vater in die Arme. Jaden stürzte sofort hinterher. Feodor fing seine kleinen Söhne auf und nahm jeden auf einen Arm, dabei sah er Philip erwartungsvoll an. In seinen Augen brannte Ungeduld aber auch Ratlosigkeit und er wirkte hilflos und erschöpft. Philip hatte ihn noch nie so gesehen. Der Vater war kein Mann vieler Worte. Er tat, was er tun musste, ohne jemals ungeduldig oder gar wütend zu werden und er hatte immer eine Lösung zur Hand. Selbst wenn einer seiner Söhne sich an einem Werkstück versuchte und alles schiefging, konnte er gelassen danebenstehen und trotzdem so weiterhelfen, dass es am Ende gut wurde.

Heute war er jedoch alles andere als ein ruhender Fels.

»Mutter ist erst vor einer Stunde gegangen. Soll ich nachfragen, ob sie dort kurz entbehrlich ist?«, fragte Philip.

Sein Vater schüttelte den Kopf. »Bring die Kleinen zu Gertraud und komm dann sofort in die Schmiede. Ich brauche deinen Rat.« Damit setzte er die Zwillinge auf den Boden, strubbelte ihnen noch einmal durch die Haare und eilte Richtung Schmiede davon. Philip sah ihm ratlos nach.

Jaris und Jaden brüllten um die Wette.

»Ich geh nicht zur Nachbarin!«

»Ich will Papa wiederhaben!«

»Du hast uns eine Geschichte versprochen!«

»Ihr habt gehört, was Vater gesagt hat!« Philip ging zwischen seinen Brüdern in die Hocke. »Ich muss jetzt gehen und Vater helfen. Ihr wartet solange bei Gertraud. Keine Widerrede!«

»Aber unsere Geschichte …?«

»Die werde ich nicht vergessen«, versprach Philip.

Der Weg zur Schmiede führte Philip wieder am alten Turm vorbei, dann rechts die Straße hinunter. Nach etwa dreißig Schritten auf der schmalen, abschüssigen Gasse überquerte er die neue Hauptstraße, die vom Waldtor in die Stadt führte. Im Schatten der südlichen Stadtmauer stand die Schmiede.

Philip bog in die leicht gewundene Sackgasse, die von der Hauptstraße zur Schmiede hinunterführte ein. Sein Vater war nirgendwo zu sehen, ebenso wenig Ruben, sein Gehilfe. Tür zur Schmiede war zu, so, als wäre niemand da.

»Vater?« Philip zögerte, und drückte vorsichtig die Klinke hinunter. Abgesperrt!

»Vater?«, rief Philip nun etwas lauter. Drinnen bewegte sich etwas, dann wurde am Schloss gerüttelt, und schließlich erschien Feodors Gesicht im Türspalt. Seine Hand packte Philips Arm, zog ihn zur Tür hinein und sperrte rasch hinter ihm zu. Nach dem warmen und hellen Sonnenschein draußen war es in der Schmiede düster. Der Schmiedeofen, der sonst immer ein angenehmes Licht verbreitete, war kalt. Aus dem Dunkel hörte Philip ein leises Geräusch, das entfernt an das Maunzen eines Kätzchens erinnerte.

»Komm mit.« Feodor führte seinen Sohn in den hintersten Winkel der Schmiede.

Langsam gewöhnten sich Philips Augen an das Dunkel, und er konnte erkennen, dass auf dem Handwagen, den Vater immer benutzte, um sein Werkzeug zu transportieren oder eben um ab und zu Wild aus dem Wald ohne größeres Aufsehen in die Stadt zu bringen, etwas lag, das seltsame Töne von sich gab.

Ein Tier? Vater war nicht zimperlich, ein verletztes Tier hätte er sofort von seinen Qualen erlöst. Was also lag auf dem Wagen? Philip machte einen Schritt darauf zu.

»Sei vorsichtig«, mahnte Feodor. »Sie kratzt und beißt, wenn sie wach ist.«

Jetzt erkannte Philip, dass eine Frau unter der schmierigen Decke lag. Ihr goldenes Haar umrahmte ihren Kopf wie ein Strahlenkranz. Sie regte sich nicht. Philip fand sie wunderschön. Sprachlos stand er da.

»Sie hat stark geblutet«, sagte Feodor. »Phine könnte ihr und dem Kind helfen.«

Erst jetzt bemerkte Philip das winzige Geschöpf auf dem Bauch der Frau. Als er es ansah, bewegte es sich und gab wieder diesen leise maunzenden Laut von sich.

»Wir bringen sie nach Hause, und ich hole schnell Mutter. Elvira bekommt bestimmt ihr erstes Kind, es kann also noch eine ganze Weile dauern, bis es wirklich da ist. Komm, wir …«

Feodor packte Philip am Arm und hinderte ihn daran, sofort loszustürmen.

»Warte! Warte.« Erst als er sicher war, dass Philip stehenbleiben würde, ließ er seinen Arm los. »Ich habe sie im Wald gefunden. Sie hat dort heute Nacht alleine ihr Kind geboren …«

»Ein Grund mehr, Mutter zu holen. Die kennt sich doch mit sowas aus!«, rief Philip nun selbst ganz aufgeregt, weil sein Vater sich so anstellte. Falls diese Frau ihr Kind heimlich zur Welt gebracht hatte, konnte diese Geburt für sie doch immer noch geheim bleiben. Er setzte schon an, seinem Vater genau das zu erklären, aber der schob ihn zurück zu dem Wagen. »Schau sie dir genau an Philip, sie ist kein Mensch«, flüsterte er.

Was sollte das heißen, kein Mensch? Mit offenem Mund starrte Philip seinen Vater an, doch der hielt seinem Blick stand und deutete mit einer Kopfbewegung an, er solle genau hinschauen. Philip betrachtete das bleiche Gesicht. Da lag eine wunderschöne Frau mit hohen Wangenknochen und einer geraden Nase. Selbst in diesem Zustand wirkte es stolz und anmutig. Trotzdem war da auch etwas in ihren Gesichtszügen, das sie fremd wirken ließ. Philip konnte es nicht beschreiben, aber ein wenig erinnerte sie ihn an die Gestalt auf dem Deckel von Theophils Buch.

Konnte das überhaupt sein? Das würde ja bedeuten, dass es im Wald tatsächlich Wesen gab, die keine Menschen waren? Neugierig streifte er mit der Hand ihre Haare zurück und erhaschte einen Blick auf ihre Ohren. Sie waren klein und vollkommen, doch am oberen Ende liefen sie spitz zu. Erschrocken zog Philip die Hand zurück.

Kein Mensch, dachte er wieder. Sein Kopf schwirrte. Es kam ihm vor, als hätte man ihn aus seinem Leben gerissen und in eine seiner Geschichten getaucht. Das alles konnte überhaupt nicht wahr sein. Doch je länger er das Wesen betrachtete, desto offensichtlicher wurden die Unterschiede. Ihr Haar war glänzend schön, in einer Farbe wie flüssiger Honig, durch den die Sonne schien. Ihre Haut war makellos und elfenbeinweiß. Er wünschte sich, ihre Augen zu sehen, doch sie waren unter den Lidern geheimnisvoll verborgen und von einem Halbmond nussbrauner Wimpern umkränzt. Sein Herz pochte wild gegen die Brust. Es gibt wirklich Elben. Es ist wahr, dachte er. Es ist wahr, es ist wahr! Doch was von all den Geschichten stimmte wirklich? Und was sollten sie jetzt mit ihr anfangen?

»Sag mal«, überlegte Feodor laut und brachte Philip in die Wirklichkeit zurück. »Elvira ist doch Matthias` Frau?« Er massierte sich mit beiden Händen die Schläfen.

»Ja«, brummte Philip geistesabwesend, während er immer noch auf den Wagen starrte und zu begreifen versuchte, was er hier gerade erlebte.

»Er wohnt gleich hinter dem Waldtor auf der anderen Straßenseite. Du solltest deine Mutter doch holen.« Feodor sah Philip an, der mit roten Wangen unschlüssig dastand.

»Jetzt gleich?«

»Lauf! «

Philip wollte der Aufforderung nachkommen, aber seine Beine bewegten sich nur schwer von der Stelle. Auf dem Weg zur Tür fiel ihm plötzlich Ruben ein.

»Wo ist Ruben?«

»Dem hab ich gesagt, dass ich krank bin, und hab ihn heimgeschickt. Lauf jetzt«, forderte Feodor ungeduldig.

Philip stürmte die Einfahrt hoch, rannte die Hauptstraße entlang am Waldtor vorbei und stand schließlich vor dem Haus, in dem seine Mutter alles für die bevorstehende Geburt vorbereitete.

Er klopfte. Als niemand öffnete, klopfte er noch einmal und drückte dann die Türklinke hinunter. Die Tür sprang auf.

»Hallo!«, rief er, als ein hagerer Mann aus dem Zimmer trat.

»Ja?«

»Ich suche meine Mutter«, sagte Philip.

»Ach, du bist das!« Jetzt erkannte der Mann ihn auch. »Sie ist bei meiner Frau.«

In dem Moment erklang ein markerschütternder Schrei aus dem Nebenzimmer, der Mann erbleichte und stürmte durch die Tür, aus der der Schrei gekommen war.

Gleich darauf wurde er rückwärts aus dem Zimmer geschoben.

»Entspann dich, Matthias«, befahl die Hebamme. »Sonst jag ich dich aus dem Haus.«

»Aber … Aber sie hat Schm…«

»Unter Schmerzen bringen alle Frauen ihre Kinder zur Welt. Elvira ist eine starke und gesunde Frau, das …« Ihr Blick fiel auf Philip, und sie verstummte. Einen kurzen Augenblick sahen sich Mutter und Sohn schweigend an.

»Vater braucht dich in der Schmiede«, sagte Philip endlich.

Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.

»Braucht er einen Arzt?«

»Nein, er braucht dich«, antwortete er.

»Du kannst jetzt nicht gehen, Josephine. Was wird aus meiner Frau?« Matthias sprang vor die Tür, um ihr den Ausgang zu versperren. Sie legte ihm die Hände auf die Schultern.

»Deiner Frau geht es gut, Matthias. Das Kind lässt sich noch etwas Zeit. Und ich bin gleich wieder da.«

»ABER …«, protestierte Matthias.

»Hör zu. Ich lasse dir Philip hier.« Sie sah Philip eindringlich an. »Wenn irgendetwas ist, dann schickst du ihn. Du weißt doch, wo die Schmiede ist! Ich bin sofort wieder da!«

Matthias wirkte nicht beruhigt, aber er trat zur Seite und ließ Josephine durch.

Einen Moment später, sie war kaum zur Tür hinaus, standen sich die beiden Männer sprachlos in der Küche gegenüber. Matthias sah aus, als könnte er jeden Moment ohnmächtig werden. Aber auch Philip war von den Erlebnissen noch ganz mitgenommen. Ein qualvolles Stöhnen aus dem Nebenzimmer brachte zumindest Matthias zur Besinnung. Er ging zu seiner Frau. Philip hörte ihn leise mit ihr reden, dann kam er wieder heraus und sagte:

»Elvira will wissen, was los ist.«

Philip folgte Matthias in die Stube.

Elvira saß in einem weiten Nachthemd auf dem Bett. Sie wirkte angespannt und atmete tief ein und aus, während sie ihren kugelrunden Bauch streichelte.

»Deine Mutter hat gesagt, dass alles in Ordnung ist mit meinem Kind«, sagte sie gepresst. »Was ist mit deinem Vater?«, fragte sie.

Philip zuckte mit den Schultern. Er konnte Elvira doch nicht erzählen, dass der Vater eine Elbin im Wald gefunden hatte.

»Nichts«, murmelte er.

Elvira sah ihn zweifelnd an. »Wegen nichts wird er Phine bestimmt nicht von einer Geburt wegholen.«

»Es geht … um etwas anders«, stammelte Philip. Elvira nickte ihm aufmunternd zu. Er würde nicht drum herumkommen, ihr eine plausible Erklärung zu geben. Während er jedoch noch fieberhaft nachdachte, was er sagen sollte, gewährte ihm die nächste Wehe etwas Bedenkzeit.

»Kann ich Euch etwas bringen?«, fragte er, in der Hoffnung verschwinden zu können. Er kannte Geburten nur vom Hörensagen. So unmittelbar dabei zu sein, überforderte ihn.

»Nee, es geht schon wieder.« Sie lächelte tapfer. »Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, lenkt mich das von den Schmerzen ab. Also erzähl!«

»Es ist nicht so aufregend«, behauptete Philip. »Eine entfernte Base meines Vaters ist plötzlich in der Schmiede aufgetaucht. Sie wollte etwas zu essen haben und was zum Anziehen für ihr Kind. Aber mein Vater ist der Meinung …«

»Stammt sie nicht von hier aus Waldoria?«, fragte Elvira neugierig.

Philip schüttelte den Kopf.

»Nein, nein«, sagte er. »Es ist … Vater hat es mir gesagt, aber ich hab‘s vergessen. Sie kommt aus einem kleinen Dorf weiter südlich.«

»Und was macht sie hier?«

»Nichts … wie gesagt, sie wollte gleich weiter, aber sie ist anscheinend krank, und dann hat sie auch noch dieses Kind …«

Eine weitere Wehe verschaffte Philip etwas Zeit, um seine Geschichte auszubauen. Als Elvira wieder ruhiger atmete und sich ihre Gesichtszüge zu entspannen begannen, fuhr er fort.

»Er hofft jetzt natürlich, dass meine Mutter es schafft, sie davon zu überzeugen, eine Weile zu bleiben.«

»Dafür holt er sie von meiner Geburt weg?« Die Enttäuschung stand Elvira ins Gesicht geschrieben.

»Es ist ein sehr kleines Kind. Kaum älter als drei Tage«, versuchte Philip sie zu beschwichtigen. »Ein Neugeborenes und eine Wöchnerin gehören doch nicht auf die Straße.«

»Das stimmt schon«, räumte Elvira ein. »Aber wieso ist sie dann überhaupt unterwegs?«

»Ganz genau weiß ich das auch nicht, ich hab nur gehört, dass sie etwas von einem Überfall gestammelt hat und davon, dass sie zu ihren Eltern will. Es muss etwas Schreckliches geschehen sein.« Jetzt hatte er Elviras Mitgefühl geweckt. »Sie hat getobt und auf meinen Vater eingeschlagen, als er sie zurückhalten wollte. Die Ereignisse scheinen ihr den Verstand geraubt zu haben.« Zufrieden dachte Philip, dass er jetzt, für den Fall, dass die Elbin und ihr Kind einige Tage bei ihnen blieben, eine glaubwürdige Erklärung gefunden hatte. Falls sie es nicht taten, würde diese Geschichte auch das erklären.

Plötzlich fasste sich Elvira an den Bauch und krümmte sich.

»Matthias! Die Fruchtblase …«, stöhnte sie und sah peinlich berührt auf ihr nasses Nachthemd. Plötzlich schien ihr bewusst zu werden, dass Philip kein Kind mehr war.

»Hol deine Mutter«, keuchte sie. »Schnell!«

Fluchtartig verließ Philip die Stube. Er hörte Matthias und Elvira miteinander tuscheln. Sie stöhnte jetzt in kürzeren Abständen. Wahrscheinlich würde es wirklich nicht mehr lange dauern.

Er hatte das Waldtor noch nicht erreicht, da kam ihm seine Mutter bereits entgegen.

»Was ist mit der … der …?«, fragte er.

»Es geht ihr nicht gut, aber dein Vater weiß, was er jetzt tun muss. Hilf ihm dabei. Wie geht’s Elvira?«

»Die Fruchtblase ist geplatzt«, erwiderte Philip. »Sie hat mich ganz schön ausgefragt.«

Phine grinste und strich Philip über den Arm.

»Geh zu deinem Vater, er braucht dich«, sagte sie.

»Ich habe ihr erzählt, sie wäre eine Cousine von Vater … auf der Flucht …«

Phine nickte. »Darüber sprechen wir nachher«, sagte sie und wandte sich zum Gehen.

»Wird sie … Wird sie bei uns bleiben?«, fragte Philip stockend.

»Vorerst.«

2. Pal’dor

Der Warnruf des Tores hatte mit einem schrillen Summen begonnen, das sich langsam in ein immer tieferes Grollen verwandelte. Ohne die Rituale zu befolgen, hatte jemand die geheimen Pfade betreten und die äußerste Schutzgrenze von Pal’dor durchbrochen. Ala’na stand auf dem weißen Balkon vor ihrem Schlafgemach und schaute beunruhigt in die Ferne. Doch selbst mit ihren scharfen Augen konnte sie nicht mehr erkennen als ein paar Blättchen, die sich ein wenig zu schnell in der leichten Brise wiegten.

Besorgt sah sie die ersten für einen Kampf gerüsteten Elben die Pfade hinuntereilen.

Auch jenseits der Stadtgrenzen war es unruhig. Der ganze Wald befand sich in Aufruhr. Ala’na konnte dies mehr spüren als sehen.

Hoffentlich war Jar’jana in Sicherheit.

Die Ursache der Störung konnte sie jedoch nicht erkennen. Das Grollen des beschädigten Tores wurde zwar leiser, aber draußen im Wald nahm das Chaos zu. Der Lärm und das Ungeschick deuteten darauf hin, dass es Menschen waren. Menschen vor Pal´dor?! Das war in den letzten tausend Jahren so gut wie nie vorgekommen. Aber wer konnte schon in die Köpfe der Menschen sehen? Unruhig und wankelmütig, wie sie waren, waren sie immer für eine Überraschung gut. Dass sie den Wald normalerweise fürchteten, war immer ein beruhigender und zusätzlicher Schutz für Pal’dor gewesen, aber möglicherweise hatten die Menschen sich von ihrer Angst losgesagt. Immerhin schien ihr Leben außerhalb des Waldes auch nicht ungefährlich zu sein. Warum sonst trauten sich in letzter Zeit immer mehr von ihnen immer tiefer? Ala’na verfolgte ihr Treiben mit Hilfe des Sees Latar’ria schon seit vielen Monden. Bisher hielten sie sich hauptsächlich im Norden des Waldes auf und sie benahmen sich so, dass der Wald sie duldete.

Hatte sie in letzter Zeit vielleicht etwas übersehen? Hatte sie sich zu sehr darauf verlassen, dass sie an sich harmlos waren? In den letzten tausend Jahren war es selbst den engsten und vertrautesten Menschenfreunden nie gelungen, die Tore von Pal’dor zu finden. Aber Menschen lebten und starben so schnell, dass man als Elbe schnell den Überblick verlieren konnte.

Wie lange war es her, dass der letzte Mensch die Stadt besucht hatte? Hundert oder hundertfünfzig Jahre?

Der kluge Theobald aus Waldoria war regelmäßig gekommen. Jahrelang. Er suchte in Pal’dor Wissen und Frieden und fand auch Freundschaft. Eines Tages brachte Theobald ein Kind mit. Einen Jungen, der das beschauliche Leben von Pal´dor aufgewühlt und umgekrempelt hatte. Selbst in hunderten von Jahren würde man sich an dieses Kind erinnern. Ala’na erinnerte sich gerne an ihn. Er hieß Peredur und war der jüngste Sohn des damaligen Menschenkönigs. Theobald war beauftragt worden, für dieses Kind Sorge zu tragen, damit es das Kriegsgräuel jener Tage nicht miterleben musste. Als er mit dem Jungen nach Pal’dor kam, war der König tot. Theobald sprach von Thronraub und Verrat, von Unrecht und Mord und wollte das Kind in Sicherheit wissen.

Es war sein letzter Besuch in Pal’dor. Als er die Stadt verließ, lauerten ihm die Häscher des Thronräubers im Wald auf und brachten ihn zur Strecke, noch bevor jemand ihm zu Hilfe eilen konnte.

Daraufhin nahmen Ala’na und ihr Gefährte Rond’taro dieses Kind wie ihr eigenes auf.

Peredur war wie Quecksilber. Er hüpfte, er rannte, er kletterte auf Bäume und Mauern. Ruhig war er nur, wenn er schlief oder, wenn man ihm eine Geschichte erzählte.

Als er größer wurde, lernte er mit der gleichen Energie, mit der er vorher gespielt hatte. Seine dunklen, ständig zerzausten Haare fielen in Locken auf seine Schultern, und Ala’na erinnerte sich immer noch an seine grünen Augen, umrahmt von dunkeln Wimpern. Innerhalb weniger Jahre wuchs er zu erstaunlicher Größe heran, und die junge Sili’rana suchte oft seine Nähe. Stundenlang saßen die beiden am See, redeten und lachten und kümmerten sich wenig um die Gepflogenheiten, die solchen Treffen vorauszugehen hatten. Ala’na war besorgt, konnte sich aber der sprühenden Lebensfreude dieses jungen Mannes selbst nicht entziehen.

Er war der letzte Mensch gewesen, der in Pal’dor gelebt hatte, doch wie alle Menschen war er vergänglich. Ala’na konnte nicht umhin, auch heute noch den Stolz zu bewundern, mit dem er damals das Geschenk der Unsterblichkeit zurückgewiesen hatte. Und so war er gegangen wie so vieles, was gut und schön war in dieser Welt.

Jetzt endlich konnte sie von ihrem Aussichtspunkt aus etwas erkennen. Sie konzentrierte sich und richtete ihren Blick in die Ferne. Ein leises Stöhnen, gefolgt von einem erleichterten Aufatmen entwich ihren Lippen, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und durchquerte mit fliegenden Kleidern ihr Schlafgemach.

Wenige Minuten später lief sie die Pfade von Pal’dor entlang, der Gruppe Jäger entgegen, die bereits seit vielen Tagen zurückerwartete. Erst kurz bevor sie sie erreichte, mäßigte sie ihren Schritt und beruhigte ihren Atem. Sie war schließlich Ala’na die Weise oder die Alte, sie hatte mehr gesehen und erlebt als die meisten hier. Sie war Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, und gewiss hatte sie in den letzten tausend Jahren hier niemand mehr wie ein Kind laufen gesehen. Sie zog ein paar Strähnen ihres langen, wallenden Haares auf die Brust, dann trat sie mit gemessenen Schritten der Gruppe entgegen.

»Rond’taro, ich grüße dich.« Der Glanz ihrer Augen sprach deutlichere Worte, als ihre Lippen es tun konnten. Ihr Blick fiel auf den Rest der Truppe und wurde trüb. Es war nur knapp die Hälfte derer, die ausgezogen waren, und sie sahen müde und abgekämpft aus. Einer blutete aus frischen Wunden. Ala’na begrüßte auch sie mit einem gemessenen Kopfnicken.

»Ala’na! Meine Augen sind erfreut, dich wiederzusehen.« Rond’taro stieg von seinem Pferd und fasste seine Gefährtin an beiden Händen.

»Was ist dort draußen los?«, fragte sie. »Wo sind die anderen?«

»Ruf den großen Rat zusammen. Ich bringe schlechte Nachrichten. Alle müssen davon erfahren.«

Ala´na warf ihm einen prüfenden Blick zu und biss die Zähne zusammen. Indem Rond´taro zum Rat rief, versagte er ihr die Möglichkeit, gleich Antworten zu erhalten.

»Da sind Menschen im Wald!?« Den Vorwurf in ihrer Stimme konnte nur Rond’taro hören. Er streichelte mit dem Handrücken beschwichtigend über ihren.

»Sie tragen die Farben des Königs. Wir ritten auf das Tor der Morgenröte zu, aber die Sonne hatte ihren Stand noch nicht erreicht, als sie plötzlich durch das Dickicht brachen und uns sofort angriffen. Ich wollte keinen weiteren Kampf riskieren. Leron’das«, er deutete auf den blutenden Elben, »schoss ein paar Warnpfeile ab und hielt uns den Rücken frei, während wir das Tor öffneten. Ein Pfeil hat ihn getroffen, die Heilerin Iri’te sollte bald nach ihm sehen.«

»Konnte euch jemand folgen?«, fragte Ala’na besorgt. Das Verhalten der Menschen war sehr ungewöhnlich, aber nicht das, was Rond´taro nach dem großen Rat verlangen ließ. Wieso dieser Angriff?, fragte sie sich trotzdem.

»Es folgte uns keiner. Als auch der Letzte von uns hindurch war, haben wir das Tor notdürftig verschlossen. Aro’gen und Lilli’de sind jetzt dort, sie sprechen die Worte des Verbergens und Verschließens.«

Ala’na nickte. Alles hatte seine Ordnung in Pal’dor, jeder wusste, was er zu tun hatte, und erfüllte seine Aufgaben. Niemand beherrschte das Verschleiern von Orten so gut wie diese beiden Elben. Sie war beruhigt, trotzdem lauschte sie noch einmal prüfend nach dem Grollen.

»Wie geht es Jar’jana?«, erkundigte sich Rond’taro. »Der letzte Mond ist gestern angebrochen.«

Ala’na war ein wenig überrascht, dass er sofort darauf zu sprechen kam.

»Sie ging wie geplant auf ihren Weg. Ihre Vertraute und Freundin seit frühen Kindertagen, Sili’rana, erwartet sie spätestens morgen bei Sonnenuntergang auf der Warte.« Ala’na brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, dass auf Rond’taros Stirn eine steile Sorgenfalte sichtbar wurde.

»Es sind sehr viele Menschen im Wald«, gab er zu bedenken.

»Sie hat ihren Aufbruch so lange wie möglich hinausgezögert«, sagte Ala’na. Wieder ein Vorwurf und sie zwang sich nach vorne zu sehen, obwohl sie gerne einen Blick auf die Jäger geworfen hätte. War Jar’janas Gefährte Fari’jaro unter ihnen?

Rond’taro sagte nichts, atmete aber hörbar aus.

»Die vorgeburtliche Prophezeiung ist gut. Sie verheißt uns ein Kind von großer Stärke …«, versuchte Ala’na sich selbst Mut zu machen.

»Die Prophezeiung!?« Rond’taros Stimme war wie immer leise und bedacht, aber Ala’na hörte den spitzen Unterton. Sie wusste, dass er nichts von vorgeburtlichen Prophezeiungen hielt.

»Es wird erst mal ein Kind sein. Ein kleines, hilfloses Wesen, das alles lernen muss, ehe es irgendeiner Bestimmung folgen kann. Du weißt, was ich denke, und ich habe …«, er sah sie sanft lächelnd an, »wir haben unser Bestes dafür getan. Nicht ein Kind allein kann unsere Zukunft bestimmen, wir brauchen mehr, viele mehr.« Er warf einen Blick nach hinten zu seinen Gefährten der letzten Reise. Wieder grub sich die Sorgenfalte in seine Stirn. Sein Blick ging zu Boden und er flüsterte. »Ich habe in wenigen Tagen mehr Tapfere verloren, als Kinder in den letzten fünfhundert Jahren hier geboren wurden.« Er sah Ala’na eindringlich an. »Fari’jaro ist nicht mehr am Leben …«, hauchte er. Dann ging sein Blick wieder zu Boden.

Als sie die ersten Gebäude der Stadt erreichten, richtete Rond’taro noch einmal seine Aufmerksamkeit auf die erschöpften Jäger.

»Ihr Tapferen von Pal’dor! Wir haben unsere Aufgabe erfüllt. Wir sind weit geritten, und ihr seid mutige Gefährten gewesen. Geht jetzt nach Hause und ruht euch aus. Der Rat wird einberufen, und jeder von euch wird erzählen, was er gesehen und gehört hat. Wenn sich übermorgen das Tor der Dämmerung öffnet, haltet euch bereit. Im Rat werden wir entscheiden. Lebt wohl, Freunde.«

Der See Latar’ria lag in einer kleinen Waldlichtung. Ala’na näherte sich ihm besonnen, wie sie es immer tat, und lauschte dem Flüstern der Wellen, die unruhig, stumpf und grau ans Ufer rollten. Sie breitete ihre Arme aus, murmelte leise Worte und beruhigte Latar’ria, bis sich die Wellen glätteten und das Wasser seinen natürlichen Glanz wiederhatte. Erst als der See still wie ein Spiegel dalag, begann sie damit, eine Verbindung zu den magischen Quellen in jeder der fünf Elbenstädte aufzubauen, um diese zum großen Rat zu bitten.

Die Städte Mar’lea am Meer und Lac’ter im Engelsee waren leicht zu benachrichtigen, denn sie lagen an großen Gewässern. Munt’tar hingegen befand sich hoch in den südlichen Bergen. Die Bäche dort waren kaum größer als Rinnsale aus Gletscherwasser, die unruhig über die Steine spritzten. Descher’latar war noch schwieriger zu erreichen, denn sie lag jenseits dieser Berge an der Grenze zwischen Steppe und Wüste. Viele Antworten auf ihre Fragen konnte Ala’na höchstens erahnen.

Vier der fünf großen Elbenstädte hatte sie nun benachrichtigt, und jetzt richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die letzte – Frig’dal.

Es war die mit Abstand abgeschiedenste Stadt im gesamten Land Ardea’lia. Eis und Schnee hielten das Hochland im Norden beinahe das gesamte Jahr über fest im Griff. Zwischen weißen Hügeln lag Frig’dal, die Stadt aus Eis. Ala’na war in jungen Jahren einmal dort gewesen und andächtig zwischen den spinnwebzarten Kunstwerken aus Eis entlanggegangen.

Als sie jetzt die Stadt zum wiederholten Male anrief, fröstelte sie bei dem bloßen Gedanken an die schaurige Kälte dort. Niemand antwortete. Sie versuchte es erneut, der See war heute sehr unruhig, und Ala’na merkte, wie diese Unruhe langsam auf sie übergriff. Sie konzentrierte sich auf das innere Bild, das ihr von der Stadt geblieben war, dann hob sie beide Arme, breitete sie langsam aus, atmete tief ein und rief:

»Die nördliche Stadt aus ewigem Eis, in den Hügeln und Tälern des Hochlands. Fließendes Wasser und plätschernder Quell klopfe an bei deinem Bruder dem Eis. Zeig mir den Spiegel Ogla’ra!«

Latar’ria knirschte und knackte. Eiskristalle bildeten sich am Ufer und breiteten bald eine zerbrechliche Eisdecke auf dem See aus.

»Ala’na ruft den Rat nach Pal’dor …« Das Eis knackte und zersprang mit einem Mal.

Schwarzes Wasser spritzte aus dem See. Ala’na wich zurück.

Latar’ria war launisch seit jeher. Verbindungen ins Eis waren noch nie einfach gewesen, aber heute steckte mehr dahinter als bloß der Unwille dieses Wassers, eine feste Form anzunehmen. Etwas wühlte den See auf. Etwas veränderte sich.

Frig’dal hatte nicht geantwortet, aber zumindest war ihre Nachricht durchgegangen. Auch im eisigen Norden wusste man, dass ein Aufruf zum Rat verbindlich war.

Regungslos stand Ala’na noch eine ganze Weile vor dem See.

Es gab viele Dinge, die sie tun musste.

Als erste Mutter war es ihre Aufgabe, nach dem verletzten Leron’das zu sehen. Er war zwar nicht mit ihr verwandt, aber er hatte an der Seite ihres Mannes gekämpft und gehörte damit zur Familie.

Sie musste Vorbereitungen für den Rat treffen, ebenso wie für die Geburt auf der Warte.

Ala’na beschloss mit einem Besuch bei Leron’das zu beginnen, dann konnte sie Rond’taro von ihm berichten, ehe sie das Ratstreffen vorbereitete.

Ihren Ritt zur Warte würde sie erst einmal verschieben. Jar’jana sollte noch nicht erfahren, dass Rond’taro zurückgekehrt war. Ala’na fürchtete sich davor, Jar’jana die Nachricht von Fari’jaros Tod zu überbringen, und wollte diesen Moment so lange wie möglich hinauszögern.

Was für ein Tag, dachte sie bei sich. Gestern war alles noch nach Plan verlaufen.

Jar’jana hatte am Vormittag ihr Abschiedsritual befolgt und war zum höchsten Stand der Sonne auf ihren Weg gegangen. Als sie durch das Sonnentor hinaus in den Wald ging, konnte Ala’na ihre Schritte noch eine Zeitlang verfolgen. Schon am Vortag hatte sie die Aussicht, dass Jar’jana zwei Tage lang alleine im Wald sein würde, mit Sorge erfüllt. Die Veränderungen, von denen der See zeugte, trugen auch heute nicht zu ihrer Beruhigung bei und nun wusste sie auch noch, dass es im Wald von Menschen nur so wimmelte. Es war der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um als werdende Mutter im Wald zur Ruhe zu kommen. Dabei hatte gerade Jar’jana diese Ruhe dringend nötig. Die Erwartungen hatten sie stark unter Druck gesetzt.

In Pal’dor waren in den letzten tausend Jahren kaum zwei Dutzend Kinder geboren worden. Die letzte Geburt lag fast hundert Jahre zurück.

Ala’na versuchte, ihre treibenden Gedanken zu sammeln. Es gab Dinge, die sie nicht beeinflussen konnte, mahnte sie sich. Sie würde warten müssen, bis die Nachricht von der Warte kam.

Entschlossen glättete sie ihre Kleider, zupfte die Ärmel zurecht und machte sich auf den Weg, um das zu tun, was sie tun musste.

Leron’das ging es den Umständen entsprechend gut. Er hatte einige Streifschüsse an Armen und Beinen, die stark geblutet hatten, die allerdings keine große Herausforderung für die Heilkunst Iri’tes darstellten. Um seinen Oberkörper war ein dicker Verband gewickelt. Ein Pfeil hatte seine leichte Jagdrüstung aus Leder an der Schwachstelle unter dem Arm durchbohrt und war tief in seinen Körper eingedrungen. Iri’te hatte den Pfeil entfernen können und die Wunde gereinigt, allerdings musste Leron’das noch einige Tage liegen und sich schonen.

Als er Ala’na sah, lächelte er tapfer und versuchte, sich in seinen Kissen aufzurichten. Ala’na ließ sich auf seiner Bettkante nieder und nahm seine Hand.

»Ich danke dir, Leron’das, für deine Tapferkeit«, sagte sie. »Ich danke dir, dass du dein Leben eingesetzt hast, um das deiner Gefährten zu schützen, und ich danke dir, dass du Pal’dor geschützt hast.«

Leron’das lächelte, aber sein Blick wurde trüb.

»Ich bedaure, Ala’na, dass ich nicht mehr tun konnte. Viele meiner Gefährten sah ich sterben, ohne sie beschützen zu können. Es tut mir leid, Ala’na, dass ich nicht mehr für Fari’jaro, den Mann deiner Urenkelin, tun konnte.« Leron’das sah eine Weile stumm auf seine grün durchmusterte Decke. »Er starb in meinen Armen. Sein letzter Gedanke galt Jar’jana und dem Kind.« Er seufzte, und Ala’na konnte ein leichtes Pfeifen hören, das seine verletzte Lunge beim Einatmen machte.

»Ich muss ihr die letzten Grüße und Wünsche ihres Mannes überbringen.« Er sah Ala’na aus großen dunklen Augen an. Tränen schimmerten darin.

»Jar’jana ist gestern beim höchsten Stand der Sonne auf ihren Weg gegangen. Die Nachricht wird sie erschüttern, und ich bin froh, dass sie heute nicht mehr hier ist. Der Verlust, den sie erleiden muss, trifft auch uns alle tief.«

Eine ganze Weile sagte keiner von beiden ein Wort. Ala’na betrachtete Leron’das genau. Trotz seiner undurchdringlichen Miene konnte sie deutlich erkennen, wie bewegt er war. Was mochten er und seine Gefährten in den letzten Wochen erlebt haben? Die Hälfte von ihnen war nicht zurückgekehrt, und die restlichen hatten einen gehetzten Ausdruck in den Augen. Rond’taro, das ärgerte sie immer noch, hatte umgehend nach dem Rat verlangt und ihr somit jede Möglichkeit genommen, etwas über den Verlauf seiner Reise zu erfahren, ehe es im Rat zur Sprache kam. Zu gerne hätte sie gewusst, was vorgefallen war.

Rond’taro neigte nicht zu unüberlegten Handlungen und hätte sich bei dem kleinsten Anzeichen von Gefahr zurückgezogen. Er kannte die Quellenberge wie kaum ein anderer. Jeder winzige Eingang in die weitläufigen Höhlen war ihm vertraut. Die Mehrzahl dieser Höhlen war zudem verschleiert.

Vor langer Zeit waren die Quellenberge Elbenland gewesen. Als die Elben die alte Heimat Nordarea’lia verließen, um dem Schatten zu entkommen, segelten sie über die Eissee und fanden dieses Land. Sie ließen ihre Langboote durch das Delta des Engelsflusses über den Engelsee und dann weiter stromaufwärts fahren, bis schließlich vor den Quellenbergen das Wasser zu seicht wurde. Hier ankerten sie und erforschten die Berge. Sie nannten sie Re’n Dal und ließen sich in den Tropfsteinhöhlen unter den Bergen nieder. Die Natur hatte hier gigantische Wunderwerke geschaffen, und die Elben taten ihr Bestes, um die selbst gegrabenen Gänge in ähnlicher Schönheit zu gestalten. Die Halle der Erkenntnis und der Große Ratssaal waren Gesamtkunstwerke der Elben und Mutter Natur.

Allen Elben war damals klar, dass die Höhlen in Re’n Dal nur ein vorübergehender Aufenthaltsort sein konnten. Einige wollten wieder auf das Meer hinaus und weitere Länder entdecken. Andere sprachen davon, in ihre Heimat zurückzukehren. Es gab aber auch viele unter ihnen, die bleiben und sich in diesem Land, das sie Ardea’lia (hügeliges Land) nannten, niederlassen wollten.

An den vielen unterschiedlichen Wünschen entbrannte im Laufe von beinahe zwei Jahrhunderten ein Streit, der wie eine klaffende Wunde im Fleisch des elbischen Volkes war.

Die Eissee war in der Zwischenzeit, bis auf wenige Wochen im Jahr, vollständig zugefroren und ließ somit keine Schiffe durch. Obwohl an eine Heimreise nicht mehr zu denken war, ließen sich einige Elben auf der Insel im Engelsee nieder. So entstand die Stadt Lac’ter.

Nach Mar’lea zog es die, denen der weite Ozean fremde, friedvollere Länder versprach. Alle anderen besiedelten das Land und teilten es mit den wenigen Menschen, die zu der Zeit hier wohnten. Doch nicht alle Elben waren mit dem Zusammenleben zufrieden. Vielen waren die Menschen zu unzuverlässig, und sie zogen sich daher in Gebiete zurück, die abgeschiedener lagen. Manche wählten die schwindelnden Höhen, andere die Wüste oder das ewige Eis.

Sechs Städte entstanden so, und lange Zeit sprach niemand davon, Ardea’lia zu verlassen. Der Schatten aus Nordarea’lia gehörte der Vergangenheit an. Neue Generationen von Elben folgten. Selbst Ala’na, als eine der Ältesten in Pal’dor, war schon auf der Warte geboren worden.

Sie war so tief in ihren Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass Leron’das eingeschlafen war.

Sie strich ihm sanft eine blonde Strähne aus der Stirn und verließ den Raum.

»Iri’te, er schläft. Ich danke dir, dass du so gut für ihn gesorgt hast. Er war sehr tapfer.«

Iri’te senkte nur leicht den Kopf, um sich ihrerseits für Ala’nas freundliche Worte zu bedanken.

Als Ala’na nach draußen trat, schimmerte durch die Bäume das Licht der frühen Mittagsstunde.

Es war ein wunderbar warmer Frühsommertag. Ala’nas trübe Stimmung hellte etwas auf. An Tagen wie diesen konnte eigentlich gar nichts Schlimmes geschehen. Und doch hatten Menschen vor den Toren von Pal’dor gelauert, und Rond’taros bereits angeschlagene Truppe angegriffen. Pures Glück hatte Leron’das vor dem Tod bewahrt.

Nicht auszudenken, wenn es plötzlich für all die unwissenden Menschen einen leibhaftigen Beweis für das Vorkommen von Elben im Blauen Wald gegeben hätte. Und dazu noch den Beweis, dass auch sie – wie die Menschen – bluteten und starben.

Seit tausend Jahren lebten die Elben verborgen vor der Welt dort draußen und zeigten sich nur auserwählten Menschen, die ihnen freundlich zugetan waren. Trotzdem hielten sich die Schauergeschichten über Dämonen und Erntenvernichter, die einst von den Zauberern in die Welt gesetzt wurden, standhaft. Von dem freundschaftlichen Verhältnis zu den Menschen, die hier lebten, bevor die Eroberer aus dem westlichen Nachbarland Mendeor die Berge überwanden, wusste heute kaum einer.

Nach dem großen Krieg wurden sie von den neuen Besatzern gejagt und die wenigen Menschen, die noch ihre Freunde waren, lebten zu kurz, um die Erinnerungen wach zu halten. Heute gab es, wenn überhaupt, nur noch eine Handvoll Menschen, die eingeweiht waren und die wahren Geschichten der Elben, den Herzen der anderen näherbrachten. Es war eine kleine Hoffnung, dass nicht alles verloren war.

Oder war es Rond’taro, der diese Hoffnung in Ala’nas Herz wachhielt?

Er hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Nicht nach dem großen Krieg, als die alten Gräben zwischen den Elben wieder aufbrachen und viele das Land verlassen wollten, und auch später nicht, als er Generation für Generation die Nähe der Schriftgelehrten suchte, die die letzten Geheimnisse von Ardea’lia bewahrten.

Rond’taro – Ala’na lächelte verträumt, als sie daran dachte – war kaum hundert Sommer alt gewesen, als er sich nach dem großen Krieg im Rat erhob, um für den Erhalt seiner Heimat zu kämpfen

»Dies ist auch unser Land. Viele von uns sind hier geboren. Wir dürfen uns nicht von den Eindringlingen, deren Leben im Vergleich zu unserem nur einen kurzen Augenblick dauert, verscheuchen lassen. Viele Menschen, die hier leben, sind unsere Freunde. Die Opfer, die wir und sie in diesem Krieg gebracht haben, wiegen schwer. Ich bin nicht bereit, meine Eltern und Geschwister zu verraten, die ihr Leben für dieses Land geopfert haben.« Mit seinen Worten hatte er Ala’na aus der Seele gesprochen, und sie war in heftiger Liebe zu ihm entbrannt. Eine Liebe, die heute nach zehn Jahrhunderten immer noch glühte.

Jetzt stand Ala’na vor ihrem Haus. Sie war so überwältigt von ihren Gedanken und der Erinnerung an den Anfang ihrer großen Liebe, dass sie nun ihre Schritte beschleunigte, um schneller bei Rond’taro zu sein. Beinahe musste sie über sich selber lachen, denn es war nun bereits das zweite Mal an diesem Tag, dass sie ihrem Mann entgegenlief.

Etwas außer Atem trat sie in das Zimmer, in dem Rond’taro geschlafen hatte. Er stand am Fenster und drehte sich nun zu ihr um.

»Du warst in Gedanken, meine Liebe.« Er lächelte.

»Die Menschen, Rond’taro, ich verstehe sie nicht. Was tun sie hier im Wald? Wir hatten Freunde unter ihnen …«

Rond’taro strich ihr sanft mit der Hand über das Haar.

»Die Freunde, die du meinst, meine Liebe, sind seit tausend Jahren tot. Selbst Peredur, der wie ein Sohn für uns war, lebt seit siebenundneunzig Jahren nicht mehr. Er war ein alter Mann, als er starb«. Der Schmerz dieses Verlustes ließ ihn heute noch atemlos zurück. Leise und bedauernd fügte er hinzu: »Ala’na, es gibt dort draußen niemanden, der uns kennt, und wir kennen die Menschen nicht mehr.«

Ala’na senkte den Kopf. »Manche fehlen mir heute noch, und ich wünschte, ihre Zeit wäre nicht so kurz gewesen.« Langsam ließ sie ihre Stirn an Rond’taros Brust sinken. »Ich bin froh, dass du zurückgekehrt bist.«

Er legte seine Arme um sie, und eine Weile standen sie so da, schließlich löste sie sich von ihm und blickte ihn an.

»Der Rat«, begann sie. »Ich weiß, dass wir nichts besprechen können, ehe die Versammlung beginnt, ich will nur wissen: Waren es Menschen, die euch in den Quellenbergen angegriffen haben?«

Er sah sie an. Lange blieb sein Gesicht bewegungslos. In seinen Augen konnte Ala’na sehen, wie er sich im Stillen über ihre Neugier amüsierte. Sie wollte sich gerade abwenden, als er sagte:

»Keine Menschen. Keine Menschen, bis auf jene vor Pal’dor.«

3. Die Falkenburg

Am frühen Nachmittag kam Agnus von Wildmoortal auf dem steilen Weg, der hinauf zur Falkenburg führte, eine große Gruppe berittener Krieger entgegen, so dass er ausweichen musste.

Verwundert bemerkte er, während er auf seiner Stute langsam den Berg hoch ritt, dass die Krieger, kaum im Tal angekommen, die Straße verließen und auf den Wald zuritten. Müde und durstig, wie er war, machte er sich jedoch darüber keine weiteren Gedanken.

Als er kurz darauf das erste Burgtor erreichte, lag der Vorhof dahinter wie ausgestorben. Die Gatter der Pferdekoppeln standen weit offen und Wachen konnte er keine entdecken. Agnus sprang aus dem Sattel und lief zu Fuß weiter, sein Pferd folgte ihm am Zügel. Auch das zweite Tor passierte er, ohne dass er nach seinem Anliegen gefragt wurde. Er schritt durch das gewaltige Torhaus in die Vorburg und stand unvermittelt im größten Chaos, das er sich vorstellen konnte.

Als er verwirrt stehen blieb und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen, stieß ein Knecht, der mit einem schweren Sack beladen war, mit ihm zusammen. Die unfreundlichen Worte, die dieser hervorstieß, wurden von dem Sack verschluckt.

Agnus sprach den nächsten Mann an, doch dieser stolperte, von dem Gewicht des Sackes nach vorne geneigt, weiter, ohne ihn zu beachten. Auch der nächste und übernächste Versuch sich weiterhelfen zu lassen, schlugen fehl.

Es war schon viele Jahre her, dass Agnus zum letzten Mal in der Königsburg gewesen war. Damals noch in Begleitung seines Vaters. Er erinnerte sich, dass es irgendwo im innerersten Bereich der Burg einen Brunnen gab. Den musste er finden. Dann würde er sich in den Schatten setzen und darauf warten, dass jemandem auffiel, dass er nicht hierhergehörte.

Ganz knapp gelang es ihm, einem weiteren sackbeladenen Mann aus dem Weg zu gehen, dabei dachte er an seine eigene beschauliche Burg im Wildmoortal, wo er jeden kannte, der ein und aus ging. Weiter oben entdeckte er das nächste Tor. Ein grimmiges Grinsen trat in sein vernarbtes Gesicht.

»Komm Lisia«, brummte er seiner Stute zu, und sie folgte ihm mit hängendem Kopf. Lisia war mutig und zäh, schnell wie der Wind, wenn es sein musste, und stark wie ein Bär, doch die weite Reise hatte sie erschöpft.

Auch an dem dritten Tor, das in den innersten Bereich der Burg führte, fragte ihn niemand, wohin er wollte und was er in der Burg zu suchen hatte. Er stand sozusagen vor der Tür des Königs, aber niemand scherte sich um ihn. Dabei sah er gewiss nicht wie ein hoher Herr aus. Seine Kleidung war staubig von der achtzehntägigen Reise und verriet nichts über seinen gesellschaftlichen Stand. Nicht, dass Agnus darauf Wert gelegt hätte. Ganz im Gegenteil, es war ihm sogar angenehmer, wenn niemand wusste, wer er war.

Er wechselte lieber ein offenes Wort mit einfachen Menschen, als mit hohen Herren höfliche Heucheleien auszutauschen.

Agnus fand einen Trog und stellte ihn neben dem Brunnen ab, dann löste er den Haken der Brunnenkette und ließ den Eimer in die Tiefe fallen. Im Wildmoortal waren die Brunnen flach, aber hier sah er den Wasserspiegel kaum. Als der Eimer auf dem Wasser aufschlug, hörte Agnus nur ein dumpfes Geräusch. Mühsam kurbelte er ihn wieder hoch, packte die schaukelnde Kette und hievte den Eimer über den Rand, wo er erst für sein Pferd sorgte, ehe er selbst durstig trank.

»Gibt es dort, wo du herkommst, kein Bier?«

Agnus verschluckte sich beinahe vor Schreck, als er die Stimme hinter sich hörte. Er setzte seine grimmigste Miene auf.

»Bei mir zu Hause werden Gäste am Tor empfangen und müssen sich nicht ihr Wasser mit den Pferden teilen«, knurrte er und drehte sich langsam um. Etwas verwirrt durch die vornehme Kleidung, die nicht zu der saloppen Wortwahl seines Gegenübers passte, deutete er eine Verbeugung an.

Der andere lachte und streckte Agnus die Hand entgegen.

»Walter Vogelsang«, sagte er, besah sein Gewand und fügte hinzu, »Hofmusiker. Ich soll heute noch vor der Gesellschaft des Königs spielen und habe mich ein wenig feingemacht.« Jetzt erst bemerkte Agnus die Laute, die über der Schulter des anderen hing, und ein Lächeln erhellte seine Miene.