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Hinze wacht eines Morgens auf und ist sich sicher, dass er an diesem Tag sterben wird. Damit sie nicht nach seinem Ableben gefunden werden, packt er seine Pornohefte in eine Plastiktüte und geht hinaus auf die Straße. Dort drückt er sie der erstbesten Person in die Hand. In den folgenden Tagen wandert diese Tüte zwischen diversen Besitzern hin und her, die sich besser nicht getroffen hätten, denn sie erleben Amokläufe, Familientreffen und Busunfälle und decken Lebenslügen auf. Vielleicht finden sie aber auch die große Liebe. Dabei prallen – wie immer in Berlin – die Extreme aufeinander: Aufstrebende Rechtsanwältinnen treffen auf ausgemergelte Berliner Junkie-Omas. Dicke Touristen aus der Provinz begegnen geflüchteten Neu-Berlinern. Aufmüpfige Feministinnen arbeiten im Dirndl-Kleid in bayerischen Biergärten und gescheiterte Schauspieler landen im Knast. Gnadenlos beschreibt Joost Renders in seinem Episodenroman das Chaos der Hauptstadt und karikiert ihre Insassen mit viel Insiderwissen und schwarzem Humor.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Joost Renders, 1962 in Eindhoven/NL gestartet und über Rheinland, Großbritannien
und diversen andere Stationen 1997 in Berlin gelandet.
Von 1978-88 die Jugend verschwendet, Sänger in verschiedenen Punk/New-Wave-Bands.
Fanzine Macher bis hin zum Musikjournalisten, dann schließlich eine Ausbildung gemacht:
1988-91 Schauspielschule. Die Neunziger und Nuller an vielen Theatern gespielt,
ab 1994 während Auftrittspausen Drehbücher geschrieben
und schließlich als Regisseur u.a. zwei Spielfilme realisiert.
2011 einen Stuhl gekauft und seitdem schriftstellerische Tätigkeit, erster Roman erschien 2015.
www.edition.subkultur.de
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JOOST RENDERS: „Hop On Hop Off“ Eine Stadt, viele Katastrophen 1. Auflage, Februar 2020, Edition Subkultur Berlin
© 2020 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.edition.subkultur.de
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat & Projektleitung: Laura Alt Cover: Andreas Etzel (https://hirnstrich.de)
Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-943412-87-1
epub ISBN: 978-3-943412-88-8
Der Wecker geht los, Hinze wacht auf, bleibt aber erst mal im Bett liegen. Er macht den Wecker auch nicht aus, nein, er hört sich dieses erbärmliche Klingeln an, lässt es seinen ganzen Körper durchdringen, von seinen Gehörgängen die Kehle hinunter, durch den Magen bis in den Enddarm. Das Klingeln nimmt kein Ende, es scheint immer erbärmlicher zu werden und Hinze ist auf einmal ganz starr. Ein Gedanke schießt durch seinen Kopf, das muss er ernst nehmen, denn es schießen normalerweise nicht viele Gedanken durch seinen Kopf und morgens um fünf schon mal gar nicht.
Es ist der Gedanke, dass es das letzte Mal ist, dass Hinze diesen Wecker hören wird. Nicht dass er das erbärmlich lärmende Gerät auf dem Müll entsorgt, nicht dass er am nächsten Morgen ausschlafen kann, nein, Hinze ist sich sicher, dass der Wecker am nächsten Morgen pünktlich um fünf losgehen wird, er selbst allerdings bis zum nächsten Morgen aufgehört haben wird zu existieren.
Warum das so ist, weiß Hinze nicht, er ist nicht krank, auch nicht in besonderer Gefahr und lebensmüde schon mal gar nicht, trotzdem ist er sich plötzlich sicher, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben. Auf einmal. Er hat nicht die geringste Ahnung, was ihm passieren könnte, sei es ein Verkehrsunfall, ein plötzlicher Herzinfarkt oder vielleicht wird auch jemand Selbstmord begehen und ihm vom zehnten Stock aus auf seinen Kopf springen. Nichts ist unmöglich!
Hinze spürt ein Kribbeln in sich aufsteigen, seine Körperstarre löst sich wieder und er richtet sich auf. Ohne lange zu überlegen, macht er seinen Wecker aus, es ist ihm egal, ob er ihn noch einmal hören wird. Es ist sein letzter Tag überhaupt, da ist sich Hinze sicher und da hat er doch andere Dinge zu tun, als seinem Wecker zu lauschen. Er kratzt sich an den Eiern und überlegt, neben welcher Frau er jetzt gern aufgewacht wäre, aber es fällt ihm keine ein. Oder vielleicht doch? Hinze grübelt. Nein, da ist keine.
Schließlich schält Hinze sich zufrieden aus dem Bett und glotzt aus dem Fenster. Draußen fängt es an, hell zu werden, aber es ist noch nicht abzusehen, ob es wettermäßig ein schöner Tag werden wird oder nicht. Als er nach unten in den Hof stiert, sieht Hinze den alten Kerl aus der Erdgeschosswohnung irgendwelchen Dreck in Tüten zu den Mülltonnen schleppen. Der Alte zittert, aber nicht wegen der Kälte, kalt ist es nicht, nein, er zittert, weil er noch nichts zu saufen hatte, dazu hustet und röchelt er, es ist wie immer widerlich, Hinze will nicht, dass sein letzter Tag mit diesem Soundtrack beginnt. Und der Anblick ist sowieso nicht schön. Man muss ja nicht hingucken, aber um dem Geräuscherlebnis zu entgehen, muss man sich die Ohren zuhalten. Hinze will sich nicht die Ohren zuhalten, er wünscht sich, dass der Alte da unten an der Mülltonne auf der Stelle tot umfällt. Das ist längst überfällig. Aber der Alte tut ihm diesen Gefallen nicht, er schleppt seinen müden und hinfälligen Körper wieder zur Hoftür und zum Abschied furzt er auch noch laut hörbar, Hinze ist bedient und hat jetzt natürlich keinen Appetit mehr auf ein Frühstück. Das Einzige, was ihm an dieser Angelegenheit positiv erscheint, ist die Tatsache, dass er dieselbe Aktion am nächsten Morgen, sollte sie denn stattfinden, nicht mehr erleben wird.
Der Anblick, dem er sich daraufhin ausliefert, ist auch nicht gerade erquickend. Es ist seine eigene Fresse, die er im Spiegel betrachtet, nichtssagend, dümmlich und erschreckend durchschnittlich, eben genauso wie Hinze auch als Mensch ist, er ist so nichtssagend, dass sogar andere durchschnittliche Menschen nicht unbedingt seine Nähe suchen. Hinze stellt fest, dass er sich eigentlich hassen müsste, und so findet er die Vorstellung, dass das heute sein letzter Tag ist, doch alles in allem ziemlich angenehm.
Sein nächster Blick gilt seiner Wohnung. Viel zu vererben hat er ja nicht. Hinze ist ein sparsamer Mensch, es bleibt ihm auch gar nichts anderes übrig. Er hat zwar Arbeit, aber nur einen kargen Lohn. Genauso sieht seine Wohnung auch aus. Einfach, aber praktikabel, kein Firlefanz, nur die Dinge, die man zum täglichen Leben braucht. Das einzig Dekadente, das er sich in seinem Leben geleistet hat, ist seine bescheidene Pornosammlung. Diese Einsicht durchzuckt ihn aber wie ein Blitz. Natürlich wäre es ihm peinlich, wenn man nach seinem Ableben diese Pornosammlung bei ihm zu Hause fände. Also kramt er sie aus dem Versteck unterhalb der Spüle in der Küche hervor und steckt sie in eine Einkaufstüte. Er hält kurz inne und überlegt, ob diese Sammlung ihn auf seinem letzten Weg begleiten soll, aber das ist doch eine schlechte Idee. Am liebsten würde er die Sammlung verbrennen, aber er hat keine Ahnung wo. Und sie einfach in den Altpapiercontainer im Hof zu werfen ist auch verkehrt, nachher wird sie noch von irgendwelchen Nachbarn gefunden und unter schallendem Gelächter an die Öffentlichkeit gezerrt. Hinze sieht vor seinem inneren Auge die Schlagzeilen vorbeiziehen, in denen er nach seinem Ableben für diverse unaufgeklärte Sexualverbrechen verantwortlich gemacht wird. Dabei ist er unschuldig! Sowieso und immer!
Er beruhigt sich und sein Blick fällt auf die drei Blumenvasen, die ohne Inhalt auf seiner Kommode herumstehen. Ein ziemlich trostloses Bild und er weiß nicht mal, warum die da überhaupt stehen, er hat nie Blumen besessen. Hinze versucht, sich zu erinnern, woher er diese Vasen überhaupt hat, wer ihm die geschenkt haben könnte, aber es fällt ihm keiner ein. Vielleicht war es ein Erbe seiner verstorbenen Eltern, dass ihm seine beiden Geschwister gelassen haben, den Rest haben sie sich ja mehr oder weniger unter den Nagel gerissen, aber das war alles genau so ein Schrott wie diese Blumenvasen ohne Blumen, den hätte Hinze sowieso nicht gewollt. Geld oder Wertsachen hatten seine Eltern sowieso nicht zu vererben, das haben sie alles bei Kaffeefahrten verjubelt. Bei solch einer sind sie auch gemeinsam tödlich verunglückt, als der Bus, in dem sie fuhren, irgendwo auf einer Landstraße von der Fahrbahn abkam und die Böschung hinabstürzte. Beide waren sofort tot, obwohl sie in ihre neuerworbenen Rheumadecken eingewickelt waren. Von ihren übrigen Mitreisenden sind noch einige gestorben, wie viele, das weiß Hinze nicht mehr. Es haben auch einige überlebt, aber wie viele das waren, weiß er auch nicht mehr. Jedenfalls haben ihm seine Eltern nur diese Vasen und vielleicht noch anderen ähnlichen Kram, an den er sich jetzt nicht mehr erinnern kann, vererbt. Hinze fragt sich, wer jetzt seine Sachen erben wird. Außer den beiden Geschwistern, zu denen er wegen dieser Erbschleicherei so gut wie keinen Kontakt mehr hat, gibt es keine weitere Verwandtschaft, jedenfalls keine, von der er wüsste. Manchmal bildet er sich ein, dass vielleicht eines seiner amourösen Abenteuer in der Vergangenheit Folgen gehabt hat. Dann grinst er, grunzt zufrieden, streicht sich erst mal über den Bauch und anschließend krault er sich die Eier. Aber wenn er ehrlich ist, muss er zugeben, dass sich die Anzahl seiner amourösen Abenteuer bisher eher im einstelligen Bereich bewegt hat und ihm ist auch nicht bekannt, dass eine seiner damaligen Partnerinnen schwanger geworden wäre, sie hätte sich sicher deswegen bei ihm gemeldet. Denn wenn sie nach dem Liebesakt schon nichts mehr von ihm wissen wollten, hätten die bestimmt Geld von ihm gefordert. Hinze hätte sie dann mit den drei Blumenvasen abgespeist, Geld hat er ja kaum welches.
Draußen graut der Morgen in seiner ganzen Pracht, der Weg zur U-Bahn ist zwar immer derselbe, aber diesmal hat er doch eine besondere Atmosphäre, so kommt es Hinze jedenfalls vor. Alles, was er sieht und was ihm im Lauf der Jahre vertraut geworden ist, wird er so nie wieder sehen. Das macht ihn melancholisch. Würde er es vermissen? Er ertappt sich tatsächlich dabei nachzugrübeln, was wohl nach seinem Tod sein wird, aber das sind Gedanken, denen ein großer Teil der Menschheit nachhängt, dann braucht Hinze das nicht auch noch zu tun, so schlau ist er auch wieder nicht. Von daher beschließt er, diesen Gedankengang sofort zu beenden und ihn auch nicht mehr aufkommen zu lassen, er will sich lieber den praktischen Dingen zuwenden, den Dingen, die er sich für heute noch vornehmen will. Nicht dass er an eine Liste denkt, prall gefüllt mit Dingen, die man an seinem letzten Tag so macht, Hinze zieht es vor, sich treiben zu lassen, er hat ja nichts mehr zu verlieren.
So ist er froh, nicht trübsinnig zu Hause geblieben zu sein, sondern sich einen Ruck gegeben zu haben und trotz der Tatsache, dass das wohl sein letzter Tag wird, doch noch einmal zur Arbeit zu gehen.
Sterben ist doch gar nicht so schlecht, denkt Hinze, dann würden ihn die Leute auch mal wahrnehmen, das ist doch mal etwas. Er wird zwar nicht mehr viel davon mitkriegen, obwohl, das weiß keiner so genau. Hinze ist hoffnungsvoll. Er war sein Leben lang eine Null, die keiner wollte, vielleicht kriegt er jetzt die Chance, eine interessante Leiche zu werden.
Die Einkaufstüte mit den Pornos schwingt munter hin und her und keiner der Passanten, die ihm über den Weg laufen, kann erahnen, was sie enthält. Das Wasser läuft ihm im Mund zusammen und Hinze verspürt Hunger. Nachdem der alte Sack aus dem Erdgeschoss ihm ja erst mal den Appetit verdorben hat, schmierte Hinze sich Brote und hat Kaffee in der Thermoskanne mitgenommen, die Brote hat er mit Salami und Räucherkäse belegt. Als er mit zunehmendem Appetit überlegt, welches er denn zuerst verspeisen wird, bekommt er plötzlich einen Schlag ins Gesicht.
Hinze taumelt, will sich an einer Hauswand festhalten, schafft das aber nicht mehr und geht zu Boden. Er hört Gelächter und alles um ihn herum verschwimmt, aber er hält mit aller Kraft die Einkaufstüte mit den Pornos fest. Ist das jetzt ein Raubüberfall? Sein Blick wird wieder etwas klarer und Hinze wundert sich. Das ist ihm schon lange nicht mehr passiert, dass er morgens um diese Zeit eine auf die Fresse bekommt. Die rechte Mundhälfte schmerzt, er scheint aber nicht zu bluten. Er richtet seinen dröhnenden Kopf auf und sieht drei junge Männer und zwei junge Frauen, die munter grölend ihres Weges torkeln, einer sieht sich noch um und Hinze kann die Befriedigung in dessen Augen sehen. Sein Schlag hat also gesessen, für diesen Lümmel da ist es wohl ein guter Tag. An einem Raubüberfall scheint der jedenfalls nicht interessiert zu sein und so lockert Hinze seinen verkrampften Griff um die Einkaufstüte mit den Pornos. Aus den Augenwinkeln kann er noch die Leute sehen, die ihn so zugerichtet haben. Es sind junge Leute, sie tragen Klamotten, die gerade angesagt und sicher nicht billig sind, einer trägt eine neckische Brille, die jungen Frauen tragen bauchfreie T-Shirts, während Hinze seinen Bauch mit Discounter-Schnäppchen verhüllt. Es sind Leute, die bestimmt nicht gerade aus dem Bett kommen, sondern aus einem Club, sie haben sicher die ganze Nacht gefeiert und sind auf Drogen. Da bietet es sich für sie natürlich an, willkürlich so einer grauen und tristen Gestalt wie Hinze auf die Fresse zu hauen. Wenn ihnen schon sonst niemand entgegenkommt. An irgendjemandem müssen sie ja ihr Mütchen kühlen und da ist so jemand wie Hinze erste Sahne. Als er noch ein Kind war, haben die anderen Kinder ihm immer schon gesagt, dass er „eine Fresse wie ein Feuerlöscher“ hätte. Reinschlagen und abhauen. Mühselig rappelt er sich auf und sieht den Leuten nach, wie sie fröhlich lallend im Eingang des U-Bahnhofs verschwinden.
Hinze hätte gern zurückgeschlagen, aber dann wären sie erst recht ausgerastet und hätten ihn in die Mangel genommen und so wäre sein letzter Tag auf Erden schon vorbei gewesen, bevor er richtig angefangen hat. Diese Leute sind Killer, da ist sich Hinze sicher. Seine rechte Mundhälfte schmerzt, er spürt, wie sie plötzlich anschwillt und ehe er sich versieht, fängt sie an zu bluten. Nicht sehr stark zwar, aber sie blutet. Er versucht, das Blut mit seiner Zunge wegzuwischen, aber die geschwollene Lippe schmerzt sofort, wenn er sie berührt. Er braucht ein Taschentuch. Panisch durchwühlt er seine Taschen, kann aber kein Taschentuch finden. Es fällt ihm ein, dass er ja die Pornos in der Tüte hat, das ist doch Papier, aber es sieht bestimmt auch nicht gut aus, wenn er sich mit zwei nackten Brüsten das Blut von seinen Lippen tupft.
Scheiße, denkt Hinze, das hat ihm noch gefehlt, außer mit der Pornotüte jetzt auch noch mit einer Blutlippe durch die Gegend laufen zu müssen. Verzweifelt starrt er vor sich hin und plötzlich einer zufällig vorbeikommenden Frau direkt in die Augen. Es sind große, hungrige Augen, ihr wilder Blick bohrt sich in seine Augen, es kommt ihm vor, als hätte er nicht die geringste Chance, auch nur ans Weglaufen zu denken.
„Ist was?“, fragt die Frau genervt.
„Haben Sie ein Taschentuch?“
Die Frau atmet durch, ihre Augäpfel wandern zu seiner blutenden und geschwollenen Lippe. Hinze sieht sie sich an, sie ist jünger als er, vielleicht in den Dreißigern. Eher alternativer Typ, nachlässige, dunkle Kleidung, kein Make-up, nur ihre großen, wilden Augen.
„Haben Sie bitte ein Taschentuch?“, wiederholt Hinze in merklich respektvollerem Ton.
„Widerlich“, grunzt die Frau kopfschüttelnd. „Sich morgens um die Zeit auf der Straße zu prügeln. Widerlich. Ekelhaft.“
Sie geht weiter. Immerhin hat die Lippe aufgehört zu bluten. Jetzt blutet aber dafür seine Nase und zwar heftiger als die Lippe. Das ist noch unschöner, Hinze steht da mit seiner Blutnase. So kann er nicht zur Arbeit gehen. So will er auch nicht zur Arbeit gehen. Er will eigentlich überhaupt nicht zur Arbeit gehen. Diese Erkenntnis durchzuckt ihn wie ein Blitz. Es ist doch Schwachsinn, an seinem letzten Tag arbeiten zu gehen. Rechnungen begleichen hin oder her, Blödsinn! Als ob die Kollegen ihn vermissen würden. Völliger Blödsinn! Die Kollegen finden ihn alle scheiße. Der Chef natürlich auch. Der hätte ihn auch schon längst entlassen, wenn Hinze nicht der perfekte Mülleimer wäre. Der Typ, an dem jeder seinen Dreck abladen kann und der das alles hinnimmt, ohne darauf zu reagieren. Trotzdem beschließt Hinze, dort anzurufen und sich krank zu melden. Sonst würde vielleicht eine Arbeit liegenbleiben, weil sich niemand drum kümmert, weil jeder erwartet, dass Hinze gleich kommt, um den Kram wegzuräumen. Das geht natürlich nicht. Außerdem ist es eine Gelegenheit, noch mal sein Handy zu benutzen, er hat nämlich ein ziemlich teures, benutzt es aber kaum. Niemand ruft ihn an, er ruft auch niemanden an und mit dem Internetkram in seinem Handy kommt er nicht zurecht. Er muss nur aufpassen, dass er es nicht mit seiner Blutnase vollmatscht, also hält er es so weit es geht von seiner Nase entfernt, das klappt ganz gut, er kann so gut hören, muss aber laut sprechen. Das ist für ihn aber kein Problem, er befindet sich zwar in der Öffentlichkeit, aber hat nichts zu verbergen.
„Morgen, hier ist Hinze“, brüllt er ins Telefon. „Bin krank.“
„Ja, äh guten Morgen“, antwortet die Stimme am Telefon, eine ihm unbekannte Frau.
„Komm nicht!“
„Ich verbinde Sie, einen Moment.“ Hinze wundert sich, was da los ist, hat er sich etwa verwählt? Das wäre ziemlich peinlich. Es knackt im Telefon und dann meldet sich eine wohlbekannte Stimme, Frau Kaschke, die alte Chefsekretärin, schon immer ein richtiger Drachen und Hinze natürlich nicht wohlgesinnt.
„Morgen, hier ist Hinze. Bin krank. Komm nicht.“
„Ja, gut“, entgegnet Frau Kaschke. „Gehen Sie zum Arzt, lassen Sie sich krankschreiben und schicken Sie mir ihre Krankschreibung. Auf Wiedersehen!“
Das klingt alles so tonlos und unbeteiligt wie immer bei ihr, aber Hinze ist empört: „Frau Kaschke!“
„Ja?“
„Ist das alles?“
„Sicher. Schicken Sie mir ihre Krankschreibung.“
Sie scheint nicht zu begreifen, dass man jemandem, der krank ist, „Gute Besserung“ wünscht. Diese Ignoranz ist einfach nur unverschämt.
„Ich kündige“, platzt es aus ihm heraus.
„Dann schicken Sie mir ihre Kündigung“, kommt als Reaktion.
„Was?“
„Schicken Sie mir ihre Kündigung, ich brauch das schriftlich.“
Hinze kann es nicht glauben, kein Wort des Bedauerns, er hat über zwanzig Jahre für diesen Betrieb gearbeitet, länger sind nur der Chef und Frau Kaschke da. „Frau Kaschke“, sagt er und versucht, so viel Drohung wie möglich in seine Stimme zu legen.
„Ja?“
„Ich sterbe.“
„Haben Sie das nicht schon immer getan?“
Da fällt Hinze nichts mehr ein. Mit offenem Mund steht er da und das Blut tropft auf sein Handy. Er legt auf und steckt das blutverschmierte Gerät in seine Tasche.
„Hey, Sie!“, hört er eine Männerstimme neben ihm sagen und plötzlich fühlt er eine Hand auf seiner Schulter, außerdem registriert er eine Fahne.
Gut, denkt Hinze, der Nächste, der sein Mütchen kühlen will, aber diesmal wird er sich zur Wehr setzen. Er dreht sich ruckartig um, bereit zu einem schnellen Angriff, und blickt direkt in ein feistes, rotes Männergesicht. Ein dicker Schnurrbart im Zentrum, links und rechts Hängebacken und über der fleischigen, noch röteren Nase kleine blaue Schweinsäuglein. Der Rest des voluminösen Körpers steckt von oben bis unten im „Schland“-Dress, die deutsche Nationalmannschaft hat zwei Abende vorher ein Länderspiel bestritten und deswegen waren all diese Leute wieder schwarz-rot-gold gekleidet durch die Stadt gelaufen, aber das hat sich inzwischen wieder gelegt. Berlin schluckt halt alles. Aber dieser Typ hat das noch nicht mitbekommen, er rennt noch immer rum wie vor dem Spiel. Eine Tröte hat er auch dabei. Hinze ballt mit der einen Hand eine Faust, mit der anderen umklammert er krampfhaft seine Pornotüte. Sein Gegenüber glotzt ihn an, Hinze entschließt sich, ihm noch eine Chance zu geben.
„Ist was?“, fragt er so aggressiv er kann.
„Mit mir is alles in Ordnung“, lallt sein Gegenüber in einem Tonfall, der zumindest eine Herkunft aus der tiefsten Provinz verrät. „Aber du hast Nasenbluten!“
„Ja, weiß ich.“
„Hast kein Taschentuch?“, tönt eine andere Stimme und ein Taschentuch wird herübergereicht.
Hinze nickt dankbar, betupft erst mal seine Nase, um das Schlimmste zu verhindern, dreht sich dann um und sieht neben seinem Gegenüber ein weiteres feistes, rotes Männergesicht, dieselben Hängebacken, dieselbe fleischige, noch rötere Nase, dieselben kleinen blauen Schweinsäuglein, nur der Schnurrbart im Zentrum variiert, dieser hat die Form, die man landläufig „Walross-Schnurrbart“ nennt. Ganz klar, hier handelt es sich um Zwillinge, eineiige Zwillinge! Beide sehr dick und selbstverständlich auch im Partner-Look mit Tröte. Sie haben auch zwei ziemlich dicke Frauen dabei, die sind noch „schlandiger“ aufgemotzt, allerdings haben sie keine Tröten, dafür die deutsche Fahne je dreimal ins Gesicht gemalt. Eine der beiden Frauen guckt griesgrämig in seine Richtung, die andere sieht ihn auch an, allerdings mit großen staunenden Augen. Hinze weiß nicht, was es an ihm zu staunen gibt, dass er eine im Sterben begriffene Person ist, kann dieses offensichtliche Landei doch nicht wissen. Sie hat große blaue Augen, umrahmt von einem rosigen Gesicht und strohblonden langen Haaren, die unter einer „Schland“-Mütze hervorquellen.
Der Blick dieser Frau berührt ihn, vielleicht ahnt sie ja, was mit ihm los ist, vielleicht ist sie eine Seelenverwandte, trotz ihrer infernalischen Aufmachung. Es scheint Hinze, als bekäme diese Frau feuchte Augen, und siehe da, sie hebt ihre Hand und wischt kurz über das eine Auge und die darunterliegende Wange. Dabei wird auch eine gemalte Deutschlandfahne leicht verschmiert. Das alles verunsichert Hinze auf das Höchste, er weiß nicht, wie er mit der Situation und vor allem mit dieser Frau klarkommen soll. Ihr Blick bleibt unvermindert an ihm heften. Sieht sie ihn an oder sieht sie durch ihn hindurch? Gibt es ihn vielleicht überhaupt nicht? Ist er vielleicht schon beim Weckerklingeln gestorben, an einem Herzinfarkt vielleicht? Geistert er jetzt etwa als unsichtbarer Untoter durch die Gegend?
Nein, anscheinend nicht. Die Dicken vom Lande glotzen ihn unvermindert an, die eine Frau sehr argwöhnisch, die Zwillinge auch eher misstrauisch, wie er so mit deren Taschentuch, das inzwischen mit seinem Blut bekleckert ist, dasteht. Die blonde Frau sieht dagegen so aus, als wäre sie kurz davor, in Tränen auszubrechen. Das ist zu viel für Hinze. „Was glotzt ihr so?“, entfährt es ihm. „Ich sterbe! Heute noch.“
Die Dicken vom Lande sehen sich an, das heißt, drei von ihnen sehen sich an, die blonde Frau starrt ihn unvermindert herzzerreißend traurig an.
„Bei uns gibt es Gott sei Dank solche Spinner nicht“, beschwert sich der Zwilling mit dem Walross-Schnurrbart. Wahrscheinlich bereut er, sein Taschentuch geopfert zu haben.
„Nee“, grunzt sein Bruder.
Die beiden glotzen Hinze weiter mit unvermindertem Stumpfsinn an. Anscheinend haben sie wirklich nichts Besseres zu tun.
„Kommt jetzt weiter!“, ruft die argwöhnische Frau, bevor Hinze wieder seinen Blick auf die blonde Frau werfen kann.
Die Zwillinge nicken, wenden sich ab und gehen. Die Argwöhnische folgt ihnen. Die blonde Frau aber scheint ihren Blick nicht von Hinze lösen zu können.
„Natascha!“, herrscht die Argwöhnische. „Brauchst du eine Extraeinladung?“
Die Blonde namens Natascha dreht sich ruckartig um und folgt ihren Artgenossen. Hinze muss schlucken. Er sieht den Dicken vom Lande nach. Was wird Natascha machen? Wird sie sich noch einmal umdrehen und dem Unglückswurm mit dem Taschentuch noch einen ihrer wunderschönen traurigen Blicke schenken? Hinze registriert, dass sie den Impuls hat, sich noch einmal umzudrehen. Aber sie tut es nicht. Hinze seufzt und beschließt, die dicke Natascha vom Lande aus seinem Gedächtnis zu streichen. Was soll er sich denn mit solchen Leuten abgeben? Völliger Blödsinn!
Nachdem er einige Zeit wie angewurzelt dort stehengeblieben ist und gar nichts gemacht hat, trollt Hinze sich schließlich. Die Nase hat aufgehört zu bluten, das heißt, so ganz stimmt das auch wieder nicht, es fließt immer noch ein Rinnsal heraus, aber das zieht er wieder hoch und schluckt es hinunter. Schließlich bleibt er erneut stehen und gafft irgendwelchen Leuten nach, Leuten, die an ihm vorbeiziehen, wohin auch immer. Ab und zu zieht er seine Nase laut hörbar hoch, um das blutende Rinnsal umzuleiten. Dieser Vorgang findet auch keine Beachtung bei den vorbeiziehenden Horden, es beschwert sich niemand über diesen unappetitlichen Lärm, den er da verursacht. Vielleicht ist er ja doch schon tot, vielleicht hat er es nur noch nicht gemerkt, vielleicht ist er ja schon ganz still und heimlich und ohne einen besonderen Effekt in eine andere Welt hinübergeglitten und keiner hat’s gemerkt. Sonst hat sich ja mindestens Frau Kaschke beschwert, jetzt gibt es aber gar keine Reaktion, vielleicht sind die Horden aber einfach nur gleichgültig und er lebt doch noch. Hinze seufzt. Ganz kurz hat er den Traum gehabt, Natascha wäre ein Engel gewesen, der ihn hinübergeleitet hätte. Wenn Natascha auf der anderen Seite auf ihn wartete, würde er gern sterben, sehr gern sogar. Im Diesseits gibt es ja nur Frau Kaschke und junge Leute, die ihm auf die Nase schlagen. Das lohnt sich eigentlich nicht. Das Taschentuch in seiner Hand ist allerdings real.
„Entschuldigen Sie?“, fragt er den nächstbesten Passanten. „Wissen Sie, wie spät es ist?“
„Nein“, grunzt der, ohne Hinze auch nur anzusehen, und eilt weiter. Okay, denkt Hinze, er lebt noch. Das ist ein Grund, sich wieder auf den Weg zu machen, wohin, das weiß er nicht. Selbstverständlich braucht man ein Ziel, wohin man auch geht, aber Hinze hat keins. Er möchte in Ruhe sterben, irgendwo, und wenn ihm Natascha dabei vielleicht die Hand halten könnte, wäre das sicher sehr angenehm. Hinze bekommt bei dem Gedanken eine Erektion.
Er kann diese Natascha nicht vergessen, diese Augen, die ihn mitten ins Herz getroffen haben. So was hat er seit Jahren nicht mehr erlebt. Wenn er ehrlich ist, muss er sogar zugeben, dass er das noch nie erlebt hat. Anscheinend hat er diese Dame auch berührt, das ist tatsächlich ein gänzlich neues Gefühl, dass er jemanden berührt. Er hat schon oft versucht, jemanden zu berühren, aber er hatte nie den Eindruck, das auch nur ansatzweise geschafft zu haben. Eigentlich gingen alle immer weg. Natascha ist auch weggegangen, aber sie wurde dazu aufgefordert und sie ist der Aufforderung gefolgt, Hinze findet das feige von ihr, aber vielleicht konnte sie auch nicht anders. Das ist so schade, denn Hinze hätte ihr gern die blonden Haare, die unter ihrer Fan-Mütze heraushingen, aus dem rosigen Gesicht gestrichen und es in die Hände genommen. Die Erektion verstärkt sich und er fühlt sich plötzlich sexy.
Vielleicht sollte er mal wegfahren, seinen letzten Tag woanders verbringen und dann dort auch sterben, mal nicht in Berlin. Das Taschentuch hat auch tatsächlich geholfen. Vielleicht war es aber auch der Blick von Natascha, der ihn so beschwingt hat, der hat sicher auch für seine Erektion gesorgt, die jetzt allerdings langsam wieder abnimmt. Doch, er wird jetzt verreisen, einfach losfahren und den letzten Tag genießen.
Nach einer halben Stunde, die er in der nervigen S-Bahn verbrachte und dabei drei verschiedene Obdachlosenzeitungen kaufte, kommt er am Hauptbahnhof an. Er hat sich überlegt, ob er die Obdachlosenzeitungen jemandem schenken könnte, vielleicht einem weiteren Verkäufer von Obdachlosenzeitungen, der kann sie dann ja weiterverkaufen, aber er sieht keinen. Die nächste Option wäre, sie in die Tüte zu seinen Pornoheften zu stecken, aber das lässt er auch bleiben. Stattdessen schmeißt er die Obdachlosenzeitungen einfach in den nächsten Abfalleimer. Der Hauptbahnhof verwirrt ihn, er ist ja noch relativ neu und zu groß, als dass sich Hinze darin zurechtfinden könnte. Eigentlich hat er dort nichts zu suchen, aber er will ja weg. Da ist der Hauptbahnhof eben der richtige Ort. Oder der Flughafen, aber Hinze hat Angst vorm Fliegen. Mit dem Auto fährt er auch nicht gern, das ist ihm viel zu gefährlich, vor allem nach der Geschichte mit seinen Eltern. Manchmal verflucht er sie im Nachhinein, weil sie ihn nicht in einer Kleinstadt gezeugt haben und dageblieben sind. Ein Ort, wo er sicherer wäre und die Leute netter zu ihm, aber nein, es musste Berlin sein. Er ist nun mal hier geboren worden, er hat die Stadt höchstens mal für einen Kurzurlaub, in dem er sich nicht wohlfühlte, oder einen einwöchigen Lehrgang für Sicherheitsmaßnahmen in der Uckermark verlassen, aber das hat ihn auch nicht weitergebracht, dort waren sie auch nicht nett zu ihm. Sein ganzes Leben hat er in Berlin verbracht, aber an einer Party hat er nie teilgenommen, beziehungsweise haben sie ihn nicht teilnehmen lassen. Einmal, das ist jetzt sicher zwanzig Jahre her und er war jung, da wollte er tatsächlich in einen dieser berühmten Clubs, um mal zu gucken, wie das so ist, und mitzutanzen. Aber der Türsteher wies ihn nicht mal ab wie die anderen, er ließ ihn einfach nicht durch, hob die Hand als Sperre, ohne ihn überhaupt anzusehen. Das hat Hinze ein paarmal versucht, mit verschiedenen Türstehern und es war immer dasselbe. Wenn er sich mal den Luxus leistete, auswärts und gut essen zu gehen, war es auch immer so. Entweder sie vergaßen seine Bestellung oder er wurde erst gar nicht bedient und wie Luft behandelt. Nein, Berlin ist nie nett zu ihm gewesen. In so einer Stadt kann man nicht auch noch sterben, denkt Hinze und tut sich in diesem Moment entsetzlich leid. Egal, er muss weg, an einen ihm fremden Ort, wo man wahrnimmt, wie es um ihn steht, wo man ein Herz für Hinze hat, so wie Natascha. Hinze geht mal davon aus, dass sie ein Herz für ihn hat, auch wenn sie mit den Dicken zog.
Jetzt aber sieht er sich erst mal die Informationstafel an, auf der ganz viele Ziele zu sehen sind, Ziele, zu denen er hinfahren könnte. Das verwirrt ihn. Er sieht sich um. Natürlich, er muss sich ja eh ein Ticket kaufen, von daher kann er zum Ticketschalter gehen, um dort ein Ticket zu kaufen, die Ticketverkäufer von der Bahn werden schließlich dafür bezahlt, dass sie ihn beraten, vor allem wenn er nicht weiß, wohin er überhaupt will.
Im Reisezentrum muss er erst mal eine Nummer ziehen. Er setzt sich hin, wartet darauf, dass seine Nummer auf dem Display erscheint und beobachtet die Leute. Es ist niemand darunter wie Natascha, niemand mit so schönen traurigen Augen, aber auch keine ersichtlichen Fans der Fußball-Nationalmannschaft. Überhaupt macht es Hinze keinen Spaß, die Leute zu beobachten, aber da erscheint seine Nummer schon auf dem Display.
„Guten Tag.“
„Guten Tag“, antwortet der Mann am Schalter.
Hinze atmet einmal tief durch und achtet darauf, dass er seine Pornotüte verschlossen hält. Schließlich trägt er seinen Wunsch vor.
„Ich möchte gern dorthin, wo es schön ist.“
Der Mann am Schalter sieht ihn an, verzieht keine Miene, das heißt, vielleicht tut er das doch, aber Hinze kann es nicht erkennen. Es ist, als blicke er in einen Spiegel. Alles an dem Mann am Schalter ist vage, mindestens genauso vage wie Hinze. Früher ist ihm das nie aufgefallen, aber jetzt plötzlich, wo er weiß, dass er sterben wird, da fallen sie ihm auf, die Leute, die nach nichts aussehen und die auch nichts sind.
„Wir sind hier kein Reisebüro“, sagt der Mann am Schalter mit ausdrucksloser Stimme. „Wir sind das Reisezentrum. Das wissen Sie doch!“
„Ja sicher“, antwortet Hinze und fragt sich, ob er genauso nichtig rüberkommt wie dieser Reisezentrist. „Entschuldigen Sie. Ich möchte nur gern ein wenig herumfahren und da aussteigen, wo es mir gefällt.“
„Ach so“, erwidert der Reisezentrist, „verstehe.“ Er sieht Hinze plötzlich an, mit diesen ausdruckslosen, fast toten Augen hinter den unauffälligen Brillengläsern. Sein streichholzkurz geschnittenes hellblondes Haar harmoniert hervorragend mit seiner käsigen Gesichtsfarbe.
Hinze spürt sofort, dass ihn dieser Typ auch sofort durchschaut hat, nicht in Hinblick auf sein baldiges Ableben, sondern auf die Tatsache, dass sie aus demselben uninteressanten Holz geschnitzt sind.
„Na gut“, sagt der Reisezentrist schließlich, „nehmen Sie doch das Brandenburg-Ticket. Damit können sie durch ganz Brandenburg fahren und aussteigen, wo sie wollen. Es ist auch nicht so teuer.“
Hinze nickt. „Das nehme ich.“
Der Reisezentrist beginnt mit dem Ausdrucken dieses Reisedokuments und Hinze kann nicht anders, er muss diesem Artgenossen eine eminent wichtige Frage stellen: „Haben Sie Sex?“
Der Typ hält nicht mal inne, sondern beginnt prompt, vor sich hin zu brabbeln, ohne Hinze dabei anzusehen. Als hätte er sein Leben lang darauf gewartet, dass ihm diese Frage gestellt wird: „Kaum. Manchmal gehe ich auf die Oranienburger oder auf die Potsdamer Straße, aber da habe ich mir jedes Mal eine Krankheit geholt. Das ist nicht angenehm.“
„Nein“, bestätigt Hinze diese unangenehme Erfahrung, nimmt sein Brandenburg-Ticket in Empfang und bezahlt es.
Der Reisezentrist sieht ihn dabei äußerst stumpfsinnig an. Ist er etwa genauso, macht er auch so einen Eindruck? Wenn dem so wäre, dann ist ja alles noch viel schlimmer als angenommen. Er sieht ihn noch mal an, dieser Mensch ist wie tot.
„Es gibt aber Schlimmeres als diese Krankheiten“, brabbelt er weiter. „Wenn man zum Beispiel vom Auto überfahren wird und keiner kümmert sich um einen, die lassen einen da einfach liegen und verbluten. Das ist schlimm. Kennen Sie dieses Gefühl auch?“
Was für ein erbärmlicher Typ, denkt Hinze und nickt trotzdem freundlich, der hat nicht mal eine Natascha, die ihn traurig ansieht, der ist ja noch weit schlimmer dran als er selbst.
„Ihre Nase blutet“, sagt der Reisezentrist.
„Wie?“, fragt Hinze verwirrt.
„Ihre Nase blutet.“ Der Reisezentrist gibt ihm ein Stück Küchenrolle.
„Danke.“
Hinze wischt damit das Blut von der Nase, gibt das Papier zurück und geht. Diese Begegnung war zu viel für ihn. Nur schnell weg von diesem Typen! So einer soll nicht seinen letzten Tag vermiesen! Als er in die große Bahnhofshalle hinausläuft, überlegt Hinze, ob er diesem Typen einfach seine Tüte mit den Pornos in die Hand drücken soll, der hätte sicher Verwendung dafür. Zum Schluss noch mal etwas Gutes tun, aber dann müsste er wieder eine Nummer ziehen und würde womöglich bei jemand anderem landen. Das alles überfordert ihn und Hinze will nur noch sein Brandenburg-Ticket genießen. Schnell eilt er zum nächstbesten Bahnsteig.
Es ist gerade ein ICE eingefahren, der erste Zug aus München, doch der fährt nicht weiter. Außerdem ist es ein ICE, mit dem darf Hinze ja gar nicht fahren. Für diesen Zug gilt sein Brandenburg-Ticket nicht. Hinze ist verwirrt. Das bringt ihn aus dem Konzept. Diese vielen Menschen auf dem engen Bahnsteig, das ist nichts für ihn. Er möchte plötzlich nicht mehr verreisen, er wird in Berlin sterben, das ist einfach richtig. Er muss so schnell es geht diesen Bahnhof, diesen Bahnsteig verlassen und er will Natascha wiedersehen, auch wenn sie mit diesen Dicken ging und ihn stehenließ. Er muss ihre traurigen Augen noch einmal sehen, bevor er stirbt. Hinze dreht sich in dem Getümmel zweimal um die eigene Achse, er will weg, einfach nur weg, aber das geht gerade nicht. Viele Leute drängen aus dem Zug. Natürlich achtet keiner auf Hinze, der sich augenblicklich herumgestoßen fühlt, wie im Betrieb immer schon, aber da ist es ihm nie so unmittelbar aufgefallen, da war es normal und er musste sich schon eher wundern, wenn es mal nicht so war. Hier am Bahnsteig ist es aber anders, hier schreit es ihm direkt ins Gesicht, dass er hier und überhaupt nirgendwo etwas verloren hat. Diese Erkenntnis trifft ihn nicht unbedingt wie ein Blitz, er weiß ja, dass es sein letzter Tag sein soll, aber sie trifft ihn körperlich so hart, dass er das Gleichgewicht verliert und hilflos zwischen den Reisenden herumtaumelt, wobei er krampfhaft an seiner Pornotüte festhält.
„Zefix!“, hört er eine sehr männlich, sehr bayerisch und sehr jung klingende Stimme fluchen. Hinze fährt herum. Ein junger kräftiger Kerl mit kurzen Haaren und ein paar Tätowierungen starrt ihn empört an. Er sieht gesund aus. Nein, der wird nicht so schnell sterben, denkt Hinze, der hat das Leben noch vor sich.
„Pass doch auf, du Depp!“
Ist das der Mensch, der ihm das Ende bringen soll? Er sieht aus, als wäre er stark wie ein Ochse. Ein gezielter Schlag und aus wäre es mit Hinze.
„Könnts euch net entschuldigen, ihr Berliner?“
„Wie, was?“ Hinze ist verwirrt.
Der junge Mann starrt ihn an, Hinze kommt es vor, als würden Funken aus den Augen dieser fleischgewordenen Naturgewalt sprühen. Sein Mund ist halb geöffnet, die Faust geballt und er stinkt nach Schweiß, der ihm wie ein Gebirgsbach aus allen Poren strömt.
„Jetzt schau net so deppert oder willst a Watschen haben?“
Der junge Mann droht, normalerweise fängt sich Hinze seine Ohrfeigen ohne Vorwarnung. Sein zorniges Gegenüber macht einen bedrohlichen Schritt auf ihn zu. Normalerweise hetzen doch diese Besucher zu den Sehenswürdigkeiten oder auf die nächste Party, aber der hier hat anscheinend einen anderen Fixpunkt gefunden. Hinze fühlt sich auf einmal wahrgenommen, fast geehrt, der junge Mann starrt nur auf ihn und auf niemanden sonst. Ähnlich wie Natascha mit ihren traurigen Augen, wobei Natascha natürlich weitaus angenehmer war, aber trotzdem. Diese Flasche am Ticketschalter hätte der doch zu Recht ignoriert. Hinze ist gerührt. Er lächelt und breitet seine Arme weit aus.
„Schlag mich doch!“, ruft der Depperte und steht da, als wollte er ihn in die Arme nehmen. Das hat noch gefehlt! Lukas kneift instinktiv seine Pobacken zusammen. Der Depperte wirkt zwar nicht unbedingt wie ein warmer Bruder, der sieht aus wie gar nichts, aber Lukas ist da sehr vorsichtig. Er hat schon genug schlimme Geschichten gehört.
„Töte mich!“, brüllt der Depperte plötzlich. „Los, töte mich doch!“
Nein, das ist keine Gaudi mehr, das wird Lukas jetzt zu bunt. Seine Ankunft in Berlin hat er sich anders vorgestellt. Dass diese Stadt völlig verrückt ist, hat er sich schon denken können, dafür ist sie ja berühmt und berüchtigt, aber dass sich, kaum dass er seinen Zug verlassen hat, einer auf dem Bahnsteig gleich von ihm töten lassen will, ist dann doch zu viel des Guten. Lukas ist jetzt doch etwas verwirrt, das muss er sogar vor sich selber zugeben. Sicher, er ist die ganze Nacht auf gewesen, gestern Abend mit dem letzten Zug aus seinem Heimatort nach München gefahren und dort dann am Bahnhof herumgestromert, bis der erste Zug nach Berlin fuhr. Als er dann endlich im ICE saß, war er zwar müde, er hatte auch schon einige Bier intus, manchmal fielen ihm kurz die Augen zu, aber schlafen ging nicht, dazu war er zu aufgeregt und es gab viele interessante Dinge zu sehen. Allerdings war er kurz vor Berlin dann doch eingeschlafen, aber als die Durchsage kam, dass der Bahnhof Berlin-Südkreuz in Kürze erreicht werden würde, wachte Lukas schweißgebadet wieder auf. Sicher, die Sitze im ICE waren sehr bequem, aber er war tatsächlich eingeschlafen, so kurz vor Berlin hätte ihm das nicht passieren dürfen. Egal, gleich sollte Berliner Hauptbahnhof kommen, sein Ziel! Lukas sah aus dem Fenster den Bahnhof Südkreuz, der nicht so spannend aussah, einige Leute stiegen aus, aber die meisten fuhren wohl bis Hauptbahnhof. Auf einem anderen Bahnsteig, wo sie auf einen Regionalzug warteten, sah Lukas einige junge Mädchen stehen, die er als sehr anregend empfand. Er musste an sein Madl denken, aber das wollte er nicht, er war in Berlin und da hatte sein Madl erst mal nichts verloren, die war daheim besser aufgehoben.
Der Zug fuhr schließlich weiter, sie verließen das Südkreuz, er sah große Häuser, die allerdings auch nicht viel größer waren als die in München, aber die waren schon ziemlich groß. Er ist noch nie in Berlin gewesen, noch nicht mal auf Klassenfahrt, da durfte er nicht mit. Das hat ihn damals sehr gewurmt, aber er ist trotzdem groß und stark geworden. Die Durchsage, dass Berlin-Hauptbahnhof in Kürze erreicht werden und der Zug hier enden würde, erschallte und elektrisierte ihn. Lukas starrte ultragespannt auf die Häuser, aber dadurch änderten sie sich auch nicht. Und dann ging es in einen Tunnel, auch das noch, da konnte er gar nichts mehr sehen. Jedenfalls keine Häuser. Schnell stand er auf und nahm seine Reisetasche. Er hatte nicht viel mitgenommen, wenn alles gut ging, dann würden sie ihm den Rest bringen, sein Vater würde mit dem Auto kommen, durch den Osten müsste er dann fahren und sein Vater verachtete alles jenseits von Hof, das heißt die Gegend um Hof herum und zwar in einem sehr großen Kreis verachtete der Vater auch, das nannte sich nämlich Franken und war auch nicht schön. Lukas war jetzt aber egal, was sein Vater mochte und was nicht, er hat sich seine Reisetasche unter eine verschwitzte Achselhöhle geklemmt und sich dann durch die Reisenden gedrängt, die auch gerade dabei waren, ihr Hab und Gut zu ordnen und sich zum Ausstieg bereitzumachen, denn alle mussten raus. Lukas trat einigen Leuten auf die Füße, selber Schuld, wenn sie ihm im Weg standen, manche schimpften sogar.
„Hören Sie auf zu drängeln!“, meckerte ein älterer Herr. „Sie kommen noch früh genug hier raus.“
„Du bist hier nicht mehr in Bayern!“, bemerkte ein Jüngerer spöttisch.
Ja, das wusste Lukas auch.
„Stinkendes Schwein!“, rief eine Frau.
„Hau wieder ab in deinen Schweinestall“, legte der Jüngere nach und Lukas hätte ihm am liebsten auf der Stelle ein paar ordentliche Watschen verpasst.
Lukas war immer gut bei Schlägereien, im Bierzelt oder so, er war einer der besten, das würden diese arroganten Berliner noch merken. Aber vielleicht waren das ja auch gar keine Berliner, vielleicht waren das Leute wie er, die nur nach Berlin fuhren, wahrscheinlich Leute aus dem Osten oder Franken, Bayern schienen nicht darunter zu sein, die hätte er erkannt. Jetzt wollte er die Berliner kennenlernen. Der Zug hielt. Tatsächlich. Berlin-Hauptbahnhof. Tief. Er war dann auch einer der Ersten, die es geschafft haben sich durchzukämpfen und aus dem Zug gestiegen sind.
„Jetzt töte mich!“, brüllt der Depperte. Lukas denkt kurz nach, ob er ihm schnell ein paar zünftige Watschen geben soll, dann wäre er still.
Er hört Leute lachen und dreht sich um, es sind einige seiner Mitreisenden, die jetzt erst aus dem Zug herauskommen und ihn da mit diesem Depperten stehen sehen. Das ist erniedrigend. Lukas sieht die Leute an ihm vorbeiziehen und da ist natürlich auch sie wieder, diese eiskalte Blondine aus dem Zug. Sie lächelt kurz, aber sehr arrogant, trotzdem zwinkert Lukas zurück und sie sieht ihn an, mit einem Blick, den Lukas nicht deuten kann, der ihn aber regelrecht wuschig werden lässt. Ohne ihm noch mal einen Blick oder gar noch mehr zu schenken, begibt sie sich zur nächsten Rolltreppe und Lukas muss hinterher. Den Depperten lässt er einfach stehen, soll den doch jemand anderes töten.
Lukas muss sich aber beeilen, er reckt den Hals, nimmt all seine Kraft zusammen und pflügt durch die Reisenden. Er will auf keinen Fall, dass diese Frau ihm entwischt. Was er mit ihr machen wird, wenn er sie denn eingeholt hat, weiß er allerdings auch nicht, aber das ist ihm egal.
Sie ist während der Fahrt zugestiegen, ordentlich älter als er, sicher ein ganzes Stück über dreißig, aber eine sehr interessante Frau und sie sah schon heiß aus in ihrem Business-Dress. Sie saß ihm quasi gegenüber, aber in der gegenüberliegenden Reihe. Sie hat keine Miene verzogen, aber Lukas spürte, dass sie ihn ausgiebig musterte. Er hat ihr ein- oder zweimal zugezwinkert, sie ist aber bei ihrem strengen Blick geblieben. Sehr wahrscheinlich ist das ihre Masche. Für Lukas war das aber kein Problem, er zwinkerte noch ein paarmal, versuchte diesmal allerdings, abgeklärter zu wirken. Sie reagierte wieder nicht. Schließlich hat sie sich abgewandt und sah woanders hin. Lukas wollte natürlich wissen, wo sie jetzt hinsah, aber das durfte sie auf keinen Fall mitbekommen und das war von seiner Position aus auch schwer herauszufinden.
Schließlich sah sie ihn wieder an, hart und direkt. Wahrscheinlich kam sie aus dem Osten, mutmaßte Lukas, er war sich da sogar sicher, sie war ja schließlich in Leipzig zugestiegen. So wie sie ihn ansah, konnte es gar nicht anders sein. Sein Vater, der die Ostler nicht sonderlich mochte, hat immer gesagt, dass diese hart und direkt seien und unangenehm dazu. Vielleicht hat sein Vater ja recht, aber Lukas fand diesen harten und direkten Blick äußerst antörnend. Er beschloss, ihr noch einmal zuzuzwinkern, aber bevor es dazu kam, beugte sie sich leicht zu ihm vor und ihre kalten Augen bohrten sich jetzt aus nächster Entfernung direkt und erbarmungslos in seine Seele. Lukas lief es kalt den Rücken herunter.
„Sie schwitzen, junger Mann!“
„Was?“ Lukas hatte mit Allem gerechnet, aber nicht mit so etwas.
„Sie schwitzen sehr stark“, wiederholte die Ostfrau. Freundlichkeit hörte sich anders an.
„Ja und?“, konterte er frech.
„Das riecht nicht gut.“
„Ja und?“
Die Ostfrau räusperte sich, holte ihr Smartphone hervor und stöberte darin herum. Lukas fand das einfach unverschämt. Vielleicht war aber alles auch nur ein Trick, um ihn anzubaggern. Sicher schwitzte er, aber es gab viele Frauen, die das anmachte, das wusste er.
„Ich habe einen langen Weg hinter mir.“ Die Ostfrau reagierte nicht.„Ich fahre quer durch das Land, da darf man schwitzen, gell?“ Die Ostfrau wandte sich noch mehr ab. „Verstehst mi?“
„Jetzt seien Sie doch ruhig!“, meckerte ein anderer Reisender, der hinter ihm saß. „Ich wäre auch froh, wenn Sie sich gewaschen hätten.“
„Na, i bin net ruhig!“, regte sich Lukas auf. „Sie tolerieren mi net!“
„Tolerieren?“, lachte ein weiterer Fahrgast, diesmal der, der neben der Ostfrau saß. „Wo hast du denn das gelernt?“
„Willst schlägern, oder was?“, kreifte Lukas daraufhin wütend zurück.
Die Ostfrau sah teilnahmslos auf ihre Armbanduhr, obwohl sie eine auf ihrem Smartphone hatte, seufzte kurz und leise, nahm ihre Tasche, stand auf und ging. Lukas war außer sich, die anderen Reisenden, vor allem der eine, der ihn gerade sehr gereizt hatte, ignorierten ihn und wandten sich anderen Dingen zu. Was der Kerl hinter ihm machte, wusste Lukas nicht, er verspürte auch keine Lust, sich umzudrehen und nachzuschauen. Er sah, dass seine frisch tätowierte Wade zitterte und blickte aus dem Fenster, um sich zu beruhigen. Er war stolz auf seine frisch tätowierte Wade, er hatte sich zur Feier seines Umzugs in die Hauptstadt ein neues Tattoo stechen lassen. „Berlin Bayer“, in großen altdeutschen Lettern stand es groß und fett direkt hinten auf seiner Wade. Für alle Ewigkeit. Dazu sah es besonders gut aus, wenn er Cargohosen trug und die trug er meistens, wenn das Wetter es zuließ. Und als hartgesottener Bayer war es kein Problem für ihn, von März bis November kurze Hosen zu tragen. Das würde ihm bei den verweichlichten Berlinern Respekt verschaffen, da war er sich sicher. Und bei den Berlinerinnen sowieso, die gierten förmlich nach neuem Blut, das hat er im Internet gelesen.
Nun, diese eiskalte Ostfrau hat anscheinend nicht nach ihm gegiert und jetzt verfolgt er sie trotzdem durch den Berliner Hauptbahnhof. Ist das alles aufregend! Wenn seine Spezln aus dem Wirtshaus wüssten, was er jetzt schon alles erlebt hat. Na ja, sie werden es erfahren, er wird es ihnen erzählen. Bei seinem Madl ist er sich nicht so sicher, was er ihr alles erzählen wird, er ist sich auch gar nicht sicher, ob sie mit seinen neuen Bekanntschaften, die er in Berlin zweifelsohne kennenlernen wird, mithalten kann, er hat eher die Befürchtung, dass das zu ihren Ungunsten ausfallen wird. Allerdings hat er im Augenblick auch keine Lust, über die Leute in seiner Heimat nachzudenken, jetzt hat er doch tatsächlich diese eiskalte und heiße Ostfrau aus seinem Blickfeld verloren. Eigentlich ist es ihm egal, die interessiert ihn doch sowieso nicht, wenn er ehrlich ist, die ist ihm doch viel zu alt und wenn er sich so umschaut, sieht er eine Menge junger Mädchen, die ihm mehr zusagen. Scheiß auf die Ostfrau, denkt er sich und hofft innig, dass Berlin nicht voll mit diesen Frauen ist, diese Art mag er ja eigentlich gar nicht.
„Hören Sie endlich auf, mich zu verfolgen!“
Lukas bleibt stehen. Die Ostfrau steht vor ihm und sieht ihn eiskalt an.
„I soll Sie verfolgen?“ Lukas ist kurz davor, lauthals loszulachen.
„Was denn sonst?“, erwidert sie ruhig. „Ich gehe jetzt weiter und Sie bleiben hier stehen. Wenn Sie mich weiter verfolgen, sag ich der Polizei Bescheid.“
Lukas ist baff. Was bildet sich diese Frau ein? Sie geht weiter, er sieht sie sich von ihm entfernen und eine weitere Rolltreppe nach oben nehmen. Dieser Bahnhof ist voll von Rolltreppen, überall Rolltreppen. Schließlich ist sie verschwunden. Sie ist es nicht wert, sich Ärger einzuhandeln, da ist sich Lukas sicher. Da sieht er sich stattdessen doch lieber diesen Hauptbahnhof an, der scheint in der Tat riesig zu sein. Lukas strebt auf den Ausgang zu. Er will noch etwas von seinem ersten Tag in Berlin haben, das alles war einfach zu aufregend. Wieso ist er nur dieser Frau nachgelaufen? Sie ist ihm im Zug aufgefallen und hat ihn von dem Depperten abgelenkt, ihn von diesem Idioten losgerissen. Lukas bleibt stehen. Hatte er etwa Angst vor dem Depperten? Das ist ein Gedanke, der ihm überhaupt nicht gefällt. Lukas kennt nämlich keine Angst. Daheim hat er sie nie gekannt und auch hier wird er sie nicht kennenlernen, da ist er sich sicher. Da können noch so viele Depperte kommen und getötet werden wollen.
Nein, kein Stillstehen, Lukas eilt weiter, er weiß, dass es schwer werden wird in Berlin, aber er ist schließlich ein harter Kerl, der sich durchsetzen kann. Die frische Luft tut gut und der Platz vor dem Hauptbahnhof ist schön. Dort ist der Reichstag und da das Bundeskanzleramt und Lukas kann sogar den Fernsehturm sehen, der muss natürlich bestiegen werden und das sehr bald, damit er sich einen guten Überblick verschaffen kann. Er hat immer gehört, dass Berlin so dreckig und verlottert sei, aber das scheint gar nicht so zu sein. Vieles ist neu, das sieht man sofort und das freut ihn. Lukas mag keinen Dreck und auch keine Unordnung, beides ist hier nicht zu sehen und das ist gut. Nur eine wirklich verlotterte Gestalt sieht er, einen alten Mann, der ihn sehr böse anstarrt. Wahrscheinlich, weil er so schön sauber ist und der Alte nicht. Er lässt nicht ab und starrt Lukas immer böser an. Was will der, was hat der für ein Problem? Noch so ein Depperter, das ist ja schlimm in Berlin! Lukas sieht ihn hochmütig an, der Alte kann ihm gar nichts. Der Alte zieht sich daraufhin anscheinend die Nase hoch, im nächsten Moment spuckt er in Lukas Richtung, trifft aber nicht. Stattdessen befleckt er einen anderen schnell vorbeieilenden Reisenden, aber der merkt nicht einmal, was da auf seinem Sakko gelandet ist. Lukas sieht entsetzt dem angespuckten Reisenden nach und als er wieder in die Richtung des Alten sieht, ist der verschwunden. Lukas soll es recht sein, er will sich nicht mit so fiesen, spuckenden alten Männern abgeben, das ist ekelhaft. Dafür sieht er viele hübsche Frauen. Lukas hätte sehr gern einige angesprochen, aber er traut sich nicht, es sind einfach zu viele.
Zuallererst muss er sich sowieso auf den Weg zu seinem Schwager machen. Der hat sich zwar schon vor einiger Zeit von seiner Schwester getrennt, aber das Verhältnis zwischen ihm und Lukas ist nach wie vor gut, besser als das Verhältnis von Lukas zu seiner Schwester, er hätte lieber den Schwager zum Bruder als seine Schwester zur Schwester. Der Schwager jedenfalls ist nach der Trennung nach Berlin gegangen und hatte sofort Erfolg mit Geschäften in der Telekommunikation. Als er hörte, dass Lukas sich beruflich umorientieren wollte, bot er ihm sofort eine Stelle in seinem Unternehmen an. Lukas könnte auch erst mal bei ihm wohnen, Wohnungen seien in Berlin mindestens so schwer zu kriegen wie in München. In München hat Lukas nie gewohnt, aber das machte nichts, er fand es sowieso besser, direkt vom Dorf in die Hauptstadt zu starten.
Schwager Hartmut wird jedenfalls Augen machen, wenn Lukas heute plötzlich bei ihm auf der Matte steht, der ahnt noch gar nichts von Lukas Entschluss, sein Angebot anzunehmen. Er wird sich aber freuen, da ist Lukas sich absolut sicher. Das wird eine Gaudi, da gibt es keinen Zweifel. Jetzt muss er nur noch die Firma seines Schwagers finden, aber er hat ja die Adresse und Google Maps auf dem Handy. Es ist schon eine Strecke weg vom Hauptbahnhof, aber er findet die erforderlichen Verkehrsmittel schneller als gedacht, man muss sich nur sehr schnell vorwärts bewegen, aber da ist Lukas gut drin, da können die Berliner und vor allem die Berlinerinnen, von denen es augenscheinlich sehr viele hübsche gibt, viel von ihm lernen. Lukas ist angekommen.
Schnell findet er auch die U-Bahnlinie, die ihn zu seinem Ziel bringen soll. Der Waggon, den er betritt, ist nicht sonderlich gefüllt. Zwei lange Bänke erstrecken sich von Tür zu Tür, auf einer Seite ist außer zwei Teenies, die über ihren Handys hängen, alles frei. Lukas setzt sich und atmet erst mal durch. Nach dem Streckenplan hat er noch neun Bahnhöfe zu passieren, das ist gut, da kann er verschnaufen. Ihm gegenüber sitzen vier Figuren, die ihn zum Schmunzeln bringen, zwei Männer und zwei Frauen, die in der langen Sitzreihe, die sich die ganze Fensterfront entlang erstreckt, sicher sechs, wenn nicht gar sieben Plätze belegen, da sie allesamt übergewichtig sind, vor allem die zwei Männer, die zudem eineiige Zwillinge zu sein scheinen. Zudem sind sie von oben bis unten mit Fanartikeln der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bekleidet, die Frauen haben Deutschlandfahnen auf die Backen gemalt. Endlich normale Leute, denkt Lukas, sie hängen da zwar wie ein Schluck Wasser, aber Berlin ist ja auch anstrengend.
„Habts des Spiel gesehen?“, will Lukas wissen.
Einer der beiden Zwillinge, er trägt einen dicken Schnurrbart, nickt müde.
„Starkes Spiel, gell?“
Die Zwillinge zucken mit den Schultern, die blonde Frau lächelt freundlich und die Brünette blickt eher skeptisch drein. Lukas muss erst mal in seinem Gedächtnis kramen, wie dieses Spiel überhaupt ausgegangen ist, es ist schon ein paar Tage her, bei Bayern München weiß er ja immer Bescheid, aber die Nationalmannschaft außerhalb von Turnieren ist nicht sein Steckenpferd, vor allem wenn es sich um ein Freundschaftsspiel handelt, wie das vor ein paar Tagen. Trotzdem, Lukas hat nach dem Irrsinn seit seiner Ankunft das Bedürfnis, mal wieder mit normalen Leuten zu reden, auch um wieder zur Ruhe zu kommen. Diese Leutchen kommen vom Land, das ist Lukas sofort klar, das spürt er. Das sind bodenständige Leute und keine Spinner, die sich von ihm gleich totschlagen lassen wollen.
„Seits schon ein paar Tage da?“
Der mit dem Schnurrbart nickt, der andere schläft anscheinend. Die Blonde lächelt schüchtern und die Brünette macht den Mund auf.
„Keine gute Reise“, mault sie. „Volle Stadt, alles Verrückte und wir haben den Bus verpasst.“
Der Schnurrbart-Zwilling nickt müde und die Blonde lächelt.
„Den Bus verpasst?“, fragt Lukas. „Seids mit dem Bus da? I bin heut mit dem ICE gekommen.“
„Mit dem Fernbus“, erzählt die Brünette ärgerlich. „Mit dem wollten wir auch zurück am Morgen nach dem Spiel, aber der ist uns vor der Nase weggefahren.“
„Ey, des ist net gut. Wo kimmts ihr denn her?“
„Emsland“, brummt der Schnurrbart-Zwilling. Die Blonde lächelt.
„Wir sind sogar noch gerannt“, meckert die Brünette. „Hinter dem startenden Bus her, aber wir waren nicht schnell genug.“
„Wir sind leider nicht so sportlich“, kichert die Blonde verschämt.
„Wir haben umgebucht“, leiert die Brünette weiter. „Heute Abend mit einem Bus, der neun Stunden braucht, und wir müssen zweimal umsteigen, einmal in Dresden und dann in Bremen.“
„Des is ja greislich“, entfährt es Lukas, dem diese dicken busverpassenden Bauern langsam auf die Nerven gehen.
„Wir mussten jetzt schon zwei Nächte im Bahnhofswartesaal schlafen“, weiß die Brünette zu berichten. „Der Natascha haben sie nämlich unsere Reisekasse geklaut.“
Die Blonde, die wohl Natascha heißt, kichert wieder verschämt.
„Hör auf zu kichern, blöde Kuh!“, schimpft die Brünette. „Ist schon schlimm genug. Können Sie uns vielleicht ein paar Euro leihen?“
Lukas schüttelt hastig den Kopf und steht schnell auf. Das ist ja alles entsetzlich, was für Loser, was für Opfer! Er begibt sich schnell zur nächsten Tür und wirft noch mal einen Blick zurück auf dieses Elend. So fett und blöd in der U-Bahn rumzuhocken und dann auch noch zu betteln, das geht in seinen Augen gar nicht. Am nächsten U-Bahnhof wechselt er den Waggon.
Im nächsten Waggon ist es zwar etwas voller, aber Lukas findet schnell einen Sitzplatz. Es gibt allerdings wieder einen Störfaktor. Zwischen den Fahrgästen springt ein Straßenmusiker herum. Gut, das kennt er aus München auch, aber dieser Musiker hat einen Kassettenrekorder an einem Riemen an seiner Schulter hängen, das sieht schon mal sehr komisch aus. Aus dem Rekorder plärrt völlig übersteuert „Daddy Cool“ von Boney M. Dazu singt der Straßenmusiker, der nicht mehr ganz jung ist, dieses wohlbekannte Lied lauthals mit, allerdings in einer Sprache, die Lukas noch nie gehört hat. Die Töne trifft er auch nicht. Manchmal kommen die Wörter „Daddy Cool“ vor, aber dann meist an Stellen, an denen sie im Original nicht drankommen. Der Straßenmusiker, der anscheinend aus dem Land kommt, in dessen Sprache er singt, hüpft dazu fröhlich durch den Wagen, hält jedem Passagier einen Pappbecher unter die Nase und lässt die drei Münzen darin klirren, ohne dass auch nur ein Passagier ihm eine vierte Münze dazutut. Dieser Umstand scheint ihn aber nicht zu beirren, munter plärrt und hüpft er weiter, bis der Pappbecher auch vor Lukas Nase klingelt.
„Naa!“, grunzt Lukas. „Schleich di!“
Der Straßenmusiker zieht singend weiter. Ein kleines Stück von Lukas entfernt sitzt ein etwa gleichaltriger Bursche, drahtig und durchtrainiert, in einem Hoody und mit Jogginghose. Manisch starrt er auf den Boden und als der Pappbecher vor seiner Nase erscheint, schlägt er ihn einfach weg. Der Pappbecher fliegt in hohem Bogen durch den Waggon, die drei Münzen kullern sonst wohin. Der Straßenmusiker macht entsetzt einen Schritt zurück. Lukas ist baff. Der andere Bursche starrt den Straßenmusiker an.
„Ja was?“, brüllt der Bursche äußerst aggressiv.
Der hat mehr Schneid als er, das muss Lukas zugeben.
„Haste nich jehört, wat der Piepl da jesacht hat?“
Lukas kann nicht alles verstehen, was der Bursche da faucht, das muss Berlinerisch sein.
„Du sollst dich wechschleichen, hatter jesacht!“
Der Bursche erhebt sich. Der Straßenmusiker steht schlotternd vor ihm. Die U-Bahn hält an.
„Jetzt vapiss dich!“, brüllt der Bursche. „Aba janz fix!“
Es ist nicht klar, ob der Straßenmusiker ihn verstanden hat, aber er eilt schnell zur Tür und springt hinaus. Der Bursche sieht sich um, findet den Pappbecher, bückt sich, hebt ihn auf, eilt zur Tür und schmeißt ihn dem Straßenmusiker hinterher.
„Du hast deinen Kaffee vajessen, du Vogel!“
Die Tür schließt sich wieder, der Zug fährt weiter, es herrscht peinliches Schweigen, jeder starrt vor sich hin oder auf sein Handy. Nur Lukas starrt den Burschen an, der sich jetzt ihm gegenüber hingesetzt hat.
„Du jefällst mer!“, sagt er zu Lukas. „Griaß di, i bin der Lukas“, antwortet Lukas strahlend und streckt seine Hand aus.
Der Bursche macht eine wegwerfende Geste, stützt seinen Kopf auf seine Hände und stiert auf den Boden. Lukas ist ein bisschen irritiert, streckt ihm aber dann seine tätowierte Wade hin, sodass der Bursche sie unter seiner Nase hat.
„Da, schau!“, sagt Lukas stolz. „Hab i mir extra stechen lassen. Weil i herkommen bin! Weil i jetzt hier bleib!“
Der Bursche reagiert nicht, er starrt weiter auf den Boden und bleibt so sitzen bis zum nächsten U-Bahnhof, wo er aufsteht den Waggon verlässt, ohne Lukas eines Blickes zu würdigen.
Gleichermaßen fasziniert und verunsichert erreicht Lukas schließlich sein Ziel. Als er jedoch den U-Bahnhof, in dessen Nähe sich die Firma von Schwager Hartmut befindet, verlässt, stellt er fest, dass es noch zu früh ist. Die machen erst um 11:00 Uhr auf und es ist kurz vor zehn. Wahrscheinlich ist das die Berliner Freiheit, man kann ausschlafen, denkt er sich, aber Lukas ist das gar nicht so unrecht, er verspürt Hunger. Ehe er sich versieht, hat er eine Bäckerei gefunden und holt sich dort ein paar Wurstsemmeln sowie einen Becher Kaffee. Ganz in der Nähe entdeckt er eine kleine Grünanlage, die allerdings ziemlich ungepflegt wirkt. An einem schmuddeligen Schotterweg stehen einige Bänke, dort setzt er sich hin und verzehrt sein Frühstück. Die Sonne scheint und überhaupt ist alles prima. Lukas sieht sich um. Es sind zwar Leute unterwegs, aber lange nicht so viele, wie er erwartet hat. Die meisten haben es sehr eilig, es gibt allerdings auch welche, die es nicht so eilig haben und von denen wirken einige sehr betrunken. Solche würde man in Bayern um diese Tageszeit gleich wegsperren, so etwas geht gar nicht. Lukas ist auch oft betrunken, aber immer nur abends. Da braucht man sich auch nicht zu schämen, diese Leute hier sollten sich aber schämen. Als wieder einer von denen des Weges kommt, spricht Lukas ihn an, er muss jetzt Dampf ablassen.
„Sag mal, schämst du dich nicht?“, fragt er den Mann und versucht dabei, Hochdeutsch zu sprechen, was ihm auch einigermaßen gelingt. Der Mann, sein Alter ist undefinierbar und der Kopf sehr rot, sieht ihn trotzdem verständnislos an. Lukas ist das unangenehm.
„Schleich di!“
Der Mann blafft irgendwas zurück, aber Lukas versteht ihn nicht. Das ist kein seltsamer Ost-Dialekt, das ist eine ganz andere Sprache, so was wie Russisch oder Polnisch, vielleicht auch Ukrainisch, Lukas kennt sich da nicht aus.
„Sprich deutlich!“, grunzt er und muss über seinen eigenen Witz zufrieden grinsen.
