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In 50 Ausgaben erschien von November 2002 bis zum April 2015 das Magazin horizonte – Blätter für Politik und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern. Das Magazin öffnete Horizonte, stellte Eingeschliffenes in Frage, ließ Widerspruch und Widersprüchliches zu. Die interessantesten, unterhaltsamsten und wichtigsten Essays, Interviews und Reportagen sind in diesem Buch zusammengestellt. Beiträge von und Interviews mit: Stephan Bliemel, Susanne Bliemel, Mathias Brodkorb, Stefan Bruhn, Rudolf Conrades, Eugen Drewermann, Jürgen Elsässer, Friedhelm Hengsbach, Erik Gurgsdies, Udo Knapp, Robert Patejdl, Silke-Maria Preßentin, Johano Strasser, Käte Woltemath u.v.a.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2015
Vorwort
Es zeigt sich am Horizont:
I. Mecklenburg-Vorpommern
Bismarck, die Provinz und der Weltuntergang als Chance
Fragebogen an Daheimgebliebene
Kleider machen leichte Beute
Lob den Kritikern
Matrosen im Regen
Kein Meer mehr
Von den Grenzen des Wachstums
»Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?«
Der Herr der Schulden
Stettin, gelassene Stadt
Nur Ehrlichkeit hilft!
»Es ist eben nicht Natur!«
»Gelbe Bergziegen« aus Kaliningrad
Rauch, Schweiß und Tränen
Pokern in Pommern
»Geld schießt doch Tore!«
Spieltrieb
Ein heimischer Exot
Kunde bis ans Grab
Mehr Selbstbewusstsein bitte!
»De Senectute« in Mecklenburg- Vorpommern
Es erweitert sich der Horizont:
II. Politisches
Was ist eigentlich Gerechtigkeit?
Von der Gerechtigkeit zum guten Leben
George Bushs religiöser Fundamentalismus
Gemeinsam statt einsam: Die offene Schule
»Das Wort Sozialismus ist nicht zu Ende buchstabiert.«
Bürgergeld: Ein Einkommen für alle!
Von der Rasse zur Kultur
Rechts, wo der Daumen links ist!
Feminismus neu verpackt
Gott ist tot, der Teufel lebt
Die Nation als linkes Projekt
Don Camillo und Peppone
Nation Europa?
Die Nation hat ausgedient
Mehr Demokratie wagen!
Eine Nacht auf links gedreht
»Man könnte einen Wutanfall bekommen«
Wo die Dummen nicht das Sagen haben
Postdemokratie
Was die Welt im Innersten zusammenhält
Schampus und Dosenbier
Das Ernie- und Bertlandprinzip
Lehren aus dem Selbstbetrug
Die neue Mitte
Es ist genug!
Von Spielen und Ziegen
Schwein gehabt
Parteien in der Zeitmaschine
Simulative Demokratie?
»Ich hab’ mir gesagt: Gottfried, pass auf!«
Schnarchende Riesen
Es eröffnen sich Horizonte:
III. Deutschland einig Vaterland?
»Wir waren elende Idealisten«
Die geteilte Kindheit
Biographie: Kein Spiel
Eine noble Adresse
Friedenspfeifen
Wer war schuld an der Platte?
Paul oder Paula?
Kleine Freiheit Nummer 9
Das Brot der späten Jahre
Soldaten im Osten
Nachkriegszeit
Vierundzwanzig Stunden Ostalgie
Am Ende der Welt …
»Der Gregor Gysi des Ostens«
Am Ende der Milchstraße
Es vernebelt sich der Horizont:
IV. Die Quartalstrinker
Der Batzenberger Spätburgunder: Ein echter Sozialdemokrat
Säuseln vom Engelsberg: Ein Spätburgunder vom Gut Knab
Sanfte Wärme vom Rittmeister: Ein Apfelbrand im Härtetest
Braun gebrannt im Winter
Kalte Muschi: Große Koalition im Sixpack
Ouzo 12: Das Getränk zur Krise
Zwischen Zenit und Nadir:
V. Vom Ende aus betrachtet
Platt hett wunnen!
»Das wird der absolute Knaller!«
Die Autoren
Abbildungsverzeichnis
In 50 Ausgaben erschien von November 2002 bis zum April 2015 das Magazin horizonte – Blätter für Politik und Kultur in Mecklenburg- Vorpommern. Es wurde als private Initiative von einigen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten gegründet, um über Partei- und Landesgrenzen hinweg über die Zukunft der sozialen Demokratie nachzudenken.
Bald entwickelte sich das Magazin zu einem umfassenderen journalistischen Projekt weiter. Immer blieb es das Ziel, Horizonte zu öffnen, Eingeschliffenes in Frage zu stellen, Widersprüchliches zuzulassen. Die Redaktion ging dabei vor allem der eigenen Neugier nach, ohne ein politisches Programm zu verfolgen. Jede Ausgabe widmete sich einem Schwerpunktthema, das von den unterschiedlichsten Blickwinkeln aus betrachtet wurde.
In diesem Buch finden Sie einen thematisch gebündelten Querschnitt aus 50 Ausgaben des Magazins horizonte. Entscheidendes Kriterium für diese Auswahl war die möglichst anhaltende Relevanz der Texte. Erstaunlich Vieles hat seine Aktualität bewahrt.
Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen,
Stephan Bliemel
Vielzitiert ist das vermeintliche Bismarck-Bonmot vom Weltuntergang, der in Mecklenburg 50 Jahre später stattfinden soll. Was ist da dran? Und sollte uns dies ärgern oder freuen?
Seit die alten Römer die Begriffe Provinz und Provinzialität erfunden haben, geht es vielen Bewohnern ländlicher Räume gehörig gegen den Strich, als Provinzler dazustehen. Darunter gibt es nur noch die tiefste Provinz. Schicksalhaft ist das alles nicht: Eine römische Provinz machte den Gattungsbegriff sogar zum Eigennamen – die ›Provence‹. Lavendelfelder und mondäne Badeorte, römische Aquädukte und das Festival von Cannes etc. machen die Provence zu einer Metropolregion eigener Prägung, die manche Millionenstadt alt aussehen lässt.
Nun ist Mecklenburg-Vorpommern bekanntlich nicht die Provence – obwohl: eine riesige Meeresbadewanne gibt es auch hier; blauen Lavendel ersetzen wir durch gelben Raps und antike Arenen durch gotische Basiliken. Was wir nicht so haben, ist das Klima und das Selbstbewusstsein. Ersteres wandelt sich sowieso, an Letzterem wird gearbeitet.
Zu diesem Zweck veranstaltet man Tagungen mit Titeln wie »Provinz gegen Provinzialität« und redet neuerdings gern von Peripherie statt von Provinz. In einem mecklenburgischen Künstlerschloss stilisierte man die eigene »Entscheidung für die Peripherie« hoch unter dem Slogan »Da sein, wo es echt ist«. Ob tatsächlich das Leben im Dunstkreis einer Agrargenossenschaft immer so viel echter ist als ein Leben im Schatten von Bürohochhäusern?
Otto von Bismarck, Reichsgründer und -kanzler, kannte weder Bürohochhäuser noch Agrargenossenschaften, aber scheinbar die mecklenburgische Peripherie, das »Da sein, wo es echt ist«. Jedenfalls soll er geäußert haben: »Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Mecklenburg, denn dort geht sie 50 Jahre später unter.« Wohl kein anderes Zitat hat sich im Bewusstsein der Landeskinder so niederdrückend verankert, keins wurde so wie dieses mit fast masochistischem Eifer in alle Welt hinaus erzählt, bis der Satz endlich zum handlichen Klischee in binnen- und buten-mecklenburgischen Köpfen wurde.
Der Stachel des Zuspätkommens, der Rückschrittlichkeit sitzt tief im mecklenburgischen Selbstverständnis. Man nimmt diesen Bismarck-Urteilsspruch demütig an, obwohl weder in Bismarcks Schriften noch in sonstigen zeitgenössischen Quellen irgendein Beleg vorliegt, dass der eiserne Kanzler sich jemals einschlägig geäußert hätte. In Wahrheit hat der berühmte Satz mit Bismarck weniger zu tun als der gleichnamige Hering.
Vor einigen Jahren ist der (Mecklenburg-)Schweriner Stadtarchivar Bernd Kasten der Sache auf den Grund gegangen. Dabei stieß er auf den bisher ältesten greifbaren Quellenbeleg, und der stammt von 1919. In diesem nachrevolutionären Jahr hielt ein gewisser Franz Starosson, Sozialdemokrat, Landtagsabgeordneter und Mitglied der Weimarer verfassungsgebenden Versammlung, im Schweriner Landtag eine Rede mit dem krönenden Satz: »Auch in Mecklenburg endlich wird die Demokratie Herr sein, hier bei uns in einem Lande, von dem man gesagt hat, dass alles 500 Jahre später kommen will.«
Dieser Fund bedeutet eine radikale Wende für das Bismarck-Diktum: es wandert vom Fürsten zum Arbeiter, vom aristokratischen Sozialistenhasser zum demokratischen Sozialisten, dehnt sich von 50 auf 500 Jahre und verallgemeinert seine Aussage vom Weltuntergang zu allem Möglichen. Ist das überhaupt noch dasselbe Zitat? So ganz ohne eisernen Kanzler? Was ist da wo und wie authentisch? Vor allem stellt sich die Frage: Welche Fassung ist besser für Mecklenburg?
Gehen wir empirisch vor: 500 Jahre länger als anderswo musste Mecklenburg nicht bis zum Sieg der Demokratie warten. Das widerlegt die prophetische Qualität der sonst so sympathischen sozialdemokratischen Fassung; auch alles andere kam schneller als mit 500-jähriger Verspätung an: Eisenbahn, telefonische Warteschleife, Wellnessressort etc. Die Bismarck-Variante dagegen wurde bislang nicht widerlegt mangels ausgebliebenen Weltuntergangs. Demnach ist die Richtigkeit dieses falschen Bismarckzitats zumindest nicht auszuschließen.
Ihre Richtigkeit würde dem Land übrigens enorme, bisher übersehene Pluspunkte bringen – nicht zuletzt den einmaligen Standortvorteil, im Falle des Weltuntergangs einfach nicht mitzumachen: Stell dir vor es ist Weltuntergang und Mecklenburg geht (noch) nicht hin! Dadurch hat das Land für fünf Jahrzehnte die Nase vorn, weil es anderswo keine Nasen mehr gibt.
Von Martin Luther wird der Satz überliefert: »Wenn morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen« (Auch ein fälschlich zugeschriebenes Zitat). In Mecklenburg wäre so eine Pflanzaktion nicht nur ein heroisches Signal, hier könnte das Bäumchen in aller Ruhe wachsen und reichlich Frucht tragen. Nach dem Aus für die Provence und alle Mega-Cities gäbe es nur noch Mecklenburg, hier wäre für ein halbes Jahrhundert die neue Arche Noah und das Dorado aller Investoren.
Insgeheim und noch unauffällig hat dieser Sog nach Mecklenburg schon eingesetzt. Wir sehen den rasant wachsenden Tourismus, gefolgt von der Ansiedlung von Menschen, die hier alt und vielleicht 50 Jahre älter werden wollen, wir sehen die boomende Gesundheitsindustrie.
Andere haben es schon begriffen: Eigentlich ist das falsche Bismarckzitat nichts anderes als ein riesiges Kompliment für die Vitalität dieses Landes – und ein kostenloses Geschenk für Marketing und Co.
Rudolf Conrades
aus: horizonte 39, Sommer 2012
Die alten Griechen wussten es bereits: Das Fragen steht am Anfang der Erkenntnis. Heutzutage begegnen uns jedoch mehr Ausrufezeichen als Fragezeichen. Ein Versuch, dies zu ändern.
Haben Sie sich irgendwann einmal bewusst entschieden, hierzubleiben oder sind Sie einfach übrig geblieben?
Stellen Sie sich vor, Sie hätten jetzt noch einmal die Gelegenheit fortzuziehen: Würden Sie es tun?
Was ist Heimat für Sie?
ein Ort?
Erinnerungen?
die Kindheit?
Gewohnheiten?
Ihre Wohnung?
Ihr Partner/ Ihre Partnerin?
Können Sie sich vorstellen, auch woanders heimisch zu werden?
Können Sie sich vorstellen, sich zu Hause fremd zu fühlen?
Raten Sie Ihren Kindern hierzubleiben?
Wenn ja, meinen Sie dies ehrlich oder wollen Sie im Alter nur nicht alleine sein?
Was müsste passieren, damit Sie ihre Heimat verlassen würden?
Haben Sie sich am Ende eines Urlaubes jemals (heimlich) vorgestellt, einfach in der Fremde zu bleiben?
Wenn ja: Warum haben Sie es nicht getan?
Wenn nein: Warum haben Sie nie daran gedacht?
Wenn Sie in der Fremde sind: Erzählen Sie dann stolz, woher Sie kommen oder versuchen Sie, das Thema zu vermeiden?
Wie oft haben Sie schon in der Fremde auf die Frage, woher Sie kommen, geantwortet: Aus der Nähe von Hamburg bzw. Berlin?
Stellen Sie sich vor, Sie treffen in der Fremde auf Menschen aus Ihrer Heimat: Ist Ihnen dies eher unangenehm oder freuen Sie sich?
Tun Ihnen die Fortgezogenen leid oder beneiden Sie sie?
Wenn Sie mit Freunden oder Verwandten telefonieren, die woanders leben: Beklagen Sie sich eher über ihre Heimat oder betonen Sie, wie gut es Ihnen hier geht?
Können Sie verstehen, dass jemand hierher in Ihre Heimat zieht?
Empfinden Sie dies als Bestätigung?
Oder fühlen Sie sich gestört?
Vergegenwärtigen Sie sich Ihren Bekanntenkreis: Verkehren Sie überdurchschnittlich häufig mit Zugezogenen oder mit Einheimischen?
Haben Sie sich schon einmal gefragt, woran das liegt?
Wenn Zugezogene in Ihrer Gegenwart über die neue Umgebung klagen, fühlen Sie sich dann genötigt, Ihre Heimat zu verteidigen?
Stellen Sie sich vor, sie leben bis zu Ihrem Tode dort, wo Sie jetzt wohnen: Erschreckt Sie diese Vorstellung oder beruhigt Sie der Gedanke?
Wo möchten Sie begraben sein?
Stephan Bliemel
aus: horizonte 39, Sommer 2012
Abiturientinnen in Mecklenburg-Vorpommern haben es nicht leicht. Neben Prüfungsaufgaben müssen noch ganz andere Probleme gelöst werden …
»Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern.« Weise gesprochen von Heinrich Heine. Und doch: Mädchen sind Wundertüten des Geschmacks. Nach den Mode-Verirrungen des Teenageralters kommt dann ein wichtiger Tag immer näher auf die Mädchen von Lübz, Röbel, Anklam und Hagenow zu. Sie sitzen in der Schule, ahnen noch nichts davon, spicken, schreiben SMS und Papierzettel an die süßen Typen drei Bankreihen vor ihnen. Sie schlendern über die Schulflure, malen ihre zu schwarzen Lidstriche in den Pausen nach und ärgern sich, wenn die Pauline aus der 10a das gleiche Outfit bei H&M gekauft hat.
Der wichtige Tag aber kommt ihnen immer bedrohlicher entgegen. Die Mädchen googeln noch ein paar mal, halten Vorträge mit den Stichworten aus Wikipedia, verhauen ein paar Klausuren und scheinbar unvermittelt fängt eine von ihnen damit an. Einer fällt als erste auf, dass das Wesentliche an der Beendigung der Schullaufbahn nicht Allgemeinwissen, der Notendurchschnitt oder ein Ausbildungsplatz ist. Eine kommt als erste darauf, dass im Sommer bei der Ausgabe der Zeugnisse, die Zeugnisse alle gleich aussehen werden. Jedenfalls äußerlich. Nicht jedoch die Mädchen. Und so beginnt sie, die Jagd nach dem Abi-Kleid.
Die Mädchen suchen, googeln, fahren gucken nach Hamburg. Auf jeden Fall gehen sie schon mal ins Sonnenstudio, denn alle wollen sie Kleider, bei denen man sich fragt, ob sich die Trägerin zuerst einen Mann oder eine Erkältung einfängt. In manchen Jahren wollen alle ein langes Kleid mit so vielen Unterröcken, Tüll und Tütü, dass sie aussehen wie Sahnetorten. In anderen Jahren wird es Mode sein, das Kleid schneidern zu lassen. Schnell gehen dann die Visitenkarten der Schneiderin aus dem Nachbarort herum. Und man sieht, die Modemacherin aus SN, NWM oder NVP konnte nach nur einem Schnittmuster so viele verschiedene Mädchenpopos benähen.
Ob groß, klein, schmal oder ein bisschen feist, alle haben das Recht auf gleichen Bildungsabschluss im gleichen Kleid. Manchmal muss es Schlitz sein. In wieder anderen Jahren müssen die Kleider asymmetrisch sein, sie müssen Zipfelröcke, nur einen Träger haben oder sonst irgendwie schief gewickelt sein. Immer müssen zu den Kleidern Stöckelschuhe sein, auch wenn man die ganze Schulzeit in Chucks verbracht hat. Die Mädchen müssen lange Haare haben. Auch die klugen. Die Haare müssen hochgesteckt werden, stundenlang und nicht von Mutti. Denn nur Frisöre können, was Frisöre können. Vorne muss eine Locke herunterhängen oder auch zwei, wenn mal gerade Symmetrie Mode ist.
Die Kleider der Mädchen von Gützkow, Röbel und Sanitz müssen vor allem auch eines: sie müssen teuer gewesen sein. 300, 400, 700 Euro. Sophie war sozial erledigt in dem Moment, als sie sich vor allen aus der Clique gedankenlos freute: »Guckt mal auf meinem iPhone: das ist mein Kleid und es war ’runtergesetzt auf 90 Euro!« Ihr stolzes Kichern erstarb in dem Moment, als sie in die sonnenstudiogebräunten, stummen Gesichter von Luisa, Melli und Dani starrte. Die erzählten es sofort ’rum und sie konnte es auf Schüli-VZ, Facebook und wer weiß noch wo lesen. Luisa, Melli und Dani hatten gute, coole Kleider. Alle wussten, was sie gekostet hatten. Dafür hatten sie gesorgt. Luisa hatte in Hamburg schneidern lassen. Mellis Kleid kam von den ehemaligen Gasteltern aus Amerika! Und die Dani war mit ihrer Mutter Ostern nach Mailand geflogen, um dort ihr Kleid zu kaufen.
»Wenn die meisten sich armseliger Kleider schämen, wieviel mehr sollten wir uns da erst armseliger Ideen und Weltanschauungen schämen.« Einstein hatte gut reden. Der hatte ja auch bloß Mathe und Physik im Kopp. Alle Mädchen, die an der Kleiderfront kämpfen, haben dann irgendwann zwischendurch Abi-Prüfungen. Das kriegen sie hin zwischen bräunen, Nägel ankleben lassen und Haarfarbe wechseln.
Und dann kommt er, der vorerst schönste Tag im Leben. Sie steigen nackt in ihre glänzenden Kleider und Trittchen mit ebenso schillernden Locken. Sie lassen sich vorfahren in Bützow, Bergen, Waren oder Parchim. Sie entsteigen dem Audi von Opi, dem Firmen-Mercedes von Papa oder dem Skoda Fabia hinter der Schule. Sie haben im Fernsehen gesehen, wie man dramatisch lächelt, wie man eine Stola an sich drapiert. Sie versuchen zu schreiten, manchen gelingt es. Einige schaffen es, sich gerade zu halten, die Hackenfüßchen anzuheben und die Hochsteckfrisur auch mit erhobenem Haupte zu präsentieren. Sie sind stolz auf diese Leistungen. Auch Mutti ist stolz. Oma wundert sich. Opa nimmt von all dem gerne ein Auge voll. Nur Papa muss verdammt aufpassen, dass er beim Fotografieren seines Schätzchens nicht dauernd die roten, grünen, weißen und blauen Linien vom Handballfeld, den Basketballkorb und die Ecke mit den Barren und Balken drauf hat, wenn die Feierstunde in vollem Gange ist in der Grevesmühlener, Crivitzer, Friedländer oder Doberaner Schulsporthalle.
Susanne Bliemel
aus: horizonte 39, Sommer 2012
Ursache und Wirkung: Über die Schweriner »Breker-Ausstellung«
Freunde der bildenden Kunst können in diesen Tagen in Schwerin zwei Extreme der ästhetischen Moderne erleben: Das Staatliche Museum Schwerin zeigt in seiner Ausstellung »Von Kandinsky bis Tatlin« eine Werkschau des europäischen Konstruktivismus. Gleichzeitig können im kleinen Schleswig-Holstein-Haus die Werke und Zeugnisse des Bildhauers Arno Breker betrachtet werden. Während die Ausstellung des »Museums des Jahres 2005« überregional kaum zur Kenntnis genommen wird, füllt die Werkschau des »Lieblingsbildhauers von Adolf Hitler« das Sommerloch der bundesdeutschen Feuilletons. Dem vermeintlichen Tabubruch ist es geschuldet, dass die Ausstellung eine mediale Aufmerksamkeit erlebt, wie es bislang kaum ein anderes Kulturereignis in Mecklenburg-Vorpommern erfahren hat.
Die vehemente und teilweise äußerst schrille Kritik an der Ausstellung lässt sich auf ein Kernargument zusammenschmelzen: Die öffentliche Präsentation der Skulpturen Brekers würde zwangsläufig zu einer Historisierung und Verharmlosung der politischen Verantwortung des Bildhauers führen und dessen Kunst schleichend salonfähig machen. Folgte man dieser Argumentation konsequent, wäre allerdings eine Auseinandersetzung mit den Tätern des Nationalsozialismus’ und ihren Hinterlassenschaften kaum noch möglich. Wie soll man die Zeit vor 1945 in Deutschland kennen und verstehen lernen, wenn man nicht die Zeugnisse der nationalsozialistischen Ideologie mit eigenen Augen anschauen, lesen oder begreifen kann. Wenn Brekers Kunst weggeschlossen werden soll, müsste man nicht auch das Berliner Olympiastadion, indem heute Fußball gespielt wird, abreißen oder zumindest verhüllen? Ganz zu schweigen vom Nürnberger Reichsparteitagsgelände oder den Gebäuden des KdFBades in Prora. Sind nicht auch die unzähligen Guido Knopp Filme à la »Hitlers Helfer«, »Hitlers Krieger« oder »Hitlers Frauen« eine Verharmlosung der Vergangenheit, weil sie Bild- und Tondokumente der nationalsozialistischen Propagandamaschine verwenden?
Diejenigen, die fordern, Breker nicht auszustellen, haben sich scheinbar selbst ein Bild von ihm und seiner Kunst gemacht, aber wollen dies anderen offensichtlich nicht zugestehen. Dies ist nicht emanzipativ und aufklärerisch, sondern elitär und zynisch. Ob eine Ausstellung verharmlosend wirkt oder nicht, hängt nicht vom Gezeigten ab, sondern davon, wie es gezeigt wird. Und hier ist den Ausstellungsmachern des Schleswig-Holstein-Hauses kein Vorwurf zu machen. Ohne Effekthascherei und Theatralik werden kritisch und differenziert das Leben und das Werk Arno Brekers gezeigt und in den historischen Kontext gerückt. Auch wenn die lange Schaffenszeit Brekers vor und nach dem Nationalsozialismus ebenfalls ihren Platz hat, steht die kritische Einordnung der Arbeiten von 1933 bis 1945 zu Recht im Zentrum der Ausstellung.
Das Unbequeme in der Auseinandersetzung mit dem Künstler ist dabei, dass der Titel vom »Lieblingsbildhauer Hitlers« Brekers Wirken nicht in Gänze gerecht wird. Unbestritten hat Breker zusammen mit Speer an der Ausgestaltung des architektonischen Wahns Hitlers mitgearbeitet, indem er Plastiken und Reliefs für den geplanten Umbau Berlins in die Reichshauptstadt »Germania« entwarf und lieferte. Wir erfahren aber auch, dass Breker seinen großen Einfluss nutzte um dutzende Künstlerkollegen vor Repressalien oder gar dem Konzentrationslager zu retten. Darunter waren so prominente Zeitgenossen, wie der bekennende Kommunist Pablo Picasso, der Verleger Peter Suhrkamp oder der berühmte Schauspieler Jean Marais. Unbestritten hat Breker in den 30er und 40er Jahren seine Figuren dem heroischen Ideal des nationalsozialistischen Menschenbildes angepasst, aber ebenso wahr ist, dass Breker eine freundschaftliche Beziehung zum großen deutsch-jüdischen Maler Max Liebermann pflegte und 1934 nach dem Tod Liebermanns auf Wunsch der Witwe dessen Totenmaske abnahm. Wer Breker nicht ausstellen und damit zur Diskussion stellen will, verweigert sich diesen Widersprüchen. Es sind Widersprüche, die im Übrigen keine Einzelfälle sind, wie die ganz unterschiedlichen Biographien von Gustav Gründgens, Leni Riefenstahl, Herbert von Karajan, Heinz Rühmann oder Gottfried Benn zeigen können. Nein, der Typus »Breker«, der Typus des sträflich unpolitischen Mitläufers, der sich durch öffentliche Anerkennung verführen ließ und vor der menschenverachtenden Ideologie und Politik der Machthaber die Augen verschloss, war alles andere als ein Einzelfall, sondern das Spiegelbild vieler Millionen Mitläufer.
Die heftige Diskussion um das »Ob« oder »Wie« dieser Ausstellung hat leider eine Auseinandersetzung über Brekers Kunst selbst eher verhindert. Dabei geben gerade Brekers Arbeiten genügend Anlass über das Verhältnis von Kunst und Politik oder von Künstler und Kunstwerk nachzudenken. Sind alle Kunstwerke Brekers korrumpiert, weil sich der Künstler selbst politisch schuldig gemacht hat? Kann man Brekers Arbeiten schön oder ergreifend oder erschütternd finden ohne anfällig für totalitäres Denken zu sein? War Salvador Dali ein verkappter Nazi, weil er Breker als den »größten Bildhauer des 20. Jahrhunderts« bezeichnet hat? Oder gibt es einen Grad von Autonomie des Kunstwerks gegenüber seinem Schöpfer und dem gesellschaftlichen Entstehungszusammenhang?
Nicht wenige der Kritiker der Ausstellung entziehen sich jedoch diesen Fragen, in dem sie Brekers Arbeiten generell den Kunststatus absprechen. Symptomatisch hierfür ist die Meinung eines Kunsthistorikers in einem Leserbrief an die SVZ: »Brekers Arbeiten haben nichts mit Kunst zu tun.« Selbst die Direktorin des Staatlichen Museums Schwerin äußert sich in diesem Sinne, wenn sie mit Bezug auf Breker von der »Unkunst des Nationalsozialismus« spricht. Hier enttarnt sich der eigentliche Kern der aktuellen Auseinandersetzung: Verschiedene Auffassungen von Kunst treffen aufeinander. Diejenigen, die Breker als »Unkunst« abstempeln wollen, vertreten ein idealisiertes Kunstverständnis: Kunst ist für sie per se das Schöne, das ethisch Wertvolle, das Progressive, das, was es zu beschützen gilt. Deshalb kann es keine nationalsozialistische Kunst geben. Für Andere gilt, dass das Hervorbringen von Kunst eine spezielle Art der Weltanschauung, Welterkenntnis und Weltdarstellung ist, die vom Blick des schaffenden Künstlers und von den Einflüssen der ihn umgebenden Gesellschaft abhängig ist. Ob ein Kunstwerk im Sinne der Menschen ist oder sie verachtet, muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Doch dazu muss man es erst einmal anschauen dürfen.
Stephan Bliemel
aus: horizonte 16, Herbst 2006
Dauerregen, Wind und Temperaturen im unteren einstelligen Bereich. Ein lauer Oktoberabend sieht anders aus. Der Marktplatz ist von Uniformierten erst leergefegt und dann mit Klebestreifen geschmückt worden. Die Anordnung erinnert entfernt an ein klassisches Hüpfspiel, ist in Wirklichkeit aber für den ersten großen Zapfenstreich der Bundeswehr in Rostock gedacht. Die Marine will ihre Rekruten vereidigen lassen.
Bei dem Wetter würde man keinen Hund auf die Straße jagen, aber wenigstens ein Teil der Leute ist gut untergekommen unter Dachvorsprüngen, Arkaden und unter dem bescheidenen Vordach des »Rathausgrills«, einer einschlägig bekannten, für gewöhnlich zu dieser Zeit allenfalls schwach frequentieren Imbissbude in der äußersten Ecke des Marktplatzes. Heute ist hier die Hölle los, der Grillmeister schreit in sein Mobiltelefon und ordert Nachschub an rohem Fleisch und Fritten, während beißender Rauch vom überfüllten Bratwurstgrill steigt, schwer unter der Decke hängt und dann träge aus den kleinen Fensterluken seines Heiligtums quillt. Eine Schlange von mindestens zwölf triefend nassen Feldjägern und Soldaten in voller Montur harrt an dieser ungewöhnlichen Feldküche ihrer Verköstigung. Hier ist der beste Platz, man hat vollen Blick auf den Paradeplatz und in die kleine Seitengasse, in der das Wachbataillon seinem Auftritt entgegenfiebert.
Der Regen wird immer stärker … und noch immer über eine halbe Stunde Zeit bis zum offiziellen Beginn. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee aus und beschließe, noch eine Runde um den Platz zu drehen, bevor es so richtig ungemütlich wird. Schweren Herzens verlasse ich den Schutz des Rathausgrills, verabschiede mich von den schwedischen Touristen neben mir, die anscheinend gar nicht merken, was heute los ist. Wie auch, sie sind schließlich noch zu sehr mit dem reichhaltigen Getränkeangebot beschäftigt.
Der Umlauf übertrifft die kühnsten Erwartungen. Los geht es mit einer Formation vom Friedensbündnis: Zehn wild entschlossene Bürger haben sich auf ungeschützter, freier Fläche hinter einem viel zu großen, selbstgemalten Transparent versammelt auf dem steht: »Nach solchem Tschingda-Tschingda-Rassel-Bumm fiel mancher schon im Ausland um …«.
Ein Mann mit Schal aus feiner Wolle, wenigen Haaren und goldschnallengeschmückter Aktentasche geht an dem frierenden Häuflein vorbei, bleibt stehen und rastet aus. Schreit einen verdutzten, altgedienten Aktivisten an: »Ihr seid das Letzte, wenn ich euch seh’ wird mir schlecht … ihr habt’s gar nicht verdient, dass euch unsere Jungs vor den Taliban schützen …!« Die durchnässten Aktivisten brauchen einen Augenblick, um sich zu sammeln, dann beginnt das verbale Gegenfeuer, aber bis dahin ist der feine Herr schon seiner Wege gegangen. Auch ich gehe weiter, vorbei an den beiden Bühnen auf Rädern, die hier in bester Position und gut überdacht abgestellt worden sind. Dahinter stehen kleine Grüppchen von Offizieren und werden aus der Ferne von Passanten beschimpft, weil wegen der heutigen Veranstaltung keine Straßenbahnen fahren. Ich setze meine Runde fort, dränge mich zwischen den Bürgern in Uniform hindurch, um auf die andere Seite vom Marktplatz zu kommen. Dort, bei der Post, stehen gut geschützt im Trockenen die meisten Zuschauer und auch mit Abstand die meisten Protestler.
Als einziger an der Front im Regen steht in einer dünnen blauen Regenjacke Monty Schädel, Geschäftstführer der »Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen« und ehemaliger Landtagsabgeordneter. Er hat ein Banner gegenüber der Weinwirtschaft im Steigenberger Hotel Sonne befestigen können und wird es jetzt für den Rest des Abends bewachen. Außerdem hat er hier eine kleine Kundgebung angemeldet, die er gewissenhaft ganz alleine durchführt. Ab und zu kommt jemand unter der Überdachung hervor, klopft ihm auf die Schulter und geht wieder. Gute Freunde kann niemand trennen, wie schon Franz Beckenbauer sagte.
Schnell gehe ich weiter, denn jetzt kommt der angenehme Teil: Von der trockenen Seite des Platzes aus sind zwei Soldaten zu beobachten, die noch letzte Vorbereitungen treffen und Markierungen auf dem Boden anbringen. Einer beißt weltvergessen immer wieder in eine Rolle high-tech-Klebeband, der andere klebt die Streifen auf den nassen Boden. Ich bin fasziniert und verpasse fast die letzte Gelegenheit, die Runde zu vollenden und wieder zum Rathausgrill zurückzukehren. Zu allem Übel treffe ich auch noch auf eine Delegation der Partei »Die Linke«, die beschlossen hat, sich nach Quasi-Auflösung ihrer ursprünglichen Kundgebung nun ebenfalls an den Marktplatz zu stellen und die Trillerpfeifen gegen diesen Staat, diese Gesellschaft, diese Armee und hoffentlich auch dieses Wetter erklingen zu lassen und die triefend nassen Fahnen zu schwenken. Aber bitte erst, wenn ich etwas weiter weg bin.
Der Rundgang ist beendet, von ferne winken schon die Schweden, es ist höchste Zeit, dass ich wieder meinen Platz einnehme. Auf erhebliches Drängen einer Dame von der Presse und mehrerer Vertreter des Sanitätsdienstes hat der Wirt zum ersten Mal in diesem Jahr einen Pott Glühwein aufgesetzt. Gerade will ich den letzten freien Platz an der Theke einnehmen, als sich ein großer grauer Schrank in den Weg schiebt … anscheinend einer der »Chefs« vom Wachbataillon … Ungehemmt fängt er an, in feinstem Manöverenglisch mit den Schweden zu palavern, wünscht ihnen einen schönen Zapfenstreich und erklärt geduldig, dass er mit seinen Jungs extra aus Berlin gekommen sei, um der Stadt Rostock und ihren Bürger die höchsten militärischen Ehren zu erweisen. Die Schweden staunen, man hebt die Bierflasche, lacht und dann geht er endlich. Wieder »im Unterstand« angekommen bin ich nass bis auf die Knochen, aber jetzt ist alles egal: Denn das Wachbataillon hat seine Fackeln angezündet und macht sich bereit für den großen Auftritt. Es wird marschiert, so dicht, dass ich mein Bier am Feuer der Fackeln wärmen könnte. Dann wird für eine Viertelstunde mit brennender Fackel im Regen still gestanden – damit sich die notorischen Miesmacher am Rande mal richtig austoben können. »Haut ab, haut ab!« wird in beachtlicher Lautstärke über den ganzen Platz gebrüllt, untermalt von Tröten und Pfeifen. So wunderbar einstudiert, als hätten Publikum und Wachbataillon schon vorher monatelang zusammen geübt.
Endlich kommt die Kapelle, der von mir so geliebte Yorksche Marsch erklingt, Kommandos werden gebrüllt, junge Marinerekruten auf Vaterland und Verfassung eingeschworen … ein Fest für die Sinne beginnt. Leider nicht für mich. Eine äußerst heftige, mehrminütige Niesattacke bringt mir neidische Blicke von Seiten der unkreativ vor sich hingrölenden Störer ein. Völlig durchnässt und zunehmend fröstelnd mache ich mich auf den Heimweg. Dabei hätte ich wirklich gerne noch erfahren, ob beim Zapfenstreich der Marine wirklich »La paloma« gespielt wird …
Robert Patejdl
aus: horizonte 35, Winter 2010/11
Die Ausstellung »Connected by Art« des Staatlichen Museums Schwerin zeigt zeitgenössische Kunst aus den Ostseeländern. Was sie verbindet, ist das Ende aller Utopien.
Der Raum ist in kaltes Zwielicht getaucht. An der Wand leuchtet matt eine Videoinstallation, vor mir steht Babyspielzeug auf kleinen Kindertischen. Ich bin eingeladen mich zu bücken und die Plastikknöpfe zu drücken. An der gegenüberliegenden Wand sitzt, zusammengesunken in seinem grauen Anzug, ein Mitarbeiter des Museums. Er schaut nach unten. Ich stehe vor einem Plastiktelefon, dessen Hörer ich abnehmen könnte, um Parolen gegen den Konsumkapitalismus zu hören. »Vom Kindergarten auf die Barrikaden!« heißt diese Installation der russischen Künstlerin Anastasia Ryabova. Ich hebe nicht ab und frage mich stattdessen, was dieser Mann dort gegenüber – dieser einzige andere Mensch in diesem Raum – wohl denken mag: Über mich, über sich und über diese Ausstellung, in der er Stunde für Stunde verbringen muss. Hier, in seinem Raum, rollt alle 10 Sekunden ein gedämpftes aber erschütterndes Grollen über ihn hinweg. Hier springt rechts von ihm in einer Videoprojektion ein mit Fotos seiner verstorbenen Verwandten Maskierter in unerträglicher Verlangsamung neben einem riesigen Fliegenpilz auf und ab. Hier hält vor ihm eine weiße Hand, die am Ende eines Mikrofonständers befestigt ist, einen trockenen Zweig nach unten, dessen Spitzen in einen Wasserbottich tauchen, an dem ein Ventilator angebracht ist, der sich wiederum erst anschaltet, wenn ein Besucher vorbeikommt. »Connected by Art« heißt diese Ausstellung, die das Staatliche Museum Schwerin über den Sommer hinweg gezeigt hat und die Positionen zeitgenössischer Kunst des Ostseeraumes präsentieren und vernetzen soll. In Frage steht hier also: Was verbindet eigentlich den Ostseeraum? Gibt es eine gemeinsame Identität, die uns in der Kunst deutlich wird?
Was auffällt, ist zunächst die überraschende Abwesenheit eines Motivs, das die moderne bildende Kunst des Ostseeraums in der Vergangenheit geprägt hat: Das Meer selbst, also die Ostsee, spielt in dieser Schau der Ostseekunst nur eine marginale Rolle. Dabei war es gerade das Meer, welches die Avantgardisten der Moderne in den vergangenen 150 Jahre immer wieder an die Küsten der Ostseeländer gelockt hat. In der Ausstellung »Sommergäste«, die das Schweriner Museum im vergangenen Jahr gezeigt hat, waren Ergebnisse dieser Malaufenthalte erstmals gemeinsam zu sehen: Munch, Heckel, Schmidt-Rotluff, Jawlensky, Werefkin, Corinth, Feininger – sie alle und viele mehr haben die Inspiration der Küste gesucht. Andere blieben gleich dort und gründeten ›Kolonien‹ in Ahrenshoop, auf Hiddensee oder auf Usedom. Was aber machte das Meer und vor allem die Ostseeküste so reizvoll?
Die moderne Kunst ist ohne die gesellschaftliche Modernisierung, ohne die Industrialisierung, ohne die Herausbildung der Metropolen nicht denkbar. In den größeren Städten beschleunigte sich auf heute nicht mehr vorstellbare Weise das Leben, alles vorher kleinteilig Auseinanderliegende vermengte sich plötzlich, befruchtete sich, brachte Neues hervor. Dort wurde die Moderne geboren, dort erwachte das Gefühl »avant la garde« zu sein. Gleichzeitig und untrennbar mit dieser Modernisierung verbunden, wurde das Gefühl eines Verlustes, das Gefühl der verlorenen natürlichen Einheit stärker. Sehnsuchtsorte entstanden, die Sommerfrische wurde gesucht, um dem entfremdeten Treiben der Städte zu entfliehen. Und gegenüber allen anderen möglichen Landschaften haben bis heute die Meere und Ozeane in dieser Hinsicht einen entscheidenden Vorteil: Ihr Antlitz blieb von Menschenhand unveränderbar. Bis heute stürmt und wogt es, rauscht und spiegelt es wie vor Jahrmillionen von Jahren. Sie sind Orte, die uns mit Größerem, Ewigem verbinden. In Thomas Manns »Zauberberg« heißt es ganz in diesem Sinne: »Dieses wirr und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich vergessen; schließen wir doch die Augen, geborgen von Ewigkeit!«
Diese Sehnsuchtsorte wurden nicht nur zu physischen Rückzugsorten der Künstler, sondern auch zum Motiv ihrer Kunst. Von Munchs »Badende Männer« über Feiningers Segeldreiecke am Horizont bis zu Mattheuers »Schwebendes Liebespaar« – am Ufer stoßen Unendlichkeit des Meeres mit der Wirklichkeit unserer Welt zusammen. Das Meer erleben wir daher in der Kunst vor allem als Küste und somit als Grenzerfahrung, in der sich der moderne zerrissene Mensch wieder finden kann.
Vielleicht der letzte große Maler der Ostsee, in dessen Leben und Werk sich diese doppelte Bedeutung des Meeres spiegelt, war Otto Niemeyer-Holstein. Nach Lehr- und Wanderjahren in der Schweiz und in Italien, wo er Kontakte zu zahlreichen Größen der Malerei knüpfte, lebte ONH in den zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin, besiedelte in diesen Jahren aber auch einen Flecken Düne auf Usedom, indem er dort einen ausrangierten S-Bahn-Wagen hinschaffte. Nach Kriegsende lebte er ständig in »Lüttenort« auf Usedom, wie er sein Stück Erde taufte und starb dort im Februar 1984.
Bis zu seinen letzten Lebtagen zog es den Maler nahezu täglich an die Ostsee: »Wenn ich Schritt für Schritt über den Deich gehe, baut sich in mir eine große Spannung auf, mit jedem Schritt kommt etwas Neues in mein Blickfeld – erst der Horizont, dann der Übergang zum Wasser, das Meer mit seinen Farben, der Strand, die Düne … Meine größte Geliebte ist die See, sie hat mich nie enttäuscht.«
In der DDR galt Niemeyer-Holstein lange als zu wenig progressivrealistisch, heute hingegen gilt wohl seine Art zu Malen als zu sehr dem Gegenstand verhaftet – Maler wie er, würden es heute wahrscheinlich nicht mehr in eine zeitgenössische Schau zur Ostseekunst schaffen. Denn »Connected by Art« zeigt uns, dass die Ostsee, das Meer, ja die Natur überhaupt als Bezugspunkt der Kunst offenbar ausgespielt hat. Was am Ende eines Rundgangs durch diese Ausstellung bleibt, ist – unabhängig vom künstlerischen Wert der einzelnen Arbeiten – ein Gefühl der Ernüchterung, der Illusionslosigkeit, der globalisierten Tristesse, der Traurigkeit. Diese Kunst hat jegliche Utopie verloren, denn die Sehnsucht nach der Einheit mit der Natur ist als letzte große Utopie der Moderne aus dieser Kunst verschwunden. Erinnert wird daran bestenfalls in ironischer Abgeklärtheit.
Wer sich dennoch seine Sehnsucht nicht aus dem Kopf schlagen kann, dem sei ein Besuch im lichten Garten von Otto Niemeyer-Holsteins Lüttenort empfohlen oder der Besuch eines von hunderten kleinen Ateliers von Malern und Bildhauern, die ringsum der Ostsee nichts Anderes können, als zu träumen, zu malen, den Stein zu hauen.
Stephan Bliemel
aus: horizonte 40, Herbst 2012
In der kleinen Gemeinde Born am Darß kämpft eine Bürgerinitiative gegen die Bebauung eines Landschaftsschutzgebietes. Ein Streit, der uns alle betrifft.
Sigrid Keler könnte es sich unter ihrem Apfelbaum bequem machen, die Beine hochlegen und die Singvögel beobachten, die sich ohne Scheu im kleinen Vogelbad im Garten der Kelers in Born am Darß erfrischen. Doch dazu ist die inzwischen 70-jährige ehemalige Finanzministerin zu sehr Politikerin, als dass ihr die öffentlichen Angelegenheiten in ihrem Wirkungskreis egal wären. Und so sieht man Sigrid Keler in diesen Tagen nicht nur bei Hansa Rostock oder bei wichtigen Kulturveranstaltungen unserer Region, sondern gemeinsam mit ihrem Mann und Gleichgesinnten auch an einem Informationsstand vor der Kaufhalle in Born – Flugblätter verteilend.
Die Gemeinde Born liegt an der Südküste der Halbinsel Darß unmittelbar am Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Zwischen den Boddengewässern im Süden und dem Darßer Urwald mit den postkartenbekannten Windflüchtern im Norden breitet sich das Örtchen in einem für den Fremden schwer durchschaubaren Gewirr von Straßen und Sandwegen aus. Während auf den Promenaden der Küstenorte sich die Sommergäste auf die Füße treten, ist Born bis heute ein Rückzugsort für die Ruhesuchenden unter den Sommerfrischlern geblieben.
Derzeit spaltet jedoch ein Vorhaben die Einwohnerschaft des idyllischen Ortes. Ende des vergangenen Jahres hat eine Mehrheit der Borner Gemeindevertreter den Beschluss gefasst, die Bebauung einer 16 Hektar großen Fläche am südwestlichen Dorfrand auf dem Holm vorzubereiten. Der Borner Holm ist eine unbebaute Wiesenund Ackerfläche, die als Landspitze in den Saaler Bodden ragt und unter Landschaftsschutz steht. Wer dort regelmäßig spazieren geht, hat den Blick über die leichte Erhebung lieben gelernt, die von einer mächtigen Baumgruppe gekrönt wird. Mit jedem Schritt dorthin entfaltet sich das Landschaftsbild. Sanft fällt bald die Wiese ab, bis sie in den Schilfgürtel des Boddens übergeht. Anders als so manche platte Wiese neben einer Bundesstraße ist dies eine Landschaft, also eine gewachsene Einheit aus natürlicher Ursprünglichkeit und kultureller Formung. Hier sollen nun nach dem Willen der Befürworter einer Bebauung ein Hotel, zahlreiche Ferien- und Eigentumswohnungen sowie Sport- und Freizeitflächen entstehen. Während die Befürworter mit rund 80 Häusern rechnen, befürchten die Gegner den Bau von bis zu 200 neuen Gebäuden.
Sigrid und Jan Keler genießen den freien Blick auf den Holm
Die Argumente der beiden Lager sind inzwischen ausgetauscht: Der Bürgermeister von Born mit seiner Mehrheit der Gemeindevertreter möchten den Ort touristisch weiter entwickeln, Arbeitsplätze schaffen und vor allem die Kredite zurückzahlen, die vor vielen Jahren entstanden sind, als die Gemeinde einige Flächen auf dem Holm aufgekauft hatte. Die Gegner der Bebauung haben sich inzwischen zur Bürgerinitiative »Borner Holm« zusammengeschlossen. Sie verweisen auf diverse ruinöse Gebäude im Innenbereich des Ortes, die genug Möglichkeiten bieten, um Beherbergung und touristische Infrastruktur auszubauen. Weiterhin befürchten sie einen neuen Ortsteil vom Reißbrett, der die natürlich gewachsene Form des Ortes mit einem Schlag verändern würde. Born brauche nicht noch mehr Betten, sondern freie Lebensräume, Ausblicke auf die Natur und eine Entwicklung innerhalb des Ortes.
