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»Hintergrund für Liebe«, der Roman eines Sommers, entstanden 1932/33, erzählt die Geschichte des Beginns einer großen Liebe während einer Flucht auf Zeit aus den kippenden Verhältnissen in Deutschland: »Hie Cointreau, hie Pernod rufen die Plakate – Hitler und Hindenburg sind weit«. Der zwanzig Jahre ältere Mann, ein Bonvivant und Ladies' Man, muß von der jungen Frau, die mit ihm im Auto nach Südfrankreich reist, erst verlassen werden, damit er begreift, was in dieser Beziehung – und im Leben – wirklich zählt. Sie verzichtet auf ihn, zieht sich nach Saint-Tropez in ein winziges Häuschen im Schilf zurück, lebt ihr eigenes Leben, findet neue Freundschaften und Ruhe in sich selbst. Der Mann trifft sie zufällig wieder und ist beeindruckt von ihrer Kraft und Unabhängigkeit. Doch leicht macht sie ihm den Beginn eines gemeinsamen Lebens nicht. Sie fordert von ihm grundsätzliche Veränderungen in seiner Haltung zu sich und der Welt und eine Rückkehr zur Einfachheit. Am Schluß hat die junge, mittellose, unerfahrene Frau dem älteren, wohlhabenden, erfahrenen Mann den Hintergrund für Liebe, den er ihr zum Geschenk machen wollte, einfach aus der Hand genommen, radikal verändert und ihm zurückgeschenkt. Marion Detjen ergänzt diesen deutlich autobiographischen Roman Helen Wolffs mit einem Essay, der die Situation Kurt und Helen Wolffs in den ersten Jahren ihres gemeinsamen Lebens und Arbeitens schildert.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Helen Wolff
Hintergrund für Liebe
Das Buch eines Sommers
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Weidle Verlag, Göttingen 2025
Wallstein Verlag GmbH
Geiststr. 11, 37073 Göttingen
www.wallstein-verlag.de
Der Weidle Verlag ist ein Imprint der Wallstein Verlag GmbH.
© Essay: Marion Detjen
Die Ausgabe folgt dem Typoskript im Nachlaß Helen Wolffs
unter Berücksichtigung handschriftlicher Korrekturen
in dem Exemplar der Zentralbibliothek Zürich,
Verlagsarchiv Oprecht / Europa-Verlag. Orthographische
Besonderheiten wurden beibehalten, Rechtschreibung
und Zeichensetzung ansonsten behutsam angepaßt.
Lektorat: Stefan Weidle
Korrektur: Kim Lüftner, Ludger Tolksdorf
Erfassung: Schreib- und Büroservice Thiel, Berlin
Fotos: Privatbesitz Christian Wolff
Einbandillustration: Kat Menschik
Gestaltung und Satz: Friedrich Forssman
ISBN (Print) 978-3-8353-7500-0
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-7710-3
Umschlag
Titel
Impressum
Helen Wolff: Hintergrund für Liebe
Marion Detjen: »At my death, burn or throw away unread!« – Zum Hintergrund des Hintergrunds
Über das Buch
Dies also ist wirklich Aufbruch. Decken und große Koffer und Mäntel, viele Karten, und Brillen gegen Staub und Sonne; Schokolade, harte Eier, Cognac, Bananen – denn es soll eine lange Reise werden, eine Reise ohne Mittagessen, mit hastigen Bissen vor gesperrten Bahnübergängen und mißvergnügtem Kauen, wenn es bei den Grenzen zu langsam geht.
Wir haben einen langen Winter hinter uns, Arbeit und Sorgen, Regen, Nebel, Hagel und Schnee. Es ist fünf Uhr früh. Wir haben das Gefühl durchzubrennen, in das leichte Leben, in die besonnte Welt. Es ist fast wie Verrat, diese Reise im Morgengrauen, Verrat an den Freunden, die frierend zurückgeblieben sind, Verrat am Morgen- und Abendblatt, das uns jetzt immer viel zu spät erreichen wird, schon fast geruchlos und fast nicht mehr wahr. Wir haben Schuldgefühle, während Deutschland unter uns entgleitet und aufgefressen wird von den vier Rädern unseres Complicen und der Scheibenwischer, eifriger Helfershelfer, den feinen kalten Sprühregen emsig beiseite schiebt.
Wir sind unterwegs, der Wagen, Du, und ich.
O ja, trotz allem, es ist eine Lust, unterwegs zu sein. Es kann uns dies und das passieren, ein Pneu kann platzen, ein Unfall uns zurückholen, wie ein Gendarm, der den Ausreißern auf den Fersen ist – aber jeder Kilometer macht uns sicherer. Das ungewisse Licht der Frühe wird gewisser und zuversichtlicher. Wir sind unterwegs …
Ich rücke näher an Dich. Du hast dicke Handschuhe an, das Kamel, das gute Tier, als Reisemantel, Du verschwindest in seiner warmen Haut und bist sehr beschäftigt mit Deinen Kurven, Deiner glatten Straße und den Hindernissen, die sich Deiner Eile entgegenwerfen. Ich weiß, später wird es besser, klarer, Dein angestrengter Blick entspannt sich, wenn die Welt aus dieser Stunde in den entzauberten Morgen übergeht. Aber noch sehen Büsche aus wie Heuwagen und Heuwagen wie Büsche, noch ist Gefahr, die Bauern haben lange Stangen seitlich an ihren Wagen, und das frühe Licht versteckt sie. Wir wollen doch weiter, wir wollen nicht stolpern, wir sind unterwegs.
»Es ist wunderschön«, sage ich. »Noch nicht ganz wahr.«
Der Wagen biegt scharf zur Seite. Irgendein Urwelttier schwankt uns entgegen und dröhnt und knattert an uns vorbei.
»Das war lebensgefährlich«, sagst Du.
»Du hättest hupen sollen.«
»Um sechs Uhr früh?«
Die Straßen sind abenteuerlich wie ein Dschungel. In jeder Kurve kann etwas lauern und uns anspringen. Aber wir lieben Abenteuer und lassen uns ihren Wind um den Kühler wehen.
»Annemarie hat gesagt: Wie könnt ihr an diese mondäne Allerweltsküste …«
Du: »Wart’s ab …«
Ich versinke wieder in Schweigen und Rausch. Wir zählen Kilometer, wir voranschlagen Stundendurchschnitte. Du erzählst mir von den breiten und geraden Straßen Frankreichs, tout droit, tout droit, comme un billard, Madame – mit den gefleckten Platanenstämmen rechts und links. Wir sprechen von der Reise, nicht von uns, obwohl dies auch ein Aufbruch ist aus alten Gewohnheiten in neue. Wir haben Mahlzeiten zusammen genommen, Musik zusammen gehört, miteinander getanzt, Gespräche geführt, uns gestritten und auch geliebt. Aus vielen Stunden bist Du mir vertraut, aber wie Du beim Rasieren aussiehst, das weiß ich nicht. Ich kenne nicht Deine Vormittagslaune und Dein Schweigen bei der Arbeit, ich kenne nur Deine Ausnahme, nicht Deine Regeln. Diese Reise soll uns in Gemeinsamkeit führen, wir wollen noch andere Abenteuer bestehen als bisher. Wir fordern uns nicht mehr heraus zum kleinen Krieg und zum kleinen Frieden, wir wagen uns an den großen Drachen, der jeder Tag heißt und die Höhle jede Nacht bewohnt. Wie lange wird es dauern, und ich werde alle Vorräte erschöpft haben, die angelesenen, die erinnerten, und ich werde Dich nicht mehr mit Worten bezaubern können, weil Du sie alle schon kennst. Und Du wirst merken, wie leicht ich müde werde, und – aber vor dem, was ich merken werde, habe ich keine Angst.
»Was denkst du?«
Nein, ich sage Dir nicht, wovor ich Angst habe.
»Wieviel Kilometer bis zur Grenze?«
»Hol die Karte heraus.«
Ich hole die Karte. Ich suche mühsam die Orte und kann die Straße nicht finden. Schließlich finde ich sie und kann die Kilometer nicht addieren. Ich sinke in Deiner Achtung. Ich soll das Steuer halten. Nein, ich bin keine Diana der Landstraße, keine kühne Ritterin vom Steuerrad, das merkst Du allzufrüh. Ich träume leicht und sehe Bäume statt Meilensteinen und Dächer statt Dorfnamen. Wenn Du mich für tüchtig gehalten hast …
»Woran denkst du?«
»Ich denke, ob wir ein Häuschen finden werden …«
»Wollen wir nicht im Hotel wohnen? Das ist doch viel bequemer.«
»Alle Leute wohnen im Hotel. Nein, es muß ein Häuschen sein. Und es soll auf einer Wiese stehen, und eine weiße Katze soll auf dem Brunnen sitzen, und sie soll schnurren, wenn man sie nur ansieht. Und ich will einen Feigenbaum vor der Türe, und dann wollen wir alt werden wie Philemon und Baucis und nie wieder fortgehen, nie wieder nach München oder Berlin.«
»Ja«, sagst Du ernst und gibst Vollgas, denn die Straße ist jetzt ganz gerade und fast breit. »Ja. Nie wieder, bis zum Herbst.«
Bis zum Herbst, hat er gesagt, denke ich, das kann September sein oder November. Aber danach fragt man nicht. Bis zum Herbst ist eine lange Zeit, das sind mehr als Monate, das sind ja Vierteljahre. Du schneidest mit ein paar Worten ein großmütiges Segment aus dem Jahreskreis und legst es auf meinen Teller. Ich betrachte es ehrfürchtig, weil es noch ganz ist, kaum daß die Krume einer Stunde davon abbröckelt.
Da es mittlerweile ganz hell geworden ist, legst Du einen Arm um mich und steuerst mit der linken Hand. Ich bewundere das sehr.
Wir sind frei. Wir sind glücklich. Wir haben Geld für ein paar Monate, Du mehr, ich weniger, wie das so unsere Art ist. Ich glaube fast bestimmt, daß Du mich liebst und daß es vielleicht für einen Sommer vorhält. Besonders im Süden, wo es in der Luft liegen soll. Ja – tritt auf den Gashebel, teile den Nebel und den Regen, bald sind wir in der Schweiz. Das ist schon der Bodensee, und die zarte Baumblüte beginnt.
Jemand fragt uns, wieviel Geld wir haben und ob wir auch bestimmt nicht mehr haben. Ein anderer will die Wagennummer sehen und wissen, wieviel Zigaretten und Tabak. Der Wagen rattert ungeduldig, weil Du Dich nie entschließen kannst, den Motor abzustellen. Die Zollbeamten sind naß und verfroren und haben ein Einsehen. Sie wenigstens begreifen, daß wir fortmüssen, und schon tut ein anderes Land sich vor uns auf.
Es ist gastlich, es ist friedlich. Aber wir nehmen es kaum in Anspruch. Wir sind auf der Durchfahrt, schöne blaue Seen, Züricher und Vierwaldstätter und Genfer. In keinem Eurer Dörfer machen wir Rast. Es ist schön hier, aber wir fahren vorüber, und die Landschaft geht nicht in uns ein. Kleine Fragmente nur, Fetzen von Bergen, eine schöne, ansteigende Kurve, viele Fahnen an Genfer Hotels. Wir haben die ganze Schweiz gefressen. Der Tag wird müde wie wir, aber Du willst noch heute nach Frankreich, warme rote Weine trinken und im breiten Bett schlafen, wie Du es mir versprochen hast.
Wir haben nicht geredet, nicht gelebt, nur gedrängt, noch weiter, noch weiter. Du sitzt verbissen an Deinem Steuer und gehst mit Gier in die Kurven. Die Berge sind Dir Hindernisse, und Du fluchst die langsamen Wagen an und möchtest die Bahnübergänge nehmen wie Hürden. Du machst den Mund nur auf, wenn ich harte Eier hineinstopfe oder Bananen oder mit Hühnerbeinchen locke. Du siehst mich nicht an. Aber ich weiß, wir sind eins, wir sind stumm auf das gleiche Ziel gerichtet, auf den gleichen Bogen gespannt, ich bin Dir unbeschreiblich dankbar, daß Du mich mitgenommen hast, daß ich mit aufsitzen durfte. Und während Du galoppierst, halte ich mich atemlos fest, wie Frauen sich wohl immer, voll Glück und voll Angst, an die Mähne entführender Pferde geklammert haben.
Du hast noch Dein Wintergesicht, etwas gefurcht und gleichzeitig müde und ungeduldig, aber schon spannt sich darunter eine neue Haut. Vierzig Jahre alt, denke ich verwundert, so oft sattgegessen und immer wieder so hungrig. So viel gesehen, und soviel Sehenslust, so viel geliebt, und immer wieder verführt.
Ganz unvermittelt sagst Du: »Erinnere mich, ich muß der Eva eine Karte schreiben, sie ist immer besorgt.«
Da ist es wieder. Ich habe Mut und frage Dich ganz heiter: »Warum bist du eigentlich mit mir?«
»Mit dir will ich einen Sommer haben.«
»Und mit Adelheid?«
»Die Karwoche«, sagst Du vergnügt. »Und jetzt laß uns von heute und von morgen reden. Hast du schon einmal eine Bouillabaisse gegessen?«
Nein, ich habe nicht. Ich habe überhaupt nichts gesehen und nichts gegessen, was interessant oder aufregend wäre.
»Du hast eine Jungfrau heimgeführt«, sage ich.
»Wir werden mit der Entjungferung fortschreiten. Hier ist Frankreich.« Du sagst es großartig, als reichtest Du mir das Land auf einem Präsentierteller.
Jedes Land empfängt uns mit der gleichen Begrüßungsformel: Cigares – Cigarettes – Tabac. Auch Frankreich. Der Zollbeamte ist in sympathischer Weise faul. Aus ça ira ist ça va geworden, die Republik ist konsolidiert. Wir dürfen weiter und brauchen über keine Grenze mehr. In einem tieferen Sinn sind wir angekommen. Und schon tun sich französische Landstraßen auf. Landstraßen sind es wohl nicht, weit eher Heerstraßen, schnurgerade und von noch kahlen Bäumen überwölbt. Die Kilometersteine tragen rote Kappen und sind numeriert – Route Nationale 201 – jetzt finde sogar ich mich zurecht –, und auf dieser Straße bleiben wir bis Chambéry.
»Chambéry – das ist ein Ort, wo Trüffeln wachsen«, belehrst Du mich.
»Es ist ein Verbrechen, durch einen Trüffelort durchzufahren, nur entschuldbar, weil es nicht die ganz echten Trüffeln sind. Die wachsen im Périgord.«
Man kann den Mund so schön voll nehmen mit französischen Ortsnamen, und fast alle haben einen würzigen Nebenklang. Wir werden kühn. Wir vergessen die heimatlichen Gewitterwolken. Du redest von Trüffeln und willst heute abend einen warmen Châteauneuf du Pape trinken – es gibt doch Grenzen, die man überschreitet, Lust am Leben, die aus der Erde wächst. Hie Cointreau, hie Pernod rufen die Plakate – Hitler und Hindenburg sind weit.
Wir haben uns vor der Abreise kaum gesehen.
»Wie lange ist es eigentlich?« fragst Du.
»Ich bin so gut wie neu, so lange ist es«, sage ich.
»Heute abend«, sagst Du.
Heute abend wirst du müde sein und Wein trinken und viel essen, und morgen früh aufbrechen wollen, und darum ist es heute abend nichts.
Wir geben uns einen Kuß. Der Abend rückt näher. In Grenoble wollen wir übernachten. Grenoble an der Isère, links läuft der Fluß neben der geraden Allee. Ich bin zum ersten Mal in Frankreich. Die Straßen sind schön, die Bäume sind schön, das eine hat Gott gemacht, das andere die Menschen, und es ist wohl gelungen. Ich möchte Dich sehr gern noch einmal küssen, aber die Stadt schickt ihre Vorposten in Gestalt von Radfahrern aus, und Du mußt vorsichtige kleine Kurven um sie fahren.
Wir streiten uns heftig wegen des Hotels. Du willst ins Majestic, und ich finde es zu fein. Schließlich nehmen wir den Schutzmann zum Schiedsrichter und landen im Majestic.
Wir sind in Frankreich. Wir bekommen ein Zimmer mit einem Riesenbett. Es ist ein kupplerisches Hotel, finde ich. Nach meinem Namen fragt kein Mensch. C’est la dame à Monsieur. Ob wir verheiratet sind, will keiner wissen; wenn wir nur zusammen schlafen, dann ist alles ganz in Ordnung.
Wir waschen uns. Die Fenster sind weit offen, vom Platz schlägt Lärm herauf, irgendein Fest mit Circus und Karussell. Du willst noch hinunter und auf die große Schaukel, aber ich werde klein und kleiner, ungern gestehe ich Dir, daß ich müder bin als Du. Dann kommt das Essen. Vielmehr das Menu. Der Kellner zerlegt das Huhn auf dem Seitentisch, und wir sitzen dem großen Bett gegenüber und trinken Wein.
Dann erzählst Du von Monte Carlo. Du wirst ganz aufgeregt und zeichnest das tapis und malst rouge et noir, pair et impair, passe et manque. Mein Kopf dreht sich wie eine Roulettekugel, ich sage Ja und nicke und verstehe nichts.
»Die Bank hat eine Chance mehr als der Spieler«, sagst Du. »Siehst du, wenn dann Zéro herauskommt …«
Du schenkst mir ein. Der ungewohnte Wein zieht seine Kreise, ich glaube, ich bin ein Stein, der ins Wasser fällt, jetzt versinke ich ganz tief, und da treibt es mich wieder ganz leicht an die Oberfläche, wo ich liegen bleibe, selig.
Der Kellner hat abgeräumt. Wir sind allein in einer fremden Stadt, nichts habe ich von ihr gesehen, es war Nacht, als wir ankamen, ich weiß nur: Stendhal ist hier geboren: literarische Reminiszenz, schäme dich, setz dich.
»Geh schlafen – komm, ich zieh dich aus.«
»Du wolltest doch noch – du wolltest noch eine Karte schreiben.« Das Badewasser rauscht, und Du sitzt am Tisch, in ein Badetuch gewickelt, und schreibst wirklich noch eine Karte. Ich bewundere Dich. Achthundert Kilometer gefahren, soviel Wein, und Karten schreibst Du auch – Karten schreiben, das scheint mir jetzt so schwer wie die Besteigung des Matterhorns.
»Hm«, sagst Du, leckst eine Marke an und hast wirklich französische Marken herausgezaubert, »die Karte soll gleich weg. So kann ich nicht herunter. Tu mir den Gefallen.«
Ich gehe vorsichtig den Korridor entlang bis zur Treppe. Gott – diese Treppe! Sie ist ganz entsetzlich breit, und in der Mitte läuft ein schmaler roter Streifen. Ich muß auf diesem Streifen gehen, das ist ganz klar. Der Streifen mündet in die Halle, und alle Menschen sehen zu. Er ist gespannt wie ein Seil. Ich denke verzweifelt an den Schutzengel, ob er mich wohl unsichtbar hält, damit ich nicht abstürze in die glatte weiße Marmortreppe rechts und links. Und alles wegen Eva, denke ich, entsetzliche Gefahren wegen Eva, entsetzliche Anstrengungen wegen Eva. Ich werde zornig und bin plötzlich auf sicherem Boden, ein kleiner Page – es gibt doch Schutzengel – nimmt mir die Karte ab und steckt sie in einen Schlitz, der ganz schmal ist, ein wenig weiter oben, als man denkt, und ein wenig weiter unten, als man denkt, ich bewundere den Pagen, und der Engel hilft weiter, ich gerate in den Lift und werde nach oben gefahren, im richtigen Stockwerk ausgesetzt, das letzte Abenteuer ist bestanden, es muß die richtige Tür sein, denn da liegst Du, Geliebter, und hast das große breite Bett schon in Besitz genommen, die Beine weit voneinander gestreckt, ich suche eine kleine Ecke, in die ich mich hineinfalten kann, und dabei sehe ich: Du schläfst.
Das also ist der Finish – der Kilometerzeiger springt von 100 auf 110 –, hinter uns liegt ein Nebelmorgen im Savoyer Gebirge, Steinhütten, Armut, Kargheit, grau der Stein und die Bewohner, Ziegenherden, vom Savoyardenknaben getrieben, süße Lesebucherinnerung – und dann Abstieg, Hinuntergleiten in die selige Ebene, in den ersten Sonnentag, in ein makelloses Kirchenfensterblau, in fruchtbare Weite, in Olivenwälder – Provence heißt dies –, alt, schwer und reich von Geschichte, im Keller vieler Jahrhunderte abgelagert und geklärt, und immer wieder neu an die Sonne geboren. Wir fahren durch Wein und durch Schutthalden, durch seltsame, eisenfarbene Kegelformationen, Mondgebirge nennst Du es. Klar spannt sich der Himmel über uns, reiner glühen die Farben, die Häuser und Gehöfte schimmern rosa und ocker, Zypressen und Pappellinien stehen aufrecht gegen den Wind, schöne und strenge Zeichnung des südlichen Landschaftsgesichts.
Vielleicht gibt es das nicht, was sie bei uns zu Haus Vaterländer nennen, vielleicht sind Grenzen Willkür und werden deshalb so oft verschoben, hier wie dort – aber dies gibt es: Himmelsstriche, sanftere und strengere, rauhe und milde, und solche, die uns Menschen gütig sind.
Du kennst dies alles, Du und das brave Pferd, Ihr seid schon einmal eingetaucht in diese Welt und habt die andere, kalte, strenge, gesetzereiche hinter Euch gelassen. Auch hier fährst Du durch, weiter südwärts, bis Dir die letzte Schranke gezogen wird, schraubst Dich durch die Alpes Maritimes, und dann läßt Du es fliegen, Dein keuchendes Tier, die Straße dehnt sich wieder gerade und breit, sie glüht weiß unter der Sonne, Du lachst, zum ersten Mal glücklich seit vielen Monaten, Du lachst, als hättest Du einen Sieg errungen, ein Land erobert und zögest jetzt als Triumphator ein. Als Triumphbogen spannt sich die Frühlingsbläue des Himmels über Dir, Mandelbäume sind Ehrenjungfrauen und knicksen am Wege, aber Du würdigst sie kaum eines Blicks. »Nizza«, wirfst Du mir hin, und der Fahrtwind nimmt Dir das Wort vom Munde, und schon liegt es weit hinter uns. Die große Stadt zeigt bereits die Fußnägel, und jetzt, jetzt rufst Du und grüßt das Meer, das einen Augenblick, wie ein zauberischer Gruß, sichtbar wird, um lockend wieder zu verschwinden – so wie die Griechen grüßt Du es: Thalatta, Thalatta!
»Es war die schönste Reise meines Lebens«, sage ich.
Wir sitzen bei Pistonato an der Promenade des Anglais, und Du bestellst, als wärst Du hier zu Hause.
»Du bist noch sehr jung«, sagst Du. »Und jetzt wollen wir die Bouillabaisse essen und vin rosé du pays dazu trinken – auf einen warmen, nahen, schönen Sommer, geliebtes Kind …«
»Findest du es auch so schön?«
»Ich finde es wunderschön. Mit dir. Und heute abend werde ich nicht so schnöde einschlafen wie gestern.«
»Redet man hier schon beim Mittagessen von der Liebe?«
»Das ist des Landes so der Brauch.«
Dann pudere ich Deine und meine Nase, meine zuerst, weil das wichtiger ist, und es wird erwogen, wo wir bleiben heute nacht.
»Nizza«, belehrst Du mich – denn Du weißt alles oder fast alles und hast es erprobt – »ist die Stadt zum Einkaufen und zum Eis essen. Zum Leben und zum Lieben ist es nicht.«
»Überhaupt«, sage ich (ich sage viel zu oft überhaupt, sagst Du), »es ist eine Stadt. Und die Palmen sehen hier aus wie gigantische Staubwedel.«
»Immer hast du etwas auszusetzen«, sagst Du.
»Immer«, sage ich. »Und überhaupt, ich will in keine Stadt. Wir wollten doch ein Häuschen mieten auf einer Wiese.«
»Hm«, sagst Du. »Wollten wir?«
Wenigstens sagst Du nicht nein.
Die Bouillabaisse kommt, mit Safran und Knoblauch gewürzt, Brotstücke schwimmen dick und vollgesogen in ihr wie in einem Teich, dazwischen treiben sich Langusten, Fische mit komplizierten Namen, Muscheln und Zwiebelscheiben herum. Es ist ein buntes, üppiges Gericht, ein Gericht der Lebensfreude.
»Du müßtest einen Schnurrbart dazu haben«, sage ich, während Du Langustenschalen zerbeißt. »Einen schönen langen Schnurrbart, von dessen Enden es dann langsam und genußreich tropft. Es ist ein großartiges, unfeines Essen – warum schmatzt du nicht dabei?«
Wir schmatzen. Wir schlürfen die Languste leer. Es ist ein pantagruelisches Benehmen, und der Saft tropft uns von Mund und Händen. So kann man nur auf der Straße essen, unterm Sonnendach, kein Restaurantspiegel rechts und links – dem Meer und der Sonne ist es entschieden egal. Und vor dem nächsten Gang gehen wir Händewaschen. Der nächste Gang sind Artischocken. Wir triefen wieder.
»Wie gefällt es dir im Süden?« fragst Du in einer Pause der Erschöpfung.
»Blau«, sage ich und nehme noch eine Artischocke, damit sich das Händewaschen auch lohnt. »Großartig gefällt es mir, solange ich mit den Händen essen darf.«
»Du hast ja noch nichts gesehen, noch gar nichts«, sagst Du. »Aber hier, gleich um die nächste Ecke, da ist noch viel mehr Süden, und darin wollen wir spazieren fahren.«
»Bist du auch sicher, daß es wahr ist?« frage ich.
»Heute ist Freitag«, sagst Du, »da wird es wohl wahr sein.«
Freitag ist mein Glückstag. Am Freitag sind alle Dinge wahr.
Ein schmutziger Mann bringt erstaunliche Nelken, die sind wirklich blütenweiß. Du kaufst ein paar und legst sie zwischen uns. Wir spielen Hochzeitsreisende am Mittelmeer. Du gibst mir einen Kuß, und ich erröte.
»Alle Leute küssen sich hier auf der Straße«, belehrst Du mich.
»Auch um zwei Uhr mittags?«
»Zwei Uhr mittags ist eine sehr gute Zeit, so gut wie jede andere jedenfalls. Und jetzt gehen wir Post holen.«
Postholen: Das heißt in Deiner Sprache: genug des Unsinns, zurück zur Wirklichkeit, zur Vernunft. Nie wirst Du Dich ganz aus Deinen Bindungen lösen, nie schwingst Du ganz befreit im Augenblick. Die Post knüpft Dich an das Land und an die Menschen, die Du gestern mit so tiefer Lust und Ungeduld verließest. Auch dieser Himmelsstrich ist unvollkommen. Hätte ich Aladins Zauberlampe oder wenigstens seinen Ring, ich ließe einen Teil dieser schönen Erde in einen Luftraum entrücken, den kein Briefträger erreicht und kein Telegraphenbote entzaubern kann.
Natürlich ist keine da. Du schwankst zwischen Erleichterung und Enttäuschung. Ich will auf den Blumenmarkt. Ich habe die schöne Bucht gesehen, die endlose, reine, vom Meer gespülte, die von nichts, von gar nichts, nicht einmal vom Casino zerstört werden kann. Wir sind am Quai entlanggegangen mit den komischen rosa Springbrunnen und Lampenkästen, sie sehen aus wie illuminierte Bidets in einem vornehmen Puff, behauptest Du, und ich muß Dir recht geben, so habe ich mir das auch immer vorgestellt. Die Welt teilt sich hier in edles Himmel- und Meerblau und billiges rosarotes Zuckerwerk, nur für letzteres zeichnen die Menschen verantwortlich. Die sind auch danach: geputzte Paviane und Perlhühner unter baskisch gestreiften Sonnenschirmen, faul und geschwätzig – aber wir bleiben ja nicht so lange, und auch Gott scheint nicht so genau hinzuschauen hierzulande, wo die Rolls Royce in den Himmel wachsen dürfen.
Ich hänge an Deinem Arm. Ich bin klein, Du bist groß. Wenn ich Dich nicht festhalte, muß ich wie ein kleiner atemloser Hund hinter Dir herlaufen, den man mit zu kurzem Strick am Wagenende festgebunden hat.
Landschaft, hat einmal eine gesagt – es war eine sehr reizende Frau –, ist doch nur Hintergrund für Liebe. In diesem Augenblick, in dem wir gleichen Schritt halten, verschmelzen Hintergrund und Vordergrund, die Bucht und Dein Gesicht, die Sonnenwärme und das Liebesgefühl zu einer ganz gelockerten, ganz gewichtlosen, schwebenden, berauschenden Heiterkeit, eine Sekundenreihe ist das Leben vollkommen, der Mensch erlöst. Du, Du bist mehr als ein Geliebter, Du bist der große Zauberer, Du verwirklichst unsere Träume. Andere haben Worte voller Zärtlichkeit, andere sind treu oder lieben wenigstens lang, aber nur Du wagst immer wieder den Sprung aus dem Alltäglichen ins Besondere, Du läßt Dich nicht binden und festhalten. Andere haben Vernunft und Einsicht, sie haben auch Sorgen und Bedenken. Aber Du hast Mut und Flügel. Ich liebe Dich, wie man einen Vogel liebt oder ein schönes, starkes, unbekümmertes Tier. In diesem Augenblick liebe ich Dich ohne Einschränkung, losgelöst von meinem eigenen Schicksal, das in Deiner Nähe zugleich erhöht und gefährdet ist – ich liebe Dich, wie Du bist.
Du siehst mich an. Ausnahmsweise fragst Du nicht nach meinen Gedanken. Du weißt alles. Wir spiegeln uns wortlos einer im andern, und unsere Bilder sind klar. So wie diese Minute stelle ich mir die Ewigkeit vor. Und da ist sie auch vorbei.
Ein gelber Wagen hält plötzlich und scharf vor uns. Ach, und nun kommt das Übliche und Ermüdende, das Woher kommen Sie, wie lange bleiben Sie … Du begrüßt die elegante Frau am Steuer, die so gut in diese Landschaft paßt, sie sieht einem großen Strauß von rosa Nelken ähnlich, sie blüht und trägt einen bunten Hut und ist überhaupt bunt, viel zu bunt finde ich, und werde mir gleichzeitig meiner Blässe, meines beschmutzten Staubmantels, meiner nicht ganz neuen Schuhe und meiner ganz, ganz alten Baskenmütze peinlich bewußt. Ein Mensch hat auszusehen wie ein Mensch und nicht wie eine Sommerwiese, denke ich und zweifle an der Echtheit der Haarfarbe und weiß dabei im Innersten meines Herzens, daß sie echt ist – aber das macht meine Laune nicht besser. Die Dame ist liebenswürdig, auch zu mir, viel zu liebenswürdig, finde ich. Ach, warum kann man zu Menschen nicht ganz einfach sagen: Sie stören, gnädige Frau, gehen Sie uns bitte aus dem Licht, fahren Sie weiter, Adieu, auf Wiedersehen!
Aber natürlich bist Du nun auch liebenswürdig, Ihr fragt Euch hin und her, ich werde ungeduldig und sehe mir die Zeitungen am Kiosk an, Leichenschändung, Kabinettsbeschluß, Pfundkurs, in allen Sprachen. Nun geh schon – va t’en – off with you …
Ihr redet weiter. Lieber Gott, laß ihn nichts verabreden, bete ich, Schwäche des Pfundes, Flottenabkommen, schenke mir diesen einen einzigen Tag, vielleicht noch einen dazu –
Du holst mich, Du faßt mich etwas härter an, als es nötig wäre, das heißt: Nimm dich zusammen.
»Wir gehen zu Vogade, Eis essen.«
Wir – das heißt die Dame, Du und ich. Sie erfährt unterwegs, daß ich zum ersten Male hier bin.
»Sie dürfen nicht ohne Hut in dieser Sonne herumlaufen, das ist zu anstrengend. Sie sehen schon ganz blaß aus.«
Ich kann sie nur mit Mühe davon abhalten, mir ihren eigenen Hut aufzusetzen. Sie ist wirklich sehr liebenswürdig. Plötzlich verschwindet sie in einem Geschäft und kommt mit einem Sonnenschirm wieder. Er ist sehr bunt, aber ich bedanke mich, und Du bist gerührt. Und dann sitzen wir bei Vogade und essen Eis, und Du verabredest uns – uns – für morgen vormittag, und am Nachmittag sollen wir bei der Dame Thee trinken, sie hat irgendwo hier herum ein Haus, und in der Zwischenzeit soll ich mit ihr Hüte kaufen, weil sie doch die Geschäfte kennt.
Endlich entschließt Du Dich für Weiterfahrt. Wir wollen noch nach Menton. Du verabschiedest Dich lang und herzlich. Ich verabschiede mich kurz und stumm. Den Sonnenschirm habe ich bei Vogade liegen lassen. Leider erinnerst Du mich daran.
»Das ist eine schöne, liebenswürdige, hilfsbereite Frau und ganz vorurteilslos. Wenn wir den Sommer in der Gegend bleiben wollen, kann sie uns ein paar Tips geben. Wie findest du sie übrigens?«
»Ich finde sie zu gewalttätig.«
Du lachst. »Sie ist nur gesund.«
»Meine Hüte habe ich mir immer allein gekauft«, wage ich fortzufahren.
»Sie sind auch danach, mein liebes Kind.«
»Ich will jedenfalls nicht aussehen wie ein Südseevogel.«
»Bist du schon eifersüchtig?«
Wie Du es fragst! Als wäre Eifersucht eine ekelerregende Krankheit, das niedrigste und letzte. Und damit stellst Du Dich gleich einige Stufen über mich, schiebst mir Kleinlichkeiten und Eigensucht in die Schuhe, drehst mir vorbeugend schon alle Worte und Einwände im Mund herum.
Ja – vielleicht bin ich schon eifersüchtig. Aber ich mag die Dame wirklich nicht. Ich hätte sie nirgends gemocht, ich hätte freiwillig keine Stunde mit ihr verbracht, ganz gleich wo, ganz gleich mit wem. Sie ist laut und geht mir auf die Nerven, und meine Freunde sind alle ganz anders. Das müßtest Du wissen und begreifen und nicht alles auf Deine einfache, männliche, bequeme Formel bringen und mein Konto von vornherein mit Eifersucht belasten.
Ich sage nichts mehr. Wir fahren eine märchenhafte Straße entlang, Du hast wieder alles vergessen und bist ganz Gegenwart, zeigst mir das Cap Ferrat mit seinem Leuchtturm, Monte Carlo, die Operettenstadt, Èze, das Vogelnest auf dem steilen Felsen, Du zeigst und glühst in der Freude des Wiedersehens, in der Freude des Schenkens, denn Du, Du bist es ja, der diese Landschaft an mich verschenkt. Wir vergessen beide die blonde Dame, das Leben ist nicht mehr ganz vollkommen, aber es ist immer noch sehr, sehr schön.
Am Cap Martin fahren wir vorüber, Du versprichst es mir für übermorgen, Gärten und Olivenhaine, Pinien, die über das Wasser gebeugt sind – Hintergrund für Liebe.
Und dann sind wir in Menton. Die gestaffelten Dächer der alten Stadt, wunderbar um einen Kirchturm gefügt, aufsteigend vom Hafen mit den schönen Brückenbögen, den bunten Booten und braunen Netzen, stehen dunkel gegen den blauen Himmel, sanft rundet sich die Bucht, und ich glaube ihr gern, daß sie bei den Römern die Bucht des Friedens hieß.
Das Hotel, von der blonden Dame empfohlen, ist so fein, wie es zu Dir und nicht zu mir paßt. Wir bekommen sogar eine kleine Wohnung, zwei Zimmer, ein Bad, ein winziger Vorplatz – alles im obersten Stockwerk und am Ende eines langen Ganges. Wir sind so allein wie noch nie. Wir haben einen Balkon, der viel höher ist als die Palmen im Vorgarten. Ich packe Deine Sachen aus, lege sie liebevoll auf den Toilettentisch, die vielen Bürsten und Kämme, Flacons und Fläschchen, ich mache mich zärtlich über Dein Gepäck lustig – Du man of property –, wir küssen uns auf dem Balkon, und die Sonne geht unter. Du schreibst Telegramme, damit Dich Deine Post auch erreicht, Du wunderst Dich, daß ich keine Telegramme schreibe, nicht einmal Postkarten. Und dann packe ich aus, wie es sich für eine Junggesellin gehört: die große Handtasche, die Fluchthandtasche. Sie ist schnell leer oder voll. Sie ist scheußlich und bequem. Wenn ich ausreißen will, sind wir beide in einer halben Stunde startbereit. Kamm und Bürste, zwei Döschen, zwei Fläschchen, mein Toilettentisch sieht dürftig und gerupft aus. Und dann kleide ich mich stolz in mein Abendkleid, es ist beinahe noch modern, und bin fertig, während Du Dich noch rasierst.
So siehst Du also aus mit Seifenschaum. Und so gehst Du durch die Zimmer, den Spiegel in der Hand, anstatt ordentlich sitzen zu bleiben. Und Privatleben hat man auch nicht mit Dir. Du reißt die Türen auf, ohne anzuklopfen, Du setzt Dich auf mein Bett und hinterläßt Seifenspuren auf meinem Teppich, Du untersuchst meinen Kleiderschrank, Du wunderst Dich, daß ich kein Parfum habe und keine Arden Creme, und ich finde es plötzlich sehr schön, kein Privatleben zu haben, keine Ferne in unserer Nähe. Ich bin etwas entsetzt und ganz begeistert darüber. Ich werfe Dich hinaus und bin enttäuscht, wenn Du in zwei Minuten nicht wieder da bist. Auf einmal bist Du fort, volle zehn Minuten. Ich komme mir bereits verlassen vor. Aber da bist Du wieder, hast einen Lippenstift mitgebracht und Rouge, wie sich das für eine Dame von Welt schickt, die mit einem Herrn von Welt auf Reisen ist und ihr altes nützliches broterwerbendes Dasein hinter sich gelassen hat.
Ich schminke mich, und Du gibst Anweisungen. Du hast, wie es scheint, anderen Frauen mit Aufmerksamkeit zugesehen. Aber an die anderen Frauen denke ich jetzt nicht. Du bist über meine Ungeschicklichkeit und meinen Mangel an Mut ungeduldig und gerührt. Einmal sagst Du: Du bist wirklich unschuldig, und dann küssen wir uns, um auszuprobieren, ob der Lippenstift auch wirklich kußfest ist. Ich fühle mich bei Dir geborgen, ich werfe das Gestern und die Zukunft in das nahe Meer, ich entschließe mich, in Deinen Armen und in diesem eleganten Hotel zu Hause zu sein, vor dem Portier und den Abendkleidern der anderen keine Angst zu haben, ich bin leicht berauscht und ganz von mir selbst befreit. Ich finde Dich schön, gut, jung, einen herrlichen Gefährten dieses Abenteuers, ich entschließe mich, es auch einmal gut zu haben, Arm in Arm gehen wir die Treppe herunter, über die Straße, in den Eßraum, der ins Wasser gebaut ist, natürlich bekommst Du einen Tisch am Fenster, unter uns gluckst das Meer, eine sanfte Radiomusik spielt »Happy Days«, ich sehe die Lichter von Menton, Du siehst die Lichter von Ventimiglia, der Mond ist im Aufgehen, Du suchst meinen Fuß unter dem Tisch, es gibt Langusten, wir trinken einander zu – »Mensch«, ruft eine Stimme dazwischen, »Mensch – wo kommen Sie denn her?«
Ich hätte ganz gern gegen diese Stimme gestochen, das Messer hab ich ja schon in der Hand, aber Du springst auf, Du strahlst, ein kleiner Herr umarmt Dich, er ist schwarz von Haar und braun von Haut und hat Behendigkeit und Gesicht eines Äffchens. »Mensch«, sagt er, »das ist großartig.« Ich seh ihn nochmal an, das Messer lege ich gleich wieder aus der Hand, er setzt sich an unseren Tisch, er wittert mit seinem Hundenäschen die Luft, die um uns weht, er spricht nicht von Politik und Börse, er spricht vom Wein, von dem Land, von den Frauen.
»Sehen Sie die Dame dort drüben?« fragt er. »Sie ist Amerikanerin, ich habe es vom Portier erfahren, sie hat ein zartes Porzellangesicht, trägt zarte Pastellfarben, sie lächelt mit der Ausdauer der Mona Lisa, nur weniger geheimnisvoll, ich nenne sie keep smiling. Mit der Liebe, Mensch, ist es komisch. Das geht bei mir immer sehr schnell. Ich sitze am Strand, die Frau hat Gott sei Dank einen Hund …«
»Der Hund war in der Renaissance das Attribut der Kurtisanen«, sagst Du. »Denken Sie an Tizian.«
»Diese Frauen haben ein Talent, von der Ehe keinen Gebrauch zu machen – ich finde das direkt sympathisch.«
»Wie weit sind Sie?« fragst Du.
»Mensch«, sagt er, »Sie kommen im richtigen Moment. Sie müssen mich beraten. Sie sind doch sozusagen Specialist in Liebesdingen. Ich habe mit ihr schon einmal Tee getrunken. Das war nett, aber sehr öffentlich. Jetzt will ich sie zu einem Abendspaziergang einladen. Soll ich es dann erst mit einem Kuß versuchen, oder soll ich sie gleich auf ihr Zimmer begleiten oder …«
»Fragen Sie den Portier«, sagst Du. »Soll der Abendspaziergang heute stattfinden?«
»Moment«, sagt der kleine Herr und springt auf. Keep smiling lächelt eine Nuance süßer. Sie zupft mit sorgfältig manikürten Fingern an einer Traube herum. Alle Frauen sehen nach ihrem Tisch. Der kleine Herr flüstert vertraulich.
»Frech«, sage ich.
»Wie findest du ihn?«
»Entzückend«, sage ich. »Es könnte unser kleiner Sohn sein.«
Der kleine Herr ist nicht zufrieden. »Das Leben ist kurz. Sie hält mich hin. Sie muß Bridge spielen heute abend. Bridge ist auch so ein angelsächsisches Surrogat für Liebesleben. Zu blödes Volk, Mensch, bis wir die erst zivilisiert haben …«
Dann gehen wir zurück ins Hotel. Im Rauchsalon steht ein Automat mit vielen Schlitzen. Oben wirft man die Francsstücke hinein, in der Mitte dreht man ein Rad, und unten sollen die Francsstücke, verzehnfacht, wieder herauskommen. Sie tun es aber meist nicht. Die Männer versuchen ihr Glück – wann hätten sie je dieser Versuchung widerstehen können –, der kleine Herr, er heißt Erich, hat zwanzig Francs hineingesteckt, und von Deinen Verschwendungen wollen wir schweigen. Ein Paar Schuhe, sagt mein rechnerisches Hirn, denn es denkt leichter in Sachwerten.
»Ich habe eine Idee«, ruft Erich, »eine großartige Idee. Dieser Scheißapparat ist doch nur Mumpitz. Fahren wir nach Monte Carlo. Das muß wieder glattgestellt werden.«
