Holzfäller - Mike Wilson - E-Book

Holzfäller E-Book

Mike Wilson

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Beschreibung

Ein ehemaliger Boxer flieht »vor der Dunkelheit, der Vergangenheit« und lässt alles zurück, bis er im Nordwesten Kanadas auf eine Gruppe rauer Holzfäller trifft, bei denen er lebt und deren Handwerk er erlernt. Diese Erfahrung ist total und unumkehrbar: von Werkzeugen und Lebensmitteln, über das Baumfällen und Kletterweisen, bis zu Techniken des Über- und Zusammenlebens dokumentiert der Protagonist nüchtern und akribisch jeden noch so kleinen Aspekt seines Lebens.

Mike Wilsons Monumentalroman Holzfäller gilt als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Romane der Gegenwart. Lexikon, Handbuch, Rezeptbuch, Abenteuerroman, philosophische Abhandlung, Reisebericht: In enzyklopädischem Exzess und einer so eigensinnig-kompromisslosen wie reduzierten Sprache führt Wilson in einer literarischen tour de force durch die unendlichen Tiefen und Untiefen des Holzfällerlebens.

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EPUB
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Seitenzahl: 730

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für James

 

 

 

 

Das Spiel des Zweifels selbst setzt schon die Gewissheit voraus.

Wittgenstein

 

Ich habe im Krieg gekämpft, vor Jahrzehnten, auf einem Archipel, und im Ring, vor Jahren, nachts in der Stadt. Auf den Inseln und im Ring bin ich gescheitert. Ich habe mein Land verlassen, um wegzukommen von allem, von der Finsternis, von der Vergangenheit, von der Enge, ich musste atmen. Ich sah Dinge, die mich krank machten, ich hörte Stimmen, ich war auf dem besten Weg, mich zu verlieren, mich in meinem Kopf zu verrennen.

Ich floh, bis ich die Wälder des Yukon erreichte. In einem Holzfällerlager wurde ich von großen, bärtigen Männern aufgenommen, deren grobe Sprache zwischen Englisch und Französisch schwankte. Sie benutzten traditionelle Werkzeuge, um Kiefern zu fällen. Raue Männer.

Die Holzfäller gaben mir eine Axt mit Stahlklinge. Der Stiel war aus glattem, durch jahrelangen Gebrauch nachgedunkeltem Ulmenholz. Sie lag schwerer in der Hand, als man denken würde.

Ich habe Sachen gelernt.

 

Axt. Die Axt ist das Werkzeug des Holzfällers schlechthin. Sie besteht aus zwei Teilen: dem Blatt und dem Stiel. Das Blatt ist das keilförmige Stück aus gehärtetem Stahl, das zum Hacken verwendet wird. Der Stiel (oder Schaft) ist das Holzstück, mit dem man die Axt hält und schwingt. Das Stahlstück besteht aus dem Kopf, der Schneide und dem Auge. Die Schneide ist der scharfe Rand des Blattes und somit der Teil, der beim Fällen mit dem Baum in Berührung kommt. Der Kopf befindet sich am anderen Ende des Blattes. Er ist der dickste und schwerste Teil. Es ist die Trägheit, die durch die Masse des Kopfes erzeugt wird, die einen wuchtigen Hieb ermöglicht. Am oberen Ende des Kopfes befindet sich das Auge. Es handelt sich hierbei um die Öffnung, durch die das Blatt mit dem Griff befestigt ist. Der Stiel, der wahlweise aus Kiefernholz oder aus Harthölzern wie Ulme oder Eiche gefertigt ist, fügt sich in den Kopf der Axt und wird durch einen Kiefernkeil gesichert, den man in das stählerne Auge steckt. Der Stiel weist zwei leichte Krümmungen auf; oben, unmittelbar unter dem Blatt, befindet sich die Schulter. Durch die Krümmung der Schulter kann die Hand, die die Bewegung ausführt und Kraft ausübt (in der Regel die rechte), beim Aufprall der Klinge gegen den Stamm sanft den Schaft hinabgleiten. Die zweite Krümmung befindet sich am unteren Ende des Stiels; dieser Abschnitt entspricht dem Griff. Die Krümmung, die im Griff ausläuft, verhindert, dass die andere Hand (in der Regel die linke) abrutscht, und bietet die letzte Berührungsfläche zwischen dem Holzfäller und der Axt. Am unteren Ende schließlich verjüngt sich der Griff und endet im Knauf. Der Zweck dieses Teils der Axt ist nicht eindeutig. Jeder Holzfäller hat eine andere Erklärung: Der Knauf soll verhindern, dass der Stiel bricht, er soll bei Regen helfen, das Wasser besser abzuleiten, er soll dazu dienen, beim Schärfen der Klinge die Axt im richtigen Winkel zu stützen; das sind neben vielen anderen einige der Erklärungen für die Beschaffenheit des Knaufs. Die einzige praktische Funktion, die ich während meines Aufenthalts im Lager beobachten konnte, ist die Verwendung des Griffs (insbesondere des Knaufs) als nicht tödliche Waffe. Abends kommt es nach reichlichem Biergenuss mitunter vor, dass der Tag mit einer Schlägerei endet. Aus offensichtlichen Gründen vermeiden die Holzfäller es, mit dem Stahlblatt aufeinander loszugehen, und greifen den Gegner stattdessen mit dem Stiel an, wobei sie den Knauf fast immer in den Bauch, den Hals, das Knie oder gegen die Brust des anderen rammen. Da der Knauf stumpf ist, erleiden die Kontrahenten nur leichte Prellungen und können sich am nächsten Tag schon gar nicht mehr an ihren Schmerz erinnern.

Bräuche. Das Blatt steht im Mittelpunkt der meisten Bräuche und abergläubischen Vorstellungen im Zusammenhang mit der Axt. Die berühmteste ist die Anweisung, wie die Axt zu tragen ist, wenn der Holzfäller nach getaner Arbeit weiterzieht; diese Tradition schreibt vor, dass der Holzfäller die Schneide niemals gegen den Himmel richten soll, da dies als Frevel gilt und Unglück anzieht. Ein weiterer Brauch legt fest, wie Holzfäller sich gegenseitig eine Axt überreichen: Bei der Übergabe sollte dem Empfänger der Stiel geboten werden, während die Schneide (aus den zuvor genannten Gründen) in Richtung Boden zeigt. Beide Hände müssen mit dem Holz in Berührung sein; derjenige, der die Axt übergibt, sollte diese an der Schulter festhalten, bis der Empfänger den Stiel sicher in den Händen hat. Wird der Ablauf nicht befolgt, droht Unheil und es heißt, dass es zu Spannungen zwischen den beteiligten Holzfällern kommen kann. Aus anthropologischer Sicht sind diese Traditionen eindeutig auf bestimmte Sicherheitsmaßnahmen zurückzuführen, die sich irgendwann, vor vielen Generationen, in Aberglauben gewandelt haben. Vielleicht hat mir meine Perspektive als Außenstehender erlaubt, Dinge zu erkennen, die die Holzfäller gar nicht bemerken. Trotzdem habe ich es nicht gewagt, meine Eindrücke mit ihnen zu teilen, denn ich bin mir sicher, dass meine Meinung über ihre Kultur nicht willkommen gewesen wäre. Ein weiterer bemerkenswerter Brauch ist die obsessive Angewohnheit der Holzfäller, bei Gewitter die Blätter ihrer Äxte klirren zu lassen, und zwar so, dass sie innerhalb der kurzen Zeitspanne zwischen Blitz und darauffolgendem Donner aufeinandertreffen. Das Klirren der Blätter ist ohrenbetäubend. Wenn der Schlag richtig sitzt, folgt darauf zusammen mit dem Donnergrollen das leise Brummen der Holzfäller. Die Harmonie, die dabei entsteht, ist unheimlich. So sehr ich sie auch bat, mir den Sinn dieses merkwürdigen Brauches zu erklären, sie weigerten sich, eine Antwort zu geben.

Pflege. Für die Holzfäller ist die Pflege der Axt ein nahezu religiöses Ritual. Blatt und Stiel müssen täglich gewartet werden. Am Ende eines jeden Arbeitstages wird das Blatt mit Schmierfett behandelt, um dem Rosten des Stahls vorzubeugen. Nach Möglichkeit ist das Blatt vor Feuchtigkeit zu schützen; idealerweise sollte es, wenn es nicht benutzt wird, in einer Lederscheide aufbewahrt werden. Ebenso wichtig ist das Schärfen der Schneide. Abgesehen vom offensichtlichen und praktischen Nutzen einer angemessen geschärften Schneide verhindert diese Gewohnheit Brüche und Risse im Stahl. Eine stumpfe Schneide ist unnötigen Spannungen ausgesetzt, die das Metall belasten. Da das Blatt durch das ständige Schlagen stark beansprucht wird, kann es durch solche Spannungen Schaden nehmen. Um dies zu verhindern, empfiehlt es sich, den Stahl mit einem Wetzstein, der rund oder flach sein kann, zu schärfen; in beiden Fällen sollte der Stein beim Schärfen stets feucht gehalten werden. Der Zuschärfungswinkel sollte 20° betragen, wobei beide Seiten abwechselnd zu wetzen sind, bis die Schneide scharf ist; es wird jedoch davon abgeraten, die Schneide übermäßig zu schärfen, da dünne Schneiden zerbrechlicher sind. Der hintere Teil des Blattes hingegen sollte sich in einem 30°–40°-Winkel zum Stein befinden. Diese Abstufung gewährleistet einen tiefen Schnitt, bei dem der Stamm zugleich weit aufbricht. Sollte sich ein Riss oder ein Bruch im Stiel auftun, ist es wichtig, diesen umgehend zu ersetzen. Die Benutzung einer Axt mit beschädigtem Stiel ist äußerst gefährlich; im schlimmsten Fall kann sich das Stahlblatt vom Stiel lösen und den Holzfäller treffen. Um den Stiel vom Blatt zu trennen, wird ein Holzpflock durch die obere Öffnung des Auges getrieben, bis der Stiel sich vom Stahl löst. Geschieht dies nicht, sollte man nicht zu hart dagegen schlagen, da das Stahlauge sonst zu Schaden kommen kann. Stattdessen empfiehlt es sich, die Trennung mit Hilfe von Feuer vorzunehmen. Um Verschleiß vorzubeugen, kann man das Blatt in feuchte Erde eingraben, wobei die Schneide nach unten zeigen sollte, während der hintere Teil des Kopfes einschließlich des Auges freiliegt. Um diesen Teil herum wird ein Feuer entfacht, bis das Holz im Inneren des Auges verkohlt, so dass es ohne größeren Aufwand entfernt werden kann. Beim Einsetzen des neuen Stiels sollte das Blatt mit der Unterseite nach oben auf dem Boden platziert werden. Mit einem Holzhammer wird der Stiel ins Auge getrieben. Es wird so lange mit dem Hammer dagegen geklopft, bis beide Teile fest verbunden sind. Zur Absicherung wird dann ein Keil durch die andere Seite des Auges getrieben und ebenfalls mit dem Holzhammer festgeklopft. Das überstehende Ende des Keils wird mit einer Handsäge abgetrennt. Für einen möglichst effektiven Einsatz ist das Gleichgewicht der Axt entscheidend. Um den Schwerpunkt zu ermitteln, wird der Stiel auf der Höhe der Schulter (unmittelbar am Kopf) auf dem Zeigefinger balanciert, wobei die Schneide nach unten zeigt. Der Finger markiert den Schwerpunkt. Bei der Auswahl eines Ersatzstiels ist es wichtig, die Gewichtsverteilung zu berücksichtigen, damit sich der Schwerpunkt nicht verändert. Es gilt allerdings zu bedenken, dass das Gewicht des Blattes mit der Zeit und dem Gebrauch abnimmt, insbesondere, wenn es regelmäßig geschärft wird. Um zu verhindern, dass sich der Schwerpunkt verändert, wird empfohlen, den Stiel regelmäßig zu schmirgeln, um das Gewichtsverhältnis zwischen Stiel und Blatt aufrechtzuerhalten. Nach jedem Schleifen empfiehlt es sich, das Holz mit Leinöl zu behandeln, um es vor Feuchtigkeit zu schützen und Rissen vorzubeugen. Ich habe beobachtet, mit welcher Sorgfalt die Holzfäller ihre Äxte pflegen. Beim Fällen wirken sie geradezu wie Verlängerungen ihrer Arme. Am Ende des Tages, bevor sie aus dem Wald ins Lager zurückkehren, widmen sie sich ihren Äxten. Eines Nachmittags sah ich einen Holzfäller, der älter war als die anderen, sein Bart grau, seine Arme wettergegerbt, allein auf dem Stumpf einer gefällten Kiefer sitzen. In der Hand hielt er eine zerstörte Axt. Der Stiel war durchgebrochen, das Blatt in zwei Teile gespalten. Die Axt war alt, älter als der Mann, der den Kopf gesenkt hielt. Ich habe mich nicht getraut, näherzutreten, aber ich konnte sehen, wie seine Schultern zitterten. Ich bin nicht sicher, aber ich möchte glauben, dass er weinte.

Gebrauch. Je nach Größe kann die Fällaxt zwischen drei und sechs Kilo wiegen. Beim Schlagen sollte die Axt mit beiden Händen festgehalten werden; die rechte Hand sitzt unmittelbar am Blatt, an der Schulter des Stiels, während die linke Hand den Stiel umgreift. Die richtige Haltung beim Fällen ist der seitliche Stand mit gespreizten Beinen und sicher aufgestellten Füßen. Der Holzfäller sollte etwa einen Meter Abstand zwischen seinem Körper und dem Baumstamm lassen, um einen ganzen Bogen mit der Axt beschreiben zu können. Bevor man mit dem Fällen beginnt, gilt es, die Richtung, in die der Baum stürzen soll, festzulegen; die Fällbahn sollte dabei nicht durch andere Bäume oder Äste verstellt sein. Um den Schlag durchzuführen, muss die rechte Hand den Stiel so anheben, dass sich die Stahlklinge auf der Höhe der rechten Schulter befindet, während die linke Hand den unteren Teil des Stiels, den Griff, auf der Höhe der linken Hüfte hält, so dass die Axt schräg zum Oberkörper liegt. Beim Axthieb sollten beide Füße auf dem Boden bleiben. Es ist jedoch wichtig, dabei die Fersen anzuheben, um die Drehung des Oberkörpers und der Hüfte beim Ausführen des Hiebs abzufedern. Die Drehung des Körpers wird von der Bewegung der rechten Hand begleitet; diese sollte von der Schulter bis zum Griff hinuntergleiten, wo sie auf die linke Hand trifft. Der Blick des Holzfällers sollte beim Fällen immer auf die Einschlagstelle gerichtet sein. Wichtiger als die eingesetzte Kraft ist die Präzision des Hiebs; die durch das Gewicht des Blattes entstehende Trägheit verleiht dem Einschlag seine Wucht. Die Einschnitte sollten V-förmig angesetzt werden, wobei die Klinge so angewinkelt wird, dass sie abwechselnd schräg und waagerecht schneidet. Die losgelösten Holzsplitter müssen dabei stetig aus der Einschlagstelle entfernt werden, bis die gewünschte Tiefe erreicht ist. Die erste Kerbe, die Fallkerbe, sollte in einer Höhe von einem Meter angesetzt werden; diese Kerbe gibt die Fallrichtung vor, weshalb sie zur Fällbahn hin erfolgt. Die Tiefe der Kerbe darf nicht kleiner, aber auch nicht größer sein als der Radius des Stammes. Der Fällschnitt wird auf der gegenüberliegenden Seite 20 bis 30 Zentimeter über der Fallkerbe vorgenommen. Der Baum fällt, wenn der Fällschnitt tiefer als der Radius des Stammes ist, vom Holzfäller aus gesehen nach vorne. Wenn der Baum stürzt, wird vom Holzfäller erwartet, dass er einen Warnruf ausstößt.

 

Gestern habe ich meinen ersten Baum gefällt. Es war eine Kiefer, es hat Zeit gebraucht. Meine Hände bluteten, mein Rücken hörte nicht auf, sich zu verkrampfen. Das Seltsame ist, dass ich nichts gespürt habe, als der Baum fiel. Kurz vorher knirschte der Stamm, im Inneren begann das Holz zu knacken, es krachte wie eine Salve von 100 Gewehren, dann der Sturz und der Aufschlag.

Der Aufprall der Kiefer auf dem Waldboden war so hart, dass ich ihn eher spürte als hörte, als hätte sie beim Fallen die Luft eingesogen und beim Aufprall mit einer gewaltigen Wucht, mit einem Hammerschlag auf die Brust wieder ausgestoßen. Ich hatte nicht damit gerechnet, fast wäre ich rücklings zu Boden gekippt.

Und dann Stille. Absolute Stille. Ich war allein auf der Welt, vor einer niedergerungenen Kiefer. Eine Weile blieb ich neben dem Baumstumpf stehen, als würde ich noch darauf warten, dass irgendetwas passiert. Es passierte nichts. Ich spürte nichts.

Ich nahm die Axt und kehrte ins Lager zurück.

 

Trummsäge. Die Trummsäge (oder Zugsäge) ist das zweitwichtigste Werkzeug des Holzfällers. Sie wird zum Zerlegen des gefällten Baumes verwendet und mit vier Händen bedient. Wie die Axt besteht auch die Trummsäge aus zwei Teilen: einem aus Stahl und einem aus Holz, in der Regel Kiefer. Das Stahlteil ist ein gezahntes Sägeblatt, dessen Länge zwischen einem und vier Metern beträgt (je nach Breite des zu zerlegenden Stammes). Die Säge verfügt über zwei hölzerne Griffe, einen an jedem Ende des Blattes. Die Klinge ist dünn und biegsam, mit Schrägschliff (um in beide Richtungen zu schneiden). Die gezahnte Seite des Sägeblatts ist gekrümmt und wird von den Holzfällern gemeinhin als Bauch bezeichnet; die gegenüberliegende Seite des Sägeblatts ist gerade. Dies ermöglicht, dass der erste Einschnitt vom Scheitelpunkt des Bauches aus über eine kleinere Fläche erfolgt, was die Reibung verringert und das Eindringen der Säge in den Stamm erleichtert. An beiden Enden des Blattes befindet sich jeweils ein Öhr, das den Hals (den unteren, schmaleren Teil des Griffs) umfasst. Das Holz der Griffe (oder Bügel) ist zylindrisch und misst etwa 30 Zentimeter, von denen etwa zehn Zentimeter auf den unteren Teil entfallen. Die restlichen 20 Zentimeter bieten dem Holzfäller genügend Platz, um den Griff mit beiden Händen festzuhalten. Der obere Teil des Griffs endet in einem abgerundeten Knauf, der dazu dient, ein Abrutschen der Hände zu verhindern. Da es sich um ein gemeinsam verwendetes Werkzeug handelt, ist die emotionale Bindung zwischen Holzfäller und Säge (im Gegensatz zur Axt) nicht sonderlich ausgeprägt und die Anzahl der Bräuche in Bezug auf die Säge entsprechend gering. Der einzige, der mir aufgefallen ist und erwähnenswert erscheint, zeigt sich beim Gebrauch (siehe Gebrauch) der Trummsäge. Um beim Sägen den Rhythmus einzuhalten, gibt das Holzfäller-Paar das Tempo mit einem kehligen, tief in der Brust gebildeten Brummen vor; es ähnelt dem Khoomei, dem Kehlgesang der Tuwa in Sibirien. Ich habe heimlich versucht, es nachzuahmen. Vergebens. Ich habe es zwar geschafft, einen kehligen Klang zu erzeugen, aber es gelang mir nicht, gleichzeitig den Oberton hervorzubringen.

Pflege. Die Pflege des Blattes fängt bei der regelmäßigen Reinigung an. Indem man das Blatt sauber hält, wird Verschleiß und Korrosion vorgebeugt. Für die Reinigung bzw. die Entfernung von Schmutz empfiehlt es sich, ein Lösungsmittel auf Petroleumbasis zu verwenden. Besondere Aufmerksamkeit sollte der Reinigung der wichtigsten und zugleich empfindlichsten Bestandteile der Säge gewidmet werden: der Zähne. Nach der Reinigung sollte die Säge mit einem feinen säurefreien Öl behandelt werden, zum Beispiel mit in Mineralöl verdünntem Lithiumfett. Wann immer die Säge nicht im Einsatz ist, empfiehlt es sich, das Sägeblatt in einer Schutzhülle an einem trockenen Ort aufzubewahren. Es ist darüber hinaus sehr wichtig, die Zähne zu schärfen, da diese andernfalls brechen können und außerdem die Gefahr besteht, dass die Säge klemmt. Für diesen spezifischen Teil der Pflege sind drei Schritte zu befolgen: Erstens muss die Zahnspitzenlinie gleichmäßig gehalten, zweitens müssen die Zahnwinkel vertieft und drittens müssen die Zähne geschärft werden. Um die Zahnspitzenlinie auf einer Höhe zu halten, sollte eine Dreikantfeile benutzt werden, die schnell und ohne übermäßigen Druck über die Zahnspitzen zu führen ist. Dieses Verfahren gleicht die Höhe der Zähne an und legt eine helle Stelle auf jedem Zahn frei (diese Stelle wird gemeinhin als „Diamantspitze“ bezeichnet). Diese Diamantspitzen dienen dem Holzfäller beim Schärfen der Säge als Orientierung. Der zweite Schritt besteht darin, die Zahnlücken zu vertiefen. Es handelt sich hierbei um die Lücken zwischen den einzelnen Zähnen, um den negativen Raum, der das Profil erzeugt, das das Sägen ermöglicht. Um die Zahnlücken zu vertiefen, empfiehlt sich die Verwendung einer schmalen Dreikantfeile, die in die Zahnlücke geführt wird. Durch die Ausübung kräftiger Stöße wächst der Abstand zwischen Zahngrund und Diamantspitze, während der Abstand zwischen Zahnspitze und Zahngrund beibehalten wird, zumal sich bei jedem Nachschärfen auch die Höhe der Zähne verringert. Es ist notwendig, diesen Abstand immer wieder neu herzustellen. Der dritte Schritt besteht im Schärfen der Zähne, wofür eine Dreikantfeile zu benutzen ist. Die Säge sollte so positioniert werden, dass das Blatt nach oben gerichtet ist; am besten gelingt das zu dritt: Je ein Holzfäller auf einer Seite hält die Säge fest, damit das Blatt nicht verrutscht, während der dritte feilt. Die Feile sollte senkrecht in einem Winkel von 60° geführt werden, bis eine glänzende Kante sichtbar wird; es ist ratsam, nicht zu viel Druck auszuüben oder den Zahn mehr als nötig zu schärfen, denn die Zähne sind zerbrechlich und es kann zu einem Bruch oder einer Überschärfung des Blattes kommen. Für jeden abgeschrägten Zahn sind vier Feildurchgänge erforderlich; beide Seiten müssen geschliffen werden, sowohl die Vorder- als auch die Rückseite. Winkel und Abstand zwischen den Zähnen werden je nach Beschaffenheit des zu zersägenden Stammes bemessen; bei Weichhölzern wie Kiefern ist der Keilwinkel größer, bei Harthölzern wie Eichen oder Ulmen wird eine steilere Neigung bevorzugt. Ordentlich geschärfte Zähne ermöglichen ein gleichmäßiges Zersägen der gefällten Stämme, wogegen eine mangelhafte Schärfung sich sofort bemerkbar macht und zum Klemmen der Säge führt. Die Holzfäller im Lager beherrschen das Metier wie eine Kunst und die von ihnen bearbeiteten Sägeblätter sind wahre Meisterwerke. Die Besten unter ihnen sind in der Lage, einen Baumstamm zu durchtrennen, als wäre er nichts. Ich habe einmal einem außergewöhnlichen Duo zugesehen, wie es einen Baum mit einem Durchmesser von vier Metern in weniger als einer Minute zersägt hat. Eine Wolke aus Sägespänen umhüllte die beiden, ich musste ganz nah herantreten, um den zerlegten Stamm zu sehen.

Gebrauch. Bevor mit dem Sägen begonnen wird, sollte der gefällte Stamm so beschnitten werden, dass er glatt und frei von Ästen ist (dickere Äste können wie ein Stamm behandelt werden). Um den Stamm von Astansätzen zu befreien, verwendet man die Axt. Hat man die zu durchtrennenden Stellen festgelegt, ist es wichtig, die Rinde zu entfernen, um ein Klemmen der Säge zu verhindern und einen sauberen Einschnitt zu ermöglichen. Sowohl die Rinde als auch darunter liegender Schmutz können die Zähne des Blattes abstumpfen. Um den Stamm von der Rinde zu befreien, empfiehlt es sich, mit gemessenen Axthieben vorzugehen. Die beiden Holzfäller sollten sich jeweils an einer Seite des Stammes aufstellen und das Sägeblatt an die (freigelegte, entrindete) Stelle führen. Jeder Holzfäller hält den jeweiligen Griff mit beiden Händen, wobei die Arme einen Winkel von 45° annehmen. Die Körperhaltung ist für ein effizientes Sägen wichtig; man sollte das Gesicht dem gefällten Stamm zuwenden und einen der Länge der Säge entsprechenden Abstand einhalten. Der Holzfäller muss seinen Körper um 20° bis 25° nach rechts drehen, so dass er schräg zum Baum steht und sein rechtes Bein ein wenig vom Baumstamm entfernt ist. Während des Sägens gilt es, die Füße so aufzusetzen, dass die angewinkelten Knie und die Hüfte den beim Sägen erzeugten Schwung abfedern. Es ist wichtig, dass die Holzfäller einen effizienten Rhythmus finden, indem sie abwechselnd am jeweiligen Griff ziehen; es sollte dabei niemals Druck gegen die Klinge ausgeübt werden, da diese andernfalls klemmen und den Stahl in Mitleidenschaft ziehen kann. Beim Sägen und Vertiefen des Einschnitts ist es möglich, dass sich die entstandene Spalte verengt und die Trummsäge stecken bleibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, hängt von der Gewichtsverteilung des Baumstamms und seiner Position auf dem Waldboden ab. In einem solchen Fall empfiehlt es sich, einen Holzkeil in den Schlitz zu treiben, um diesen zu verbreitern, indem mit dem Stielknauf gegen den Keil geschlagen wird. Durch dieses Vorgehen sollte die Säge befreit und die Wiederaufnahme der Ziehbewegungen durch die Holzfäller ermöglicht werden. Alternativ kann mit dem Schneiden an der Unterseite des Stammes begonnen werden, so dass durch die Positionierung weniger Druck erzeugt wird. Dabei wird die Säge von unten nach oben geführt, wobei die Zähne nach oben zeigen. Sollte es unterhalb des Stammes nicht genügend Raum geben, kann mit Hilfe einer Schaufel ein Loch ausgehoben werden, um einen reibungslosen Einsatz der Säge zu ermöglichen. Bei grünen Stämmen kommt es häufig vor, dass beim Sägen Baumsaft über das Blatt läuft und sich dort ablagert. Solche Ablagerungen können dazu führen, dass das Blatt klemmt und die Sägebewegungen erschwert werden. Um dies zu vermeiden, ist es üblich, einen Flachmann mit Kerosin am Gürtel bereitzuhalten, mit dem der am Stahl haftende Baumsaft entfernt werden kann. Wann immer sich die Bewegung der Säge „zäh“ anfühlt, gießt der Holzfäller Kerosin in die Rille. Ist der Fuß des Stammes erreicht, gilt es zu verhindern, dass die Säge mit Erdreich oder Steinen in Berührung kommt, um die Zähne zu schützen. Zu diesem Zweck wird empfohlen, unter dem umgestürzten Baumstamm eine Vertiefung auszuheben (wie oben erwähnt, mit einer Schaufel); ein in dieser Vertiefung platzierter Holzklotz verhindert das plötzliche Abrutschen des Blattes. Beim Transportieren der Trummsäge von einem Einsatz zum nächsten wird das Sägeblatt auf die Schulter gestützt, wobei die Zähne nach außen zeigen und die rechte Hand den vorderen Griff hält. Aufgrund der Biegsamkeit des Sägeblatts und des Eigengewichts der Säge kann es vorkommen, dass diese sich krümmt; dies ist normal und verursacht keinerlei Schäden am Stahl. Führt man die Säge mit sich, sollte man sich stets ihrer Maße sowie des eigenen Bewegungsradius bewusst sein und auf die Anwesenheit anderer Holzfäller, Äste, Stämme, Stümpfe usw. achten. Bei längeren Trummsägen ist es wichtig, das Sägeblatt zu zweit zu tragen, damit der hintere Griff nicht über den Waldboden schleift. Ich bin immer wieder erstaunt über die Koordination der Holzfäller bei der Arbeit mit der Trummsäge, über den Rhythmus ihrer Bewegungen. Sie sprechen nicht einmal miteinander, es ist, als wüssten sie, was der andere denkt, als würde sich, wenn sie den Griff anpacken, ein Kreislauf schließen, der dieses kehlige Summen, das sie von sich geben, hervorruft. Ich habe das Gefühl, dass das Hin und Her des Sägens einen meditativen Zustand, eine Art Selbstvertiefung, herbeiführt, und dass die Holzfäller erleuchtet aus ihrer Arbeit hervorgehen.

 

In der Mitte des Lagers steht eine von den Holzfällern gebaute Holzhütte. Im Inneren befinden sich ein Ofen sowie ein paar ebenfalls von ihnen gezimmerte Stühle und Tische.

Eine Leiter führt zu einer schmalen Mansarde, wo ein kleines quadratisches Fenster den Blick auf die Berge freigibt. Gestern Abend bin ich hinaufgeklettert, um zu sehen, was es mit diesem Raum auf sich hat. In einer Ecke saß der haitianische Holzfäller. Ein hochgewachsener Mann, über ein Notizbuch gekrümmt. In seinen dicken Fingern hielt er die letzten Zentimeter eines Bleistifts. Er schrieb.

 

Schäleisen. Das Schäleisen ist ein Werkzeug, das die Holzfäller benutzen, um Stämme zu entrinden, nachdem diese entastet und zerteilt wurden. Das Schälen der Rinde geschieht aus verschiedenen Gründen, der Hauptzweck ist jedoch die Haltbarmachung des Holzes; die Rinde beherbergt Insekten und speichert Feuchtigkeit; beides führt zu Verfall. Durch das Entfernen der Rinde wird die Langlebigkeit des Stammes gefördert. Wie die Axt besteht auch das Schäleisen aus zwei Materialien: Stahl und Holz. Das erste Teil ist der Schaft (in der Regel aus Kiefernholz), das zweite die Stahlklinge und das dritte die Tülle (ebenfalls aus Stahl), die den Schaft mit der Klinge verbindet. Der Schaft ähnelt dem Stiel einer Schaufel, ist jedoch länger und misst etwa 130 Zentimeter; diese Länge ermöglicht es dem Holzfäller, die Rinde großer Stämme ohne Schwierigkeiten zu entfernen. Das obere Ende des Schafts ist breiter und mündet in einen runden Knauf; dieser gewährleistet eine bessere Griffigkeit, insbesondere wenn Hebelkraft angewendet wird. Der Knauf ermöglicht eine flexiblere Handhabung des Schäleisens und verhindert das Abrutschen der Hände. Am unteren Ende des Schafts (die letzten 20 Zentimeter) verbreitert sich das Holz ebenfalls; dies dient dazu, den Halt der Klinge zu verbessern. Die Verbindung zwischen Schaft und Klinge ist die Schwachstelle des Werkzeugs, weshalb es wichtig ist, dass das Holz fest darin liegt. Der restliche Schaft (zwischen Knauf und Tülle) ist gerade und glatt, um eine flüssige Bewegung der Hände entlang der Holzfläche zu ermöglichen. Das zweite Bauteil ist die Klinge. Es handelt sich um eine gerade, flache Stahlklinge mit einer etwa 14 Zentimeter breiten Schneide bei etwa 20 Zentimetern Länge (die Tülle ausgenommen). Die dünne Klinge ermöglicht es dem Holzfäller, sie unter die Rinde zu schieben, selbst wenn diese eng am Stamm haftet. Durch ihre Länge kann die Klinge weit unter die Oberfläche eingeführt werden, um die Hebelwirkung zu verbessern. Der dritte Bestandteil ist die Tülle. Die Tülle hält Schaft und Klinge zusammen; sie ist das verbindende Element. Am oberen Ende der Tülle (im Rohr) sitzt der Schaft fest, während die Klinge am unteren Ende von zwei Platten eingefasst ist. Ich habe den Eindruck, dass das Schäleisen für die Holzfäller keine sonderlich große Bedeutung hat und konnte keine besonderen Bräuche beobachten, die damit in Verbindung stehen; es scheint sich um einen Gegenstand zu handeln, der ganz und gar auf seinen Zweck reduziert wird und dem keine identitätsstiftende Funktion innerhalb des Lagers zukommt. Ich nehme an, dass die Holzfäller, wenn es dieses Werkzeug nicht gäbe, zum Entrinden der Stämme ganz einfach auf ihre Äxte zurückgreifen würden. Vielleicht habe ich mich gerade deshalb für das Schäleisen interessiert, für seine Randständigkeit, für sein Schattendasein.

Pflege. Bei der Pflege des Schäleisens ist vor allem die Wartung von Klinge und Tülle wichtig. Diese Teile sind am anfälligsten für Schäden, die die Nutzung des Werkzeugs beeinträchtigen können. So wie die Axt sollte auch die Klinge in regelmäßigen Abständen mit einem runden Stein bzw. einem glatten Handstein geschärft und dabei mit Wasser befeuchtet werden. Es wird empfohlen, die Klinge nach Möglichkeit aus der Tülle zu lösen, damit der Stahl richtig geschärft werden kann. Der Winkel der Klinge zum Stein sollte 20° betragen, und die Reibung sollte abwechselnd auf beiden Seiten erfolgen, bis die Klinge scharf ist. Im Gegensatz zum Axtblatt werden beim Schäleisen eine feinere Schneide und ein sanfterer Winkel am Blatt bevorzugt. Nach dem Schärfen der Klinge und vor dem Wiederanbringen an der Tülle sollte der Stahl mit Lithiumfett eingeschmiert werden, um Rost vorzubeugen. Es ist wichtig, das Schäleisen scharf zu halten, da sonst die Gefahr besteht, dass die Klinge zu Schaden kommt und das Entrinden erschwert wird. Eine stumpfe Klinge neigt dazu, die Rinde aufzureißen, so dass einzelne Reste am Stamm zurückbleiben. Schlimmer noch, es kann zu Rissen und Brüchen im Stahl kommen, wenn das Metall bei unsachgemäßer Schärfung der Schneide über Gebühr beansprucht wird. Auch die Spannung zwischen den drei Bestandteilen ist zu beachten; hier ist die Beschaffenheit der Tülle entscheidend. Der Schaft muss sicher in der Öffnung sitzen, wobei die Abstufung des Hohlraums und die des Holzes aufeinander abgestimmt sein müssen. Die Tülle sollte regelmäßig nachjustiert werden; durch die wiederholten Bewegungen bei der Benutzung des Schäleisens ist zu erwarten, dass sich der Schaft nach einer gewissen Zeit löst. Ein weiterer zu berücksichtigender Faktor ist die Auswirkung der Luftfeuchtigkeit auf den Zusammenhalt, da das Kiefernholz je nach Luftfeuchtigkeit aufquillt bzw. sich zusammenzieht. Diese Schwankungen wirken sich auf die Verbindung von Schaft und Tülle aus; auch hierbei handelt es sich um ein häufig auftretendes Problem, das durch die Pflege der Tülle behoben wird. Der Schaft wird mit Leinöl behandelt, wobei darauf zu achten ist, dass er keiner Feuchtigkeit ausgesetzt wird. Besonders aufmerksam sollte man das Verbindungsstück des Werkzeugs überprüfen; zwischen Tülle und Schaft sammelt sich häufig Feuchtigkeit an, was bei mangelnder Pflege dazu führen kann, dass das Kiefernholz verfault. Aus demselben Grund ist die Innenseite der Tülle anfällig für Rost. Es empfiehlt sich daher, den Schaft regelmäßig aus der Tülle zu lösen; der untere Abschnitt des Schafts sollte geschmirgelt und mit Leinöl behandelt werden, bevor er wieder eingesetzt wird. Zudem sollte auch eine Rundfeile über die Innenseite der Öffnung geführt und der Stahl mit Lithiumfett behandelt werden. Beim Zusammenfügen beider Teile ist darauf zu achten, dass die Tülle dicht am Schaft sitzt, um das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern. Dieser Vorgang sollte wöchentlich wiederholt werden, um die Lebensdauer des Werkzeugs zu verlängern. Kurios ist, dass die Holzfäller, obwohl sie keinen Hehl aus ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Schäleisen machen, die Pflege nicht im Geringsten vernachlässigen. Es wird genauso gewartet und gepflegt wie die anderen Werkzeuge auch. Viel Sinn ergibt das in Wirklichkeit nicht. Es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass sie die Arbeit ebenso gut mit ihren Äxten erledigen könnten. Und dennoch halten sie weiter am Schäleisen fest. Nachvollziehen kann ich das nicht.

Gebrauch. Das Tempo bei der Entrindung mit dem Schäleisen hängt von drei Faktoren ab: der sachgemäßen Pflege (siehe Pflege), dem korrekten Einsatz des Werkzeugs und der Jahreszeit, in der der zu entrindende Baum gefällt wurde. Bäume, die im Frühjahr gefällt werden, lassen sich leichter entrinden, da in dieser Zeit die Vegetationsperiode beginnt, in der sich die Rinde infolge der Zunahme des Durchmessers und der Porosität der neu heranwachsenden Holzschicht (des Kambiums) vom Holz löst. Diese Lockerung der äußeren Schichten des Stammes erleichtert das Entrinden; in manchen Fällen löst sich die Rinde so stark, dass sie bei der leichtesten Berührung abfällt. In den übrigen Jahreszeiten befinden sich die äußeren Schichten (Kambium, Bast und Borke) in einem trockeneren, festeren Zustand; die Rinde ist praktisch mit dem Stamm verkittet, was die Arbeit mühsamer und zeitaufwendiger macht. Bevor das Schäleisen zum Einsatz kommt, muss der Stamm auf das Entrinden vorbereitet werden. Dies geschieht, indem entlang des gesamten Stammes eine „Furche“ geschlagen wird. Die Furche wird mit der Axt vorbereitet, mit leichten Hieben, die die Rinde durchdringen, ohne dabei das Kambium zu beschädigen. Dieser Vorgang wird so lange wiederholt, bis eine Furche, die von einem Ende des Stammes zum anderen verläuft, entsteht; dies erlaubt es dem Holzfäller, die Klinge des Schäleisens einzuführen und unter die Rinde zu schieben, so dass sich der Stamm mit einer leichten Hebelbewegung schälen lässt. Beim Entrinden mit dem Schäleisen sollte der Holzfäller den Griff folgendermaßen halten: Die stärkere Hand (in der Regel die rechte) übt bei der Hebelbewegung die meiste Kraft aus. Sie sollte daher am oberen Ende des Griffs sitzen, wobei es die Handfläche ist, die das Werkzeug lenkt. Die andere Hand (in der Regel die linke) wird um zwei Drittel tiefer angesetzt und hält den Griff so, dass der Handrücken nach vorne zeigt und die Klinge in die Öffnung der Rinde (die Furche) führt. Sobald die Klinge in die Furche eindringt, gleitet die untere Hand in Richtung der anderen Hand (in Richtung des Knaufs), so dass die Hebelwirkung mit beiden Händen ausgeübt wird. Bei der Kraftanwendung ist es wichtig, die Beine auseinanderzuspreizen und die Füße fest aufzusetzen. Der Vorgang wird so oft wiederholt, bis der Stamm vollständig entrindet ist. Bei der Mitnahme des Schäleisens von einem Einsatz zum nächsten sollte der Schaft senkrecht und dicht am Körper des Holzfällers getragen werden, wobei der obere Teil auf der Schulter ruht und die Klinge den Kopf überragt (ähnlich der korrekten Form, ein Bajonett zu schultern).

 

Es heißt, dass es im Wald Wölfe gibt. Ich habe noch keinen gesehen, aber nachts höre ich das Geheul. Manchmal denke ich, es ist der Wind, der von den Bergen kommt, manchmal lasse ich mich aber doch überzeugen.

In der Hütte gibt es einen einarmigen Alten. Es wird behauptet, dass er von einem Wolf angegriffen worden sei, der seine Hand völlig zerfetzt habe, und dass er sich, als er verwundet und blutend ins Lager zurückkehrte, an einen Baumstumpf gesetzt und die zerschundene Hand abgehackt habe.

Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Das einzige Mal, als ich ihn allein in der Hütte antraf, traute ich mich nicht in seine Nähe. Er wirkte niedergeschlagen. Ein einarmiger Holzfäller ist hier zu nichts zu gebrauchen.

Ich kann mich nicht an das Geheul gewöhnen.

 

Dendrochronologie. Die Dendrochronologie ist die Wissenschaft, die es den Holzfällern erlaubt, das Alter der Bäume (in Jahren) zu bestimmen, indem sie die im Querschnitt sichtbaren Wachstumsringe zählen. Obwohl sie streng genommen keine Dendrochronologen sind, wurde dieses Wissen unter den Holzfällern über Generationen hinweg weitergegeben. Im Allgemeinen ist das Alter eines Baumes für den Holzfäller wichtiger bzw. identitätsprägender als seine Größe. Das Alter eines gefällten Baumes lastet auf seinen Schultern. Immer wenn ein altgewordener Baum gefällt wird, werden Bemühungen unternommen, um das genaue Alter zu ermitteln. Zu diesem Zweck steht dem Holzfäller das Wissen der Dendrochronologie zur Verfügung: Nach dem Fällen eines Baumes beugt er sich über den Stumpf und liest die konzentrischen Ringe ab. Es ist die Literatur der Holzfäller. Sie lesen die Jahrhunderte, die Vergangenheit, das Klima, die Waldbrände, die Dürren, die Überschwemmungen, die Kälteperioden, die Asche und den Schädlingsbefall. Sie lesen alles, bis sie den letzten Ring erreichen und sich dort selbst eingeschrieben wiederfinden, mit der Axt in der Hand; dort lesen sie den Tod. Die Dendrochronologie wurde im 20. Jahrhundert vom Astronomen A. E. Douglass begründet, doch das Wissen um die Jahresringe und die informelle Anwendung dieses Wissens besteht schon seit über zwei Jahrtausenden. Um den Gedanken hinter der Dendrochronologie besser zu verstehen, ist es wichtig, die Beschaffenheit und Entwicklung eines Baumstamms zu kennen. Die Wachstumsringe entstehen durch die Vergrößerung des Gefäßkambiums (eines Lateralmeristems). Im Gefäßkambium entsteht neues Wachstum, was zur Ausbildung von Ringen führt. Die Geschwindigkeit des Wachstums des Gefäßkambiums hängt von der Jahreszeit in der betreffenden Region ab. Im Frühling ist das Wachstum stärker, und genau in dieser Zeit nimmt der jüngste Ring am meisten zu. In dieser Phase beschleunigten Wachstums ist der Ring aber auch weniger dicht. Der Grund hierfür ist, dass das schnellere Wachstum das Kambium leichter und poröser werden lässt. Im Sommer und im Winter ist das Wachstum langsam oder kommt fast vollständig zum Erliegen, was eine größere Dichte des Kambiums und eine dunklere Färbung der Außenseite des Ringes zur Folge hat. Diese Wachstumsmuster können je nach den klimatischen Bedingungen der jeweiligen Region variieren. In gemäßigteren Gebieten, in denen der Wechsel der Jahreszeiten ausgeprägter ist, sind die Ringe wesentlich schärfer voneinander getrennt. Angesichts der ausgeprägten nördlichen Lage des Yukon ist das Wachstum im späten Frühjahr und in der ersten Sommerhälfte, wenn das Wetter milder ist und es die meisten Sonnenstunden gibt, am stärksten. Der innere (schnell wachsende) Teil des Rings ist blasser und weitlumiger; die Holzfäller bezeichnen ihn als „Früh-“ oder „Weitholz“ oder „Herbstholz“. Es ist diese Abwechslung von porösem und dichtem Kambium, die die konzentrischen Ringe im Querschnitt eines Baumstamms erzeugt.

Zusammensetzung. Die ältesten Ringe des Stammes, das heißt diejenigen, die dem Ursprung des Baums am nächsten sind, befinden sich in der Mitte des Querschnitts; dieser Bereich wird als Mark bezeichnet. Bei dem Mark handelt es sich um den dunkelsten Teil des Stammes; die Färbung ist die Folge der Einlagerung von Mineralien, Ölen und Harzen im Laufe der Jahre. In diesem Teil des Stammes ist die Stoffwechselaktivität gering; die meisten Markzellen sind abgestorben oder geschwächt, weshalb die Konsistenz des Marks korkig sein kann. Der Radius dieses mittleren Bereichs ist verhältnismäßig klein und entspricht lediglich etwa 5 % des Stammes. Der Durchmesser der Ringe innerhalb des Marks liegt im Millimeterbereich, ist jedoch von Baumart zu Baumart variabel. Die Ringe, die sich bilden, wenn der Baum das Erwachsenenalter erreicht hat, befinden sich im Bereich des Stammes, der als Kernholz (oder inneres Xylem) bezeichnet wird. Das Kernholz umgibt das Mark und besteht aus dickeren, verkernten, abgestorbenen Zellen, die der Wasser- und Nährstoffzufuhr entlang des Stammes dienen. Über die Äste werden das Wasser und die Nährstoffe weiter zu den Blättern geleitet. Die Zellen sind so beschaffen, dass sie das Kernholz vor Pilz- oder Insektenbefall schützen. Das Kernholz ist von einer dritten Schicht, dem Splintholz (oder äußeren Xylem), umgeben. Dieser Bereich des Stammes besteht aus neueren, lebenden Zellen und ist daher heller und anfälliger für Pilze und Insekten. Das Splintholz bildet den größten Teil des Stammes, insbesondere bei jungen Bäumen. Es erfüllt eine ähnliche Funktion wie das Kernholz. Die vierte Schicht ist das Kambium (oder Gefäßkambium), das sich zwischen dem Splintholz und der Rinde befindet. Wie im vorigen Abschnitt erwähnt (siehe Schäleisen: Gebrauch), ist das Kambium eine dünne Schicht lebender Zellen, die für das Wachsen des Baumes in zwei unterschiedliche Richtungen verantwortlich sind. Es produziert im Inneren neue Zellen, die konzentrische Ringe bilden und für die Dicke des Splintholzes (des Xylems) verantwortlich sind, und vergrößert in geringerem Maße den Stamm auch nach außen, indem es die innere Rindenschicht (das Phloem) erneuert. Das Kambium ist im Frühjahr und in den ersten Sommerwochen besonders aktiv. Dieses Wachstum in zwei Richtungen führt dazu, dass die Rinde vom Splintholz getrennt ist, was die Entrindung (siehe Schäleisen: Gebrauch) erleichtert. Die letzte Schicht ist die Rinde, die aus einer inneren und einer äußeren Schicht besteht. Die innere Rinde (Bast oder Phloem) ist die durch das Kambium erneuerte Schicht. Sie besteht aus lebenden Zellen, die für die Nährstoffzufuhr (vor allem von Zucker) über die äußeren Schichten des Baumes von bzw. zu den Wurzeln verantwortlich sind. Auf dieser dünnen Schicht liegt die äußere Rinde (die Borke). Dieser Teil der Rinde bildet eine Schale aus abgestorbenen Zellen, die den Baum vor Witterung, Schädlingen, Feuer, Insekten, Pilzen usw. schützt. Die Merkmale der Borke unterscheiden sich von Baumart zu Baumart. Vor ein paar Tagen ist ein Holzfäller auf eine Kiefer gestiegen, um sie vor dem Fällen von Ästen zu befreien. Weil die Rinde lose war, rutschte er ab, fiel etwa 20 Meter in die Tiefe und schlug mit dem Kopf gegen einen Felsen auf. Ich befand mich in der Nähe und habe die Blutspritzer gesehen. Das Blut rann den Stamm hinab wie Baumsaft, bis hinunter zu den Wurzeln.

Methoden. Eine dendrochronologische Untersuchung kann auf zweierlei Weisen durchgeführt werden: durch einen Querschnitt oder durch die Entnahme einer Probe mit einem Zuwachsbohrer. Die von den Holzfällern angewandte Methode ist die des Querschnitts; die Dendrochronologie ist schließlich Teil ihrer Arbeit. Der Vorteil dieser Methode ist, dass sie ein vollständiges Bild des ringförmigen Wachstums des Stammes vermittelt. Die zweite Methode wird von Dendrochronologen angewandt, um lebende Bäume zu untersuchen und zu datieren, ohne sie zu töten. Bei diesem Verfahren wird ein Zuwachsbohrer in den Stamm bis ins Mark eingeführt, um eine Probe zu entnehmen, die die Zeitspanne von der Entstehung des Baumes bis zur Gegenwart abbildet. Wird das Verfahren während der Vegetationsperiode (Frühjahr) durchgeführt, entspricht der letzte sichtbare Ring dem laufenden Jahr. Geschieht dies nach Ablauf der besagten Jahreszeit, so ist der Ring dem Vorjahr zuzuordnen. Der Zuwachsbohrer ist ein T-förmiges Werkzeug: Der längste Teil, der Bohrer an sich, ist aus Stahl; der senkrechte Teil ist der Schaft, der normalerweise aus Massivholz besteht. Mit dem dritten Teil, einer an der Bohrerschneide angebrachten Bohrnadel, wird dem Baumstamm die Probe entnommen. Der Bohrer ist zwischen 200 und 900 Millimeter lang. Die spiralförmige Spitze ermöglicht es, den Bohrer in den Stamm einzuführen. Die Spiralen umgeben die Öffnung (oder das Auge), durch das die Probe in den hohlen Innenraum der Sonde geschoben wird. Der Durchmesser des Auges beträgt etwa fünf Millimeter. Um eine brauchbare Probe zu entnehmen, muss der Dendrochronologe die Spitze des Bohrers in einer Höhe von höchstens einem Meter über dem Waldboden in die Rinde des Baumes einführen. Die Einstichstelle ist wichtig: Bei dickeren Rinden empfiehlt es sich, die raueren Teile der Rinde zu vermeiden und den Einstich an einem Riss vorzunehmen, da die korkige Struktur der Rinde das Vordringen des Bohrers behindern kann. Bei dem Vorgehen wird der Schaft mit der einen Hand festgehalten, während die andere den Bohrer in den Stamm einführt (um eine brauchbare Probe zu entnehmen, sollte er so gerade wie möglich in den Stamm eindringen). Sobald eine ausreichende Tiefe erreicht ist und der Bohrer stabil im Stamm sitzt, wird der Schaft mit beiden Händen angepackt, um die Spitze mit größtmöglicher Kraft in den Stamm zu winden. Dabei wird der Bohrer im Uhrzeigersinn gedreht und in den Stamm hineingedrückt. Auf keinen Fall darf der Bohrer mit einem Hammer eingeführt bzw. geschlagen werden; dies würde die Stahlspitze beschädigen und den Bohrer möglicherweise verkrümmen. Der Bohrer wird so weit eingedreht, bis die gewünschte Tiefe erreicht ist. Sobald der Bohrer ins Mark vorstößt, wird der Rundstahl mit der Bohrkrone durch das freiliegende Ende eingeführt; die Spitze der Bohrkrone wird in die Öffnung gesteckt und durch den Hohlraum geführt. Das Innere des Rohrs ist so abgestuft, dass sich die Krone, sobald sie das Ende der Sonde erreicht, in einem Winkel anhebt, der es ermöglicht, die Spitze der Probe abzutrennen und aus dem Baum zu entnehmen. Aus diesem Grund ist die Bohrkrone wie eine offene Kanüle geformt, die die Probe einschließt. Die gezackte Spitze der Bohrkrone ermöglicht es, das Ende der Probe vom Mark abzutrennen. Dies geschieht durch einmaliges Drehen des Schafts um 360°; es ist wichtig, dass die Zacken der Bohrkrone vor der Probeentnahme richtig positioniert sind. Zur Entnahme wird die Bohrkrone aus der Sonde gezogen; dabei ist Vorsicht geboten, um eine Beschädigung der Probe zu vermeiden. Es ist empfehlenswert, das Verfahren an mehr als einer Stelle am Stamm zu wiederholen, um das Innenleben des Baumes genauer abzubilden und eine vollständigere Chronografie des einzelnen Exemplars zu erstellen. Mehrere Proben ermöglichen es, zusammenhängende Erscheinungen im gesamten Baum zu erkennen und zu vergleichen sowie eventuelle Abweichungen auf einen bestimmten Bereich einzugrenzen. Das Skelettdiagramm (skeleton plot) ist ein Beispiel für diese Vergleichsmethode; es stellt die Übereinstimmungen und Abweichungen dar, die in mehreren aus demselben Exemplar entnommenen Proben zutage treten. Die Wiederholung dieses Verfahrens gefährdet den Baum nicht; die bei der Bohrung entstandenen Löcher werden durch die natürlichen Abwehrkräfte des Baumes abgedichtet, so dass die Nährstoffe weiterhin durch den Stamm fließen können und die Anfälligkeit für Insekten, Pilze und andere Schädlinge gering bleibt.

 

Es hat geschneit. Es ist nicht die Zeit für Schneefall, aber eine Kaltfront hat einen halben Meter Schnee hinterlassen. Auf das Lager hatte das keine Auswirkungen, man ist es gewohnt. In der Nacht haben wir in der Hütte Holz verfeuert. Daran mangelt es nicht.

Im Schnee sind Fußabdrücke zurückgeblieben. Ich habe die Abdrücke der Holzfäller mit meinen eigenen verglichen und musste an meine verwischten Fußabdrücke im Schlamm zurückdenken, damals auf dem Archipel.

Am nächsten Tag kam die Sonne raus und der Schnee fing an zu schmelzen. In den Fußstapfen der größeren Männer bildeten sich Pfützen. Ich fühlte mich fehl am Platz und klein, aber aus irgendeinem Grund kam ich mir klüger vor als die anderen.

Diese Vorstellung war nichts als Trug. Noch vor Sonnenuntergang hatte sie sich aufgelöst.

 

Ahorn. Der Wald besteht hauptsächlich aus Kiefern, aber stellenweise finden sich auch Bestände von Ahornbäumen. Die Holzfäller aus dem Lager fällen sie nicht; an Ahornholz sind sie nicht interessiert, wohl aber an der Gewinnung von Ahornsirup (oder -honig). Ahornsirup wird aus dem Saft des Baumes gewonnen; das Verfahren ist einfach und besteht darin, den Saft zu kochen, bis der Wasseranteil verdampft und der Saft zu einem Sirup reduziert ist. Im Laufe des Herbstes, wenn die Temperatur unter 4 °C liegt, speichern die Ahornbäume Stärke im Stamm und in den Wurzeln. Sobald die Temperatur im Frühjahr über 7 °C steigt, wandeln Enzyme in den Speicherzellen die Stärke in Saccharose um, die mit dem Saft den Stamm hinauf fließt. Den Saft schöpft man am besten in dieser Zeit ab, wenn die Temperatur steigt und der Druck im Inneren des Stammes den Saftfluss begünstigt. Die Auswahl der Ahornbäume ist wichtig; bevorzugt wird der Zucker- oder Schwarzahorn, wobei sich aber auch aus anderen Ahornarten Sirup gewinnen lässt. Auch Größe und Ausdehnung der Baumkronen sind zu berücksichtigen; Exemplare mit größeren Kronen und Ästen, die bis zum Boden reichen, enthalten mehr Saft. Um diesen abzuschöpfen, wird der Stamm so angestochen, dass der Saft aus den Löchern fließen kann. Bevor die Entscheidung getroffen wird, wie viele Löcher in einen Baum gebohrt werden, ist der Durchmesser des Stammes zu ermitteln. Erst ab einem Durchmesser von 25 Zentimetern sollte der Saft abgeschöpft werden. Die Messung ist in einer Höhe von etwa eineinhalb Metern über dem Waldboden vorzunehmen. Bei Exemplaren mit einem Durchmesser zwischen 25 und 50 Zentimetern reicht eine einzige Bohrung pro Baum; bei Exemplaren mit einem Durchmesser von 50 bis 65 Zentimetern sind zwei Bohrungen sinnvoll; bei Bäumen mit einem Durchmesser von mehr als 65 Zentimetern sind drei Bohrungen möglich. Die Anzahl der Bohrungen pro Baum sollte in keinem Fall drei überschreiten.

Ernte. Der Gewindebohrer (nicht zu verwechseln mit dem Zuwachsbohrer, siehe Dendrochronologie) sollte einen Durchmesser von eineinhalb Zentimetern haben. Es wird empfohlen, nicht mehr als fünf Zentimeter tief und in einer angemessenen Höhe zu bohren. Der Einstich sollte an einem möglichst ebenen Abschnitt der Baumrinde erfolgen, in ausreichender Entfernung zu früheren Bohrlöchern (in einem senkrechten Abstand von mindestens 15 Zentimetern zu älteren Löchern). Beim Bohren mit einem gut geschärften Bohrer sollte dieser leicht nach oben angewinkelt werden, damit der Saft besser abfließen kann. Ein stumpfer Bohrer kann ein grobes, unförmiges Loch hinterlassen, durch das der Saft nicht richtig abfließt. Ist das Bohrloch bereit, sollte der Bohrer entfernt und sofort der Zapfen (normalerweise aus Kupfer) eingesetzt werden, so dass er fest im Bohrloch steckt. Dieser letzte Punkt ist wichtig: Sitzt er nicht fest im Stamm, kann der Zapfen durch den Druck des Saftes herausfallen. Um dies zu verhindern, empfiehlt es sich, die Stabilität des Zapfens zu prüfen, indem man mit der Hand daran zieht. Löst sich der Zapfen, so wurde er nicht richtig angebracht. Gleichzeitig ist es ratsam, den Zapfen nicht allzu kräftig in den Stamm zu treiben, da die Gefahr besteht, dass sich der Stamm spaltet. Aus diesem Grund sollte der Vorgang nur durchgeführt werden, wenn die Temperatur über 0 °C liegt. Sobald der Holzfäller feststellt, dass aus der Einstichstelle Saft fließt, sollte ein Auffangbehälter an den Zapfen gehängt werden. Die Eimer, die es im Lager gibt, sind aus Ahornholz gefertigt und mit Kiefernharz versiegelt. Es ist wichtig, dass der Eimer abgedeckt ist, um zu verhindern, dass Regen, Schnee oder Schmutz in den Saft gelangen (Insekten, Erde, Rinde, Blätter usw.). Zu diesem Zweck empfiehlt es sich, einen schräg aufsitzenden Deckel anzufertigen, an dem Flüssigkeiten und Dreck abrutschen. Diese Abdeckungen sind in der Regel aus leicht formbarem Messing gefertigt.

Verfahren. Die Reduktion von Ahornsaft zu Ahornsirup geschieht durch Verdampfung. Sobald sich ausreichend Saft in der Auffangschale gesammelt hat, wird er in eine gusseiserne Pfanne gegossen und auf einer Feuerstelle zum Kochen gebracht. Im Lager findet dieses Vorgehen unter freiem Himmel statt, um die Ansammlung von Feuchtigkeit zu vermeiden. Zu diesem Zweck entfachen die Holzfäller ein Feuer vor der Hütte und hängen die Pfanne an einem Eisengestell über den Flammen auf. Es ist darauf zu achten, dass die Pfanne nicht bis zum Rand gefüllt wird, da der Saft sonst beim Kochen überläuft. Um dem vorzubeugen, ist es üblich, den Pfannenrand mit Pflanzenöl oder Schmalz einzufetten. Sobald der Saft zu kochen beginnt und sich sein Volumen verringert, kann weiterer Rohsaft nachgegossen werden. Der Saftstand in der Pfanne sollte vier Zentimeter nicht unterschreiten, da sonst die Gefahr besteht, dass der Sirup anbrennt. Es ist ein langsamer Vorgang, der ständige Aufmerksamkeit erfordert. Lässt man die Pfanne unbeaufsichtigt, kann der Saft schnell anbrennen und ungenießbar werden. Geschieht dies, muss die Pfanne gereinigt, der verbrannte Saft entsorgt und der Vorgang von neuem begonnen werden. Ebenso wichtig ist es, dass der Saft schnell verarbeitet und nicht zu lange im Eimer oder im Topf aufbewahrt wird. Ahornsaft kann verderben; in diesem Sinne ist er wie Milch. Lagert er zu lange im Eimer, vor allem an heißen Tagen, kippt der Saft und muss entsorgt werden. Sollte es nicht möglich sein, den frisch abgeschöpften Saft umgehend zu kochen, muss er kühl gelagert werden. Am besten ist es, den Saft schnellstmöglich zu kochen. Während des Kochens kann der Zuckergehalt des Saftes anhand der Temperatur kontrolliert werden. Ahornsirup muss einen Zuckergehalt zwischen 66 und 67 % enthalten. Diese Konzentration kann durch die Messung der genauen Temperatur des Saftes bestimmt werden, wobei allerdings auch die Höhenlage zu berücksichtigen ist. Bei größerer Höhe (z. B. im Gebirge oder in Hochlagen wie im Yukon) sinkt der Luftdruck und folglich auch die Siedetemperatur. Um die Siedetemperatur zu ermitteln, muss ein Thermometer genau wenn das Sieden einsetzt in den Rohsaft getaucht werden. Die Genauigkeit ist entscheidend, da jede Abweichung des Zuckergehalts (ober- oder unterhalb des Bereichs zwischen 66 und 67 %) zu einem unbefriedigenden Ergebnis führt. Wird die Verdunstung vor dem Erreichen eines Saccharosegehalts von mindestens 66 % unterbrochen, besteht die Gefahr, dass der Sirup verdirbt. Wird der Saft hingegen zu lange gekocht, so dass der Saccharosegehalt 67 % übersteigt, können sich im Sirup Kristalle bilden, die die gewünschte Konsistenz beeinträchtigen. Deshalb ist bei der Temperaturmessung Genauigkeit wichtig. Liegt die Temperatur des Saftes 3,9 °C über der Siedetemperatur (auch dieser Wert hängt von der jeweiligen Höhenlage ab), wird das Konzentrat zu Ahornsirup. Sobald die gewünschte Konsistenz erreicht ist, muss die Pfanne vom Herd genommen und der Sirup gefiltert werden, solange er noch heiß ist. Sollte kein geeigneter Filter zur Verfügung stehen, empfiehlt es sich, den Ahornsirup in ein Gefäß (am besten aus Glas) zu gießen und mindestens zwölf Stunden lang abkühlen und ruhen zu lassen, so dass die Verunreinigungen sich auf dem Boden des Behälters absetzen. Als Nächstes wird der Sirup vorsichtig in einen zweiten Behälter gegossen, wobei die Verunreinigungen am Boden des ersten Behälters zurückbleiben. Nachdem der Sirup gereinigt wurde, wird er ein zweites Mal erhitzt, aber nicht zum Kochen gebracht. Es sollte eine Temperatur von 83 °C erreicht werden, bevor der Sirup abgefüllt und lagerfertig gemacht wird. Für diesen letzten Schritt muss der Ahornsirup noch warm sein (83 °C), damit beim Abkühlen Unterdruck im Behälter entsteht und der Deckel fest verschlossen bleibt. Bevor der Ahornsirup abgefüllt wird, müssen die Behältnisse sterilisiert (in Wasser abgekocht) werden. Beim Befüllen wird empfohlen, den Sirup bis zum Rand aufzugießen, um das Volumen der im Behälter eingeschlossenen Luft zu verringern. Nach dem Verschließen ist es üblich, das Gefäß zum Abkühlen hinzulegen; manche Holzfäller sagen, dass dadurch der Deckel besser abgedichtet wird, andere haben hierfür aber auch andere Erklärungen. Sind die Gläser abgekühlt, sollten sie an einem Ort gelagert werden, an dem sie vor Sonneneinstrahlung geschützt sind und die Temperatur nicht zu hoch ist.

 

Gestern Abend war ich wieder auf der Mansarde. Der haitianische Holzfäller saß immer noch in seiner Ecke und kritzelte in ein Notizbuch. Das trockene Kratzen des Bleistifts auf dem Papier war zu hören.

Diesmal trat ich näher. Er warf mir einen Blick von der Seite zu. Ich fragte ihn, warum er sich von den anderen abgrenze. Zunächst antwortete er nicht. Ich hakte nach. Er hielt mit dem Schreiben inne und blickte auf. Seine Augen waren groß, sein Gesicht lag hinter einem dichten, krausen Bart verborgen.

Er sagte mir, ich solle ihn anschauen, ihn richtig anschauen, seine Umgebung betrachten, ihn nicht nur als Idee oder als Körper wahrnehmen, mich auf ihn konzentrieren, als sei er von allem losgelöst, denn nur so würde ich begreifen, warum er sich auf die Mansarde zurückzog.

Ich nahm auf dem Boden Platz und musterte ihn. Er griff nach seinem Stift und schrieb weiter.

 

Klettern. Baumklettern ist im Lager eine gängige Aktivität. Der Nutzen dieser Fertigkeit zeigt sich, wenn vor dem Fällen eines Baumes ein Rückschnitt erforderlich ist. Dies ist der Fall, wenn einige dickere Äste des betreffenden Baumes zu nah an die Krone eines benachbarten Baumes reichen. Wird der Baum ohne Rückschnitt gefällt, besteht die Gefahr, dass die Kronen sich verfangen und der Baum beim Fallen hängen bleibt. Dies sollte vermieden werden, da ein Baum, der sich an einem anderen verfängt, eine Gefahr für die Holzfäller darstellt. Eine solche Situation ist unberechenbar; es ist schwer vorherzusagen, ob (oder wann oder wie) der Baum sich lösen und zu Boden fallen wird. Abgesehen von der Gefährdung der Holzfäller verzögern sich dadurch die Abläufe im Lager. Die Klettertechniken variieren je nach Durchmesser, Höhe und Zustand des zu beschneidenden Baumes. Jede Technik erfordert eine bestimmte Ausrüstung und bestimmte Werkzeuge. Die Techniken reichen vom freien Klettern (ohne Seile oder besondere Ausrüstung) bis zum Klettern mit Gurt, Seilen und Rollen. Sofern die Umstände es zulassen, werden im Lager traditionelle Techniken wie das freie Klettern oder Klettern mit Klettergurten und Sporen bevorzugt. An Feiertagen ist es üblich, Kletterwettkämpfe zu veranstalten. Es gibt drei Wettbewerbskategorien: Freies Klettern, Gürtelklettern und Klettern mit Handaxt. Die letztgenannte Technik wird ausschließlich an Feiertagen angewendet. Da das Klettern mit der Handaxt Schäden verursacht, wird es nicht an lebenden Bäumen, sondern an zuvor gefällten und entrindeten Stämmen ausgeübt. Die Holzfäller erklimmen den Stamm mit einer Axt in jeder Hand. Es gilt zu beachten, dass dabei Handäxte zum Einsatz kommen, deren Größe und Gewicht um gut ein Drittel geringer sind als bei einer Fällaxt. Mit seiner stärkeren Hand (in der Regel der rechten) wuchtet der Holzfäller die erste Axt in den Stamm, so dass sie etwa einen halben Meter über Kopfhöhe festsitzt. Die Axt sollte senkrecht eingeschlagen werden und die Klinge dabei mindestens acht Zentimeter tief ins Holz eindringen. Um sich am Griff der Axt festhalten zu können, muss dieser einen Winkel von mindestens 45° zum Stamm einnehmen. Für diese Art des Kletterns werden Stämme aus dichtem, massivem Holz bevorzugt, die eine stabile Verankerung des Blattes im Holz gewährleisten. Sobald das Blatt im Stamm steckt, zieht der Holzfäller sich am Griff hoch und setzt dabei den anderen (meist den linken) Fuß mit Hilfe von Sporen am Stamm auf. Wichtig ist, dass es beim Klettern immer zwei Stützpunkte gibt: Während der Holzfäller sich mit einer Hand an der Axt festhält, ruht der gegenüberliegende Fuß auf dem Stamm. Das Klettern wird fortgesetzt, indem die zweite Axtklinge mit der anderen Hand (in der Regel der linken) etwa einen halben Meter über dem ersten Einschnitt ins Holz gerammt wird. Das Vorgehen wird wiederholt, wobei man sich diesmal am linken Griff festhält und mit dem rechten Fuß abstützt. Sobald der Holzfäller eine stabile Position einnimmt, muss er die erste Axt aus dem Holz lösen, um das Klettern fortzusetzen. Dieser Ablauf wird so lange wiederholt, bis die Spitze des Baums erreicht ist. Wie bereits erwähnt, verursacht diese Methode Schäden entlang des Baumstamms, weshalb sie im Arbeitsalltag vermieden wird. Beim Rückschnitt werden das freie Klettern oder das Klettern mit Gurt bevorzugt.

Techniken. Beim freien Klettern werden weder Äxte noch Seile oder Sporen verwendet; geklettert wird mit Händen, Armen, Füßen, Beinen, mit dem Oberkörper, gelegentlich sogar mit den Zähnen. Bäume, die für das Klettern ohne Ausrüstung geeignet sind, weisen bestimmte Eigenschaften auf. Ein Baum mit tiefsitzenden Ästen ermöglicht es dem Holzfäller, ohne größere Schwierigkeiten vom Waldboden aus auf den Baum zu klettern, insbesondere wenn die Äste in regelmäßigen Abständen entlang des Stammes wachsen, so dass stets ein Ast erreichbar ist. Gelingt es, weder indem man sich streckt noch indem man springt, einen Ast zu erreichen, ist es immer noch möglich, den Stamm ohne Ausrüstung hochzuklettern, sofern die Oberfläche uneben ist. Es gilt dann, die Unebenheiten wie beispielsweise hervorstehende Knoten, die den Fingern oder Füßen einen Halt bieten können, ausfindig zu machen. Auch Bäume mit dicker, gewellter Rinde eignen sich. Die unregelmäßige Struktur einiger Rinden ermöglicht es, Stützpunkte für Finger und Füße zu finden (in diesen Fällen klettern die Holzfäller barfuß, um die Haftung jedes einzelnen Zehs zu nutzen). Es ist wichtig zu beachten, dass diese Technik während der Frühlings- und frühen Sommermonate vermieden werden sollte, da es sich um vegetative Jahreszeiten handelt, in denen die Zunahme des Kambiums die Rinde des Stammes lockert (siehe Schäleisen