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Wer ist nicht gerne glücklich? Glückserlebnisse sind Belohnungen für erzielte Erfolge. Sie stehen jedoch unter Voraussetzungen, die wir oft nicht unter Kontrolle haben. Fragen tun sich auf: Wie »funktioniert« die Glücksproduktion in unserem Gehirn? Welche äußeren Bedingungen sollten im Leben erfüllt sein? Welches Sozialverhalten fördert das Glück? Dieser Sammelband behandelt sowohl die physiologischen als auch die psychologischen Mechanismen, die zu positiven Empfindungen führen. Von der Evolutionsbiologie über die Neuropsychologie bis in die Sphäre der Kultur spannt sich der Bogen. Experten geben Einblick in den Forschungsstand zum Glück. Mit Beiträgen von Silke Anders, Eva Beichler & Imke A. Harbig & Judith Glück, Thomas Junker, Stefan Kölsch, Vera Ludwig, Judith Mangelsdorf, Corinna Peifer & Marek Bartzik, Karlheinz Ruckriegel, Henrik Walter & Sarah A. Wellan & Anna Daniels und Franz Josef Wetz.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Freier Wille – frommer Wunsch? Gehirn und Willensfreiheit (mentis 2006)
Stephan Matthiesen/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Von Sinnen. Traum und Trance, Rausch und Rage aus Sicht der Hirnforschung (mentis 2007)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Neuronen im Gespräch. Sprache und Gehirn (mentis 2008)
Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Nicht wahr?! Sinneskanäle, Hirnwindungen und Grenzen der Wahrnehmung (mentis 2009)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Künstliche Sinne, gedoptes Gehirn. Neurotechnik und Neuroethik (mentis 2010)
Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Geistesblitz und Neuronendonner. Intuition, Kreativität und Phantasie (mentis 2010)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Mann, Frau, Gehirn. Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft (mentis 2011)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Verantwortung als Illusion? Moral, Schuld, Strafe und das Menschenbild der Hirnforschung (mentis 2012)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Das Tier im Menschen. Triebe, Reize, Reaktionen (mentis 2013)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Bewusstsein – Selbst – Ich. Die Hirnforschung und das Subjektive (mentis 2014)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Das soziale Gehirn. Neurowissenschaft und menschliche Bindung (mentis 2015)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Gehirne zwischen Liebe und Krieg. Menschlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften (mentis 2016)
Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Was hält uns jung? Neuronale Perspektiven für den Umgang mit Neuem (Kortizes 2020)
Vorwort
Helmut Fink
Einleitung: Voraussetzungen des Glücks
Thomas Junker
Die Biologie der glücklichen Liebe
Alles Evolution – oder können wir auch ganz anders leben?
Vera Ludwig
Positive Sexualität
Unser Liebesleben aus der Sicht der Wissenschaft
Corinna Peifer und Marek Bartzik
Das Glück im Tun
Wie Flow-Erleben mit Wohlbefinden, Leistung und Stress zusammenhängt
Henrik Walter, Sarah Aline Wellan und Anna Daniels
Glück im Unglück:
(
An-)Hedonie aus Sicht der kognitiven Neurowissenschaft und Psychiatrie
Silke Anders
Kann erfolgreiche Kommunikation glücklich machen?
Eine biologische Perspektive
Stefan Kölsch
Das Glücks-System – Musik im Gehirn
Karlheinz Ruckriegel
Interdisziplinäre Glücksforschung
Erkenntnisse und Konsequenzen aus Sicht der Wirtschaftswissenschaften
Judith Mangelsdorf
Posttraumatisches Wachstum
Wie Leid Sinn stiften und zu Lebensglück beitragen kann
Eva Beichler, Imke Alenka Harbig und Judith Glück
Weisheit und Glück
Warum der Weg zum gelingenden Leben steinig ist
Franz Josef Wetz
Vergängliches Glück
Über Körper, Zeit und Grenzen
Glossar
Die Autorinnen und Autoren
Die Herausgeber
Die Beiträge dieses Buches gehen auf ein Symposium zurück, das vom Institut für populärwissenschaftlichen Diskurs Kortizes am Wochenende 12.–14. April 2019 im Aufseßsaal des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg veranstaltet wurde. Zwar war dies erst das zweite Kortizes-Symposium, doch wird damit eine nun schon über 20-jährige Tradition öffentlichkeitswirksamer Bildungswochenenden zur Wahrnehmungs- und Hirnforschung fortgesetzt, die von den Herausgebern konzipiert wurden und deren Inhalt von der auf S. 2 aufgelisteten Buchreihe zum Großteil dokumentiert wird.
Die Hirnforschung wirft ein neues Licht auf viele Aspekte der menschlichen Wahrnehmung und des menschlichen Erlebens und Verhaltens. Kein Wunder – schließlich haben wir unser Gehirn immer dabei, in guten wie in schlechten Tagen. Die lebensweltlichen Phänomene, die dabei erforscht werden, sind jedoch meist schon lange vor dem Aufblühen der Neurowissenschaften Gegenstand psychologischer Untersuchungen gewesen. Es ist daher ein Ziel des vorliegenden Bandes, zum Brückenschlag zwischen »weicher« Psychologie und »harter« Neurowissenschaft beizutragen. Darüber hinaus kommen Evolutionsbiologie, Sozialwissenschaften und Philosophie zu Wort. Das Thema Glück ist vielschichtig und legt ein multiperspektivisches Herangehen nahe.
Dieser Band erscheint im Corona-Jahr 2020. Das Team der gemeinnützigen Kortizes GmbH führt seine Aktivitäten fort und stellt sich den Herausforderungen. Auch ein Symposium wie »Hirn im Glück. Freude, Liebe, Hoffnung im Spiegel der Neurowissenschaft« ist nicht ohne die koordinierte Zusammenarbeit aller Beteiligten denkbar. Unser Dank ist den Aktiven gewiss. Weitere Früchte des gemeinsamen Wirkens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind der Homepage kortizes.de zu entnehmen.
Es ist guter Brauch, an dieser Stelle allen Autorinnen und Autoren für die Bereitschaft zur Ausarbeitung ihrer Beiträge zu danken. Dieser edlen Pflicht gebührt das letzte Wort.
Nürnberg im Oktober 2020
Die Herausgeber
Glück hat Voraussetzungen. Diese sind nicht immer erfüllt. Sowohl einzelne Momente des Glückserlebens als auch ein insgesamt »glückliches«, d. h. ein gelungenes, ein erfülltes, ein »gutes« Leben setzen zunächst einmal die Funktionsfähigkeit der für positive Bewertungen und Glücksempfindungen »zuständigen« Hirnteile und biochemischen Regelkreise voraus. Ihre Erforschung obliegt der (Neuro-) Physiologie.
Glücksentscheidend sind ferner die Erlebnisse, die den Menschen als Individuum prägen, und die als persönliche Erfahrungen fortwirken. Sie führen nicht nur zu spezifischen Erinnerungsinhalten, sondern in der Summe auch zu erlernten Wahrnehmungs- und Verhaltensgewohnheiten. Sie beeinflussen sowohl situativ bedingte Assoziationen als auch langfristige psychische Dispositionen und damit das »Lebensgefühl« der Person. Solche Effekte sind Gegenstand der Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie und – in ernsten Problemfällen – der (Neuro-)Psychiatrie.
Da der Mensch ein soziales Wesen ist, ist für ihn das Verhältnis zu seinen Mitmenschen von besonderer Bedeutung. Auch hiervon hängt sein Glück ab. Vertrauen, Geborgenheit, Nähe, Bindung und Liebe sind Kenngrößen gelingender Beziehungen. Doch nicht jede Beziehung gelingt. Die soziale Umgebung kann ein steter Quell der Freude sein, vor allem wenn man sie sich freiwillig ausgesucht hat. Sie kann aber auch großes Ungemach bereiten, vor allem wenn man ihr nicht entkommen kann. Sozialpsychologie, Verhaltensforschung und soziale Neurowissenschaft enthüllen in diesem Bereich des Lebens die Mechanismen des Glücks.
Darüber hinaus haben gesellschaftliche Verhältnisse und kulturelle Kontexte erheblichen Einfluss auf die Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen und die Bildung sozialer Gemeinschaften. Die Spielregeln und Strukturen des Bildungssystems, des Rechtssystems, des Wirtschaftssystems etc. begrenzen die Wahlfreiheit der Lebensweise, erzeugen unterschiedliche Milieus und ordnen das Spektrum der Lebenseinstellungen. Hierbei wirken die herrschenden Ideen einer Epoche, wie sie in politischen Zielvorstellungen, philosophischen Entwürfen und literarischen Fiktionen zum Ausdruck kommen. Die Bedingungen des Glücks vor diesem Hintergrund zu erkunden und zu reflektieren, fällt in den Bereich der Gesellschafts-, Kultur- und Geisteswissenschaften.
Alle genannten Ebenen menschlicher Glücksfähigkeit und die Erkenntnisse der jeweils zuständigen Fachdisziplinen – ergänzt noch um die Perspektive der Evolutionsbiologie, denn der Mensch ist primär ein Naturwesen – tragen zum Gesamtverständnis positiver Lebensumstände bei. Wovon unser Glück abhängt, ist verständlicherweise auch ein wiederkehrendes Thema populärwissenschaftlicher Magazine (siehe z. B. Spektrum Kompakt 2015, Gehirn & Geist 2017, Spektrum Kompakt 2019).
Das vorliegende Buch versammelt Beiträge, in denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Karrierestufen unmittelbar an ein breiteres Publikum wenden, um aktuelle Einblicke in die Fragestellungen und den Forschungsstand ihres Fachgebiets zu geben. Es ist kein Zufall, dass der von den Herausgebern gewählte Untertitel zwar an den christlichen Dreiklang »Glaube, Liebe, Hoffnung« erinnert, ihn aber an entscheidender Stelle variiert: »Glaube« wird hier weder vorausgesetzt noch untersucht oder gar gefördert. Vielmehr gehört die »Freude« in den betrachteten Phänomenbereich und daher auch in den Untertitel. Sie erscheint zudem fraglos förderungswürdig.
Es ist kaum vermeidbar und verweist im Idealfall eher auf Kohärenz als auf Redundanz, dass in einem Sammelband manche Gedanken mehrfach auftauchen. So wird die Unterscheidung zwischen (Zufalls-)Glück i. S. v. engl. »Luck« und Glück (als Gefühl) i. S. v. engl. »Happiness« sowohl auf S. 127f. als auch auf S.176f. erläutert. Das »PERMA-Modell« der positiven Psychologie kommt sogar in drei Beiträgen vor: auf S. 32f., auf S. 137ff. und (mit Abbildung) auf S. 152f.
Der Terminus »positive Psychologie« hat sich seit etwa 20 Jahren etabliert, sollte jedoch nicht mit der verbreiteten, aber unwissenschaftlichen Ratgeberliteratur des »positiven Denkens« verwechselt werden. Einen sehr lesenswerten Überblick gibt Walter (2014), der für die präzisere Bezeichnung »Psychologie des Positiven« eintritt. Diese ist »eine Spielart deskriptiver wissenschaftlicher Psychologie, die sich der gleichen empirischen Methoden bedient und den gleichen Standards unterwirft wie die sonstige akademische Psychologie auch, sich dabei aber spezifisch positiven Inhalten widmet« mit dem Anspruch, »positive Erfahrungen, Eigenschaften und Institutionen aktiv zu (be-)fördern« (Walter, 2014, S. 287). Kurz gefasst: Statt »Fix, what‘s wrong!« heißt hier die Parole »Build, what‘s strong!«
Auch zu drei weiteren positiven Themen, die in diesem Sammelband angesprochen werden, nämlich Liebe, Musik und Philosophie, seien ergänzende Lesehinweise aus dem publizistischen Nahfeld vorausgeschickt: Liebe hat messbare neuronale Korrelate. Die aktivierten Hirnregionen für romantische und für mütterliche Liebe werden von Bartels (2016) eingehend beschrieben. – Zum Thema Musikgenuss sei darauf hingewiesen, dass die Musikverarbeitung im Gehirn mit den Aspekten musikalischer Syntax und Semantik sowie der Auslösung von Emotionen durch Musik von Koelsch und Fritz (2008) gründlich erläutert wurde. – Und für den Bereich der philosophischen Ideengeschichte seit der Antike sei mit Bezug auf Freude und Lust der kenntnisreiche Beitrag von Kanitscheider (2010) empfohlen. Dies nur zur Abrundung des inhaltlichen Bogens.
Nun aber zur Kurzvorstellung der Beiträge dieses Bandes: Den Auftakt macht der Biologiehistoriker Thomas Junker. Er klopft das Thema Liebe und Sexualität danach ab, welche Voraussetzungen dem Menschen aufgrund seines evolutionären Erbes mitgegeben sind. Anhand von Hodengrößen und Geschlechtsdimorphismen im Tiervergleich kommt er zu dem Schluss, dass der Mensch biologisch zu den »mild polygynen Arten« gehört. Die weitaus größere Sexhäufigkeit, als für die Fortpflanzung erforderlich wäre, betrachtet er ebenfalls als biologisch angelegt und durch die Funktion der Paarbindung innerhalb größerer Gemeinschaften begründet. Die große kulturelle Spannbreite des menschlichen Liebeslebens wird dabei keineswegs bestritten, sondern auf die Vorgaben der Natur rückbezogen.
Der Beitrag der Psychobiologin und Neurowissenschaftlerin Vera Ludwig setzt die Auseinandersetzung mit der menschlichen Sexualität unter anderem Blickwinkel fort. Sie geht im Rahmen der positiven Psychologie der Frage nach, inwiefern und auf welche Weise Sexualität zum menschlichen Wohlbefinden beitragen kann. Studien bestätigen eine positive Korrelation von Sexerleben und Wohlbefinden, zeigen jedoch auch, dass die Häufigkeit alleine nicht entscheidend ist, sondern situative und qualitative Faktoren wie Ungezwungenheit, Authentizität, Kommunikation und Verbundenheit für das Glücksgefühl wesentlich sind. So entsteht eine Kennzeichnung von »großartigem Sex«.
Das grundlegende Thema der Arbeits- und Organisationspsychologin Corinna Peifer und ihres Mitarbeiters Marek Bartzik ist die Psychologie des Flow-Erlebens. Die positive Rückkopplung von Flow und Leistung und die Steigerung des Wohlbefindens durch Flow werden studiengestützt geschildert. Flow kann durch geeignete Bedingungen gezielt gefördert werden, etwa durch Zuschnitt und Relevanz der zu erledigenden Aufgabe, durch Rückhalt im sozialen Umfeld oder durch Passung der Tätigkeit zu den Neigungen und Stärken der Person. Die erhöhte physiologische Aktivierung, die mit Stress einhergeht, fördert das Flow-Erleben zwar zunächst, zu viel Stress schadet jedoch. Entspannung und Erholung sollten daher nicht vernachlässigt werden.
Die Neurobiologin Silke Anders untersucht die Glücksgefühle, die bei erfolgreicher Kommunikation mit unseren Mitmenschen entstehen. Sie erläutert zum einen die Funktionsweise des mesolimbischen Belohnungssystems als neuronale Grundlage und zum anderen den evolutionären Vorteil, der im verlässlichen Verstehen emotionalen Ausdrucksverhaltens, speziell des Gesichtsausdrucks eines Gegenübers, liegt. Ferner stellt sie das Studiendesign vor, mittels dessen in kontrollierten Laborsituationen die Anziehung zwischen Individuen mit dem subjektiven Ausdrucksverständnis in Verbindung gebracht werden kann. Die Ergebnisse dieser Forschung werden im Hinblick auf das reale Leben eingeordnet und diskutiert.
Der Beitrag des Musikpsychologen und Neurowissenschaftlers Stefan Kölsch ist ebenfalls einem speziellen Auslöser von Glücksgefühlen gewidmet, nämlich dem Musikerleben. Eine wesentliche Rolle im Gehirn spielt dabei der Hippocampus, der nicht nur für die Bildung von Erinnerungen, sondern auch für bindungsbezogene Emotionen zuständig ist. Fürsorge, Rührung und ein liebevoller Umgang mit anderen werden von demselben neuronalen »Glücks-System« gesteuert, das auch für Musik empfänglich ist. Gewalterfahrungen und Krankheiten können dieses System schädigen, Musikgenuss regt es jedoch an. Das bewegende Glücksgefühl der Zugehörigkeit und Bindung sollte nicht mit kurzlebigem Spaß verwechselt werden, der zum Teil andere Hirnstrukturen beansprucht.
Der Volkswirt Karlheinz Ruckriegel fasst zentrale Erkenntnisse der interdisziplinären Glücksforschung zusammen und wertet sie im Hinblick auf unser Wirtschaftsleben aus. Subjektives Wohlbefinden soll optimiert werden. Es umfasst nicht nur die momentane Gefühlslage, sondern auch die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Neben materiellem Wohlstand ist die erfüllende Verwendung von Lebenszeit als knapper Ressource zu bedenken. Neben das Bruttoinlandsprodukt treten zunehmend andere Wohlstands- und Glücksindikatoren. Für die Arbeitswelt lassen sich aus der positiven Psychologie Maximen einer wertschätzenden und motivierenden Führungskultur ableiten, die dann auch das Flow-Erleben fördern.
Die Psychologin Judith Mangelsdorf befasst sich mit den Folgen erschütternder Lebensereignisse. Traumatische Erfahrungen wirken individuell und hängen nicht nur von der Schwere des Ereignisses, sondern auch von der Psyche der einzelnen Person ab. Als idealtypische Reaktionsweisen lassen sich Resilienz, langsame Erholung, posttraumatische Belastungsstörung und posttraumatisches Wachstum unterscheiden. Letzteres gelingt keineswegs immer. Es wird befördert durch die Entwicklung positiver Emotionen und sinnstiftender Einordnungen sowie durch gute soziale Beziehungen nach dem einschneidenden Ereignis. Tatsächlich können aber nicht nur die schlimmsten, sondern auch die besten Lebensereignisse psychologische Reifungsprozesse auslösen.
Der anschließende Beitrag der Psychologin Judith Glück und ihrer Mitarbeiterinnen Eva Beichler und Imke A. Harbig widmet sich der Weisheit und ihrem Verhältnis zum Glück. Weisheit speist sich einerseits aus intellektueller Stärke und profundem Wissen, und andererseits aus einer offenen, reflexionsbereiten und emotionsregulierenden Haltung zum Leben. Weise Menschen sind meist glücklicher, aber glückliche Menschen nicht unbedingt weiser als andere. Ob sich Lebenserfahrung in Weisheit verwandelt, hängt von den persönlichen Ressourcen ab, die die Haltung zum Leben bestimmen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Überwindung von Kontrollillusionen. Weisheit ermöglicht einen anspruchsvollen Weg zur Lebenszufriedenheit, auf dem negative Erfahrungen nicht ausgeblendet, sondern bewusst verarbeitet werden.
Zu guter Letzt setzt sich der Philosoph Franz Josef Wetz mit der Vergänglichkeit unseres Glücks auseinander, indem er ebenso schonungslos wie geistreich Bedingungen und Begrenztheiten menschlichen Wohlbefindens benennt. Gestützt auf literarische Schlüsselformulierungen wird Glück als Sorglosigkeit ohne Langeweile beschrieben, jedoch sogleich durch Hinweis auf vielfältige Quellen der Unzufriedenheit relativiert. So führt etwa die objektive Verbesserung der Lebensverhältnisse schnell zu Gewöhnung, Überempfindlichkeit und Anspruchsdenken. Selbst Zielerreichung und Wunscherfüllung können Leere statt Glück zur Folge haben, und die Sehnsucht nach Unerreichbarem ist der Lebenszufriedenheit kaum förderlich. Am Ende steht die Ermunterung, den Unwägbarkeiten des Lebens mit Gelassenheit und ohne extreme Erwartungen zu begegnen.
Dies beschließt den Rundgang durch die Beiträge. Ob die Lektüre eines Buches grundsätzlich geeignet ist, Freude, Liebe und Hoffnung im menschlichen Leben zu mehren, mag dahingestellt bleiben. Dass sie den Lebensvollzug nicht ersetzen kann, versteht sich von selbst. Es kann jedoch hilfreich sein, den Herausforderungen des Lebens mit wissenschaftlich informierten Strategien entgegenzutreten. Die Ergebnisse der Forschung sind anregend, die Ideen der Mitmenschen bereichernd, die eigenen Erfahrungen lehrreich. Der Austausch darüber lohnt. Vielleicht gehört er sogar zu den Voraussetzungen des Glücks.
Bartels, Andreas: Hirnareale der Liebe. In: Gehirne zwischen Liebe und Krieg. Menschlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften, hrsg. von Helmut Fink und Rainer Rosenzweig. Mentis, Münster 2016, S. 57-73.
Gehirn & Geist Dossier 3/2017: Lust, Glück, Sinn.
Kanitscheider, Bernulf: Irdische Freuden. Hedonismus, Naturalismus und die Idee des gelungenen Lebens. In: Der neue Humanismus. Wissenschaftliches Menschenbild und säkulare Ethik, hrsg. von Helmut Fink. Alibri, Aschaffenburg 2010, S. 55-74.
Koelsch [= Kölsch], Stefan und Fritz, Tom: Musik verstehen – Eine neurowissenschaftliche Perspektive. In: Neuronen im Gespräch. Sprache und Gehirn, hrsg. von Helmut Fink und Rainer Rosenzweig. Mentis, Paderborn 2008, S. 69-97.
Spektrum Kompakt: Glück – Was uns wirklich zufrieden macht, Digitalausgabe 2015.
Spektrum Kompakt: Glück und Zufriedenheit, Digitalausgabe 2019.
Walter, Henrik: Psychologie des Positiven. Eine Ressource der Psychotherapie. In: Nervenheilkunde 4/2014, S. 286-294.
»Was tust du? Was fühlst du? Was bist du?
Doch nur ein Tier, Tier, Tier, Tier«
(Rammstein, 1997)
Ob ein Mensch wirklich nur ein Tier sein kann, wie es im Song der Rockband Rammstein heißt, darüber lässt sich streiten. Aber dass die Menschen auch Tiere sind, daran gibt es keinen vernünftigen Zweifel mehr. Schon im 18. Jahrhundert hatte Carl Linnaeus, der Begründer der biologischen Systematik, die Menschen zu den Säugetieren und hier zu den Affen (Primaten) gestellt. Und seit Charles Darwin kann man nicht nur sagen, dass Menschen Tiere sind, sondern auch, dass sie von einer langen Reihe äffischer und früherer Vorfahren abstammen.
Gerade weil wir unsere Existenz und unsere grundlegenden Eigenschaften einer 3,5 Milliarden Jahre währenden Evolution verdanken, kann man die fast allgegenwärtigen Spuren als scheinbar selbstverständlich leicht übersehen. Und so sei kurz daran erinnert, dass unsere gesamte Anatomie und Physiologie Zeugnis für die Herkunft aus dem Tierreich ablegt. Ähnliches gilt für das Verhalten. Die enge körperliche und emotionale Verbundenheit einer Mutter und ihres Kindes beispielsweise beruht ganz wesentlich auf der Tatsache, dass Menschen eben auch Säugetiere sind. Und nicht zuletzt sind wir von Natur aus nicht nur soziale, sondern auch kulturelle Tiere, deren Fähigkeiten und Möglichkeiten erst durch die Aufnahme und Weitergabe von Erfahrungen und Erkenntnissen der Vorfahren (die »Kultur«) zur Entfaltung kommen.
Insofern ist die spannende Frage längst nicht mehr, ob sich Menschen als Tiere verstehen lassen, sondern als welches Tier. Dieser Aspekt ist gerade auch für das Verständnis unseres Liebeslebens und Sexualverhaltens von großer Bedeutung. Denn hier gibt es selbst bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Menschenaffen, erhebliche Unterschiede und abweichende »Paarungssysteme«, wie man in der Biologie sagen würde. Insofern ist es alles andere als einfach zu erkennen, was denn nun die Natur der menschlichen Sexualität und Liebe konkret ausmacht.
Wenn das evolutionäre Erbe nicht nur alle Fasern unseres Körpers durchdringt, sondern auch unser Verhalten, unser Fühlen und unser ganzes Wesen bestimmt, dann sollte dies auch für die Gefühle von Lust und Schmerz, von Glück und Leid gelten. Dann wird das erfolgreiche Streben nach dem höchsten der Gefühle – nach sexueller Lust und Liebesglück – ebenso wie sexuelles Elend und Liebeskummer ganz wesentlich davon abhängen, ob ein Mensch seiner biologischen Natur gerecht wird oder ob dies nicht gelingt.
Da Menschen »soziale Tiere« sind, die für ihr Überleben und Wohlergehen auf eine Gemeinschaft angewiesen sind, wird diese Suche aber nicht nur von den biologischen Anlagen und von individuellen Faktoren wie Alter, Gesundheit und sozialem Status bestimmt, sondern auch von der gesellschaftlichen und kulturellen Umwelt. Die Biologie ist also nicht alles, aber ohne die Evolutionstheorie lässt sich weder verstehen, warum es Glücksgefühle überhaupt gibt, noch erklären, in welchen Situationen sie in der Regel auftreten, noch eine begründete Aussage darüber treffen, wie realistisch ein Glücksversprechen ist.
Aus biologischer Perspektive lässt sich das Gefühl des Glücks als ein Teil des allgemeinen Lust-Unlust-Mechanismus verstehen, der dazu dient, einen Menschen (oder ein anderes Tier) dazu zu bewegen, sich im Sinne der Verbreitung der eigenen Gene richtig zu verhalten. Wie andere biologische Merkmale entstand auch der Lust-Unlust-Mechanismus in der Evolution durch Variation und Selektion, da nur diejenigen Gene erhalten blieben, die bei ihren Trägern zweckmäßige Verhaltenssteuerungen hervorriefen. Alle anderen Gene, beispielsweise solche, die die sexuelle Begierde und Lust verringern, wurden dagegen seltener oder verschwanden gänzlich. Damit lässt sich die Frage beantworten, welches Verhalten biologisch zweckmäßig ist und durch positive Gefühle belohnt wird: Verhalten ist dann ›richtig‹, wenn es der möglichst erfolgreichen Verbreitung der eigenen Gene dient (Dawkins, 1989).
Wenn dem so ist, dann müssten wir besonders glücklich sein, wenn wir Dinge tun, die die Verbreitung unserer Gene fördern, und unglücklich, wenn uns dies nicht gelingt. Ist das der Fall? Glück in der Liebe und sexuelles Glück stehen in der Tat auf der Wunschliste vieler Menschen ganz weit oben. Man kann aber auch andere Situationen als glückbringend erleben und so stellt sich die Frage, ob die biologischen Thesen zum Glück auch unter den heutigen Lebensbedingungen gelten, oder ob wir uns von unserem evolutionären Erbe vielleicht schon so weit entfremdet haben, dass ganz andere Dinge zählen.
Im Folgenden möchte ich dies beispielhaft an zwei Fragen diskutieren: Warum gibt es die romantische Liebe? Und warum schlafen Menschen sehr viel häufiger miteinander als es für die Zeugung von Kindern notwendig wäre?
Konkret: Warum gibt es die romantische Liebe, die in eine dauerhafte Zweierbeziehung übergehen und in eine Familie münden kann? Tatsächlich ist dieses Lebensmodell in vielen Kulturen anzutreffen und es gilt oft als so selbstverständlich, dass es auf den ersten Blick überrascht, wie selten es bei Säugetieren im Allgemeinen vorkommt. Die Schätzungen bewegen sich unter zehn Prozent der Arten. Nicht ganz so selten ist es bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den Primaten: Fast ein Drittel der Arten lebt monogam. Wie niedrig aber auch diese Zahl ist, wird deutlich, wenn man sie mit der Situation bei den Vögeln vergleicht: Hier gibt es bei 80 bis 90 Prozent der Arten Paarbindung. Insofern könnte man vermuten, dass die Zweierbeziehung gerade nicht zur Natur der Menschen gehört, sondern ein Ausdruck gesellschaftlicher Konventionen, anerzogen und letztlich aufgezwungen ist.
Interessanterweise behauptet nun das sogenannte Standardmodell der menschlichen Evolution genau das Gegenteil. Seine Antwort auf die Frage, seit wann es die romantische Liebe und Zweierbeziehungen gibt, lautet: Seit es Menschen gibt!
Schon unsere frühen Vorfahren, die vor etwa zwei Millionen Jahren lebten, hätten Gefühle wie Verliebtheit, emotionale Verbundenheit und Eifersucht gekannt. Spätestens zu dieser Zeit hätten die Männer einzelne Frauen begleitet und die Frauen ihrerseits waren ihrem Partner sexuell treu, auch wenn sie andere Optionen hatten. Die Paarbindungen wiederum gelten als eine unentbehrliche Voraussetzung für väterliche Fürsorge. Damit waren zum einen die materiellen Bedingungen für die Evolution des Gehirns gegeben: eine ausreichende und hochwertige Nahrung. Zum anderen erhielt der kulturelle Fortschritt eine völlig neue Dynamik: Denn jetzt konnten nicht mehr nur die Mütter und Großmütter, sondern auch die Väter und Großväter ihre Erfahrungen und ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben.
Wenn diese Rekonstruktion zutreffend ist, dann sind die romantische Liebe, die dauerhafte Paarbindung sowie die Eifersucht beider Geschlechter keine kulturellen Erfindungen, sondern biologisch unverzichtbare Voraussetzungen, ohne die es nicht zur evolutionären Entwicklung von noch äffischen Vorfahren zu echten Menschen gekommen wäre (Fletcher et al., 2015). Dann wurden unsere Vorfahren erst durch Verliebtheit und Liebe zu Menschen.
Alles in allem erinnert das Standardmodell an traditionelle Vorstellungen von Ehe und Familie. Es wird zwar nicht die lebenslange Einehe gefordert, sondern lediglich, dass die Paare zusammenbleiben, solange die gemeinsamen Kinder intensive und andauernde Zuwendung benötigen. Dementsprechend würde man von einigen Jahren ausgehen. Nichtsdestoweniger werden Traditionen, mit denen man aufwächst, leicht für selbstverständlich und naturgegeben gehalten, obwohl sie es vielleicht gar nicht sind. Könnte es also sein, dass es sich beim Standardmodell weniger um Wissenschaft als um eine Projektion weltanschaulicher Vorurteile und konservativer moralischer Normen handelt?
Dieser Verdacht erklärt vielleicht, warum das Standardmodell in den Medien nur wenig Aufmerksamkeit und noch weniger Zustimmung erfahren hat. Oft wird es als unzulässige Übertragung biologischer Ideen auf menschliches Verhalten abgelehnt (»Biologismus«). Stattdessen geht man davon aus, dass Menschen in Bezug auf ihr Liebes- und Sexualleben ein »unbeschriebenes Blatt« sind, d. h. dass ihr Verhalten von kulturellen Traditionen, Moden oder spontanen individuellen Launen bestimmt wird (Pinker, 2002). Sollte dies zutreffen, würde die Biologie keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Es gab auch Versuche, das Standardmodell mit evolutionsbiologischen Argumenten zu kritisieren. So haben Christopher Ryan und Cacilda Jethá in ihrem Buch Sex at Dawn behauptet, dass die Menschen ursprünglich »zu jeder Zeit mehrere fortdauernde sexuelle Beziehungen« gehabt hätten. Entsprechend seien Ehe, Paarbindung und Liebe »sozial konstruierte Phänomene«, die der biologischen Natur des Menschen zuwiderlaufen. Die Eifersucht sei eine künstlich erzeugte Angst und die wahre Natur unserer Sexualität äußere sich in »ungezügeltem ritualisierten Gruppensex«, im Partnertausch und in zwanglosen Affären (Ryan und Jethá, 2010, S. 9-10, 137-149).
Was entspricht denn nun der menschlichen Natur? Die Zweierbeziehung, wie das Standardmodell behauptet, oder doch eher die »freie Liebe« (Polyamorie)? Vielleicht tendieren Menschen ja auch zur Polygamie (Harem), zum Leben als Single oder zu einer ganz anderen Form des Liebeslebens.
Im Folgenden möchte ich drei alternative Modelle für das menschliche Liebesleben diskutieren und zeigen, wie sich aus biologischer Sicht entscheiden lässt, welches Modell am ehesten zutrifft. Das erste (Standard-)Modell habe ich schon kurz vorgestellt. Das zweite beruht sowohl auf biologischen als auch auf ethnologischen Beobachtungen und besagt, dass Menschen zur Vielehe neigen (Polygamie). Das dritte Modell schließlich postuliert, dass Menschen von Natur aus Gruppenstrukturen mit variablen Sexualbeziehungen und ohne exklusive Liebesbindungen bevorzugen (»Kommune«). Alle drei Modelle gehen davon aus, dass das menschliche Liebesleben von biologischen Faktoren mitbestimmt wird, sie kommen aber zu jeweils anderen Ergebnissen.
Wie lässt sich der Streit über die Natur der Liebe lösen? Die Suche nach den biologischen Ursachen menschlicher Verhaltensweisen steht ganz allgemein vor dem Problem, dass Menschen immer auch kulturell, d. h. durch Vorbild und Erziehung, geprägt sind. Dies gilt gerade auch für unser Liebes- und Sexualverhalten, denn keine soziale Gemeinschaft verzichtet hier auf Einflussnahme. Wie also kann man in Anbetracht der immer präsenten kulturellen Faktoren eventuell vorhandene, genetisch angelegte Vorlieben für bestimmte Formen des Zusammenlebens identifizieren?
Eine Lösung für dieses Problem kannten bereits die vergleichenden Anatomen des 18. Jahrhunderts: Sie hatten beobachtet, dass es eine enge Verbindung zwischen dem Verhalten eines Tieres und seinen körperlichen Merkmalen gibt. Die Lebensweise eines Raubtieres beispielsweise stellt andere anatomische und physiologische Anforderungen als die eines Pflanzenfressers. Analoges gilt für Sexualität und Liebesleben. Auch diese lassen sich als komplizierte Mechanismen verstehen, bei denen der Körper und das Verhalten aufeinander abgestimmt sind und bei denen die einzelnen Teile nicht willkürlich verändert werden können, ohne das Funktionieren des Ganzen zu stören.
Wenn man aber von anatomischen und physiologischen Merkmalen direkt auf Verhaltensdispositionen schließen kann, dann lässt sich das Problem der kulturellen Überformung menschlicher Verhaltensweisen elegant umgehen. Notwendige Voraussetzung wäre lediglich, dass man körperliche Merkmale findet, die nur bei einer bestimmten Art des Liebeslebens auftreten, bei anderen dagegen nicht. So wie man von einem typischen Raubtiergebiss auf die Lebens- und Ernährungsweise eines Fleischfressers schließen kann. Gibt es solche Merkmale?
Es gibt sogar eine ganze Reihe davon: Besonders aussagekräftig und vergleichsweise einfach zu messen, ist in diesem Zusammenhang das Gewicht der Hoden im Verhältnis zum Körpergewicht. In promiskuitiven Gruppen haben die Männchen deutlich größere Hoden als bei Paarbindung oder in Harems. Bonobos beispielsweise haben relativ zum Körpergewicht fast zwanzigmal schwerere Hoden als Gorillas. Warum ist das so? Wenn es nur um die Befruchtung geht, genügen kleine Hoden wie bei den Gorillas. Wenn sich die Weibchen aber wie bei den Bonobos kurz nacheinander mit mehreren Männchen paaren, dann entscheiden Menge und Zusammensetzung des Spermas mit über den Sieg im Kampf um die Vaterschaft. Dann ist der Penis zudem oft mit Kratzern, Schaufeln oder Geißeln versehen, um das Sperma der Vorgänger zu entfernen (Dixson, 2012).
Und bei Menschen? Ihre Hoden wiegen ca. 40 Gramm bei 70 Kilogramm Körpergewicht. Damit haben Männer zwar größere Hoden als ein Gorilla-Männchen (30 g bei 170 kg), aber sehr viel kleinere als Bonobos (135 g bei 40 kg) (Harcourt et al., 1981). Schon aus dieser anatomischen Tatsache allein lässt sich ziemlich sicher schließen, dass Männer nicht für eine Lebensform gemacht sind, in der die Frauen regelmäßig kurz nacheinander Sex mit verschiedenen Partnern haben.
Beim »Kommune«-Modell, demzufolge die sexuelle Eifersucht ein kulturelles Artefakt ist, und das das menschliche Liebesleben im Wesentlichen auf Gruppensex, Partnertausch und zwanglose Affären reduziert, handelt es sich dementsprechend um eine kaum realisierbare Utopie. Bei existentieller Bedrohung oder zur Feier außergewöhnlicher Erfolge gab und gibt es in Vergangenheit und Gegenwart immer wieder kollektive sexuelle Ausschweifungen. Aus biologischen Gründen ist es aber unwahrscheinlich, dass sich die »freie Liebe« als alltagstaugliches, dauerhaftes System etablieren lässt.
Anders sieht es bei der Frage aus, ob Menschen monogam oder doch eher polygam veranlagt sind. In den westlichen Industrienationen gilt die Einehe als das Übliche und einzig Normale. Dies ist indes keineswegs selbstverständlich: Nur fünfzehn Prozent aller heutigen Kulturen fordern diese Art von Beziehung! Im Vergleich dazu wird in 85 Prozent der Kulturen irgendeine Form der Vielehe praktiziert (Gray, 1998, Nr. 9). Nimmt man nur diese Zahlen als Anhaltspunkt, dann könnte man vermuten, dass die Menschen von Natur aus polygam sind.
Was lässt sich aus Sicht der Biologie dazu sagen? Gibt es körperliche Merkmale, aufgrund derer man zwischen Mono- und Polygamie unterscheiden kann? Die Antwort ist Ja. Und zwar gibt es bei Säugetieren eine statistische Beziehung zwischen dem Unterschied im Körpergewicht von Männchen und Weibchen und der Abweichung vom Paarungssystem der Monogamie. Als allgemeine Faustregel gilt: Je größer der durchschnittliche bzw. maximale Harem in einer Art ist, umso größer ist auch der körperliche Unterschied.
Was lässt sich daraus für das sexuelle Verhalten der Männer schließen? Sie sind im Durchschnitt 15 Prozent schwerer als Frauen, d. h. Menschen sind etwas weniger dimorph als z. B. Schimpansen. Damit gehören sie zu den mild polygynen Arten. Für diese Schlussfolgerung sprechen noch eine ganze Reihe weiterer biologischer Merkmale, die bei Säugetieren mit Polygynie gekoppelt sind. Männchen werden unter diesen Bedingungen eher auf Erfolg in aggressiven Auseinandersetzungen als auf Langlebigkeit selektiert. Als Folge altern Männer schneller und leben kürzer als Frauen (Alexander et al., 1979).
Wenn es in der Evolution der Menschen Vielehen gab, dann waren diese aber nicht sehr ausgeprägt und keine dauerhafte Norm. Dafür sprechen auch Beobachtungen an heutigen Jägern und Sammlern. Mehrfachehen kommen zwar vor, sind aber eher selten. Das hat zur Folge, dass die sexuelle Konkurrenz zwischen den Männern abgeschwächt ist – eine wichtige Voraussetzung für gemeinsames Jagen und andere Formen der Zusammenarbeit. Warum also trägt die Monogamie zum sozialen Frieden bei? Weil sie die sexuelle Konkurrenz zeitlich begrenzt und schwächeren Gruppenmitgliedern einen gewissen Schutz gewährt.
Die menschliche Anatomie und Physiologie lassen kaum einen Zweifel daran, dass die Frauen in der Evolution nicht regelmäßig mit mehreren Männern parallel Sex hatten. Ebenso wenig realistisch sind Szenarien, in denen einzelne Männer größere Harems mit mehr als zwei oder drei Frauen für sich verteidigen konnten. Menschen scheinen also tatsächlich eine Tierart mit Paarbindung und moderater Polygamie zu sein, wie dies im Standardmodell behauptet wird. Es gibt allerdings einige Beobachtungen, die nicht auf Anhieb in dieses Bild passen: So leben die Paare bei den Säugetieren normalerweise isoliert. Beim Menschen sind die Paare dagegen in der Regel Teil einer erweiterten Familie und einer größeren sozialen Gruppe.
Und es gibt noch einen zweiten Unterschied zwischen den meisten paarlebenden Tieren und den Menschen: die Häufigkeit des Sex. Wie viel Sex haben monogame Paare im Tierreich? Die Antwort ist: Sobald sich eine feste Partnerschaft entwickelt hat, in der Regel nur noch sehr wenig. Bei den Gibbons beispielsweise wird die Zahl der Kopulationen pro Geburt auf rekordverdächtig niedrige drei geschätzt. Ganz anders sieht es bei Arten aus, die in gemischten Gruppen ohne feste Partnerschaften leben. Menschen ähneln in dieser Beziehung eher den Schimpansen und Bonobos, den »Hippies« unter den Menschenaffen, bei denen zwischen hundert und über tausend Kopulationen pro Geburt gezählt werden.
Heißt das, dass wir im Grund unseres Herzen doch nicht für die Zweierbeziehung gemacht sind? Oder ist es gerade anders herum und die ständige Beschäftigung mit dem Sex ist eine letztlich unnatürliche Übertreibung, eine Zivilisationskrankheit? Vielleicht lässt sich der Widerspruch, dass wir uns in Bezug auf die Häufigkeit des Sex nicht wie andere paarlebende Primaten verhalten, aber auch auflösen.
Wie oft schlafen Menschen miteinander, bevor sie ein Kind bekommen? Manchmal geht es sehr schnell, oft dauert es aber auch lang, klappt gar nicht oder ist nicht gewollt. Im Durchschnitt heißt das: Jedem einzelnen Kind stehen sage und schreibe tausendmal Sex gegenüber. Oder umgekehrt: In 999 von 1.000 Fällen führt Sex nicht zur erfolgreichen Zeugung eines Kindes. Woher weiß man das?
Umfragen zufolge schlafen Frauen und Männer, die in Partnerschaften leben, zwischen ein- und dreimal pro Woche miteinander. Für die beiden fruchtbarsten Jahrzehnte – von Anfang zwanzig bis Ende dreißig – addiert sich das im Mittel auf die beachtliche Zahl von 2.000. Da dem statistisch gesehen etwa zwei Kinder pro Frau gegenüberstehen, ergibt sich eine durchschnittliche Trefferquote von 1:1.000. Dieser Wert dürfte einigermaßen realistisch sein (Schmidt et al., 2006, S. 121–126).
Wie kann es sein, dass das scheinbar Normalste auf der Welt, die Fortpflanzung, zu einer Geschichte von tausend und einer Nacht wurde? Was für eine Verschwendung von kostbarer Lebenszeit und Energie! Sex kostet Zeit, Zeit in der man arbeiten oder schlafen könnte, in der man lesen oder Sport machen könnte. Zudem ist er mit Risiken verbunden: unerwünschte Schwangerschaft, Ansteckung, seelische Verletzung. Von der Mühe, die es kostet, einen begehrenswerten Mann oder eine schöne Frau ins Bett zu bekommen, einmal ganz abgesehen.
Wenn der Sex aber kaum etwas mit dem Kinderwunsch zu tun hat und zudem mühsam und riskant ist, dann stellt sich die Frage, warum Menschen das überhaupt machen. Auch hierzu hat man Frauen und Männer befragt. Viele antworteten ganz spontan: »Weil Sex Spaß macht.« Diese Reaktion ist als solche völlig plausibel und nachvollziehbar. Leider erklärt sie nichts! Denn sie beantwortet nicht, warum wir dabei überhaupt Lust empfinden. Und warum diese Lust so besonders ist.
Ein Beispiel mag deutlich machen, was damit gemeint ist. Auf die Frage, warum wir essen, kann man ganz ähnlich antworten: Weil wir Appetit haben, weil es schmeckt usw. Auch das ist richtig, aber es ist kein Geheimnis, dass wir essen müssen, wenn wir überleben wollen. Das heißt aber: Das gute Gefühl ist nicht der eigentliche Grund,
