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DER ZERRISSENE SCHLEIER von GRANT, LAURIE
Die Entscheidung König Heinrichs VIII., alle Abteien zu schließen, ist schicksalhaft für die junge Novizin Gillian: Zum ersten Mal lernt sie das wahre Leben außerhalb der hohen Klostermauern kennen und trifft auf den tapferen Ritter Sir Miles Raven. Seine begehrlichen Blicke lassen Gillian erschauern. Und nach einem feurigen Kuss beginnt sie zu ahnen, dass es neben der Liebe zu Gott eine weit leidenschaftlichere gibt …
BALLNACHT IN COLSTON HALL von NICHOLS, MARY
Eine Begegnung mit Folgen: Die betörende Lydia verzaubert Ralph Latimer, Earl of Blackwater, auf den ersten Blick. Er kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen, und ist überglücklich, sie beim Eröffnungstanz des prächtigen Balls auf Colston Hall in seinen Armen wiegen zu dürfen. Lydias Augen strahlen wie Diamanten - und Ralph ist endgültig verloren. Doch dann muss er erfahren: Sie ist längst einem anderen versprochen!
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Seitenzahl: 825
Veröffentlichungsjahr: 2016
Laurie Grant, Mary Nichols
HISTORICAL EXKLUSIV BAND 59
IMPRESSUM
HISTORICAL EXKLUSIV erscheint in der HarperCollins Germany GmbH
Erste Neuauflage by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg, in der Reihe: HISTORICAL EXKLUSIV, Band 59 – 2016
© 1993 by Laurie A. Miller Originaltitel: „The Raven And The Swan“ erschienen bei: Harlequin Enterprises, Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Dr. Eva Hoffmann Deutsche Erstausgabe 1995 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe HISTORICAL, Band 67
© 2001 by Mary Nichols Originaltitel: „The Honourable Earl“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Dr. Eva Hoffmann Deutsche Erstausgabe 2003 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe HISTORICAL, Band 175
Abbildungen: darkbird77 / iStockphoto, Mark Bond / Thinkstock, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 06/2016 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783733765378
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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Oh, da seid Ihr ja endlich, Schwester Ancilla. Es wurde aber auch Zeit! Ich habe schließlich mein Geld bezahlt, um in Ruhe und Frieden zu sterben und nicht in Elend und Einsamkeit.“
Die junge Novizin lächelte und bemühte sich dabei, nicht die Nase zu rümpfen, denn die alte Dame hielt nicht viel vom Baden. Mit ruhiger Stimme entgegnete sie: „Ich weiß, dass es Euch endlos lang vorgekommen sein muss, aber ich hatte doch nach Euch gesehen, unmittelbar bevor ich zu der Versammlung in den Kapitelsaal gegangen bin, und es war Euch bekannt, dass ich dort anwesend sein musste.“
„Seit wann dürfen Novizinnen der Versammlung des Ordenskapitels beiwohnen, gerade so als seien sie dasselbe wie richtige Klosterfrauen?“, widersprach Elizabeth Easington in ihrer üblichen nörgelnden Art. „Und was versteht so ein junges Ding wie Ihr überhaupt von der Krankenpflege? Ihr solltet draußen in der Welt sein, Kinder kriegen und Euch das Kloster aufheben für die Zeit, in der Ihr zu alt seid, um noch irgendwo anders Euern Platz zu finden!“
Die junge Frau schaute zur Seite, um die reizbare alte Dame nicht durch den kummervollen Ausdruck ihrer Augen zu beunruhigen. Gerade heute Morgen erst hatte die Äbtissin die Nachricht verkündet, auf die jeder in den vergangenen Tagen voller Angst gewartet hatte: Die Abtei von Kyloe war auf Anordnung von König Heinrich VIII. aufgelöst worden, ebenso wie andere Klöster und Stifte im ganzen Königreich. Die Nonnen, von denen viele schon alt waren und sich nicht mehr an ein Leben außerhalb der Klostermauern erinnern konnten, waren damit heimatlos geworden.
Offensichtlich war Mistress Easington aber heute nichts Außergewöhnliches aufgefallen, denn sie fuhr fort: „Ihr habt ohnehin einen leidenschaftlichen Mund, Mädchen, der mehr zum Küssen geschaffen ist als dazu, Tag und Nacht Gebete zu murmeln.“
Schwester Ancilla verschlug es aus Befremden über die Worte der Alten für einen Augenblick die Sprache. In den Jahren, die sie hinter diesen Mauern verbracht hatte, war es ihr kaum einmal in den Sinn gekommen, einen Gedanken an ihr Aussehen zu verschwenden. Eine Ordensschwester kümmerte sich nicht um solche weltliche Dinge wie Schönheit. Schwester Ancilla hatte sich, solange sie denken konnte, für das Klosterleben berufen gefühlt, obwohl sie das einzige Kind ihrer Eltern gewesen war. Ihre frühe Jugend hatte sie im Norden des Landes verbracht und dort trotz der Unbilden des rauen Klimas überlebt. Bevor sie alt genug war, um dem Konvent als Novizin beizutreten, hatte sie dort bereits als Schülerin gelebt.
Mit ungewohnter Befangenheit strich sich Schwester Ancilla über die Lippen. Sie hatte immer geglaubt, die alte Dame könne kaum noch sehen. Was meinte sie wohl mit einem leidenschaftlichen Mund? Für den Bruchteil eines Augenblickes wünschte sich die junge Frau ein Stück silberbeschichtetes Glas herbei, um es als Spiegel benutzen zu können.
„Ancilla“, sagte die Kranke nachdenklich. „Ich wette, hinter diesem Klosternamen versteckt sich ein hübscherer, weiblicher, nicht war? Nun also, Mädchen, wie hat man Euch getauft?“
Vor den Augen der jungen Benediktinerin verschwand das schlichte Krankenzimmer, und während sie versuchte sich zu erinnern, wie Mutter und Vater in liebevollem Ton ihren Namen genannt hatten, zogen die Jahre im Geiste an ihr vorüber. Seit ihrer feierlichen Einkleidung als Novizin hatte sie nicht mehr an ihre Eltern gedacht.
„Ancilla war eine Heilige, eine Märtyrerin“, erwiderte sie und drängte die Erinnerungen beiseite. „Und jetzt ist es Zeit für das Bad, Mistress …“
„Habe ich Euch etwa danach gefragt, woher Euer Klostername stammt? Seid Ihr taub, Mädchen?“, schimpfte die Alte. „Also kommt, macht einer sterbenden Frau die Freude und sagt mir … wie ist Euer wirklicher Name?“
„Gillian. Mein Name ist … war Gillian“, verbesserte sich die junge Novizin voller Entschlossenheit. „Und Ihr sterbt noch nicht, zumindest heute noch nicht. Ich werde jetzt Wasser auf den Herd stellen.“
„So ein befehlshaberisches Ding“, jammerte die Kranke. „Ich wette, Ihr sagt selbst der Äbtissin, was sie zu tun hat.“
Schwester Ancilla wollte gerade erwidern, dass niemand der sanften, liebevollen Mutter Benigna sagen musste, was sie zu tun hatte, als die schwere Eichentür knarrte und der Priester des Konvents das Zimmer betrat, begleitet von einem Hauch kühler Februarluft.
„Hochwürden?“ Schwester Ancilla nahm überrascht wahr, dass der Priester mit dem Ornat bekleidet war, den er sonst nur für die Zelebrierung der Heiligen Messe trug oder für die Austeilung der Sakramente.
„Gott sei mit dir, Schwester Ancilla“, murmelte der untersetzte rotwangige Geistliche und nickte ihr kurz zu. Seine kleinen schwarzen Augen verschwanden fast in dem feisten Gesicht, als er es nun zu einem süßlichen Lächeln verzog. „Mistress Easington, ich bin gekommen, um Euch das Heilige Abendmahl darzureichen und auch die Letzte Ölung zu geben, falls Ihr es wünscht – Ihr habt doch immer gesagt, dass Ihr bald sterben werdet. Also nehmt diese Gelegenheit jetzt wahr, denn morgen werde ich nicht mehr hier sein. Ich sehe keinen Sinn darin, noch länger zu bleiben, nachdem hier nun alles aus ist.“
In tölpelhafter Manier war der Geistliche mit der Nachricht herausgeplatzt, die die Äbtissin der alten Dame vorsichtig beizubringen geplant hatte.
„Was wollt Ihr damit sagen?“, fragte die Kranke angstvoll. „Hört auf, ihm das Reden zu verbieten, Ancilla“, fügte sie scharf hinzu und drehte sich auf der schmalen Bettstelle zu der jungen Benediktinerin um. „Ich merke doch, dass er gerade dabei ist, die Katze aus dem Sack zu lassen!“
„Oh, Ihr wisst noch gar nichts davon?“, fuhr der Priester in seiner täppischen Art fort, ohne die Aufregung der alten Dame zu beachten. „Der Konvent wird aufgelöst. Die Abtei wird einem Edelmann aus Sussex zugesprochen, und alle Insassen müssen innerhalb eines Monats das Kloster verlassen. Ich muss mich beeilen, um einen neuen Lebensunterhalt zu finden, und kann hier nicht länger herumtrödeln, so gerne ich mich bis jetzt der geistlichen Fürsorge für die Abtei zu Kyloe gewidmet habe“, fügte er hochtrabend hinzu.
Du meinst, dem angenehmen Leben und der reich gedeckten Tafel in deinem Pfarrhause und den leichten Mädchen, die insgeheim dort lebten, dachte Schwester Ancilla, angewidert von dem Geschwätz des Priesters.
„Aber sie können mich doch nicht hinauswerfen, nicht wahr, das können sie nicht! Ich habe ja im Voraus die Kosten für meinen Unterhalt bezahlt! Und ich sollte doch hierbleiben bis an das Ende meiner Tage!“ Mistress Easingtons Stimme wurde schrill vor Verzweiflung.
„Ruhig, ruhig, meine Tochter. König Heinrich kann befehlen und tun, was immer ihm beliebt“, sagte der geistliche Herr ungerührt. „Nun also, wünscht Ihr die Sakramente oder nicht? Ich muss mich beeilen.“
„Mein Herz …“, stammelte die alte Dame, griff sich an ihre knochige Brust und fiel kraftlos zurück in die Kissen.
Nachdem so offenkundig geworden war, dass die Letzte Ölung wohl doch noch nicht gebraucht wurde, zog sich der Seelsorger hastig zurück. Schwester Ancilla aber brauchte Stunden, um Mistress Easington wieder einigermaßen zu beruhigen. Selbst das Mittagsläuten konnte sie nicht dazu veranlassen, sich vom Bett der Kranken zu entfernen, und sie betete inständig, dass der Mohnsirup, der die Qualen der Alten mildern sollte, endlich seine Wirkung zeitige.
Schließlich, als ihre Lider schon ganz schwer waren, räumte Mistress Easington ein, dass sie wohl zu ihrer Schwester nach York gehen könne, obwohl sie erwarte, dass die Familie dort nicht sehr beglückt über ihr Auftauchen sein würde.
Zumindest kennt sie irgendeinen Ort, an dem sie Unterschlupf finden kann, dachte Schwester Ancilla. Sie selbst hatte nichts und niemanden und konnte sich kein anderes Leben vorstellen als das einer Benediktinerin. In wenigen Wochen hätte sie ihre letzten Gelübde ablegen sollen! Nun würde sie wohl den anderen älteren Nonnen folgen, wenn diese die Abtei verließen in der Hoffnung, irgendwo eine dauerhafte Zufluchtsstätte vor der Habgier König Heinrichs zu finden.
Als der Regen in immer größer werdenden Tropfen zu fallen begann und einige von ihnen sogar den Weg zwischen dem breitkrempigen Hut und dem pelzbesetzten Umhang fanden und kalt den Rücken hinunterliefen, stieß Sir Miles Raven ein paar heftige Flüche aus, während er sein Pferd das Ufer der Budle Bay entlang lenkte.
Kam der Frühling denn überhaupt nicht in den Norden? Es war jetzt Ende April und immer noch kälter hier als in Sussex im Januar. Und die von Schlamm und Modder nahezu unpassierbar gewordenen Straßen und die durch das Hochwasser angeschwollenen Flüsse, die ihn daran gehindert hatten, schon einen Monat früher hier einzutreffen, schienen ihn jetzt obendrein auch davon abhalten zu wollen, noch im Laufe dieses Nachmittags die Abtei von Kyloe zu erreichen.
Da half alles nichts, er musste für sich und sein Pferd irgendwo ein Obdach suchen. Verdrossen wandte der Reiter seinen Blick von der schmalen Bucht ab, die bei Ebbe eigentlich mehr einer verschlammten Sandbank glich, übersät mit futtersuchenden Wasservögeln. Der von der See hereinziehende Nebel beeinträchtigte die Sicht, aber dennoch glaubte er, eine Art von Wohnstätten auf der Landspitze über der wilden, einsamen Bucht ausmachen zu können.
Das musste ausreichen. Sir Miles trieb Cloud, sein graues Schlachtross, mit einem kräftigen Schnalzen an und lenkte es in Richtung des Gebäudes. In dem jetzt in Strömen fallenden Regen waren Ross und Reiter kaum mehr auszumachen.
Eine Mauer aus Felssteinen rahmte den schmutzigen Weg ein, der zu dem aus Sandstein errichteten Haus führte. Irgendwo zur Rechten war eine Scheune zu erkennen. Selbst in dem eiligen Bemühen, dem eisigen Regen zu entkommen, konnte Sir Miles die Zeichen einer allgemeinen Vernachlässigung nicht übersehen, die diesen Ort prägten. Das Glas in den Fenstern war mit Schmutz bedeckt. Eine mit Brettern vernagelte Fensteröffnung wirkte wie ein verbundenes Auge. Im ersten Stock waren ein paar Scheiben zersprungen. Ein Haufen unverbrannten Abfalles türmte sich in dem vorderen Hof auf, und eine Sau, die offensichtlich unempfindlich gegen den Regen war, wühlte in dem Unrat.
Weder auf sein erstes noch auf sein zweites Klopfen erschien jemand an der Tür. Wenn Sir Miles nicht durch die zerbrochenen Glasscheiben hindurch gehört hätte, wie irgendwo im Innern des Gebäudes einem Kind halblaut Ruhe befohlen wurde, hätte er wohl seine Bemühungen aufgegeben. Doch da er sicher sein konnte, dass sich in dem Haus jemand aufhielt, schlug er nun mit der Faust gegen die Tür und machte dabei einen Lärm, der Tote hätte erwecken können, denn er war keinesfalls gewillt, sich von einem Wolkenbruch bis auf die Haut durchnässen zu lassen, während die Bewohner, wer immer sie auch sein mochten, gemütlich unter Dach und Fach saßen! Hatten die Leute aus dem Norden keinen Begriff von den heiligen Pflichten der Gastfreundschaft?
Endlich wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet, und ein Auge musterte mit misstrauischem Blick den Fremden. Die Tür tat sich vollends auf, und ein hohlwangiger Mann trat auf die Schwelle.
„Ich wünsche Euch einen guten Tag“, sagte Miles, denn es schien, dass er Mann nichts anderes konnte, als ihn anzustarren. „Ich bin Sir Miles Raven. Dürfte ich Euch um Schutz vor dem Unwetter für mich und mein Pferd bitten? Es ist ein verdammt kalter Regen.“
Der Mann fuhr fort, ihn wortlos zu betrachten, so als wollte er die passenden Worte suchen, um das Ersuchen des Fremden abzulehnen.
„Ich versichere Euch, der Schuppen dort drüben reicht aus für uns beide“, erklärte Miles schließlich förmlich. „Und sobald der Regen aufhört, werde ich in jedem Fall sofort wieder aufbrechen. Ich muss unbedingt vor Einbruch der Nacht noch die Abtei von Kyloe erreichen.“
„Nun, nun, es ist ja kein Grund, gleich so gereizt zu sein“, sagte der Mann plötzlich mit dem rollenden Akzent der Bewohner von Northumbrien. Offensichtlich schien er jetzt zu einem Entschluss gekommen zu sein. „Ihr seid doch willkommen hier, Sir.
Kommt nur herein. Es ist nur – wir sehen hier nicht oft feine Herren aus dem Süden. Mein Name ist George Brunt. Ned wird Ihr Pferd in den Stall bringen, nicht wahr, Junge?“ Der Mann wandte sich an einen neugierig dreinblickenden Knaben, dessen schmales Gesicht ihn als den Sohn des Hausbewohners auswies. Der Mann selbst war auf einmal die verkörperte Gastfreundschaft und komplimentierte Miles in die nur spärlich beleuchtete Halle und hinüber zum Feuer im Kamin.
Miles blickte sich aufmerksam um, während er sich auf einer Sitzbank niederließ. Hatte das Äußere des Anwesens nur vernachlässigt gewirkt, so befand sich das Innere in einem Zustand, der nicht weit von Verwahrlosung entfernt war. Auf jeder ebenen Fläche lag dicker Staub. Lange Spinnweben hingen wie Girlanden in den Ecken der Wände, die in den letzten zehn Jahren wohl nicht einmal geweißt worden waren.
„Mag!“, brüllte der Hausherr, nachdem er auf einem wackligen Stuhl neben der Bank Platz genommen hatte. Kurz darauf erschien ein unsicher dreinblickendes Weib, an dessen schmutzige Schürze sich ein schmächtiges Kleinkind klammerte. „Bringe Wein für Sir Miles, unseren künftigen Nachbarn in der Abtei zu Kyloe, der vor dem Regen Schutz bei uns gesucht hat.“ Brunts Tonfall war betont herzlich, so als sei der Edelmann seinesgleichen und ein willkommener und keineswegs ungewohnter Gast. Miles bemerkte jedoch, wie der Mann mit seiner Ehehälfte einen Blick wechselte, der voller Unruhe war. Warum wohl machte sein Besuch den Hausherrn so nervös?
Dieser schien nicht zu einem Gespräch geneigt zu sein, während sie auf den Wein warteten. Nun, zumindest ist das Feuer angenehm, dachte Miles, als die Hitze aus dem Kamin begann, seine feuchten Kleider zu durchdringen, und den Körper aus seiner Erstarrung löste. Ohne die Aufforderung seines schweigsamen Gastgebers abzuwarten, erhob sich Miles, legte seinen Umhang ab und hängte ihn zum Trocknen über einen anderen Stuhl zu seiner Linken.
Endlich brachte die Frau den Wein in groben Zinnbechern herbei. Er erwies sich als nur wenig besser denn Essig, und Miles konnte nicht verhindern, dass sich seine Mundwinkel bei dem Geschmack des sauren Getränkes verzogen. Der Hausherr schien jedoch keine Notiz davon zu nehmen, tat einen tiefen Zug und wurde zunehmend gesprächiger.
„Im Allgemeinen trinke ich selbst nicht viel Wein. Bier, das nehme ich dagegen fast alle Tage zu mir. Den Wein habe ich nur für den Fall, dass einmal ein hochgestellter Besucher kommt, so wie der Abt zum Beispiel. Ich vermute jedoch, dass wir uns nicht mehr viele Gedanken wegen seiner Besuche machen müssen, nicht wahr?“, fragte er kichernd und schlug sich dabei auf den Schenkel. Erwartungsvoll blickte er auf seinen Gast, damit er ihm für seine witzige Bemerkung Beifall spenden konnte.
„In der Nähe ist wohl ein Mönchskloster geschlossen worden?“, erkundigte sich Miles mehr aus Höflichkeit als aus wirklichem Interesse. Er kämpfte immer noch gegen ein leichtes Frösteln an.
„Beiford“, bestätigte der Hausherr. „Ein Glück, dass wir die Zisterzienser und auch alle übrigen endlich los sind, sage ich. Verdammte Blutsauger! Jedes Jahr kamen sie vorbei, um ein Schaf als Zehnten von mir zu fordern. Kennt Ihr den Namen des Ritters, der Beiford vom König bekommen hat?“
„Nein, ich habe nichts davon gehört.“ Giles würde sich wohl danach erkundigen müssen, denn sie schienen Nachbarn zu werden.
„Und Ihr seid der neue Herr von Kyloe, nicht wahr? Und habt den Damen dort den Laufpass gegeben? Gut für sie, sage ich. Solche Orte geben arbeitsscheuen Frauen eine Entschuldigung für ihr nutzloses Leben, indem sie vorgeben, dem Vater im Himmel zu dienen, während sie nichts anderes wollen, als ihren gottgewollten Pflichten als Hausfrau und Mutter zu entgehen!“
Miles war sich sicher, dass Brunt seiner Frau keine Möglichkeit gab, ihren gottgewollten Pflichten zu entkommen. Er unterließ jedoch eine weitere Erörterung dieses Themas, obwohl er wusste, dass das Leben der meisten frommen Schwestern ebenso aus harter Arbeit bestand wie aus vielen Stunden, die im Gebet verbracht wurden.
„Ja, Kyloe gehört jetzt mir, obwohl ich einräumen muss, dass ich mich nicht darum bemüht habe. Mein verstorbener Vater hatte bei der Kommission den Antrag auf eines der vielen zum Verkauf anstehenden klösterlichen Besitztümer gestellt, doch er hat das Zeitliche gesegnet, bevor er sein Anrecht geltend machen konnte.“
„Und Ihr habt es dann geerbt.“ Brunt nickte, vom Wein beflügelt, voller Scharfsinn.
„Genau genommen hat es mein älterer Bruder Thomas geerbt, doch er hatte genug mit der Bewirtschaftung von Ravenwood in Sussex zu tun und wollte zudem, dass ich ebenfalls eigenes Land besitze.“
„Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er Lust hatte, hier herauf nach dem Norden zu kommen“, tat Brunt seine Meinung kund.
Ebenso wenig wie ich, dachte Miles und beobachtete gedankenverloren die Tropfen, die aus seinem Umhang neben dem Kamin zu Boden fielen. Sein Bruder hatte wohl vor allem gewollt, dass das Leben des Jüngeren einen Sinn bekam, eine Heimstatt, weit weg von dem hohlen Glanz des königlichen Hofes mit seinen oberflächlichen, habsüchtigen Bewohnern.
So wie Lady Celia Pettingham, eine dunkeläugige Schönheit, die ihn an der Nase herumgeführt hatte, als er neu an den Hof gekommen war, und ihn dann bedenkenlos abschob, als sie einen anderen Bewerber fand, der ihr mehr zu bieten hatte.
Als Miles seinem Herrscher von seinem neuen Besitztum berichtet und dabei den Plan erwähnt hatte, dort eine Pferdezucht einzurichten, hatte sich König Heinrich sogleich zu ihm nach dem Norden eingeladen, „zur Moorhuhnjagd und um mir die prächtigen Fohlen anzuschauen, die du von deinem großartigen grauen Schlachtross erhalten wirst.“
Es war amüsant gewesen zu beobachten, wie rasch sich das Interesse an Miles bei Lady Celia wieder entzündete, als er in der königlichen Gunst emporgestiegen war. Doch er übersah geflissentlich ihr neuerliches Lächeln. Eines Tages würde er wohl heiraten und sich mit einer mächtigen und edlen Familie verbinden, die sein Fortkommen fördern konnte. Bei Lady Celia jedoch hatte er sich einmal die Finger verbrannt, und dieses eine Mal war genug fürs ganze Leben.
Er überlegte, warum er Brunt so viel von sich erzählt hatte. Der Wein musste ihm wohl die Zunge gelöst haben. Um den Hausherrn nicht zu weiteren Versuchen zu ermutigen, sein Leben auszuforschen, übernahm Miles nun die Führung der weiteren Unterhaltung. „Wie lange lebt Ihr schon hier, Brunt?“ Das interessierte ihn, denn obwohl Haus und Hof ziemlich heruntergekommen waren, sah man doch, dass das Anwesen einmal ein schöner und behaglicher Herrensitz gewesen sein musste, wofür sein bäurischer Gastgeber wohl kaum die Mittel gehabt haben dürfte.
„Hier in Mallory Hall, Sir? Nun, schon mein ganzes Leben, allerdings bis vor ein paar Jahren nicht in diesem Haus hier. Ich war Schafhirte, bevor Sir William und seine Gemahlin am Schweißfieber starben. Da es keine anderen Erben gab als die Kirche, meinte der Abt, ich sollte hier wohnen und das Anwesen für die Abtei bewachen, als eine Art Gutsverwalter“, schloss er stolz.
Oho! Nun war es verständlich, dass der Mann so interessiert war am Verschwinden der Mönche aus der benachbarten Abtei. Ihr Wegzug machte den früheren Schafhirten tatsächlich zum Herren des Besitztums!
„Sir William hatte überhaupt keine Angehörigen?“ Miles ließ einen unüberhörbaren Zweifel in seiner Stimme mitklingen und erwartete gespannt die Reaktion seines Gastgebers darauf.
„Nein, keinen einzigen“, beharrte der Mann mit trotzigem Blick, obwohl sein Tonfall freundlich blieb. Dennoch bemerkte Miles, dass Brunt nicht in der Lage war, ihm in die Augen zu blicken, und stattdessen seine ganze Aufmerksamkeit dem Weine zuwandt.
„Jedenfalls war er der Sohn eines Ritters, der bei Bosworth gefallen ist, als er für Richard den Thronräuber kämpfte“, fügte Brunt hinzu und machte dabei die Verachtung hörbar, die er für jeden empfand, der vor fünfzig Jahren dem auf dem Schlachtfeld gebliebenen König gefolgt war.
Miles hegte keinerlei Zweifel, dass, hätte seinerzeit Richard Plantagenet in Bosworth den Sieg davongetragen, Brunt dieselbe Verachtung für die Parteigänger der Tudor zum Ausdruck gebracht haben würde. Er gehörte zu der Art von Männern, die immer den favorisierten, der gerade an der Macht war, und dabei nur ihren eigenen Vorteil im Auge hatten.
Mit dem eigenen Vater war es ja auch nicht viel anders gewesen. Wenn dieser nicht für die Sache der Tudor gekämpft und große Summen Geldes dafür locker gemacht hätte, wäre der alte Thomas Raven wohl als“ Kaufmann gestorben und nicht als Edelmann, und seine beiden Söhne gehörten jetzt nicht zu den „neuen Männern“ von Heinrich VIII.
Eine Stunde später hatte der Regen aufgehört, und Miles konnte nun in einem etwas trockenerem Zustand seinen Weg zu seinem neuen Besitztum fortsetzen.
Jedesmal wenn die Äbtissin hustete, war die junge Novizin überzeugt, es werde das letzte Mal sein, denn die Anfälle, die den alten Körper schüttelten, kamen jetzt immer öfter, und die leinenen Taschentücher waren blutgetränkt. Es würde nun wohl nicht mehr lange dauern. Doch die Schwester wagte gleichwohl nicht, darüber nachzudenken, was nach Mutter Benignas letzten Atemzuge aus ihr, Ancilla, werden sollte.
Die Kälte, die die Mauern der Kapelle ausströmten, ließ sie erschauern, und sie zog die Decke enger um die knochigen Schultern der Äbtissin, ehe sie das Feuer in der flachen Kohlenpfanne anschürte. Im Krankenzimmer wäre es wärmer gewesen, denn dort gab es einen offenen Kamin. Doch die Äbtissin hatte darauf bestanden, in Angesicht des Altars in die ewige Ruhe einzugehen. In dem Bewusstsein, dass Mutter Benignas Leben wohl mehr nach Stunden denn nach Tagen zu zählen war, hatte Schwester Ancilla ihr widerstrebend geholfen, sich dorthin zu begeben.
Sie waren die letzten beiden Benediktinerinnen im Kloster Kyloe. Die anderen hatten es schon vor einem Monat, begleitet von der ständig jammernden Elizabeth Easington, verlassen, genau vierundzwanzig Stunden bevor die Ankunft des neuen Eigentümers erwartet wurde. Nur die Äbtissin war zu schwach gewesen, um sich auf die Reise zu begeben.
Ihre Gesundheit hatte an dem Tage zu schwinden begonnen, an dem sie die bevorstehende Auflösung des Konvents ankündigen musste.
Natürlich konnte man Mutter Benigna nicht allein den Tod erwarten lassen, und Schwester Ancilla war erbötig gewesen, bei ihr auszuharren. Sie hatte nicht anders gekonnt, denn sie liebte die alte Äbtissin, die immer so freundlich zu ihr gewesen war. Dennoch hatte sie dem Aufbruch der anderen mit großer Unruhe zugesehen. Sie versprachen zwar, ihr eine Botschaft zu senden, sobald sie wussten, wo sie sich niederlassen würden, doch bis zu ihrem Aufbruch war noch von keinem Kloster eine Antwort auf ihre Anfrage eingetroffen.
Existierten denn überhaupt noch Klöster in England? Die Nonnen hatten nicht gewusst, wie sie sich Gewissheit über diese Frage verschaffen konnten, aber es verstand sich von selbst, dass sie nicht in Kyloe bleiben durften, wenn es von Sir Miles Raven in Besitz genommen werden würde.
Jeden Tag, den Schwester Ancilla mit der Pflege der dahinsiechenden alten Ordensschwester verbrachte, hatte sie die Ankunft des Ritters aus Sussex erwartet, dem die Abtei nun zugesprochen worden war, doch er war nicht erschienen. Vielleicht war er von dem wolkenbruchartigen Frühlingsregen, der zurzeit ganz England heimsuchte, abgehalten worden. Doch wenn er ihn auch am Kommen gehindert hatte, die Plünderer hatten sich durch das Wetter nicht abschrecken lassen.
Als die Angestellten des Klosters, wie der Verwalter und der Schäfer, entlassen worden und die Nonnen abgereist waren, hatten die benachbarten Dörfler die Abtei als verlassen betrachtet. Sie vergeudeten keinen Augenblick, bis sie sich einzeln oder in Gruppen aufmachten, um das Gebäude nach brauchbaren Dingen zu durchzusuchen, die sie davonschleppen konnten.
Die Beamten des Königs hatten schon vor einiger Zeit die Klosterschätze mitgenommen – den silbernen Abendmahlskelch, das mit Edelsteinen besetzte Hostiengefäß und den goldenen Leuchter, den Heinrich VI. gestiftet hatte. Doch die Spürnasen aus den Dörfern waren auch mehr auf praktische Dinge aus gewesen. Sie lösten das Glas aus den Fenstern und lockerten Steine in den Mauern, während ihre Weiber nach Bettzeug stöberten oder nach Kochtöpfen, die die Benediktinerinnen zurückgelassen hatten.
Sie waren ganz offensichtlich der Meinung, dass sie dem neuen unbekannten Eigentümer des Klosteranwesens keinen Respekt schuldeten. Gestern jedoch hatte Schwester Ancilla einen Mann und eine Frau überrascht, die beladen waren mit den Strohsäcken aus dem Dormitorium, und diese beiden hatten den Anstand, zumindest beschämt auszusehen.
„Oh! Ich dachte, die Schwestern hätten alle das Kloster verlassen“, hatte der Mann einfältig grinsend gesagt. „Br…braucht Ihr das, Schwester?“
„Nein, ich schlafe neben der Äbtissin, die im Sterben liegt. Das ist der Grund, warum ich noch hier bin. Aber diese Dinge hier gehören Euch nicht“, hatte sie mit ernstem Gesicht hinzugefügt. „Das Klosterinventar steht jetzt dem neuen Eigentümer zu, und Stehlen ist Sünde.“
Die Miene des diebischen Pärchens verfinsterte sich sichtlich, und es verschwand ohne ein Wort des Mitgefühls für den Zustand der Äbtissin. Vielleicht lag es an meinem unnachsichtlichen Tadel, überlegte Schwester Ancilla voller Bedauern. Wenn ich etwas freundlicher zu ihnen gewesen wäre, hätten sie mir vielleicht Hilfe angeboten. Hoffentlich haben sie wenigstens den letzten Brotlaib verschont und die Hühnerbrühe, falls Mutter Benigna etwas zu sich nehmen kann.
Aber die Sterbende hatte den ganzen Tag keinen Bissen mehr gegessen. Zwischen den einzelnen Hustenanfällen dämmerte sie still vor sich hin. Manchmal öffnete sie die Augen und schaute mit starrem Blick auf den Altar. Dann griff die junge Nonne nach dem Buch der Liturgie, um daraus vorzulesen.
Auf einmal schien die Äbtissin unruhig zu werden, und sie murmelte unaufhörlich: „Die Schatulle … geh und sieh in meine Schatulle, meine Tochter.“ Sie meinte damit die eiserne Geldkassette in ihrem Schrank, wo alle wichtigen Papiere des Klosters aufbewahrt wurden.
„Das werde ich tun, Mutter Oberin – später, wenn es Euch wieder etwas besser geht“, erwiderte Schwester Ancilla und wiederholte diese Worte, sooft die Kranke zu wissen verlangte, ob sie in die Schatulle geschaut habe.
Es war spät am Nachmittag. Der Sturm hatte sich gelegt, und die untergehende Sonne sandte blutrote Strahlen durch das Fenstergeschoss im Hauptschiff der Kapelle. Sie tauchten den Altar in feurigen Glanz.
„Sieh doch, Ancilla“, flüsterte Mutter Benigna plötzlich mit überraschender Eindringlichkeit. „Gott der Herr ist gekommen … zu mir …“ Mit unerwarteter Kraft erhob sie sich halb von ihrem Lager und wies auf den sonnenglänzenden Altar.
„Was seht Ihr dort, Mutter Oberin?“ Stand vielleicht Jesus Christus dort, um die alte Frau willkommen zu heißen?
Schwester Ancilla sollte es nie mehr erfahren, denn die Äbtissin begann auf einmal wieder heftig zu husten, und ein Blutstrom drang dabei aus ihrem Mund und ergoss sich über ihr schneeweißes Brusttuch. Sie kämpfte nicht mehr dagegen an, sondern blickte gebannt und voller Verzückung auf den Altar.
Aufgeregt durchwühlte Schwester Ancilla ihre Taschen nach dem Fläschchen mit dem geweihten Salböl, das sie in dem verlassenen Pfarrhaus gefunden hatte. Mit tränenerstickter Stimme murmelte sie die lateinischen Worte, die die sterbende Seele dem Allmächtigen empfahlen.
Als sie die Berührung spürte, wandte die Kranke ihren Blick zu der Novizin. Mutter Benignas Augen waren voller Frieden, der im krassen Gegensatz stand zu den furchterregenden Blutflecken auf ihrem Gewand. Sie konnte nicht mehr sprechen, doch es war zu spüren, dass sie versuchte, Dank und Abschied zum Ausdruck zu bringen. Und dann, nach einem tiefen, einem Seufzer gleichenden Atemzug, war sie dahingeschieden.
Schwester Ancilla, die bewegungslos neben dem Bett saß, blieb allein zurück in Angst und Verwirrung.
Der seltsame Glanz auf dem Alter war erloschen. In dem trüben Dämmerlicht entzündete sie den letzten kostbaren Bienenwachsstock, wischte dann das Blut von Lippen und Kinn der Toten, legte sie sorgsam auf das Lager zurück und faltete ihre Hände über der Brust.
Dabei betete sie laut all die Sterbelitaneien, die ihr in den Sinn kamen, bis sie schließlich das Schluchzen nicht mehr zurückhalten konnte, das ihren schlanken Körper zu zerreißen drohte.
Sie fühlte sich so einsam wie ein verlassenes Kind. Solange die Äbtissin am Leben war, hatte Schwester Ancilla den Schein von Tapferkeit und Ruhe bewahrt, doch jetzt hatte die Verzweiflung von ihr Besitz ergriffen. Wie sollte sie es anstellen, dass Mutter Benigna in gebührender Weise dem Schoße der Erde übergeben wurde? Sie wusste doch nicht einmal, ob im Schuppen des Gärtners noch eine Schaufel zurückgeblieben war, nachdem die Plünderer das ganze Klosterinventar hatten mitgehen heißen. Und selbst wenn sich noch eine Schaufel fand, war der Boden wohl inzwischen so weit aufgetaut, dass sie wenigstens ein flaches Grab zustande bekam in dem Friedhof der Benediktinerinnen hinter der Klostermauer?
Als Miles durch das Tor der Kapelle schritt, erblickte er die brennende Kerze am Altar und verharrte überrascht. Da er die fehlenden Fensterscheiben, die herausgerissenen Türangeln und andere Anzeichen der Plünderung bereits bemerkt hatte, nahm er an, dass selbst die unberufenen Eindringlinge einen Rest religiöser Ehrfurcht bewahrt hatten.
Sein Körper war durchgekühlt von der Feuchtigkeit des Regengusses und schmerzte vor Müdigkeit. Er hatte gehofft, in der Küche noch etwas Essbares vorzufinden und darüber hinaus auch ein Bett für die Nacht. Doch alles ließ darauf schließen, dass die hiesigen Diebesgesellen reinen Tisch im Kloster gemacht hatten.
Als Miles sich in der halbdunklen Kapelle umsah, nahm er zunächst an, die Nonnen hätten bei der Abreise ihre Ordenstracht vor dem Altar niedergelegt. Doch dann vernahm er leises Schluchzen und erkannte daran, dass das Gotteshaus doch nicht so verlassen war, wie er zunächst geglaubt hatte. Nachdem sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, bemerkte er eine schwarzgekleidete Gestalt, die auf den Steinfliesen vor einer Lagerstatt kniete. Und dabei hatte die Kommission ihm hoch und heilig versichert, alle Nonnen hätten eine Heimat und Verwandte, zu denen sie zurückkehren könnten! Er wollte doch keinesfalls ein Rohling sein, der fromme Schwestern auf die Straße trieb.
Und nun waren offensichtlich nicht nur einige der Ordensschwestern im Kloster zurückgeblieben, nein, diejenige auf dem Lager schien auch noch krank zu sein. Was für ein Narr war er gewesen, den Worten der Kommission Glauben zu schenken!
Als er noch darüber nachdachte, wie er sich der knienden Nonne bemerkbar machen sollte, enthob ihn sein lautes Niesen weiterer Überlegungen.
Das Geräusch ließ das Schluchzen von Schwester Ancilla verstummen. Sie fuhr herum in der Annahme, ein neuerlicher Marodeur aus dem Kreis der benachbarten Bauern sei erschienen um nachzusehen, was in dem Kloster noch zu holen war.
Jetzt mussten Anstand und Schicklichkeit hintanstehen! Wer immer gekommen war um zu stehlen, konnte dazu veranlasst werden, ihr beim Ausheben eines Grabes in der harten Erde zu helfen. Sicherlich würde er Mitleid mit ihrer verzweifelten Lage empfinden.
Doch der Mann, der dort auf der Türschwelle stand, war kein ländlicher Bewohner des Nordens. Selbst mit ihrem tränengetrübten Blick konnte sie erkennen, dass er die Kleidung eines reichen Edelmannes trug. Sein Kopf war von einem Barett bedeckt mit einer steif aufgerichteten Krempe, geschmückt von einer großen herabhängenden Feder. Sein Leibrock mit den weiten geschlitzten Ärmeln und dem pelzbesetzten Kragen ließ den hochgewachsenen Mann wahrscheinlich noch kräftiger aussehen, als er in Wirklichkeit war. Darunter trug er ein schwarzes Wams; kurze Pluderhosen endeten oberhalb der Knie und ließen bis zu den Reitstiefeln aus feinem Leder kräftige, muskulöse Beine in dunklen Beintrikots erkennen. Von seinem Gesicht war in der Dunkelheit nicht viel wahrzunehmen bis auf die Tatsache, dass es kantig und von einer schmalen, raubvogelartigen Nase gekennzeichnet war.
„Ich bitte um Vergebung, wenn ich Euch erschreckt habe, Schwester“, sagte der Fremde und trat bei diesen Worten in den Bereich des Lichtscheines der Kerze.
Irgendwo im Unterbewusstsein registrierte Schwester Ancilla, dass der Akzent, mit dem diese Worte ausgesprochen worden waren, ihren an den nördlichen Dialekt gewöhnten Ohren ungewohnt erschien. Die tiefe, wohlklingende Stimme war samtig, eine Stimme für die Nacht und nicht für das schwindende Tageslicht.
Seine Augen jedoch erregten ihre ganz besondere Aufmerksamkeit, als der Fremde jetzt mit einer respektvollen Geste sein Barett von dem dunklen, windzerzausten Haar zog. Im Gegensatz zu dem tiefen Nachtschwarz seiner Haare waren die Augen von einem so hellen Blau, dass man nicht mehr genau sagen konnte, ob es nun noch Blau war oder bereits Grau. Ihr silbriger Schimmer erinnerte sie an einen Fluss hier in Northumbrien, der von den Hügeln bei Kyloe herabstürzte, rasch, alles mitreißend und kalt.
Unbewusst erschauerte Ancilla.
„Ich bin Sir Miles Raven, der neue Eigentümer dieses Anwesens, Schwester.“
Plötzlich ergriff sie Zorn, denn vor ihr stand der Schuldige an all der Angst und der Not, die Mutter Benigna in den letzten Wochen ihres Lebens hatte erdulden müssen. Die Äbtissin war trotz ihres Alters recht gesund und munter gewesen bis zu jenem verhängnisvollen Tag. Von da an schwand ihre Lebenskraft dahin, und nun lag sie leblos auf ihrem Lager vor dem Altar.
„Ihr habt sicher angenommen, dass alle Nonnen von hier verschwunden seien“, entgegnete Schwester Ancilla kalt. „Und ich bedaure, dass ich Euch insoweit enttäuschen muss, Sir. Wir beide sind hiergeblieben, weil eine von uns im Sterben lag. Doch die Äbtissin von Kyloe ist nun tot.“ Sie wies auf die Leiche der alten Ordensfrau vor dem Altar. „Wenn Ihr so freundlich wäret, mir zu helfen, ihr ein Grab zu schaufeln, werde ich gleich danach meiner Wege gehen und Euch nicht mehr inkommodieren.“
Ihr Herz hämmerte wie wild, und das Blut stieg ihr in die Wangen, während sie den fremden Edelmann anblickte. Sie war sich nicht bewusst, dass die letzten Wochen voller Unsicherheit über ihre Zukunft und die vergangenen Tage, an denen sie fast nichts gegessen und kaum geschlafen hatte, ihren Tribut gefordert hatten. In ihren Ohren begann es plötzlich zu klingen, und gleich darauf verschwand Sir Ravens überraschtes Gesicht in der Dunkelheit, die sie barmherzig umfing.
Miles streckte die Arme aus, doch es war bereits zu spät. Schwester Ancilla war auf den Steinfliesen zusammengesunken. Besorgt ließ sich Miles auf die Knie nieder und blickte betroffen auf die junge Nonne, die eben noch so trotzig und verächtlich zu ihm gesprochen hatte. Kopf und Hals der Ordensschwester waren eng von der weißen Haube und dem weißen Brusttuch umhüllt, und dieser Anblick erinnerte ihn an einen verwundeten Schwan.
Vorsichtig schob Miles zwei Finger hinter das steif gestärkte Halsbündchen und spürte, wie der Puls langsam und träge klopfte. Die Haut fühlte sich eiskalt an. Unter den schwachen Atemzügen bewegte sich der schwere Stoff des Ordensgewandes auf dem Körper der frommen Schwester. Sollte ich nicht lieber die Kleidung etwas lockern und ihr den Schleier abnehmen, überlegte Miles und war sich dabei bewusst, dass ihn auch die Neugier dazu trieb. Er hätte zu gern gewusst, was dahinter verborgen war. Das schneeweiße Leinen, das die Stirn bedeckte und das Gesicht völlig einrahmte, verbarg das Haar vollständig.
Es war bekannt, dass sich die Nonnen die Haare abschnitten als Zeichen dafür, dass sie für immer der weltlichen Eitelkeit entsagen wollten. Aber hielten sie es dann für den Rest ihres Lebens kurz, oder ließen sie es wieder wachsen? Die Hautfarbe der jungen Nonne ermöglichte keine Vermutung darüber, ob sie braunes, rotes, blondes oder schwarzes Haar hatte.
Als Miles vorsichtig die steife Leinenkappe entfernte, wurde er mit dem Anblick dichter honigblonder Löckchen belohnt. Unbewusst strich er sie ihr aus der feuchtkalten Stirn. Was für schönes Haar musste sie gehabt haben, ehe es abgeschnitten wurde! Versonnen stellte er sich vor, wie es gleich einem goldenen Strom über ihren Rücken fiel oder wie es sich über ein Kopfkissen ausbreitete …
Fürwahr, der Wolkenbruch musste auch seinen Verstand durchnässt haben, dass er auf diese Art an eine Nonne dachte! Oder vielleicht waren es nur die Folgen seiner zu großen Enthaltsamkeit? In letzter Zeit war er sehr stark beschäftigt gewesen, sowohl mit den Geschäftsangelegenheiten seines Schifffahrtsunternehmens in London als auch mit den Plänen für den Ausbau seines neuen Besitztums, sodass er den entgegenkommenden Freudenmädchen, die dem Palast des Königs regelmäßig ihre Besuche abstatteten, keine Aufmerksamkeit schenken konnte. Sobald die Angelegenheiten, die mit der toten Äbtissin und ihrer jungen Pflegerin zusammenhingen, geregelt waren, würde er sich nach einem weiblichen Wesen umsehen. Es sollte ihn doch wundern, wenn es in den Dörfern Northumbriens keine bereitwilligen Dirnen gäbe!
Doch noch während Miles sich selbst zur Ordnung rief, tastete er dessen ungeachtet mit den Fingerspitzen über die blütenweiche Haut der Wangen, strich zart darüber hin und spürte bei dieser Berührung die Wärme des jungen Körpers.
Man konnte die bewusstlose Ordensschwester wohl kaum hier in der kalten Kapelle neben der toten Äbtissin liegen lassen. Irgendwo musste sich ein Raum finden, wo sich ein Feuer anzünden ließ. Miles hob die Ohnmächtige auf und bettete ihren Kopf an seine Brust.
Erstaunt stellte er fest, was für ein zerbrechlicher Körper sich unter den schweren Falten der schwarzen Ordenstracht verbarg. Hatte sie Hunger gelitten, nachdem die anderen Benediktinerinnen das Kloster verlassen hatten? War sie nicht nur ein verwundeter Schwan, sondern gar ein sterbender?
Während Miles darüber sinnierte, musste er den Augenblick versäumt haben, an dem sich die Augen der wie leblos Wirkenden wieder öffneten. Eben noch hatte sie schlaff und haltlos in seinen Armen gelegen, nun bäumte sie sich auf einmal so heftig auf, als wäre sie wirklich ein wilder Schwan – indes ein Schwan mit einer Stimme.
„Lasst mich hinunter, Sir, unverzüglich! Ich sagte, lasst mich hinunter!“, forderte sie dabei nachdrücklich, während Miles noch wie vom Donner gerührt regungslos dastand.
„Also Ihr seid aus Eurer Ohnmacht erwacht! Nun, nun, es ist ja nicht nötig, gleich so um sich zu schlagen“, sagte er schließlich und ließ die junge Nonne sachte zu Boden gleiten. „Ich wollte Euch nicht erschrecken, ehrwürdige Schwester, sondern Euch nur irgendwohin bringen, wo Ihr bequemer liegen könntet.“
„Solch einen Ort hier zu finden, dürfte Euch große Schwierigkeiten bereiten, nachdem unsere freundlichen Nachbarn alles davongetragen haben, was nicht niet- und nagelfest war“, erwiderte Schwester Ancilla und griff sich dann entsetzt an ihren unbedeckten Kopf. „Meine Haube und mein Brusttuch! Was habt Ihr damit angestellt?“
„Ihr brauchtet mehr Freiheit zum Atem, deshalb habe ich sie abgenommen“, erklärte Miles und wies auf die Kleidungsstücke, die auf den Steinfliesen lagen. „Ich versichere nochmals, dass ich nichts Böses im Sinne hatte.“
Misstrauisch warf die junge Nonne ihm einen vorwurfsvollen und zugleich argwöhnischen Blick zu und hob die weißleinenen Gegenstände auf.
„Gibt es denn keinen Raum, der so weit in Ordnung ist, dass man die Nacht darin verbringen kann?“, fragte Miles und überlegte dabei, ob er wohl vor die Notwendigkeit gestellt werden würde, eingehüllt in seinen Mantel vor dem Altar zu schlafen. Doch das konnte er wohl kaum in Gegenwart einer jungen Nonne!
„Keinen außer der Krankenstube, und diese auch nur, weil ich sie immer abgeschlossen habe. Ich fürchte, die Besucher – angefangen von den Beamten des Königs bis zu den Plünderern aus den Dörfern – haben das Gebäude nur als leere Hülle zurückgelassen.“ Miles schien es, als schwinge ein Hauch von Befriedigung in diesen letzten Worten mit.
„Das macht nichts. Ich habe ohnehin vor, es zu einem Herrensitz umbauen zu lassen“, entgegnete Miles ungerührt. „Zur Krankenstube also. Ich werde Euch …“
Doch als er ihren Arm nehmen wollte, drehte sie sich rasch von ihm weg.
„Oho! Warum so widerborstig, Schwester? Ich wollte Euch doch nur helfen.“ Verdutzt strich sich Miles über den kurzen Bart. Diese Nonne hier schien keineswegs den sanften, gutmütigen Charakter zu haben, den man gemeinhin bei einer frommen Schwester erwartete.
„Ich danke Euch, Sir, aber eine solche Hilfe benötige ich nicht. Wie ich bereits sagte, brauche ich Unterstützung bei der Beerdigung der Äbtissin, und dann werde ich meiner Wege gehen.“
„Das lässt sich nicht machen, Schwester, zumindest heute nicht mehr. Die Nacht ist bereits hereingebrochen.“ Miles wies auf die nach Westen gelegenen Fenster der Kapelle, hinter denen der Schein der untergehenden Sonne inzwischen völlig erloschen war.
Schwester Ancilla schaute in die gewiesene Richtung und warf dann Miles einen unsicheren Blick zu. „Oh, ja … jetzt erinnere ich mich. Die Sonne ging gerade unter, als Mutter Benigna ihren letzten Atemzug tat. Ich …“ Ihre tiefblauen Augen füllten sich mit Tränen, die sie ungeduldig wegwischte, als habe sie keine Zeit für solche Gefühlsregungen.
„Wie lange wart Ihr eigentlich allein mit der Sterbenden, Schwester? Und wie lange ist es her, seitdem Ihr zum letzten Male etwas gegessen habt?“, forschte Miles. Bei all ihrer trotzigen Haltung wirkte die junge Benediktinerin, als könne sie der nächstbeste Wind davonwehen.
„Ich weiß nicht“, erwiderte die Nonne mit einer unbestimmten Geste. „Ich war so beschäftigt damit, Mutter Benignas Leiden zu erleichtern …“
„Dann wird es wohl das Beste sein, Euch etwas zu essen zu geben und dazu ein Glas Wein, damit wieder Farbe in Eure Wangen kommt.“ Miles bemerkte, wie Schwester Ancilla errötete, und wandte den Blick ab, denn seine prüfende Betrachtung schien sie verlegen zu machen.
„Alles, was übrig geblieben ist, ist ein halber Brotlaib in der Krankenstube. Die Plünderer haben sogar den Messwein mitgenommen. Und die Vorräte waren schon zuvor verkauft worden, um die Schwestern auf ihrer Reise mit etwas Geld ausstatten zu können.“
Miles zuckte die Schulter. „Dann werde ich meinen Proviant mit Euch teilen. Ich habe noch etwas Käse, einige Pasteten und einen Schlauch mit Wein. Zusammen mit Eurem Brotlaib dürfte es uns damit gelingen, zumindest bis morgen früh nicht zu verhungern.“
Schwester Ancilla nickte schweigend und bedeutete ihm, ihr zu folgen.
Das Krankenzimmer war nicht gerade verschwenderisch ausgestattet, doch es hatte einen Kamin und dicke Fensterläden, die die Kälte abhielten. Die Wände waren geweißt und nur mit einem großen Kruzifix geschmückt, das auf die vier schmalen Lagerstätten herabschaute. Auf dem nackten Steinfußboden lag nicht einmal ein Vorleger. Offensichtlich wollten die Benediktinerinnen selbst auf dem Krankenlager nicht die bescheidenste Bequemlichkeit zulassen.
Miles ging zum Stall, um Cloud, sein graues Ross, dort unterzubringen. Nachdem er das Tier versorgt hatte, kehrte er mit der Satteltasche und dem Weinschlauch zurück. Während seiner Abwesenheit hatte es Schwester Ancilla zuwege gebracht, ein Feuer im Kamin zu entzünden und den Brotlaib in dünne Scheiben zu schneiden.
Mit großen Augen blickte sie auf die leckeren Dinge, die Miles aus seinem Schnappsack packte. Zwar gab sie zunächst vor, keinen Hunger zu haben, doch als sie in eine der herzhaften Pasteten gebissen hatte, verzichtete sie auf weitere Ziererei und griff zu wie seit Tagen nicht mehr.
„Habt Ihr schon darüber nachgedacht, was Ihr tun werdet?“, fragte Miles.
„Was ich tun werde? Oh, Ihr meint morgen, wenn wir die Äbtissin zur letzten Ruhe gebettet haben. Nun, ich werde das Kloster verlassen, was sonst.“
„Und wo wollt Ihr dann hingehen, Schwester?“ Miles hoffte, sie werde ihm von ihrem in der Nähe gelegenen Zuhause berichten und von ihren Angehörigen, die sie erwarteten, damit er auf diese Weise sein Gewissen beruhigen konnte.
Doch die klaren blauen Augen der jungen Frau wandten den Blick von ihm ab und schauten versonnen ins Feuer. „Ich muss herausfinden, wohin meine Schwestern gegangen sind – ich meine die anderen Nonnen hier aus unserem Konvent. Sie verließen Kyloe in der Erwartung, sich einem anderen Kloster anschließen zu können“, sagte sie leise.
Miles wusste selbst nicht, warum der Gedanke, dass die junge Nonne von hier fortgehen würde, eigentlich Bedauern bei ihm hervorrufen sollte, aber er tat es dennoch. Trotz ihrer selbstbewussten Haltung und ihrer schroffen, spöttischen Worte am Anfang ihrer Begegnung lag etwas in ihren riesigen blauen Augen – dasselbe Blau wie der Mantel der Heiligen Jungfrau, dachte er, obwohl er sich doch eigentlich von solchem Unsinn, den die Pfaffen verbreiteten, losgesagt hatte – etwas von einer unberührten Unschuld. Bei Hofe konnten sich nur wenige Frauen einer solchen Eigenschaft rühmen, selbst nicht als junge Mädchen, nachdem Anne Boleyn Erfahrenheit im Reich der Sinne zu einem erstrebenswerten Merkmal schöner Frauen erhoben hatte. Miles wusste, er würde sich Vorkommen, als jage er ein Lamm in eine von Wölfen beherrschte Welt, wenn er die fromme Schwester nicht mit schonungsloser Offenheit auf die schwierigen Umstände, die sie dort draußen vorfinden würde, vorbereitet hätte.
„Schwester, überall in England ziehen heimatlose Mönche und Nonnen über die Landstraßen. Der Versuch, ein anderes Stift zu finden, wäre nur Zeitverschwendung, denn die wenigen, die noch nicht aufgelöst wurden, sind mit Zufluchtsuchenden so wie Ihr überfüllt. Und selbst diese wenigen werden über kurz oder lang ebenfalls geschlossen – ich weiß das aus sicherer Quelle. Das beste ist, Ihr findet Euch mit den Tatsachen ab und versucht, ein neues Leben zu beginnen. Habt Ihr keine Angehörigen hier in der Gegend, die Euch aufnehmen könnten?“
Immer noch vermied es die junge Nonne, ihn anzusehen. Doch auch von der: Seite bemerkte Miles, dass Tränen über ihre Wangen liefen. „Nein, ich habe niemanden. Meine Eltern sind tot.“
„Keine Brüder, keine Schwestern, keine anderen Anverwandten?“
„Niemand … Ich war das einzige Kind, das am Leben geblieben ist …“
Die letzten Winterstürme pfiffen um die Klostermauern, und das Feuer im Kamin flackerte auf, als ein Windstoß durch den Schornstein fuhr. Schwester Ancilla straffte die Schultern und versuchte, das Beben ihrer Lippen zu verbergen.
„Nun gut“, nahm Miles das Gespräch mit betonter Munterkeit wieder auf, denn er wollte die junge Frau nicht unnötig in Angst versetzen, „Ihr braucht Euch aber keine Sorgen zu machen. Nehmt die Abfindungssumme, die Euch ausgezahlt worden ist, und mietet Euch damit ein Zimmer in einem der Dörfer. Nonnen sind gebildete Frauen. Mit Euern Kenntnissen seid Ihr durchaus in der Lage, Kinder zu unterrichten oder Gesellschafterin bei einer höhergestellten Dame zu sein … vielleicht könntet Ihr sogar heiraten“, fügte er mit etwas übertriebenem Optimismus hinzu.
Immerhin hatte er gehofft, dass diese letzte Bemerkung der jungen Frau einen Hinweis entlocken würde über einen lieben Freund, den sie da draußen in der Welt zurückgelassen hatte. Doch sie schien mit einer ganz anderen Frage vollauf beschäftigt zu sein.
„Eine Abfindungssumme? Ich weiß nicht, was Ihr damit meint.“
„Gewiss, Eure Abfindung für den Verlust Eurer Unterkunft im Kloster … das Geld, das die Kommission für jeden exmittierten Klosterinsassen bereitgestellt hat, um ihn in die Lage zu versetzen, sich irgendwo niederzulassen.“
„Wir haben keine Abfindungssummer erhalten, Sir Miles.“
„Natürlich habt Ihr das. Ich habe mich ausdrücklich noch einmal vergewissert, ob das Geld auch wirklich abgeschickt worden ist, als ich das Besitztum übernahm. Es war eine Pauschalsumme, die Euerm Priester übergeben worden ist, damit er sie unter Euch verteilt. Sie betrug einige Pfund pro Kopf.“
Schwester Ancilla sank kraftlos in dem hochlehnigen Stuhl zusammen, und über ihr Antlitz zog ein Ausdruck der Verzweiflung wie ein dunkler Schleier. „Nun wundere ich mich nicht mehr, dass es dieser dicke Schwätzer so eilig hatte, von hier fortzukommen.“
„Wollt Ihr damit sagen, dass der Geistliche Eures Konvents mit Eurer Abfindung das Weite gesucht hat?“, fragte Miles ungläubig. Zwar hatte er schon davon gehört, dass Missbräuche in klösterlichen Einrichtungen vorgekommen waren, doch er hatte angenommen, dass es sich dabei um einige wenige Ausnahmen handelte.
„Ich kann Euch nur sagen, dass der Priester das Kloster von Kyloe verlassen hat, sobald seine Auflösung bekannt gegeben worden war. Und er hat dabei mit keinem Wort erwähnt, dass er irgendwelche Gelder erhalten hatte. Wenn man diesem Mann Geld übergeben hat, das für die Nonnen bestimmt war, hätte man ebenso gut ein Wiesel zum Wächter eines Taubenschlages machen können“, schloss Schwester Ancilla mit dem Versuch zu scherzen. Doch ihre Augen blieben dennoch umschattet.
Deshalb also war sie so voller Angst vor der Zukunft gewesen! Das überraschte Miles nun nicht mehr, denn ohne Geld und ohne sonstige Verbindungen hatte sie in der Tat keinerlei Chancen. „Ich werde dafür sorgen, dass man den Schurken fängt und Ihr Euer Geld zurückerhaltet, sofern es noch vorhanden ist“, versprach er.
Die Nonne hob die zarten Schultern. „Ich danke Euch“, murmelte sie tonlos. Sie war sich offenkundig klar darüber, dass wenig Hoffnung auf die Ergreifung des treulosen Priesters bestand.
„Und bis dahin werde ich die Sorge für Euer Wohlergehen als meine Angelegenheit betrachten“, fügte Miles impulsiv hinzu, getrieben von dem Wunsch, den angstvollen Ausdruck ihrer Augen, die sie jetzt mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Misstrauen auf ihn gerichtet hatte, zu vertreiben.
„Warum solltet Ihr das?“, widersprach Schwester Ancilla. „Es ist nicht Eure Schuld, dass der Priester ein Dieb war. Oder wollt Ihr damit Euer Gewissen wegen der Übernahme unseres Klosters beruhigen, Sir Miles?“
Miles stellte beiläufig fest, dass der störrische Ausdruck in ihre Augen zurückgekehrt war, seitdem sie ihren Hunger gestillt hatte. „Oh, nein, denn nicht ich habe das Kloster vom König erhalten, sondern mein verstorbener Vater“, erwiderte er und fühlte sich dabei wieder in eine Art Verteidigungsstellung gedrängt. Zum zweiten Male am heutigen Tag sah er sich gezwungen, jemanden auseinanderzusetzen, dass sein Vater das Zeitliche gesegnet hatte, bevor er Kyloe hatte in Besitz nehmen können, und dass sein älterer Bruder ihm dann das Kloster übereignet hatte. „Ich glaube doch, mich deutlich genug dahin gehend ausgedrückt zu haben, dass ich mich für Euch verantwortlich fühle, weil Ihr allein in der Welt dasteht … und weil es richtig ist, so zu handeln.“
„Nein, das kann ich nicht zulassen.“ Die tiefblauen Augen blitzten herausfordernd.
„Was wollt Ihr denn dann machen? Vielleicht Euerm Körper verkaufen?“ Miles merkte, wie es der jungen Nonne ob dieser Grobheit den Atem verschlug, doch er fuhr ungerührt fort, denn er war müde und wollte die Angelegenheit endlich geregelt wissen, damit er sich zur Ruhe begeben konnte. „Ich sehe keine anderen Möglichkeiten für Euch – ohne Geld und ohne Angehörige. Wie anders wollt Ihr Euer Brot verdienen, wenn Ihr es nicht stehlen wollt?“
„Natürlich hatte ich nicht im Sinn, meinen Körper zu verkaufen oder zu stehlen“, erwiderte sie beleidigt. „Ich bin eine Nonne.“
„Das seid Ihr nicht mehr. Ob Ihr es nun wollt oder nicht, König Heinrich hat das Ordensleben in England abgeschafft. Dieser Tatsache müsst Ihr ins Auge sehen, Mädchen. Ich … ich werde eine Haushälterin brauchen, wenn das Kloster zu einem Herrensitz umgebaut worden ist. Wie wäre es, wenn Ihr diese Stellung annehmen würdet, zumindest bis Ihr etwas gefunden habt, das Euch mehr liegt?“ Miles hatte dieses Angebot nicht machen wollen, und er merkte es erst, als die Worte bereits heraus waren. Um die Überraschung über seinen unerwarteten Einfall zu verbergen, fuhr er scherzend fort: „Wäre es jetzt nicht an der Zeit, mir Euern Namen mitzuteilen, nachdem Ihr Euer Abendbrot verspeist habt und meinen Teil gleichfalls?“
Die Nonne blickte verlegen auf die Brotkrumen, die zum größten Teil an ihrem Platze lagen. „Oh! Ich … ich bitte um Entschuldigung, Sir … Ich wollte wirklich nicht so nimmersatt sein. Mein Name ist Ancilla, Schwester Ancilla.“
„Ich wollte nicht Euerm Klosternamen wissen, Mistress, sondern Euerm wirklichen Namen. Vielleicht solltet Ihr jetzt anfangen, Euch wieder an ihn zu gewöhnen. Am besten ist, Ihr geht heute bereits daran, die Vergangenheit hinter Euch zu lassen.“ Die junge Frau blickte ihn an, als überlege sie, ob er ihr wohl ihre Seele entreißen könne, wenn er ihren richtigen Namen kannte. Miles wartete schweigend.
„Gillian. Mein weltlicher Name war … ist … Gillian Mallory.“
„Aus der Familie der Mallory, die Richard Plantagenet unterstützt hat?“ Miles hatte von dem alten Baron aus dem Norden gehört, der voller Überzeugung für Richard gekämpft hatte und dann an seiner Seite auf dem Schlachtfeld gefallen war. Dann erinnerte er sich an den Namen des Herrensitzes, auf dem er heute zu Gast gewesen war. Sollte etwa …?
Gillian Mallory nickte. „Mein Großvater starb mit König Richard bei Bosworth“, sagte sie unerschrocken. „Meine Großmutter stand damals kurz vor ihrer Niederkunft, und mein Vater blieb ihr einziges Kind. Sie hat nie wieder geheiratet. Lord Mallory wurde der Baronatstitel weggenommen, und man ließ der Familie nur einen ärmlichen Herrensitz in Northumbrien. Ich nehme an, Eure Familie hat für die Tudors gekämpft?“
„In der Tat. Thomas Raven hat sie unterstützt und wurde in den Adelsstand erhoben. Zuvor ist er nur ein wohlhabender Kaufmann gewesen.“
„Er sah wohl die Möglichkeit, seine Verhältnisse zu verbessern, indem er den rechtmäßigen König verriet“, erwiderte Gillian verachtungsvoll. „Demnach müsst Ihr einer von Heinrichs neuen Männern sein, von denen man schon viel gehört hat – und die ihn dazu ermutigt haben, sein Eheweib zu verstoßen und die Kirche zu verraten.“
Diese Dreistigkeit, seine vermeintlichen politischen Anschauungen derartig zu attackieren, während ihm doch gleichzeitig das Dach über ihrem Kopf gehörte! „Mistress Mallory, ich bin heute durch strömenden, eiskalten Regen geritten, nur um auf meinem Anwesen eine tote Nonne vorzufinden und eine andere, die ich nicht mit gutem Gewissen vor die Tür setzen kann, da sie auf der Landstraße Hungers sterben würde. Wäre es wohl möglich, dass wir ein andermal auf die Schlacht bei Bosworth zurückkommen könnten?“
Die junge Frau errötete höflicherweise und senkte den Kopf. „Verzeiht mir, Sir Miles. Es musste sich ja angehört haben, als sei ich ein ganz, undankbares Ding. Aber hier im Norden brausen die Gefühle schnell auf. Ihr müsst wissen, man war hier König Richard bis zuletzt treu. Doch es sollte keinesfalls so aussehen, als würde ich Euer Angebot nicht gebührend würdigen.“
„So nehmt Ihr es also an?“
Gillian nickte müde. „Wie Ihr bereits deutlich gemacht habt, gibt es für mich keine ehrenvolle Alternative. Vielleicht gestattet Ihr aber dennoch Eurer Gemahlin, mich erst einer Prüfung zu unterziehen, ehe wir eine endgültige Abmachung treffen?“
„Ich bin nicht verheiratet, Schwester … wollte sagen, Mistress Mallory. Ihr seht also, dass die Entscheidung ganz bei mir liegt, und ich versichere Euch, dass Ihr die Stellung einnehmen könnt, solange Ihr den Wunsch danach habt.“
Unter Hinweis auf seine Müdigkeit verließ Miles bald darauf die Krankenstube. Er nahm Decken und Laken aus einem unbenutzten Bett mit und erklärte, er werde sich im Dormitorium eine Schlafstelle zurechtmachen.
Der Schlafsaal der Nonnen war ausgeräumt bis auf einen alten klumpigen Strohsack, und die Schritte hallten von den feuchtkalten Steinwänden wider. Miles sagte sich, er habe auf den Feldzügen mit dem König schon schlechtere Nachtquartiere erlebt. Er brauchte sich ja nur in die Decken einzurollen und sich in Gedanken damit zu beschäftigen, diese trostlose Ruine in einen schönen Herrensitz umzubauen, den man mit berechtigtem Stolz einer Dame aus gutem Hause, die er einmal ehelichen würde, präsentieren konnte.
Doch es war kein Gebäude, sondern ein Gesicht, das vor seinen geschlossenen Augen auftauchte – ein herzförmiges Gesicht, umrahmt von einer weißen Nonnenhaube, und seine Eigentümerin besaß die trotzigsten blauen Augen, die er je gesehen hatte.
Beim Erwachen hatte Gillian den Eindruck, als sei sie im Traum in ihrer Kindheit gewesen. Der Vater hatte ihr damals immer liebevoll über die Wangen gestrichen, wenn sie ins Bett gebracht wurde, und ihr erzählt, was für ein braves Kind sie heute war und wie stolz er auf sie sei. Sie schnupperte den Geruch des Feuers im Kamin und spürte seine wohlige Wärme auf ihrem Körper. Behaglich streckte sie sich unter ihrer Decke aus und genoss ein Gefühl von Sicherheit, das sie seit Langem nicht mehr gekannt hatte.
Plötzlich jedoch wurde ihr bewusst, warum ihr diese Empfindungen so fremd geworden waren. Der Blutsturz der alten Äbtissin kam ihr wieder ins Gedächtnis, und auch der Augenblick, da sie in ihren Armen den letzten Atemzug tat, stand wieder vor ihr auf, ebenso wie die Ankunft des Mannes, der all dieses Leid heraufbeschworen hatte. Und tief in ihrem Innern wusste sie, dass ihr seine Berührung am gestrigen Abend im Traum wieder eingefallen war und nicht die ihres Vaters, die schon so viele Jahre zurücklag.
Gillian tappte über den kalten Steinfußboden zum Fenster und öffnete die Läden. Es dämmerte noch. Eine spätwinterliche Sonne kam gerade über den Horizont empor. Erschöpft hatte Gillian die ganze Nacht hindurch geschlafen, ohne dass die Andachtsglocke, die so viele Jahre hindurch ihre Ruhe unterbrochen hatte, sie geweckt hätte. Eilig kleidet sie sich an, zog das schwere wollene Gewand über und verzichtete nur auf Haube und Brusttuch. Du bist nun nicht mehr Schwester Ancilla, die Novizin der Benediktinerinnen. Du bist jetzt Gillian Mallory, dachte sie. Der leichte Luftzug, den sie auf ihren unbedeckten kurzen Locken spürte, war ein ungewohntes, merkwürdiges Gefühl für sie.
Auf dem Tisch fand sie noch etwas Brot und Wein vor. Vielleicht sollte sie nachsehen, ob Sir Miles schon aufgestanden war und auf sie wartete, um mit ihr zu frühstücken?
Doch der neue Eigentümer war nicht im Dormitorium zu finden. Wäre es möglich, dass er sich aus dem Staube gemacht hatte, weil ihn sein gestriges Angebot reute? Gillian war betroffen von dem Gefühl von Furcht, den dieser Gedanke bei ihr hervorrief. Sie sollte doch froh sein, wenn er verschwunden wäre!
Aber natürlich nicht, tadelte sie sich selbst, denn das Kloster von Kyloe ist doch seine neue Heimat. Wohin sonst sollte er denn gehen, sofern er nicht unterwegs war, um etwas Essbares zu besorgen? Als sie in den Stall blickte, wieherte ihr ein großes graues Ross, das öffentlich Sir Miles gehörte, wie zur Begrüßung entgegen. Also war er offensichtlich irgendwo auf dem Klostergelände und vielleicht schon dabei, das Grab für die Äbtissin auszuheben.
Doch als sich Gillian anschickte, die in einem Rechteck angeordneten Gebäude des Klosters zu verlassen, verhielt sie ihren Schritt plötzlich vor der Tür des Sprechzimmers von Mutter Benigna.
Nur einmal noch wollte sie diesen Raum betreten und sich die vielen Augenblicke ins Gedächtnis zurückrufen, in denen sie hier gestanden und den Segen oder den Tadel der Äbtissin empfangen hatte, beides ohne Unterschied in ihrer warmen, von Herzen kommenden Art. Wenn Gillian die Augen schloss, würde sie vielleicht ihre Gegenwart noch einmal spüren können.
Der Raum war wie alle anderen im Kloster von den Plünderern ausgeräumt worden und wirkte wie leer gefegt bis auf den massiven eichenen Kabinettschrank, in dem die Kassette der Mutter Oberin aufbewahrt wurde.
Plötzlich fielen Gillian Mutter Benignas Aufforderung ein, die sie am Tage zuvor nur für die Worte einer Sterbenden gehalten hatte, die sich über Nebensächlichkeiten Gedanken macht. „Die Schatulle … geh und schaue in die Schatulle, meine Tochter.“
Auf einmal bekamen diese Worte eine Bedeutung, die kaum vierundzwanzig Stunden zuvor noch gar nicht zu erkennen gewesen war. Gillian blickte nachdenklich auf die geschnitzten Türen des Schrankes. Vielleicht sollte sie tatsächlich einmal nachsehen, was darin für die Äbtissin so wichtig gewesen sein könnte. Möglicherweise enthielt es Dokumente, die Auskunft über die Familie der alten Ordensschwester gaben, und sie musste diese nunmehr von ihrem Ableben in Kenntnis setzen. Doch die Schatulle war nur mit dem Schlüssel zu öffnen, den Mutter Benigna bis zuletzt an ihrem Gürtel, zusammen mit anderen Schlüsseln, bei sich getragen hatte.
Ob die Äbtissin wohl von Sir Miles schon der Erde übergeben worden war? Und hatte er dabei auch daran gedacht, den Schlüsselring vorher in Verwahrung zu nehmen?
Gillian lief mit flatternden Ärmeln und wehenden Röcken durch die langen Klostergänge zur Kapelle.
Mit Erleichterung stellte sie fest, dass die Tote noch immer in der Kapelle ruhte. Ihr Gesicht war blutleer, ernst und ruhig. In den gefalteten Händen hielt sie das Kruzifix, das am Ende der Schnur befestigt gewesen war, mit der ihr Gewand zusammengehalten wurde. Von dem Schlüsselring aber war nichts zu entdecken.
Gillian stieß einen kleinen Schrei aus, in dem sich Ärger und Enttäuschung mischten, und eilte erneut davon, dieses Mal in Richtung auf den Totenacker der Nonnen jenseits der Klostermauern.
Miles hatte seine Überkleider abgelegt und stand bereits bis zu den Hüften in dem frisch geschaufelten Grab. Im gleichmäßigen Rhythmus warf er die Erdschollen rechts und links aus der Grube empor. Er schien tatsächlich die Schaufel gefunden zu haben, die Gillian vorsorglich unter einem Haufen verrotteten Strohs versteckt hatte. Als sie näherkam, konnte sie beobachten, wie seine kräftigen Muskeln spielten, und sie bemerkte auch den feuchten Fleck zwischen den Schulterblättern.
„Ah, Mistress Mallory, Ihr seid aufgestanden! Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen und fühlt Euch jetzt etwas wohler.“ Sein Gesicht war gerötet von der Anstrengung.
Gillian war seit ihrer Kindheit daran gewöhnt, in Gegenwart eines Mannes den Blick sittsam niederzuschlagen und fühlte sich jetzt ohne Schleier und Haube wie entblößt und schutzlos. Doch sie wusste, dass es notwendig war, diesen gebieterischen blauen Augen standzuhalten, und zwang sich dazu, den Mann genauer anzusehen – das zerzauste Haar, auf dessen tiefem Schwarz bläuliche Schimmer lagen, die hohen Backenknochen, den gepflegten, kurz geschnittenen Bart, der seinen arroganten, herrischen Mund umrahmte. Nur mit diesem Anblick konnte sie sich gegen seine samtweiche Stimme wappnen, die alle ihre Sinne wie in Nebel hüllte.
„Danke, recht gut, Sir Miles. Doch jetzt muss ich unbedingt wissen, ob ihr den Schlüsselring vom Gürtel der Äbtissin abgenommen habt?“
