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Adolf Holl hat viele Berufe: Priester, Gelehrter, Prophet, Ketzer, Schriftsteller, Provokateur und Erotiker. 1930 in Wien geboren und 1954 zum Priester geweiht, brachte ihn sein internationaler Bestseller "Jesus in schlechter Gesellschaft" (1971) in Konflikt mit der katholischen Kirche. In Folge wurde ihm die Lehrberechtigung entzogen und er wurde vom Priesteramt suspendiert. Holl hat durch seine geistreichen, aber nicht kirchenkonformen Fragestellungen große Bekanntheit erreicht. Harald Klauhs, ein fundierter Kenner von Holls Werk, hat nun eine Biografie über diesen wilden Denker geschrieben: Holls Leben als Parforceritt durch die abendländische Geistesgeschichte und zugleich ein Sittenbild der Zweiten Republik.
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Seitenzahl: 599
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Harald Klauhs
Bilanz eines rebellischen Lebens
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
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Alle Fotos im Bildteil stammen, wenn nicht anders ausgewiesen,aus dem Privatarchiv von Adolf Holl.
Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, WienLektorat: Maria-Christine Leitgeb
ISBN ePub:
978 3 7017 4572 2
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 3431 3
Für meine Tochter
Vorwort
Pantheon in der Hardtgasse
Prolog im Himmel
Spätantike
Zeitenwenden;Geburtsstunden;Umbrüche;Ab- und Auftritte;Todes- und Krankheitsfälle
Völkerwanderung
Muttersöhnchen auf Vatersuche;Exkurs über Bewusstseinssysteme;»Blutreinheit«
Christianisierung
Bauerntum;Weltliche und geistliche Mächte;Hungersommer;Zwiespalte;Geschlecht und Charakter
Kampf gegen die Welt
Unterordnung;Der Priester – Anspruch und Wirklichkeit;Revisionen;Zucht und Zölibat;Jungfräulichkeit;Die akademische Ausbildung;Höhere Würden
Humanismus
Umbruchszeit;Apostolat;Exkurs über die Messe;Aufstieg und Absturz;Vätersterben;Christentum und Sozialismus
Säkularisierung
Mit uns zieht die neue Zeit;Wissenschaftliche Laufbahn;Erste Auffälligkeiten;Sex und Soziologie;Reduktion;Karriereknick;Leiden am System;Revolution
Zeit des Zorns
Affären und Affekte;Jesus in weiblicher Gesellschaft;Geburt eines Bestsellers;Von Ottakring nach New York;Endspiel;Außenstände und Außenseiter;Abschied von Mutter und Messe
Profanisierung
Mystik, Medien und Mächte;Auf der Suche nach der verlorenen Kontinuität;Fernsehen und Fernweh;Der letzte Ketzer;Andere Wirklichkeiten;Nachdenken über ein zeitlos unzeitgemäßes Gefühl;Verwunderung über die Wirklichkeit
Etablierung
Warten mit Wehmut;Vom Wehen des Geistes;Versöhnung;In der guten Gesellschaft;Nullgottzeit;Die letzte Erregung;Sinkende Zeit
Epilog auf der Erde
Bibliografie
Primärliteratur;Sekundärliteratur
Danksagung
Personenregister
Die Ordensschwester, die uns auf die Erstkommunion vorbereitete, hatte uns eingeschärft, nicht in die Hostie zu beißen: Der Blitz würde einschlagen und wir würden augenblicklich zur Hölle fahren. Als ich trotzdem zubiss und nichts geschah, war die Sache mit Jesus vorläufig erledigt.
Als mir zehn Jahre später ein Aktivist der Katholischen Arbeiterjugend ein Exemplar von Jesus in schlechter Gesellschaft in die Hand drückte, konnte ich damit nichts anfangen. Ich hatte gerade Ches Bolivianisches Tagebuch gelesen. Von dem Gedanken, dass man zwischen beiden Büchern Zusammenhänge herstellen könnte, war ich Lichtjahre entfernt. Noch als mich ein Kollege im Sommer 1979 während einer gemeinsamen Autostopptour durch Italien für Holls Mystik für Anfänger interessieren wollte, geriet ich darüber so in Rage, dass ich ihm das Buch aus der Hand riss und in hohem Bogen in den Lago di Como warf. Mystik und Klassenkampf waren damals unvereinbar, Parallelen zwischen Adolf Holl und Antonio Gramsci nicht anzudenken. Gerade als Club 2-Moderator war Adolf Holl für Jungmarxisten und selbsternannte Berufsrevolutionäre in den linken Zirkeln Österreichs damals gelitten, als gefallener Kaplan und Autor den meisten so suspekt wie dem katholischen Milieu.
Die persönliche Bekanntschaft und spätere Freundschaft mit Adolf Holl verdanke ich Heinz Knienieder. Knienieder war Redakteur der Zeitschrift Wespennest, freier Mitarbeiter beim ORF Hörfunk und ein Linksintellektueller der besonderen Art. Er war, es gab noch keinen Zivildienst, Wehrdienstverweigerer, und Holl hat ihm als Kaplan im Pfarrhof Neulerchenfeld ein Versteck gewährt. Knienieder, der eine Dissertation über den Entfremdungsbegriff bei Marx verfasst hat, hat Holl mit seiner umfassenden Kenntnis von französischer Philosophie und Frankfurter Schule beeindruckt. Als Heinz verstarb, wurde ich sein Nachfolger als samstäglicher Mittagsgast in Holls Arbeitswohnung in der Hardtgasse. Interessiert haben ihn meine Erzählungen aus dem oberösterreichischen Landleben, mein Hader mit der Sozialdemokratie und meine Beschäftigung mit Blues- und Rockmusik.
Einmal ist Adolf Holl mit mir zu einem Konzert von John Lee Hooker gegangen. Wir sind ganz vorne an der Bühne gestanden. Mehr als von der Magie des Blues war Holl von der Persönlichkeit des Healers, wie der alte Hooker genannt wurde, angetan. Als einige Zeit später wieder einmal die Rede auf den Blues kam, konnte sich Adolf nicht mehr an den Abend erinnern. Eine lange vor unserem gemeinsamen Blueserlebnis besuchte Aufführung von Mozarts Requiem war ihm eindrücklicher im Gedächtnis haften geblieben.
Seit 1985 bin ich im Genuss eines mittlerweile sechsundsechzigsemestrigen Privatcolloquiums in den Fächern Theologie, Religionssoziologie und Philosophie, verbunden mit Lesungen aus gerade entstehenden Büchern, und ich wurde dabei sukzessive von einem bornierten in einen katholischen Atheisten verwandelt. Zwischendurch durfte ich auch immer wieder als eine Art säkularer Messdiener mit Adolf Holl auftreten, ihn bei Buchpräsentationen einleiten und moderieren. Dass er mir sein Buch Der lachende Christus gewidmet hat, ist eine Auszeichnung, von der ich mir nicht sicher bin, ob sie mir wirklich zusteht. Sicher ist, dass meine Beschäftigung mit der Ikonografie des Kosmonauten Juri Gagarin von Holls Denken stark beeinflusst ist.
Josef Haslinger hat in einem Essay mit dem Titel Brevier beten mit Adolf Holl die Bedeutung, die die Lektüre von Adolf Holls Büchern für ihn hatte, eingängig beschrieben. Über dessen bislang letztes Buch schrieb Haslinger an Holl: »Ich habe gerade Braunau am Ganges fertig gelesen. Ein schöner essayistischer Spaziergang in die Welt des Heimlichen und Unheimlichen, des Heimischen und für unheimisch Gehaltenen. Mir gefällt dein Denk- und Schreibstil, der uns Splitter statt eines Denkgebäudes liefert. Am Ende muss man dann doch wieder alles selber machen, nur fällt es am Ende dann nicht mehr so leicht, wie man am Anfang vielleicht noch gedacht hat. Die wirklich weisen Menschen machen alles nur noch komplizierter, darum werden sie nicht sonderlich geschätzt. Anstatt die alten Fragen endlich zu beantworten, stellen sie neue Fragen. Solche wie du können nicht aufhören, sich ein Leben zwischen Skepsis und Staunen einzurichten. Und man wird dann mit dem Einrichten auch nie fertig.«
Braunau am Ganges war Adolf Holls zweiunddreißigstes Buch. Zum Erscheinen seines dreißigsten hatte er verkündet, er werde dreiunddreißig schreiben – je eines für jedes Lebensjahr von Jesus Christus. Mit dem dreiunddreißigsten ist er zur Zeit der Vollendung seines achtundachtzigsten Lebensjahres gerade beschäftigt. Es trägt den Arbeitstitel Leibesvisitationen und entsteht wie alle die Bücher nach Jesus in schlechter Gesellschaft am Schreibtisch seines Arbeitszimmers in der Wohnung, die er nach dem Rauswurf als Kaplan bezogen hat. Getippt wird wie seit je auf der mechanischen Olympia-Schreibmaschine. Manchmal geht Holl dabei durch den Kopf, dass ihm die Bücher aus den Regalen seiner Bibliothek etwas zuflüstern möchten. Möchten sie noch einmal in die Hand genommen werden?
Der Weg von der Wohnung seiner Lebensgefährtin in die Hardtgasse ist beschwerlicher geworden, das tägliche Schreibpensum und die Lektüren einigermaßen reduziert. Die Abgötter aus seinen Mannesjahren, Sartre, Canetti und Bloch, die er »auf Knien gelesen hatte« und die sich auf seinen Stil ausgewirkt hätten, beginnen zu verblassen. Nur Platon hielte sich noch zähe, Dante eventuell und natürlich der heilige Augustinus irgendwie, wenn auch mit einem Fragezeichen. Die seltener werdenden telefonischen Anfragen werden jetzt meist abgewiesen, dazu ist die Arbeitszeit zu kostbar geworden. Manchmal, wenn es längere Zeit nicht läutet, geht Holl durch den Kopf, er wäre schon abgedankt. Und dann kommt doch wieder eine Radioanfrage oder es taucht ein Fernsehteam in der Wohnung auf. Und Holl ist wieder in seinem Element.
Die letzte optische Veränderung im Arbeitszimmer ist durch ein Ölbild des Malers Heribert Mader entstanden. Es zeigt das Pantheon in Rom. Pan theon – alles Göttliche. Manchmal wird Holl gefragt, warum er öfter sage: der Gott. Ein Tag, wo er Gott nicht irgendwie, und sei es im Zweifel, im Auge habe, würde er dann antworten, sei für ihn ein verlorener Tag.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters, sagt Holl, lache er immer noch gerne. Erst kürzlich hätte ihm jemand gesagt, bei ihm könne man immer lachen, wenn er über Religion spräche. Während sich seine Lebenszeit dem Ende zuneige, würden ihn solche Resonanzen immer noch freuen.
Früchte des Lebens, Freuden im Alter. Keine verbindlichen Abgabetermine mehr. Drei Wochen am letzten Absatz des vorletzten Kapitels der Leibesvisitationen: »Die Entdeckung des Unbewussten im jüdischen Wien um 1900 durch Sigmund Freud wäre ohne Beachtung der Sprache des Körpers kaum gelungen. Prinzipiell gottlos auftretend, verwandelte Freud noble Damen und Herren in Patienten, die ärztlicher Hilfe bedurften, gegen Honorar selbstverständlich. Die Ordination auf der berühmten Couch dauerte exakt fünfzig Minuten. Im Unbewussten flüsterte auch mein katholisches Priester-Ich, mit dem Goldenen Kalb auf dem Gewissen, vertont von Arnold Schönberg und unvollendet geblieben.«
Der Vorlass ist geordnet, der Nachlass am Horizont. Achtundachtzig: die Biografie. Die Leibesvisitationen zum Neunzigsten? Der Platz im Pantheon der österreichischen Geistesgeschichte? Schelmisches Lächeln.
Walter Famler.
Wer ist Adolf Holl? Wie wäre einem jungen Menschen zu erklären, warum er sich mit diesem Mann beschäftigen sollte? Voraussetzung wäre, würde ich ihm sagen, ein grundsätzliches Interesse am Leben und Denken historischer Persönlichkeiten. Der Bub aus Breitensee, der Adolf Holl einmal war, hat nämlich Geschichte geschrieben. Nicht in der Weise, wie sie in den Geschichtsbüchern vermerkt ist, sondern kraft seines Lebens und Wortes. Allein damit hat er zur Bewusstseinsbildung beigetragen, nicht nur in Wien, nicht nur in Europa, sondern in der vom Christentum geprägten westlichen Welt.
Früh hat Adolf Holl begonnen, sein Leben schriftlich zu reflektieren. Mitten im Krieg legt der Gymnasiast ein Tagebuch an. Bald danach, am 3. September 1944, findet sich darin die Notiz: »Morgen soll die Schule anfangen. Da möchte ich einmal nachdenken über die Ferien und das ganze vergangene Jahr. Habe ich mich geändert? Bestimmt!« Der Zeitpunkt war nicht zufällig, hatte er doch im ersten Halbjahr im Zuge der »Kinderlandverschickung« ein paar Wochen in Kirchberg ob der Donau verbracht. Im Rückblick vermutlich die prägendste Zeit seines Lebens. Dort hat ihn der Zauber des Christentums gepackt.
Später dachte er auch öffentlich nach. In zahllosen Artikeln, Interviews, Büchern hat er das, was ihm äußerlich begegnete und was das innerlich in ihm bewirkte, einzuordnen versucht in die Geistesgeschichte der Gegenwart. Im Laufe seines Lebens ist er tief hinabgestiegen in die Keller der Menschheitsgeschichte, um zu erforschen, was Carl Gustav Jung das »kollektive Unbewusste« genannt hat. Verschüttete Traditionen, auf denen sich eine Kultur aufbaut, wollte er wieder ans Licht bringen. Als die Soutane, die er mehr als zwanzig Jahre lang getragen hatte, schon ziemlich staubig im Schrank hing, fiel ihm etwas auf:
Meine Biografie als Kurzfassung der abendländischen Geistesgeschichte: Im zweiten Lebensjahrzehnt mein Eintritt in die Glaubenswelt-Denkwelt, im dritten Lebensjahrzehnt die Stabilisierung in der Glaubenswelt-Denkwelt, im vierten Lebensjahrzehnt beginnt der Zweifel zu arbeiten. Im fünften Lebensjahrzehnt erkennen die Polizisten der Glaubenswelt-Denkwelt, dass sie einen unverlässlichen Funktionär im System haben, und greifen zu entsprechenden Mitteln. In meinem sechsten Lebensjahrzehnt ist der Glaubensverlust schon sehr weit fortgeschritten – aber immer noch suche ich nach Möglichkeiten, die eine oder andere Grundorientierung von früher in meine gegenwärtige Glaubenswelt-Denkwelt herüberzuretten.1
2000 Jahre christliches Abendland hatte er in gut zwanzig Jahren durchsaust. In Kirchberg war er in diese Glaubenswelt-Denkwelt eingetreten. Zugleich regte sich damals auch der »Fisch aus der Tiefe«. Bereits zum Namensfest von Peter und Paul im Jahre 1947 ermahnte er sich: »Ich glaube, es kommt darauf an, der Begierlichkeit niemals die Tür zu öffnen, sei es auch nur durch einen einzigen Blick. Was habe ich dann? Ruhe.« Daraus wurde à la longue nichts. Vielmehr wurde die Stellung der Sexualität in Bezug auf die Religionen zu seinem Lebensthema.
»Ich war derjenige Schnipfer, der als Erster gesagt hat, den Zölibat gebrochen zu haben.«2 Dieses Outing fand am 15. Juni 1975 statt. Zu diesem Zeitpunkt war dem Kaplan Holl das Zelebrieren der Messe noch nicht untersagt worden. In der Fernsehsendung Das Gespräch erkundigte sich Günther Nenning bei ihm über die Funktion der rigorosen katholischen Sexualmoral. Darauf Holl:
Ich sollte vielleicht sagen, dass mein eigener Lebensgang mir diesbezüglich behilflich gewesen ist. (…) In der Zeit, als ich keusch gelebt habe, und da verwende ich die Vergangenheitsform, war ich nicht so offen für Wirklichkeit und zweitens: Die Mehrzahl der Menschen waren eigentlich meine Feinde, die Menschen, die nicht in die Kirche gegangen sind. Auf die habe ich eigentlich einen Zorn gehabt. Warum kommen die nicht in die Kirche? Jetzt lebe ich anders diesbezüglich. (…) Und das hängt offenbar auch mit meiner gewandelten Einstellung, mit meiner eigenen gewandelten Erfahrung mit meiner Geschlechtlichkeit zusammen.3
Dieses einstündige Fernsehinterview stand am Ende einer Reihe von öffentlichen Provokationen, mit denen Adolf Holl über Jahre hinweg die fromme Kirchengemeinde und ihre Hirten traktiert hatte. Ein Dreivierteljahr nach der Ausstrahlung dieses Gesprächs erreichte ihn das Schreiben des Kardinals mit dem Verbot, das Priesteramt auszuüben. Holls Coming-out spielte dabei die Rolle eines willkommenen Anlasses; der im bischöflichen Dekret angegebene Grund für die Suspendierung war dieses Eingeständnis aber nicht. Schon in der Frühzeit des Christentums waren die Glaubenswächter »mit Vorliebe hinter geschlechtlichen Verfehlungen her, wenn sie Anschuldigungen gegen Freigeister suchten«.4 Tatsächlich verfolgten die Kirchenväter in den sexuellen Ausschweifungen die glaubensmäßigen Abweichungen. Das Ringen um den rechten Glauben geht bereits auf den Apostel Paulus zurück, der Zölibat hingegen ist keineswegs ein urchristliches Gebot.
Die Strenge in Sachen Sex ist ein Erbe des oversexualized Bischofs von Hippo Regius, Aurelius Augustinus (354–430 n. Chr.), mit dem sich Adolf Holl während seines Studiums der Theologie intensiv beschäftigt hat. Dem historischen Jesus hingegen war, so viel man darüber weiß, eine gewisse Indifferenz in Sachen Fleischeslust eigen. Aussagen über ihre Freuden sind von ihm keine überliefert. Bei Holl ging die Entdeckung der Sexualität mit einem Erkenntnisprozess einher.
Welche Rolle der Zölibat in seinem und im »christlichen Körper« überhaupt spielt, damit beschäftigt sich Holl spätestens seit seiner »Horizonterweiterung«. Etliche der danach entstandenen Bücher lassen sich deshalb auch als Genderstudies lesen, und das zu einer Zeit, als man das Forschungsgebiet noch nicht so nannte. Der seitens konservativer katholischer Kreise früh an ihn gerichtete Vorwurf,5 Sexualität spekulativ als Thema besetzt zu haben, geht deshalb ins Leere. Übersieht er doch geflissentlich, wie früh das Paarungsverhalten und seine religiöse Verhinderung das Leben von Adolf Holl geprägt haben.
Die Idee der sexuellen Askese stammt übrigens aus Indien in vorschriftlicher Zeit. Dort fand man die Darstellung eines Yogi mit aufgerichtetem Mannesbaum. Sie symbolisiert aber nicht – wie im christlichen Abendland gedeutet – die Schöpferkraft. Im Mutterland des Einsiedlerwesens verkörperte sie das Keuschheitsprinzip. Vom indischen Gott Schiwa weiß man, dass er »die Kunst beherrschte, seinen Samen durch das Rückenmark nach oben zu leiten, in den Kopf, von wo die asketische Hitze dann abstrahlte«.6 Machtvoll und zum Schaden der Menschen. Denn wehe, wenn »Schiwas Drittes Auge schwefelgelb zu glühen beginnt«.7 In Indien weiß jedes Kind, hat Holl auf seinen Indienreisen erfahren, dass Schiwa (wie jeder Gott, der mit Opfern besänftigt werden muss) zu Jähzorn neigt. Dann kann es, bei fortgeschrittenem Stadium der technischen Entwicklung der Menschheit, zu einem Weltkrieg mit Atombombenabwurf kommen. Eine sehr männliche Angelegenheit – mit verheerenden Folgen auch für Frauen.
Von dem Waldeinsiedler auf einem circa 4000 Jahre alten Specksteinsiegel im alten Indien bis zu Hitlers Hakenkreuz ist es für Holl nicht weit. Unter diesem Bogen liegt für ihn das Christentum, dessen Wesen und Wirken er paradigmatisch für Religionen insgesamt lebenslang untersucht hat. Die Entstehung mythologischer Narrative aus realen Ereignissen einerseits und ihre Wirkmächtigkeit in der Geschichte andererseits, das ist die Forschungsarbeit des Religionssoziologen. Denn: »Die Tatsachen sind die Fragen, die Geschichten sind die Antworten«, heißt es in der Vorbemerkung zu Holls Büchlein Wo Gott wohnt.8 Dieser Satz könnte als Motto über dem publizistischen Werk Holls stehen, jedenfalls seit Erscheinen seines Weltbestsellers Jesus in schlechter Gesellschaft. Für alle Menschen, die davon überzeugt sind, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt (siehe Mt 4,4), erzählt Holl seither jede Menge Geschichten, die die Geschichte der Menschheit erläutert und illustriert, in Summe auch zu einem besseren Verständnis von ihr verhilft.
Am Leitfaden der Zölibatsfrage hantelt sich Holl vom indischen Einsiedler in prähistorischer Zeit die Geistesgeschichte der Menschheit entlang bis zu Hitler. Dessen Omnipräsenz in Mitteleuropa mehr als siebzig Jahre nach seinem Ende ist evident. Rudolf Burger führte das Mitte 2001 in einem heftig umstrittenen Artikel auf die »Irrtümer der Gedenkpolitik«9 zurück und plädierte für das Vergessen: »Ein Schuldtrauma ist empirisch nicht nachweisbar und seine hypothetische Annahme vollkommen unplausibel (…); es über eine transgenerative Volksseele der dritten Nachfolgegeneration zuzumuten und als Sujet einer ›Aufarbeitung‹ anzuempfehlen, ist vollends absurd.«10 Die verordnete »Vergangenheitsbewältigung«, so der Wiener Philosoph, basiere auf ebenjener nationaltherapeutischen Ideologie C. G. Jungs, als deren Überwindung sie sich ausgebe. Holls Buch Braunau am Ganges lässt sich als fragende Antwort auf die Polemik Burgers oder als »Summa theologica« seines Denkens lesen. Denn Holl treibt darin seine Art des Nachsinnens zu einem schriftstellerischen Höhepunkt: Er theoretisiert nicht, er dialogisiert. Statt zu analysieren und zu kritisieren, hält Holl Zwiesprache mit einigen geistesgeschichtlichen Größen und bringt damit schon formal die Zweifel an seinen eigenen Gedanken zum Ausdruck. Das ist ein völlig anderer Zugang als jener Rudolf Burgers und macht Holls Skepsis gegenüber einer theoretisierenden Philosophie im Allgemeinen deutlich. Der Theologe Holl steht mehr in der Tradition der platonischen Dialoge als in jener der philosophischen Systematiker. Er stellt lieber Fragen und erzählt gern Geschichten in biblischer Manier.
Von Beginn seiner publizistischen Tätigkeit an ist Holl mehr ein Denker der »Parerga und Paralipomena«11 als der Architekt eines systematischen philosophischen Gebäudes. Was bei allem aufklärerischen Impetus und wissenschaftlich-technischen Fortschritt an Primitivem im Menschen immer wieder heraufkriecht, ist das Feld, das Adolf Holl in seinem Werk durchpflügt. Für ihn verfügt die Religion nämlich auch »über die Möglichkeit, das Verdrängte gerade so weit an die Oberfläche zu bringen, dass man sich mit ihm beschäftigen kann, ohne vor Schreck zu erstarren«.12 Vielleicht wurde die Religion, das unbegriffene Unbewusste, infolge der Aufklärung verdrängt und kehrte gerade deshalb in den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts mit aller Gewalt zurück. Je tiefer er hinabsteigt in den Hades, umso mehr wird Holl erfasst vom Bedürfnis nach Befriedung. Dazu – das erkennt er immer deutlicher – bedarf es einer Reform der Religion. Ihr widmet er sein Leben.
Dazu war erst einmal das gründliche Studium der Religionsgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des Christentums nötig. Dem konnte sich Holl mit Unterstützung der Kirche im Priesterseminar unterziehen. Die Kasernierung in dieser Institution mag heutigen Jugendlichen als eine milde Form der Folter erscheinen, damals aber galt: per aspera ad astra.13 Dass Disziplin nicht nur eine militärische, sondern auch intellektuelle Tugend ist, erkennt man an den »Werken«. Holl unterscheidet sich von einem typischen Gelehrten vor allem dadurch, dass er die persönliche Ausgangsbasis aller seiner Interessen offenlegt. Es gibt kein Buch von ihm, das nicht unmittelbar mit seinem Leben zu tun hat und in dem er diesen subjektiven Zugang nicht ausweist. Auf seinem Weg durch die Wissenschaft trifft Holl auf allerlei wundersame Gestalten, Sonderlinge, Abweichler, die ihn wesentlich mehr faszinieren als all die Kriegsherren, Staatenlenker und Popanze der Macht, die die offiziellen Geschichtsbücher füllen. Es ist die »Gegengeschichte«, die ihn von Beginn an, also von Adam und Eva weg, fesselt. Mit der Gottesbeziehung der beiden hat schließlich alles angefangen.
Wäre es nach den Vorstellungen seines Universitätslehrers Albert Mitterer gegangen, Holl hätte zu einem ebenso bedeutenden wie langweiligen Augustinus-Forscher werden können. Der liebe Gott oder seine linke Hand, wie Holl den Heiligen Geist nennt, hatte offenbar anderes mit ihm vor. Wie die frühen Christen sich weigerten, dem römischen Imperator zu huldigen, so hatte Holl keine Lust, das goldene Standbild des Vatikans anzubeten,14 gingen seine Lüste doch in eine andere Richtung. Ergo musste er durch den glühenden Feuerofen. Die Widerspenstigkeit hat aus ihm einen anderen gemacht, als ursprünglich gedacht. Im Gegensatz zum Verhalten der meisten Renegaten und Konvertiten (man denke etwa an den Apostel Paulus) wollte Holl seine und unsere Vergangenheit aber weder verleugnen noch verdrängen.
Nach seiner Suspendierung als Priester strebte Holl vielmehr danach, sich selbst und einem daran interessierten Publikum klarzumachen, welche Schätze und Leichen in unserer Kultur vergraben sind, gelegentlich – wie der Mann aus dem Eis – ausapern und im kollektiven Unbewussten aufploppen. Ideen gehen mitunter nicht nur geografisch einen weiten Weg, sondern auch zeitlich und geistig. Dieser Weg ist keineswegs gerade, er windet sich über Gipfel und huscht durch Tunnel, er durchstreift Wüsten und Städte, mitunter wähnt man sich an seinem Ende angekommen und merkt bei genauerer Betrachtung, dass er nur seine Form verändert hat.
Diesen Weg ist Adolf Holl nicht nur in seinem Werk gegangen, sondern in gewisser Weise in seinem Leben. An dieser Stelle sei nur angerissen, wie tief er dabei danach forschte, woher wir kommen, wohin wir gehen und wie es dazu kam. Der Kommentar dazu ist seine Biografie.
1 Adolf Holl: Was ich denke. Goldmann Verlag, München 1994, S. 48.
2 Öffentliches Gespräch mit Andrea Roedig am 5.5.2015 im Otto-Mauer-Zentrum.
3 Sendung Im Gespräch. Adolf Holl bei Günther Nenning. Im ORF ausgestrahlt am 15.6.1975.
4 Adolf Holl: Der Fisch aus der Tiefe oder Die Freuden der Keuschheit. Rowohlt Verlag, Reinbek 1990, S. 50.
5 Nachzulesen in zahlreichen Briefen besorgter Katholiken an den Kardinal im Wiener Diözesanarchiv. Darauf wird an gegebener Stelle zurückzukommen sein.
6Fisch, S. 116.
7 Adolf Holl: Braunau am Ganges, S. 13.
8 Adolf Holl: Wo Gott wohnt, S. 7.
9 Rudolf Burger: Die Irrtümer der Gedenkpolitik. In: Europäische Rundschau, Heft 2/2001.
10 Rudolf Burger: Die Irrtümer der Gedenkpolitik. Wider die Rede von der »Verdrängung der Nazizeit« – Ein Plädoyer für das Vergessen. In: Der Standard, 9./10.6.2001.
11 Beiwerke und Nachträge. Das berühmte Werk mit diesem Titel stammt von Schopenhauer und enthält kleine philosophische Betrachtungen zu allerlei Themen wie Aphorismen zur Lebensweisheit, einem Versuch über Geistersehen, Über Schriftstellerei und Stil oder Über die Weiber etc.
12 Adolf Holl: Die Leiche im Keller des Heiligtums. In: Religion auf der Couch. Von den unbewussten Wurzeln himmlischer Mächte. Hrsg. von Anton Szanya. Picus Verlag, Wien 1993, S. 112.
13 Durch Mühsal zu den Sternen.
14 s. Das Buch Daniel 3,1–23.
Adolf Holl denkt in Zyklen und Zeitaltern. Mit den Ewigkeiten hält er’s nicht so. Nicht einmal in Bezug auf Gott. Der ist für ihn keineswegs unwandelbar. Ist es doch evident, dass der sich »im Laufe der Zeit geändert«1 hat. Näher als Moses, der einen »ewigen Gott« anruft (Mose 21,33), liegt dem Religionssoziologen Nietzsches Konzept der ewigen Wiederkehr, insbesondere von Ideen. Die schlummern – manchmal über Jahrhunderte – im kollektiven Unbewussten, und unvermutet tauchen sie wieder auf. »Unter der Oberfläche des christlichen Bekenntnisses blieb das Unvordenkliche recht lebendig, unverwüstlich noch in entstellter Gestalt.«2 In dem Jahrzehnt, in dem der Knabe heranwächst, schwappt so einiges Gerümpel aus den Kellern der abendländischen Geistesgeschichte wieder ans Tageslicht. Drei Staaten durchläuft er in dieser Zeit, die jeweils ein anderes Zeitalter repräsentieren: die Moderne, das Mittelalter und eine Art industrielles Holozän.
Gegen die »modernen Philosophien« des Marxismus und Liberalismus hatte sich schon der erste unfehlbare Papst, Pius IX., in dem von ihm einberufenen Ersten Vatikanischen Konzil (1869/70) gewandt. Nach der Revolution in Russland von 1905 verstärkte sich die Angst der katholischen Kirche vor jenen deklassierten »arbeitenden Schichten des Volkes, die in der Urkirche die breite Basis des Christentums ausmachten und in ihm Linderung ihrer Lage, Kraft zum Ertragen und oft auch den Ausweg aus ihrem Schicksal fanden«.3 Der im Sommer 1903 inthronisierte Papst Pius X. verlangte seinen Getreuen ab 1910 den »Antimodernisteneid« gegen »die Irrtümer der Gegenwart« ab. Er wurde 1954 heiliggesprochen, in jenem Jahr, in dem Adolf Holl zum Priester geweiht wurde.
Mit dem Abschluss der Lateranverträge in Rom im Februar 1929 beendeten der Papst und der faschistische Anführer Benito Mussolini den Streit um den Kirchenstaat. Die Verträge gaben dem Territorium des Vatikans einen staatsrechtlichen Status. Ein neuer Staat war geboren. Der Faschismus hatte seinen Frieden mit der katholischen Kirche geschlossen – und vice versa. Danach konnten auch Katholiken den Eindruck haben, dass der Faschismus ein handhabbarer Partner im Kampf gegen den Bolschewismus sei.
In Österreich einigten sich im September 1929 die zerstrittenen bürgerlichen Parteien auf den Kompromisskandidaten Johannes Schober als Kanzler: »Ein Mann der Ruhe und Ordnung, Pflichttreue, ein Antimarxist, eine Vaterfigur in der bedrohlichen Zeit«.4 Schober empfand es als Genugtuung, an die Spitze der Regierung zurückzukehren, und war zur Absicherung seiner Macht bestrebt, zwischen allen Parteien durchzulavieren. Den politischen Katholizismus stellte er mit der Ernennung des katholischen Priesters und Rektors der Universität Wien, Theodor Innitzer, zum Sozialminister ruhig, den faschistischen Heimwehren kam er bei der Verfassungsreform entgegen, und sogar die oppositionelle Sozialdemokratie sah in einem starken Kanzler Schober die Gewähr dafür, die paramilitärischen Organisationen der Heimwehren in Zaum zu halten. Doch der New Yorker Börsenkrach vom 24. Oktober 1929, der in Europa einen Tag später ankam und deshalb als »Schwarzer Freitag« in die Geschichte einging, erhöhte die Attraktivität des Faschismus gegenüber dem Kapitalismus amerikanischer Prägung. Der Kampf zwischen dem politischen Katholizismus und der Sozialdemokratie nahm unter Schobers Kanzlerschaft deshalb so richtig Fahrt auf – zugunsten des Faschismus.
Die in ihrem Auftreten moderne Jugendbewegung des Nationalsozialismus schien vielen als Ausweg aus der Polarisierung zwischen Revolution und Restauration. Er machte auf die Menschen den Eindruck, die Synthese beider Elemente zu sein. Das Konzept des Prälaten Ignaz Seipel, von 1922–1924 und von 1926–1929 Bundeskanzler der Republik Deutschösterreich, war die Einbindung des Nationalsozialismus. Er repräsentierte jenen politischen Katholizismus, der nach dem Untergang der Habsburgermonarchie und damit dem Ende der Allianz von Thron und Altar durch direkte politische Teilhabe zu kompensieren suchte. Seipel war bestrebt, sämtliche antimarxistischen Gruppen, darunter auch die Nationalsozialisten, zu einem »Bürgerblock« zusammenzuschließen; denn sein Hauptfeind war der Bolschewismus. Diese Programmatik des politischen Katholizismus führte zu einem europäischen Sonderweg Österreichs.
An dessen Beginn stand ein Gemetzel: Am 15. Juli 1927 legten aus Protest gegen den Freispruch von drei Mitgliedern der Frontkämpfervereinigung, die im südburgenländischen Ort Schattendorf bei einem Zusammenstoß mit Sozialdemokraten zwei unbeteiligte Menschen erschossen hatten, Arbeiter der E-Werke und in der Folge auch viele Beschäftigte der Telefon- und Telegraphenämter spontan ihre Arbeit nieder. Sie zogen zum Justizpalast und steckten ihn in Brand. Da der damalige Wiener Polizeipräsident Johannes Schober die von ihm angeforderte Unterstützung durch das Bundesheer nicht erhielt, stattete er die Polizei mit Militärwaffen aus und gab Schießbefehl.
86 Demonstranten und vier Polizisten kamen ums Leben, man zählte weit über tausend Verletzte und circa 1300 Arbeiter wurden verhaftet. Bundeskanzler Seipel verteidigte in einer Rede im Nationalrat den Einsatz der Polizei und sprach davon, keine Milde mit den Demonstranten walten zu lassen. Er wurde damit zum Vorbild für seinen politischen Ziehsohn, dem späteren Bundeskanzler Engelbert Dollfuß. Als Hitler nach seiner Machtergreifung den alleinigen Führungsanspruch umgehend geltend machte, nutzte Dollfuß wenige Wochen danach eine Staats- und Verfassungskrise, um es ihm gleichzutun und in Österreich das Parlament auszuschalten. Die Idee des politischen Katholizismus à la Seipel, den Nationalsozialismus durch Einbindung zu zähmen, war spätestens ab dem 30. Jänner 1933 obsolet. Trotzdem glaubte Dollfuß, einem kraftvollen heidnischen Dritten Reich mit dem mittelalterlichen Konzept eines »christlichen, deutschen Bundesstaats auf ständischer Grundlage« begegnen zu können.
Dem stand auf der einen Seite eine agnostische bis atheistische Arbeiterschaft entgegen, auf der anderen Seite der neuheidnische Nationalsozialismus. Beide versuchte Dollfuß politisch auszuschalten. Am 19. Juni 1933 wurde die österreichische NSDAP verboten und in der Folge des Bürgerkriegs vom Februar 1934 auch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAP). Was Seipel im Sommer 1927 begonnen hatte, fand im Frühjahr 1934 seinen Abschluss. Dazwischen wurde Adolf Holl geboren.
In der Niederösterreichischen Landesgebäranstalt in der Spitalgasse 23 im neunten Wiener Bezirk brachte Josefine Holl, geborene Brachinger, Jahrgang 1898, am 13. Mai 1930 um halb drei Uhr nachts einen Knaben zur Welt und ließ ihn auf den Namen Adolf Franz taufen. In katholischen Kreisen erfreute sich der altdeutsche Vorname Adolf im 19. Jahrhundert wegen des Gründers des Kolpingwerks, dem deutschen Katholiken Adolph Kolping (1813–1865), einer gewissen Beliebtheit, die zur Jahrhundertwende wieder abflaute. Im Jahr 1930 findet sich in der Statistik der beliebtesten Vornamen Deutschlands der Vorname Adolf nicht unter den ersten 35. Ein signifikanter Anstieg der Popularität ist erst wieder ab 1933 zu verzeichnen.
Adolfs Großmutter hieß Hrčak und stammte aus Kroatien. Seine Großeltern waren noch vor dem Ersten Weltkrieg kurz hintereinander verstorben. Zurück blieben Josefine und ihr Bruder Franz als Waisenkinder. Ihnen nahm sich die kinderlose Witwe Karoline Walch an. Nach dem Krieg musste Josefine selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. In der Personalliste der 1922 gegründeten Niederösterreichischen Landes-Landwirtschaftskammer scheint Josefine Brachinger ab 15.11.1924 als Beamtin bei der Präsidentenkonferenz auf.5 Ihr Dienstverhältnis endete am 30.6.1930. Ab 1927 stand dieser ersten Interessenvertretung der Landwirtschaft in Österreich der im Bezirk Melk als lediges Kind geborene Engelbert Dollfuß als Direktor vor. Er war bereits an ihrer Gründung beteiligt gewesen und führte erstmals eine Sozialversicherung für Landarbeiter ein, was seitens der Sozialdemokratie mit Argwohn beäugt wurde.
Auf einem Foto aus den späten Zwanzigerjahren sieht man Josefine Brachinger in einem Freibad gemeinsam mit einer Freundin keck und kokett posierend im Badeanzug. Nach ihrem dreißigsten Lebensjahr, das gestand sie ihrem erwachsenen Sohn einmal,6 hatte sie die Neugier gepackt. Als »spätes Mädchen« wollte sie endlich wissen, was denn nun dran sei an dem, was Männer und Frauen so miteinander trieben. An ihrer Arbeitsstätte hatte ein gewisser Oberbaurat Ingenieur Trampler, ein witziger und geselliger Mann, ein Auge auf sie geworfen. Von ihm ließ sie sich im Sommer 1929 verführen. Der Herr Oberbaurat war allerdings verheiratet. Er hätte seinen Posten in der am katholischen Familienbild orientierten Landwirtschaftskammer aufs Spiel gesetzt, wären die Folgen der Affäre publik geworden. Als sie ihm die Schwangerschaft gestand, schenkte er ihr ein goldenes Kettchen mit Anhänger, auf dem »Für mein Mausi« stand. Für ihn war die Angelegenheit damit erledigt. Für sie wuchsen mit dem Bauch die Probleme. Zu Beginn des Jahres 1930, als sich die Schwangerschaft nicht mehr verheimlichen ließ, gab Josefine deshalb eine Zeitungsannonce auf: »Namensehe gesucht«.
Gemeldet hat sich der arbeitslose Karl Wilhelm Holl. Am 29. Jänner 1930 ging Josefine Brachinger mit Karl Holl eine Scheinehe ein. Er kassierte dafür tausend Schilling, verschwand aus ihrem Leben und starb am 16. Dezember 1942 in einem Lazarett.7 Mit der Ehe kam zu ihren übrigen Nöten noch die Gewissensnot hinzu. Als Mitglied der katholischen Kirche wusste sie, dass eine standesamtliche Eheschließung seitens der Kirche nicht anerkannt und das Kind deshalb als unehelich betrachtet werden würde. Ihre pragmatische Lösung des Problems: Sie trat kurzerhand aus der Kirche aus – und bald nach Geburt des Kindes wieder ein.
Der leibliche Vater wurde überraschend eineinhalb Jahre nach der Geburt seines Sohnes zu Grabe getragen. Am 7. November 1931 vermeldete die »Agrarische Nachrichten-Zentrale«: »Heute Nacht ist Oberbaurat Ing. Adolf Trampler in seiner Wohnung in Perchtoldsdorf im Alter von 57 Jahren plötzlich gestorben.«8 Dass er davor den nach ihm benannten Knaben zu Gesicht bekommen hat, ist unwahrscheinlich. Beim Begräbnis am 10. November war christlichsoziale Prominenz vertreten: »Vom Bundesminister für Landwirtschaft, Dr. Engelbert Dollfuß, Vizepräsident der Kammer Karl Gleichweit, bis zum letzten Diener, folgten trotz des schlechten Wetters dem reichbekränzten Sarge.«9 Adolf Trampler hatte sich nicht nur »als Leiter des Baureferats und als Schöpfer vieler Objekte ein großes Verdienst erarbeitet«10, sondern auch als korrespondierendes Mitglied des Bundesdenkmalamtes, als Mitglied des Kuratoriums der Sparkasse Mödling und als zeitweiliger Gemeinderat in Perchtoldsdorf. Hervorgehoben wurden seine Liebenswürdigkeit, seine Kameradschaftlichkeit und vor allem sein sonniger Humor.
Josefine musste den Knaben also vaterlos aufziehen. Unterstützt wurde sie von Karoline Walch, Witwe eines höheren Beamten im Wiener Rathaus. Im Gegensatz zu Josefine, die katholisch erzogen worden war und ab und zu nicht ungern in die Kirche ging, war Frau Walch Sozialdemokratin, Freidenkerin und seit 1922 stolze Mieterin einer Gemeindebauwohnung. Aus der Währinger Straße 162 kommend, siedelte Josefine mit ihrem Kind also in die Oeverseestraße 2. Obwohl sie über die Schwangerschaft ihrer Pflegetochter nicht erbaut war, wurde Frau Walch dem Knaben eine liebevolle Ziehgroßmutter. Zwischen den beiden Frauen war möglich, was spätestens seit dem 15. Juli 1927 unter den zwei großen politischen Lagern nicht mehr funktionierte: die Zusammenarbeit. Von dieser Mitgift der Kooperation zehrte Adolf Holl noch in seinen radikal »schwarzen« und seinen radikal »roten« Perioden.
Aufgewachsen ist diese Familie in Wien-Breitensee in einem jener 380 Gemeindebauten, die zwischen 1919 und 1934 errichtet worden waren und den Ruf des »Roten Wien« begründeten. Das war ein Projekt der Umwertung der Werte: Statt der konservativen Tugenden Ordnung, Disziplin und Pflichtbewusstsein prangen – etwa über dem Hauptportal des Karl-Marx-Hofs – allegorische Figuren, die Fürsorge, Körperpflege, Aufklärung und Befreiung symbolisieren. Die Anlage auf den Gründen des ehemaligen Exerzierplatzes Schmelz in Wien-Fünfhaus war noch unter dem von Jänner 1913 bis Mai 1919 amtierenden, christlichsozialen Bürgermeister Richard Weiskirchner geplant worden. Der Krieg verzögerte die Umsetzung. Doch schon 1919 begann die Gemeinde Wien nach den Plänen von Hugo Mayer rund um den Mareschplatz vier Baublöcke mit 42 einstöckigen Häusern zu errichten.11 Im Gegensatz zu den Zinskasernen durften bei diesen Bauten maximal 24 Prozent des Grunds verbaut werden. Die großzügigen Innenhöfe bildeten deshalb Kleingartenoasen, die als Nutzgärten zum Anbau von Obst und Gemüse vorgesehen waren. Das bewährte sich in den Zeiten wirtschaftlicher Rezession in den Dreißigerjahren, mehr aber noch während und vor allem nach dem Krieg.
Die Wohnung im ersten Stock der Anlage in der Oeverseestraße bestand aus einem Zimmer, einer Küche, einem Kabinett sowie einem Bad, Innenklosett und Balkon, der aber nicht benutzt wurde. Die Schrebergärten im Innenhof waren durch Zäune in Hüfthöhe getrennt. Für den heranwachsenden Knaben waren sie etwa so hoch wie er. Für die Kinder der Siedlung war dieser Innenhof ein Paradies.12 Sie konnten dort gefahrlos Verstecken, Nachlaufen und anderes spielen, ohne von den Eltern beaufsichtigt werden zu müssen. Breitensee, als »Prantensee« Ende des 12. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnt, hatte damals noch einen sehr dörflichen Charakter. Bis zu seiner Eingemeindung 1892 war das Viertel sehr wald- und wildreich gewesen. Erst Ende des Jahrhunderts setzte allmählich die Industrialisierung ein. Die optische Firma Carl Zeiss baute ein Werk, Eduard Schrack entwickelte die erste österreichische, industriell gefertigte Radioröhre, Semperit errichtete ein Gummiwarenwerk.13 Wichtig für den Bezirk waren auch zwei militärische Einrichtungen: die Kavalleriekaserne für das Dritte Dragonerregiment und die Kadettenschule, in die nach Beginn des Zweiten Weltkriegs die »Nationalpolitische Erziehungsanstalt« (Napola) einzog, eine Institution zur Ausbildung der nationalsozialistischen Elite. Für den jugendlichen Adolf Holl sollte sie noch eine Rolle spielen.
Bewusstseinsmäßig ist Adolf Holl in der Spätantike groß geworden. Nachdem Alarich und seine Westgoten 410 Rom erobert hatten, wurden Stimmen laut, die das Christentum und die Abkehr von den alten Göttern für den Verfall des weströmischen Reiches verantwortlich machten. Diesen traten der Bischof von Hippo und sein gelehriger Schüler Orosius entschieden entgegen. In der seinem Lehrer Augustinus gewidmeten Schrift Historiae adversum Paganos bemühte sich der Theologe Orosius den Nachweis zu erbringen, dass die Römer auch in früherer Zeit von Katastrophen getroffen worden waren, weshalb das Christentum nicht für die aktuellen Probleme verantwortlich sei.14
In der Zeit, in der Adolf Holl aufwuchs, war der Katholizismus in Österreich drauf und dran, ein Revival als Staatsreligion zu erleben – während germanische Horden ins Land drängten. Als er zum ersten Mal die Augen aufschlug, war der monarchistisch und großdeutsch gesinnte Johannes Schober zum dritten Mal Bundeskanzler der Republik. Im Jänner 1922 war er nach einer circa halbjährigen Amtszeit von Seipel gestürzt worden. »Diesen Affront hat Schober niemals vergessen und belauerte Seipel seither mit tiefem Hass.«15 Nach seiner erzwungenen Demission zog er sich grollend auf den Posten des Wiener Polizeipräsidenten zurück. Dort geriet er neuerlich unter politischen Druck. Im September 1927 war auf Litfaßsäulen in Wien folgender Aufruf zu lesen: »An den Polizeipräsidenten von Wien Johann Schober: Ich fordere Sie auf, abzutreten.« Unterzeichnet war die Rücktrittsaufforderung von Karl Kraus, dem Herausgeber der Zeitschrift Die Fackel. In memoriam der Toten des 15. Juli veröffentlichte er in der Fackel das Schoberlied:
Ja das ist meine Pflicht,
bitte sehn S’ denn das nicht.
Das wär’ so a G’schicht,
tät’ ich nicht meine Pflicht.
Auf die Ordnung erpicht,
bin ich treu meiner Pflicht.
Wenn ein Umsturz in Sicht,
ich erfüll’ meine Pflicht.
Die Elemente vernicht’
ich bezüglich der Pflicht.16
Kraus’ Intention war, dieses Lied, das nach der Melodie von Üb’ immer Treu und Redlichkeit vorgetragen werden sollte, zum »Gassenhauer aus Proletarierwohnungen« zu machen. Die zum sozialdemokratischen Vorwärts-Verlag gehörende Arbeiter-Zeitung lehnte eine Veröffentlichung jedoch ab, nachdem Schober ein Kolportageverbot erlassen hatte. Damals ahnte Josefine Holl noch nicht, dass sie – wohl auf Vermittlung von Karoline Walch – einmal in diesem Verlag tätig sein würde. In ihrer Erinnerung spielte das Schoberlied wohl keine Rolle. Im kollektiven Gedächtnis blieb es aber haften. Am 9. März 1986 sagte Präsidentschaftskandidat Kurt Waldheim im ORF: »Ich habe im Krieg nichts anderes getan als Hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt.«17 Kurz darauf, genau 59 Jahre nach dem Brand des Justizpalastes, wurde Hans Hermann Groer von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof von Wien ernannt. Die Geschichte hatte wieder einmal eine Schleife eingelegt.
Der lavierende Schober wurde von der Entwicklung überrollt. Am 18. Mai 1930 – fünf Tage nach Adolf Holls Geburt – forderte bei der Generalversammlung des Heimatschutzverbandes Niederösterreich der Bundesführer Richard Steidle den niederösterreichischen Heimwehrführer Julius Raab dazu auf, sich zwischen seiner christlichsozialen Partei und der Heimwehr zu entscheiden: »Wollen Sie wie bisher auf dem Standpunkt stehen, nichts als ein Antreiber der Parteien zu sein, oder wollen Sie sich, um ein Schlagwort zu gebrauchen, für das faschistische System erklären?«18 Danach verlas er eine Erklärung, worin es unter anderem hieß: »Wir verwerfen den westlichen demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat! Wir kämpfen gegen die Zersetzung unseres Volkes durch den marxistischen Klassenkampf und liberal-kapitalistische Wirtschaftsgestaltung.«19 Danach forderte Steidle sämtliche Heimwehrführer dazu auf, den Korneuburger Eid zu leisten. Dem Druck der übrigen Heimwehrführer beugte sich auch Julius Raab.
Möglicherweise dachte er wie viele Gläubige, die im Nationalsozialismus die einzige wirkungsvolle Abwehr gegen die atheistische Ideologie des Kommunismus mit seinem militanten Antiklerikalismus sahen. Bestätigt wurden sie in dieser Ansicht durch die Enzyklika Quadragesimo anno, die am 15. Mai 1931 – ein Jahr nach der Geburt Adolf Holls – verkündet wurde:
Enthält der Sozialismus auch einiges Richtige …, so liegt ihm doch eine Gesellschaftsauffassung zugrunde, die … mit der echten christlichen Auffassung in Widerspruch steht. Religiöser Sozialismus, christlicher Sozialismus sind Widersprüche in sich; es ist unmöglich, gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein.20
So weit die Theorie. Die Praxis in der Oeverseestraße demonstrierte etwas anderes. Dort lebten die beiden Frauen sicher nicht konfliktfrei, aber friedlich zusammen – zum Wohl des heranwachsenden Knaben. Die beiden großen politischen Lager dagegen waren nicht in der Lage, zum Wohle des Staates zusammenzuarbeiten. Im Februar 1934 wurde aufeinander geschossen. Danach wurde der tiefrote Vorwärts-Verlag eingeschwärzt. So rächte sich seine Haltung gegenüber Schober, die sich als roter Faden durch die Partei zog: Den kühnen Worten folgten keine Taten.21 Für Josefine Holl hatte die Umfärbung den Vorteil, dass sie als »Schwarze« im Kleinen Blatt als Stenotypistin und Sekretärin arbeiten konnte. Mit guten Vorschlägen für zündende Schlagzeilen empfahl sie sich der Redaktion. Laut Tagebucheintrag des Sohnes vom 27. September 1945 tat sie das, bis der Verlag wieder einen roten Anstrich bekam: »Mama jetzt zuhause.«22
Während die beiden Frauen im beschaulichen Breitensee in großkoalitionärer Eintracht dem Knaben Adolf sprechen und Sonstiges beibrachten, machte sich unter den beiden großen politischen Lagern in Österreich Sprachlosigkeit breit. Die Sprache, die der Bub in seiner Umgebung hörte, war Wiener Vorstadtdialekt. Neun Jahre vor ihm war der Dichter H. C. Artmann in diesem Stadtteil aufgewachsen. In seinem berühmten Gedichtband med ana schwoazzn dindn setzte er nicht nur diesem Idiom ein literarisches Denkmal, sondern gab auch die Stimmung wieder, die in Breitensee herrschte. Zentrum des Bezirks bildet die nach Plänen des Architekten Ludwig Zatzka zwischen 1896 und 1898 errichtete St.-Laurentius-Kirche, Heimatpfarre von Adolf Holl, die eine entscheidende Rolle bei seiner »Christianisierung« spielen sollte. An die Statue des heiligen Laurentius in der Breitenseer Pfarrkirche richtete der selbst ungläubige Artmann seine Bit aunan häulechn Loarenz:
Häulecha loarenz
met deina qödn leichtadn haud
i bit de hea zua:
nim deine aung
und schau owa
du häulecha loarenz
auf dei bradnsee –
es kead jo di ..!
(…)
schdeig owa
auf unsa bradnsee
und fajauk des xindl
des wos jetzt de leztn
eemeatechn heisaln
en oedn uat draust
ooreißn lossn wüü.23
Artmann hatte ein feines Gespür dafür, wofür die Breitenseer Bevölkerung ihren Schutzheiligen für zuständig erachtete. Ein heidnischer Zugang zu den Göttern. Taten die nicht, worum man bat, wurden sie ignoriert. Kein guter Boden für Religionsgründungen, wie Adolf Holl anlässlich des Erscheinens seines Buches Wie gründe ich eine Religion in einem ORF-Interview meinte:
Es liegt für mich über diesem Wienerischen eine Art von Wehmut, eine Schwermut, und Schwermut ist mit Skepsis verbunden. Insgesamt ist eine gewisse Zurückhaltung in diesem Wienerischen drinnen. Große Gründungen heißt, ich will die Welt verbessern. Ich glaube, das wollen die Leute hier nicht.24
Diese urwienerische Mentalität hat Holl in Breitensee inhaliert. Sie drückt sich – wie Artmann erkannte – nur im Dialekt aus und ist unübersetzbar ins Hochdeutsche. Wer mit einem solchen Zungenschlag aufwächst, der ist für das in gutbürgerlichen Bezirken gepflegte »Schönbrunner-Deutsch« für immer verloren. In späteren Jahren setzte Adolf Holl sein Idiom deshalb als Mittel der Provokation gezielt und erfolgreich ein.
In seinem dörflichen Breitensee ging das Heidnische mit dem Katholischen eine Symbiose ein, die Artmann einmal so charakterisierte: »Ich komme aus einer heidnischen Kultur, also nicht katholisch. Wir sind so aufgewachsen: Die Heilige Dreifaltigkeit, das ist der Himmelvater, die Himmelmutter und das Christkindl, das ist das Kind. Und das ist dann eine family.«25 Für den kleinen Adolf waren die beiden Frauen seine Familie, er war ihr »Bubi«. Ein Vater fehlte ihm in den ersten Jahren nicht. Die heidnisch-katholische Imprägnierung, die er in Breitensee erfahren hatte, beschrieb er später einmal so:
Es fällt mir schwer zu gestehen, dass mir diese heidnisch-katholischen Sachen mit der Zeit immer sympathischer werden. Ich denke an jene Menschen, die in den Geschichtsbüchern und Lexika nicht vorkommen. Ihr Festhalten an unvordenklichen Bräuchen ist Ausdruck eines prekären Lebens, das von den Veranstaltungen der Hochmögenden unerreicht bleibt.26
Von den politischen Verwerfungen bekam der behütete Knabe natürlich nichts mit. Indessen verschärfte sich der Ton im politischen Geschehen. Im März 1931 trat Dollfuß als Landwirtschaftsminister in das Kabinett Ender ein. Obwohl er sich gern auf Seipel berief, gibt es wenig politische Gemeinsamkeiten der beiden Christlichsozialen. Für Dollfuß »war Religion nicht die Herausforderung des Universums an den Menschen, sondern mystischer, fast archaischer Kult«.27 Das dürfte auch ein Anknüpfungspunkt zum Faschismus und dessen politischer Inszenierung gewesen sein. Dollfuß liebäugelte mit der universalistisch-autoritären Ständetheorie des Nationalökonomen und Philosophen Othmar Spann (1878–1950), von dem er nach dem Krieg Vorlesungen gehört hatte. Anders als Seipel, der nach dem dilettantischen Putsch des Bundesführers der österreichischen Heimwehrbewegung, Walter Pfrimer, im Oktober 1931 noch bestritt, dass Christlichsoziale beabsichtigen, »auf gewaltsamem Weg eine Änderung der Staatsform herbeizuführen«,28 strebte Dollfuß nach der Verwirklichung eines Länder- und Ständerats und betrachtete die faschistischen Heimwehren dabei als Verbündete.
Vorausgegangen war dem Putschversuch das letzte Aufbäumen der Sozialdemokratie. Die zweite Arbeiterolympiade in Wien im Sommer 1931 geriet zur eindrucksvollen Machtdemonstration, die bei den Bürgerlichen eine Heidenangst auslöste. An den Spielen im neu erbauten Praterstadion nahmen bei Wettkämpfen in 117 Disziplinen 25 000 Sportler teil. An der Abschlusskundgebung am 25. Juli – just drei Jahre vor der Ermordung von Dollfuß – zogen zirka 100 000 Sportbegeisterte über den Ring zum Rathaus, schwangen rote Fahnen und skandierten klassenkämpferische Parolen. Wieder folgten der verbalen Kraftmeierei keine Aktivitäten im politischen Wettkampf.
Im zarten Alter von neun Monaten schenkte die Mutter ihrem Sohn ein Bild, das dann jahrelang über seinem Bett hing. Darauf sieht man zwei Kinder im Wald sitzen. Das eine sitzt in schwarzer Hose und rotem Hemdchen am rechten Bildrand und reicht dem anderen, das im weißen Kleidchen unter einem Baum sitzt, einen Fliegenpilz. Im Hintergrund steht ein mächtiger Engel mit ausgebreiteten Flügeln und blickt skeptisch auf die Kinder hinab. Mit der einen Hand stützt sich der Engel so am Baum ab, dass man nur seine Finger sieht. Die aber gleichen einer Bärentatze. Vermutlich wollte die Mutter ihr Kind damit beruhigen, dass ihm nichts Böses geschehen könne, weil ein Engel über ihn wacht. Tatsächlich fürchtete sich der kleine Adolf aber mehr vor den Krallen des Engels als vor dem Fliegenpilz.29
Die wichtigste männliche Bezugsperson war der Onkel Franz. Der hatte eine Lehre gemacht und war beim bekannten Döblinger Architekten und Stadtbaumeister Micheroli beschäftigt. Adolf Holl erinnert sich noch, dass ihn der Onkel Franz immer gekitzelt hat, was ihm sehr unangenehm war.30 Kinderfotos zeigen ein rundum zufriedenes Kind. Auf einem sieht man den Buben stolz auf einem Topf wie auf einem Thron sitzen. Das Gefäß diente ihm auch als Spielzeug. Ein wenig größer, sitzt er bereits auf einem Dreirad. Die politischen Kämpfe einer Umbruchzeit drangen nicht in die Oase des Gemeindebaus in der Oeverseestraße. Holl selbst spricht von einer glücklichen Kindheit.
Das Jahr 1932 war eines der Ab- und Auftritte. Der Zusammenbruch der Creditanstalt im Mai 1931 hatte den niederösterreichischen Landeshauptmann Karl Buresch an die Spitze der Regierung gespült. Nach dem Pfrimer-Putsch wurde ihm von seinem großdeutschen Koalitionspartner ein »deutscher Kurs« abverlangt, dem er sich verweigerte. Daraufhin verließ die Großdeutsche Partei die Regierung und schloss sich nicht lange danach der NSDAP an. Letztere hatte bei den Landtagswahlen im Frühjahr 1932 ihren großen Auftritt. In Salzburg erhielt sie über zwanzig, im Roten Wien über siebzehn und in Niederösterreich immerhin vierzehn Prozent. Die beiden Großparteien mussten zum Teil empfindliche Verluste hinnehmen. Dieser Wahlausgang verstärkte bei den Christlichsozialen den Eindruck, dass an einer autoritären Regierung kein Weg vorbeiführe.
In dieser Situation sah der seit der Verfassungsreform von 1929 gestärkte Bundespräsident Wilhelm Miklas in Engelbert Dollfuß »den einzigen Garanten für den Sieg des politischen Katholizismus«,31 da er von der katholischen Kirche unterstützt wurde, und ernannte ihn im Mai 1932 zum Bundeskanzler. Dollfuß berief sich gern auf die im Vorjahr erlassene Enzyklika und konnte dabei mit dem Zuspruch des Dekans der Theologischen Fakultät und ehemaligen Sozialministers Theodor Innitzer rechnen. Der hatte seinen Auftritt im September, als er von Papst Pius XI. zum Erzbischof von Wien ernannt wurde, kurz nachdem der Kopf des politischen Katholizismus in Österreich für immer abgetreten war: Am 2. August war Ignaz Seipel einer Tuberkulose-Erkrankung erlegen. Mit dem Abgang Seipels von der politischen Bühne schlug die Stunde der »Frontkämpfergeneration« innerhalb der bürgerlichen Parteien. So wurde aus der Allianz des politischen Katholizismus mit dem Faschismus eine Liaison. Dollfuß war nicht der Mann politischer Visionen, sondern ein Praktiker, der anderen Akteuren zuvorzukommen suchte.
Die Gunst der Stunde wusste er zu nutzen, als der am 4. März 1933 im Plenum entstandene Streit darüber, wie man auf einen Eisenbahnerstreik reagieren solle, zum Rücktritt aller drei Parlamentspräsidenten führte und Dollfuß daraufhin »im Hinblick auf die verstärkte nationalsozialistische Agitation … und die berichtete antiparlamentarische Stimmung der Bevölkerung vor allem auf dem Land«32 beschloss, die Einberufung des Nationalrats auszusetzen. Zu diesem Zeitpunkt war ihm noch keineswegs klar, was er ein paar Monate später, genau am 11. September 1933, in seiner berüchtigten Rede auf dem Wiener Trabrennplatz proklamierte:
Die Zeit des kapitalistischen Systems, die Zeit kapitalistisch-liberalistischer Wirtschaftsordnung ist vorüber, die Zeit marxistischer, materialistischer Volksverführung ist gewesen! Die Zeit der Parteienherrschaft ist vorbei! Wir lehnen Gleichschalterei und Terror ab, wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker, autoritärer Führung!33
Erst einmal sah es so aus, als hätte der politische Katholizismus den Faschismus mit dessen Waffen geschlagen. Blieb noch der politische Hauptgegner: die Sozialdemokratie. Als sich nach monatelanger Hinhaltetaktik der sozialdemokratischen Parteiführung zum ersten Mal Widerstand ihres paramilitärischen Arms, des Republikanischen Schutzbundes, gegen seine Entwaffnung regte, nutzte Dollfuß die Gelegenheit zum Generalangriff. Die Konsequenz daraus war der Bürgerkrieg vom Februar 1934 und das Verbot der SDAP. Damit hatte sich Dollfuß des letzten potenziellen Verbündeten gegen den Deutschland bereits fest im Würgegriff haltenden Nationalsozialismus entledigt. Am 1. Mai 1934 erhielt das österreichische Volk »im Namen Gottes einen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage«. Es war die Geburtsstunde eines neuen mittelalterlichen Staats ohne einen Kaiser von Gottes Gnaden, dafür mit einer Art General mit Kardinalssegen. Dieser »deutsche« Staat hatte weder eine tragfähige ideologische noch eine belastbare machtpolitische Basis. Sein Programm überzeugte auch etliche Katholiken nicht. Ihnen erschien die Parole »Ein Volk, ein Reich, ein Führer!«, die vom Norden her nach Österreich dröhnte, attraktiver.
Ein erster Versuch, diesen Staat zu beseitigen, fand am 25. Juli 1934 statt. Am Vormittag trafen sich Mitglieder der SS-Standarte 89 in der Wiener Stiftskaserne, zogen Uniformen des Bundesheeres an und fuhren mit ein paar Lastwagen ins Bundeskanzleramt. Dort entwaffneten sie die Wachen und stürmten das Gebäude. Auf einer Seitenstiege begegneten sie dem flüchtenden Kanzler. Zwei Schüsse fielen. Dem Angeschossenen wurden sowohl ein Arzt als auch ein Priester verweigert. Nach drei Stunden war Dollfuß tot. In der Zwischenzeit wurde das Kanzleramt jedoch von regulären Polizei- und Bundesheereinheiten umstellt, sodass sich die Putschisten gegen 19 Uhr ergeben mussten. In den Bundesländern dauerte der vom Deutschen Reich aus gelenkte, aber stümperhaft durchgeführte Staatsstreich ein paar Tage. Am 30. Juli konnte man Bilanz ziehen: 230 Todesopfer, davon 119 auf Seiten der Regierung, darunter etliche Unbeteiligte, und 111 auf der Seite der Putschisten. Der junge Christenstaat hatte seine ersten Märtyrer.
Früh wird der kleine Adolf mit dem Tod konfrontiert. Mitte der Dreißigerjahre erkrankt die Frau seines Onkels Franz an der »galoppierenden Schwindsucht«. Es dauerte nur wenige Wochen, bis die Tante verstarb. Das Begräbnis war ein einschneidendes Ereignis für den Knaben:
Mein Onkel hat darauf bestanden, dass der Sargdeckel noch einmal geöffnet wird, damit er sich vergewissern kann, dass da wirklich seine verstorbene Frau drin liegt. Meine Mutter hat mich in diesem Augenblick – unwissend, dass gerade der Sargdeckel geöffnet wird – in die Höhe gehoben. Ich habe als Kind einen Blick erhascht auf dieses Totengesicht. Das hat furchtbar ausgeschaut, abgezehrt, fast ein Totenschädelgesicht. Meine Mutter hat mich zwar gleich wieder abgesenkt, aber es war schon zu spät.34
Das Antlitz, in das der Bub geschaut hatte, erinnerte ihn an ein Bild. In der Bibliothek von Frau Walch befand sich eine illustrierte Ausgabe der Märchen der Gebrüder Grimm. Manchmal las sie ihm daraus vor und zeigte ihm die Illustrationen. Besonders beeindruckt war der Bub vom »Gevatter Tod«. Der wird in diesem Märchen zum Paten des dreizehnten Kindes eines bitterarmen Mannes. Und das kam so: Der unglückliche Vater sucht für seinen Sohn einen »Gevatter«, um ihn durchzubringen. Der Erste, der ihm begegnet, ist der liebe Gott. Den lehnt er ab, weil »du gibst dem Reichen und lässt den Armen hungern«. Der Zweite, dem er begegnet, verspricht dem Kinde »Gold in Hülle und Fülle und alle Lust der Welt dazu«. Dabei kann es sich wohl nur um den Teufel handeln. Auch den möchte der Vater nicht zum Gevatter, weil »du betrügst und verführst die Menschen«. Als Dritter kommt ihm ein klappriges Gestell entgegen. »Wer bist du?«, fragt er. Der, »der alle gleichmacht«, ist die Antwort des Todes. Und: »Wer mich zum Freunde hat, dem kann’s nicht fehlen.« Damit hatte er seinen Paten gefunden, denn »du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied«. Mithilfe des Knochenmanns wurde das Kind ein berühmter Arzt, denn wann immer er zu einem Kranken kam, stets stand sein Gevatter entweder am Kopf- oder Fußende des Bettes. In ersterem Fall konnte er Heilung zusagen, in letzterem, dass jegliche Hilfe zu spät käme. Als er einmal zum König gerufen wird, steht sein Gevatter am Fußende. Da ihm der König jedoch seine Tochter zur Frau verspricht, wenn er ihn heilt, dreht er den Kranken kurzerhand um und der Gevatter geht leer aus. Doch mit dem Tod spielt man nicht …
Im Märchenbuch der Frau Walch ist der Gevatter Tod als Knochenmann abgebildet. Ein Schreckensbild, das sich dem kleinen Adolf eingeprägt hat. So sehr, dass er sich noch an den Traum in der Nacht nach dem Begräbnis erinnert:
Ich sehe eine Plattform, auf der ein Orchester sitzt und musiziert. Fröhlich. Dann wird die Plattform weggezogen und der Tod tritt auf in der Gestalt, in der ich ihn kannte, als Skelett, und verhöhnte mich in ganz bösartiger, gemeiner Art. Dann bin ich schreiend munter geworden. Seitdem ist mir der Teufelsglaube nicht ganz unbekannt.35
Viele Motive, die in Adolf Holls Leben Bedeutung erlangen sollten, sind in diesem Märchen versammelt. Möglicherweise inspirierte es ihn zu seinem 1973 erschienenen Buch Tod und Teufel. Im zweiten Kapitel hat darin der alte Bauer Seibold seinen Auftritt. Seinem Daseinsverdruss ist das Buch gewidmet. Gegen Ende seines Lebens versucht er seine Gedanken zu ordnen, den Ballast zu entrümpeln, der sich im Dachstübchen angesammelt hat: »Was soll ich mit dem Zeug, das in meinem Kopf herumspukt, anfangen? Was ist nach dem Tod und was nicht?«36 Der Teufel kommt in diesem Buch im Übrigen so gut wie nicht vor. Das hat er mit der Ursprungsversion von Grimms Märchen vom »Gevatter Tod« gemeinsam. Die erste Fassung von 1812 änderten die Brüder wegen des Vorwurfs der Areligiosität. Sie fügten etwa nach der Begegnung des armen Mannes mit Gott den Satz ein: »So sprach der Mann, weil er nicht wusste, wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt.«
Von der Ermordung des Kanzlers hat er als Vierjähriger natürlich nichts mitbekommen, aber an den Märtyrerkult, der sich nach seinem Eintritt in die Volksschule in Wien 14., Kuefsteingasse 38, im Dollfußlied ausdrückte, erinnert er sich bis heute:
Ihr Jungen, schließt die Reihen gut,
Ein Toter führt uns an.
Er gab für Österreich sein Blut,
Ein wahrer deutscher Mann.
Die Mörderkugel, die ihn traf,
Die riß das Volk aus Zank und Schlaf.
Wir Jungen stehn bereit
Mit Dollfuß in die neue Zeit!37
Das Lied wurde in Schulen ab 1936 gleich nach der Nationalhymne mit derselben Ehrenbezeugung gesungen. Die »neue Zeit« des Ständestaats war an Adolfs erstem Schultag allerdings schon so gut wie vorbei. Mit dem Juliabkommen von 1936 zwischen Österreich und dem Deutschen Reich gab der Ständestaat den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Marsch durch die Institutionen de facto auf. Mit den heute parodistisch anmutenden Zeilen von Rudolf Henz (1897–1987) im Dollfußlied trat der tote Kanzler nicht nur in Konkurrenz zum auferstandenen Jesus, sondern auch mit dem seit Februar 1932 sehr lebendigen deutschen Staatsbürger Hitler. In einem Essay über religiöse Militanz notierte Adolf Holl sechzig Jahre später:
Nur aus den Abrahamsreligionen konnte der Persönlichkeitstyp des »Zeugen« (griechisch martys, wovon Martyrium kommt) herausprozedieren, der vor dem Tribunal ruchloser Machthaber bereit ist, für die Wahrheit des Glaubens das Leben zu geben. Und dieser todesbereiten Bedingungslosigkeit der monotheistischen Formationen verdankt sich denn auch die besondere Art religiöser Militanz.38
Der Nationalsozialismus lenkte die (religiöse) Opferbereitschaft vom Seelenheil auf das Heil der »Volksgemeinschaft«. Die religiöse Militanz ließ sich vom Faschismus hervorragend für seine profanen Zwecke instrumentalisieren. Die englische Katholikin Ernestine Amy Buller, die sich zwischen 1934 und 1938 mehrmals im Deutschen Reich und in Österreich aufgehalten hatte, berichtete von ihrer Begegnung mit einer Gruppe katholischer Studenten in Wien:
Sie bezeichneten sich tatsächlich als katholische Nazis und hatten beschlossen, ein Jahr lang jeden Tag in der Messe zu beten, dass die Nazibewegung in der katholischen Kirche aufgehen möge. Als ich sie fragte, was genau sie damit meinten, sagten sie: »Wissen Sie, diese Bewegung hat sehr viel Energie in der Bevölkerung freigesetzt, und wir sind überzeugt, dass sich nicht unbedingt alles so entwickeln muss, wie die Partei sich das vorstellt. Für uns ist der Nationalsozialismus wie ein ungetauftes Kind, das voller Lebensenergie steckt. Wir wollen es in den Schoß der Kirche holen.«39
Seipels Idee von der Zähmung der Nazis durch Vereinnahmung wirkte nach. Nach dem Nürnberger »Reichsparteitag der Freiheit« 1935 reiste Amy Buller nach Österreich und traf in Wien mit Mr Langham, einem Freund aus England, und einem Niederländer zusammen. In einem Gasthaus am Stadtrand schilderten sie einander ihre Eindrücke. In einer eineinhalbstündigen Rede Hitlers an die Jugend, so Amy Buller, verlor er kein Wort über Wirtschaft oder Politik, sondern sprach immer wieder über den Glauben, dass sie alles erreichen könnten, wenn sie (als Volk) zusammenstünden, an sich selbst und ihn als Führer glaubten.40 »Die Nazis konnten die Jugend nur so stark an sich binden, weil sie gewisse grundlegende Bedürfnisse erfüllten, die man wohl als religiös bezeichnen muss«,41 resümierte Mr Langham.
Das ist die geistige Atmosphäre, die Adolf Holl in der Schule inhaliert hat. Im Unterschied zu seinen Mitschülern, relativ unbelastet vom martialischen faschistischen Männlichkeitskult zu sein, vielmehr behütet von zwei Frauen, die sich liebevoll um ihn kümmerten. Erhalten geblieben ist ein Brief Josefine Holls an ihren Sohn vom Oktober 1935, in dem sie ihm die Geschichte des Jesuitenpaters Jon Stevson erzählt, die sie im Radio gehört hat. Darin ist es der sehnlichste Wunsch des Knaben, in ferne Länder zu reisen. Als sich nach Jahren endlich die Gelegenheit dazu ergibt, fällt es dem Buben unendlich schwer, Abschied von seiner Mutter zu nehmen. Dann zitiert Josefine Holl, was die Mutter zu Jon Stevson sagte:
Schau, Nonni, Du stehst in Gottes Hand. Da bist Du in bestem Schutz. Ich kann Dich nicht so gut beschützen wie der liebe Gott. Versprich mir nur eines: Bete in der Früh ein kurzes Gebet, denke manchmal während des Tages an Gott und abends vor dem Schlafengehen, denke nach, ob Du alles gut gemacht hast! Wenn Du diesen meinen Rat befolgst und mir das Versprechen gibst, ihn zu halten, dann, liebes Kind, bist Du in bester Obhut. Ich kann Dich beruhigt ziehen lassen.42
Als Moral der Geschichte fügt sie als letzten Satz des Briefes hinzu: »Das Gottvertrauen seiner Mutter hat seine Erziehung so gut beeinflusst.« Der Anlass für diesen Brief ist unbekannt. Das Schreiben lässt aber darauf schließen, dass die religiöse Disposition Adolf Holls auch von seiner Mutter ausging und nicht nur von den Vätern, nach denen er sich später auf die Suche machte. Es widerspricht auch seiner – freilich augenzwinkernd vorgetragenen – Lieblingsthese von den »gottlosen Frauen«.43 Allerdings fehlt der weiblichen Religiosität die Militanz – und entspricht damit mehr der kolportierten Intention des Begründers des Christentums.
Josefine Holl kümmerte sich jedenfalls rührend um den Buben, besonders, als er in der ersten Klasse schwer erkrankte. Erst rätseln die Ärzte, was er hat; dementsprechend wird er falsch behandelt und magert immer mehr ab. Schließlich muss er ins Preyer’sche Kinderspital eingeliefert werden, wo endlich diagnostiziert wird, dass er an Meningitis leidet und für etliche Wochen stationär aufgenommen werden muss.44 Die Mutter bringt ihm Kinderzeitschriften, die Der Schmetterling, Der Papagei oder Kiebitz heißen. Mit denen bringt er sich selbst Lesen und Schreiben bei und kann deshalb nach den Sommerferien in die zweite Klasse aufsteigen. Davor musste der Knabe, der fast gestorben wäre, aber wieder aufgepäppelt werden. Frau Walch legte Wert darauf, im August auf Urlaub zu fahren, und verlangte von ihrer Ziehtochter, dass sie ihn selbst bezahlte. Gern besuchte sie dabei ihre Freundin Rosa in Salzburg. Die wohnte in der Wolf-Dietrich-Straße und führte eine Lottokollektur in der Linzergasse. Holl erinnert sich an einen seiner kindlichen Glücksmomente: »Ich stand am offenen Fenster, und der Geruch der frischen Luft vermischte sich in meiner Nase mit dem des Spirituskochers und dem Aroma des Kaffees. In diesem Augenblick fühlte ich mich glücklich.«45 Später ließ sich die Tante Rosa – wie Frau Walch missbilligend formulierte – »auf ihre alten Tage noch einmal taufen«, und zwar in der Salzach zur Adventistin.
Als der Bub im Herbst wieder in die Schule zurückkehrte, war er plötzlich »der Blade«. Er hatte sich im Sommer auf vierzig Kilo hinaufgefuttert. Gestärkt erweiterte er nun seine Kreise über den »Garten« der Wohnanlage hinaus. Wechselten die Kinder über die Straße auf das damals freie Gelände des heutigen Universitäts-Sportzentrums Schmelz, konnten sie auf dem ehemaligen Exerzierplatz herumtollen und den Arbeitslosen beim Drachensteigen zuschauen. Im Winter, so erinnert sich Adolf Holl, diente das Gelände auch so manchem Zirkus als Rastplatz. Ein Paradies für Kinder. Gern ging der Bub auch zum buckligen Uhrmachermeister Stimpfl in die Tautenhayngasse und sah ihm zu, wenn er die filigranen Kettchen und Rädchen mit sicherer Hand zusammenfügte. Dort wird auch seine Liebe zu Uhren geweckt worden sein, die ihn später zum Uhrensammler machte. So nebenbei bekam er beim Stimpfl auch etwas zu essen. Abends schickte die Frau Walch den Buben gelegentlich ins Gasthaus am Akkonplatz, um ihr ein Glas Bier zu holen. Im Laufe der Zeit zogen noch ein Hase und Hündin Hexi in die Oeverseestraße ein.
