Dame wider Willen - Harald Klauhs - E-Book

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Harald Klauhs

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Beschreibung

Die erste umfassende Biografie von Lotte Tobisch. Lotte Tobisch (1926–2019) galt als Grande Dame Österreichs. Sie organisierte 15 Jahre lang den weltbekannten Wiener Opernball, doch ihre große Popularität erwarb sie sich nicht nur durch Repräsentation dieses medialen Großereignisses, sondern vor allem durch ihre Belesenheit, Schlagfertigkeit und ihr soziales Engagement. Tobisch war schon in jungen Jahren als Schauspielerin am Burgtheater engagiert, und sie trat in regelmäßigen Austausch mit vielen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Ihre Biografie stellt eine kleine Kulturgeschichte der Zweiten Republik Österreichs dar. Harald Klauhs hat nach umfangreichen Recherchen und im Gespräch mit Weggefährt*innen die erste umfassende Biografie dieser beeindruckenden Frau verfasst.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Harald Klauhs

Dame wider Willen

Die sieben Leben der Lotte Tobisch

Residenz Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

www.residenzverlag.com

© 2022 Residenz Verlag GmbH

Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com

Grafische Gestaltung / Satz: Lanz, Wien

Lektorat: Maria-Christine Leitgeb

ISBN ePub:

978 3 7017 4690 3

ISBN Printausgabe:

978 3 7017 3562 4

Für Evelyne

Inhalt

Vorwort: Die sieben Leben der Lotte T.

1. Kapitel: Lotte Tobisch – Ein Kind des Fin de Siècle

2. Kapitel: Herkunft

3. Kapitel: Jugend im Dritten Reich

4. Kapitel: Vom Albtraum in die Traumwelt

5. Kapitel: Die Ära Buschbeck

6. Kapitel: Hundejahre

7. Kapitel: Alles Walzer!

8. Kapitel: … und kein bisschen weise

Danksagung

Literatur

Endnoten

Register

Vorwort

Die sieben Leben der Lotte T.

Noblesse oblige. Kaum jemand hauchte diesem geflügelten Wort mehr Leben ein als Lotte Tobisch von Labotýn. Der Adel, dem sie sich verpflichtet fühlte, hat aber kaum etwas mit blauem Blut zu tun. Unter ihren Vorfahren befanden sich keine Grafen oder Herzöge oder gar Könige. Ihre Vornehmheit hat mit einer Art Herzensbildung zu tun. Die bekommt man nicht vererbt, die muss man sich erarbeiten. Ebendas hat Lotte Tobisch getan. Bis ins hohe Alter blieb sie lernwillig und aufgeschlossen.

In die Wiege gelegt war ihr das nicht. Die Familien ihrer Eltern gehörten dem niederen Adel an. Sie entstammte somit einer Gesellschaftsschicht, in der konservative Werte wie bestimmte Umgangsformen zum guten Ton gehören, nicht aber Hilfsbereitschaft. Lotte Tobischs Leben ist jedoch bei aller Haltung davon gekennzeichnet, auf Menschen zuzugehen. Sie wollte keinesfalls – wie in diesen Kreisen üblich – entre nous bleiben, sondern suchte den Kontakt zu Menschen jeglicher Herkunft. Standesdünkel kannte sie nicht. Ihre Beliebtheit bei der Bevölkerung hatte sie nicht ihren Manieren zu verdanken, sondern ihrer durch Taten beglaubigten Absicht, ihre Talente für andere einzusetzen. Es war ihre Form der Rebellion gegen die Welt, aus der sie kam, die sie zur österreichischen Königin der Herzen werden ließ.

Doch selbstverständlich war die Erziehung zur »höheren Tochter« für sie prägend gewesen. Die Salondame, die Lotte Tobisch oft am Theater verkörpert hatte, beherrschte sie perfekt. Wie eine Fürstin wusste sie stets, Distance zu wahren. Als Paraderolle ihrer Schauspielkarriere kann die Kaiserin Maria Theresia gelten, die sie 1956 im Alter von dreißig im Stück Der junge Baron Neuhaus von Stefan Kamare am Volkstheater gab. Unter Gustav Mankers Regie konnte sie in der Rolle der strengen, aber gerechten Landesherrin restlos überzeugen. Sie vermochte es, allem Menschlichen, auch dem allzu Menschlichen, Würde zu verleihen. Direktor des Theaters war damals übrigens Leon Epp. Dessen Ehefrau Elisabeth sollte ihr viele Jahre später zu der für sie vielleicht wichtigsten Rolle im wirklichen Leben verhelfen.

Angefangen hat das »Lotterl«, wie ihre Mutter sie nannte, aber keineswegs damenhaft. Als Kind war sie mehr das, was man in ihren Kreisen als Wildfang bezeichnet. Im Gespräch mit Michaela Spiegel1 sagte sie: »Ich war ein kleinerer Albtraum für meine Mutter.« Das lag zum einen daran, dass Nora Tobisch selbst noch ein Mädchen war, als sie Lotte am 28. März 1926 zur Welt brachte, zum anderen daran, dass ihre Mutter zeitlebens in den Konventionen der Welt um 1900 verfangen blieb. Die kleine Lotte fühlte sich in einem goldenen Käfig, aus dem sie von Kindesbeinen an entfliehen wollte. Sie war ein lebhaftes und waches Kind, das den Widerstreit zwischen der Welt von Gestern, der ihre Familie verhaftet war, und der Moderne, die sich in ihrer Lebenszeit Bahn brach, witterte. Nach dem Tod des Liebespartners ihres Lebens wurden die »Roaring Sixties« für Lotte Tobisch zu einer Zeit, in der sie durch Freundschaften mit großen Gelehrten Anschluss an die neue Zeit fand.

Den Mann, von dem sie sagte, dass er das Glück ihres Lebens gewesen sei, hätte ihr Vater sein können. Der um 37 Jahre ältere Erhard Buschbeck war Dramaturg am Burgtheater, als sie ihn als Teenager zu Kriegsende kennenlernte. Sie war damals Schauspielschülerin. Die knapp 13 Jahre, die sie dann mit der grauen Eminenz des Burgtheaters verbrachte, stellten für sie jenes Kapital dar, das sie mit Fröhlichkeit durchs Leben trug. Doch wie die Liebesbeziehung zwischen Romeo und Julia, mit der Kammerschauspieler Fred Hennings jene von Lotte und Erhard verglich, endete auch diese tragisch. Als Erhard Buschbeck im September 1960 im Alter von 71 verstarb, war sie untröstlich. Sie kehrte danach ans Burgtheater zurück, das sie 1948 wegen der Liebesbeziehung verlassen hatte, doch die Schauspielerei hatte für sie nun nicht mehr dieselbe Bedeutung wie zuvor. Ins Leben zurückzufinden half ihr dann Dagobert, ein Boxerrüde, den sie geschenkt bekam. In der gesellschaftlichen Aufbruchszeit der Sechzigerjahre spielte sie am Theater dann oft die Salondame. Mit diesem Rollenfach einher geht gemeinhin eine gewisse Unnahbarkeit – jedenfalls in erotischer Hinsicht.

In ihrer großen Trauer hätte sich Lotte Tobisch kaum vorstellen können, sich nochmals auf einen Mann einzulassen. Doch dann lernte sie in ihrer Eigenschaft als Betriebsrätin des Burgtheaters den israelischen Botschafter in Wien, Michael Simon, kennen. Wieder wurde die Liebesbeziehung zur Skandalgeschichte, denn wie Erhard Buschbeck war auch Michael Simon nicht nur deutlich älter als sie, sondern verheiratet und hatte Kinder. Ihre Mutter und die übrige Familie fanden es erneut mehr als unziemlich, dass sie ihren Gefühlen folgte und nicht einmal Wert darauf legte, dass sich die Männer scheiden ließen, um sie zu heiraten. Im Gegensatz zu dem Milieu, dem sie entstammte, war Lotte Tobisch die Legitimität ihrer Liaison nicht wichtig. Dazu war sie längst zu selbstbewusst und unkonventionell.

In reiferen Jahren hat Lotte Tobisch stets betont, bereits emanzipiert gewesen zu sein, als von »Emanzen« noch keine Rede war. Daraus den Schluss zu ziehen, dass Männer in ihrem Leben eine untergeordnete Rolle gespielt hätten, wäre allerdings verfehlt. Die Liebe hielt sie für das Wichtigste in ihrem Leben. Und da sie nicht nur eine belesene, sondern auch attraktive Frau war, gab es eine Menge Männer, die sich um sie bemühten. Dazu zählten so bedeutende Intellektuelle des 20. Jahrhunderts wie Theodor W. Adorno, Elias Canetti oder Gershom Scholem. Doch von ihren beiden Lebensgefährten abgesehen, wusste sie Männer stets auf freundschaftliche Distanz zu halten.

Die Lady musste sie nicht spielen, die war sie. Auf der Bühne hatte das den Nachteil, dass Theaterdirektoren und Regisseure nicht so recht an ihre Wandlungsfähigkeit glaubten. Das Rollenfach der jungen Naiven oder der Intrigantin trauten sie ihr kaum zu. Lotte Tobisch war klug genug, die Grenzen ihrer Schauspielkunst zu kennen. Sie wusste, dass sie keine große Tragödin war. Als man sie deshalb mit der Organisation des Opernballs betraute, fiel es ihr nicht sonderlich schwer, die Bühnenkostüme an den Nagel zu hängen und in die Ballrobe zu schlüpfen.

Beworben hat sie sich für jene Tätigkeit, mit der sie internationale Berühmtheit erlangte, allerdings nicht. In vielen Interviews betonte sie, als »Opernball-Lady« eigentlich eine Fehlbesetzung zu sein, da sie weder tanze noch Alkohol trinke noch gern an Massenveranstaltungen teilnehme. Vielleicht aber war sie gerade deshalb in dieser Funktion eine Idealbesetzung. Die »Ballmutter« spielte sie mit großem Engagement, mit strenger Disziplin, zugleich aber mit Selbstironie. Sie konnte in dieser Stellung ihr Organisationstalent ausleben, ihre Grandezza zur Geltung bringen, ihre soziale Kompetenz unter Beweis stellen, mit ihrer Schlagfertigkeit punkten und nicht zuletzt ihren Humor entfalten. Sie nahm, wie sie immer wieder betonte, die Aufgabe ernst, nicht jedoch das Bundesfaschingsfest an sich. Ihr Freund Günther Anders bezeichnete sie einmal als »immer strahlend« und fragte erstaunt: »Wie macht sie das? Sie ist doch eine intelligente Person!« Dieses Aperçu beschreibt gut, wie Lotte Tobisch 15 Jahre lang den Opernball (1981 bis 1995) leitete: mit Respekt vor den Erwartungen der Menschen, aber ohne Rücksichtnahme auf persönliche Befindlichkeiten.

Ihr Lebensweg ist geprägt davon, Welten in sich zu versöhnen. Sie pflegte Traditionen, hing aber nicht an Konventionen, wie der ehemalige Burgtheater-Direktor Achim Benning sie charakterisierte. Als Opernballorganisatorin bestand sie etwa auf dem Frackzwang, führte aber bereits im ersten Jahr ihrer Leitung eine Disco ein. Sie selbst hatte mit Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll nicht viel am Hut, aber sie nahm keinerlei Anstoß an einer Jugend, deren Lebensgefühl das war. Als sie in fortgeschrittenem Alter noch mit Vergnügen am Life Ball teilnahm, gab sie nicht die Dragqueen, sondern erschien dort in einem im Vergleich zu den anderen Gästen damenhaften Rock. Eine Ausnahme machte sie nur insofern, als sie statt der für sie typischen Aufsteckfrisur das Haar offen trug. Als nach dem Auftritt beim Life Ball aus ihrer Familie der Ruf »Lotte for President« erschallte, war das eine späte Genugtuung für sie und eine Art Versöhnung mit ihrer Verwandtschaft. Wäre sie damals noch etwas jünger gewesen, hätte sie sich vielleicht sogar überreden lassen zu kandidieren.

Vermutlich aber war das Amt, zu dem ihr Elisabeth Epp verholfen hatte und das sie im letzten Vierteljahrhundert ihres Lebens (1995 bis 2019) souverän und erfolgreich ausübte, ihre eigentliche Berufung: Als Präsidentin des Vereins »Künstler helfen Künstlern«, der das Hilde-Wagener-Heim in Baden bei Wien betreibt, konnte sie ihre integrative Persönlichkeit voll entfalten. In dieser Funktion konnte sie sowohl ihrem Bedürfnis frönen, im Rampenlicht zu stehen, als auch jenem, für Menschen da zu sein. Die Kombination von Gesellschaftsdame und Sozialhelferin verkörperte sie in unnachahmlicher Weise. Mit Charme und Charisma gelang es ihr, für das Künstlerheim so viel Spendengelder aufzutreiben, dass es renoviert werden konnte und heute ein beliebter Alterssitz von Künstlerinnen und Künstlern diverser Sparten ist.

Es scheint, als hätte Lotte Tobischs Spagat zwischen der Aufgeschlossenheit allem Neuen gegenüber und dem anerzogenen Traditionsbewusstsein ihre Faszination ausgemacht – nicht nur bei Gelehrten, sondern auch bei einem nicht geringen Teil der Bevölkerung. Ihr »hoffnungsloser Radikalismus der Mitte« (© Ernst Krenek) zieht sich durch die sieben Leben der Lotte Tobisch (die – notabene – mehr Hunde- als Katzenfreundin war).

1. Kapitel

Lotte Tobisch – Ein Kind des Fin de Siècle

Ohrfeige eins

In Österreich setzte sich die Moderne mittels einer Ohrfeige durch. 1905 – 21 Jahre vor Lotte Tobischs Geburt – hat Albert Einstein mit der Speziellen Relativitätstheorie die herkömmlichen Vorstellungen von Raum und Zeit gründlich infrage gestellt. In gewisser Weise hat er wissenschaftlich nachgewiesen, was in der Kunst der Jahrhundertwende bereits erkennbar war: dass ein neues Weltbild im Entstehen war. Der rückwärtsgewandte Historismus, der die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierte, wurde abgelöst von Kunstrichtungen, die sich dem Fortschritt und dem Experiment verschrieben. Um 1900 war das Alte noch nicht überwunden, das Neue noch nicht greifbar.

Am Beginn des letzten Dezenniums des alten Jahrhunderts trafen sich in Wiener Caféhäusern Autoren, die später unter dem Namen Jung-Wien firmierten. Zu dieser losen Vereinigung gehörten unter anderen Peter Altenberg, Raoul Auernheimer, Richard Beer-Hofmann, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Arthur Schnitzler und anfänglich auch Karl Kraus. Ihr Wortführer war Hermann Bahr, der das Zentralorgan der Jung-Wiener, die Wochenschrift Die Zeit, mitbegründete und prägte. Nach der Jahrhundertwende zersplitterte die Gruppe, weil sich ihre Mitglieder literarisch auseinanderentwickelt und zum Teil auch persönlich zerstritten hatten. 1904 wurde Die Zeit eingestellt. In dem Jahrzehnt aber, in dem die Literaten über neue Kunstformen diskutierten, wurden Grundsteine der literarischen Moderne im deutschen Sprachraum gelegt und zahlreiche Kontakte geknüpft. Hermann Bahrs Pläne für ein eigenes Theater konnten zwar nicht verwirklicht werden, aber immerhin gelang es dem Theaterkritiker des Neuen Wiener Tagblatts 1906 und 1907 bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin zu inszenieren.

Damals wurde der kunstbegeisterte Schüler Erhard Buschbeck, Lotte Tobischs Lebensmensch, auf den literarischen Hansdampf Hermann Bahr aufmerksam. »Das Burgtheater lernte ich durch Hermann Bahr kennen. Zuerst einmal aus der Ferne, als Salzburger Gymnasiast, den es begierig nach den Kunst- und Theaterereignissen der Welt zog«2, so Buschbeck rückblickend. Da sich Bahr des Öfteren in Salzburg aufhielt, lernten sie einander kennen und freundeten sich an. Seit der Volksschulzeit gekannt hat Buschbeck auch den um zwei Jahre älteren Georg Trakl. Die beiden hatten miteinander am Religionsunterricht im evangelischen Pfarrhaus am Salzachkai teilgenommen und bildeten in der Stadt der Fürsterzbischöfe schon dadurch eine Außenseitergemeinschaft. Buschbeck hat die literarische Begabung des Freundes früh erkannt und war bemüht, dem stets gefährdeten Dichter einen Eintritt in die Literaturszene zu verschaffen. Dabei kam ihm der Kontakt zu Bahr zugute. Als Buschbeck nach der Matura nach Wien ging, um zuerst Jus, dann Kunstgeschichte und Archäologie zu studieren, öffnete ihm Bahr das Tor zur Literatengeneration des Jung-Wien, die sich in der literarischen Öffentlichkeit bereits etabliert hatte. Im Herbst 1908 übersiedelte Trakl in die damalige Zwei-Millionen-Metropole der Donaumonarchie, um Pharmazie zu studieren. Der Trubel in der »Dreckstadt«3 war ein Schock für den »von Schwermut verpesteten Körper«4, wie er seinem späteren Förderer Ludwig von Ficker schreiben wird. Ein Jahr nach ihm trifft seine Schwester Grete ein, um sich an der Akademie für Musik und darstellende Kunst zur Pianistin ausbilden zu lassen. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine Art Ménage-à-trois.

Im Sommer davor hatte sich Hermann Bahr, der in Salzburg maturiert hatte, von seiner ersten Frau scheiden lassen und heiratete in der Mozartstadt nun Anna von Mildenburg, eine gefeierte Wagner-Interpretin und einstige Geliebte Gustav Mahlers. An der Trauung am 22. August 1909 nahmen nur das Paar und die beiden Trauzeugen teil. Einer davon: Erhard Buschbeck, der einem Schulfreund danach berichtete: »Nachher opulentes Diner im Hotel Europa, abends sind wir vier ins St. Peter gegangen, wo es sehr lustig geworden ist.«5 Die Vertrautheit mit dem rührigen Kulturpublizisten Bahr nutzte Buschbeck und schickte ihm im Herbst ein paar Gedichte seines Freundes Trakl. Der erwartete sich von Bahr, wie er an Buschbeck schrieb, »dass seine geklärte und selbstsichere Art meine ununterbrochen schwankende und an allem verzweifelnde Natur um etliches festigt und klärt«.6 Tatsächlich las man dann am Sonntag, dem 17. Oktober 1909, im Neuen Wiener Journal Folgendes: »Unser Kollege Hermann Bahr macht uns auf die schöne Begabung eines jungen Salzburger Dichters namens Georg Trakl aufmerksam und stellt uns drei Gedichte seines Schützlings zur Verfügung.«7 Der Abdruck der Gedichte Einer Vorübergehenden, Vollendung und Andacht war die erste Veröffentlichung Trakls, die nicht in einem Salzburger Medium erschien.

Wien ist für die drei aus Salzburg aber nicht nur ein Moloch, sondern auch der Ort, an dem sie unmittelbar mit moderner Kunst in Berührung kommen. Nach dem Besuch der Wiener Kunstschau schwärmte Trakl etwa: »O Größe O ewiger Kokoschka!«8 Am 6. Jänner 1910 wird Erhard Buschbeck 21 Jahre alt. Er gehört dem illustren Jahrgang 1889 an. Nach ihm kamen in diesem Jahr unter anderen Charlie Chaplin, Jean Cocteau, Martin Heidegger, Adolf Hitler und Ludwig Wittgenstein zur Welt. Wenige Tage nach seinem Geburtstag schlendert er mit Trakl über den Karlsplatz, dann hören sich die Freunde die Kindertotenlieder von Arnold Schönberg an.9 »Das ist die unmittelbarste Musik, die ich kenne«, berichtet Buschbeck euphorisiert nach Salzburg.10 Ein paar Wintertage später feiert die kleine Nora Krassl von Traissenegg, Lotte Tobischs Mutter, gerade einmal ihren vierten Geburtstag und ahnt natürlich nicht, dass sie dereinst mit Mann und Kind am Karlsplatz wohnen wird.

Im Sommer dieses Jahres schloss Trakl sein Studium mit der Sponsion ab und kehrte nach Salzburg zurück. Buschbeck schreibt sich beim Akademischen Verband für Literatur und Musik mit Sitz in der Reichsratsstraße 7 ein. Die Event-Agentur, wie man den Verein heute vielleicht nennen würde, wollte »avantgardistischen Strömungen verschiedener Kunstbereiche ein Forum«11 bieten. Paragraf zwei der Statuten lautete: »Der Zweck ist Pflege der Literatur, Musik und Schauspielkunst. Diesem Zwecke dienen Veranstaltungen in zwangloser Aufeinanderfolge.« Am Programm der Veranstaltung vom 8. November 1910 lässt sich ablesen, wie sehr das Alte und das Neue im Widerstreit lagen. Da wurden Wahre Geschichten des ehemaligen Burgtheater-Direktors (1890 bis 1898) Max Burckhard zum Besten gegeben sowie Lateinische Geschichten von Max Mell. Daneben las Hansi Niese aus Rose Bernd, Gerhart Hauptmanns im schlesischen Dialekt geschriebenes, vielleicht feministischstes Stück, und Emil Lucka trug aus eigenen Werken vor.

1911 wird Erhard Buschbeck Obmann des Akademischen Verbands, dem unter anderen Robert Müller, Emil Alphons Rheinhardt, Paul Stefan und Ludwig Ullmann angehören. Gemeinsam geben sie die Zeitschrift Der Ruf heraus, in der auch Gedichte Trakls erscheinen. Ab dieser Zeit verantwortet Buschbeck das literarische Programm des Akademischen Verbands. Am 15. März 1912 liest zum Beispiel Hermann Hesse in der Wiener Universität, im Monat danach bittet Karl Kraus den Obmann Buschbeck, Else Lasker-Schüler die Reisespesen zu ersetzen, weil es ihr schlecht gehe. Im Herbst dieses Jahres plant man die Uraufführung einer Schönberg-Oper im Sophiensaal.12 Für das Wiener Publikum mit seinem konservativen Kunstgeschmack eine Herausforderung.

Schon in den Jahren davor gab es in Wien ein paar Skandale: Die Ausstellung von Gustav Klimts Fakultätsbildern hatte öffentliche Erregung erzeugt und den Maler zum Rückkauf veranlasst, Arthur Schnitzlers Novelle Leutnant Gustl führte zur Aberkennung des Offiziersrangs seines Autors, und Adolf Loos’ Haus ohne Augenbrauen am Michaelerplatz missfiel nicht nur dem Kaiser. Als der Akademische Verband unter Federführung Buschbecks am 31. März 1913 im Musikvereinssaal einen Abend mit Arnold Schönberg veranstaltete, in dem sich der Komponist als Dirigent vorstellen wollte, befanden sich auch Arthur Schnitzler und Adolf Loos im Publikum. Bereits bei der Aufführung von Anton Weberns Sechs Stücke für Orchester hörte man Gelächter und Pfiffe aus dem Publikum. Dasselbe ereignete sich beim Erklingen von Schönbergs Eigenkomposition Kammersymphonie op. 9. Zu tumultartigen Szenen mit Handgemengen zwischen Gegnern und Anhängern kam es dann, als Alban Bergs Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg ertönten. Danach forderte Schönberg das Publikum vergebens auf, Ruhe zu bewahren.

Als Vertreter des Veranstalters trat vor dem letzten Programmpunkt Erhard Buschbeck auf die Bühne und ermahnte das Publikum, doch wenigstens die Kindertotenlieder des 1911 verstorbenen Gustav Mahler mit gebührender Pietät anzuhören. Das wiederum provozierte den Arzt und Operettenkomponisten Viktor Albert dermaßen, dass er Buschbeck einen Lausbuben nannte, »worauf dieser vom Podium sprang und Albert in der ersten Sitzreihe eine so kräftige Ohrfeige verpasste, dass dessen Zwicker zu Boden fiel«.13 Von einem »ungeheuren Skandal« war dann in Schnitzlers Tagebuch die Rede und von einer darauffolgenden Rauferei.14 Das Konzert musste abgebrochen werden. Die »Ohrfeigenaffäre« fand nicht nur ein großes mediales Echo, sondern hatte auch ein gerichtliches Nachspiel: Die Kontrahenten wurden beide zu jeweils 100 Kronen (ca. 625 Euro) Geldbuße verurteilt. Aus Innsbruck kamen dagegen andere Töne: »Zu der Ohrfeige, die Du ausgeteilt, beglückwünsche ich Dich von Herzen«15, schrieb Trakl am 5. April seinem Freund Buschbeck. Dem Dichter der neuen Generation war wohl bewusst, dass dieser Schlag ins Gesicht auch einer aufs Haupt der konservativen Kunstkreise in Wien war. Damals war die Welt zwischen den Freunden noch in Ordnung. Das sollte sich ändern, als Buschbeck eine Affäre mit Trakls geliebter Schwester Grete begann.

Ohrfeige zwei

Was das alles mit Lotte Tobisch zu tun hat? Nun, bei der zweiten »Wiener Ohrfeige« war sie zwar auch nicht live dabei, aber indirekt damit befasst. Diesmal war es der Wiener Theaterkritiker Hans Weigel, der sie verpasst bekam. Kurz davor hatte Lotte Tobisch gerade ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert. Zum Zeitpunkt der Tätlichkeit war sie zwar – vorübergehend – nicht am Burgtheater engagiert, aber mit dem damaligen Burgtheater-Dramaturgen Erhard Buschbeck liiert – und mit dem Ensemble vertraut. Nach der Burgtheater-Premiere von Christopher Frys Stück Das Dunkel ist Licht genug erschien am 13. April 1956 im Bild-Telegraf eine Rezension, in der unter anderem zu lesen war:

Auf der Bühne gastierte Käthe Dorsch. Sie zelebrierte ihre Rolle mit unvergleichlich gepflegter Sprachkunst, aber es war, als sänge eine bedeutende und gefeierte Sängerin Arien im Konzertsaal; alles, was da gestaltet, erlebt sein sollte, blieb Ansatz, Andeutung – wie Stars oft auf Verständigungsproben sind oder bei der dreihundertsten Vorstellung.16

Dass Käthe Dorsch impulsiv war, wusste man. Zweimal war sie bereits Kritikern gegenüber handgreiflich geworden. Nach der Lektüre von Hans Weigels Rezension verließ sie an diesem Freitagmittag erzürnt ihre Wohnung, um den Verfasser in seinem Stammlokal, dem Café Raimund, abzupassen. Nach einer gewissen Wartezeit kam ihr vom Justizpalast her ein Mann entgegen. Sie fragte ihn, ob er Herr Weigel sei. »Als er bejahte, schlug sie ihm mindestens zwei Mal – es könnten auch drei Ohrfeigen gewesen sein – kräftig ins Gesicht mit den Worten: ›Ich finde es an der Zeit, dass Sie etwas auf Ihr (ungewaschenes oder Drecks-)Maul bekommen.‹«17 Wieder ging Glas zu Bruch, diesmal Weigels Brille. Bevor sie einen bühnenreifen Abgang hinlegte, schickte Käthe Dorsch noch ein paar Schimpfworte hinterher, die Diskussionsstoff im nachfolgenden Ehrenbeleidigungsprozess waren. Den strengte Hans Weigel an, vertreten von seinem Anwalt Christian Broda, dem späteren Justizminister unter Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Wie sich Lotte Tobisch zu der Sache geäußert hat, ist nicht überliefert. Als sicher kann gelten, dass sie diese »Watschenaffäre« mit ihrem Lebensgefährten Erhard Buschbeck ausgiebig besprochen hat. Im Zuge dessen wird er ihr ausführlich von »seiner« Ohrfeige fast ein halbes Jahrhundert davor erzählt haben. Überhaupt war Buschbeck ein wandelndes Lexikon des Aufbruchs der Moderne in Wien. Bei ihm holte Lotte Tobisch jene Bildung nach, die sie in der Schule versäumt hatte. In einem Interview formulierte sie viel später, dass Buschbeck »die zentrale Figur in meinem Leben war. Er hat mir überhaupt den Zugang zu dieser Welt erschlossen – der Welt der Moderne von 1905 bis 1930.«18 Immer wieder betonte Lotte Tobisch, dass die Zeit mit Erhard Buschbeck der absolute Glücksfall einer Liebesbeziehung war, von der sie intellektuell wie emotional den Rest ihres Lebens zehrte.

Buschbeck war als graue Eminenz des Burgtheaters indirekt in die Ohrfeigen-Affäre involviert, hatten sich doch prominente Mitglieder des Ensembles hinter Käthe Dorsch gestellt. Sogar das Hamburger Politmagazin Der Spiegel berichtete vom zweiten, turbulenten Verhandlungstag: »Burgschauspieler Raoul Aslan schrieb: ›Mir erscheint die Dorsch wie eine wiedererstandene Jungfrau von Orléans.‹ Annemarie Düringer telegrafierte: ›Ich umarme Sie für die Weigel-Ohrfeige.‹ Ein Telegramm von Hilde Krahl lautete: ›Sie schlugen mir aus der Seele‹.«19 Diese und noch ein paar Ensemblemitglieder hatten sich nach einer Vollversammlung im Burgtheater dazu hinreißen lassen, von Unterrichtsminister Heinrich Drimmel zu verlangen, sie »gegen den Missbrauch der Kritik durch Herrn Weigel zu schützen«.20 Aslan forderte sogar Weigels Ausweisung aus Österreich, mit der Begründung, dass das Wiener Burgtheater, die Oper, die Universität und der Stephansdom Institutionen seien, die nicht angegriffen werden dürfen. Mag sein, dass Kaiserin Maria Theresia, die Lotte Tobisch zu dieser Zeit im vis-à-vis des Locus Delicti gelegenen Volkstheater spielte, diese Einschätzung geteilt hätte. Aslans Auslassungen sagen vielleicht nicht viel über den tatsächlichen Stellenwert des Burgtheaters in der Zweiten Republik aus, umso mehr aber über das Selbstverständnis des Ensembles sowie über den Nimbus des ehemaligen k. k. Hoftheaters nächst der Burg. Doch darüber war die Zeit hinweggegangen – auch wenn Claus Peymann Jahrzehnte später immer noch meinte, dagegen ankämpfen zu müssen.

Ungewiss muss bleiben, ob Buschbeck seiner Lebensgefährtin im Zuge dieser Affäre auch jene mit Trakls Schwester Grete gestanden hat. Bevor er Gedichte veröffentlichte, hat sich der junge Trakl als Dramatiker versucht und ein Stück mit dem Titel Totentag geschrieben, das sogar im Salzburger Stadttheater aufgeführt worden war. Den Text hat der Autor später vernichtet, aber eine Inhaltsangabe ist überliefert. »Ein erblindeter Jüngling ist Trakls Hauptheld, er liebt ein Mädchen namens Grete (sic). Aber diese lässt sich auf den Studenten Fritz ein, was den blinden romantischen Helden auf der Stelle wahnsinnig werden lässt.«21 Man kann das als Prophetie dessen lesen, was sich zwischen dem Dichter, seiner Schwester und seinem Freund abgespielt hat. »Die tragische Beziehung Trakls zu seiner Schwester – die Selbstvernichtung in Beziehung zum eigenen Blut – ist aus seinen Dichtungen herauszulesen«, schrieb Ludwig von Ficker in den Dreißigerjahren einem Trakl-Dissertanten, und in einem weiteren Brief, dass Grete sich ihm gegenüber diesbezüglich einmal anvertraut habe.22 Aufgegriffen hat das Otto Basil, der ehemalige Dramaturg am Volkstheater und Herausgeber der avantgardistischen Literaturzeitschrift Plan, als er Mitte der Sechzigerjahre eine Biografie über den Dichter verfasste.23

In Abrede gestellt hat ein solches inzestuöses Verhältnis hingegen Erhard Buschbeck. Das hat aber möglicherweise mit einem schlechten Gewissen wegen seiner eigenen Affäre mit Grete zu tun. Trakl hatte ihm deswegen nicht allzu lange vor seinem tragischen Tod in Krakau am 3. November 1914 die Freundschaft gekündigt. Trotzdem stimmt, was Lotte Tobisch 1964 zum fünfzigsten Todestag Trakls schreiben wird:

Das Gefühl der Schuld war das ursprünglichste, das stärkste Gefühl Trakls … Die Gedichte Georg Trakls sind Gleichnisse, die sich an die Bereiche in uns wenden, die in archetypischen Tiefen liegen, wo die Geschehnisse versunken ruhen … In diesen Jahren, in denen sich Georg Trakl so sehr verloren fühlte, wie kaum jemals zuvor, wurde ihm Erhard Buschbeck ein Freund, der nicht nur jederzeit zu helfen bereit war, sondern der vor allem unbeirrbar an ihn glaubte, an seinen Genius, an sein Werk.24

Im Frühjahr vor Erscheinen dieses Artikels war Lotte Tobisch im Übrigen wieder einmal in einer passenden Rolle im Burgtheater zu sehen, in dessen Ensemble sie nach Buschbecks Tod zurückgekehrt war. Unter der Regie von Leopold Lindtberg stand sie im Mai in Shakespeares König Heinrich V. als Königin von Frankreich auf der Bühne. Gespielt wurde der ganze Königsdramen-Zyklus. Auf der Besetzungsliste finden sich – aus heutiger Sicht – so erlauchte Namen wie Wolfgang Gasser, Boy Gobert, Hugo Gottschlich, Attila Hörbiger, Josef Meinrad, Heinz Moog sowie der spätere Direktor des Hauses, Achim Benning.

Als Lotte Tobischs das Andenken an Trakl und Buschbeck bewahrender Essay erschien, war Käthe Dorsch fast sieben und Erhard Buschbeck schon vier Jahre tot. Ausgerechnet Hans Weigel – und damit schließt sich der Kreis – hat damals einen kenntnisreichen Nachruf auf ihn verfasst, der begreiflich macht, was nicht nur Lotte Tobisch an der »Burgtheater-Legende« faszinierte.

Seine Sturm- und Drangjahre waren literarisch: Er gehörte allein durch seine Freundschaft mit Georg Trakl der Literaturgeschichte an, er war Schriftsteller und ein Prominenter der jungen Avantgarde im Wien vor dem Ersten Weltkrieg, er stand im Mittelpunkt einer einst sensationellen Affäre im Kampf um die neue Musik des Schönberg-Kreises. Dann aber holte Hermann Bahr ihn gleich nach dem Umsturz 1918 ans Burgtheater.25

Buschbeck verstand sich während seiner über vierzig Jahre dauernden Tätigkeit am Burgtheater als Brückenkopf zwischen Tradition und Moderne. Und darin folgte ihm Lotte Tobisch gern. Sie hat mit der ihr eigenen noblen Geste das Vermächtnis ihres Lebensgefährten tradiert und die Erinnerung an Trakl hochgehalten.

2. Kapitel

Herkunft

Als Nora Tobisch am 28. März 1926 im Sanatorium Auersperg ein Mädchen zur Welt brachte, war sie gerade einmal zwanzig Jahre alt – und selbst noch recht kindlich. In gewisser Weise blieb sie das – in der Einschätzung ihrer Tochter – bis ins hohe Alter. Als Lotte Tobisch ihre neunzigjährige Mutter wieder einmal auf ihre Nonchalance hin ansprach, antwortete diese: »Ach Lotterl, du warst doch auch einmal jung!«26 Mit dieser Anekdote charakterisierte Lotte Tobisch nach dem Tod ihrer Mutter deren Lebenseinstellung.

Dass Nora Anna Josefine Maria Krassl von Traissenegg zeitlebens unreif wirkte, mag auch mit dem Ambiente zu tun haben, in dem sie aufgewachsen ist: hineingeboren in eine sehr vermögende Industriellenfamilie in der letzten Phase der Donaumonarchie. Als zweite Tochter von Friedrich Krassl (geboren am 2. Juli 1879) und der Alice Jakobine Franziska Neugebauer (geboren am 12. Oktober 1882) schlug sie am 21. Jänner 1906 ihre Augen auf. Geheiratet hatten Noras Eltern am 15. November 1902 in der Wiener Karlskirche27, zwei Jahre später war ihre Tochter Helga zur Welt gekommen. 1905 trat Friedrich Krassl gemeinsam mit seinem Bruder Rudolf als Gesellschafter in die Prager Metallwarenfirma C. T. Petzold & Co ein28 und setzte damit die Familientradition fort. Zu diesem Zeitpunkt war der erste Beamte des Reiches, Seine Apostolische Majestät Kaiser Franz Joseph, bereits über ein halbes Jahrhundert im Amt und strahlte nach Joseph Roth so etwas wie die leibgewordene Stabilität aus.

Im Sommer 1909 genehmigte das k. k. Ministerium des Inneren die Gründung der Eisenwerke-Aktiengesellschaft Rothau-Neudek (tschechisch Nejdek) im böhmischen Teil des Erzgebirges, Verwaltungsregion Karlsbad (Karlovy Vary). Knapp zwei Jahre später wurde Friedrich Krassl in diesem Unternehmen neben seinem Vater Johann Anton und seinem Bruder Rudolf Mitglied des Verwaltungsrates.29 In dieser Funktion erhob das Kaiserhaus Johann Anton Krassl 1913 in den erblichen Ritterstand und verlieh ihm das Prädikat »von Traissenegg«.30

Friedrich Ritter Krassl von Traissenegg, wie er gerade einmal sechs Jahre (bis zum Adelsaufhebungsgesetz im April 1919) hieß, darf man sich als typischen Herrenreiter vorstellen, sowohl als Automobilist als auch als Pferdeliebhaber. Schon als junger Leutnant der Reserve wird im Jahr 1900 eines seiner Pferde prämiert.31 In der Folge taucht sein Name des Öfteren als Zuschauer bei Pferderennen auf. Die Gebrüder Krassl sind aber auch so etwas wie Kraftwagen-Pioniere. Seit März 1909 gehören sie dem Österreichischen Automobil-Club an. Ein Mercedes 50 HP im Besitz von Rudolf Krassl erreicht 1910 als erstes Automobil »auf einer fast unfahrbaren Straße, dem zur Rax führenden Törlweg«32, den Knappenhof oberhalb von Edlach. Mit seinem Mercedes-Kompressor erlangt Rudolf als Ordonanzoffizier im Krieg offenbar einige Bekanntheit.33 Friedrich wiederum erhält 1932 ein Abzeichen des Automobil-Clubs für zwanzig Jahre sicheres Fahren, wie die Allgemeine Automobil-Zeitung verlautbart.34 Da hatte er seine bereits sechsjährige Enkelin noch nicht zu Gesicht bekommen. Dazwischen lag eine Familientragödie.

An deren Anfang stand der Tod des Pater familias. Eineinhalb Jahre vor dem Kaiser starb der von ihm geadelte Johann Anton Krassl von Traissenegg am 17. April 1915. Mit dem Ableben des Magnaten ging für die Familie Krassl eine Ära zu Ende – und bald danach das ganze Kaiserreich. Die Söhne des Patriarchen standen zum Zeitpunkt seines Todes, wie Die Arbeit vermeldete, im Felde.35 Im Nachruf würdigte die Zeitung die Verdienste von Noras Großvater, der »als Seniorchef der Firma C. T. Petzold & Comp. in Wien und Prag und als Vizepräsident der Eisenwerke-Aktiengesellschaft Rothau-Neudek eine äußerst ersprießliche Tätigkeit entfaltet hat«. Ein Jahr nach ihm stirbt auch seine Witwe Josefine. Mit dem Tod von Nora Tobischs Großeltern geriet das Familiengefüge durcheinander.

Mitten im Krieg taucht der Name Friedrich Krassl von Traissenegg auf der Gmundner Kurliste als Gast des dortigen Sanatoriums und Kurhotels auf. Der Ort seiner Erholung vom Kriegsdienst dürfte nicht zufällig sein. Besitzt er doch im nahe gelegenen Ternberg (bei Steyr) ein Landgut, das ihm – laut seinem Neffen Harald Langer-Hansel – mehr am Herzen liegt als die Fabriken der Firma C. T. Petzold »in Puschwitz bei Brüx, Prag, Janowitz, Adamsthal, Komorau und Krieglach«36 in der Steiermark. Des Konzerns nimmt sich verstärkt sein Bruder Rudolf an. Friedrich hingegen zieht gegen Ende des Krieges – mit Ludwig Wittgenstein als Vizepräsidenten – in die Direktion der Österreichischen Hypothekenbank ein.37 Rudolf wiederum wird Präsident der Kompaß-Bank, einer Kreditversicherungsanstalt. Derart überstehen die Brüder Krassl den Krieg ohne besondere finanzielle Einbußen. Einen persönlichen Verlust hat Friedrich aber sehr wohl zu beklagen: den seiner Frau. Die verlässt ihn – wegen eines anderen Mannes – noch während des Krieges. Für Friedrich Krassl war das gleichbedeutend damit, als ob sie gestorben wäre.

Das lässt sich jedenfalls den Briefen entnehmen, die seine Tochter Nora in gestochener Kurrentschrift der aus ihrem Leben verbannten Mutter geschrieben hat.38 Diese legen nahe, dass der Vater ein strenges Regiment über seine Töchter führte. »Dein Bild hat uns Papa weggenommen, wir dürfen es in ein Album (nehmen) geben. Als Helga Dir voriges mal schrieb mit Bleistift und Dr. Preleutner Grüße schickte, zerriß ihr Papa den Brief und sagte: Dr. Preleutner geht uns gar nichts an und mit Bleistift dürfen wir auch nicht schreiben. Weißt Du schon, daß Frau Fina von uns weggegangen ist, bei Papa bleibt niemand«, heißt es in einem undatierten Brief Noras aus Kleinreifling bei Ternberg im Ennstal. Dort und in Gmunden müssen sich die Krassl-Töchter nun aufhalten, sehnen sich aber nach ihrer Mutter in Wien, wie aus den Briefen hervorgeht. In der Rolle des Gutsherrn fühlte sich Friedrich Krassl offenbar besonders wohl. Als nach dem Krieg ein Gesetz zur Wiederbesiedlung beschlossen wird, interveniert er, der sich laut Arbeiter-Zeitung immer noch »ungescheut in Unterschriften und Stampiglien ›Ritter von‹ nennt«, beim dritten Präsidenten der Konstituierenden Nationalversammlung, dem späteren Vizekanzler und Justizminister Franz Dinghofer, dagegen, dass Teile seiner Besitzungen in Kleinreifling der Wiederbesiedlung zum Opfer fallen sollen.39

Die Atmosphäre im Hause Krassl muss für die Schwestern bedrückend gewesen sein. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass sie der Enge der patriarchalen Welt ihres Vaters so bald als möglich entfliehen wollten. Der für »höhere Töchter« damals übliche Weg, das Elternhaus zu verlassen, war die Heirat. Als Nora deshalb Anfang der Zwanzigerjahre in Begleitung ihrer Großmutter zu einem Hausball der Döblinger Sektkellerei Schlumberger gehen darf, tut sie das wohl nicht nur der Vergnügung wegen, sondern auch, um sich auf dem für sie infrage kommenden Heiratsmarkt umzusehen. Bei der Tanzerei fällt dem großgewachsenen und in der Wiener High Society als schönstes Mädchen geltenden Teenager der ebenfalls hoch aufgeschossene Architekturstudent Karl Tobisch von Labotýn auf – und sie verliebt sich auf der Stelle in ihn. Anfangs treffen sich die beiden am Wochenende heimlich auf dem damals noch wilden Wienerberg.40 Doch bald eröffnet Nora ihrem Vater, dass sie heiraten möchte.

Der reagiert, wie zu erwarten, indem er sie in die »Verbannung« nach Graz schickt. Von dort schreibt sie im Februar 1923 ihrer Mutter, dass in dem Internat viel zu arbeiten ist: »Aufräumen, lernen, Boden reiben, bürsten ist natürlich selbstverständlich … Oft ist mir sehr bang zumute; muss immer an meinen Karli denken, dann geht es schon wieder. Liebste Mutti, komm mich bald besuchen.«41 Der gestrenge Herr Krassl aber war strikt gegen die Verbindung seiner Tochter mit dem Herrn Tobisch-Labotýn, wobei Standesunterschiede nicht der Grund dafür gewesen sein können. Auch die Tobischs waren eine angesehene Wiener (Adels-)Familie.

Karl Anton Gustav Alfred Tobisch war am 8. Oktober 1897 in Wien als Sohn des Juristen Karl Borromäus Anton Josef Tobisch und der Amalia Antonia Barbara, geboren am 11. März 1871 als Edle von Lenz, zur Welt gekommen. Die Tobischs waren eine gut situierte deutschböhmische Familie aus der Gegend von Kadaň (deutsch Kaaden) und wussten vorwiegend Gelehrte, Geistliche, Beamte und sogar Dichter in ihren Reihen. Die Familie war aber in die hierzulande weitgehend unbekannte »Prager Adelsaffäre« verstrickt. Dabei ging es darum, dass ein Fälscher reichen Familien, deren Stammname gleich oder ähnlich lautend dem einer alten Adelsfamilie war, gegen Entgelt anbot, den genealogischen Zusammenhang herauszufinden42, um damit einen Antrag auf Anerkennung des ererbten altböhmischen Ritterstandes stellen zu können. Etliche Familien machten davon Gebrauch, unter anderem die ahnungslosen Tobischs. Die »Nachweise« waren jedoch vielfach Fälschungen – und das flog auf, obwohl das Adelsdepartment die Anträge eher lax begutachtete. Man vermutete, dass einige Beamte in die Affäre involviert waren. Eine Untersuchung dazu fand jedoch nicht statt.

So kam es, dass der Adelsstand der Tobischs am 4. November 1898 zuerst anerkannt wurde, doch als man zu Beginn des neuen Jahrhunderts die Fälschungen aufdeckte, kam es 1903 zu einem Prozess, in dessen Folge das erworbene Prädikat »Tobisch von Dobischau« zurückgegeben werden musste.43 Doch Dr. Karl Tobisch arbeitete sich als Beamter im Ministerium für Kultur und Unterricht vom Ministerialrat über den Sektionsrat (ab 1906) bis zum Vizepräsidenten des Landesschulrates in Prag hinauf (1910) und leistete dem Kaiserhaus treue Dienste. Im Februar 1907 war er vom Kaiser empfangen worden, der ihn aus Anlass seiner »Übernahme in den Ruhestand« am 4. März 1912 in den erblichen Ritterstand nobilitierte.44 Das Prädikat »von Labotýn« wurde am 16. Oktober 1915 genehmigt.

Ins Mittelalter zurückführen, wie Lotte Tobisch vermeinte45, lässt sich der Adel der Tobischs aber nicht. Genealogisch weiter zurückverfolgen lässt sich nur eine Linie, mit der Lotte Tobisch aber weder bluts- noch standesrechtlich verwandt war. Der Bruder von Noras Vater, Rudolf Krassl von Traissenegg, war mit Josefine, verwitwete Gräfin zu Schallenberg verheiratet. Die aus der ersten Ehe Josefines stammenden Kinder trugen nach der Adoption durch Rudolf Krassl den Namen Schallenberg-Krassl. Das Geschlecht der Schallenbergs wird tatsächlich 1230 erstmals erwähnt und stellte seit April 1666 Reichsgrafen. Bezogen hat sich Lotte Tobisch aber wohl auf die »Edlen von Lenz«, einer aus Livland (heute Estland und Lettland) stammenden Familie, die sich über Europa ausgebreitet hat. Ihr entstammt auch der Dichter der Goethe-Zeit, Jakob Michael Reinhold Lenz. Aus der ging Karl Tobischs Mutter Amalia hervor. Das bedeutet, dass zwischen den Eheleuten Nora und Karl Tobisch ein indirektes Verwandtschaftsverhältnis bestand. Älteste Ansitze besaßen die »Lenzens« seit dem 14. Jahrhundert in Prignitz im Nordwesten des Landes Brandenburg. Der Zweig der Familie, dem Amalia entstammte, geht auf Alfred Johann Edler von Lenz zurück, seines Zeichens Direktor einer Eisengießerei und Eisenbahnfabrik und Reichsratsmitglied aus der liberalen Partei.46 Er wurde am 20. Juni 1888 vom Kaiser in den Adelsstand erhoben. Vom Uradel kann deshalb nicht die Rede sein.

Dass Noras Vater so sehr gegen die Vermählung seiner Tochter mit dem Architekten Karl Tobisch opponierte, hat also nichts mit schichtspezifischen Unterschieden zu tun.

Einer der Gründe, weshalb mein Großvater diese Ehe nicht wollte, war sicher finanzieller Natur. Beide Eltern kamen aus der Großindustrie, aber während die Familie meiner Mutter nach wie vor steinreich war …, hat die meines Vaters … ihr Vermögen bereits nach dem Ersten Weltkrieg verloren. Außerdem hatte mein Großvater … für einen musischen, ein bissl spinnerten, künstlerischen, fantasievollen und einigermaßen exaltierten Architekturstudenten wie meinen Vater wohl schon a priori nicht viel übrig.47

Die finanziellen Gründe könnten auch handfeste unternehmensstrategische gewesen sein, saß Dr. Karl Tobisch doch seit November 1920 im Verwaltungsrat der Austro-Belgischen Eisenbahn-Gesellschaft48, während der 1936 verstorbene Fabrikant Alfred Edler von Lenz Eigentümer der Eisenwerke in Traisen war49 – und damit in Konkurrenz zu den Metallwerken C. T. Petzold stand, für die die Krassls tätig waren. Auch im Bankensektor waren die Familien Gegenspieler. Alfred Edler von Lenz sen. hatte 1879 die Postsparkassen in Österreich mitbegründet, während Friedrich Krassl, wie erwähnt, seit Mitte 1920 in der Direktion der Österreichischen Hypothekenbank saß und sein Bruder Rudolf Präsident der Kompaß-Bank war.

Die trotzige Nora ließ sich von ihrem Karli jedoch nicht abbringen. »Der oder keiner!«, soll sie zu ihrem Vater gesagt haben50 und ihn laut Bericht in der von Imre Békessy herausgegebenen Boulevardzeitung Die Stunde gebeten haben, »Ritter von Tobisch freundlich zu empfangen, wenn dieser am nächsten Tage als Brautwerber vor ihm erscheinen werde«. Nun war Békessys Blatt nicht gerade für seine Zuverlässigkeit bekannt, viel mehr wegen der heftigen Angriffe, die der Herausgeber der Zeitschrift Die Fackel, Karl Kraus, gegen die erpresserischen und betrügerischen Machenschaften des Herausgebers der Stunde richtete. So verwechselte das Boulevardblatt in seinem Prozessbericht etwa die Brüder Krassl und gab Rudolf statt Friedrich als Vater Noras an. Die heftige Ablehnung der Eheschließung vonseiten Friedrich Krassls ist aber Tatsache. Zu ihrer maßlosen Überraschung bekam er bei Noras Ankündigung, dass Karl Tobisch um ihre Hand anhalten werde, »geradezu einen Tobsuchtsanfall«.51

Hintergrund für Friedrich Krassls Gefühlsausbruch war aber nicht die Jugend seiner Tochter, die gerade einmal 17 war, sondern die Familienzwistigkeiten, bei denen, wie Die Stunde genüsslich ausführte, Friedrichs Schwiegermutter eine ungewöhnliche Rolle gespielt haben soll, schlug sie sich im Rosenkrieg »Krassl gegen Krassl« doch gegen ihre Tochter auf die Seite ihres Schwiegersohns, insbesondere bei dem der Scheidung folgenden Alimentations-Prozess, den Noras Mutter Alice angestrengt hatte, um statt der sechs Millionen Kronen monatlicher Apanage (ca. 3200 Euro), die Friedrich ihr zugebilligt hatte, zehn pro Monat zu fordern (ca. 4500 Euro).52 Zu bedenken ist, dass dies die Zeit der Hyperinflation war, in der man von einem Tag auf den anderen nicht wusste, wie viel man für sein Geld noch würde kaufen können. Das Gericht hatte noch nicht über die Höhe der Sustentation für Friedrichs Exfrau entschieden, da brachte auch seine Tochter eine Klage gegen ihn ein.

Ohne Zustimmung des Vaters wäre die minderjährige Nora von der römisch-katholischen Kirche nicht getraut worden. Deshalb trat das Liebespaar Nora und Karl kurzerhand der altkatholischen Kirche bei. Mit seinem Wissen, aber gegen den Willen von Noras Vater heirateten die beiden am 27. September 1924 in der altkatholischen Salvatorkirche. Friedrich Krassl weigerte sich daraufhin, seiner Tochter eine Mitgift auszuzahlen, weshalb nach ihrer Mutter auch sie ihn klagte. Über die darauffolgende Gerichtsverhandlung wusste Die Stunde unter der Überschrift Der Geiz des Milliardärs detailliert zu berichten und gab folgenden Dialog daraus wörtlich wieder:

Auf die Frage des Richters, welches Vermögen er besitze, erklärte Herr Kraßl:

»Ich habe keinerlei Vermögen.«

Frau Nora von Tobisch: »Aber Papa, du bist doch unermeßlich reich!«

Herr Kraßl: »Ich habe nichts, alles gehört der Firma.«

Frau Nora von Tobisch: »Papa, Du hast doch vier Automobile. Gehören die auch der Firma?«

Alle Bemühungen des Richters, Herrn Kraßl milde zu stimmen und in einen Ausgleich einzuwilligen, schlugen fehl. Er blieb hart und rief in den Saal:

»Eher kann meine Tochter auf der Straße verrecken, als daß ich ihr einen Heller gebe.«53

Ganz so schlimm kam es nicht. Der Richter befand, dass es dem Angeklagten nicht gelungen sei zu beweisen, dass er nichts besitze, und verurteilte Herrn Krassl dazu, seiner Tochter eine Alimentation von monatlich 15 Millionen Kronen (ca. 6750 Euro) zu bezahlen. Schon vor der Hochzeit war Nora aus der elterlichen Wohnung in der Favoritenstraße 20 in Wien-Wieden zu den verarmten Tobischs gezogen. »Der einzige wesentliche Besitz, der übriggeblieben war, waren ein Landhaus in Hadersdorf-Weidlingau und die großelterliche Wohnung auf dem Karlsplatz. Dort sollte auch die junge Familie nach dem Umzug der Großeltern in ihr Haus in Marienbad mehr als ein Jahrzehnt logieren«, erzählte Lotte Tobisch ihrem ersten Biografen, Lucian O. Meysels.54 Als böhmischer Beamter hatte Dr. Karl Tobisch-Labotýn nach dem Krieg für die neu gegründete Republik Tschechoslowakei optiert. Da die Republik Österreich nach dem Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye kein Rechtsnachfolger Österreich-Ungarns sein konnte, erhielt er von dem neuen Staat keine Pension. Daher überlegten Karl Tobischs Eltern den Umzug in die Tschechoslowakei. Doch dafür fehlte das Geld. Lottes Großmutter Amalia musste deshalb ihren Schmuck verkaufen. Von dem Erlös erwarben die Großeltern ein Haus in Mariánské Lázně (Marienbad) und überließen Karl Tobisch und seiner jungen Frau die große Wohnung im obersten Stockwerk auf dem Karlsplatz 1.55 Die kleine Lotte verbrachte dann im Sommer einige ihrer schönsten Kindheitstage bei den Großeltern in Böhmen. Ihren Großvater mütterlicherseits lernte sie erst im Alter von zwölf Jahren kennen, als die Ehe ihrer Eltern längst geschieden war.

Kindheit

Mit dem Währungsumstellungsgesetz vom 20. Dezember 1924 und der Einführung des Schillings anstelle der wertlosen Krone am 1. März 1925 begann für die junge Erste Republik die stabilste Phase. Politisch endete sie mit dem Justizpalastbrand am 15. Juli 1927, wirtschaftlich mit dem Börsenkrach am »Schwarzen Donnerstag« (24. Oktober 1929) in den USA beziehungsweise am 25. Oktober in Europa. Die darauffolgende Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch auf die junge Familie Nora und Karl Tobisch aus.

Die Familienaffären im Hause Krassl-Traissenegg Mitte der Zwanzigerjahre hatten die Oberschicht Wiens durchaus beschäftigt. Doch Nora Tobisch war – nach den Jahren der Entbehrungen – gewillt, ein ihrem Status gemäßes Leben zu führen; und das hieß für sie, an den gesellschaftlichen und kulturellen Lustbarkeiten der Stadt Anteil zu nehmen. In der ersten Phase der Ehe konnte der frisch vermählte Karl Tobisch-Labotýn noch hoffen, in seinem Beruf reüssieren und zum Familieneinkommen beitragen zu können. Im Juli 1922 hatte er die Staatsprüfung an der technischen Hochschule Wien im Fach Hochbau (Architektur) abgelegt und trug seither den Titel Diplom-Ingenieur.56 Es gelang ihm, im Architekturbüro des Oberbaurates Leopold Bauer eine Beschäftigung zu finden. Nach eigener Angabe hat Architekt Bauer »als wilder Revolutionär zu bauen« angefangen, bis er begriff, dass der Künstler leicht auf Irrwege gerät, wenn er »dem Zwange der Gegenwart entfliehen und mit Gewalt und Radikalität weit in die Zukunft vorstoßen will«.57 Begonnen hat der gebürtige Schlesier mit der Restaurierung von Schlössern und mit Entwürfen von Landhäusern in Mähren. Bekanntheit erlangte er mit der Errichtung des neoklassizistischen Gebäudes der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Während der Bauphase (1913 bis 1919) war er als Leiter der Spezialschule für Architektur an der Akademie der bildenden Künste Nachfolger jenes Mannes, nach dem 1925 der Platz benannt wurde, auf dem das Gebäude steht: Otto Wagner. Im Büro von Professor Bauer konnte Karl Tobisch zweifellos Erfahrungen sammeln. Zur Zeit ihrer Vermählung durfte die Gemahlin des Diplom-Ingenieurs Tobisch also darauf hoffen, dass ihr Mann die Karriereleiter hinaufklettern und vielleicht ein eigenes Architekturbüro eröffnen würde.

Es kam anders. So sehr die Eheleute einander liebten, so unterschiedlich waren ihre Ansprüche und Charaktere. »Meine Mutter«, so berichtete es Lotte Tobisch immer wieder, »war trotz allem sehr auf Formen bedacht«.58 Die Formulierung »trotz allem« bezieht sich wohl auf die Verwerfungen in der Familie. Als im Prozess gegen ihren Vater das Urteil gesprochen wurde, war Nora Tobisch bereits schwanger. Dass ihr eine Alimentation zugestanden worden war und sich die Republik ökonomisch gerade konsolidierte, hat die junge Familie finanzieller Sorgen vorerst enthoben. Davon abgesehen aber hatte die Schwangere ihre genauen Vorstellungen davon, »was eine Ehe sein soll«59 – und die dürften mit jenen ihres Angetrauten nicht unbedingt übereingestimmt haben. Als Nora zwei Jahre nach der Hochzeit im Frühjahr 1926 eine Tochter zur Welt brachte, machte das das Eheleben nicht gerade einfacher.

Die ersten Anzeichen einer krisenhaften Entwicklung des Familienlebens können wir einem Brief entnehmen, den Karl Tobisch von seiner Frau erhielt, als sie mit der einjährigen Lotte auf Sommerurlaub bei seinen Eltern in Karlsbad weilte.60 Darin schildert Nora ihrem Ehemann ihr dortiges Leben: Morgens tanzt sie, untertags geht sie ins Kaffeehaus und abends in ein Konzert oder Theater, wo sie unter anderem von Alexander Moissi in G. B. Shaws Arzt am Scheideweg