Hoamatle. Heumahd. Heimat. -  - E-Book

Hoamatle. Heumahd. Heimat. E-Book

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Beschreibung

Was haben "Hoamatle", "Heumahd" und Heimat miteinander zu tun? Sie stehen im Zentrum dieses Sammelbandes, in dem sieben Autorinnen und Autoren die konkrete Geschichte der Ötztaler Museumshäuser und damit der Ötztaler Bevölkerung aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nacherzählen. Von archäologischen Funden über die Geschichte der Häuser bis hin zum Leben und Wirtschaften in früherer Zeit werden auf vielfältige Weise einige Kapitel der Ötztaler Geschichte vorgestellt. Der Band "Hoamatle Heumahd Heimat" baut auf Band 1 "Heimat ist nichts Gemütliches" auf.

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ötztaler Museumsgeschichte(n)Teil II

Hoamatle.Heumahd. Heimat.

Vom historischen Leben und Arbeiten im Ötztal

Edith Hessenberger (Hg.)

Ötztaler Museumsgeschichte(n)Teil II

Inhalt

Vorwort

Edith Hessenberger

Erd-Reich. Archäologie im Ötztal

Thomas Bachnetzer

Die Geschichte des Turms zu Oetz

Michael Span

Bauforschung an den Museumshäusern in Lehn Wie vielfältig die Entwicklungsgeschichte eines kleinen Weilers sein kann

Barbara Lanz/Sonja Mitterer

Vom Ererben und Erwerben Besitzverhältnisse in Lehn ab dem 17. Jahrhundert

Michael Span

Die traditionelle Berglandwirtschaft im Ötztal und rund um das heutige Museum in Lehn

Edith Hessenberger

Das Ötztal und „sei Hoor“ – Eine sozial- und kulturhistorische Spurensuche zum Flachsanbau

Annemarie Hofer

„Heimat“ – „verflixt“, „schlüpfrig“, „mißbraucht“ und „geschändet“

Wolfgang Meixner

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Personenregister

Ortsregister

Autorinnen- und Autorenverzeichnis

Alles dreht sich ums Heu: Detail aus dem Ötztaler Heimatmuseum

Vorwort

Edith Hessenberger

„Hoamatle. Heumahd. Heimat“ – auf den ersten Blick ist der Titel unseres zweiten Teils der „Ötztaler Museumsgeschichte(n)“ eine vielleicht etwas seltsame Alliteration dreier Begriffe. Erst ein genauerer Blick erklärt ihren sehr engen Zusammenhang.

Mit „Heimat ist nichts Gemütliches“ hat die Historikerin Maria Heidegger im ersten Teil des Doppelbandes „Ötztaler Museumsgeschichte(n)“ eindrücklich die Grundpfeiler der Ötztaler Sozial- und Wirtschaftsgeschichte während der letzten Jahrhunderte nachgezeichnet: Die Verbundenheit innerhalb von Gemeinden und Nachbarschaften, die Vielfalt der Erwerbsformen, die Praxis rund ums Heiraten und Erben, das Leben mit dem allgegenwärtigen Tod, der Umgang mit Krankheiten und Naturgefahren und nicht zuletzt die Verbundenheit mit der Welt „draußen“, also außerhalb des Ötztales – all das wurde ausführlich von der Autorin für das Tal beschrieben.

Der zweite Band baut auf dieser Arbeit auf und ergänzt zum einen Wissenswertes aus anderen Zeiträumen, zum anderen werden für das Ötztal weitere, besonders wichtige Aspekte detaillierter herausgearbeitet. Im Zentrum dieses Bandes stehen – mehr noch als im ersten Band – die 14 Gebäude der Ötztaler Museen, vom Turmmuseum Oetz ausgehend bis hin zum einmaligen historischen Museumsensemble in Lehn, mitsamt der historischen Mühlen entlang des Lehnbaches. An ihrem Beispiel sollen Aspekte der Talgeschichte nachvollziehbar gemacht werden.

Am Anfang steht die Ur- und Frühgeschichte. Das Ötztal hat auch abseits der berühmten Gletschermumie Ötzi eine reiche Geschichte an archäologischen Funden, die spannende Details über die Besiedelung und Nutzung des Tales enthüllen. Der Sautner Archäologe Thomas Bachnetzer stellt einige der wichtigsten Funde in seinem Beitrag „Erd-Reich. Archäologie im Ötztal“ vor und legt damit auch die Grundlage für die gleichnamige Dauerausstellung im Turmmuseum Oetz offen.

Der zweite Beitrag widmet sich ebendiesem mittelalterlichen Gebäude in Oetz: Der Historiker Michael Span hat die Geschichte des über 600 Jahre alten Turms unter die Lupe genommen und fasst die wichtigsten Besonderheiten dieses Gebäudes zusammen, das einst als Wohnturm erbaut und 2004 als Museum eröffnet wurde.

Die Museumsgebäude und ihre Geschichte stehen auch in den nächsten Beiträgen im Fokus: Die Bauhistorikerinnen Barbara Lanz und Sonja Mitterer haben die Gebäude im Ötztaler Heimat- und Freilichtmuseum beforscht und dabei einige interessante Erkenntnisse zur Geschichte und Nutzung der Häuser erlangt, die sie im dritten Beitrag mit der Leserschaft teilen.

Darauf aufbauend setzt Michael Span mit einem weiteren Beitrag zur Museums-Hausgeschichte fort und stellt die wechselvolle und spannende Geschichte der vier großen benachbarten Museumshäuser in Lehn vor: Das Heimatmuseum, der Gedächtnisspeicher, das Wastls-Haus und das Klausn-Haus waren über die Jahrhunderte auch durch ihre Eigentümer und Eigentümerinnen eng miteinander verbunden.

Die Kulturwissenschaftlerin Edith Hessenberger widmet sich auf Basis der Sammlung im Heimatmuseum, die einen starken bäuerlichen Schwerpunkt hat, der traditionellen Berglandwirtschaft in Lehn und zeichnet die Schwerpunkte bäuerlichen Arbeitens im Jahreskreis nach.

Einen weiteren Schwerpunkt im Ötztaler Heimatmuseum stellt das Thema Flachs mit all seinen sozialen und wirtschaftlichen Implikationen dar. Die Kulturwissenschaftlerin Annemarie Hofer widmet sich im sechsten Beitrag der Geschichte und Bedeutung des Flachses und unterstreicht anhand historischer Quellen seine einstige Bedeutung im Tal.

Einen runden Abschluss dieses literarischen Rundgangs durch die Ötztaler Museen bildet der Beitrag des Historikers Wolfgang Meixner, der sich des Heimatbegriffs annimmt: Denn ein Heimatmuseum im Jahr 2022 erneut unter diesem Namen zu eröffnen, das erfordert eine fundierte und kritische Auseinandersetzung mit der wechselvollen Geschichte des Wörtchens „Heimat“.

Was hat es also mit dem Titel dieses Bandes „Hoamatle. Heumahd. Heimat“ auf sich?

Der Begriff des „Hoamatle“ entstammt (nicht nur) der Ötztaler Mundart und hat heute historischen Charakter. Kaum jemand verwendet noch die Bezeichnung „Hoamatle“, die die Einheit von Haus, Hof und Feldern meint. Das Diminutiv der „Hoamat“ zeigt schon, dass diese Einheit im Ötztal kaum je besonders groß gewesen ist: Ein Wohnhaus umfasste eine Stube, Küche und einige Kammern, im Stall standen zwei bis drei Kühe, dazu noch einige Geißen und Schafe, und wenige Felder machten das „Hoamatle“ schließlich vollkommen. Immerhin jedoch handelte es sich um Eigentum, das eine gewisse Sicherheit gab und – in Kombination mit Zuerwerb – ein Auskommen der Familie übers Jahr sicherstellte. Die bis Mitte des 20. Jahrhunderts im Ötztal geläufige Bezeichnung „Hoamatles Madle“ für eine junge Frau, die den Hof der Eltern erben sollte, und die sowohl Ansehen als auch Verheißung zugleich implizierte, unterstreicht den großen wirtschaftlichen, sozialen und ideellen Wert des „Hoamatle“. „Ein Hoamatle ist Existenz“, so fasste es Ewald Schöpf, Chronist aus Sölden, pointiert zusammen.1 Im Rahmen der Arbeiten an der neuen Dauerausstellung im Ötztaler Heimatmuseum wurde mehrfach die Ähnlichkeit der Wörter „Heumahd“ und „Heimat“ festgestellt – die insbesondere deshalb symbolischen Gehalt zu haben schien, weil das Heu als wohl wichtigstes Produkt der Ötztaler Bevölkerung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts einen derart zentralen Stellenwert für die Organisation der bäuerlichen Arbeit über das gesamte Jahr gesehen hatte. Das Mähen der Wiesen nahm fast den gesamten Sommer in Anspruch, und auch im (fast ein halbes Jahr anhaltenden) Winter war die Organisation des Heus als Lebensgrundlage für Tier und damit in Folge auch für Mensch eine aufwändige und streng organisierte Angelegenheit. Sie war eng verknüpft mit Rechten und Pflichten – die ja auch den Begriff „Heimat“ in seiner historischen Bedeutung definierten. Die drei wie zufällig zusammengewürfelten Begriffe „Hoamatle. Heumahd. Heimat“ stellen also den Kern dieser Publikation sowie auch der Dauerausstellung des Ötztaler Heimatmuseums seit Mai 2022 dar. Denn ebendieser historische Heimatbegriff, aufgeladen mit einer guten Portion Kulturpessimismus, war 1966 die Flagge, unter die sich der neu gegründete „Ötztaler Heimatverein“ fortan stellen wollte und zugleich in seinen Statuten festhielt, dass die Gründung eines „Ötztaler Heimatmuseums“ ein erstes wichtiges Ziel des Vereins sei. 1969 wurde im „Othesar Koschtn“ eine erste, kleine Version eines Bauernmuseums eingerichtet, und schon zehn Jahre später konnte das heutige Ötztaler Heimatmuseum im vormaligen „Bodach“-Haus in Lehn feierlich eröffnet werden.

Abb. 1: Detail in der Rauchküche im Ötztaler Heimatmuseum

Seither ist das Museum um zahlreiche Gebäude gewachsen, ebenso wie die Sammlung. Die Betrachtungsweise der im Museum ausgestellten Themen und die Forschungsfragen dazu haben sich über die vergangenen vier Jahrzehnte verändert. Das Bekenntnis zum Namen „Heimatmuseum“ bleibt. Denn wie schon der historische Begriff mit dem Heimatrecht die Rechte und Pflichten der und des Einzelnen meinte, so erwächst auch heute aus dem Heimatbegriff Verantwortung: Verantwortung für das historische Erbe des Ötztals, für seinen Kultur- und Naturraum und für die Menschen, die hier leben. Der Doppelband „Ötztaler Museumsgeschichte(n)“ hält die gegenwärtige Perspektive auf die historische Sammlung fest und soll eine Diskussionsgrundlage für die kommenden Jahrzehnte bilden.

Detail aus der Archäologie-Ausstellung „Erd-Reich“ im Turmmuseum Oetz

 

______

1 Interview mit Ewald Schöpf.

Erd-Reich. Archäologie im Ötztal

Thomas Bachnetzer

Das Ötztal ist aus archäologischer Sicht vor allem seit dem Fund des Eismannes am Tisenjoch im Jahr 1991, auch Ötzi genannt, einer breiten Öffentlichkeit sowie der archäologischen Fachwelt bekannt. Dieser Fund gab der inneralpinen Archäologie, vor allem aber der archäologischen Hochgebirgsforschung bzw. Gletscherarchäologie einen entscheidenden Impuls, der bis in die Gegenwart andauert. Bei der Archäologie handelt es sich um ein wissenschaftliches Fachgebiet, das anhand von materiellen menschlichen Hinterlassenschaften die kulturelle Entwicklung der Menschheit von der Steinzeit bis in die jüngste Vergangenheit erforscht. Archäologie entsteht, sobald Menschen beginnen, Landschaften zu nutzen. Im inneralpinen Raum Westösterreichs, also auch in Tirol, können nach dem Ende der letzten großen Eiszeit, der Würm-Kaltzeit, erste Spuren menschlicher Anwesenheit bis in die Mittelsteinzeit um 9500 v. Chr. zurückverfolgt werden.1 Seit dieser Zeit wird dieser während der Eiszeit kaum nutzbare Naturraum wieder von Menschen durchgehend begangen, bewirtschaftet, kultiviert und somit auch stark geprägt. In den rund 12.000 Jahren, die seither vergangen sind, haben Menschen weite Teile dieses Gebietes in Beschlag genommen und dabei ihre Spuren in vielfältiger Art und Weise hinterlassen, so auch im Ötztal. Das mit rund 65 km längste Seitental des Inntales reicht weit in den Alpenhauptkamm hinein. Dies haben auch schon die Menschen früherer Zeitperioden erkannt und das Tal als wichtige Nord/Süd-Verbindung genutzt.2 Im Ötztal sind zahlreiche archäologische Fundplätze unterschiedlichster Zeitstellungen bekannt. Archäologische Funde belegen die Anwesenheit von Jägern und Sammlern im Tal schon in der frühen Mittelsteinsteinzeit um 7.500 v. Chr. Mit dem Ende der Mittelsteinzeit begannen die bislang noch als Wildbeuter lebenden und herumziehenden Jägergruppen in unserem Gebiet um 5.500 v. Chr. sesshaft zu werden, um Viehhaltung sowie Ackerwirtschaft zu betreiben. So gibt es mittlerweile archäologische Belege dafür, dass sich die Menschen ab der Jungsteinzeit auch dauerhaft im Ötztal niedergelassen haben.3

Zeitperioden, aus denen Fundstellen im Ötztal vorhanden sind

Die Zeitperioden werden nach dem Ende der Würm-Kaltzeit, als die Täler im inneralpinen Gebiet wieder eisfrei und begehbar wurden, bis zur Eroberung der Römer um 15 v. Chr. nach den am prägendsten verwendeten Materialien benannt. So spricht man etwa von der Mittelsteinzeit und der Jungsteinzeit, als Stein noch der Hauptwerkstoff war, und von der Kupfer-Steinzeit in der Übergangsphase sowie von der Bronze- und Eisenzeit, als Metall die steinernen Naturmaterialien großteils verdrängt hatte. Nach der Eisenzeit folgt die Römerzeit und das Mittelalter sowie die Neuzeit. Im Ötztal sind aus allen Zeitperioden nach der großen Eiszeit Fundstellen bekannt, die ein breites Spektrum an Fundgattungen abdecken (Abb. 1).

Mittelsteinzeit (Mesolithikum, ca. 9500–5500 v. Chr.)

Nach dem Ende der Würm-Kaltzeit um 10.000 v. Chr. begann mit der Mittelsteinzeit, dem Mesolithikum, um 9500 v. Chr. eine neue Periode der Menschheitsgeschichte, die gleichsam die Übergangsphase zwischen den altsteinzeitlichen Jägergesellschaften und den ab etwa 5500 v. Chr. auch in Tirol auftretenden jungsteinzeitlichen Ackerbaukulturen darstellte. Das Mesolithikum war allerdings noch von nicht sesshaften Jäger- und Sammlergruppen geprägt, die das nunmehr eisfrei gewordene Gebiet in den Alpen durchstreiften. Auf der Suche nach Nahrung und Rohstoffen überquerten sie auch die Joche, Sättel und Pässe des inneralpinen Raumes und hinterließen dabei Spuren, die sich teilweise bis in die Gegenwart erhalten haben.

Abb. 1: Zeittafel mit Zeitperioden und Fundstellen bzw. wichtigen Ereignissen im Ötztal

Bronzezeit (2200–800 v. Chr.)

Während die Bronzezeit unter anderem in Südosteuropa, Mesopotamien, Ägypten und auf der Mittelmehrinsel Kreta schon um 2500 v. Chr. Einzug hielt, begann sie im Gebiet des heutigen Vorarlbergs ca. 200–300 Jahre später, um ungefähr 2200 v. Chr. Die Bronzezeit zeichnet sich vor allem durch die Weiterentwicklung im Metallhandwerk aus. Das in der vorangegangenen Kupferzeit (späteste Phase der Jungsteinzeit) verwendete Kupfer, das vor allem für kleinere Schmuckgegenstände, aber auch für Waffen und Geräte wie Beile zum Einsatz kam (siehe Ötzi), war relativ weich und spröde, sodass sich die hergestellten Gegenstände schnell abnützten und allmählich abstumpften. Die Neuerung in der Bronzezeit bestand darin, dass erstmals in der Geschichte der Menschheit eine Legierung (Kupfer und Zinn) zum Einsatz kam, die es erlaubte, härtere und komplizierte Objekte anzufertigen.

Eisenzeit (ca. 800–15 v. Chr.)

Bei der Eisenzeit handelt es sich um die letzte Epoche der Urgeschichte. Sie wird in zwei Abschnitte gegliedert: die frühe Eisenzeit (Hallstattzeit) und die späte Eisenzeit (Latènezeit). In Mitteleuropa dauerte sie von ca. 800 v. Chr. bis zur Eroberung der Gebiete durch die Römer um 15 v. Chr. Die Namensgebung erfolgte aufgrund der vermehrten Verwendung des Rohstoffes Eisen, das aufgrund seiner besonderen Härte die Bronze allmählich vor allem bei Werkzeugen und Waffen ablöste.

Römerzeit (ca. 15 v. Chr. – Ende 5. Jh. n. Chr.)

Mit dem Alpenfeldzug der Römer um 15 v. Chr. endet die Urgeschichte auch in Tirol. Der Bereich des heutigen Bundeslandes Tirol wurde in die römischen Provinzen Raetia und Noricum eingegliedert und allmählich an die Kultur, Sitten und Bräuche des römischen Reiches angepasst.

Mittelalter (ca. 500–1500 n. Chr.)

Als Mittelalter wird der Zeitabschnitt zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet. Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches bildeten sich neue Reiche. In diesen Gebieten lebte die ansässige romanisierte Bevölkerung und während der Völkerwanderungszeit eingewanderte Gruppen, vor allem germanische Stämme und Slawen.

Neuzeit (1500–jetzt)

Die Neuzeit wird aus europäischer Sicht vor allem mit der „Entdeckung“ Amerikas im Jahr 1492 in Verbindung gebracht. Weitere zeitliche Einschnitte waren die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 und die von Martin Luther eingeleitete Reformation im Jahr 1517. Prägend für die Neuzeit im Vergleich zu vorausgegangenen Zeitperioden war unter anderem ein beschleunigter Wandel in gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht.

Abb. 2: Kartierung der archäologischen Fundstellen im Ötztal. Haiming: 1 Ötztal-Bahnhof; Silz: 2 Dortmunder Hütte, 3 Längental, 4 Wörgetal; Roppen: 5 Burschl; Sautens: 6 Sautner Felder; Oetz: 7 Kendlschrofen, 8 Oetzerau, 9 Höll, 10 Schlössl, 11 Piburg, 12 Habichen; Umhausen: 13 Vordere Fundusalm, 14 Hintere Fundusalm; Längenfeld: 15 Unterlängenfeld, 16 Aqua Dome, 17 Sulzeck; Sölden: 18 Windachtal, 19 Timmelsjoch, 20 Beilstein, 21 Plattach, 22 Hohler Stein/Liechtl, 23 Rofental, 24 Trinkerkogel/Heuflerkogel, 25 Kesselwandferner; Schnals/Südtirol: 26 Tisenjoch, 27 Gurgler Eisjoch.

Fundstellen gegliedert nach Gemeinden

Haiming

Der Hauptort Haiming liegt im Inntal. Ein Teil des Gemeindegebietes befindet sich jedoch am Taleingang des Ötztals sowie im Nedertal bei Ochsengarten.

1951 kamen im Zuge der Erweiterung einer Sandgrube bei Haiming im Bereich der Zughaltestelle Ötztal-Bahnhof eisenzeitliche (ausgehende Hallstattzeit bis frühe Latènezeit) Graburnen und kleine, verbrannte Knochenfragmente ans Tageslicht (Abb. 2, 1). Bei den Funden handelt es sich um Urnen und Schalen eines Gräberfeldes, die auf eine nahegelegene Siedlung hinweisen, die aber bisher noch nicht entdeckt wurde. Bei einer 1952 durchgeführten Nachgrabung konnte lediglich eine Urne mit einem zweiten Gefäß und wenigen verbrannten Knochenteilen als Inhalt freigelegt werden. Die Tiroler Tageszeitung berichtete 1952 über die Fundstelle: „Leider haben die Gefäße infolge Unkenntnis der Finder in den meisten Fällen schwer gelitten. Sie wurden in den Höfen zum Teil im Stall und auch als Behälter für Hühnerfutter verwendet“.4

In der Erosionsböschung des Prallhanges, mit der die Bergsturzmasse rechts der Ache auf 750 m Höhe bei Ambach unterschnitten ist, entdeckte Gernot Patzelt einen Brandhorizont, den er als Feuerstelle interpretiert. Die Datierung der Holzkohle erbrachte ein bronzezeitliches Alter von 1910–1660 v. Chr.5

Silz

Ein Teil des Silzer Gemeindegebietes befindet sich topografisch im Ötztal. Das Gebiet erstreckt sich zur Gänze auf die Hochlagen rund um Kühtai.

Den ersten mittelsteinzeitlichen Fund erbrachten 1997 Mitarbeiter des ehemaligen Instituts für alpine Vorzeit der Universität Innsbruck im Bereich des Einganges zum Längental, einem Seitental des Nedertals, bei Kühtai nahe der Dortmunder Hütte. Bei dem an der Erdoberfläche aufgelesenen dunkelgrauen Feuersteinstück aus der Mittelsteinzeit soll es sich um einen Präperationsabschlag handeln, der höchstwahrscheinlich während der Geräteherstellung entstanden sein dürfte (Abb. 2, 2).6

2008 wurde das Längental anlässlich eines geplanten Staukraftwerkbaues durch das Bundesdenkmalamt von Tirol gezielt prospektiert und untersucht (Abb. 2, 3). Bei diesen Geländebegehungen konnte am Ufer eines kleinen Gebirgssees von Burkhard Weishäupl eine mittelsteinzeitliche Mikrospitze aus Feuerstein aufgelesen werden (Abb. 2, 3; Abb. 4, 9).7 Weiters entdeckte Gernot Patzelt am Ablauf eines kleinen Gebirgssees einen Brandhorizont, der in das späte Frühmesolithikum (7500–6500 v. Chr.) datiert. Im Sommer 2009 fanden schließlich archäologische Ausgrabungen statt.8

Abb. 3: Silz, Längental. Das mesolithische Jägerlager im Bereich der Alm 1 liegt auf einem leicht erhöhten Moränenhügel in der Mitte des Längentals südöstlich des Längentaler Bachs.

Während die im Vorfeld aufgelesene Mikrospitze als Verlustfund einzuordnen ist, konnte am Ablauf des Sees ein kleines mesolithisches Jägerlager mit Feuerstelle freigelegt werden. Zahlreiche Artefakte aus nordalpinem Silex (Feuerstein nördlich des Inns) wie Abschläge, Absplisse, Trümmerstücke, aber auch fertige Geräte, darunter zwei Kratzer und eine beidseitig bearbeitete Mikrospitze, sind im Fundinventar enthalten. Die geringe örtliche Ausdehnung der Fundstelle sowie die verhältnismäßig wenigen Artefakte von 176 Stück lassen auf eine eher seltene Nutzung dieses Ortes als Lagerplatz schließen (Abb. 4).

Weitaus mehr Funde und Feuerstellen weist die zweite mesolithische Raststelle auf einem leicht erhöhten Moränenhügel im Bereich einer verfallenen Almhütte auf (Abb. 3). Neben 547 Silexartefakten sind auch 2497 Quarzartefakte sowie 35 aus Bergkristall vertreten (Abb. 4). Durch typologische Vergleiche von bestimmten Artefakten wie ungleichschenkligen Dreiecken sowie 14C-datierter Holzkohle aus Feuerstellen kann dieser Platz ebenfalls in die späte Phase der frühen Mittelsteinzeit datiert werden. Restkerne und weitere Geräteformen wie Bohrer, Geschoßspitzen und bearbeitete Klingen runden das Fundinventar ab. Auffällig sind die bis auf wenige Ausnahmen fehlenden südalpinen Feuersteinvarietäten sowie das vermehrte Auftreten von Quarz. Die mittelsteinzeitlichen Fundinventare Tirols zeigen bislang eher selten Quarzartefakte, doch ist er hier überproportional hoch vertreten. Die beiden Jägerstationen im Längental weisen ein für das späte Frühmesolithikum typisches Geräteinventar auf. 2020 fanden nach einer Fundmeldung des Verfassers beim Bundesdenkmalamt Tirol im Jahr 2017 Nachgrabungen durch die Grabungsfirma Ardis statt. Die Untersuchungen brachten wiederum zahlreiche mesolithische Befunde und Funde hervor.9 Im Längental wurden an zwei Stellen auch bronze-, eisen- bzw. römerzeitliche Spuren entdeckt. Unter einem kleinen überhängenden Felsblock kamen Holzkohle führende Schichten sowie Keramikfragmente aus der Bronzezeit zum Vorschein und auf dem leicht erhöhten Moränenhügel bei der Alm 1, auf dem sich auch die mittelsteinzeitliche Fundstelle befindet, zeugen aus der Bronze- und Eisen- bzw. Römerzeit stammende Brandhorizonte und Gruben von der frühen Nutzung dieses Gebietes.10

Abb. 4: Silz, Längental. Auswahl mesolithischer Artefakte aus dem Längental. 1–8, 13–16: Rastplatz bei Alm 1. 9: Streufund beim See. 10–12: Rastplatz am See. 1, 2, 4, 7, 9–13, 16: Silex. 3, 5, 8, 14, 15: Quarz. 6: Bergkristall.

Im direkt westlich zum Längental gelegenen Wörgetal entdeckte Univ.-Prof. Gernot Patzelt 2003 im Zuge von archäologischen Prospektionen an drei verschiedenen Stellen mittelbronze- und römerzeitliche, Holzkohle führende Schichten (Abb. 2, 4). Weitere Geländebegehungen im Wörgetal, durchgeführt von Burkhard Weishäupl in den Jahren 2008 und 2009, lieferten eine Vielzahl an baulichen Strukturen und Funden, die vor allem im Zusammenhang mit der Hochweidenutzung, aber auch mit Bergbau zu sehen sind. Unter den freigelegten Funden befinden sich Hufeisen, die vom Hochmittelalter bis in die Neuzeit datieren, ein Steckschlüssel, der zum Aufziehen einer Spindeltaschenuhr diente, aus dem Ende des 18. Jh. bis in die Mitte des 19. Jh. sowie zwei seltene Freischurftafeln, die auf den Bergbau im Wörgetal im Jahr 1892 und 1893 hinweisen (Abb. 5).11 Mit der Anmeldung eines Freischurfes erwarb man die einjährige Berechtigung, innerhalb eines Kreises von 425 m Radius ohne Begrenzung der Tiefe nach bergfreien Mineralien zu suchen. Der Mittelpunkt musste innerhalb von drei Tagen mittels einer Freischurftafel markiert werden.12 Die 2010 und 2011 erfolgten Ausgrabungen durch die Grabungsfirma Talpa an diesen drei Stellen brachten neben neuzeitlichen und mittelalterlichen auch bronze- und eisenzeitliche Befunde und Funde wie Reste von Hüttenstrukturen und Keramikfragmente ans Tageslicht, von denen der Großteil höchstwahrscheinlich mit Hochweidewirtschaft in Zusammenhang gebracht werden kann (Abb. 6, 2).13 Des Weiteren fand Isidor Neururer zahlreiche Metallfunde im Wörgetal, die ebenfalls mit Bergbau und Hochweidewirtschaft zusammenhängen. Darunter befindet sich ein sogenannter „Bauernring“, auch Sonnenring oder Ringsonnenuhr genannt. Dabei handelt es sich um eine Sonnenuhr, die mit Hilfe einer daran befestigten Öse und einem Band um den Hals gelegt werden konnte (Abb. 6, 1). Mit kleineren Ausführungen war es sogar möglich, diese Zeitmesser als Fingerring zu benutzen.14

Weitere Fundstellen, bei denen es sich vor allem um Brandhorizonte aus der Jungsteinzeit, der Bronzezeit, Eisenzeit und Römerzeit handelt, befinden sich im Mittertal und Wörgetal sowie im Bereich des Geierneggsees und der Stockacher Böden. In der Regel handelt es sich um letzte Reste von Hüttenstrukturen und Viehpferchen oder sonstige undefinierbare Steinstrukturen, in denen bzw. in deren Umfeld kleine Sondagen angelegt wurden, um datierbare Holzkohle freizulegen.15

Abb. 5: Silz, Wörgetal. Freischurftafel aus dem Jahr 1892

Abb. 6: Silz, Wörgetal. 1 Sonnenuhr (Bauernring) aus dem 17. Jhdt. 2 eisenzeitliche, verzierte Keramikfragmente, ca. 1.–4. Jhdt. v. Chr.

Roppen

Die Gemeinde Roppen befindet sich im Inntal, jedoch lässt sich ein kleiner Teil des Gemeindegebietes geografisch dem Ötztal zuordnen.

Bereits in den 1930er Jahren und 1972 konnten in Roppen bei Geländebegehungen am „Burschl“, der nördlich direkt an den Inn angrenzt, Keramikfragmente aufgelesenwerden (Abb. 2, 5; Abb. 7).16 Bei einer Verlegung einer Stromleitung kamen 2004 wiederum Keramikbruchstücke zum Vorschein, die auf eine prähistorische Besiedelung des markanten Felsrückens in der Bronze- und Eisenzeit schließen lassen.17

Abb. 7: Roppen, Burschl. Der markante Felsrücken „Burschl“ bei Roppen war bereits in der Bronzezeit besiedelt.

Sautens

Die Gemeinde Sautens ist der erste von fünf Hauptorten im Ötztal am Taleingang. Trotz des höchstwahrscheinlich nicht deutschen Namensursprungs sind auf dem Gemeindegebiet bislang keine eindeutigen Belege für archäologische Funde bekannt geworden.18 Jedoch gibt ein Fund Rätsel auf: Anton Roschmann (1894–1760), ein Tiroler Polyhistor, der sich unter anderem mit Geschichte, Altertumskunde, Literatur, Kirchen- und Naturgeschichte befasste, schreibt laut einem Beitrag im Heimatbuch der Gemeinde Sautens von einer gewissen „Venus Gnidia“, einer römerzeitlichen, ca. 14 cm hohen erzenen Figur, die angeblich von völlig einfachen und ehrlichen Menschen auf den Sautner Feldern entdeckt wurde (Abb. 2, 6; Abb. 8).19 In diesem Beitrag ist eine Zeichnung abgebildet, bei der es sich aber nicht um diese in Sautens entdeckte Statuette handelt dürfte, wie der lateinische Text unterhalb zeigt:

Elegans haec integri sese palmi Jeuncula est antiquitatis non ambiguae (ut altera illa de valle Özensi) scripta tamen ibi, et adnotata etiam huc quadrant, nempe infra de Venere non absimili ibidem.

Dieses elegante Figürchen, fast so groß wie eine ganze Hand, stammt zweifellos aus dem Altertum (wie jene andere aus dem Ötztal). Was ich dort geschrieben und notiert habe, paßt auch auf diese Figur, nämlich weiter unten über eine Venus dortselbst, die nicht ganz unähnlich ist. (Franz Unterkircher, Wien).20

Vielmehr handelt es sich hierbei um eine sehr ähnliche Statuette, die an einem anderen Ort gefunden wurde. Der Originaltext im Heimatbuch der Gemeinde Sautens lautet wie folgt:

Der Althistoriker Prof. Pranz Miltner, besser bekannt als Archäologe von Ephesos, Lavant und Aguntum, war im Kriegsjahr 1942 in Tarrenz mit Grabungen beschäftigt, für die ihm Angehörige des Reichsarbeitsdienstes zur Verfügung standen. In dieser Zeit weilte er oft am Ritzlerhof und erwähnte wiederholt, was für ein Unglück es sei, daß die ‚Ötztaler Venus‘, die in den Sautner Feldern gefunden worden war, seit langem verschollen sei. Dem berühmten Tirolforscher Anton Roschmann (1739–1806), der sie am 12. März 1763 gezeichnet hat, verdanken wir ihre Abbildung. Er berichtet, daß diese erzene Figur (14 cm hoch) im Ötztal gefunden wurde, ohne einen bestimmten Fundort zu nennen. Er würde an eine Fälschung glauben, schreibt Roschmann, wenn die Figur nicht in einem Tal gefunden worden wäre, das von jeder Stadt weit entfernt ist, also auch von Fälschern, ‚diesen Affen des Altertums‘. Die Finder wären völlig einfache und ehrliche Menschen. Wir wissen nicht, aufgrund welcher Quelle F. Miltner die Kenntnis hatte, daß die Figur ‚auf den Sautner Feldern‘ gefunden worden war. Jedenfalls wäre die Figur wohl das älteste Zeugnis von Menschenhand aus der Sautner Vergangenheit.

Abb. 8: Sautens. Die „Venus Gnidia“ soll im 18. Jahrhundert auf den Sautner Feldern gefunden worden sein.

Um Klarheit in dieses „Rätsel“ zu bringen, sind weitere Nachforschungen, vor allem an Primärquellen, unumgänglich. Des Weiteren sind in Sautens Plätze bekannt, die eventuell für archäologische Untersuchungen geeignet erscheinen, wo bislang jedoch keine Ausgrabungen stattgefunden haben. So berichtet Hans Santer laut mündlichen Überlieferungen von einem Felskoloss auf dem Wurzeck oberhalb von Haderlehn, der als „Opferstein“ bezeichnet wird, bei dem es sich möglicherweise um eine vorchristliche oder zumindest frühchristliche Kultstätte handeln könnte.21 Aus archäologischer Sicht sehr interessant dürften auch die Sautner Hochgebirgsflächen im Bereich der Karalpe sein. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich herausgestellt, dass Gebiete über der Waldgrenze vor allem ab der mittleren Bronzezeit um 1750 v. Chr. als Weidegebiete für Nutztiere gedient haben.

Oetz

Ein großer Teil der archäologischen Fundplätze im Ötztal befindet sich auf dem Gemeindegebiet von Oetz, dem zweiten Hauptort im Ötztal, noch im Eingangsbereich des Tales gelegen. Bei den Weilern Ambach (Gemeinde Haiming) und Ebene (Gemeinde Oetz) liegt der Kendlschrofen (Abb. 2, 7; Abb. 9). Die Hügelkuppe wird im Norden wie Westen durch steil abfallende Hänge ein- und im Süden durch die Auerklamm abgegrenzt.

Bereits 1970 wurden bei Geländebegehungen auf der Kuppe und den Hängen erste Keramikbruchstücke aus der Bronzezeit aufgelesen.22 Im Rahmen von gezielten archäologischen Sondierungen des Institutes für Hochgebirgsforschung der Universität Innsbruck unter der Leitung von Gernot Patzelt ab dem Ende der 1990er-Jahre kamen ebenfalls Fundstücke und Holzkohle zum Vorschein, die höchstwahrscheinlich auf eine intensive bronze- und eisenzeitliche Besiedelung des markanten Felsrückens schließen lassen. In einem aufgeschlossenen Profil auf einer 848 m hoch gelegenen Terrasse überlagert Bergsturzmaterial vom Tschirgant artefaktführende Schichten. Zwei Holzkohle-analysen von Brandhorizonten datieren diese Schichten in die Bronzezeit zwischen 2140–1690 v. Chr. Eine weitere Datierung von Holzkohle, die etwa sechs Meter außerhalb des Brandungswalles lag, datiert 1740–1520 v. Chr. Aufgrund dieser Daten datiert Patzelt das ältere von zwei Bergsturzereignissen in den Zeitraum zwischen 1740–1520 v. Chr.23 Archäologieinteressierte fanden im Laufe der Jahre immer wieder Artefakte aus diesen Zeitperioden. So zeigen beispielsweise verzierte Keramikfragmente der mittleren Bronzezeit und Eisenzeit (Abb. 11, 3 u. 5), ein verziertes Bronzeblech aus der Eisenzeit, bei dem es sich möglicherweise um ein Fragment eines Helmes handeln könnte (Abb. 11, 4), sowie eine Silbermünze mit Pferdedarstellung aus der Keltenzeit, 1. Jh. v. Chr. (Abb. 10), eindeutig die prähistorische Nutzung dieses Ortes.24

Abb. 9: Oetz, Kendlschrofen. Der Kendlschrofen in der Bildmitte war bereits in der Bronzezeit und Eisenzeit besiedelt. Im linken Bildbereich Sautens

Abb. 10: Oetz, Kendlschrofen. Keltischer Büschelquinar der Vindeliker. Eisenzeit, ca. 2.–3. Viertel 1. Jhdt. v. Chr.

Abb. 11: Oetz, Kendlschrofen. 1 undatierter Schleifstein. 2 Lanzenspitze aus Eisen, ca. 17. Jhdt. 3 eisenzeitliches Keramikfragment. 4 verziertes Bronzeblech aus der Eisenzeit. 5 bronzezeitliche Keramikfragmente

Auch im Spätmittelalter bzw. der frühen Neuzeit hielten sich dort Menschen auf, wie eine Tüllenspitze aus Eisen (Abb. 11, 2) sowie ein zeitlich schwierig einordenbarer Schleifstein zeigen (Abb. 11, 1).25 Ebenfalls in diese Zeit datiert der Fund einer 5 cm langen Tüllenlanzenspitze aus Eisen in Habichen, die bei der Errichtung eines Neubaus entdeckt wurde (Abb. 2, 12).26

Im Zuge systematischer Geländebegehungen von Mitarbeitern des ehemaligen Forschungsinstitutes für Hochgebirgsforschung konnten 1999 auf der Felskuppe am „Schlössl“ bei Oetz auf etwa halbem Weg vom Fußballplatz am Haidach zum Piburger See eisenzeitliche Keramikbruchstücke, verbrannte Knochen und verschlackte Steine entdeckt werden (Abb. 2, 11).

Bei den darauffolgenden archäologischen Ausgrabungen im Sommer 2000, die in Kooperation mit der Gemeinde Oetz, dem Leader-Verein Ötztal und mit den Hauptschulen Oetz und Umhausen stattfanden, legten die AusgräberInnen zahlreiche Artefakte wie verzierte Keramikfragmente, Schmuckgegenstände und Geräte aus Metall sowie Holzkohle und verbrannte und intakte Knochenfragmente frei (Abb. 12). Die Art des Fundinventars lässt auf einen Zusammenhang im kultischen Bereich als latène-zeitlichem Brandopferplatz von ca. 250 v. Chr. bis Christi Geburt schließen.27

Im Zuge des Aushubes für den Neubau von Dr. Koller wurde in den 1950er-Jahren „in der Höll“ ein Skelettgrab mit Holzkohle und einem Kurzsax (einschneidige Hiebwaffe) als Grabbeigabe entdeckt, das ins Frühmittelalter um 600–800 n. Chr. datiert (Abb. 2, 9).28 Dabei handelt es sich um den bislang einzigen Nachweis aus dem Frühmittelalter im Ötztal.

Über Piburg schreibt Oswald Menghin 1937: „Auf dem Seebühel bei dem Weiler Piburg konnte trotz dieses auf eine urgeschichtliche Besiedlung hindeutenden namens nichts Urgeschichtliches gefunden werden.“ (Abb. 2, 10)29 In der Zwischenzeit konnte allerdings von Isidor Neururer im Jahr 2004 eine in die Eisenzeit datierende 31,5 cm lange Ackerhaue aus Eisen in der Nähe des Nord-Ostufers des Piburger Sees entdeckt werden (Abb. 13). Ebenfalls im Uferbereich bei der Badeanstalt konnte Verena Bachnetzer am Wanderweg ein bearbeitetes Silexfragment auflesen. Das etwa 4 cm lange Feuersteinartefakt weist partielle Retuschen an den Kanten auf. Obwohl diese Bearbeitungsspuren typisch für steinzeitliche Modifizierungen von Silexgeräten sind, zeigt ein weiterer Bereich Zerrüttungsspuren, wie sie im Zuge der Verwendung als Feuerschlaggerät bis in die Mitte des 20. Jh. n. Chr. sprechen. Aufgrund dieser nicht eindeutigen Merkmale sowie der atypischen Form des Artefakts kann eine abschließende zeitliche Einordnung noch nicht getroffen werden. Im Nahbereich des Fundplatzes befinden sich jedenfalls leicht überhängende Felspartien, die eventuell bereits in der Steinzeit als Unterstand genutzt worden sein könnten (Abb. 14).

Abb. 12: Oetz, Schlössl. 1 Bronzeobjekt. 2 Astragale (Mittelfußknochen von Schafen). 3 Keramikfragmente

Abb. 13: Oetz, Piburg. Eisenzeitliche Ackerhaue

Abb. 14: Oetz, Piburg. Steinzeitlich oder neuzeitlich? Silexfund mit unklaren Bearbeitungsmerkmalen

Im Zuge des Umbaus des Turms zu Oetz zu einem Museum fanden archäologische Ausgrabungen statt, bei denen eine Vielzahl an Funden vom Spätmittelalter bis in die Neuzeit entdeckt wurden. Ofenkacheln, Keramikfragmente, Münzen und Knochen sind nur einige der Fundgattungen, die während der Grabungsarbeiten freigelegt werden konnten (Abb. 2, 9).30

Bei Ausgrabungen in der Pfarrkirche „Hl. Georg und hl. Nikolaus“ kamen im Jahr 1999 mittelalterliche Mauerreste zum Vorschein, bei denen es sich höchstwahrscheinlich um Teile eines romanischen Vorgängerbaus handeln dürfte (Abb. 2, 9).31

Bei Umbauarbeiten im benachbarten „Schwesternheim“ unterhalb der Pfarrkirche kam ein Menschenschädel mit einem 2 x 4 cm großen Loch an der rechten Schläfe zum Vorschein, der nach der kriminaltechnischen Untersuchung an der Gerichtsmedizin in Innsbruck zur Bestattung an die Gemeinde Oetz übergeben wurde.32 Nachuntersuchungen lieferten weitere eindeutige Menschenknochen und ein altes Holzbrett. Wegen der Nähe zur Pfarrkirche könnte es sich hierbei um Überreste eines alten Friedhofs handeln (Abb. 2, 9).

Auch auf dem zur Gemeinde Oetz gehörenden Hochplateau Oetzerau sind Fundstellen bekannt. In den 1960er-Jahren kam bei Bauarbeiten in der Kirche des hl. Antonius ein mögliches Mauergeviert zum Vorschein, das an einen Vorgängerbau der Burg Auenstein denken lässt. Aufgrund fehlender Nachuntersuchungen muss das allerdings als Spekulation gelten (Abb. 2, 8).33

Innerhalb der Ruinenreste der Höhenburg Auenstein gab es laut mündlichen Überlieferungen von Einheimischen immer wieder Funde von Artefakten aus der Betriebszeit der Anlage aus dem 13. Jh., die in der Regel aber nirgendwo schriftlich festgehalten wurden (Abb. 2, 8). Werner Köfler beschreibt im Buch „Oetz. Geschichte und Gegenwart“ einen „Tonkrug“, der anfangs der 1930er-Jahre in Auenstein gefunden wurde und in die vorgeschichtliche Zeit datieren soll.34 Ob der laut dem Autor in Oetzer Privatbesitz befindliche Fund tatsächlich in die Urgeschichte datiert oder doch ins Mittelalter, müssten weitere Nachforschungen klären.

Aus der Römerzeit sind im Ötztal bislang nur sehr wenige Nachweise vorhanden. Einer dieser noch seltenen Belege für die Anwesenheit von Menschen aus dieser Zeitperiode stammt aus der Gegend der Burgruine Auenstein bei Oetzerau (Abb. 2, 8). Dort fand Isidor Neururer in den letzten beiden Jahrzehnten auf engem Raum insgesamt sieben Münzen, von denen sechs Stück eindeutig römerzeitlich datieren. Eine Münze ist so stark korrodiert, dass keine Aussagen über die zeitliche Einordnung getroffen werden können, und zwei Stück, von denen keine Beschreibungen und Abbildungen vorhanden sind, müssen mittlerweile als verschollen gelten. Bei den vier einordenbaren Stücken handelt es sich um Sesterzen aus der römischen Kaiserzeit zwischen 103 und 176 n. Chr. Aufgrund fehlender Beifunde kann über den Kontext nur spekuliert werden (Abb. 15). Eventuell könnte es sich um einen Opferplatz handeln. Jedenfalls kann angenommen werden, dass im weiteren Umfeld des Fundortes römerzeitliche Strukturen vorhanden sein könnten.

Abb. 15: Oetz, Auenstein. 4 römische Bronzemünzen. 1 Sesterz des Antoninus Pius, 157–158 n. Chr. 2 Sesterz des Antoninus Pius, 155–158 n. Chr. 3 Sesterz des Marcus Aurelius für Faustina Minor, 161–176 n. Chr. 4 Sesterz des Traian, 103–111 n. Chr.

Einen weiteren Fund aus der Gegend um Oetzerau stellt ein aus Holz, Leder und Textilien gefertigter Überschuh dar, der aus dem Übergang vom Spätmittelalter und Frühneuzeit stammt und laut Kohlenstoffdatierung zwischen 1470 und 1634 n. Chr. datiert (Abb. 16). Der Schuh befand sich seit einigen Jahrzehnten im Heimatmuseum in Lehn, Längenfeld, jedoch ist über die Fundumstände nichts bekannt. Lediglich ein schriftlicher Hinweis deutet auf den Fundort Oetzerau hin (Abb. 2, 8).

Bei den bisher auf Oetzer Gemeindegebiet bekannten Fundstellen handelt es sich ausschließlich um Orte, die sich in den Tal- bzw. Mittelgebirgslagen befinden. Höhenfundstellen über der Waldgrenze sind bislang noch nicht bekannt. Fundplätze wie beispielsweise auf dem Kendlschrofen oder am Schlössl besitzen weiterhin großes Fundpotential, da dort bisher keine großflächigen archäologischen Untersuchungen stattgefunden haben.

Abb. 16: Oetz, Auenstein. Hölzerner Überschuh mit Leder-, Stoff- und Metallteilen

Umhausen

Aus der Gemeinde Umhausen sind bislang keine Fundplätze bekannt, die Artefakte im engeren Sinn beinhalten. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass es Nachweise für eine sehr frühe Nutzung der Hochlagen auf Umhauser Gemeindegebiet gibt. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Ötztalstudie – Entwicklung der Landnutzung“ wurde in den 1990er-Jahren im Bereich der Hinteren Fundusalm bei der Anlage eines Weges eine Feuerstelle entdeckt, die laut Kohlenstoffdatierung in die Mittelsteinzeit zwischen 7250 und 7470 v. Chr. datiert (Abb. 2, 14).35 Im Rahmen des Projekts wurde auch das Gebiet der Vorderen Fundusalm untersucht (Abb. 2, 15)