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Alles, was die siebzehnjährige Annie will, ist ihre Ruhe – und einen Ort, an dem sie ungestört lesen kann. Als sie bei strömendem Regen an der Tür des dreiundachtzigjährigen Walter klingelt, ahnt sie nicht, dass sie dort mehr findet als nur ein trockenes Plätzchen. Zwischen dem eigenwilligen alten Mann und dem verschlossenen jungen Mädchen entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft. Walter beginnt, aus seinem langen Leben zu erzählen – und langsam begreift Annie, wie sehr diese Geschichten ihr eigenes Leben verändern … Ein Roman über Freundschaft, Verletzlichkeit und das, was zwischen den Zeilen heilend wirkt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
„Die Lebenskraft kehrt zurück und belebt. Die Toten bleiben begraben. Die Verluste bleiben verloren.“ Fernando Pessoa
Freiburg 1895
Wilde Wiesen, auf denen vereinzelt alte Buchen standen, rahmten die neu angelegte Silberdistelstraße. An vielen Stellen wurde gebaut und es herrschte ein stiller Wettstreit darüber, wer am Ende das schönste Haus in der Straße haben würde.
Heinrich Stäubele stand mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Johanna vor dem Rohbau ihrer einstöckigen Villa. Er war der Erbe einer gutgehenden Anwaltskanzlei. Renommiert in der ganzen Stadt und von hohem Ansehen. Wo sie herkam, wusste niemand. Aber sie passte zu ihm. Immer angemessen gekleidet, mit herausragenden Manieren. Bescheiden. Die gehobene Freiburger Gesellschafft mochte sie, obwohl sie ab und an unübliche Dinge tat, wie die, ihren Gatten auf die Baustelle zu begleiten.
Sie hatte ihren Sonnenschirm zugeklappt und deutete mit ihm nach oben.
»Das Dach … da fehlt noch etwas.« Den kurzen Schleier an ihrem modischen Hut, hatte sie nach oben geschoben und sah ihren Mann aus geheimnisvollen Augen an. »Auf der Westseite muss ein Dachgiebel hin. Mit einem bodentiefen Fenster.«
»Wofür, mein Herz, brauchen wir auf dem Dachboden ein Fenster dieser Größe?«
»Wir beide werden es nicht brauchen. Aber ich weiß, dass es noch gebraucht werden wird!«
Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. »Die Nachbarn und der Architekt werden denken, dass wir verrückt sind«, wandte er ein.
»Davon bin ich überzeugt«, antwortete sie und lächelte unbekümmert. Was andere dachten, machte ihr nichts aus. Das bewunderte er an ihr.
Eine Weile führten sie ein stummes Zwiegespräch.
»In Ordnung. Wenn du es wünschst, veranlasse ich, dass ein Giebel mit dem schönsten Giebeldachfenster, das je gesehen wurde, unser Haus ziert. Ich werde auch die Treppe bis hinauf ausbauen und ein Zimmer unter dem Dach einrichten lassen«, versprach er leichtherzig.
Die Tragweite dieser Entscheidung konnte er damals nicht absehen.
Sie legte ihre schmale Hand auf seine. »Diejenige, die es brauchen wird, wird es finden. Davon bin ich überzeugt.«
122 Jahre später
Freiburg 2017
Häuser sind wie Menschen, dachte Annie. Sie haben ein Gesicht. Manche ein schönes, andere ein hässliches, doch was in ihrem Inneren vorgeht, weiß man nicht.
Sie ließ ihren Blick über die Häuserreihe schweifen, an der sie seit etwa sechs Wochen täglich auf dem Heimweg von der Schule vorbeikam. Einen Baustil konnte sie nicht erkennen, eher einen Flickenteppich aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Häuserfronten aus den Vorkriegsjahren mit Stuck und Erkern neben glatten Beton- und Glasgebilden. Balkone, die ein Kasten Bier und ein Gartenstuhl aus Plastik zierte, neben liebevoll bepflanzten Miniaturgärten, die schon zu dieser Jahreszeit grünten und blühten.
Freiburg ist eine schöne Stadt, hatte man ihr gesagt.
Sie versuchte, diese Schönheit zu sehen, doch es fiel ihr schwer. Da stand alt neben neu, bunt neben grau. Und alles war Fassade. Nichts bedeute ihr irgendetwas.
Ihr eigenes Gesicht spiegelte sich grau und lang in der Scheibe einer Eingangstür. Dunkle Haare, bleiche Haut und große Augen – auch nur Fassade.
»Pass auf, wo du hinläufst«, fauchte sie da plötzlich jemand an.
Annie sah zu dem Mann auf, mit dem sie um ein Haar zusammengestoßen wäre.
»Das Wort Entschuldigung kennst du wohl auch nicht«, knurrte er, als sie nichts sagte, und musterte sie, als sei sie nicht ganz richtig im Kopf.
Sie erwiderte unverwandt seinen Blick.
»Nicht mein Fehler«, bemerkte sie leise und deutete auf das Handy in seiner Hand, auf das er zweifellos geschaut hatte, trat aber einen Schritt zur Seite, damit er passieren konnte.
»Unverschämtheit«, zischte er, wandte sich von ihr ab und folgte energisch seinem Weg - wohin auch immer.
Annie ging auch weiter. Aber nicht zielstrebig. Nicht entschlossen. Wie es sich anfühlte, ein Ziel vor Augen zu haben, wusste sie schon lange nicht mehr. Dafür kannte sie das Gefühl, nicht da sein zu wollen, wo sie war, aber auch nicht dort, wohin sie ging.
Morgen für Morgen fügte sie sich voll innerer Abwehr in ihr Schicksal und wünschte sich dabei nur, mit einem Buch im Bett bleiben zu dürfen und so ihrem Leben und seiner Trostlosigkeit zu entfliehen.
Den Schulalltag zu bewältigen, war an sich schon ein Kraftakt, aber seit neuestem bestand ihre Mutter darauf, dass sie auch wieder Hobbys brauchte und hatte Annie, ohne sie zu fragen, im Volleyballverein angemeldet.
Dieser Termin am späten Nachmittag hing wie ein Damoklesschwert über dem ganzen Tag, und als Annie die Wohnungstür aufschloss und das Klappern der PC-Tastatur aus dem Wohnzimmer wahrnahm, wusste sie, dass ihre Mutter ihn nicht vergessen hatte.
Homeoffice war eine perfide Art der Kontrolle.
»Versprich mir, dass du es versuchst, mein Schatz«, beschwor ihre Mutter sie beim Mittagessen.
Annie wollte am liebsten laut schreien – wenn sie noch die Energie dafür hätte aufbringen können.
Versprich mir, war der Witz des Jahres, denn ob Annie es versprach oder nicht, änderte nichts an der Tatsache, dass ihre Mutter Wege finden würde, sie dazu zu zwingen.
Mit einer ganzen Reihe von Experten hatte sie definiert, was normal war. Annies Meinung war da nicht von Belang.
»Wenn es dir so wichtig ist, gehe ich hin«, murmelte sie ergeben.
»Es soll dir wichtig sein, Mäuschen.«
Ja klar. Annie atmete langsam, aber tief ein und versuchte das Zittern, das sich ihres Körpers bemächtigte, zu unterdrücken. Dann nickte sie schnell und verschwand in ihr Zimmer.
Die Decke über den Kopf ziehen und sich nirgendwo blicken lassen, das war ihr einziger Wunsch, aber sie wusste, dass ihre Mutter ihr folgen würde, wenn sie auch nur den leisesten Verdacht hegte, dass Annie sich wieder versteckte. Wie früher würde sie dann ewig auf der Bettkante sitzen, Annies Haare streicheln und dabei ohne Unterbrechung auf sie einreden.
Vor dem Umzug hatte Annie versprochen zu funktionieren, und sie bemühte sich. Aber es war hart.
Sie riss die Schranktür auf und pfefferte ihre Sporttasche so laut auf den Boden, dass sie sicher sein konnte, dass ihre Mutter dies wahrnahm und sie für eine Weile in Ruhe ließ.
Der Volleyballverein war etwa eine halbe Stunde Fußmarsch von ihrer Wohnung entfernt. Zehn Minuten mit dem Fahrrad und über eine Stunde mit dem Bus, der selten kam und große Umwege fuhr.
Es regnete leicht bei fünfzehn Grad.
»Ich muss jetzt los«, sagte Annie und schlüpfte in ihre Sneakers.
Um keine weiteren Fragen beantworten zu müssen, griff sie nach dem Regenschirm. Sie würde laufen. Eine halbe Stunde, in der sie sicher ihre Ruhe hatte. Dafür waren die Nässe und die Kälte dieses Frühlingstages durchaus in Kauf zu nehmen.
Obwohl ihre Mutter ihr das Gegenteil unterstellte, war sie gerne draußen. Es gab nur keinen Ort, wo sie draußen ganz für sich sein konnte. Kein geheimes Baumhaus im Wäldchen. Keinen abgelegenen Schuppen von Bauer Schmitt. Keine Wiese hinter den Gärten und keine versteckte Bank hinter dem Brombeerdickicht. Niemanden, mit dem ...
Ein großer Regentropfen fiel ihr in den Nacken und sie zog den Kopf ein. Doch gleich darauf lenkte sie ihren Blick zum Himmel. Er war genauso grau und undurchsichtig wie vorhin, als sie mit dem Mann zusammengestoßen war. Und jetzt weinte er dicke, kalte Tränen, die erbarmungslos Haare und Kleidung durchnässten. Aber den Regenschirm aufzuspannen, war keine Option. Der hätte nur eine weitere undurchsichtige Schicht zwischen ihr und dem unendlichen Blau über den Wolken gebildet.
Silberdistelstraße - hier musste sie rechts abbiegen. Dann noch etwa dreihundert Meter die Straße entlang. Dreihundert Meter Galgenfrist.
Volleyball! Wie kam Mama bloß auf den Gedanken, dass sie das je wieder machen wollte? Sie wusste doch …
Wieder suchte Annies Blick den Himmel. Es wurde rasch dunkel. In den Häusern links und rechts wurden die Lichter angemacht und leuchteten durch die Fenster auf die Straße. Man sah Bilder und Wände, das Flackern eines Fernsehers, Menschen, die beisammensaßen. Im Erdgeschoss rechts spielten zwei Mädchen mit ihren Puppen. Annie wandte sich schnell ab und entdeckte linker Hand im ersten Stock einen Jungen, der an seinem Schreibtisch brütete. Ob er freiwillig dort saß? Er kaute gelangweilt an einem Stift und fuhr sich immer wieder mit den Fingern durch die Haare, während er seine Sitzposition veränderte. Unfreiwillig, entschied Annie und ließ ihren Blick zum nächsten Haus gleiten. Heruntergezogene Jalousien sperrten Beobachter aus. Direkt daneben hatten sich die Erbauer für schmale, hochliegende Fenster zur Straßenseite entschieden. Mehr als die Deckenleuchte in dem Raum, der vermutlich die Küche war, konnte man hinter den rautenförmigen Gittern nicht erkennen. Gleich danach, versteckt hinter einer zerzausten Hecke, schimmerte die Silhouette eines Hauses, das so gar nicht zu den anderen in dieser Straße passte. Es war deutlich älter, mit graugelbem Putz. Der Garten verwildert. Die Hecke so hoch, dass man das einzig erleuchte Fenster im Hochparterre nicht richtig sehen konnte. Annie bemerkte nur, dass es größer war als die drei stuckverzierten Fenster im ersten Stock. Das verschlossene Tor machte mit seinem hohen Bogen und den langen, verzweigten Streben nicht den Eindruck, als lade es zum Eintreten ein. Obwohl es ein sehr schönes Tor war. Nicht so langweilig wie die anderen. Alt wie das Haus und schon leicht angerostet. Die Verzweigungen zwischen den Streben erinnerten an die Dornenhecke von Dornröschen und faszinierten Annie so sehr, dass sie stehen blieb.
»Was schützt du?«, flüsterte sie und hätte fast über sich selbst gelacht, weil sie mit einem Tor sprach. Aber nur fast. Denn schon das leichte Anheben ihrer Mundwinkel fühlte sich seltsam an. Ungewohnt, als ob sie noch nie gelächelt hätte.
Ihr Blick streifte den hohen Torbogen, wanderte am Haus entlang und stieg bis zum Dach empor. Rote Ziegel mit dunklen Flecken und eine ausladende Dachgaube mit einem bodentiefen Fenster. Annie hielt den Atem an. Dieses Fenster mit den Querverstrebungen, dessen spitz zulaufende Oberseite mit Ornamenten verziert war, überraschte sie mit seiner Schönheit. Gleichzeitig erschien es ihr so vertraut, als hätte sie es bereits irgendwo gesehen. In dem Raum dahinter brannte ein kleines Licht, das dem Fenster einen bernsteinfarbenen Schimmer verlieh.
Wie das Zimmer, das zu diesem Fenster gehörte, wohl aussah? Bestimmt hatte es Dachschrägen, vielleicht Nischen. Ein Ohrensessel war als Schatten hinter dem Fenster auszumachen, und Annie verspürte plötzlich den schier unwiderstehlichen Wunsch, in diesem Zimmer, in diesem Sessel zu sitzen und zu lesen. Der Gedanke prickelte wie Sektblasen in ihrem Nacken und verursachte Gänsehaut am ganzen Körper. Die Dornenhecke des Tores erschien ihr jetzt nicht mehr abweisend, sondern war ein stilles Versprechen, alle Widrigkeiten des Alltags fernzuhalten.
Das Brummen ihres Handys riss Annie aus der Faszination.
Eine Nachricht von ihrer Mutter. »Du musst dich bei Frau Gerberschmied zum Training anmelden.«
»Bin gleich dort«, antwortete Annie auf die Frage, die sie der Aussage ihrer Mutter entnahm.
»Deine Mutter sagte, du hättest schon früher Volleyball gespielt?«
»Da hat sie übertrieben. Ich hatte nur den Schwerpunkt Volleyball im Schulsport«, log Annie.
Sonne, Wind, Sand und Lachen beim Beachvolleyball mussten hier nicht erwähnt werden. Wenn sie Glück hatte, würde Frau Gerberschmied sie als unqualifiziert einstufen und nach Hause schicken. Das Plappern der Mädchen in der Umkleide nebenan machte Annie nervös. Gleich würden ihr wieder tausend Fragen gestellt werden. Auch Fragen, auf die es keine Antworten gab.
Frau Gerberschmied schaukelte ihren Kopf hin und her, zog zwei Listen zu Rate und sah dann wieder auf. »Dein Sportzeug hast du mit?«
»Ja.«
»Dann versuchen wir es doch mal hiermit.«
Einige Mädchen gingen lachend an der offenen Bürotür vorbei und riefen: »Hallo Frau Gerberschmied!«
Sie grüßte zurück und legte die Listen geräuschvoll beiseite.
»Um neunzehn Uhr dreißig trainiert in Halle B die gemischte Damenmannschaft. Die Frauen sind zwischen Ende zwanzig und Mitte vierzig, also nicht ganz dein Alter, aber für die andere Gruppe reicht ein bisschen Schulvolleyball leider nicht aus. Die Mannschaft, für die ich dich vorgemerkt habe, will weiterkommen.«
»Okay«, erwiderte Annie.
»Wenn du etwas mehr Training hast, schauen wir nochmal«, tröstete Frau Gerberschmied, die davon ausging, dass Annies Okay nur deshalb so verhalten ausfiel, weil sie lieber mit Gleichaltrigen zusammen gewesen wäre.
Aber Annie war nur enttäuscht, weil es überhaupt eine Möglichkeit gab. Wenn die Damen allerdings älter waren, wurde vielleicht nicht erwartet, dass sie gemeinsame Themen oder Interessen hatten. Hoffentlich war dem so, denn Annie wollte das Lachen, Kichern, Feixen und die unausgesprochene Erwartung, sich daran zu beteiligen, nicht.
»Wo kann ich mich umziehen?«
»Die Halle B liegt nebenan. Es gibt da eigene Umkleideräume ... es sei denn, du willst lieber ...«
»Nein, nein. Ich gehe rüber.«
Nach dem Training duschte Annie so lange, bis auch die letzte ihrer Mitspielerinnen gegangen war. Heidis Angebot, sie heimzufahren, hatte sie sofort ausgeschlagen. Die junge Anwältin wirkte zwar nett, hatte aber gewiss eine ausgefuchste Verhörtaktik.
Mit dem lauwarmen Wasser und dem letzten Schaumkrönchen Seife lief auch ein Teil von Annies Anspannung den Abfluss hinunter. Sie fühlte sich trotzdem seltsam. Körperlich zufrieden, ausgepowert und seelisch vergewaltigt. Das Gefühl des Balls auf ihrem Handballen – vertraut. Der Stich, den dieses Gefühl durch ihren ganzen Körper jagte – beklemmend. Annie wünschte, ihre Mutter hätte sie irgendwo anders angemeldet. In irgendeinem Handarbeitskurs, beim Schachspielen oder Seiltanzen … irgendetwas, das sie noch nie gemacht hatte. Aber es musste Volleyball sein. So schön! So schrecklich!
Sie seufzte und trat auf die Straße.
Inzwischen war es stockdunkel draußen und weit mehr Fenster als vorhin leuchteten. Viele versteckten sich allerdings hinter Vorhängen und Rollläden, so dass kein Blick ins Innere der Häuser möglich war. Trotzdem fiel genug Licht auf die Straße, um das eine Haus, das in völliger Finsternis lag, wie ein dunkles Loch wirken zu lassen. Die Hecke streckte ihre schwarzen Geisterfingerästchen in alle Richtungen und das Wasser tropfte in dunklen Tränen herab. Nur auf dem hohen schmiedeeisernen Tor spiegelte sich ein heller Schimmer. Annies Blick folgte dem schwachen Strahl hinauf zu dem Giebeldachfenster, das immer noch wie matter Bernstein glänzte. Das leichte Flackern ließ vermuten, dass irgendwo in dem Raum eine Kerze brannte.
Annie suchte den Schatten des Sessels, als eine unerwartete Bewegung ihr einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Sie machte einen Schritt zurück in den Schatten, bis ihr klar wurde, wie albern das war. Trotzdem beschleunigte sie ihren Schritt, als sie am Tor vorbeilief. Dann zwang sie sich, noch einmal stehenzubleiben und einen Blick zurückzuwerfen. Jetzt hatte sie einen deutlich besseren Blickwinkel und erkannte, dass in dem Ohrensessel am Fenster jemand saß. Grauschwarze Hosenbeine und Hausschuhe zeichneten sich als Schatten im warmen Gegenlicht ab und erzeugten in Kombination mit den bauchig geschwungenen Stuhlbeinen des alten Sessels ein Bild wie von Rembrandt. Der Anblick war jetzt nicht mehr gruselig, sondern anheimelnd. Annie beneidete den Mann dafür, dass er dort oben sitzen konnte. Fernab der Welt und der Wirklichkeit. Entrückt. Keine Fragen, kein Kummer, keine Ansprüche. Nur sitzen und sein. Dem Himmel näher.
»Glücklicher Mann«, murmelte sie, dann wandte sie sich endgültig ab und eilte nach Hause.
Im Laufe der Woche erlag sie mehrfach der Versuchung, die Satellitenansicht der Straße über Google aufzurufen. Sie zoomte auf den Garten des mysteriösen Hauses und suchte nach etwas, ohne zu wissen wonach.
Ohne ein Wort des Protestes packte sie am Dienstag ihre Sporttasche und legte wie immer ein Buch in das Seitenfach, weil sie sich angewöhnt hatte, das Haus nie ohne ein Buch zu verlassen. Es hatte sie bereits in vielen Situationen sowohl vom Reden als auch vom dummen Herumstehen bewahrt. Ohne ein Buch in der Tasche fühlte sie sich so nackt, als wäre sie ohne Hose unterwegs.
Annie spürte den skeptischen Blick ihrer Mutter, als sie das Haus verließ, und ignorierte ihn. Der Deal lautete, wie bei allem, das sie ausprobieren musste, drei Mal! Aber eigentlich war klar, dass ihre Mutter diesmal nicht nach dem dritten Mal aufgeben würde. Sie wusste, mit welcher Begeisterung Annie früher gespielt hatte.
Das Wetter war mild und Annie genoss den Wind in ihrem Gesicht. Schwungvoll nahm sie mit dem Fahrrad die Kurve und wich trotzdem noch geschickt dem kleinen Loch im Asphalt aus.
Silberdistelstraße.
Schon kurz nach der Ecke konnte sie zwischen all den geschorenen Hecken den Wildwuchs erkennen, hinter dem das Haus einen Teil seiner verwunschenen Pracht verbarg.
Ein Gefühl wie Heimat übermannte Annie völlig unvorbereitet. Es flutete jede Zelle mit Wärme und Sehnsucht.
Das Tor stand heute einen Spalt breit offen, als wollte es sie einladen und sie bremste ab, um dieser Einladung zu folgen. Ihr Blick flog nach oben zu dem Giebeldachfenster, das ihr verheißungsvoll zuzublinzeln schien und sie fragte sich: Was würden die Bewohner dieses Hauses sagen, wenn sie bei ihnen klingelte und fragte, ob sie in dem Dachzimmer vor dem Fenster lesen durfte? Sie stieg vom Fahrrad und näherte sich dem Tor. Nur ein paar Schritte noch und sie könnte an der Tür läuten.
Energisch rief Annie sich zur Vernunft. Kein normaler Mensch klingelte bei Fremden, um in deren Haus zu lesen. Man würde sie für verrückt erklären. Geistesgestört. Psychisch krank. Dabei war sie nur deshalb nach Freiburg gezogen, um diesen Stempel hinter sich zu lassen. Nur um der Normalität zu genügen, folgte sie den Anweisungen ihrer Mutter, so gut sie es vermochte.
Zehn Minuten vor Trainingsbeginn parkte sie ihr Fahrrad vor der Sporthalle und betrat die Umkleide. Sie war leer.
Annie verzog sich in den letzten Winkel, zog sich um und wartete. Als aber auch in den nächsten fünf Minuten niemand kam, fasste sie sich ein Herz und ging hinüber zu Frau Gerberschmied ins Büro.
»Annie. Ach du liebe Zeit! Dich habe ich ja ganz und gar vergessen. Lexa ist krank, wir mussten allen absagen.«
»Wir trainieren heute also nicht?«
»Du könntest ja, wenn du jetzt schon da bist, zu den anderen in ...«
»Nein, lieber nicht. Ich komme einfach nächste Woche wieder.«
Langsam ging sie zurück in die Umkleide, zog sich um und überlegte, wie sie ihrer Mutter glaubhaft machen konnte, dass sie diesmal nichts dafürkonnte. Früher war Vertrauen nie ein Problem gewesen.
Früher ...
Annie seufzte leise. Sollte sie nochmal zu Frau Gerberschmied gehen und sie bitten, ihre Mutter anzurufen, um es zu erklären? Aber dann müsste sie Frau Gerberschmied verraten, dass sie nicht ganz freiwillig hier war und womöglich würde die noch erzählen, dass sie Annie die andere Gruppe angeboten hatte.
Frau Gerberschmied war keine Option.
Während Annie ihr Fahrrad vom Ständer hob und sich fragte, wo sie die Zeit verbringen konnte, ohne zufällig gesehen zu werden, fing es plötzlich an zu tröpfeln.
Auch das noch, dachte Annie und schwang sich aufs Rad. Wo sie sich bei Regen knapp eineinhalb Stunden aufhalten sollte, war ihr ein Rätsel und so hoffte sie einfach auf ein wenig Glück, auch wenn die schwarzen Wolken, die den Schlossberg versteckten, wenig Glück versprachen.
Sie war kaum um die erste Ecke, als der Himmel seine Schleusen öffnete.
Der Regen hatte plötzlich eingesetzt und mit ihm kam der Wind. Er riss und rüttelte an Bäumen und Sträuchern und peitschte dicke Tropfen gegen die Fensterscheiben. Walter schloss die Augen und lauschte.
Regenwetter erinnerte ihn immer an den Tag, an dem er in dieses Haus gezogen war. Und obwohl das schon fast sechzig Jahre zurücklag, spürte er bei Regen immer noch diese tiefe Ruhe, die ihn damals erfasst hatte und in die er sich auch heute noch hineinsinken lassen konnte.
Da bimmelte es an der Tür.
Zaghaft. So, als wäre sich derjenige, der draußen stand, nicht sicher, ob er wirklich rein wollte. Es war ein Läuten, das, genau wie der Regen, Erinnerungen an eine Zeit weckte, als seine Welt noch in Ordnung gewesen war.
Mühsam stemmte er sich aus dem Sessel und schlurfte los.
Draußen blieb es still. Das begrüßte er. Es passte zu dem zaghaften Läuten.
Dieses Glöckchen, das am Türrahmen befestigt war, zu behalten, war Marta sehr wichtig gewesen. Keine elektrische Klingel - hatte sie gesagt. Bei einer Klingel klirren die Fenster und die Türen. Da gehen einem die Besucher auf die Nerven, bevor man sie empfangen hat. Oder man stirbt vor Schreck.
Und sie hatte Recht gehabt, auch wenn es ... ach je. Was wollte er gerade tun?
Ah … die Tür. Er musste zur Tür.
»Moment«, krächzte er. Das hatte er sich angewöhnt, weil viele Menschen ungeduldig wurden und dann erneut klingelten oder aber fortgingen. Niemand hatte mehr Zeit zu warten. Alles musste so schnell gehen. Und umso schneller alles ging, umso langsamer schien er zu werden. Und umso vergesslicher.
Die Vergesslichkeit ärgerte ihn am meisten. Manchmal so sehr, dass er in Zorn geriet, weil ihm etwas, von dem er genau wusste, dass er es wissen müsste, einfach nicht einfallen wollte. Zumindest nicht dann, wenn es ihm einfallen sollte. Und er hasste diesen wissenden Blick. Dieses Lauern. Er hasste die Zuversicht, mit der abgewartet wurde, dass es mit ihm zu Ende ging.
Nur, um denen nicht zu viel Hoffnung auf sein baldiges Aufgeben zu machen, ging er immer an die Tür. So schnell – nein, so langsam, wie er nun mal war.
Aber dieses Klingeln war zögernd gewesen. Vorsichtig. Das war keiner seiner Neffen.
Er öffnete.
Vor der Tür stand ein Mädchen. Dunkle Kleidung, braune Haare, große braune Augen, sehr zierlich, sehr ernst und nass bis auf die Haut. Die Tasche, die sie in der Hand hielt, tropfte genau wie ihre Haare und die Ärmel ihrer Jacke.
»Ja?«, sagte er.
»Ich wollte fragen ... « Sie stockte, schluckte und murmelte dann: »Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht stören.«
»Dafür ist es schon zu spät.«
Als sie ihn ansah mit diesem Samtbraun ihrer Augen und dieser Hilflosigkeit, die aus ihrer ganzen Haltung sprach, fühlte er einen Stich, und dann schlug sein Herz plötzlich kräftig gegen seine Rippen. So kräftig hatte er es schon Jahre nicht mehr gespürt.
Da stand dieses Kind vor seiner Tür, auf der Suche nach Schutz vor den Stürmen des Lebens und er gab den knurrigen Alten! Dass der Wind in diesem Moment das Tor erfasste und krachend zuschlug, sich die Äste der Hecke bis fast zum Boden krümmten und das Wasser aus der kleinen Regenrinne über dem Windfang in weitem Bogen auf die Steine prasselte, schien wie eine dramaturgische Untermalung des Sturms zu sein, der in diesem Mädchen tobte, ihre Hände zittern ließ und sich in ihren Augen spiegelte.
Sie presste die Lippen zusammen, straffte ein klein wenig ihre Schultern und sagte: »Ich bin bloß vor dem Regen geflüchtet … «
Das war eine Ausrede – der Versuch, etwas Offensichtliches heranzuziehen, um den wahren Grund für ihr Handeln zu verschleiern. Walter hatte lange genug mit Kindern und Heranwachsenden gearbeitet, um so etwas sofort zu erkennen. Er spürte aber auch, dass sie, wenn er diese Ausrede nicht akzeptierte, wieder hinaus in den Regen fliehen würde.
»Ein scheußliches Wetter«, bestätigte er deshalb. »Tritt ein.«
Es war ein Ritualsatz. Eine Einladung. Eine Zauberformel, die er in letzter Zeit viel zu selten benutzt hatte. Der gleiche Satz hatte auch ihn damals in dieses Haus geführt.
»Ich hole dir ein Handtuch«, sagte er gleich darauf und machte den Eingang frei.
Von seiner Frau Marta hatte er gelernt, dass es Wege gab, die man alleine gehen musste. Er hatte dem Mädchen die Tür geöffnet, hereinkommen musste es selbst. Den meisten Menschen fiel das nicht schwer. Walter kannte keinen anderen Ort auf der Welt, der einen so sehr willkommen heißen konnte, wie dieses Haus und er hoffte, dass es ihr genauso ging.
Lange durchstöberte er im Badezimmer den Schrank und suchte außer einem Handtuch auch einen Putzlumpen, mit dem er das Wasser, das von ihr tropfte, wegwischen konnte. Als er wieder in den Flur trat, sah er sie unsicher auf der Fußmatte stehen. Die Tür hatte sie hinter sich geschlossen.
»Trockne dich ab, ich koche derweil einen Tee zum Aufwärmen.«
»Machen Sie sich nicht so viele Umstände, ich bin schon froh, wenn ich hier stehen kann, bis das Unwetter ein bisschen nachlässt.«
»Dich da hinter der Tür stehenzulassen, kann ich mit meiner altmodischen Erziehung nicht vereinbaren«, brummte Walter und grinste dann spitzbübisch. »Zu meiner Zeit erwiderte man auf eine Einladung zum Tee: Vielen Dank, gegen ein Tässchen Tee möchte ich nichts einwenden.«
»Sie sind sehr freundlich.«
»Komm einfach in die Küche, wenn du soweit bist.«
Walter summte eine alte Melodie und fühlte sich so leicht, wie schon lange nicht mehr, als das Mädchen barfuß in die Küche kam und sich scheu umsah.
»Das Haus ist sehr schön«, sagte sie artig. »Wohnen Sie ganz allein hier?«
»Im Moment ja«, antwortete Walter vage, musterte sie kurz und sagte dann: »Menschenskind! Du bist ja immer noch ganz nass, und ohne Strümpfe holst du dir den Tod.« Er sah, wie sich ihre Augen kurz weiteten und sie dann eher unbewusst mit den Schultern zuckte, als sei ihr die Aussicht auf den Tod relativ egal. »Komm mit, im Dachgeschoss gibt es noch ein paar Sachen von meiner Frau.« Er hielt ihr eine Tasse dampfenden Tee hin, und als sie sie nahm, ging er langsam voran die Treppe hinauf.
Den Treppenlift beachtete er nicht. Wie sein Neffe bloß auf den Gedanken gekommen war, dass er sowas brauchte? Natürlich schmerzten seine Knie, und er musste sich mit der Hand gut am Geländer festhalten und ziehen, damit er nach oben kam. Aber das machte ihm nichts aus. Jede Stufe war eine Herausforderung und sagte ihm, dass er sich viel zu wenig bewegte und gleichzeitig war sie eine Bestätigung, dass er diesen verdammten Lifter nicht brauchte. Im ersten Stock blieb er kurz stehen, um Luft zu holen und für die nächsten fünfzehn Stufen Anlauf zu nehmen, aber er wusste, dass das letzte Stück das einfachste war. Dass ihm das Atmen dort oben leichter fiel und ihn die Last seiner Jahre dort nicht so sehr drückte. Trotzdem war er ganz schön aus der Puste, als er im zweiten Stock ankam.
»Da drin«, keuchte er und hielt sich immer noch am Geländer fest.
»Alles in Ordnung?«, fragte die Kleine besorgt.
»Mach dir keine Gedanken. Such dir aus, was du brauchst, in dem Schrank auf der linken Seite. Ich warte unten. Nicht schüchtern sein!«, mahnte er.
Damit drehte er sich um und stieg die Stufen wieder hinab. Im ersten Stock blieb er erneut stehen, aber diesmal nicht um durchzuatmen, sondern, um dem seltsam freudigen Pochen seines Herzens nachzuspüren.
Er hatte einen Gast nach so langer Zeit. Es war also noch nicht alles verloren. Wenn er nur Marta davon erzählen könnte. Er blickte in den Flur, der nur von der Lampe des Treppenhauses erhellt wurde und sich weiter hinten in der Dunkelheit verlor. Fünf Türen gingen davon ab und hinter jeder dieser Türen lag ein leeres Zimmer. Schlafend. Wartend. Durstig nach Leben. Und träumend in Erinnerungen.
Er war ein lausiger Statthalter.
Mit einem leisen Seufzen packte seine Hand das Treppengeländer und er stieg die letzten Stufen hinab.
Das sollte ich öfter machen - dachte er, als er sich in seinen Fernsehsessel setzte. Rauf und dann gleich wieder runter. Aber er wusste, dass es unrealistisch war. Wenn er die zwei Stockwerke erstmal überwunden hatte, um die alte Standuhr aufzuziehen, die sich störrisch weigerte, seine Mühe mit dem so lange vermissten Gong zu belohnen, setzte er sich immer in den Sessel am Fenster und blickte hinaus auf die Gärten und Häuser der Nachbarn, die sich in den letzten Jahren stark verändert hatten und er dachte an Marta, die dort gesessen hatte, wenn sie mit ihrer Handarbeit beschäftigt war.
Als sie noch lebte, hatte er sich manchmal am Nachmittag, wenn das Licht in dem Zimmer am schönsten war, dazugesetzt und in einem Buch oder einer Zeitung gelesen. Aber Bücher lesen konnte er schon eine Weile nicht mehr. Da kam er immer wieder durcheinander. Darum beschränkte er sich nur noch auf die Zeitung. Und das war gut so. Denn es ärgerte seine Neffen, wenn er ihnen demonstrierte, dass er immer noch am Puls der Zeit lebte ... obwohl sie für ihn vor Jahren stehengeblieben war.
Schritte auf der Treppe schreckten ihn aus einem kurzen Nickerchen auf. Wer war das?
»Ich muss jetzt nach Hause gehen«, flüsterte die Kleine.
Die Worte las er mehr von ihren Lippen, als dass er sie hören konnte. Dass man mit älteren Menschen lauter sprechen musste, hatte ihr wohl niemand gesagt.
»Hat der Regen nachgelassen?«, fragte er und machte Anstalten aus seinem Sessel aufzustehen. Die elektrische Funktion des Sessels, die ihm das erleichtert hätte, ignorierte er.
»Ja, ein bisschen. Ich glaube, jetzt schaffe ich es bis nach Hause. Die Sachen Ihrer Frau bringe ich in den nächsten Tagen zurück.«
»Ich freue mich, wenn du wiederkommst.«
Sie standen etwas unschlüssig voreinander. Das war ein Problem, das er schon immer hatte. Es fielen ihm selten die richtigen Worte ein. Worte, die Marta immer ganz selbstverständlich über die Lippen gekommen waren und die alles leichter gemacht hatten, fehlten ihm.
»Danke, dass Sie mir geholfen haben«, sagte das Mädchen. »Ich habe das Fenster des Zimmers da oben schon ein paar Mal von der Straße aus bewundert. Es ist ein wunderbarer Raum. So friedlich.«
»Es war das Lieblingszimmer meiner Frau«, sagte er. »Marta.«
Das Mädchen nickte, als würde es ihn verstehen. Ihre großen Augen veränderten ihren Ausdruck. Fast schien es, als wollten sie ein Lächeln andeuten. »Vielen lieben Dank«, sagte sie ernst.
»Es war mir eine Freude«, erwiderte er. Das war keine Floskel. Es war ihm eine sehr große Freude, sie hier zu sehen, mit ihr zu sprechen. Schade nur, dass sie jetzt gehen wollte.
»Ich heiße übrigens Annie Gruber.«
»Ich bin Walter Tannholz.«
»Tschüss, Herr Tannholz.«
»Auf Wiedersehen«, betonte er.
Annie zog das Tor hinter sich zu. Metall traf auf Metall und verursachte ein leises Klicken, gefolgt von einem Wassertropfenschauer, der sich aus den Verästelungen löste. Mit einem letzten, wehmütigen Blick sah sie hinauf zu dem Fenster, das nun, da sie das Zimmer, das dazu gehörte, kannte, eine noch größere Anziehungskraft auf sie ausübte.
Als sie bei strömendem Regen hier vorbeigegangen war, hatte Annie den Eindruck gehabt, dieses Fenster würde sie geradezu auffordern, an der Tür zu klingeln. Nass bis auf die Haut hatte sie sich eingeredet, dass der Regen ein guter Grund war, bei fremden Menschen zu läuten, aber ihr war bewusst, dass sie das bei keinem anderen Haus getan hätte … egal bei welchem Wetter.
Dieses Haus und dieses Fenster hatten sie von Anfang an in ihren Bann gezogen. Der heftige Regen war eine gute Ausrede gewesen und die Gewissheit, dass ihre Mutter sie zuhause mit einem ebenso prasselnden Fragengewitter empfangen hätte, hatte ihren Mut unterstützt, an der Tür zu läuten.
Trotzdem hatte ihr Herz bis zum Hals geschlagen, und sie hatte fest damit gerechnet, abgewiesen zu werden.
Doch dann hatte ihr der alte Mann geöffnet und sie hereingebeten. Als sie über die Türschwelle getreten war, hatte ein wohliges Prickeln in ihrem Nacken die Angst vor ihrem eigenen Mut mit dem untrüglichen Gefühl, willkommen zu sein, beschwichtigt. Aber nicht ganz. Schließlich war sie hier allein mit einem fremden Mann in dessen Haus, während niemand wusste, wo sie sich befand. Sie hatte das Gegenteil dessen getan, was die lebenslange Ermahnung, sich vorzusehen, gebot. In ihrem Kopf hatten sich auch sofort alle möglichen Horrorszenarien abgespielt und einen Konflikt zwischen Vernunft und dem unerklärlichen Geborgenheitsgefühl geschürt, so dass sie nach dem Eintreten erst einmal keinen Schritt weitergegangen, sondern unschlüssig auf der Fußmatte stehengeblieben war.
Doch dann war der alte Herr Tannholz so lieb zu ihr gewesen, dass alle Angst verpuffte. Als er sie auch noch hinauf in das Zimmer führte, das sie auf so geheimnisvolle Art anzog und sie dort alleine ließ, glaubte sie, nun endgültig aus der Realität gefallen zu sein. »Such dir aus, was du brauchst«, hatte er gesagt und auf einen Schrank gezeigt, in dem wider alle Erwartungen nicht etwa altmodische Spitzenkleider verwahrt waren, sondern gebügelte T-Shirts, sorgfältig gefaltete Leggins und sauber zusammengelegte schwarze Socken. Alles zwar ein wenig zu weit, aber dennoch besser als das, was an Annies Körper klebte.
Während sie sich umgezogen hatte, hatte das tiefe Ticken der großen Standuhr eine einwiegende Melodie gesungen. Annie war ans Fenster getreten und hatte die Wassertropfen, die daran hinabflossen, beobachtet, während sich in ihrem Inneren das irreale Gefühl genau am richtigen Ort zu sein, eingenistet hatte. Und so hatte sie sich in den Sessel, der schräg neben dem Fenster stand, gekuschelt und wie selbstverständlich nach dem Buch gegriffen, das aufgeschlagen auf dem Beistelltisch gelegen hatte. Erst beim Lesen hatte sie bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte an einer ganz anderen Stelle aufgehört. Einen Moment war sie verwirrt gewesen, bis ihr klar wurde, dass diese Ausgabe von Goethes Faust nicht ihre war, denn die hatte sich in ihrer Sporttasche unten im Flur befunden.
Nach einer Weile hatte die Standuhr einen tiefen Gong von sich gegeben, der Annie daran erinnerte, dass sie nach Hause gehen musste.
»Ich freue mich, wenn du wiederkommst«, hatte der alte Herr Tannholz zum Abschied gesagt, und das hatte sie gefreut.
Freude - ein Gefühl, das sich schon sehr lange nicht mehr bei ihr eingeschlichen hatte. Es fühlte sich verboten an und hatte trotzdem etwas Belebendes.
Annie trat kräftig in die Pedale, denn es war reichlich spät geworden.
Er wollte nur nett sein - mahnte sie sich in Gedanken, um dieser Freude nicht zu viel Raum zu geben. Oder mich in die Falle locken - grummelte ein anderer paranoider Gedanke in ihrem Hinterkopf. Der nette, alte Mann und das fremde, junge Mädchen, diese Kombination ging in keinem Buch und in keinem Film, den sie kannte, gut aus. Aber dann dachte sie an seine Augen. Tief, blau, weise. Sie dachte an sein Auftreten in Strickpulli und Flanellhose, den Kragen des Polohemdes ordentlich über den V-Ausschnitt geschlagen. Die weißen, vollen Haare. Aber vor allem dachte sie an seine Hand auf dem Treppengeländer. Eine schmale Hand mit schlanken Fingern, die es gewohnt waren, einen Stift zu halten oder ein Buch. Auf dem Handrücken zeichneten sich die vielen Jahre, die er gelebt hatte, in dicken Adern und braunen Flecken ab. In Falten. Aber nichts davon konnte darüber hinwegtäuschen, dass diese Hände einem kultivierten Mann gehörten. Genau wie seine Augen.
Und er las den Faust, genau wie sie.
Am nächsten Tag konnte sie sich kaum konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken in das Giebeldachfensterzimmer ab. Sie war aufgeregt, als hätte sie ein großes Abenteuer bestanden, obwohl sie nur still dagesessen hatte.
Alle Versuche, das Erlebte in eine vernünftige Relation zu bringen, scheiterte jedoch an diesem Gefühl innerer Aufgewühltheit. Jedes Knarzen des alten Hauses, jede Linie auf der Hand des alten Mannes und erst recht das rätselhafte Rasen der Zeit hatten so starke Eindrücke hinterlassen, dass sie glaubte, innerlich überzulaufen.
Die ganze Welt um sie herum schien sich zudem verändert zu haben. Sie sah ihre Klassenkolleginnen miteinander tuscheln und lachen, wie sie es immer taten, doch heute hatte sie nicht das Bedürfnis, sich ihnen so schnell wie möglich zu entziehen. Sie huschte nicht mit hochgezogenen Schultern an ihnen vorbei, in der Hoffnung, nicht angesprochen zu werden, sondern lauschte sogar ein bisschen. Es ging um Jungs. Mara hatte scheinbar eine Einladung zu einem Date ... doch nicht von ihrem Traumprinzen. Fast hätte Annie geschmunzelt, aber ihre Mundwinkel waren, was das anbelangte, eingerostet. Im letzten Moment wich sie Leon aus, den ein kräftiger Schulterschlag von Tim aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Kurz trafen sich ihre Blicke. Ein Ausdruck von Erkennen zeichnete sich in Leons Augen ab, ehe er sich wieder zu seiner Gruppe dazugesellte.
Sie hatten sich hier in der Schule schnell damit abgefunden, dass Annie unsichtbar bleiben wollte. Sie wurde nicht gehänselt oder bewusst gemieden. Sie war einfach ein Geist. Freiwillig. Es machte die Sache leichter. Auch wenn ihre Mutter das nicht verstand. Einsamkeit war für sie überlebensnotwendig.
Am Nachmittag schien die Sonne und überredete Annie dazu, sich auf ihr Fahrrad zu setzen und ein bisschen herumzufahren. So ein Kunststück gelang der Sonne nicht oft, aber heute fühlte sich Annie deutlich anders als sonst.
Eine ganze Weile schaffte sie es, sich vorzumachen, dass sie nur die Umgebung besser kennenlernen wollte, aber schließlich stand sie doch wieder in der Silberdistelstraße vor dem alten Haus mit dem Giebeldachfenster und der Dornröschenhecke.
Der Gedanke an hundert Jahre Tiefschlaf hatte etwas durchaus Verlockendes. Genauso verlockend, wie der Gedanke zu klingeln und Herrn Tannholz zu bitten, sie noch einmal in das Zimmer mit dem Giebeldachfester zu bringen. Aber sie hatte leider die ausgeliehene Kleidung nicht dabei, die ihr als Vorwand hätte dienen können.
»Kann ich dir helfen?«, fragte die Stimme einer Frau in recht abweisendem Ton.
Annie blickte in das Gesicht einer etwa Fünfzigjährigen mit blondiertem Kurzhaarschnitt. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und musterte Annie kritisch von oben bis unten. Helfen wollte sie ihr bestimmt nicht, da hatte Annie keinen Zweifel. Vertreiben wollte sie sie.
Annie schüttelte bereits den Kopf und machte Anstalten zu gehen, als sie plötzlich das Gefühl hatte, dass sie gebraucht wurde.
»Ist Herr Tannholz da?«, fragte sie.
Das Gesicht der Frau wurde - falls das überhaupt möglich war - noch abweisender.
»Was willst du von ihm?«
Ihn vor dem Drachen beschützen, dachte Annie.
Sie las definitiv zu viele Märchen und sollte jetzt lieber gehen. Sie wusste schließlich gar nichts über den alten Mann. Sie hatten gestern nur wenige Worte miteinander gewechselt. Womöglich war diese Frau seine Tochter, hier, um sich um ihn zu kümmern. Er war nicht mehr sehr kräftig und hatte es kaum geschafft, die vielen Stufen in den zweiten Stock zu steigen. Er brauchte jemanden, der sich um ihn kümmerte.
»Bekomme ich heute noch eine Antwort?«, blaffte die Frau Annie an.
Etwas an der Art, wie sie dastand und etwas forderte, was ihr nicht zustand, weckte Annies Rebellengeist und ihren Wunsch, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass es Herrn Tannholz gut ging. Er war sehr freundlich zu ihr gewesen und er hatte gesagt: »Komm wieder.« Sie musste wissen, ob er das wirklich so gemeint hatte.
»Er hat mir ein Buch geliehen, das wollte ich ihm zurückbringen«, log sie spontan.
Sie konnte dem Gesichtsausdruck der Frau entnehmen, dass sie ihr kein Wort glaubte. Also stellte Annie das Fahrrad ab, zog ihren Rucksack vom Rücken und kramte das Buch hervor. Die Ausgabe von Faust, die Annie auf einem Flohmarkt erstanden hatte und die genauso aussah wie die im Giebeldachfensterzimmer, nur, dass ihr Buch seit gestern mit ein paar Wasserflecken verziert war.
»Wieso leiht er dir ein Buch? Woher kennt er dich überhaupt?«
»Wieso belästigen Sie meine Gäste, Frau Reinhart? Haben Sie nichts Besseres zu tun?«, fragte Herr Tannholz, der für Frau Reinhart unerwartet im Flur aufgetaucht war.
»Um Gotteswillen haben Sie mich erschreckt«, fauchte sie.
Herr Tannholz schenkte Annie seinen warmen Blick und, als Frau Reinhart nicht hinschaute, zwinkerte er ihr zu. »Komm herein, mein Kind.«
»Aber zieh deine Schuhe aus, ich habe hier gerade erst gewischt.« Damit dampfte Frau Reinhart ab.
Annie blieb unschlüssig vor der Tür stehen.
»Geht es Ihnen gut?«, fragte sie leise und deutete auf die Tür, hinter der Frau Reinhart verschwunden war.
Herr Tannholz lächelte milde und nickte. »Die ist immer so«, flüsterte er verschwörerisch. »Was führt dich zu mir?«, fragte er gleich darauf so laut, dass man ihn gewiss auch durch die Tür hören konnte.
»Lauscht sie?« Annie sprach so leise wie möglich und hoffte, dass er diese Frage von ihren Lippen ablesen konnte. Dass er nicht besonders gut hörte, war ihr gestern bereits aufgefallen.
Er nickte.
»Ich bringe Ihnen das Buch zurück«, sagte nun Annie so laut, dass sie sicher gehört wurde. Dabei tauschte sie mit Herrn Tannholz einen vielsagenden Blick.
Er verstand ihr Manöver sofort. Sein schelmisches Grinsen begann mit einem Aufleuchten seiner Augen und einem Zucken in den Mundwinkeln, ehe es sein ganzes Gesicht eroberte.
Annie spürte, wie sie dieser leise Heiterkeitsausbruch mitriss. Wie er eine Mauer in ihr zum Einsturz brachte und auch ihre Mundwinkel befreite.
»Hat es dir denn gefallen?«, fragte der alte Mann mit einem spitzbübischen Blick auf die Tür und kicherte dabei wie ein Teenager.
Es war so leicht mit ihm, stellte Annie fest. Sie kannten sich nicht, hatten gestern nur wenige Sätze miteinander gesprochen und trotzdem hatte er es geschafft, dass sich so etwas wie ein Lächeln in ihr Gesicht schlich.
»Das Buch ist wunderbar, allerdings glaube ich, dass ich nicht ganz verstanden habe, warum er so gehandelt hat.«
»Wenn du ein bisschen Zeit hast, können wir gerne darüber sprechen.«
Annie zog das Handy aus der Hosentasche und sah auf die Uhr. Noch etwas mehr als zwei Stunden, ehe ihre Mutter nach Hause kommen würde.
»Ein bisschen Zeit habe ich«, erwiderte sie zögerlich.
»Tritt ein!«, forderte er sie nochmal auf. »Frau Reinhart hat mir Tee gemacht. Und Tee kann sie wirklich gut.« Seine blauen Augen strahlten und verjüngten sein Gesicht um Jahrzehnte. Dann wandte er sich um und ging ihr voraus ins Wohnzimmer.
Annie hatte die Tür kaum hinter sich geschlossen, da umfing sie, wie eine warme Decke, das Gefühl, willkommen zu sein. Sie zog artig ihre Schuhe aus, denn mit Frau Reinhart wollte sie sich auf keinen Fall anlegen, und folgte Herr Tannholz ins Wohnzimmer.
Mit einer beiläufigen Geste deutete er ihr an, Platz zu nehmen, schlurfte zum Schrank, holte eine Tasse heraus und stellte sie auf den Beistelltisch neben ihren Sessel. Dann setzte er sich ihr gegenüber in seinen.
»Schullektüre oder freiwillig?«, fragte er und deute auf ihr Buch.
»Freiwillig«, antwortete Annie und verstaute Goethes Faust verschämt in ihrem Rucksack. Alter Mann, junges Mädchen und Mephisto ... tolles Thema für den heutigen Nachmittag.
Er lächelte. »Zum Glück kein tagesaktueller Krimi. Mit dem wärst du nämlich nicht an ihr vorbeigekommen.«
Annie ließ ihren Blick über die mit Hunderten von Büchern bestückte Regalwand gleiten. Ein Traum. »Erstmal muss man die Klassiker kennen, um beurteilen zu können, was von Bedeutung ist.«
»Du scheinst ein intelligentes Mädchen zu sein und ich traue dir zu, dass du Triviales von Bedeutungsvollem unterscheiden kannst, ohne alle Klassiker gelesen zu haben.«
»Danke«, murmelte Annie.
»Meine Frau zum Beispiel hat nicht halb so viel gelesen wie ich, aber sie war der klügste Mensch, den ich kannte. Sie wusste immer, was bedeutend ist und was Zeitverschwendung.«
Annie nahm einen Schluck von ihrem Tee, denn sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
»Dass ich das sage, hat nichts damit zu tun, dass ich ein alter, einsamer Mann bin. Marta war ein wirklich ganz und gar besonderer Mensch. Als wir uns kennenlernten, damals Anfang der fünfziger Jahre, war sie noch ein Mädchen mit schwingendem Zopf und ich ein junger Mann. Aber ich möchte dich nicht mit alten Geschichten langweilen.«
»Oh nein, erzählen Sie! Bitte! Alte Geschichten sind genau mein Ding.«
»Das ist sehr freundlich von dir.« Er zögerte.
Annie auch. Sie wollte diese Geschichte unbedingt hören, aber sie wollte ihn nicht bedrängen, sie zu erzählen. Möglicherweise war es schmerzhaft für ihn, sich daran zu erinnern. Und mit Schmerz, an den man lieber nicht rührte, kannte Annie sich aus. Man bekam weder die Menschen noch die Zeit zurück, wenn man über sie redete.
Sie nahm noch einen Schluck aus ihrer Tasse und hoffte, dass er irgendetwas sagte. Doch das tat er nicht. Er wirkte jetzt so versunken, dass sie sich nicht sicher war, ob er sie überhaupt noch wahrnahm.
Sie beobachtete ihn, wie er nach seiner Teetasse griff und sie mit beiden Händen umfasste, ohne daraus zu trinken. In der goldgelben Flüssigkeit schien er Erinnerungen zu finden, die ihn zum Lächeln brachten. Das machte ihr Mut.
»Wenn Sie bereit sind, mir Ihre Geschichte zu erzählen, würde ich mich sehr freuen, sie zu hören«, startete Annie einen Versuch, an diesen Erinnerungen teilzuhaben. »Das Zimmer, im Dachgeschoss, war das Zimmer Ihrer Frau, sagten Sie.«
»Das ganze Haus gehörte ihr, ... zumindest stand es so im Grundbuch. Sie vertrat eine etwas andere Meinung ... Aber das ist nicht der Anfang.«
»Wie fing es denn an?«, fragte Annie und lehnte sich erwartungsvoll zurück, als er Luft holte und zu erzählen begann.
„Je freier man atmet, desto mehr lebt man.“ Theodor Fontane
Freiburg 1956
»Sohn, wir müssen sprechen!«, sagte mein Vater nach dem Abendessen und zog an seiner Zigarette. »Hilde, ein Bier!«, befahl er gleich darauf in Richtung Küche, wo meine Mutter mit Töpfen und Geschirr hantierte.
Sie war stumm, seit er im Oktober vergangenen Jahres mit den letzten zehntausend Kriegsgefangenen aus Russland zurückgekehrt war. Er nicht. Er war laut und griesgrämig.
»Ich hol dir eines«, bot ich an, in der Hoffnung diesem Gespräch, das für mich sehr unerfreulich zu werden versprach, zu entkommen.
»Du bleibst hier. Sie macht das schon!« Er sah mich mit diesem besserwisserischen Vaterblick, den ich zu hassen gelernt hatte, an.
»Du wirst dir eine richtige Arbeit suchen«, brachte er das Thema gleich auf den Punkt.
»Wenn du das wünschst, werde ich neben meinem Studium …«
»Ich sagte: Eine richtige Arbeit. Acht Stunden jeden Tag. Von Montag bis Freitag«, unterbrach mich mein Vater.
»Aber das geht nicht ...«, versuchte ich einzuwenden.
»Ab sofort ist mit dieser Fakultät und mit deinen philosophischen Flausen Schluss«, fuhr mein Vater heftig dazwischen.
Mutti kam mit einem Bier ins Esszimmer. Die Schultern hochgezogen und leicht nach vorne gebeugt.
»Der Junge ist doch so gescheit«, wandte sie zaghaft ein. Dieser Satz kostete sie viel Kraft und all ihren Mut. Sie schwankte leicht.
»Misch dich da nicht ein!«, beendete mein Vater ihren Mut.
Sie wurde noch kleiner und verschwand schleunigst zurück in die Küche.
»In einem guten Jahr habe ich meinen Abschluss.«, versuchte ich es kämpferischer, als ich mich fühlte.
»Einen Abschluss als Dummschwätzer?«, spottete mein Vater. »Ich hab mich klar ausgedrückt.«
Damit war das Gespräch für ihn beendet. Er griff nach seiner Zeitung und lehnte sich zufrieden zurück.
Vor Wut bebend grollte ich: »Ich lass mir von dir nicht mein Leben …«
»Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, tust du, was ich dir sage!«, donnerte mein Vater dazwischen, klappte seine Zeitung auf und baute damit eine Mauer zwischen ihm und mir.
Meine Mutter behauptete, er sei vor dem Krieg ein liebevoller Vater gewesen. Ich erinnerte mich nicht mehr daran. Für mich war er ein Fremder. Ein Tyrann.
