His Monstrous Heart - Lara Große - E-Book

His Monstrous Heart E-Book

Lara Große

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Beschreibung

Ich wollte einem Monster das Herz stehlen, nur um am Ende mein eigenes zu riskieren. Mit der Macht seines berüchtigten Seeungeheuers hat der Imperator von Laurentia nahezu die gesamte Götterbucht unterworfen. Nun schickt er seine Bestie in die Heimat von Prinzessin Andromeda, um diese zu zerstören und zur Kapitulation zu zwingen. Als das göttliche Orakel verkündet, dass nur das Opfer der Prinzessin Tessalien retten könnte, zögert sie nicht. Im Morgengrauen wird Andromeda an einen Felsen im Meer gekettet und stellt sich dem Ungeheuer, das aus den Fluten steigt. Nur um nicht den erwarteten Tod zu finden. Stattdessen wird sie entführt.  Denn das Monster verfolgt eigene Pläne – und diese beginnen mit ihr. Gefangen im Palast der Bestie, zwischen Pflicht, Verrat und verbotenen Gefühlen steht Andromeda vor der Frage: Was ist sie bereit zu opfern – ihr Herz oder ihr Reich? Ein episches Greek-Retelling von SPIEGEL-Bestsellerautorin Lara Große

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Seitenzahl: 631

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lara Große

His Monstrous Heart

Andromeda Dilogie Band 1

Bisher bei LEAF erschienen:

City of Dust and Shadows -

ein Urban Romantasy Einzelband

If we were Gods -

ein Dark Academia Fantasy Einzelband

Liebe Leser:innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte, deshalb befindet sich auf Seite 479 eine Contentwarnung.

Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.

Ausführliche Informationen über unsere

Autorinnen und Autoren und ihre Bücher

www.leaf-verlag.de

1. Auflage 2026

Originalausgabe: Copyright © 2026 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG, Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland

Copyright © 2026 by Lara Große

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Literaturagentur.

Textredaktion: Selina Krystofiak - Zeilenflug Lektorat, Sarah Di Fabio

Covergestaltung: Alexander Kopainski, www.kopainski.com

Mapgestaltung: Caroline Keller @caroline.dsign © Lara Große unter Verwendung von Brushes von © Geppet

Satz: LEAF Verlag unter Verwendung von Stockmaterial von Adobe Stock (© Vector Queen, © Noctwork, © dhtgstockphoto)

ISBN: 978-3-911244-68-8

Für alle, die das Monster wählen, statt auf ihren Helden zu warten.

Inhalt

KAPITEL 1 ANDROMEDA

KAPITEL 2 KETOS

KAPITEL 3 ANDROMEDA

KAPITEL 4 KETOS

KAPITEL 5 ANDROMEDA

KAPITEL 6 KETOS

KAPITEL 7 ANDROMEDA

KAPITEL 8 KETOS

KAPITEL 9 ANDROMEDA

KAPITEL 10 KETOS

KAPITEL 11 ANDROMEDA

KAPITEL 12 KETOS

KAPITEL 13 ANDROMEDA

KAPITEL 14 KETOS

KAPITEL 15 ANDROMEDA

KAPITEL 16 KETOS

KAPITEL 17 ANDROMEDA

KAPITEL 18 KETOS

KAPITEL 19 ANDROMEDA

KAPITEL 20 KETOS

KAPITEL 21 ANDROMEDA

KAPITEL 22 KETOS

KAPITEL 23 ANDROMEDA

KAPITEL 24 KETOS

KAPITEL 25 ANDROMEDA

KAPITEL 26 KETOS

KAPITEL 27 ANDROMEDA

KAPITEL 28 KETOS

KAPITEL 29 ANDROMEDA

KAPITEL 30 KETOS

KAPITEL 31 ANDROMEDA

KAPITEL 32 KETOS

KAPITEL 33 ANDROMEDA

KAPITEL 34 KETOS

KAPITEL 35 ANDROMEDA

KAPITEL 36 KETOS

KAPITEL 37 ANDROMEDA

KAPITEL 38 KETOS

KAPITEL 39 ANDROMEDA

KAPITEL 40 KETOS

KAPITEL 41 ANDROMEDA

KAPITEL 42 KETOS

KAPITEL 43 ANDROMEDA

KAPITEL 44 KETOS

KAPITEL 45 ANDROMEDA

KAPITEL 46 KETOS

KAPITEL 47 ANDROMEDA

KAPITEL 48 KETOS

KAPITEL 49 ANDROMEDA

KAPITEL 50 KETOS

KAPITEL 51 ANDROMEDA

KAPITEL 52 KETOS

KAPITEL 53 ANDROMEDA

KAPITEL 54 KETOS

KAPITEL 55 ANDROMEDA

KAPITEL 56 KETOS

KAPITEL 57 ANDROMEDA

KAPITEL 58 KETOS

KAPITEL 59 ANDROMEDA

KAPITEL 60 KETOS

KAPITEL 61 ANDROMEDA

DANKSAGUNG

Aber der Prinz von Adessa ist elf Jahre alt“, wispert Eunike und wendet den Blick von meinem Vater ab. König Kepheus steht vor dem Altar, im Mondschein schimmert das Blut auf der Klinge in seiner Hand. Stattdessen sieht Eunike mich mit großen Augen an. „Halb so alt wie Ihr, Prinzessin.“

Meine Mundwinkel zucken, doch es will kein Lächeln daraus werden. Die Anspannung hat mich fest im Griff, und schon den ganzen Tag schmerzen meine Schultern. „Dessen bin ich mir sehr wohl bewusst.“

Mein Vater tritt vom Altar zurück und reicht den Ritualdolch einer Priesterin, die ihn mit einer Verbeugung entgegennimmt und sich wieder in die Reihe aus etwa zwei Dutzend schwarzgewandeten Frauen einfügt. Hinter ihnen ragt der Tempel der Nymeria auf, gehüllt in den orangefarbenen Schein der Fackeln. Das Blut des Opferstiers fließt über den Altar und sickert in das Pflaster; sein dunkelbraunes Fell und die vergoldeten Hörner glänzen. Ich sehe sogar das Weiß in seinen glasigen Augen. Normalerweise macht mir das nichts aus, doch heute rumort mein Magen und ich wünschte, mein Platz wäre nicht direkt daneben. Immer mehr Blut quillt aus seiner aufgeschlitzten Kehle.

Jubelrufe durchbrechen die andächtige Stille, ehe es rote Blütenblätter regnet. Sie landen in meinen Haaren und auf der schwarzen Seide meines Kleides, bescheren mir eine Gänsehaut.

Ich werfe einen Blick hinter mich, wo sich im Schatten des Tempels Menschen dicht an dicht drängen. Eine Handvoll Soldaten schirmen den Altar ab und verhindern, dass die Massen zu nah kommen. Nur die ranghöchsten Adeligen dürfen hier oben stehen. Doch Bauern und Handwerker, Fischer, Händler und Färber, Alt und Jung, Männer und Frauen, sie alle haben sich heute Nacht auf dem Platz des Mondes versammelt, um der rituellen Opferung zu Ehren von Nymeria beizuwohnen. Einige sind sogar auf die Bühne an der Längsseite des Platzes geklettert, um einen besseren Blick zu haben. Leute halten Kinder in die Höhe, rufen und singen.

Die Jola-Blüten, die sie werfen, sollen Glück bringen und Nymerias Wohlwollen wecken – die rote Farbe sowie das Gewürz aus den Wurzeln dieses Krauts sind es, was unser Land reich und stark gemacht hat. Aber heute kann ich in ihnen nichts anderes sehen als ein schlechtes Omen, eine Vorahnung auf den Regen aus Blut, der schon bald auf uns niedergehen wird. Ich starre ein Blütenblatt an, das langsam zwischen den schlaffen Vorderbeinen des Stiers im dickflüssigen Rot versinkt. Und obwohl der warme Wind der Wüste und das Feuer der Fackeln meine Wangen erwärmen, überläuft mich ein Frösteln.

„Ihr könnt den Prinzen nicht heiraten!“ Eunikes Zwillingsschwester Elektra lehnt sich zu uns herüber. Beide Adelsdamen sind das Spiegelbild der jeweils anderen, mit der goldbraunen Haut, die üblich für Menschen aus Tessalien ist, und den schwarzen Locken, die sie von ihrem Vater geerbt haben. Dieser stammt mütterlicherseits aus Adessa, unserem Nachbarreich im Osten, und bekleidet momentan das Amt des Handelsministers. Er war es auch, der das Verlöbnis zwischen unseren Ländern vorgeschlagen hat. Bei dem Gedanken daran muss ich ein Schnauben unterdrücken. Natürlich war seine Lösung für unser Dilemma, mich zu verschachern. „Mit der Hochzeit würdet Ihr dem armen Hauptmann Dasios das Herz brechen“, setzt Elektra hinzu und ein Grinsen huscht über ihr Gesicht.

Wie auf Kommando schauen meine beiden Kindheitsfreundinnen und ich zu dem Mann, der hinter Vater steht. Der bronzene Brustpanzer betont seine breiten Schultern, und unter der Beinschürze aus Lederstreifen lugen seine muskulösen Oberschenkel hervor. Wie der Rest seines Körpers sind sie vom täglichen Training gestählt. Ich muss es wissen, so viele Nächte, wie ich damit verbracht habe, ebenjenen Körper mit Fingern, Lippen und Zunge zu erkunden. Bei der Erinnerung lockert sich der Knoten in meiner Brust, wenn auch nur kurz.

Wie immer wachsam und beflissen, muss Dasios unsere Blicke bemerkt haben und zieht eine Augenbraue hoch. Er hat ein grobes Gesicht mit einer krummen Nase, die bestimmt schon mehrmals gebrochen war, aber er sieht ganz hübsch aus, wenn er lächelt.

Ich gebe ihm mit einem leichten Kopfschütteln zu verstehen, dass alles in Ordnung ist, und wende mich wieder den Zwillingen zu. „Hauptmann Dasios kennt seinen Platz“, stelle ich klar. Das zwischen uns war nie mehr als ein zweckdienliches Arrangement.

Elektras Grinsen wird breiter. „Unter Euch?“

Eunike prustet los und schlägt sich die Hände vor den Mund, als ihr Vater warnend zu ihr schaut.

Doch ich kann nicht lachen, nicht einmal meine Lippen zu einem Lächeln zwingen. Nicht heute.

„Na ja“, flüstert Elektra und rückt noch näher zu uns. „Wenn der Hauptmann Trost brauchen sollte, nachdem seine geliebte Prinzessin fort ist, würde ich mich durchaus bereit erklären …“

„Elektra!“ Eunikes Ellbogen landet in den Rippen ihrer Schwester.

Das Grinsen schwindet aus Elektras Gesicht und sie verzieht den Mund. „Verzeihung“, sagt sie und runzelt die Stirn. „Bei den Göttern, der König kann nicht wahrhaftig vorhaben, Euch mit dem jungen Prinzen zu verloben. Ihr werdet ihn nicht heiraten, oder?“

Ihr besorgter Ton versetzt mir einen Stich. Wenn ich den Prinzen heirate, muss ich Tessalien verlassen. Ich werde alles verlieren, was ich kenne. Zwar spreche ich recht gut Adessisch, aber Adessa ist und bleibt ein Teil des Antarischen Bundes. Einst mag die Küste zur Götterbucht gehört haben, doch das ist lange her, und heutzutage verehren sie dort nicht einmal mehr unsere Götter. Wenn ich den Prinzen heirate, werde ich allein sein in der Fremde, gekettet an ein Kind. Bei dem Gedanken zieht sich meine Kehle zusammen.

Doch es ist meine Pflicht.

Ich straffe die Schultern, ignoriere den Druck in meinem Brustkorb und schiebe das Kinn vor. „Selbstverständlich heirate ich ihn. Wir können den Göttern danken, wenn Adessa der Verlobung überhaupt zustimmt.“ Ich versuche mich an einem Lächeln. „Und immerhin ist er nicht doppelt so alt wie ich. Das wäre deutlich tragischer, wenn ihr mich fragt.“

Die Schwestern murmeln zustimmend und meine Schultern sacken herab. Zumindest für den Moment konnte ich ihre Bedenken anscheinend zerstreuen, bei meinen eigenen gestaltet sich das jedoch schwieriger. Denn die Allianz mit Adessa ist das Einzige, das uns vielleicht vor der Gier des Imperators bewahren kann.

Und vor dem Blutdurst seines Seeungeheuers.

Ein eisiger Schauer überläuft mich und wie von selbst gleitet mein Blick vorbei an dem Tempel und den Palmen, die ihn flankieren. Er ist hoch oben über dem Meer am Rand der Steilklippe errichtet worden. Nyma, die Hauptstadt Tessaliens, liegt vor der Bucht links von uns. Die Häuser aus Lehm und Sandstein klammern sich an den Felsen, rot bemalt mit der Farbe aus Jola-Wurzeln. Von hier aus kann ich nur den oberen Teil der Klippen sehen, doch vorhin von meinem Balkon aus habe ich beobachtet, wie in der Dämmerung auf allen neun Terrassen der Stadt Fackeln und Freudenfeuer angezündet wurden. Wie ein Wasserfall aus Licht, zu Ehren von Nymeria erstreckten sie sich vom höchsten Fleck der Stadt, dem Königspalast, bis hinab zum Hafen.

Nun spiegelt der Ozean die leuchtenden Punkte wider, das Wasser selbst ist schwarz wie Pech, und das Meeresrauschen nistet sich in meinen Ohren ein. Seit ich fünf Jahre alt bin, ruft mir dieses Geräusch stets die Bedrohung durch das Seeungeheuer in Erinnerung. Ich weiß gar nicht mehr, wie es ist, ohne Furcht auf das Meer zu blicken. So wie bei den Felsnadeln vor der Küste, reibt das Brechen der Wellen Schicht um Schicht von meinem Körper ab, bis irgendwann nichts mehr von mir übrig bleibt.

Ja, wenn es Nyma und ganz Tessalien schützt, werde ich diesen fremden Prinzen heiraten. Gleichgültig, wie alt er ist.

Ich zucke zusammen, als ein dumpfes Rumms das Stimmengewirr übertönt. Einige Priesterinnen haben soeben die hölzernen Türflügel des Heiligtums aufgezogen. Dahinter herrscht Dunkelheit, denn das Innere eines Tempels ist den Priesterinnen vorbehalten. Von außen umgeben mächtige, rund dreißig Fuß hohe Marmorsäulen die rechteckige Halle und gehen in einen Dachfries über, auf dem rote und blaue Muster prangen. Die Skulpturen auf dem Giebel stellen Nymeria und ihre Begleiterin, die Schwarze Löwin, dar. Die Göttin hält die Arme ausgebreitet, zwischen ihren Händen funkeln ein Sichelmond und drei Sterne. Und wie immer verdeckt eine Augenklappe ihr linkes Auge.

Als junges Mädchen hätte ich einmal beinahe ein Sakrileg begangen und den Tempel betreten. Während Vater eine Audienz bei den Priesterinnen hatte, wartete ich vor dem Eingang, und die geöffneten Türflügel zogen mich näher heran. Beinahe, als hätte jemand einen Faden an meiner Brust befestigt und daran gezupft. Vielleicht war es das Verbotene, das mich gereizt hat, vielleicht aber auch die Neugier. Ich spähte ins Innere und entdeckte die Statue der Nymeria, die fast bis an die Decke reicht. In dem dämmrigen Licht hielt ich die marmorne Gestalt für lebensecht und presste mir eine Hand auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Trotzdem ging ich näher heran.

Irgendetwas schien nach mir zu rufen. Doch kurz bevor ich die Türschwelle übertrat, rissen mich die Stimmen meines Vaters und der Priesterinnen aus dem Bann. Ich machte auf dem Absatz kehrt und floh zurück ins Sonnenlicht, schnappte nach Luft und dankte Nymeria, dass niemand mein Vergehen bemerkt hatte.

Und auch jetzt packt mich dieser Sog. Er summt in meinen Adern, vibriert in meinen Knochen, als würde jemand eine Trommel schlagen. Die sechs Hohepriesterinnen, gehüllt in schwarze Roben, treten aus dem Tempel hervor. Sie schreiten die Stufen hinab, und mit jedem ihrer Schritte wird es auf dem Platz stiller und stiller, bis die Menge gänzlich verstummt. Der würzige Geruch von Weihrauch steigt mir in die Nase. Vor dem Altar halten die Priesterinnen inne und ihre Formation fächert auf, um den Blick auf die Frau in der Mitte freizugeben.

Das Orakel, die oberste Priesterin der Nymeria, trägt eine blutrote Robe. Ein zarter Seidenschleier verbirgt die linke Hälfte ihres Gesichts – es heißt, sie habe sich das Auge herausnehmen lassen, um zu sehen, wie Nymeria sieht. Persönlich habe ich mich nie davon überzeugen können. Doch in den vergangenen zehn Jahren, seit sie zum Orakel ernannt wurde, ist jede ihrer Prophezeiungen eingetreten. Ob die Dürre vor drei Jahren, der Brand im Hafenviertel oder die seltene Geburt eines Hippokampen – so wie sie es vorhergesagt hat, ist es gekommen.

In den behandschuhten Händen hält das Orakel eine Schatulle aus Zedernholz mit goldenen Beschlägen, und nur mühsam widerstehe ich dem Drang, einen Schritt auf sie zuzumachen. Ich krümme die Finger zu Fäusten, und meine Nägel bohren sich schmerzhaft in meine Haut.

Das Orakel tritt an den Altar und der Saum ihrer Robe schleift durch das Blut des Opferstiers. Atemlose Stille hält die Menschenmenge gefangen, nur mein Puls dröhnt in meinen Ohren. Langsam streckt das Orakel eine Hand nach dem Verschluss aus. Und als sie die Schatulle öffnet, offenbart sie Tessaliens größtes Heiligtum.

Das Auge der Nymeria.

Die silberne Kugel ruht in einem Bett aus Seide.

Nur einen Moment später reicht das Orakel die Schatulle an eine der Hohepriesterinnen, nimmt das Auge heraus und hält es über den Altar. Wie überwältigend muss es sich wohl anfühlen, einem Teil einer Göttin so nah zu sein?

Mit klarer Stimme dankt das Orakel Nymeria für ihren Schutz und die reiche Ernte im vergangenen Jahr, und gleichzeitig bittet sie um ihren Segen und ihr Wohlwollen für die nächsten zwölf Monde. Die vertrauten Worte verschwimmen in meinem Kopf zu einem Rauschen.

Ich starre das Auge an. Es hat etwa die Größe einer Männerfaust. Die glatte Oberfläche glänzt und im Licht der Fackeln meine ich, einen Blick auf meine eigene Spiegelung zu erhaschen. Mein ganzer Körper bebt im Takt meines Herzschlags, aber es ist nicht unangenehm. Für einen Moment fühle ich mich nicht mehr hilflos. Nicht so, als wäre eine verfluchte Hochzeit mit einem Kind das Einzige, was ich tun könnte, um mein Land vor einem Tyrannen und seinem Ungeheuer zu bewahren. Die Macht der Göttin scheint warm wie Sonnenstrahlen auf meine Haut und sinkt bis in meine Knochen.

Dann legt das Orakel die Kugel zurück in die Schatulle, der Verschluss schnappt zu und die Prozession aus Priesterinnen begibt sich zurück in den Tempel.

Ich blinzle und ringe nach Atem, als hätte man mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Um mich herum brechen die Menschen erneut in Jubel aus, der Klang von Flöten und Trommeln verwebt sich zu einem fröhlichen Rhythmus. Diener eilen herbei und der Opferstier wird fortgetragen, um für das Festmahl zubereitet zu werden.

Doch ich sehe nur die roten Blütenblätter auf dem blutigen Boden.

Das Lächeln auf meinem Gesicht ist wie festgefroren und meine Hand umklammert den Becher mit throbischem Wein. Jeder Schritt fühlt sich steif an. Niemand scheint es zu bemerken. Wohin ich auch gehe, begegnen mir glänzende Augen und lachende Münder.

Ich bewege mich durch die feiernde Menge und gebe mir Mühe, Zuversicht auszustrahlen, während Sorge mein Inneres zerfrisst. „Wir müssen so tun, als wäre alles in bester Ordnung“, hatte Vater am Morgen noch zu seinen Ministern gesagt. Ich hatte so stillgestanden wie möglich, damit mich niemand bemerkte und aus dem Raum hinauskomplimentierte. „Es hilft uns nicht, wenn wir eine Panik auslösen.“

Das ändert nichts daran, dass es sich falsch anfühlt. Selbst meine Kleidung ist Teil der Lüge. Ich bin gehüllt in einen Peplos aus schwarzer Seide. Die langen Stoffbahnen umschmeicheln mit gekonnt gelegten Falten meinen Körper und sind unter der Brust mit einem breiten, vergoldeten Gürtel gerafft, der wie eine Rüstung anmutet. Fibeln in Form von Löwenpranken halten das Kleid an den Schultern zusammen, und meine hochgesteckten honigfarbenen Locken erinnern an einen Helmkamm.

Ich komme mir vor wie eine Heuchlerin.

Verkleidet wie die Artisten, die sich auf der Bühne für die Aufführung bereit machen. Als würde diese kriegerische Aufmachung etwas nützen, wenn der Imperator seine Drohung wahr macht.

Wenn er sein Seeungeheuer nach Tessalien schickt.

Trotzdem halte ich an meinem Lächeln fest wie an einer Rettungsleine. Ich lächle und male mit zwei Mädchen Kreidesterne auf das Pflaster. Ich lächle, als ein junger Färber – seinen roten Fingerspitzen nach zu urteilen – mich um einen Tanz bittet, und drehe mich mit ihm im Feuerschein. Eine Weile tanze ich, bis meine Füße wehtun und ich mich entschuldige. Ich lächle und bedanke mich artig, als eine alte Frau mir einen selbst gemachten Kranz aus Jola-Blüten schenkt. Ich lege ihn mir um den Hals und sie strahlt über das ganze Gesicht.

Etwas in mir fühlt sich taub an. Und schwer.

„Da bist du ja, Andromeda.“ Mutter taucht aus der Menge auf und hakt sich bei mir unter. Ihre vertraute Wärme an meiner Seite sorgt dafür, dass sich meine verkrampften Muskeln lockern.

Königin Kassiopeia ist die perfekte tessalische Dame, so wie sie in den Liedern besungen wird: groß, mit langen Gliedern, goldbrauner Haut und der Anmut von Nymerias Löwin. Im Volk hält sich hartnäckig das Gerücht, sie hätte meinen Vater verführt. Die ernüchternde Wahrheit ist allerdings, dass er mit der Hochzeit bloß einen Aufstand der adeligen Statthalter im Süden verhindert hat. Er hatte die Steuern auf die Erträge aus der Jola-Ernte erhöht, was den Großgrundbesitzern gar nicht gefallen hat. Gewürz und Farbe aus den Wurzeln des Jola-Strauchs sind immerhin ein wertvolles Handelsgut. Um sie zu besänftigen, ehelichte Vater die Tochter des mächtigsten Statthalters – und setzte seine Steuer durch. Das Volk nannte sie die Blume von Tessalien.

Jetzt nennt es mich die Löwenprinzessin und singt über meine Schönheit.

Mutter schnalzt tadelnd mit der Zunge. „Sag nicht, du hast unsere Verabredung vergessen? Sieh nur, die Aufführung fängt gleich an.“

„Niemals“, versichere ich ihr und schaue zur Bühne an der Längsseite des Platzes. Davor hat sich bereits eine Menschentraube gebildet. „Das würde ich nicht vergessen. Komm, suchen wir uns einen Platz.“

Zufrieden lächelt sie und Fältchen zeichnen sich um ihre Augenwinkel ab. Ich mag sie, weil sie mir zeigen, dass Mutters Lächeln echt ist.

Die Leute verbeugen sich und weichen vor uns zurück, als wir gemeinsam zur Bühne gehen. Diese ist bloß ein einfaches Podium, anders als das Theater unten in der Stadt mit seinen Zuschauerrängen und der königlichen Loge. Ich habe von einer Schauspielerin gehört, dass das Theater in Laurentia, der Hauptstadt des Imperiums, mehr als dreimal so groß sein soll wie unseres. Es ist das größte der gesamten Götterbucht – zumindest mittlerweile. Früher galt der Stadtstaat Katanos im Norden der Bucht als Zentrum von Kunst und Kultur. In das Theater dort sollen zwanzigtausend Menschen gepasst haben.

Nun, bevor das Seeungeheuer Katanos dem Erdboden gleichgemacht hat.

Ich versuche, den Gedanken abzuschütteln, als auf der Bühne die Musik einsetzt. Trommler, Flötisten und eine Lyra-Spielerin bringen die Menge mit ihrer Melodie zum Verstummen. Die Finger der Frau gleiten mühelos über die Saiten der Lyra – meine eigenen Finger zucken, als wollten sie sich die Bewegungen für später merken. Ich spiele bei Weitem nicht so gut wie diese Frau. Dennoch, als kleines Mädchen wollte ich mich immer mit meiner Lyra einer Schauspieltruppe anschließen und durch die Welt ziehen. Bis meine Zofe genug von meinem Geklimper hatte und mir sagte, dass man als fahrende Schauspielerin keine Seidengewänder trägt, keinen Schmuck aus Gold und Juwelen, und dass man manchmal nicht einmal genug zu essen hat. Das hatte meinem Eifer einen erheblichen Dämpfer versetzt.

Begleitet von der Musik kommen die Schauspieler auf die Bühne und Mutter drückt meine Hand. Diese Aufführung ist für uns immer etwas ganz Besonderes. Die Darsteller tanzen, ihre bunten Kostüme wirbeln in einem Rausch aus Farben umeinander herum. Es sind zwölf an der Zahl, einer für jeden der Götter, die unsere Welt erschaffen haben. Ihre Bewegungen fließen ineinander, bis man sie kaum mehr voneinander unterscheiden kann.

Ich erhasche einen Blick auf Nymeria, die Göttin der Nacht, in Rot und Schwarz, und auf ihren Bruder Nymos, den Gott von Sonne und Himmel.

Auf die Todesgöttin Astara mit ihrer weißen Eulenmaske und ihren goldgelockten Bruder Apix mit seiner Lyra.

Eine Frau mit Rehmaske – die Jagdgöttin Zalara – springt über die Bühne und packt einen Mann bei den Händen, der eine blau-silberne Maske trägt: ihren Bruder Zyderias, den Gott des Meeres und der Stürme.

Haria, die Erntegöttin, und Herion, Herr über das Feuer, stoßen dazu.

Dann Telenos, der Gott von Blut und Krankheit, sowie seine Schwester Talena, Göttin der Heilung.

Und zuletzt Moraina, das alte Weib des Schicksals, und der Knabe Midos, Gott der Jugend.

Auch wenn Nymeria die Schutzpatronin von Tessalien ist, so ehren wir alle Zwölf des Kosmischen Pantheons. Genau wie Nymeria in jenen Ländern und Stadtstaaten der Götterbucht verehrt wird, die unter dem Schutz eines anderen der Zwölf stehen.

Nun drehen sich die Schauspieler immer ekstatischer zum Takt der Musik, einer nach dem anderen sinken sie schließlich auf den Boden. Das ist der Krieg der Götter. Sie kämpften so lange um die Vorherrschaft, bis sie aus dem Kosmos auf die Erde stürzten, und dort, wo sie auf Land trafen, zersplitterte es. So war die Götterbucht entstanden.

Dann werfen die Schauspieler buntes Pulver in die Luft, das in schimmernden Staubwolken über ihren Köpfen schwebt: die Macht, die die Götter bei ihrem Absturz verloren. Nur einen kleinen Teil davon, doch ich nehme an, es war beschämend genug. Zumindest beendeten die Götter ihren Krieg und schlossen einen Friedenspakt. Sie schworen, sich nie mehr in das Leben der Sterblichen einzumischen, und kehrten in den Kosmos zurück. Auch die Schauspieler stehen auf, klopfen sich das Puder ab und verneigen sich, ehe sie von der Bühne gehen.

Die Menge applaudiert und Mutter neigt den Kopf zu mir. „Jetzt kommt der beste Teil“, flüstert sie. „Bei den Göttern, ich weiß nicht, wie oft ich dir diese Geschichte erzählen musste.“

Ich verdrehe die Augen, doch mein Lächeln ist echter als den ganzen Abend zuvor. „Oh, ein Kind, das gerne Geschichten hört“, murmle ich. „Wie grauenvoll.“

Sie versetzt mir einen sanften Klaps auf die Finger. „Widersprich mir nicht, Tochter.“

Ich setze eine betont ernste Miene auf. „Ja, Mutter.“

Sie seufzt, kann jedoch das Lachen nicht verbergen.

Zwei der Schauspieler kehren auf die Bühne zurück und die Schauspielerin von Nymeria setzt ihre Löwinnen-Maske ab. Darunter ist ihr Gesicht dunkelblau wie der Nachthimmel geschminkt, zwei silberne Monde prangen um ihre Augen.

Auf der anderen Seite nimmt Zyderias Aufstellung und wirft ebenfalls seine Maske ab. Nicht weit von mir entfernt stehen drei Mädchen am Rand der Bühne, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, die bei seinem Anblick erröten und kichern. Ich lächle und muss an Linos denken, den Schauspieler, in den ich mich in ihrem Alter verguckt habe. Er hat Alexios gespielt, den Jüngling, der in Apix vernarrt ist und von der lieblichen Stimme des Gottes nach und nach in den Wahnsinn getrieben wird. Damals überredete ich meinen Vater, die Truppe zu einer Vorstellung ins Schloss einzuladen – Vater kann mir fast nie etwas abschlagen –, und so schlich ich mich später mit Linos in den Garten, wo er mich mit Lippen und Fingern ebenfalls nah an die Grenze des Wahnsinns trieb.

Auf der Bühne setzen Nymeria und Zyderias erneut zum Tanz an. Sie gleiten aufeinander zu und voneinander weg wie Mond und Meer.

„Es tut mir leid“, sagt Mutter plötzlich.

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und sehe sie an. Ihr Blick ist weiterhin auf die Bühne gerichtet. „Was meinst du?“

„Dass ich nicht widersprochen habe.“ Oh, sie redet von der Verlobung. „Das könnte unser letztes gemeinsames Fest sein.“

Ein Kloß bildet sich in meiner Kehle und ich muss mich räuspern, bevor ich etwas sagen kann. „Vater meinte, vielleicht werde ich noch ein paar Jahre hierbleiben, bis der Prinz alt genug ist.“

Die Melodie wird lieblich. Nymeria und Zyderias finden zusammen, tanzen eng umschlungen im Gleichtakt.

„Ja, vielleicht.“ Mutter klingt nicht überzeugt. „Ich weiß nicht, warum du ausgerechnet diese Geschichte immerzu hören wolltest. Sie hat nicht einmal ein gutes Ende.“

Ich zucke mit den Achseln. Wieder und wieder musste Mutter mir die Geschichte von Nymeria und Zyderias erzählen, während sie tagelang bei mir am Bett saß. An ihre Stimme erinnere ich mich genau, wenn auch sonst an nicht viel aus jenen Wochen meiner Kindheit. „Vielleicht geht es nicht bloß um das Ende“, sage ich.

Mutter gibt ein zustimmendes Murmeln von sich. „Es gibt keine andere Möglichkeit.“ Sie spricht nicht mehr von der Geschichte.

„Ich … weiß.“

Das weiß ich nur zu gut. Seit drei Monden verhandeln Vater und seine Berater mit dem Imperator. Er hat uns eine Nachricht geschickt, forderte uns auf zu kapitulieren, den Thron aufzugeben und seine Herrschaft über Tessalien anzuerkennen. Seine Arroganz lässt ihn wohl glauben, wir würden ohne Widerstand vor ihm auf die Knie gehen. Doch wir Tessalier sind ein stolzes Volk. Wir sind das Volk von Nymeria, der Göttin der Nacht und der Weisheit – aber auch des Krieges.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, springt die Schauspielerin der Nymeria von Zyderias weg, die Musik schlägt um, grell und laut. Der Tanz wird zu einem Kampf.

Und dennoch – auf die Knie zu gehen ist unsere letzte Option, wenn meine Verlobung mit dem jungen Prinzen nicht gelingt. Natürlich hat Mutter nicht gegen den Vorschlag protestiert.

Erst Tessalien, dann die Familie.

Nymeria und Zyderias kämpfen noch immer, aber diesmal gibt die Musik nicht nach, sondern drängt weiter und weiter auf ihren Höhepunkt zu, wird schneller, schneller, schwillt an, bis es kaum mehr auszuhalten ist. Waffen blitzen auf – natürlich Requisiten – und rote Bänder fliegen durch die Luft, symbolisch für das Blut der Götter.

Jetzt kommt mein liebster Teil der Geschichte, doch nach dem Gespräch mit Mutter bin ich nicht mehr in Stimmung dazu. Der Kloß in meinem Hals wächst und drückt auf meine Brust, nimmt mir den Atem.

Nymeria schlägt die Hände vors Gesicht, zwischen ihren Fingern fällt eine kleine, silberne Kugel hervor und prallt auf den Boden. Gleichzeitig krümmt sich Zyderias zusammen und wendet sich vom Publikum ab. Ich kann erahnen, wie der Schauspieler seinen rechten Arm unter den Roben versteckt und im Gegenzug einen mit Lumpen gefüllten Ärmel abwirft.

Stille erfasst den Platz. Die beiden Götter richten sich auf und sehen sich an – Nymeria trägt nun eine Augenklappe. Zaghaft setzt die Musik wieder ein, doch diesmal spielt lediglich die Lyra. Nymeria und Zyderias erwachen aus ihrer Starre und küssen sich unter dem Johlen der Menge.

Danach steigen sie von der Bühne, allein der Arm und das Auge bleiben zurück. Der Mond und das Meer lieben sich seit Anbeginn des Kosmos, doch es heißt, jeden Neumond trennen sie sich wieder. Daran änderte nicht einmal der Verlust von ihrem Auge und seinem Arm etwas.

Applaus bricht aus. Ich hebe ebenfalls die Hände, doch lasse sie wieder sinken. Normalerweise ist mir diese Nacht die liebste des Jahres. Aber heute sehe ich nur all das, was ich zu verlieren habe.

„Entschuldige mich. Ich hole mir ein neues Glas Wein.“ Ich ringe mir ein Lächeln ab, von dem Mutter bestimmt merkt, dass es erzwungen ist. Trotzdem hält sie mich nicht auf.

Ich bahne mir meinen Weg zu den Tischen am Rand des Platzes und zum Glück weichen die Leute mir aus. Es erfordert all meine Kraft, um das falsche Lächeln auf meinen Lippen zu halten. Götter, wie kann ein Fest so anstrengend sein?

Als ich bei den Tischen ankomme, hole ich mir keinen Wein, sondern schaue mich um. Der Schmerz in meiner Brust schwillt an, und ich will in starke Arme flüchten, Trost suchen und für einen kurzen Moment alles vergessen.

In der Nähe des Altars entdecke ich Dasios, wo er drei kleinen Jungen seinen Helm zeigt. Wieder spürt er meinen Blick und sieht zu mir. Ich neige den Kopf zur Seite, woraufhin er etwas zu den Knaben sagt und mir hinauf zum Tempel folgt. Wir treffen uns zwischen den Säulen an der Längsseite der Halle, fern der Fackeln, verborgen vor neugierigen Blicken. Nur der Mondschein fällt wie ein silbriger Teppich über den Boden und zeichnet Dasios‘ Umrisse nach.

Bevor der Hauptmann den Mund öffnen kann, drücke ich ihn gegen die Wand des Tempels. Ich brauche keine hohlen Worte, die nichts ändern. Ich brauche seine Berührung, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Er versteht den Wink, umfasst meine Taille und zieht mich mit unnachgiebigem Griff an sich. Ich stoße mit dem Oberkörper gegen das kalte Metall seines Brustpanzers. Meine Lippen landen auf seinen und ich schlinge die Arme fest um seinen Nacken.

Ich weiß, dass ich mich nicht an ihm festklammere. Dasios ist ein guter Mann und ich mag ihn, aber vermutlich deshalb, weil er mich vergöttert. Und ohnehin habe ich mir nie erlaubt, mein Herz an einen Mann zu verlieren. Ich bin aufgewachsen in dem Wissen, dass ich eines Tages eine politische Ehe eingehen muss. Doch nach und nach wurden alle potenziellen Anwärter vom alten Imperator entmachtet – oder hingerichtet. Ich wäre vor zwei Jahren fast mit dem Prinzen aus Katanos verlobt gewesen. Nun ja …

Dasios‘ fährt mit den Fingern meine Seiten hinauf. Seine Daumen streichen über die Ansätze meiner Brüste und er stöhnt in meinen Mund. „O Götter. Ich werde Euch vermissen, Andromeda.“

„Sei still“, befehle ich atemlos. „Bitte.“

Er gehorcht. Seine Hand gleitet nach vorne und er reibt so über meine Brustwarze, wie ich es ihm gezeigt habe. Nur eine dünne Schicht Seide trennt seine Haut von meiner.

„Mehr.“ Ich lehne mich in seine Berührung. Ich brauche mehr. Meine Brust ist noch immer wie eingeschnürt, und in meinem Unterleib erwacht nicht einmal der kleinste Funke Verlangen.

Dasios packt fester zu und dreht mich herum, presst mich mit dem Rücken gegen die kalte Wand. Mit meinen Fingern fahre ich in der Hoffnung auf … etwas über seine Brust. Ich wünschte, ich könnte statt der metallenen Muskeln seine echte Haut berühren. Seine Wärme spüren. Vielleicht würde ich dann etwas fühlen.

Stattdessen kommen mir Dasios‘ Berührungen bloß grob und ungeschickt vor. Ich unterdrücke ein Seufzen und drehe meinen Kopf von ihm weg.

Er hält inne. „Prinzessin …“

„Es ist …“ Ich erstarre.

Vor den Stufen des Tempels steht Vater im Fackelschein und spricht mit einem Soldaten, den die grünen Ränder seines Chitons als Boten ausweisen. König Kepheus nickt, seine Miene ist gefasst, aber ich erkenne die Anspannung daran, wie er die Schultern zurückzieht. Er blickt sich um, blinzelt und reibt sich mit der Hand über die Kehle … Ich fröstele.

„Geh“, wispere ich Dasios zu. Nymeria sei Dank brennen hier keine Lichter, sodass Vater uns im Dunkeln nicht sehen kann. „Ich glaube, es ist etwas passiert.“

Als er zögert, schiebe ich ihn von mir. Sein Pflichtgefühl überwiegt wohl seine Sorge um mich, denn er eilt davon. Sobald er den König erreicht, redet dieser auf ihn ein.

Die Kälte in mir schlägt in Hitze um, überzieht meine Haut von Kopf bis Fuß. Irgendetwas ist geschehen. Da bin ich mir sicher. Dennoch zwinge ich mich, noch ein paar Momente abzuwarten. Vater ahnt zwar vermutlich, dass zwischen seinem Hauptmann und mir etwas läuft, aber ich muss es ihm ja nicht auf die Nase binden.

Als ich es nicht mehr aushalte, gehe ich auf Vater zu. Mittlerweile sind auch Mutter und zwei Berater zu der Gruppe gestoßen; niemand schenkt mir weiter Aufmerksamkeit.

„Was ist los?“ Ich höre meine eigene Stimme kaum.

Dasios‘ Hand liegt um seinen Schwertgriff, Mutter presst die Lippen zusammen, der kahlköpfige Berater Aristides ist kränklich blass. Vater sieht mich an und in seinen Augen steht nackte Panik.

„Es ist unterwegs.“

Abrupt trete ich einen Schritt zurück. Mit einem Mal dröhnt es in meinen Ohren – wie das Meeresrauschen. Ich weiß nicht, ob Vater es nicht ausspricht, falls uns jemand belauscht, oder ob er es nicht über die Lippen bringt. Aber es macht keinen Unterschied.

Das Seeungeheuer kommt.

Meine Schritte hallen von den hohen Wänden zurück. Links und rechts von mir ragen Säulen fünfzig Fuß in die Höhe, dazwischen erheben sich menschengroße Statuen der sieben Nymphen, den Töchtern des Zyderias. Ich würdige sie keines zweiten Blickes. Auch nicht den Springbrunnen in der Mitte des Saals, in dem drei marmorne Hengste sich Rücken an Rücken aufbäumen und Wasser aus ihren Mäulern sprudelt. Oder den Boden, der in hunderten Stunden mit Bildern von Wellen, Fischen und Korallen bemalt wurde - als Kind habe ich beobachtet, wie das Gemälde ständig gewachsen ist.

Ich eile durch die Eingangshalle des kaiserlichen Palastes und biege in den Korridor ab, der zum Thronsaal führt. Drei Dienerinnen laufen dabei fast in mich hinein. Sie springen zurück und erbleichen, die jüngste der drei fasst nach dem Arm einer älteren. Mit eingezogenen Köpfen verbeugen sie sich tief.

Ich verdrehe die Augen. Götter, sie sehen aus, als glaubten sie, ich würde sie auffressen. Lächerlich. Sobald ich an ihnen vorbei bin, wispern sie hinter meinem Rücken miteinander, doch es kümmert mich nicht, was sie über mich sagen. Es ist immer das Gleiche.

Am Ende des Korridors erwartet mich eine überdimensionale Flügeltür aus rötlichem Zypressenholz, verziert mit Schnitzereien und überzogen mit Blattgold. Darauf prangt das Wappen von Laurentia: eine brechende Welle vor zwei gekreuzten Speeren.

Die beiden Soldaten, die dort Wache stehen, salutieren, indem sie die rechte Hand flach vor die linke Brust heben. Ich erwidere den Gruß und trete auf die Tür zu, obwohl ich bereits jetzt am liebsten auf dem Absatz kehrtmachen würde.

„Herr, wartet!“

Eine Fistelstimme lässt mich stocken. Den hageren Mann neben dem Eingang habe bisher nicht beachtet. Er trägt einen weißen Chiton mit einem schmalen, blauen Saum, was ihn als einen niederen Beamten ausweist. Als mein Blick auf ihn fällt, umklammert er die Wachstafel in seinen Händen fester. Beinahe verdrehe ich erneut die Augen.

„Ver… Verzeihung, Herr. Aber der – der Imperator ist noch im Gespräch mit einem Senator …“

Ich runzele die Stirn. Ist dieser Mann lebensmüde? Aber nein, niemand von seinem Rang würde mir widersprechen, wenn er keine konkreten Befehle dazu hätte.

Ren will mich mit Absicht warten lassen.

„Ich bin jetzt hier“, stelle ich ungehalten fest und wende mich von dem Beamten ab. „Öffnet die Tür.“

Die beiden Soldaten kommen meinem Befehl ohne Zögern nach, hinter mir schnappt der Beamte nach Luft, was ich mit einem stummen Seufzen quittiere. Doch ich lasse mich nicht auf Rens Spielchen ein.

Mit langen Schritten marschiere ich in den Thronsaal, vorbei an dem verdutzten Ansager neben der Tür, der sich beinahe an der eigenen Zunge verschluckt. Ein imposanter Säulengang umgibt die Halle; an der linken Seite ist er offen und bietet Ausblick auf die Stadt und den Hafen, wo ein Teil der imperialen Flotte liegt. Ebenso verschwenderisch prunkvoll gestaltet sich das Mosaik der stürmischen See am Boden und die gewölbte Decke, über die sich ein Bildnis des Kosmos samt Darstellungen aller zwölf Götter erstreckt. Ein künstlicher Wasserfall nimmt die Rückseite des Saals ein und das Wasser sammelt sich in einem Becken rund um das Podium, auf dem der Thron steht.

Ich bin fast dort angekommen, als der Ansager endlich mit seinem Stab auf den Boden klopft und verkündet: „General Ketos!“

In der Tat eine ziemlich witzlose Mitteilung. Denn die adeligen Damen und Herren, die Senatoren und ihre Bediensteten, die Beamten und Priester, sie alle starren mich ohnehin schon an. Und sie alle kennen meinen Namen.

Wie immer bleibe ich so stehen, dass meine Stiefel ein kenterndes Schiff in dem Mosaik halb verdecken. Die von Bord stürzenden winzigen Männer verschwinden dabei unter meinen Schuhsohlen.

Mein Blick gleitet über den Mann auf dem Thron hinweg und bleibt an dem Mädchen hängen, das auf der untersten Stufe des Podiums steht. Pherenike, das kaiserliche Mündel. Seit sie direkt nach ihrer Geburt zur Waise wurde, hat erst der alte Imperator, und nun der neue, die Vormundschaft für sie übernommen. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, bin ich erstaunt, wie erwachsen sie mit ihren dreizehn Jahren aussieht. Ihr Peplos ist weiß und hebt sich kaum von ihrer blassen Haut ab, während das schwarze Haar nach Mode des Hofes in Locken gelegt und mit Spangen hochgesteckt ist. Sie schenkt mir ein kleines, heimliches Lächeln, das mein Herz hüpfen lässt. Allein dafür würde ich jederzeit wieder herkommen.

Auf der anderen Seite des Throns steht Zynthia. Es ist für mich noch immer ungewohnt, meine Ziehschwester statt in weißen Priesterinnenroben in den silbernen Gewändern des Zyderias-Orakels zu sehen. Ihr rechter Arm ist nun auf dem Rücken festgebunden und ein Schleier aus feinen Kettengliedern verbirgt ihr Gesicht.

Ich wünschte, er würde ihre Augen nicht verdecken.

„Ketos“, begrüßt Ren mich und lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich. Ren, oder wie der Rest der Welt ihn nennt: Imperator Laurentius, der Zweite, Kaiser über die Götterbucht und Auserwählter des Zyderias. Er ist in einen edlen Seiden-Chiton in kaiserlichem Blau gekleidet und trägt einen Überwurf in Gold. In seinen schwarzen Locken glänzt der goldene Lorbeerkranz, als er das Kinn hebt.

„Laurentius“, antworte ich und achte darauf, meine Tonlage gleichmütig zu halten. „Du wolltest mich sehen?“

Links von mir tuschelt jemand – wer immer es ist, muss neu am Hof sein, denn sonst wäre derjenige an den Umgang zwischen dem Imperator und mir gewöhnt.

„Ja.“ Ren blickt zu dem Senator, mit dem er wohl zuvor gesprochen hat. Der untersetzte Mann verschränkt die Arme vor der Brust, seine Nasenflügel blähen sich auf. „Senator Makarios, wir unterhalten uns später weiter.“

Der Senator knirscht hörbar mit den Zähnen, doch er verneigt sich vor dem Kaiser, schenkt mir ein steifes Nicken und stakst davon. Zwischen Rens Augenbrauen erscheint diese kleine Falte, die mir verrät, dass er unzufrieden ist. Nun, das ist sein Pech. Wenn er mich zu sich bestellt, werde ich nicht wie ein braves Hündchen im Vorraum warten. Er hätte genauso gut einen Brief mit seinen Befehlen schicken können, aber er hat sich entschieden, seine Macht zu demonstrieren. Dann muss er mit den Konsequenzen leben.

„Du hast in Phonaren gute Arbeit geleistet“, lobt Ren mich und ich hasse es, wie gönnerhaft er klingt. Außerdem haben wir meinen Einsatz in Phonaren längst besprochen, er spielt nur Theater für den Hofstaat. Obwohl ich es gewohnt bin, ist es kein Stück, das ich gerne aufführe. „Die Rebellen rücken immer weiter nach Westen ins Landesinnere vor und bald werden sie zwischen unserer Armee und dem Meer in der Falle sitzen.“

Bald. So wie er es sagt, klingt es einfach. Nun, er wird sich ja auch nicht durch das Unterholz und den Schlamm der phonarischen Wälder kämpfen, um dort nach seinen sogenannten Rebellen zu suchen. Wobei wir Phonaren erst einmal erobern müssten, um die Verteidiger derart zu betiteln.

„So ist es“, antworte ich das, was er von mir hören will.

„Aber bevor wir uns Phonaren annehmen, musst du noch etwas anderes für mich tun, Ziehbruder. Schicke das Seeungeheuer nach Tessalien.“

„Tessalien?“ Ich lege den Kopf schief und erzittere innerlich, eine Übelkeit erregende Mischung aus Widerwillen und Vorfreude ballt sich in meiner Magengrube zusammen. Ich dränge jedoch beides beiseite. „Wir stehen in Verhandlungen mit Tessalien, wenn ich mich nicht irre.“

„Das haben wir. Aber heute Morgen sind neue Berichte eingetroffen. Es scheint, als habe uns der tessalische König nur hingehalten, um hinter unserem Rücken seine Tochter mit dem Prinzen aus Adessa zu verloben.“

Ich reibe mir die Schläfe. „Welcher Prinz?“

„Prinz Draikos, mein Herr“, antwortet mir einer der Schreiber.

„Ist der nicht … ein Kleinkind? Und die Prinzessin ist was? Fünfundzwanzig?“

„Prinz Draikos ist elf Jahre alt, mein Herr, und die tessalische Prinzessin zweiundzwanzig.“

„Ich denke, das tut nichts zur Sache.“ Ren klopft mit den Fingern auf die Armlehne des Throns, seine zahlreichen Ringe funkeln im einfallenden Sonnenlicht. „Tessalien wollte uns hintergehen. Schick das Ungeheuer nach Nyma und zeige ihnen, was es heißt, sich mit dem laurentinischen Imperium anzulegen.“ Er sieht mich an, die stechend grünen Iriden graben sich unter meine Haut bis in meine Muskeln, bis in meine Knochen. „So lautet mein Befehl, Ketos.“

Beinahe stöhne ich über seine Dramatik. Dann wird mir bewusst, was er gerade verlangt. Für einen Moment erstarre ich, dann erfasst ein heißes Kribbeln meinen Körper.

Wieso? Wieso, bei allen zwölf Göttern, konnte er nicht zuerst mit mir darüber reden? Wieso muss er es hier tun, auf seinem Thron, vor aller Augen?

Mein Herz schlägt schneller und schneller, trommelt gegen meinen Brustkorb. Alle Widerworte ersterben auf meiner Zunge.

Der Imperator will sein Ungeheuer? Schön, er wird es bekommen.

Ich presse die Zähne zusammen und verbeuge mich knapp – sehr knapp. „Wie du wünschst, Bruder. Ich werde alles veranlassen.“

Damit mache ich auf dem Absatz kehrt, ohne abzuwarten, ob der Imperator mich entlässt. Ich halte dieses Theater keinen Moment länger aus.

Stille füllt den Thronsaal, erneut ist nur das Echo meiner Schritte zu hören. Erst nach meinem Abgang bricht Gemurmel in der Menge aus, dann schlagen die Türflügel hinter mir zu und es verstummt, dem Kosmos sei Dank.

Ich hole Luft und mache mich auf den Weg, erlaube mir nicht, innezuhalten oder über den Befehl nachzudenken.

Die Tessalier sollten besser zu ihrer Göttin beten … wobei das ihnen nicht helfen wird. Ich weiß, dass Beten bloß etwas für Narren ist.

Ich starre hinab auf die Stadt und bete stumm zu Nymeria. Die Freudenfeuer sind erloschen, stattdessen schlängeln sich glühende Punkte in der Dunkelheit die steilen Straßen hinauf, wo die Menschen sich mit Fackeln bewaffnet ihren Weg ins Landesinnere bahnen. Fort vom Meer, wie mein Vater es angeordnet hat. Schreie, Rufe und gebrüllte Anweisungen schallen zum Tempel herauf.

Mein Herz blutet bei dem Anblick. Es tut weh. Es tut wirklich körperlich weh, genauso wie damals, als ich mir bei einem Sturz vom Pferd die Rippen geprellt habe. Jeder Atemzug schmerzt.

Und ich kann absolut nichts dagegen tun.

Der Platz des Mondes hat sich geleert. Wo gerade noch Menschen tanzten und lachten, eilen nun Soldaten hin und her. Wo die Feiernden an den Tischen Braten, Käse, Trauben und Oliven genossen, sitzt nun niemand mehr. Wo Kinder Kreidesterne auf das Pflaster malten, knien nun Verzweifelte und flehen Nymeria um Schutz und Rettung an, während das Orakel im Tempel die göttliche Magie nach Rat fragt.

Als das Chaos ausbricht, kann ich mich nicht rühren. Ich bin da und doch wieder nicht. Mein Vater und seine Berater stehen direkt neben mir in der Mitte des Platzes.

„Majestät!“, ruft einer der Botenjungen, rennt herbei und hält keuchend an. „Hauptmann Dasios lässt ausrichten, dass die Barrikaden am Hafen errichtet sind.“

Vater nickt, sein Gesicht leblos wie das einer Puppe – wobei das vermutlich nur für mich so wirkt. Ich kenne ihn gut genug, um die Lachfalten und den weichen Ausdruck in seinen Augen zu vermissen. „In Ordnung. Sag ihm, seine Soldaten sollen bei der Evakuierung helfen. Vor allem jenen, die zu krank oder zu schwach sind, um es allein zu schaffen. Beginnt bei den Hafenvierteln und arbeitet euch nach oben.“

„Aber mein König …“, protestiert Berater Zenon, der einen Spitzbart wie eine Ziege trägt. Der alte Bock hat mir schon in den Ausschnitt geglotzt, als ich gerade dreizehn Jahre alt war. „Wir sollten zusehen, dass wir erst die oberen Viertel evakuieren. Sonst werden die Straßen verstopft sein, sobald die Menschen von unten den Berg heraufkommen.“

„O ja“, sage ich und kümmere mich nicht um die teils irritierten, teils genervten Blicke der Männer. „Vielleicht sollten wir die Menschen im Hafenviertel gleich einsperren. Dann stehen sie nicht im Weg, während der Adel in Sicherheit gebracht wird.“

Zenon verzieht das Gesicht. „Prinzessin, ich weiß wirklich nicht, was Ihr …“

„Bitte sagt doch einfach, was Ihr denkt, statt es hinter fadenscheinigen Ausreden zu verstecken.“ Ich schiebe das Kinn vor. „Ihr solltet Euch schämen, auch nur diesen Vorschlag …“

„Andromeda.“ Mein Vater legt mir eine Hand auf den Unterarm. Er klingt nicht zornig, aber resolut. Etwas anderes als Gehorsam wird er nicht akzeptieren. Meine Schultern sinken enttäuscht herab.

Einer der Schreiber lenkt die Aufmerksamkeit des Königs auf sich und liest von seiner Tafel die Anzahl der einsatzbereiten Schiffe vor – keine Kriegsschiffe, bloß Handelsschiffe. Währenddessen grinst Zenon mich an, als hätte er diese Auseinandersetzung gewonnen, und ich würde ihm am liebsten vor die Füße spucken. Oder noch besser ins Gesicht. Die Götter sollen ihn verfluchen.

„Mein Herr?“, fragt Dasios‘ Bote erneut. „Was soll ich dem Hauptmann sagen?“

Vater wischt sich über die Stirn, schaut von dem Boten zu Zenon. „Ihr habt recht. Für die Menschen aus den Hafenvierteln ist der Weg über den Berg zu weit und die Straßen werden überfüllt sein.“

Wie bitte? Mit offenem Mund sehe ich zu meinem Vater. Heiliger Kosmos, das kann doch nicht sein Ernst sein! Ziegenbarts Grinsen wird unerträglich breit.

„Bringt die Menschen stattdessen auf die Schiffe. So viele wie möglich. Schickt sie die Küste hinunter nach Osten.“

Jetzt bin ich nicht mehr die Einzige, die meinen Vater mit großen Augen anschaut.

„Majestät, diese Schiffe sind unsere einzige Verteidigung!“, widerspricht Berater Georgios. „Wenn wir sie wegschicken …“

„Denkt doch nach!“, herrscht mein Vater ihn in einem Ton an, der ganz und gar unüblich für ihn ist. Noch nie habe ich seine Stimme so roh, so ungezügelt gehört. „Wir können das Ungeheuer nicht bekämpfen! Und es wäre sinnlos, in dem Versuch unsere Schiffe und unsere Männer zu opfern.“

Betretenes Schweigen macht sich breit. Der Schmerz in meiner Brust schwillt wieder an und meine Rippen protestieren bei jedem Atemzug. Fröstelnd schlinge ich die Arme um den Körper.

Nyma … wird fallen. Ich habe vor zwei Jahren die Berichte über Katanos gehört. Wenn uns das gleiche Schicksal blüht … Schon morgen wird meine Heimat zerstört sein und wir können es nicht verhindern.

„Vater“, sage ich leise und muss mich räuspern. Mein Hals fühlt sich an, als hätte ich Sand geschluckt. „Sollen wir einfach nur zusehen, wie es Nyma vernichtet?“

„Nein. Aber wir müssen wissen, was wir retten können und was nicht.“ Für einen Wimpernschlag sacken Vaters Schultern herab und ich meine, in seinen Augen den gleichen Schmerz zu erkennen, den auch ich fühle. Doch der Moment verfliegt. „Los jetzt!“, befiehlt er dem Boten und schiebt ihn eigenhändig in Richtung Hafen. „Lauf! Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Der Junge rennt davon und verschwindet in der Dunkelheit.

Ich zucke zusammen, als Vater mich am Arm fasst und zur Seite zieht. „Was machst du überhaupt noch hier, Andromeda?“, fragt er mit gesenkter Stimme. „Warum bist du nicht mit deiner Mutter und den anderen Frauen zum Palast zurück?“

Mit einem Ruck entziehe ich ihm meinen Arm. „Vater, ich werde nicht …“

„Geh zum Palast, hol deine Mutter und deine Freundinnen. Reitet nach Thasos. Ich gebe euch ein paar Soldaten mit.“

Ich ziehe die Schultern hoch, mein Gesicht heiß vor Empörung. „Was denkst du von mir? Ich werde nicht einfach weglaufen! Ich – Ich kann helfen, Vater. Ich könnte …“ Bei den Göttern, was kann ich tun? „Ich könnte mit Mutter den Palast evakuieren. Wir haben zwanzig Pferde und genug Kutschen für die Kinder und Alten. Ich werde sofort …“

„Du wirst nichts dergleichen tun“, unterbricht Vater mich. Er sieht unruhig über die Schulter. Götter, wir vergeuden kostbare Zeit! „Du kannst helfen, indem du auf mich hörst. Ich möchte dich und deine Mutter in Sicherheit wissen. Kannst du das für mich tun, Andromeda?“

Für Vater ist das keine Frage. Er drückt mir einen feuchten Kuss auf die Stirn und kehrt zu seinen Beratern zurück, wo schon die nächsten Boten mit Nachrichten warten.

Ich beiße die Zähne zusammen und wende mich ab. Verfluchte Götter, er behandelt mich wie ein kleines Kind! Warum erkennt er nicht, dass ich mehr tun könnte, als bloß die Flucht zu ergreifen? Traut er mir wirklich so wenig zu?

Ein Wimmern lässt mich aufblicken. Vor dem Tempel knien noch immer Dutzende Leute, ihre gemurmelten Gebete verschmelzen zu einem Singsang. Das Orakel hat verkündet, sie werde in den Strom der Magie eintauchen und Nymeria um Beistand bitten, ehe sie sich in den Tempel zurückzog. Nun warten die Menschen auf die Antwort der Göttin. Doch selbst wenn das Orakel einen Blick auf die Zukunft erhaschen kann, so wird die Prophezeiung womöglich nur den Untergang Nymas bestätigen.

Zwischen den Betenden steht ein Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, zerrt an dem braunen Leinen-Chiton einer jungen Frau und weint.

Kurz entschlossen überquere ich den Platz und beuge mich zu ihr herunter. „He, meine Kleine“, murmele ich, „schau mal, was du verloren hast.“

Ich hebe die Lumpenpuppe auf, die sie hat fallen lassen, und reiche sie ihr. Sie hält sie inne und hört auf zu weinen, während ich der Mutter an die Schulter fasse und sie schüttele. Wie kann sie bloß die Kleine in diesem Moment so alleinlassen? Endlich blinzelt sie, ihr Blick fällt auf ihre schniefende Tochter und sie zieht sie an sich. „Alles wird gut“, wispert sie ihr zu und wiegt sich mit ihr im Arm vor und zurück. „Nymeria wird uns beschützen, du wirst schon sehen. Du wirst schon sehen …“

„Prinzessin?“

Ich schaue über die Schulter. Götterverdammt! Hinter mir stehen sechs Soldaten von der Palastwache. „Euer Vater hat uns befohlen, Euch und die Königin in Sicherheit zu bringen.“

„Ich brauche noch einen Moment“, teile ich ihnen mit und wende mich wieder der Mutter und ihrer Tochter zu. „Nymeria hat dein Gebet gewiss erhört, aber ihr müsst jetzt von hier fort.“ Ich richte mich auf und trete zwischen die Betenden. „Das gilt für euch alle! Hier ist es nicht sicher. Geht nach Süden, so weit weg vom Meer, wie ihr könnt!“

Einige der Leute schauen mich an, andere beten umso lauter weiter. Niemand steht auf.

„Prinzessin!“, drängt mich Vaters Soldat. „Ich habe den Befehl …“

„Ich habe gesagt, einen Moment noch!“, herrsche ich ihn an. Ich balle meine zitternden Hände zu Fäusten. Wenigstens das hier müsste ich doch hinbekommen. Warum nur hört niemand von ihnen auf mich?

Der Soldat versucht es erneut. „Bitte, wir müssen …“

Die Türen des Tempels schlagen auf.

Das Orakel steht im Eingang.

Die Laternen zweier Priesterinnen beleuchten die roten Gewänder und legen einen Kranz aus Licht um die Gestalt des Orakels. Und ihre Augen … O Götter, ihre Augen! Sie glühen silbern – beide, das gesunde sowie das fehlende hinter dem Schleier. Dann muss es gelungen sein!

Die Betenden blicken auf, selbst die Soldaten und Schreiber halten inne. Alles erstarrt, scheint in der Zeit zu gefrieren. Nur in meinem Innern regt sich etwas. Ganz sacht, ganz vorsichtig.

Hoffnung.

Hat das Orakel etwas gesehen? Wird Nymeria uns beistehen? Oder sind wir dem Untergang geweiht?

„Sorgt euch nicht!“, ruft das Orakel. Ihre Stimme klingt tiefer als sonst und hallt über den Platz.

Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus.

„Nymeria hat zu mir gesprochen und mich sehen lassen, wie wir dieser Katastrophe entkommen können.“

Leises Raunen kommt auf, ehrfürchtiges Flüstern, die Menschen tauschen Blicke. Meine Knie werden weich.

Vater kommt näher, die Berater in seinem Kielwasser, und bleibt vor den Stufen zum Tempel stehen. „Großes Orakel“, sagt er langsam, in dem Bemühen, das Beben in seiner Stimme zu verbergen. Er fährt sich mit der Zunge über die Lippen. „Was hat die Göttin Euch offenbart? Was sollen wir tun?“

Das Orakel sieht ihn nicht an. Hat sie ihn überhaupt gehört? „Das Seeungeheuer wird kommen, aber es wird Nyma verschonen.“

In meinen Ohren rauscht es. Kann das sein? Ich habe mich nicht verhört, oder doch?

Die Menge gerät in Bewegung, neben mir schluchzt jemand erleichtert, andere lachen oder rufen „Gepriesen sei Nymeria!“ in Richtung Himmel. Die Mutter des Mädchens springt auf und wirbelt die Kleine im Kreis herum.

Ich sinke auf die Knie, kümmere mich nicht um mein Kleid. Tränen steigen mir in die Augen und meine Sicht verschwimmt.

Das Orakel hebt die Hände, gebietet Ruhe und jeder hängt gebannt an ihren Lippen. „Doch der Frieden wird uns nicht geschenkt“, fährt sie fort. „Wir müssen dafür ein Opfer bringen. Eine alte Schuld muss gesühnt werden.“

Ich könnte schwören, wir halten gemeinsam den Atem an. Die zarte Hoffnung in mir wird zu etwas Stählernem.

Ihr Blick aus silbern glühenden Augen schweift durch die Menge – und bleibt an mir hängen. Ein Schauer durchfährt mich und ich widerstehe dem Drang, über meine Schulter zu schauen. Sieht sie wirklich mich an? Der vom Schleier halb verdeckte Mund verzieht sich, doch ich bin mir nicht sicher, was es bedeutet.

„So lautet meine Weissagung“, ruft das Orakel. Unwillkürlich spannt sich jeder einzelne meiner Muskeln an. Ich habe mich nicht geirrt, sie mustert wahrhaftig mich. „Prinzessin Andromeda soll im Licht des Morgengrauens vor der Küste festgekettet und dem Ungeheuer dargebracht werden. Dann wird es Tessalien verschonen.“

Alle reden durcheinander.

Prinzessin Andromeda soll …

Und ich stehe mittendrin. Jemand zerrt an mir. Es ist die Mutter mit dem kleinen Mädchen. Eine zweite Hand greift mich, ein anderer Betender, eine dritte.

… im Licht des ersten Morgengrauens …

Zwei Soldaten schieben sich vor mich, stoßen die Leute zurück. Ein Schildwall schließt sich um mich. Speere halten die Menge auf Abstand.

… vor der Küste festgekettet …

Was passiert hier?

… und dem Ungeheuer dargebracht werden.

Vater zieht mich an sich, gräbt seine Finger in meinen Oberarm. „Haltet sie auf!“, befiehlt er. „Sie dürfen es nicht verbreiten!“

Ich verstehe nicht, was er meint. Ich verstehe nichts davon. Das … muss ein Fehler sein. Was könnte ich getan haben, um Nymeria derart zu erzürnen? Und wie könnte ausgerechnet ich das Seeungeheuer aufhalten?

Vater spricht jetzt mit den Beratern, gestikuliert wild mit der freien Hand. Er schreit und brüllt sie an. Ich höre nichts davon. Die Stimmen sind wie unter Wasser.

Das Orakel taucht auf, flankiert von ihren Priesterinnen, die schwarzen Roben verschwimmen zu Flecken. Warum ich?, will ich sie fragen. Warum, warum, warum? Aber es kommt nichts über meine Lippen.

Vater redet auf sie ein. Das Orakel wirft mir einen kurzen Blick zu und schüttelt langsam den Kopf. Ihre Augen leuchten nicht mehr. „Das ist, was ich gesehen habe, König Kepheus“, sagt sie. Ihre Stimme klingt wieder normal, trotzdem ist sie die Einzige, die zu mir durchdringt. „Ich kann es Euch weder erklären noch die Prophezeiung verändern. Es liegt in Eurem Ermessen, ob Ihr dementsprechend handelt.“

Vaters Schultern sacken herab, seine Worte gehen in dem Rauschen unter. Das Orakel und die Priesterinnen verschwinden. Ich blinzele. Mutter steht vor mir, das Gesicht tränenüberströmt. Hat Vater sie herbringen lassen? Sie schlingt die Arme um mich, doch ich spüre die Berührung nicht.

Eigentlich sollte ich mich freuen. Ist es nicht das, was ich wollte? Nyma retten? Ich liebe Tessalien. Müsste ich nicht alles für mein Land tun? Wenn ich das Monster aufhalten kann, ist das nicht … gut?

Über Mutters Schulter hinweg sehe ich, wie Vater das Gesicht in den Händen birgt. Die Berater sind jetzt still. Sie weichen meinem Blick aus. Vaters Schultern zucken. Dann hebt er den Kopf und sieht mich an, mit einem Schlag um zehn Jahre gealtert. Seine Augen glänzen.

„Andromeda …“, sagt er, sonst nichts. Seine Stimme ist weich, ganz weich, und kehlig. Ich glaube, die Worte bleiben beinahe in seinem Hals stecken.

Er will es tun.

Etwas in mir zerreißt. Als hätten Bänder mein Herz an Ort und Stelle gehalten, nun reißt eines nach dem anderen und alles in mir verrutscht.

Natürlich, er muss es tun. Jede Prophezeiung unseres Orakels hat sich erfüllt. Mein Opfer wird Tessalien retten. Und Vater ist der König. Er muss es tun. Er muss es tun. Er muss …

Mutter schluchzt heftig und klammert sich fester an mich. Aber sie widerspricht nicht.

Mehr Bänder zerfasern. Mein Herz hängt am seidenen Faden. Ich will Mutter an mich ziehen und an ihrer Brust weinen, gleichzeitig ich will sie von mir stoßen und sie anschreien. Doch ich kann mich nicht rühren.

Das Mädchen mit der Lumpenpuppe. Die Schauspieler in ihren Kostümen. Der junge Färber, mit dem ich getanzt habe. Die alte Frau, die mir ihren Blumenkranz geschenkt hat. Die Jungen, die Dasios‘ Helm bewundert haben. Wie käme ich dazu, mein Leben über ihre zu stellen?

Ich weiß nicht, ob ich noch atme. Es zerdrückt mich. Die Last zerdrückt mich von allen Seiten, zerquetscht meine Glieder und presst die Luft aus meiner Lunge. Wenn das Seeungeheuer kommt, wird es Hunderte Menschen töten und ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legen. Wie könnte ich mit dieser Schuld weiterleben? In dem Wissen, dass ich womöglich die Macht gehabt hätte, es zu verhindern?

„Majestät! Majestät!“ Der Schildwall öffnet sich und ich erhasche einen Blick auf einen grauen Pegasus, der mit rauschenden Flügeln auf dem Pflaster aufsetzt. Der Hals des Tieres ist klatschnass geschwitzt. Tessalien besitzt etwa zwei Dutzend Pegasi, die als Boten dienen, und ich weiß genau, wo dieser stationiert ist. Auf dem Wachturm an der nördlichen Grenze.

Der Reiter springt aus dem Sattel und stürzt keuchend herbei. „Es wurde gesichtet!“, ruft er. „Es ist fast – fast da, mein König!“

Während um mich herum alle erstarren, erwache ich mit einem Ruck aus meiner Lähmung. Plötzlich kehren die Geräusche zurück, das Wummern meines Herzens, Mutters warme Arme um mich herum, ihre heißen Tränen an meinem Hals. Ich gewinne die Kontrolle über meine Zunge zurück.

„Ich tue es.“ Die Worte purzeln über meine Lippen, ohne dass ich über sie nachdenken kann. Ohne dass ich ihre Bedeutung vollständig begreife. Aber jetzt ist es zu spät, um sie zurückzunehmen. Es ist eine unmögliche Entscheidung. Und zugleich gibt es nur diese eine Antwort. „Ich tue es.“

Auf dem Ritt durch die Stadt zum Hafen fühle ich mich wie in einem Theaterstück. Ich bin die Zuschauerin und alle Dinge um mich herum geschehen bloß auf der Bühne. Sie sind nicht echt.

Vaters Soldaten bahnen uns einen Weg durch die fliehenden Menschenmassen. Die Luft schmeckt noch nach dem Weihrauch, der zu Ehren Nymerias verbrannt wurde, nach den getrockneten Jola-Blüten, die jetzt plattgetrampelt am Boden liegen, und nach dem gebratenen Fleisch des Opferstiers. Türen stehen offen, Karren versperren die Gassen, Ziegen blöken. Ein alter Mann hält sich am Türrahmen fest, brüllt und schüttelt den Kopf, während eine Frau an seinem Arm zerrt. Eine Mutter mit zwei Kindern, von denen sie eines an jeder Hand festhält, wird von der Menge zur Seite gedrängt und prallt gegen eine Hauswand. Eines der Kinder entgleitet ihr und verschwindet zwischen den Menschen.

Ich will etwas sagen, doch wir sind bereits vorbeigeritten, und ich verliere sie aus den Augen.

„Das ist sie!“, schreit plötzlich jemand. „Prinzessin Andromeda!“

Ich schaue mich um, kann in dem Chaos aber nicht erkennen, wer nach mir gerufen hat.

„Die Prinzessin!“, erklingt eine zweite Stimme und dann eine dritte: „Prinzessin Andromeda!“

„Sie wird uns retten!“ Eine Frau winkt mir mit ihrem Schultertuch zu. Warum tut sie das? Sie sollte fliehen!

Vater neben mir auf seinem Pferd stöhnt und seine Hände schließen sich fester um die Zügel. Mir wird klar, was er vorhin gemeint hat. Die Soldaten sollten diejenigen aufhalten, die den Orakelspruch gehört haben. Damit nicht das passiert, was jetzt gerade passiert.