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Das Buch ist ein Roman über das Scheitern im Leben und im Sterben. Sprachlich geprägt von der Region im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet, in der er erzählt. Ein schwerkranker Mann trifft sich noch einmal mit seinem besten Freund zum gemeinsamen Hobby. Auf dem Weg zum Treffpunkt monologisiert er über die großen Themen Religions-, Politik- und Gesellschaftskritik, aber auch über Freundschaft, Krankheit und Einsamkeit. In szenischen Rückblicken in seine Kindheit und Jugend gewährt er Einblick in seine manchmal komische, oft abstruse, aber immer zynische Gedankenwelt. Während des Holzfischens wird der Monolog zum pseudophilosophischen Dialog mit dem Freund. Vielleicht ein Gegenentwurf zur Positivphilosophieliteratur der Jetztzeit. Das Buch beinhaltet sechs Szeneskizzen.
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ich danke vor allem Sabine Wild für die Anfertigung der Szeneskizzen.
Ich beginne den Tag wie üblich damit, den Schalter mit dem schwarzen Pfeil nach oben zu drücken, in der Hoffnung, die Zugehkatze bereits wartend vor der Terrassentüre vorzufinden, anstatt dessen sehe ich die drei Personen. Ich denke, dass ich nicht weiß, was ich machen soll, als das ältere der beiden Kinder der Frau mit dem Kopftuch an der Gartentüre wieder und wieder versucht, die Klinke herunterzudrücken und seinen Körper gegen die Türe wirft. Das andere Kind steht daneben, die Mutter starrt nervös hinter das Fenster, hinter dem sie mich bemerkt. Ich will die Flügeltüre öffnen und nachfragen, was hier gerade stattfindet und einen alles sagenden Blick ihnen entgegenwerfen. Ich warte kurz und denke, ich könnte auch den Schlüssel holen, die Gartentüre aufsperren und den Diener machen, indem ich das Kind mit einer hereinbittenden Geste in den Vorgarten lasse, ein, zwei Gänseblümchen abpflücke und dem Mädchen überreiche. Nein, drei Gänseblümchen sind besser, man schenkt immer eine ungerade Zahl Blumen. Und eigentlich verschenkt man im Leben immer zu wenig Blumen, was man auch am Grab der Liebsten nie mehr nachholen kann. Ich drücke den Schalter mit dem schwarzen Pfeil nach unten, die Rollos fahren herunter.
Ich gehe ins Bad und denke, als ich flüchtig in den Spiegel schaue, immer wieder an dieses Wort, das man mir mit auf den Weg gegeben hat. Austherapiert. Immer wieder dieses fürchterliche Wort Austherapiert. Wie viele Menschen starben gerade, als die Ärzte dieses Wort und alles was damit zusammenhängt aussprachen, denke ich. Und wie viele wurden gerade geboren. Und vielleicht ist einer der Ärzte, der mir diese Mitteilung zukommen ließ jetzt bereits noch kränker, noch austherapierter, nicht, dass ich es ihm gönnen würde, aber ein bisschen anders, ein bisschen feinfühlender hätte man es mir schon mitteilen können. Und den Deckel der Akte, meiner Krankenakte, hätte man nicht so schwungvoll zuklappen müssen vor dem allerletzten Handschlag mit einem Arzt, dachte ich damals. Es sei egal, ob ich im Hospiz bliebe oder eben noch einmal nach Hause zurückkehrte, sagten sie mir. Die Schmerzmittel könne ich mir auch selbst unter die Haut rund um den Bauchnabel herum injizieren.
Bei mir hat sich alles immer auf den Magen geschlagen, denke ich, allerdings nie auf den Kopf glücklicherweise, sondern immer nur auf den Magen. Am liebsten wäre es mir gewesen, alles hätte sich immer auf den Fuß geschlagen, auf den großen Zeh vielleicht. Den könnte man abschneiden lassen, chirurgisch entfernen sozusagen. Was man beim Magen nur mit äußerster Einschränkung der Lebensqualität macht, wohingegen das Hirn in der Regel nicht amputiert wird, denke ich. Wobei es bei dem ein oder anderen Menschen schon gut wäre, das Hirn chirurgisch entfernen zu lassen.
Wohin sind sie, all die Jahre, außer ins Gesicht gezeichnet, die ganzen Wege, die man gehen musste. Auf wenige Gedanken sind sie zersplittert, die ganzen Jahrzehnte. Jeder hat ab fünfzig das Gesicht, das er verdient, denke ich beim erneuten Blick in den Spiegel.
Vielleicht kann ich noch einmal, ein letztes mal vielleicht, zum Holzfischen gehen, denke ich. Holzfischen, eine uralte bayerisch-österreichische Tradition, früher als notwendiger Erwerb von Brennmaterial, der viel Zeit in Anspruch nimmt, da man nie weiß, ob und welches Holz vorbeigetrieben wird, meist nach Unwettern des vorausgegangenen Tages oder der Nacht. Heute ein reiner Zeitvertreib, während dessen man sich unterhaltend häufig gar nicht großartig anstrengt, die größten und also energiehaltigsten Stammteile aus dem Fluss zu fischen, sondern eher der Gemütlichkeit wegen einen Grund des Zusammensitzens hat. Für mich war das Holzfischen immer eine gute Ablenkung, ich denke, nicht so spannend wie das Fischfischen, aber durchaus auch interessant, so wie das Abholen des Koffers am Zielort der Reise, endlich kommt es, das Gepäck, endlich kommt er, der Holzpfahl. Eine Reise ist nicht mehr drin, wahrscheinlich, weil es mir immer das Größte war und ja seit meiner Geburt, bei der ich mit dem linken Bein zuerst aus dem Mutterleib herausgezogen worden bin, ein Pechgen, so nannte ich es immer, mein Leben diktiert. Aber in der Summe ist alles egal, ob Du mit achtzig nach einem erfolgverwöhnten Leben, nennen wir es UdoJphänomen, schnell, ohne große Vorwarnung und Schmerzen tot umfällst, oder, nach langem Kampf, wie man so sagt, an der Auszehrung stirbst, weil dir die Krankheit die letzten Lebensreserven wegnimmt, dir im Gegenzug jedoch schwer aushaltbare Schmerzen schenkt.
Nach langem Kampf, so wird es in der Zeitung stehen, hat er verloren, er möge ruhen in Frieden, werden sie schreiben. Und es wird nichts von mir übrig bleiben, denke ich, immer noch in den Spiegel schauend, nicht ein Musikstück, nicht eine Textzeile, nicht ein Bild.
Aber im Grunde genommen ist das eine Belanglosigkeit, eigentlich die größte Belanglosigkeit überhaupt, weil ja keiner der Toten irgend etwas davon hat, dass sein Name, also irgend ein Name, auf einer CD oder einem Buch oder Bild steht.
Ob ich überhaupt noch am Palmenwurm weiterschreiben soll, überlege ich. Wozu, denke ich, denn seine Veröffentlichung würde ich Austherapierter ohnehin nicht mehr miterleben können, und sollte das Buch wider Erwarten ein Erfolg werden, würden andere, vom Gesetzgeber vorgegebene sogenannte Erben etwas davon haben und das ist mir wiederum nicht wichtig. Auf der anderen Seite, so denke ich, genügt oft schon die Vorstellung von einer möglichen erst in der fernen Zukunft stattfinden werdenden Situation, um sich besser zu fühlen, was ich gut gebrauchen könnte, heute und jetzt. Ich schreibe also einen Satz für den Palmenwurm, ich schreibe: Jeder Campingplatz ist im Grunde genommen ein Microkosmos, in dem die gleichen Gesetzmäßigkeiten herrschen wie überall sonst, Fressen und gefressen werden.
Dann lege ich den Stift beiseite und ziehe mein gelbes T- Shirt mit dem in schwarzen Buchstaben aufgedruckten Text
„Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“ an, ein Geschenk ehemaliger Schüler von der Privatschule, an der ich so ungern war, weil sie einen so schlechten Ruf hatte, aber die Schüler mochte ich, und manche mochten vielleicht mich, denn ich bekam jedes Jahr zum Schuljahresende ein T-Shirt mit einem für mich passenden Spruch.
