Hohe Wellen - Kaspar Ritter - E-Book

Hohe Wellen E-Book

Kaspar Ritter

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Beschreibung

Ein spannender Teneriffa-Krimi vor atemberaubender Kulisse – eine tödliche Intrige unter der Sonne der Kanaren Düster, emotional und voller Spannung bis zur letzten Seite Nach dem spontanen Besuch eines einsamen Strandes auf der kanarischen Insel Teneriffa verschwindet Laura Friese spurlos. Ihr Ehemann Andreas geht zunächst von einem tragischen Badeunfall aus. Doch schon bald kommen Zweifel auf. Ist Laura wirklich ertrunken? Oder wurde sie Opfer eines Verbrechens? Kommissar Emiliano Jaimez und seine Kollegin Alejandra Caimano von der Policía Nacional nehmen die Ermittlungen auf. Ein fesselnder Kanaren-Krimi voller Atmosphäre, Spannung und überraschenden Wendungen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kaspar Ritter

Hohe Wellen

Ein Teneriffa-Krimi

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2025 Josef Moser

Titelbild: Jutta MoserCoverdesign: Josef Moser

Verantwortlich für den Inhalt:[JMP] Josef Moser Publishing, Ulmenstr. 55, 90537 Feucht

ISBN: 9783819460166

1

»Ich gehe noch eine Runde schwimmen! Kommst du mit?«

Laura Friese lehnte sich nach einem vorzüglichen Abendessen zurück und sah ihren Mann Andreas fragend an.

Dieser wusste im ersten Moment nicht, ob dieser Vorschlag ernst gemeint war oder ob sich Laura nur einen Scherz erlaubte.

Sie neigte zuweilen dazu, spontane Entscheidungen zu treffen, die auf den ersten Blick verrückt erscheinen mochten.

»Meinst du das ernst?«, fragte er deshalb.

»Natürlich! Das wäre doch ein krönender Abschluss für einen perfekten Abend.«

Andreas war sich nicht sicher, ob er jetzt das Bedürfnis verspürte, sich ins Meer zu stürzen. Immerhin war es bereits nach 20 Uhr. Wäre es nicht viel schöner, gemeinsam den Sonnenuntergang zu genießen? Heute standen keine Wolken am Horizont. Es wäre eine perfekte Gelegenheit, um herrliche Fotos zu schießen.

»Ich habe eigentlich keine Lust! Es ist doch noch so gemütlich in diesem Restaurant. Wir haben einen wundervollen Blick auf die Steilküste und außerdem haben wir den Wein noch nicht ausgetrunken.«

Laura verzog das Gesicht.

»Manchmal bist du so spießig!«, entgegnete sie schmunzelnd.

Er kannte seine Frau gut genug, um zu wissen, was sie gleich sagen würde.

Darum schwieg er und richtete seinen Blick demonstrativ auf die grandiose Landschaft, die sie von dieser wunderschönen Terrasse aus genießen konnten.

»Du kannst ja hierbleiben und deinen tausendsten Sonnenuntergang fotografieren«, stellte sie klar. »Dann gehe ich eben alleine hinunter zum Strand. Ist ja nicht weit.«

Tatsächlich führte vom Lokal aus ein schmaler Fußweg zu einem kleinen naturbelassenen Strand. Dieser wurde hauptsächlich von Einheimischen frequentiert. Viele Menschen verirrten sich in der Regel nicht dorthin.

Sie hatten den Playa de Castro auf einem Spaziergang zum Fortin de San Fernando entdeckt.

Dabei handelte es sich um einen kleinen Beobachtungsposten, der einmal dazu gedient hatte, Ausschau nach feindlichen Schiffen zu halten.

Zwei sehr gut erhaltene Kanonen gaben Zeugnis davon, warum die Plattform einst in schwindelerregender Höhe errichtet worden war.

Heute hat man von dort aus eine gigantische Aussicht auf den Küstenverlauf westlich von Puerto de la Cruz.

Laura hatte sich sofort in den Strand verliebt, der von dort oben aus zu sehen war.

Es handelte sich um eine etwa 100 Meter breite Bucht, die malerisch in die Steilküste eingebettet war. Zudem hielten sich dort offensichtlich nicht viele Menschen auf. Touristen fanden diesen bezaubernden Ort wahrscheinlich nur zufällig.

Der berühmte Playa Jardin in Puerto de la Cruz war zwar ebenfalls sehr idyllisch und auch relativ gut zu erreichen, aber meistens hoffnungslos überfüllt.

Sie hatten einen halben Tag dort verbracht und beschlossen, in Zukunft Strände aufzusuchen, die weniger frequentiert waren.

Dafür musste man allerdings auf eine kontinuierliche Überwachung und den damit verbundenen Rettungsdienst verzichten.

»Geh nur! Ich bleibe noch ein bisschen hier! Die Bedingungen für tolle Fotos sind heute ideal!«, sagte er daher und zeigte damit Verständnis für ihren spontanen Entschluss.

Laura stand auf und leerte ihr Glas in einem Zug.

»Ich hole nur schnell die Badesachen aus dem Auto. Ich bin bald zurück.« Damit drehte sie sich um und ging in Richtung Parkplatz.

Laura war eine Wasserratte. Egal, was immer sie auch in diesem Urlaub bisher unternommen hatten, den Abschluss eines Tages bildete immer der Besuch eines nahe gelegenen Strandes. Manchmal verbrachten sie auch einen ganzen Tag am Meer.

Daher nahm Laura vorsorglich immer einen Bikini und Badehandtücher mit. Meistens fand sich schon irgendwo ein abgelegenes Plätzchen, wo man sich unbeobachtet umziehen konnte. Bei einsamen Stränden war es überhaupt kein Problem. Da war man sowieso meist alleine oder der Abstand zu anderen Menschen war so groß, dass man bedenkenlos seine Badekleidung anziehen konnte.

Manchmal zog sie sich aber auch unauffällig auf einem Parkplatz im Auto um, solange keine Menschen in der Nähe waren.

Als Laura nach ein paar Minuten zurückkehrte, warf sie ihm im Vorbeigehen noch einen Handkuss zu, dann machte sie sich auf den Weg zum Strand.

Andreas beschäftigte sich wieder mit seiner Kamera. Als er gerade aufstehen wollte, um die ersten Bilder der untergehenden Sonne von der Brüstung der Terrasse aus zu schießen, bemerkte er, dass sich die Bedingungen dafür in den letzten Minuten sehr plötzlich verschlechtert hatten. Es zogen nun doch einige schwarze Wolken am Horizont auf. Möglicherweise würde sein Vorhaben nicht so klappen, wie er sich das vorgestellt hatte.

Mittlerweile war es zudem etwas windig geworden. Die bisher so lauschige und gemütliche Abendstimmung würde wohl nicht mehr lange andauern.

Vielleicht würden sie sogar auf die Nachspeise verzichten und nach Lauras Rückkehr vom Strand sofort aufbrechen.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er sein Stativ im Auto vergessen hatte. Er hatte keine Lust, unter diesen Lichtverhältnissen aus der Hand heraus zu fotografieren. Die Hälfte der Bilder würde verwackelt und unscharf sein.

Er musste das Stativ holen.

»Verzeihen Sie«, wandte er sich daher an einen Kellner, der gerade vorbeiging. »Ich hole nur kurz mein Stativ aus dem Auto. Ich bin gleich zurück!«

»Si, kein Problem«, kam die Antwort.

Die Kamera würde er natürlich nicht hier zurücklassen. Er rechnete zwar nicht damit, dass sie gestohlen werden könnte, aber Vorsicht war besser als Nachsicht.

Andreas stand auf und ging zum nahe gelegenen kleinen Parkplatz. Das Stativ hatte er auf dem Rücksitz verstaut.

Gerade als er wieder zurückgehen wollte, entdeckte er ein schönes Fotomotiv. Er musste dazu nur über eine kleine Schranke steigen und den Blick landeinwärts richten.

Rasch baute er sein Stativ auf und schraubte die Kamera darauf. Er blickte durch den Sucher und erkannte sofort, dass das gewünschte Motiv eine Herausforderung darstellen würde. Vielleicht schaffte er es dennoch, diese wunderschönen Palmen vor einer Hügelkette in stimmungsvoller Weise festzuhalten.

Nach ein paar Versuchen war er schließlich zufrieden.

Jetzt musste er sich aber sputen, wenn er noch zu brauchbaren Fotos vom Sonnenuntergang kommen wollte.

Eilig ging er zurück und bemerkte, dass er sich wohl länger auf dem Parkplatz aufgehalten hatte als gedacht.

Der Kellner nickte ihm zu, als er eilig die Terrasse betrat und sich sofort zur Brüstung begab. Er war beinahe zu spät. Die Sonne stand schon sehr nahe am Horizont. Zudem verdeckten tatsächlich einige schwarze Wolken den glutroten Ball.

Kurze Zeit später war das allabendliche Naturschauspiel vorbei. Andreas war zufrieden mit seiner Ausbeute. Gedankenverloren schraubte er die Kamera vom Stativ und ging zurück zu seinem Platz.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass bereits weit über eine Stunde verstrichen war, seit sich Laura auf dem Weg zum Strand gemacht hatte.

Das war untypisch für sie. Er hatte sie eigentlich schon viel früher zurück erwartet, zumal der Weg ans Meer nicht allzu weit war.

Ein paar Minuten würde er noch warten. Dann würde er selbst nach unten gehen, um zu sehen, wo sie blieb.

2

Erik wollte schon aufgeben und sich von seinem Beobachtungsposten zurückziehen. Seit ungefähr drei Stunden beobachtete er Andreas und Laura Friese nun schon. Es passierte jedoch nicht viel. Sie saßen einträchtig an einem Tisch für zwei Personen und schienen das gemeinsame Abendessen zu genießen. Eine Weile hatte er fest daran geglaubt, dass sich dieses Paar für seinen Plan eignen könnte.

Aber das war schon öfters der Fall gewesen.

Seit einigen Wochen war er bereits auf der Suche. Er wusste, dass er sehr behutsam und vorsichtig vorgehen musste. Sein Vorhaben war sehr riskant. Schon ein kleiner Fehler oder eine Unachtsamkeit konnte zum Scheitern führen.

Er selbst durfte sich in keinem Fall der Gefahr aussetzen, ins Blickfeld der Ermittlungen zu geraten.

Er hatte lange darüber nachgedacht, wie das, was er vorhatte, am besten umzusetzen war. Viele Ideen, die ihm auf den ersten Blick vielversprechend erschienen, hatte er nach kurzer Zeit wieder verworfen.

Sein Ziel war es, das perfekte Verbrechen zu begehen. Zu einer perfekten Ausführung gehörte jedoch auch ein perfekter Plan.

Er wusste theoretisch, wie er vorgehen wollte. In der Praxis stellte es sich jedoch heraus, dass nicht jedes einzelne Detail planbar war.

Die konkreten Umstände, die für ein Gelingen des Planes unabdingbar waren, konnte er nicht beeinflussen. Es blieb ihm nur zu warten, bis sich eine passende Gelegenheit ergab. Ihm war bewusst, dass es in einem solchen Fall auf jede Minute ankam und ein beherztes Vorgehen erforderlich war. Darum legte er sich jeden Tag ein paar Stunden auf die Lauer, um die potenziellen Opfer zu beobachten. Er musste wissen, wie die Auserwählten tickten, was sie taten und wie ihr Verhältnis zueinander war.

Bisher hatte sich noch nie eine passende Gelegenheit ergeben. Er hatte schon viele Paare ausgespäht, die Möglichkeiten abgewogen und letztendlich darauf verzichtet, etwas zu unternehmen.

Bei diesem Paar jedoch hatte er ein gutes Gefühl.

Er hatte Laura und Andreas Friese vor ein paar Tagen auf einem Parkplatz im Teide Nationalpark angesprochen.

Auf den ersten Blick konnte man sehen, dass es sich bei den beiden um ein glückliches Paar handelte. Sie kamen Händchen haltend von einer kurzen Wanderung durch das schwarze Lavafeld zurück und wollten gerade in ihr Auto einsteigen, als er auf sie zuging.

Der Mann hatte sich eine teure Spiegelreflexkamera umgehängt und schien somit ein begeisterter Hobbyfotograf zu sein. Dies bot einen idealen Einstieg für ein Gespräch.

»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie einfach so anspreche. Aber solche Kameras sieht man nur noch sehr selten. Die meisten Menschen knipsen nur noch mit dem Smartphone.«

Mit diesen Worten sprach er das Paar an. Er wusste, dass er den Mann damit an der Angel hatte.

»Das ist richtig!«, stimmte dieser sofort zu. »Ich fotografiere seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft und kann mich mit Smartphones einfach nicht so richtig anfreunden.«

»Das geht mir ganz genauso. Schön, auf einen Gleichgesinnten zu treffen. Hier kann man ja unglaublich schöne Landschaftsfotos machen. Da lohnt es sich unbedingt, eine gute Kamera zu haben. Übrigens, ich heiße Erik.«

»Andreas! Und das ist meine Frau Laura.«

»Freut mich, euch kennenzulernen«, antwortete Erik und streckte die Hand zur Begrüßung aus.

Während Andreas beherzt zugriff, war der Händedruck von Laura seltsam schlaff. Sie zeigte offensichtlich wenig Interesse an der unerwarteten Begegnung. Möglicherweise begeisterte sie sich nicht für Fotografie oder das plötzliche Auftauchen des Fremden war ihr einfach nur lästig.

Er registrierte Lauras abweisende Haltung und konzentrierte sich daher verstärkt auf Andreas, den er ja bereits erfolgreich in ein Gespräch verwickelt hatte.

»Wart ihr schon am Aussichtspunkt Boca Tauce?«

»Nein, aber ich weiß, dass das von hier aus nur ein paar Kilometer sind. Da wollten wir nachher noch hinfahren«, antwortete Andreas.

»Das ist absolut empfehlenswert. Vom Parkplatz aus führt ein unscheinbarer Pfad mitten ins Lavafeld. Diesen Weg solltet ihr unbedingt gehen. Dort gibt es unzählige tolle Fotomotive. Wird dir bestimmt gefallen. Das einzige Problem ist, dass der Parkplatz möglicherweise voll ist. Die meisten Touristen fahren aus diesem Grund einfach vorbei. Das solltet ihr aber auf keinen Fall tun. Mit etwas Geduld kann man in der Regel innerhalb weniger Minuten doch noch einen Platz ergattern. Die Besucher bleiben am Boca Tauce in der Regel nicht sehr lange. Sie steigen aus, machen ein paar Fotos und fahren dann weiter.«

Auf diese Weise hatte er Laura und Andreas Friese kennengelernt. Seitdem hatte er jeden ihrer Schritte verfolgt.

Sie eigneten sich perfekt für seinen Plan. Und heute schien sich unerwarteterweise eine Gelegenheit zu bieten, ihn auch auszuführen.

3

Laura freute sich schon den ganzen Tag darauf, diesen Strand zu besuchen. Es wunderte sie nicht, dass Andreas nicht mitkommen wollte. Er würde um diese Zeit sowieso nicht ins Wasser gehen.

Sie hingegen hatte damit kein Problem. Sie hatte nicht vor, weit hinaus zu schwimmen. Sie wollte sich lediglich kurz erfrischen und dann wieder nach oben gehen. Schließlich wartete im Restaurant noch ein Flan Caramel auf sie. Ohne diese köstliche Nachspeise würden sie auch heute nicht zurück in ihre Ferienwohnung fahren.

Der Weg zum Strand war nicht schwer zu finden, zumal sie die Abzweigung schon am Nachmittag ausgekundschaftet hatten. Die Gegend war sehr idyllisch. Die Bucht war nur über einen steilen steinigen Pfad auf Serpentinen zu erreichen. Vor und neben ihr huschten zahlreiche Eidechsen kreuz und quer über den felsigen Weg.

Laura blieb für einen Moment stehen und schaute dem emsigen Treiben zu. Sie bewunderte die Wendigkeit, mit der die Tiere ihre schlanken Körper bewegen konnten.

Das steil abfallende Gelände war mit Palmen bewachsen. Es war unglaublich, unweit der Autobahn auf eine derartig wildromantische Landschaft zu treffen.

Sie ließ sich Zeit mit dem Abstieg und blieb immer wieder stehen, um das Spiel der Brandung von oben aus zu betrachten.

Im Restaurant war es ihr gar nicht aufgefallen, dass der Wind aufgefrischt hatte. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, unter diesen Bedingungen ins Wasser zu gehen. Die Wellen peitschten bedenklich hoch gegen das Ufer. Ein faszinierender Anblick, aber unter Umständen auch gefährlich.

Sie hatte davon gelesen, dass es jedes Jahr zu tödlichen Unfällen kam, weil Touristen die Gefahren des Meeres unterschätzen.

Dennoch ging sie weiter. Es sprach sicher nichts dagegen, zumindest im seichten Bereich ein paar Meter ins Wasser zu gehen. Sie spazierte in den hinteren Abschnitt des Strandes, zog zuerst die Schuhe und dann das Kleid aus. Darunter trug sie ihren Bikini, den sie im Auto angezogen hatte, als keine Menschenseele weit und breit zu sehen war.

Als sie zögernd den ersten Schritt in die heranbrausenden Wellen setzte, spürte sie das Kribbeln des kalten Wassers an ihren Füßen. Es war kein unangenehmes Gefühl. Ganz im Gegenteil, die Erfrischung tat ihr gut.

Während sie fasziniert die dunklen Wolken am Horizont beobachtete, die innerhalb weniger Minuten aufgezogen waren, tastete sie sich langsam vor. Mittlerweile umspülte das Wasser ihre Knie und sie spürte jedes Mal, wenn sich die Wellen zurückzogen, welche Sogwirkung damit verbunden war. Auch im Stehen hatte sie Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Trotzdem war es ein Genuss und sie fand es schade, dass sie dieses Erlebnis nicht mit Andreas teilen konnte.

Die Kieselsteine gaben unter ihr nach, als sie sich noch zwei weitere Meter in Richtung offenes Meer bewegte. Es war ein Gefühl von grenzenloser Freiheit und sie widerstand nur mit Mühe der Versuchung, sich trotz aller möglichen Gefahren in die Fluten zu stürzen.

Als sie sich umdrehte, um wieder zum Ufer zurückzukehren, wäre sie beinahe von einer unerwartet hohen Welle von den Beinen gerissen worden. Ihr wurde klar, dass das Schild mit der Warnung keine Übertreibung war. Man durfte die Kraft der Naturgewalten nicht unterschätzen.

Zurück am Ufer nahm sie das Handtuch aus ihrer Tasche und trocknete sich sorgfältig ab, während ein kalter Wind über ihren Körper strich. Ihr Blick schweifte dabei über den endlosen Horizont und die tosende Brandung. Sie hatte den Eindruck, dass der Wellengang in den letzten Minuten noch an Intensität zugenommen hatte.

Gerade als sie sich wieder anziehen wollte, nahm sie aus dem Augenwinkel wahr, dass jemand auf sie zuging.

»Hallo Laura!«

Die Stimme kam ihr bekannt vor. Sie konnte sie jedoch nicht sofort zuordnen.

Als sie sich umdrehte, erkannte sie den Mann, der sie gerade eben angesprochen hatte. Sie waren ihm vor ein paar Tagen im Teide Nationalpark begegnet. Wie war noch gleich sein Name?

»Hallo ... !«, antwortete sie zögernd. Er schien zu bemerken, dass sie sich nicht an seinen Namen erinnern konnte.

»Erik, Parkplatz, Teide«, sagte er deshalb lächelnd, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen.

»Na klar!«, sagte sie. »Entschuldige bitte, ich hatte nur nicht damit gerechnet, dich hier anzutreffen.«

Erik hob beschwichtigend die Hände. »Kann ich verstehen. Mir ging es vor ein paar Minuten doch ganz genau so. Meine Frau und ich betraten das San Pedro. Als wir nach einem freien Plätzchen suchten, entdeckte ich deinen Mann Andreas. Er saß alleine an einem Tisch und beschäftigte sich intensiv mit seiner Kamera. Als ich ihn unvermittelt ansprach, reagierte er fast genauso wie du eben. Ich war überrascht, ihn alleine anzutreffen.«

»Ich wollte unbedingt noch ins Meer. Und Andreas freute sich darauf, einen perfekten Sonnenuntergang zu fotografieren. Daher haben wir uns getrennt. Ich wollte mich gerade anziehen und wieder nach oben gehen.«

»Du bist ja gar nicht nass!«, antwortete Erik und ließ dabei seinen Blick über ihren Körper gleiten.

»Die Wellen sind heute doch ein bisschen zu hoch für meinen Geschmack«, sagte sie und griff dabei demonstrativ nach ihrem T-Shirt.

»Umso besser. Ich bin hier, um dich zu holen. Meine Frau Helena und dein Mann warten auf uns. Wir haben spontan beschlossen, den Rest des Abends gemeinsam zu verbringen.«

Laura war überrascht. Andreas mochte es eigentlich gar nicht, einen Abend mit Fremden zu verbringen. Auch wenn sie Erik vor ein paar Tagen zufällig getroffen und ein paar Worte mit ihm gewechselt hatten, so gab es doch keinen zwingenden Grund, sich zu verabreden.

Urlaub war eine wertvolle freie Zeit, die sie in der Regel am liebsten zu zweit verbringen wollten. Natürlich konnten spontane Bekanntschaften auch zu Freundschaften führen, aber das war äußerst selten. Meist erschöpften sich die Gespräche mit Urlaubsbekanntschaften sehr schnell im Austausch von Belanglosigkeiten. Das war vergeudete Zeit, die man besser nutzen konnte. Daher wunderte sie sich, dass Andreas zugestimmt hatte, den restlichen Abend mit diesem Paar zu verbringen. Wahrscheinlich wollte er nur höflich sein und würde sehr schnell einen Grund finden, sich zu verabschieden.

Ein plötzliches Gefühl des Unbehagens durchflutete Laura.

Obwohl Erik seine Worte mit einem strahlenden Lächeln unterstrich und auf diese Art und Weise sehr sympathisch wirkte, erschienen ihr seine Augen seltsam leblos und leer.

Es wirkte beinahe so, als ob die zur Schau gestellte gute Laune nur eine aufgesetzte Maske war, hinter der sich etwas anderes verbarg.

Vielleicht lag es aber einfach nur daran, dass es zunehmend dunkler wurde und sich außer ihnen niemand mehr hier unten aufhielt.

4

Erik ließ Laura den Vortritt, als sie sich wieder auf den Pfad begaben, der nach oben führte.

Er hatte sehr wohl bemerkt, dass sie nicht gerade begeistert von der Aussicht war, den restlichen Abend mit ihm und seiner Frau zu verbringen. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er ihren Mann im Restaurant zwar gesehen, aber nicht angesprochen hatte.

Andreas saß an ihrem Tisch und beschäftigte sich mit seiner Kamera. Erik konnte nicht verstehen, was daran so faszinierend sein sollte.

»Interessierst du dich auch so sehr für die Fotografie wie dein Mann?«

Aus irgendeinem Grund wollte er ein Gespräch mit Laura in Gang bringen. Das war zwar absolut nicht notwendig für das, was er vorhatte, aber er ärgerte sich über die abweisende Haltung dieser Frau. Er hatte nichts getan, was ihr hätte missfallen können. Zumindest noch nicht! Und dennoch behandelte sie ihn herablassend und gab ihm sehr deutlich zu verstehen, dass sie seine Gesellschaft nicht wünschte. Sie gab sich nicht einmal Mühe, diese Haltung zu verbergen.

Sie würde im Laufe der nächsten Tage noch lernen müssen, ihn zu respektieren.

Er mochte sie nicht. Ganz im Gegenteil. Das vereinfachte die Sache ungemein. Sie spielte eine wichtige Rolle in seinem Vorhaben. Er durfte keine Sympathie für sie entwickeln. Ihre zur Schau gestellte Abneigung ihm gegenüber kam ihm in diesem Fall entgegen.

»Nein!«, antwortete Laura auf seine Frage, ohne sich umzublicken.

Es war offensichtlich, dass sie sich auf kein Gespräch mit ihm einlassen wollte. Erik ballte die Finger zur Faust. Er konnte seinen Zorn kaum mehr unterdrücken.

Sie waren alle gleich. Er hatte es so satt. Es war immer das Gleiche. Sie zeigten einfach keinen Respekt.

Er wusste nicht, was Andreas an dieser Frau fand. Gut, sie sah fabelhaft aus. Aber das war auch schon alles.

Laura legte ein beachtliches Tempo vor. Erik konnte kaum folgen. Das erzürnte ihn noch mehr.

Innerhalb der nächsten Viertelstunde würde sich zeigen, ob sein Plan durchführbar war. Die Umstände und der Ort waren nicht ideal, aber eine andere Gelegenheit würde sich womöglich nicht mehr bieten. Er hatte lange genug gewartet. Er musste einen Versuch wagen.

»Du bist aber gut in Form«, versuchte er erneut mit Laura ins Gespräch zu kommen. Komplimente zogen doch immer.

Tatsächlich blieb Laura stehen und drehte sich zu ihm um.

»Du anscheinend nicht!«, antwortete sie mit einem boshaften Grinsen. Sie hatte wohl gemerkt, dass er Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten.

»Sport ist Mord!«, bemühte er bei seiner Antwort den ausgelutschten Spruch und versuchte dabei, gewinnbringend zu lächeln.

Laura schüttelte nur verständnislos den Kopf und setzte ihren Aufstieg mit unverändertem Tempo fort.

Nach wenigen Minuten erreichten sie eine Kreuzung. Der Weg nach rechts führte direkt zum Restaurant. In diese Richtung durften sie auf keinen Fall gehen. Eine Begegnung mit Andreas musste er unter allen Umständen verhindern. Das würde die Geschichte, die er Laura aufgetischt hatte, als Lüge entlarven.

Laura wollte gerade nach rechts abbiegen, als er sie aufforderte, stehen zu bleiben.

»Warte mal!«, sagte er. »Lass uns einen kleinen Umweg über den Parkplatz machen. Dort habe ich ein Objektiv im Auto, das ich Andreas zeigen möchte. Wir haben vorhin kurz darüber gesprochen. Er will es unbedingt sehen.«

Laura blieb stehen und schien zu überlegen.

»Und wie kommen wir von hier aus zum Parkplatz?«, wollte sie wissen.

»Wir gehen nach links und erreichen ihn auf diese Weise von der hinteren Seite her. Das ist nur ein kleiner Umweg. Außerdem gibt es auf dem Weg dorthin einen wunderbaren Aussichtspunkt, von dem aus man einen schönen Blick auf den Strand hat. Es ist zwar schon recht dunkel, aber dafür sieht man die Lichter der Ortschaften entlang der Küste recht gut.«

Laura zögerte kurz, schien aber schließlich doch damit einverstanden zu sein, sich ihm anzuschließen.

Erik atmete innerlich auf. Die erste schwere Hürde war genommen. Wäre sie nicht mitgekommen, hätte er das Vorhaben abbrechen müssen. Er wäre dann alleine zum Parkplatz gegangen und hätte den Ort so schnell wie möglich verlassen.

Laura hätte Andreas im Restaurant alleine angetroffen. Sehr schnell hätte sich herausgestellt, dass vorher gar keine Begegnung stattgefunden hatte.

»Komm! Es wird dir gefallen!«, bekräftige er seinen Vorschlag.

Den Aussichtspunkt gab es tatsächlich. In diesem Punkt hatte er nicht gelogen. Als sie die Stelle erreicht hatten, blieben sie kurz stehen.

»Na, habe ich dir zu viel versprochen?«, fragte er.

»Es ist tatsächlich wunderschön. Ich werde mit Andreas später auf alle Fälle noch einmal hierher kommen. Er wird ebenfalls begeistert sein. Die vielen Lichter, die sich im Meer spiegeln, sind faszinierend.«

Laura war sichtlich überwältigt.

»Es lohnt sich auch, am Tag nochmals hierher zu kommen. Da sieht man im Vordergrund die unzähligen Palmen, die hier vor langer Zeit angepflanzt worden sind«, ergänzte Erik.

»Auf jeden Fall!« pflichtete ihm Laura bei. Das Eis war gebrochen.

»Lass uns zu meinem Auto gehen. Andreas wartet sicher schon auf uns.« Mit diesen Worten drängte er sie zum Weitergehen.

Sie würden den Parkplatz von der hinteren Seite aus erreichen. Dort hatte er sein Auto direkt vor dem Eingang zum Pfad abgestellt.

Gleich würde sich erweisen, ob auch die schwierigste Phase seines Planes klappen würde. Es kam alles darauf an, dass es keine Zeugen gab. Es musste alles sehr schnell gehen.

Es waren nur noch wenige Meter bis zum Parkplatz. Diese legten sie relativ gemächlich zurück. Laura verzichtete darauf, ihr hohes Gehtempo beizubehalten.

Kurze Zeit später waren sie am Ziel. Im Moment war niemand zu sehen. Er ging sofort auf seinen Wagen zu und sperrte den Kofferraum auf.

Dieser war natürlich leer. Er tat so, als ob er etwas suchen würde. Laura drehte ihm den Rücken zu und hatte ihren Blick auf das Restaurant gerichtet.

In diesem Moment verließ ein junges Paar das Lokal und ging langsam und eng umschlungen in ihre Richtung.

Erik fluchte innerlich. Das konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Er musste seine vermeintliche Suche hinauszögern.

»Wo ist denn nun das verdammte Objektiv?«

Er gab vor, mit sich selbst zu sprechen. Der Ärger, der in seiner Stimme zu hören war, war nicht gespielt. Allerdings ging es dabei nicht um das Objektiv, das in Wirklichkeit gar nicht existierte, sondern um dieses Paar, das zu einem für ihn ungünstigen Zeitpunkt beschlossen hatte, das Restaurant zu verlassen.

Jetzt blieben sie auch noch stehen und küssten sich. Sie tuschelten miteinander und drehten sich plötzlich um. Anscheinend hatten sie beschlossen, einen kleinen Spaziergang zum Strand zu machen.

Laura wurde sichtlich ungeduldig.

»Ich gehe schon mal voraus. Du kannst ja nachkommen, wenn du alles gefunden hast, was du Andreas zeigen möchtest.«

Mit diesen Worten drehte sie sich um und schickte sich an, auf das Lokal zuzugehen.

Erik konnte nicht mehr warten. Es musste jetzt geschehen! Jetzt oder nie!

Blitzschnell näherte er sich Laura von hinten und hielt die mitgebrachte Spritze bereit. Ehe sie reagieren konnte, spritzte er ihr ein Babiturat seitlich in den Hals. Dieses würde sich schnell im Körper ausbreiten und so zu einer Lähmung der Muskulatur führen. Innerhalb kurzer Zeit würde Laura auch das Bewusstsein verlieren.

Wenn er sie nicht aufgefangen hätte, wäre sie hilflos zu Boden gesunken.

In diesem Moment hörte er die Stimme einer jungen Frau: »Können wir Ihnen helfen? Ist mit Ihrer Frau alles in Ordnung?« Das junge Paar hatte sich wider Erwarten noch einmal umgedreht und somit wohl das Geschehen beobachtet.

Er musste schnell reagieren und die unliebsamen Zeugen abwimmeln.

»Vielen Dank! Keine Sorge! Meine Frau hat wohl etwas zu viel getrunken, obwohl sie weiß, dass sie es nicht verträgt. Ich bringe sie jetzt nach Hause«, antwortete er und war gleichzeitig im Begriff, Laura auf der Beifahrerseite ins Auto zu hieven.

»Sollen wir einen Arzt rufen?«, insistierte die junge Frau.

»Nein, wirklich nicht! Aber vielen Dank für das Angebot! Wir machen uns jetzt auf den Weg!« Mit diesen Worten schlug er die Beifahrertür zu und ging zielstrebig auf die Fahrerseite zu.

Das Paar schien mit der Auskunft zufrieden zu sein, drehte sich um und ging auf das Lokal zu. Offenbar hatten sie es sich wieder anders überlegt und verzichteten auf den Strandbesuch.

Erik setzte sich ins Auto und wartete, bis die beiden außer Sichtweite waren. Währenddessen durchwühlte er Lauras Tasche. Es dauerte nicht lange, bis er fand, wonach er gesucht hatte. Kurz entschlossen nahm er ihr Smartphone heraus und verstaute es behutsam im Handschuhfach.

Er warf einen Blick auf die neben ihm sitzende Laura. Sie war inzwischen völlig weggetreten. Dieser Zustand würde noch einige Stunden anhalten. Sollte sie wider Erwarten früher zu sich kommen, würde er ihr noch eine weitere Injektion verpassen. Diese war jedoch nur für den Notfall gedacht. Er musste unter allen Umständen eine Überdosierung verhindern. Dadurch könnte im schlimmsten Fall ein Herzstillstand ausgelöst werden. Und das wollte er unbedingt vermeiden. Tot war sie für ihn von keinerlei Nutzen. Außerdem müsste er sich dann mit der Beseitigung der Leiche beschäftigen.

Ein letzter Schritt war noch notwendig, wenn der Plan gelingen sollte. Dazu musste er Laura das Kleid ausziehen und dieses zusammen mit ihrer Tasche zurück zum Strand bringen. Nur so war gewährleistet, dass die Polizei von einem Unglücksfall ausgehen würde. Lauras Verschwinden musste als Unfall eingestuft werden. Nur so konnte er seine weiteren Schritte in aller Ruhe und ungestört von polizeilichen Ermittlungen planen und durchführen.

Er drehte Laura zur Seite, um an den Reißverschluss ihres Kleides zu gelangen. Beim ersten Versuch, den Schlitten nach unten zu ziehen, passierte gar nichts. Daher versuchte er es mit mehr Kraft. Diesmal klappte es. Die Situation war sehr heikel. Sollte jetzt jemand zufällig vorbeikommen, würde er sich sicher wundern, warum einer Frau in einem parkenden Auto das Kleid ausgezogen wurde. Er musste sich beeilen.

Mit ruckartigen Bewegungen streifte er Laura das Kleid von den Schultern. Plötzlich vernahm er ein Geräusch, das nur von einem reißenden Stoff herrühren konnte. Er war nicht vorsichtig genug gewesen. Der Reißverschluss war am unteren Ende durchgerissen. Und nicht nur das! Auch der Stoff war in Mitleidenschaft gezogen worden. Ein tiefer Riss offenbarte sein ungeduldiges Vorgehen.

Behutsam hob er Laura an und versuchte, das Kleid auf diese Weise von unten nach oben zu ziehen. Zunächst schien das auch zu klappen. Er hatte es schon beinahe geschafft, als sich der Riss im Stoff erneut vergrößerte.

Vorsichtig zog er das Kleid über Lauras Kopf. Somit saß sie nur mit einem Bikini bekleidet im Auto. Das würde für zufällig vorbeikommende Passanten sicher sehr seltsam aussehen. Daher stieg er aus, ging um das Auto herum zur Beifahrertür und und hievte die Bewusstlose heraus. Er legte sie auf den Boden und öffnete die hintere Tür.

Dann hob er Laura erneut empor und legte sie auf den Rücksitz. Aus dem Kofferraum holte er eine Wolldecke und breitete sie über dem bewegungslosen Körper aus.

Er blickte sich um. Dieser Vorgang hatte nur wenige Minuten gedauert und war anscheinend von niemandem beobachtet worden.

Er nahm das Kleid und die Tasche, verschloss das Auto und ging mit schnellen Schritten den gleichen Weg, auf dem er mit Laura hierher gekommen war, in Richtung Strand. Auf diese Weise würde er nicht am Restaurant vorbeigehen müssen und somit hoffentlich unbeobachtet bleiben.

---ENDE DER LESEPROBE---

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