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Histamin spielt als Entzündungs-Mediator bei allergischen Reaktionen, wie zum Beispiel Heuschnupfen, Asthma und Nesselsucht eine entscheidende Rolle. Aber auch in unserer Nahrung ist das biogene Amin weit verbreitet und kann zum Beschwerdebild einer Histamin-Intoleranz (HIT) führen, unter der immer mehr Menschen leiden. Auch das Mastzell-Aktivierungs-Syndrom (MCAS) und die Mastozytose sind histaminassoziierte Erkrankungen, die auf dem Vormarsch sind.
Führende Experten sowie der Erstbeschreiber der HIT, Reinhart Jarisch, stellen die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse verständlich und spannend für Sie zusammen. Auch der bislang wenig bekannte Zusammenhang zur Seekrankheit und zur Schwangerschaftsübelkeit wird beleuchtet. Praktischer Rat und Hilfe für ein beschwerdefreies Leben machen dieses Buch wertvoll für Betroffene und Fachleute.
Der Klassiker in einer Neubearbeitung - aktuell und übersichtlich!
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2021
Prof. Dr. med. Reinhart Jarisch
1. Auflage 2022
28 Abbildungen
Priv. Doz. Dr. Kristina Bertl, PhD, MBA, MSc
Sabine Flicker, PhD, Assoc. Prof.
Univ. Doz. Dr. Wolfgang Hemmer
Dr. Christian Layritz
OA. Dr. Judit Lehninger
Prof. Marcus Maurer, MD
Chefarzt Prof. Dr. med. Martin Raithel
PD Dr. med. Frank Siebenhaar
Univ. Prof. Dr. Andreas Stavropoulos
o. Univ. Prof. Dr. Georg Stingl em.
Univ. Doz. Dr. Felix Wantke
Priv.Doz. Mag. Dr. Stefan Wöhrl
(© M.studio/stock.adobe.com)
Reinhart Jarisch ist der Doyen der klinischen Allergologie in Österreich und für den hohen Qualitätsstandard in der Diagnose und Therapie allergischer Erkrankungen in diesem Lande in entscheidender Weise mitverantwortlich. Ich habe es daher als sehr ehrenvoll empfunden, als er mich gebeten hat, für das nun vorgelegte Histamin-Buch ein Vorwort zu verfassen.
Ich war aber auch ein wenig überrascht ob dieses Ersuchens, da ich als auch allergologisch tätiger Dermatologe und Immunologe stets ein deutlich geringer ausgeprägtes histaminozentrisches Weltbild hatte als viele meiner sich primär über die Allergologie definierenden Fachkollegen.
Meine Herangehensweise an das Buch war also eine Mischung aus Neugierde und Skepsis. Allein die Tatsache, dass ich dieses ohne Unterbrechung durchgelesen habe, zeigt, dass die Verfasser meine Neugierde zur Gänze befriedigen konnten, beschrieben sie doch nicht nur mir Wohlbekanntes und Vertrautes, sondern führten mich auch in Gefilde, die ich bisher mit Histamin nicht in Zusammenhang gebracht habe. Ich denke dabei zum Beispiel an die Osteoporose, die Adipositas oder die Anorexia nervosa.
Auch wenn ich weiterhin nicht der Ansicht bin, dass Histamin an (fast) allem schuld ist, so bin ich doch überzeugt, dass Wissens- und Erfahrungsinhalte dieses Buches die Leserschaft – seien es Mediziner oder Nicht-Mediziner – in ihrem Denken, Tun und Handeln zu Recht beeinflussen werden. Was meine Skepsis betrifft, so ist anzuerkennen, dass die getroffenen Aussagen, auch wenn sie für ein Laienpublikum formuliert zu sein hatten, wissenschaftsbasiert sind. Es gibt aber auch einige Passagen, wo ich anderer Ansicht bin. Und das ist gut so, führt doch das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Meinungen letztlich zu neuen und gültigen Erkenntnissen.
Alles in allem: Diesem Werk ist die zusammenfassende Darstellung eines sehr wichtigen Themas vortrefflich gelungen. Reinhart Jarisch und seinen Mitautoren ist dazu herzlich zu gratulieren.
o. Univ. Prof. Dr. Georg Stingl
Sie hatten einen geselligen Abend mit Rotwein und leckeren Snacks, doch am Tag danach plagen Sie nicht enden wollende Niesattacken, quälende Kopfschmerzen und juckende Quaddeln auf der Haut – kommt Ihnen das bekannt vor? Oder aber Sie sind nach dem Essen auffällig oft von Übelkeit und Durchfällen geplagt? Schnell wird in solchen Fällen eine Allergie vermutet. Aber was, wenn der Allergietest negativ ausfällt?
Oft versteckt sich hinter allergietypischen Symptomen gar keine Allergie, sondern eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Genauer gesagt, eine Unverträglichkeit gegenüber Histamin, das in vielen Lebensmitteln enthalten ist: Dann spricht man von einer Histaminintoleranz, auch HIT genannt.
Eine Vielzahl mitunter sehr unterschiedlicher, unspezifischer Krankheitsbilder kann Histamin als Ursache haben. See- und Reisekrankheit, Schlafstörungen, Schwangerschaftserbrechen, Asthma, Osteoporose und Nesselsucht etwa, und das ist nur eine kleine Auswahl. Diese Krankheitsbilder haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun und dennoch haben sie eine gemeinsame Ursache, nämlich ein biogenes Amin: das Histamin.
Biogene Amine wie Histamin, Putrescin und Spermidin kommen in vielen Lebensmitteln vor. Prominentestes Beispiel ist der Wein, insbesondere der Rotwein. Histamin im Rotwein kann Kopfweh und Migräne auslösen und ist der Grund, aus dem viele Menschen bewusst oder unbewusst Rotwein meiden – vielleicht auch Sie?
Mittlerweile ist Histamin als Ursache für die genannten Krankheitsbilder erforscht. Ich selbst habe Jahre in der Histaminforschung verbracht und sie vorangetrieben. Im Rahmen unserer Forschungstätigkeit, die zusammen mit den Kollegen Wantke, Hemmer, Wöhrl und Götz erbracht wurde, haben wir gezeigt, welche Krankheitsbilder durch Histamin verursacht werden. Wir wissen jetzt, dass der Histaminintoleranz ein Ungleichgewicht zwischen dem Abbauenzym Diaminooxidase (DAO) und Histamin zugrunde liegt. Die Bestimmung des Histamin- und DAO-Blutwerts kann die Diagnose Histaminintoleranz weitgehend sichern.
Anfangs als »Modekrankheit« belächelt, etabliert sich die Histaminintoleranz zunehmend als Diagnose – und dennoch ist das Wissen über die Krankheit weiterhin recht niedrig. Auch gibt es noch immer Ärzte, die die Existenz der Histaminintoleranz abstreiten. Patienten mit unerkannter Histaminintoleranz konsultieren oft jahrelang einen Arzt nach dem anderen und erhalten doch keine oder die falschen Diagnosen.
Doch eine Therapie kann nur gelingen, wenn man die Ursache kennt und entsprechende Therapieverfahren zur Verfügung stellt. Das Wissen über die Ursachen kann eine Therapie erleichtern – wirksame Medikamente und einfache Verhaltensregeln können die Lebensqualität von Histaminpatienten nachhaltig verbessern.
Ausgewählte Koryphäen der Allergieforschung stellen in diesem Buch die Histaminintoleranz-typischen Krankheitsbilder vor und beschreiben sie im Detail – vielleicht finden Sie sich und Ihr Leiden wieder. Sie erfahren, welche Lebensmittel besser zu meiden sind und welche körperlichen Prozesse sich bei der Entwicklung einer Histaminintoleranz abspielen. Weiter zeigen die Experten aus den Bereichen Dermatologie, Allergologie und Immunologie auf, welche Zusammenhänge es beim Krankheitsbild der Histaminintoleranz gibt und welche neuen Therapiemöglichkeiten helfen.
Mit den Symptomen der Histaminintoleranz müssen Sie sich nicht ein Leben lang quälen – es gibt Abhilfe. Mit einer guten Informationsgrundlage rund um das Thema Histaminintoleranz, das Ihnen die Autoren dieses Buches zur Hand geben, werden Sie in der Lage sein, Ihre Symptome besser zu kontrollieren. Das sollte Motivation sein, weiterzulesen.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und eine gute Gesundheit.
Reinhart Jarisch, Frühjahr 2021
Titelei
Mitautoren dieses Buches
Geleitwort
Zu diesem Buch
Was ist Histamin?
Histamin
Histaminintoleranz
Geschichte der Histaminintoleranz
Beschwerden, Diagnostik und Therapieansätze
Verdachtsdiagnose Histaminintoleranz
Die Bedeutung für den klinischen Alltag
Häufige Beschwerden bei Histaminintoleranz
Differenzialdiagnose Nahrungsmittelallergie
Allergietypen
Primäre Nahrungsmittelallergien
Sekundäre Nahrungsmittelallergien
Therapie der Histaminintoleranz
Histamin in Nahrungsmitteln und Getränken
Histamingehalt von Nahrungsmitteln
Käse
Schokolade
Fleisch und Fleischprodukte
Fisch- und Fischprodukte
Gemüse und Obst
Andere biogene Amine in Nahrungsmitteln
Histamingehalt in alkoholischen Getränken
Rotwein
Weißwein
Schaumwein
Bier
Spirituosen
Most
Ist Histamin in Alkohol besonders wirksam?
Alternative Ursachen der Wein- und Alkoholintoleranz
Andere Inhaltsstoffe in alkoholischen Getränken
Histamin im Wein
Neue Erkenntnisse
Gibt es histaminfreien Wein?
Erkrankungen und Beschwerden durch Histamin
Herzrhythmusstörungen
Durch Allergie ausgelöste Herzrhythmusstörung
Durch Infekt ausgelöste Herzrhythmusstörung
Niedriger Blutdruck
Magenbeschwerden
Reizdarmsyndrom
Asthma bronchiale
Neue Therapiestrategie: Einsatz von Controllern
Geschlechterverteilung
Asthma in der Schwangerschaft
Akute Verschlechterung des Asthmas
Asthma-/COPD-Verschlechterung
Allergenspezifische Immuntherapie bei Asthmatikern
Schweres Asthma
Asthma und Covid-19
Asthma und Polyamine
Inhalative Allergien
Polyphenole in alten Apfelsorten
Allergene
Ausblick auf neue Therapien
Was sind monoklonale Antikörper?
Einsatzbereich monoklonaler Antikörper
Was sind Nanoantikörper?
Einsatzbereich Nanoantikörper
Urtikaria
Warum produzieren Mastzellen Histamin?
Quaddeln, Rötung und Überwärmung
Mastzellen und Histamin bei entzündlichen Erkrankungen
Was ist Urtikaria?
Können Sie bei sich Quaddeln auslösen?
Was führt bei einer Urtikaria zu Quaddeln und Angioödemen?
Was kann man bei einer chronischen Urtikaria tun?
Mastozytose und Mastzellaktivierungssyndrom
Die Ursache der Mastozytose
Mastzellaktivierungssyndrom
Die Verbindung von mastzellvermittelten Erkrankungen und Histaminintoleranz
Risikofaktor Tryptase
Andere Erkrankungen und Beschwerden
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Was versteht man unter chronischer Darmentzündung?
Kennzeichen des Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa
Diagnostik bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa
Das Immunsystem des Darms bei Morbus Crohn
Mastzellen und Histamin beim akuten Entzündungsprozess
Das Immunsystem des Darms bei Colitis ulcerosa
Mastzellen und andere Allergiezellen bei anderen akuten Entzündungsprozessen
Chronische Entzündungsphase bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa
Allergien bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
Basistherapie und ergänzende Therapiemaßnahmen
Osteoporose
Protonenpumpenhemmer und Osteoporose
Neurodermitis
Genetischer Hintergrund
Altes Wissen: Unterschied Sommer und Winter
Ist die Atopie eine minimale Immundefekterkrankung?
Neues Wissen
Insektenstiche
Therapiemöglichkeiten
Adipositas und Magersucht
Adipositas
Magersucht
Übelkeit auf See und Reisen
See- und Reisekrankheit
Sopite-Syndrom
Ursache der Seekrankheit
Die Rolle von Vitamin C
Therapie der Seekrankheit
Medikamentöse Therapie
Ski sickness
Dysmenorrhö und Schwangerschaftsübelkeit
Dysmenorrhö
Schwangerschaftsübelkeit
Medikamentenallergie bzw. -unverträglichkeit
Typ-A-Nebenwirkungen
Typ-B-Nebenwirkungen
Arzneimittelallergie
Schmerzmittelunverträglichkeit
Weitere Erklärungen für Ausschläge durch Medikamente
Die Rolle von Allergietests
Anamnese
Hauttests
Bluttests
Provokationstests
Testergebnis/Allergiepass
Melatonin bei Schlafstörungen
Parodontitis
Parodontitis wirkt sich auf den Gesamtorganismus aus!
Parodontitis und Histamin
Histamin bei chirurgischen Operationen
PONV – postoperative Übelkeit
Material und Methode
Drogensucht
Schlusswort
Quellenangaben
Reinhart Jarisch: Histamin
Reinhart Jarisch: Histaminintoleranz
Reinhart Jarisch: Geschichte der Histaminintoleranz
Reinhart Jarisch: Die Bedeutung einer Histaminintoleranz für den klinischen Alltag
Reinhart Jarisch: Häufige Beschwerden bei Histaminintoleranz
Reinhart Jarisch: Therapie der Histaminintoleranz
Felix Wantke: Histamingehalt von Nahrungsmitteln
Wolfgang Hemmer: Histamingehalt in alkoholischen Getränken
Reinhart Jarisch: Histamin im Wein
Martin Raithel, Christian Layritz: Herzrhythmusstörungen
Martin Raithel: Magenbeschwerden
Felix Wantke: Asthma bronchiale
Reinhart Jarisch: Inhalative Allergien
Sabine Flicker: Ausblick auf neue Therapien
Marcus Maurer: Urtikaria
Reinhart Jarisch: Risikofaktor Tryptase
Martin Raithel: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Reinhardt Jarisch: Osteoporose
Reinhart Jarisch: Neurodermitis
Reinhart Jarisch: Insektenstiche
Reinhart Jarisch: Adipositas und Magersucht
Reinhart Jarisch: Übelkeit auf See und Reisen
Reinhart Jarisch: Dysmenorrhö und Schwangerschaftsübelkeit
Stefan Wöhrl: Medikamentenallergie bzw. -unverträglichkeit
Reinhart Jarisch: Melatonin bei Schlafstörungen
Kristina Bertl, Andreas Stavropoulos: Parodontitis
Reinhart Jarisch: Histamin bei chirurgischen Operationen
Judit Lehninger: PONV
Bücher zum Weiterlesen
Zur Histamin-Intoleranz
Weitere hilfreiche Bücher
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
Was ist Histamin überhaupt und wie wurde die Histaminintoleranz entdeckt? Wir beginnen das Buch mit einem Überblick über ein komplexes Krankheitsbild!
Reinhart Jarisch
Der eigentliche Entdecker der Histaminintoleranz war der deutsche Mediziner Prof. Dr. Wilfried Lorenz. Schon 1965 schrieb er seine Dissertation über Histamin und Histidindecarboxylase im Zentralnervensystem und oberen Verdauungstrakt. Ende der 1980er-Jahre führte er eine bedeutende Studie mit zwei Gruppen von je 15 Schweinen durch. Beiden Gruppen wurden mittels Magensonde Histamin zugeführt. Eine Gruppe erhielt allerdings vorher einen DAO-Hemmer. Alle Schweine dieser Gruppe kamen in den anaphylaktischen Schock, den drei Schweine nicht überlebten. Dann wurde das Experiment mit einer weiteren Histaminzufuhr und Blockade der Diaminoxidase wiederholt. Allerdings wurden zusätzlich vorher Antihistaminika gegeben. Dieses Mal blieben die Tiere ohne wesentliche Symptome.
Damit war Prof. Lorenz einem neuen Krankheitsbild auf die Spur gekommen, das er »Histaminose« nannte. Leider eine unglückliche Wortwahl, da, wie wir heute wissen, meistens nicht Histamin erhöht ist, sondern Diaminoxidase erniedrigt. Um allen möglichen Kombinationen zwischen Histamin und Diaminoxidase gerecht zu werden, habe ich das Krankheitsbild »Histaminintoleranz« genannt. Dieser Begriff hat sich im Laufe der Jahre weltweit durchgesetzt.
Bereits vor Prof. Lorenzʼ Tierversuch gründete ich 1980 zusammen mit Manfred Götz das Florisdorfer Allergiezentrum in Wien, wo wir schwerpunktmäßig zu Histamin forschten. Als eine meiner wichtigsten Forschungsleistungen bezeichne ich die Einführung der Antihistaminika-Prämedikation bei Allergieimpfungen. Nicht zuletzt konnte durch das Verständnis der durch Histamin ausgelösten Mechanismen die Sicherheit der AIT (Allergen-Immuntherapie) dramatisch erhöht werden.
Die von uns etablierte Antihistaminika-Prämedikation senkte nicht nur die Nebenwirkungsquote auf fast null, sondern erhöhte erstaunlicherweise auch die Wirkungsquote. Daher gilt die Antihistaminika-Prämedikation heute als Standardtherapie!
Aus den gleichen Gründen ist sie auch vor Operationen, vor einem Zahnarztbesuch, vor einer Röntgenkontrastmitteluntersuchung aber auch vor jeder Impfung (Corona!) zu empfehlen.
Über die Jahre machten Prof. Lorenz und ich das damals noch unbekannte Thema Histaminintoleranz populär. In Österreich war das Thema erstmals 2005 der Aufmacher auf dem Titelblatt der Österreichischen Ärztezeitung. Ein Jahr später wurde im Deutschen Ärzteblatt von der bislang unbekannten Krankheit berichtet.
In Österreich ist etwa ein Prozent der Bevölkerung von Histaminintoleranz betroffen, in Deutschland ebenfalls – kein Wunder, dass mein Buch »Histaminintoleranz, Histamin und Seekrankheit« von 2004 über die Jahre zum Renner geworden ist. Auch in einer englischen Version liegt es vor. An einer holländischen Ausgabe wird gearbeitet.
Durch Anhäufung von Histamin bzw. die Abbaustörung im Körper kommt es zu vielfältigen Beschwerden. Über diese Symptome und ihr Auftreten gelangt man zur Diagnose Histaminintoleranz.
Reinhart Jarisch
Histaminintoleranz wird in 80 % der Fälle bei Frauen im Alter von 35–45 Jahren gefunden. Somit könnte man sagen, dass sie eine Frauenkrankheit ist. Der hormonelle Wechsel in diesem Alter bietet sich also als natürliche Ursache an. Allerdings bin ich mir da nicht so sicher. Denn wann immer ich unseren Patientinnen die histaminfreie Diätliste gebe, höre ich: »Das ist ja das, was ich immer esse.«
Merke
Histaminfreisetzer, auch Histamliberatoren genannt, sind Nahrungsmittel, die das körpereigene Histamin freisetzen.
In jedem Fall wird es so sein, dass, wenn man täglich eine Sachertorte isst, man sich nicht wundern soll, wenn man Diabetes bekommt. Ebenso soll man sich nicht wundern, wenn man täglich histaminreiche Speisen isst (die zugegebenerweise sehr gut schmecken), dass dann die Diaminoxidase überfordert ist.
Diagnoseschritte bei Histaminintoleranz-Verdacht:
Anamnese (muss erfragt werden, kommt selten spontan, in 50 % der Fälle falsch)
Histamin und Diaminoxidase im Blut bestimmen
14-tägige histaminfreie Diät (»negative Provokation«)
Beschwerdenkontrolle vor und nach der Diät
eventuell starke lokale Schwellungen durch Insektenstiche
Anamnese einer Kontrastmittelunverträglichkeit
Häufigste Auslöser bei Histaminintoleranz:
alkoholische Getränke, insbesondere Rotwein
Käse, insbesondere Hartkäse wie Emmentaler
Schokolade und kakaohaltige Nahrungsmittel
Salami und andere Rohwürste
Nüsse
Fisch
Tomaten, Sauerkraut, Spinat
Erdbeeren, Zitrusfrüchte unter anderen Histaminfreisetzern
Reinhart Jarisch
Speziell bei regelmäßigen Kopfschmerzen und Migräne sollte man primär an eine Histaminintoleranz denken und die entsprechenden Maßnahmen durchführen. Eine Diagnose erfolgt durch Blutabnahme und eine histaminfreie Diät.
Bei einer von uns durchgeführten Studie hielten sich 35 Personen mit chronischen Kopfschmerzen einen Monat an eine histaminfreie Diät: 22 wurden komplett beschwerdefrei, acht zeigten eine Besserung von 50 % und nur fünf Patienten zeigten keine Veränderung.
Personen mit Histaminintoleranz vertragen Untersuchungen mit Röntgenkontrastmitteln schlecht und leiden auch oft unter PONV (Post Operative Nausea and Vomiting) also Übelkeit und Erbrechen nach einer Operation in Vollnarkose. Insektenstiche durch Bienen und Wespen werden auch schlechter vertragen und können bis zum anaphylaktischen Schock führen. Ein besonderes Problem haben Drogensüchtige, da diese einen drei- bis mehrfachen Histaminspiegel aufweisen. Dann genügt zum Beispiel nur wenig Heroin (ein Histaminfreisetzer), um zum Tode zu führen. Auch Darmstörungen bis hin zu Durchfällen sollten an Histaminintoleranz denken lassen.
Allerdings ist Fruktoseintoleranz häufig mit Histaminintoleranz vergesellschaftet, sodass auch ein Test auf Fruktoseintoleranz angedacht werden sollte. Typische Symptome einer Fruktoseintoleranz(-malabsorbtion) sind:
Merke
Oft werden bei chronischen Kopfschmerzen routinemäßig Schmerzmittel eingenommen. Dies führt aber bei vielen dieser Medikamente zu einer Blockierung des histaminabbauenden Enzyms Diaminoxidase. Dadurch können sich wiederum die Probleme mit Histamin verstärken. Welches Medikament dem Patienten hilft, ohne zu anderen Beschwerden zu führen, muss individuell erforscht werden.
Blähungen
Blähbauch
Durchfälle
Heißhunger auf Süßes
fallweise depressive Verstimmung
Unverträglichkeit von Zwiebeln und Knoblauch
Merke
Natürlich sind speziell bei Darmstörungen auch andere Erkrankungen auszuschließen.
Der Fruktosetest ist ein Atemtest. Dabei erhält man morgens eine Flüssigkeit mit Fruktose, alle 30 Minuten wird die Ausatemluft gemessen (H2-Atemtest). Nach vier Stunden ist der Test beendet. Bei Vorliegen einer Fruktoseintoleranz erhält der Patient eine diätetische Beratung.
Mögliche Auslöser einer Nahrungsmittelunverträglichkeit:
Nahrungsmittelallergie
mit Pollen kreuzagierende Nahrungsmittel
Fruktosemalabsorption
Histaminintoleranz
Laktoseintoleranz
Zöliakie (Glutenunverträglichkeit)
Mögliche Beschwerden bei Histamin-, Laktose- und Fruktoseunverträglichkeit
Blähungen
Durchfall
Heißhunger auf Süßes
fallweise depressive Verstimmung
Histamin
(+)
+
–
–
Laktose
+
+
–
–
Fruktose
+
+
+
+
Reinhart Jarisch
Mögliche Symptome einer Histaminintoleranz hängen natürlich von der Stärke der Unverträglichkeit ab. Aber häufig genannt werden folgende:
Kopfschmerzen
Migräne
Rhinitis (also Nasenlaufen, besonders nach Mahlzeiten!)
Asthma bronchiale
Herzrhythmusstörungen
Dysmenorrhö (Schmerzen am ersten Tag der Regel)
Durchfälle
im Extremfall anaphylaktischer Schock, der speziell bei Fischvergiftungen bekannt ist
Merke
Speziell Rotwein hat oft höhere Histaminwerte und wird deswegen häufig nicht vertragen. Bei einem früher angedachten Grenzwert von 2 mg/l Histamin könnten 84 % der österreichischen Rotweine nicht verkauft werden.
Fünf von zehn gesunden Freiwilligen zeigten nach Gabe von 75 mg Histamin klinische Beschwerden. Dies beweist, dass eine Histaminverträglichkeit dosisabhängig ist und Obergrenzen für Histamin, zum Beispiel im Wein, wenig Sinn ergeben, da es in Abhängigkeit vom DAO-Spiegel unterschiedliche Befindlichkeiten gibt.
Bei einer Verdachtsdiagnose müssen Histamin und die Diaminoxidase bestimmt werden. Der Patient muss dann 14 Tage eine histaminfreie Diät einhalten. Anschließend werden wieder Histamin und die Diaminoxidase bestimmt. Bei Vorliegen einer Histaminintoleranz kommt es zu einer Verbesserung der klinischen Beschwerden bis hin zu Beschwerdefreiheit. Gleichzeitig halbiert sich der Histaminspiegel. Die Diaminoxidase braucht einige Wochen, um sich zu erholen. Liegt keine Histaminintoleranz vor, dann waren die Ausgangswerte normal und die klinischen Beschwerden haben sich nicht verändert. Für die Praxis heißt das: Ein Stopp der Histaminaufnahme durch Nahrungsmittel und alkoholische Getränke führt zu einer Besserung der Beschwerden.
Bei Patienten mit Histaminintoleranz sinkt nach histaminfreier Diät der Histaminspiegel signifikant und der DAO-Spiegel steigt hochsignifikant. Beides ist gepaart mit einer deutlichen Reduktion oder dem Verschwinden der Beschwerden. Bei Patienten ohne Histaminintoleranz ändern sich die Blutwerte nicht und auch die Beschwerden bleiben gleich.
Alle Beschwerden auf einen Blick
Magen-Darm-Probleme:
Völlegefühl
Sodbrennen
Übelkeit nach dem Essen
Durchfall oder zu weicher Stuhl
Blähungen oder Blähbauch
Bauchschmerzen oder Magenkrämpfe
Brechreiz oder Erbrechen
Stuhldrang oder erhöhte -frequenz
Hautprobleme:
Nesselsucht (Urtikaria)
Quaddeln
Ausschläge
Rötungen (Flushs)
Niedriger Blutdruck:
Antriebslosigkeit
Schwäche
Übelkeit
Schwindel
Schweißausbrüche
Herzrasen
Kopfschmerzen:
leichte bis mittelschwere Kopfschmerzen
chronische Kopfschmerzen
Migräne
Atemwegsprobleme:
laufende Nase
verstopfte Nase
chronischer Schnupfen
Räuspern
Asthma
Herzprobleme:
Herzrasen
Herzstolpern
Hinzukommen können:
Regelbeschwerden
innere Unruhe
Nervosität
Schlafstörungen
Hitzewallungen
niedriger Blutdruck
Wolfgang Hemmer
Da die klinischen Symptome bei echten allergischen Reaktionen und bei Intoleranzreaktionen teilweise sehr ähnlich sind, ist eine klare diagnostische Unterscheidung zwischen ihnen von großer Bedeutung.
Patienten mit den Symptomen einer Histaminintoleranz suchen den Arzt meist auf, weil sie glauben, manche Speisen nicht zu vertragen, und daher annehmen, dass sie auf bestimmte Nahrungsmittel »allergisch« reagieren. Da körperliche Beschwerden, deren Ursache man nicht kennt, von irgendwoher kommen müssen, ist es verständlich, dass der Laie in erster Linie gewisse Nahrungsmittel als Ursache vermutet. Dies umso mehr, als die Thematik »gesunder« und »ungesunder« Nahrungsmittel in der öffentlichen Meinung einen hohen Stellenwert hat und bei unterschiedlichsten Beschwerdebildern teils wie aus einem Reflex heraus eine Nahrungsmittelunverträglichkeit vermutet wird. So leicht es allerdings ist, die Verdachtsdiagnose einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu stellen, so schwierig kann es sein, eine solche zu beweisen und den eigentlichen Auslöser zu finden.
