Hotel subKult und die BDSM-Idioten - Stefan Bouxsein - E-Book

Hotel subKult und die BDSM-Idioten E-Book

Bouxsein Stefan

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Beschreibung

Wenn ein bunter Haufen liebenswerter Idioten aufeinandertrifft und alle Hemmschwellen über Bord geworfen werfen, kann das nur eins bedeuten: Hans Bremer ist wieder da! Bondage und Sado-Maso ist spätestens seit dem Erfolg von Fifty Shades of Grey gesellschaftsfähig geworden, denken sich Hans Bremer und seine geschäftstüchtige Freundin Susanne. Was liegt da also näher, als ein Urlaubsparadies für Freunde und Liebhaber des gepflegten BDSM zu eröffnen? Die beiden gründen im beschaulichen Odenwald das Hotel subKult. Einen Ort, an dem sich Gleichgesinnte treffen und einen unvergesslichen Urlaub erleben sollen. Das einzigartige Hotel verfügt über eine BDSM-Mini-Golf-Anlage, eine Sushi-Bar und einen Folterkeller. Für die Gästebetreuung haben Hans Bremer alias Marquis de Hans und Susanne ein aus ihrer Sicht perfekt abgestimmtes Personalteam zusammengestellt. Dazu gehören der BDSM-Serviceleiter, ein devotes und ein dominantes Zimmermädchen, der Kerkermeister und natürlich ein Sushi-Koch. Die ersten Hotelgäste fühlen sich im subkulturellen Ambiente auch gleich pudelwohl und frönen ihre Leidenschaften selbst bei den alltäglichsten Dingen. Das Hotelpersonal unterstützt nach besten Kräften das außergewöhnliche Treiben seiner Gäste und sorgt damit alsbald für einen völlig idiotischen Tagesablauf. Aber dann läuft die Sache aus dem Ruder, die Dinge überschlagen sich und ehe die Truppe sich versieht, sind sie weltweit in die Schlagzeilen geraten. Eine völlig abgedrehte Geschichte mit Idioten, die man einfach gern haben muss!

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Stefan Bouxsein

Hotel subKult

und die BDSM-Idioten

Das zweite Abenteuer mit Hans Bremer

© 2016 by Traumwelt Verlag

Stefan Bouxsein

Johanna-Kirchner-Str. 20 · 60488 Frankfurt/Main

www.traumwelt-verlag.de · [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Stefanie Reimann

Titelbild: Mirko Tepes

ISBN 978-3-939362-26-5

2. Auflage, 2021

1

»Ein Hotel?«

»Ein Hotel in idyllischer Lage. Im Odenwald. Es steht seit einem halben Jahr zum Verkauf. Ein wunderschönes Landhotel mit 14 Zimmern. Da könnte man was draus machen.« Susanne saß nachdenklich vor dem Laptop und betrachtete sich Fotos von dem Objekt. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, denn ich lag gerade auf dem Sofa und schaute Fußball. Seitdem ich Sky empfangen konnte, schaute ich ziemlich häufig Fußball. Irgendwo gab es ja immer ein interessantes Spiel. Momentan lief die zweite Halbzeit der Partie zwischen dem Fußballclub Wüstensöhne von Katar und dem KT Dubai. Die Klimatechniker aus Dubai wurden von einem Klimaanlagenhersteller gesponsert, wie ich bei der Halbzeitanalyse von einem fachkundigen Moderator erfahren habe.

»Vom Prinzip her könnten wir es nach dem gleichen Schema aufziehen, wie wir es mit unserem Bauernhof gemacht haben«, murmelte Susanne vor sich hin.

»Ein FKK-Hotel?«, fragte ich mit wenig Enthusiasmus in der Stimme. Susanne und ich hatten vor einiger Zeit in der Wetterau ein Ferienparadies für Nudisten eröffnet. Einen FKK-Bauernhof, der kurz nach seiner spektakulären Eröffnung abgebrannt war.

»Nein, natürlich kein FKK-Hotel«, sagte Susanne und ich ahnte, dass sich in ihrem Kopf etwas zusammenbraute. »Aber so etwas Ähnliches. Ein Hotel für Gäste mit speziellen Interessen.«

Ich war mehr auf Al Ach Achmarain konzentriert. Der Stürmer von KT Dubai schoss gerade das 4:2. »Was für Interessen?«, fragte ich noch recht desinteressiert. Der Treffer von Al Ach Achmarain kam mir währenddessen aus der Perspektive der dritten Zeitlupeneinstellung sehr abseitsverdächtig vor.

»Dominanz und Devotion«, verkündete Susanne mit sakraler Stimme.

Diese Information konnte ich im Moment nicht wirklich verarbeiten, deswegen verdrängte ich sie zunächst. Die Wüstensöhne von Katar liefen nämlich wie die Irren auf das Tor des KT Dubai zu. Die abgezockten Klimatechniker behielten aber einen kühlen Kopf und konterten die Wüstensöhne eiskalt aus. Al Ach Achmarain lupfte dann auch mit spielerischer Leichtigkeit zum 5:2 ein. Die Kamera schwenkte auf die Ehrentribüne und zeigte die versteinerte Miene von Scheich Hasch al Hassan Bin Schaschlik. Der Präsident der katarischen Wüstensöhne wirkte leicht angefressen. Jede Wette, dass er seinem Kumpel Scheich Hasch al Hassan Bin Maschlik, dem ehrwürdigen Präsidenten des KT Dubai, schon kurz nach Spielende einen Deal anbieten würde. Eine Flotte fabrikneuer Boing 747 gegen den treffsicheren Al Ach Achmarain. Oder so etwas in der Art. So lief das ja bei den Arabern. Das waren Geschäftsleute. Al Ach Achmarain machte seinen Job jedenfalls sehr ordentlich, und als der Schiedsrichter abpfiff, hatte er noch zwei Mal nachgelegt. Die Wüstensöhne von Katar verließen mit hängenden Köpfen den Platz und ich schaltete den Fernseher aus.

Seit vier Wochen wohnte ich jetzt mit Susanne in Suite 202 im Frankfurter Hof. Nachdem unsere Existenzgrundlage, die FKK-Oase auf meinem Bauernhof in der Wetterau, abgebrannt war, hatten wir uns hier niedergelassen. Neben Sky gab es einen hervorragenden Zimmerservice, einen Spa-Bereich mit Sauna, Massage- und Wellness-Angeboten, eine Bar, die keine Wünsche offen ließ, und ein Restaurant, in dem allerhand Köstlichkeiten serviert wurden. Eigentlich fühlten wir uns hier pudelwohl. Wenn uns mal die Decke auf den Kopf fiel, setzten wir uns in Susannes Porsche Carrera Cabrio Turbo Dingsbums und brausten durch den Taunus. Aber vor einer Woche war ich mit Susanne im Kino gewesen und seither war sie nicht mehr so richtig zufrieden mit unserem dekadenten Dasein im Frankfurter Hof. Wir hatten uns Shades of Grey angeschaut. Susanne war nach der Vorstellung wie elektrisiert aus dem Kino gegangen. Ich hatte schon so ein komisches Gefühl, als Susanne die Karten vorbestellt hatte. Mir kam nämlich wieder in den Sinn, wie und wo wir uns eigentlich kennen gelernt hatten. Nämlich in einem erotischen Urlaubsdorf auf den Seychellen. Der Reiseveranstalter hatte sich einiges einfallen lassen, um die erotischen Träume der zahlenden Kundschaft auf der Insel im Indischen Ozean in Erfüllung gehen zu lassen. Ich hatte die Reise bei einem Online-Gewinnspiel gewonnen und mich kurzerhand für einen Urlaub mit dem Schwerpunkt soft und prickelnd entschieden. Das hätte ganz schön werden können, aber es kam dann ganz anders. Das war auch gut so, denn seitdem bin ich mit Susanne zusammen. Susanne hatte eine Woche devote Unterwerfung auf der Insel gebucht. Die ersten zwei Tage hat sie es noch genossen, doch dann wurde ihr es zu viel des Guten. Sie flüchtete aus ihrer Urlaubshütte und suchte in meiner Behausung Asyl. Ich gewährte ihr Schutz, pflegte ihren arg verdroschenen Hintern und haute ihrem dominanten Gegenstück ganz humorlos eins in die Fresse. Susanne war sich danach ganz sicher, dass sie von devoter Subkultur nun endgültig die Schnauze voll hatte. Stattdessen organisierte sie anschließend mit unglaublicher Geschäftstüchtigkeit den kometenhaften Aufstieg unseres FKK-Bauernhofes, dessen spektakuläre Eröffnung von der Weltpresse begleitet wurde. Leider ist er dann ja bei einer aus dem Ruder gelaufenen Party bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Mit der Versicherungssumme, die wir für unseren abgefackelten Hof erhalten hatten, hätten wir hier zwar noch gut und gerne zwei Jahre residieren und Fußball gucken können, aber Susanne dokterte seit unserem Kinobesuch immer öfter an neuen Geschäftsideen herum.

»Mensch, Hans, das ist unsere Rettung. Wir verblöden hier doch, merkst du das denn nicht?«

»Kann ich so nicht bestätigen. Ich habe mich zum Beispiel in den letzten Wochen zu einem Experten in Sachen Fußball in den Vereinigten Arabischen Emiraten weiterentwickelt. Wer kann das schon von sich behaupten?«

Susanne schaute mich mitleidig an. »Ach, Hans. Vor einigen Wochen warst du noch geschäftsführender Gesellschafter der FKK-Wetterau GmbH und hast die Weltpresse auf dich aufmerksam gemacht. Und jetzt bist du nur noch ein fauler Sack, der nicht weiß, wie er den Tag rumkriegen soll. Und mir geht es nicht besser. Maniküre, Friseur, Massage, Sauna. Das ist mein Tagesablauf. Unser Geist bleibt auf der Strecke. Wir haben uns vom Luxus einlullen lassen. Unser Spirit ist binnen kürzester Zeit völlig verkümmert. Wir müssen wieder was auf die Beine stellen. Und dieses Landhotel ist die perfekte Grundlage für eine subkulturelle Erholungsoase. Glaub mir, es wird eine wunderbare Zeit!«

»Subkulturelle Erholungsoase?« Ich blieb skeptisch. Unsere FKK-Oase hatte mich schon an den Rand des Wahnsinns gebracht und ich war gar nicht so unglücklich darüber, dass ich diese Episode einigermaßen unbeschadet überstanden hatte. »Ich bin hier ganz zufrieden. Alles, was ich brauche, bist du, Susanne«, umschmeichelte ich meine Traumfrau.

»Wir müssen hier wieder raus, Hans. Raus aus dem Mikrokosmos der Suite 202 mit dem Zimmerservice für geistige Tiefschläfer und rein in den Makrokosmos universeller Erleuchtung.«

»Universeller Erleuchtung? Wovon redest du eigentlich?«

»Ich rede von dem, was uns fehlt. Was uns hier völlig abgeht. Von neuen Blickwinkeln. Von Ideen. Von Visionen.«

»Und das bekommen wir alles in einem Landhotel im Odenwald? Immerhin befinden wir uns hier in einem Luxushotel inmitten der Metropole Frankfurt am Main. Hier treffen die Kulturen aller Welt aufeinander. Und der Zimmerservice ist auch nicht zu verachten.«

»Morgen machen wir einen Ausflug in den Odenwald und schauen uns das Objekt aus der Nähe an. Vielleicht kommt ja der alte Hans wieder in dir zum Vorschein, wenn du erst mal ein wenig Luft von den neuen Möglichkeiten schnappst, die sich uns bieten. Und jetzt könntest du mir meine Zehennägel lackieren.« Susanne reichte mir das Gläschen mit dem dunkelroten Nagellack und legte ihre Füße auf meinen Oberschenkeln ab. Das war eines der vielen kleinen Rituale, die wir uns in Suite 202 angewöhnt hatten. Susannes Zehennägel waren meine Sixtinische Kapelle. Hochkonzentriert machte ich mich ans Werk. Michelangelo hatte einen würdigen Nachfolger gefunden. Ich begnügte mich bei meiner Malerei zwar mit kleineren Flächen und beschränkte mich bei der Farbauswahl meist auf ein schlichtes, aber stimulierendes Dunkelrot, die Arbeit an sich verzückte mich aber stets aufs Neue. Während ich pinselte, griff Susanne zum Telefon und bestellte beim Zimmerservice eine Flasche Schampus.

»Ich dachte, du willst dem einlullenden Zimmerservice lieber entsagen«, neckte ich Susanne und freute mich schon auf die weiteren kleinen Rituale, die wir in Suite 202 so gerne pflegten.

»Wir verabschieden uns aber mit einer unvergesslichen Nacht aus der Epoche der Dekadenz«, säuselte Susanne verheißungsvoll.

»Kein Nagellack und kein Schampus mehr im Landhotel?«, erkundigte ich mich sorgenvoll.

»Wir werden Hoteliers und den Zimmerservice ganz neu erfinden«, geriet Susanne in der parfümierten Luft der Suite 202 ins Schwärmen.

»Knisterndes Kaminfeuer anstatt arabisches Ballgeschiebe«, seufzte sie.

Ich unterbrach meine Pinselei und wollte protestieren, aber der Zimmerservice klopfte an der Tür und Susanne beorderte ihn herein. Unser Roomboy Jonathan schob ein Wägelchen mit der gekühlten Prickelbrause in unsere Suite. Jonathan kam aus dem Senegal, trug eine rote Uniform und war schwarz wie die Nacht.

»Darf ich einschenken, Madame?«, erkundigte sich Jonathan und lächelte Susanne vielsagend an. Susanne nickte, Jonathan füllte die Gläser und ich pinselte den letzten Zehennagel dunkelrot an.

»Wie gefällt dir mein Werk?«, fragte ich Jonathan und betrachtete mir zufrieden die zehn frisch lackierten Fußnägel auf meinem Schoß.

»Ah, heute ein trockenes Weinrot«, urteilte Jonathan fachmännisch. »Das passt ausgezeichnet zu Madame Susanne. Kleine Nuancen französischer Verführungskunst, ein leichter Akzent südamerikanischen Temperaments, eine Brise afrikanischer Wildheit und ein Hauch karibischer Exotik. Sie haben die Füße der Madame wieder meisterlich in Szene gesetzt, Herr Bremer.«

»Ach, Jonathan, ich werde dich vermissen«, seufzte Susanne.

»Wollen Sie unser Haus denn verlassen, Madame?«

»Ja, Jonathan. Wir müssen unsere Zelte hier abbrechen und weiterziehen. Ein Ruf aus dem Odenwald hat uns erreicht. Wir sind völlig erschöpft und müssen uns regenerieren.«

»Ja, das verstehe ich«, murmelte Jonathan. »So ein Leben in einer Suite kann schon anstrengend sein.« Jonathan schenkte Susanne Schampus nach, das erste Glas hatte sie schon geleert.

»Du sagst es, Jonathan. Aber im Odenwald werden wir die sexuelle Energie wieder finden, die uns hier verlorengegangen ist.«

Jonathan runzelte die Stirn. »Ist mir gar nicht aufgefallen, dass bei Ihnen da etwas verlorengegangen ist.«

»Noch mehr Sex im Landhotel?«, fragte auch ich überrascht.

Susanne hörte in ihrem Kopf nun wohl auch die Worte, die sie gerade von sich gegeben hatte. »Spirituelle Energie«, verbesserte sie sich.

»Spirituelle Energie ist gut«, bestätigte Jonathan. »In Afrika nennen wir es auch Voodoo.«

»Sexuelle Energie ist aber auch nicht verkehrt«, warf ich dazwischen und streichelte Susannes Füße.

»Wenn Sie heute Nacht vielleicht etwas leiser mit dieser Energie sein könnten«, bat Jonathan höflich. »Die Gäste aus Suite 201 und 203 und 205 und 206 haben sich schon wieder beschwert ...«

»Kleingeister«, zischte Susanne.

»Morgen beschweren sich bestimmt auch die Gäste von Suite 101 bis 888«, sagte ich mit einem schelmischen Grinsen voraus. »Aber du kannst sie ja dann beruhigen, Jonathan. Wir machen morgen einen Ausflug in den Odenwald. Dann herrscht wenigstens tagsüber Ruhe in unserer Suite.«

Jonathan antwortete mit der Andeutung einer Verbeugung. Die üppigen Trinkgelder, die ich regelmäßig an die Hotelangestellten verteilte, verschafften uns eine gewisse Narrenfreiheit im Frankfurter Hof. Als meine Hände langsam von Susannes Füßen weiter über ihre Waden streichelten, zog sich Jonathan zurück. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, machten sich erste Energieströme unter meinem Kunstwerk bemerkbar. Fünf weinrot lackierte Zehennägel versprühten kleine Nuancen französischer Verführungskunst, einen leichten Akzent südamerikanischen Temperaments, eine Brise afrikanischer Wildheit und einen Hauch karibischer Exotik. Oder anders ausgedrückt: Susannes drückte mir ihren Fuß in den Schritt. Sie drückte aber nicht einfach nur, sie zauberte mir mit unheimlich viel Gefühl im Fuß äußerst angenehme Vibrationen in die Lendengegend. Dagegen waren die technisch brillanten Lupfer aus dem Fußgelenk von Al Ach Achmarain reinste Bauerntölpelei. Während es im Lendenbereich vibrierte, summte in meinen Synapsen aber noch eine unverarbeitete Information herum. Vibration im Unterleib und Summen in der Großhirnrinde disharmonierten in meinem Körper. Ich fühlte mich wie zweigeteilt. Unten war Party und oben wurde noch gearbeitet. Mit akustischen Signalen versuchte ich den Zwiespalt in mir aufzubrechen und begann eine der Situation angemessene Konversation mit Susanne. »Mmmhh, Ssssuusssannee ... aaaah jaaa Ssssuuuusssaaanneee Suuu... ahh Suuu...Suuu...aaah ... Suuu..suu... subkulturelle ... was war das?«

Susanne spielte ihr Spiel genauso unbeirrt weiter wie der KT Dubai. Leichtfüßig tänzelte sie mich um den Verstand und konterte meinen Konversationsversuch mit gehauchter Stimme. »Subkulturelle Erholungsoase. Dominanz und Devotion.«

»Ahh jaa. Das ist gut«, hauchte ich zurück. Aber dann kamen zu dieser Aussage auch Bilder in meinen Kopf und meine Stimmlage veränderte sich abrupt von entzückt in entsetzt. »Willst du dir etwa wieder von wildfremden Männern den Po versohlen lassen?«

»Natürlich nicht. Dafür habe ich doch dich, Hans. Aber wir bieten unseren Gästen ein Ambiente subkultureller Identifikation. Wir schaffen eine Quelle nicht versiegender sexueller Energie.«

2

Susanne hatte am nächsten Morgen gleich als Erstes den Makler angerufen und für die Mittagszeit einen Besichtigungstermin beim Landhotel im Odenwald vereinbart. Im offenen Porsche fuhren wir aus der Stadt raus und mit Tempo 230 in den Odenwald rein. Eine halbe Stunde später hatten wir unser Ziel schon erreicht. Das Hotel lag auf einem Hügel und bot eine malerische Aussicht über Wald, Wiesen und Äcker. Der Makler erwartete uns bereits. Er warf einen skeptischen Blick auf unseren Porsche Carrera Turbo Dingsbums, den Susanne direkt neben seinem SUV Discovery Quattro Dingsbums mit chromglänzendem Überschlagbügel abstellte. Der Makler zupfte an seinem Krawattenknoten herum, während Susanne schwungvoll aus dem Porsche stieg, sich die Sonnenbrille auf die Stirn zog und einen visionären Blick auf das Objekt der Begierde warf.

»Sieht ja so aus, als hätten Sie sich schon in das Schmuckstück verliebt«, kam der Makler mit einem breiten Grinsen auf uns zu.

Mir bereitete es schon etwas Mühe, meine Gliedmaßen mit dem rechten Schwung aus dem flachen Sportwagen zu hieven. In der zurückliegenden Zeit mit Sky, Couch und Zimmerservice waren meine Knochen etwas eingerostet, musste ich feststellen.

»Ich bin beeindruckt«, schwärmte Susanne und schüttelte dem Makler die Hand.

Ich war auch beeindruckt. Das Objekt der Begierde machte in meinen Augen mehr den Eindruck eines Objekts der Trostlosigkeit. Der Putz bröckelt von den Wänden, die Rollläden hingen schief in den Angeln und die durchlöcherte Regenrinne war mit Moos bewachsen. »Das ist ja eine schöne Bruchbude«, winkte ich kopfschüttelnd ab.

»Lassen Sie sich nicht vom ersten Eindruck täuschen«, sagte der Makler und ließ zunächst offen, was der zweite Eindruck noch zu bieten hatte.

»Die kleinen äußerlichen Mängel lassen sich doch schnell beheben, Hans«, klärte Susanne mich auf.

»Wir haben ausgezeichnete Handwerkerbetriebe in der unmittelbaren Umgebung«, verriet uns der Makler. »Dachdeckermeister Meiermulch, Heizungsbauer Kältetod oder Malermeister Schlendrian, um nur einige zu nennen.«

»Wir werden das Hotel in ganz neuem Glanz erstrahlen lassen«, verkündete Susanne und vergab im Geiste wohl schon die Aufträge an die ortsansässige Handwerkerzunft. Das Gesicht des Maklers erstrahlte bereits jetzt. »Ihre Preisvorstellungen sind natürlich vollkommen überzogen«, stellte Susanne klar und des Maklers Glanz verblasste auch sogleich.

»Es gehören ja auch noch 1000 Hektar Grundstück zum Gebäude«, sagte er und zeigte mit ausgestreckter Hand auf das Waldstück oberhalb des Hotels und die Wiesen, die unterhalb lagen.

»Es liegt tatsächlich sehr einsam und die Anbindung an das Straßennetz ist nur suboptimal«, gab Susanne ihm recht. »Deswegen gefällt es mir auch so gut und deswegen kostet es auch nicht mal halb so viel, wie Sie veranschlagt haben.«

»Gehen wir doch erst mal rein und schauen uns die Räumlichkeiten an«, schlug der Makler vor und ging auch schon voraus. Der Immobilienfürst versuchte galant die Eingangstür zu öffnen, doch die klemmte und quietschte und ließ sich nur einen Spalt breit öffnen. »Scheiße«, fluchte er, setzte aber gleich darauf sein Maklerlächeln wieder auf und rüttelte erfolglos an der verzogenen Holztür. Ich tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Schulter, gab ihm mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass er zur Seite treten soll, und trat mit Schwung gegen die störrische Tür. Nun war der Spalt wenigstens so breit, dass wir uns hindurchquetschen konnten. Wir betraten den Empfangsbereich. »Baujahr 1972«, klärte uns der Makler auf und tat so, als wäre das etwas ganz Außergewöhnliches.

»Die Tapetenmuster lassen darauf schließen«, gab ich ihm recht.

»Im Erdgeschoss befindet sich neben dem Empfangsbereich noch der Speisesaal mit angrenzender Großküche. Außerdem gibt es noch einen Veranstaltungssaal mit integrierter Bühne.«

»Das ist gut, das ist sehr gut«, klatschte Susanne zufrieden in die Hände.

»Es gibt 14 Gästezimmer. Sieben im ersten Stock und sieben im zweiten Stock. Folgen Sie mir, ich zeige sie Ihnen.«

Wir stiegen über eine knarrende Holztreppe in den ersten Stock und warfen einen Blick in die Zimmer. Sie waren alle gleich groß.

»Da werden wir ein paar Wände einreißen«, ließ Susanne mich wissen.

»Man müsste das ganze Haus einreißen«, gab ich zu bedenken und sehnte mich zurück nach meiner Suite 202 im Frankfurter Hof.

»Haben Sie denn schon Erfahrungen im Hotelgewerbe?«, erkundigte sich der Makler.

»Wir sind auf special interest Urlaubsangebote spezialisiert«, klärte Susanne ihn auf. »Wir setzen auf Nischenprodukte für eine klar definierte Zielgruppe.«

»Das ist genau der richtige Weg in der einheimischen Tourismusbranche«, zeigte sich Mister Makler zuversichtlich. »Für Wanderfreunde und Naturliebhaber ist die nähere Umgebung hier wie geschaffen. Es gibt Waldwanderwege und im Winter kann man auch Skilanglauf betreiben.«

»Wir sind da aber mehr subkulturell orientiert«, verriet ich ihm mit einem vielsagenden Lächeln auf den Lippen.

»Ah, subkulturell. Natürlich. Ich sehe schon, Sie sind Marketingexperten. Ihnen brauche ich nichts zu erzählen.«

»Meine Freundin und ich, wir sind sozusagen die Gurus auf dem Gebiet des sexuellen Spirits.« Ich zwinkerte dem nun etwas verunsichert wirkenden Makler zu.

»Ähm, also ... wenn Sie hier ein Bordell eröffnen möchten, benötigen Sie natürlich gewisse Genehmigungen. Aber ich habe da Verbindungen, da kann ich Ihnen behilflich sein. Der Bürgermeister vom nächsten Dorf ist ein Freund. Wir spielen sonntags immer Squash.«

»Sehe ich etwa aus wie eine Puffmutter?«, fuhr Susanne den hilfsbereiten Makler an. »Wir wollen ein Hotel eröffnen und kein Bordell. Unsere Gäste bleiben für ein bis zwei Wochen und nicht für ein bis zwei Stunden.«

»Entschuldigung, da war ich wohl etwas voreilig. Sie sprachen ja auch von einem Nischenprodukt. Wie dumm von mir. Sie haben da anscheinend eine Marktlücke entdeckt. Ich bin beeindruckt. Umso mehr freue ich mich, wenn wir zu einem Abschluss kommen.«

Wir stiegen die knarrenden Treppen wieder hinunter. »Ich muss noch einige Dinge klären und melde mich in zwei bis drei Tagen wieder bei Ihnen«, sagte Susanne und verabschiedete sich von einem sichtlich beeindruckten Immobilienmakler. Als wir wieder im Porsche saßen und Susanne den Motor aufheulen ließ, zerrte Mister Makler fluchend an der Eingangstür herum.

Kaum waren wir wieder in meine innig geliebte Suite 202 im Frankfurter Hof zurückgekehrt, ließ ich mich erschöpft auf das Sofa sinken und schaltete den Fernseher ein. Nach dem trostlosen Ausflug tat etwas sportliche Abwechslung nun not. Das saudische Spitzenspiel wurde gerade angepfiffen. Die Söhne von Mekka spielten gegen die Prinzen von Riad. Das versprach eine interessante Partie zu werden. Der Stürmer Prinz Abdullah bin Laden galt in Riad als außergewöhnliches Ausnahmetalent und wenn dessen verstorbener Onkel im Ausland nicht so einen schlechten Ruf gehabt hätte, hätte der junge Prinz vielleicht schon einen Wechsel zu einem der europäischen Topvereine vollziehen können. Allerdings waren die Gehälter dort nicht so üppig, so dass das den Prinzen auch gar nicht sonderlich tangierte. Beim Anstoß glänzten seine goldfarbenen Fußballschuhe in der Sonne, die in Nahaufnahme im satten und stets gut bewässerten Grün des Prinzenstadions dem Zuschauer einen farblich schönen Kontrast boten. Das Spiel fing gemächlich an. Die Prinzentruppe hielt den Ball gekonnt in den eigenen Reihen und die Söhne von Mekka pilgerten der Kugel vergeblich hinterher. Es dauerte eine geschlagene Viertelstunde, bis es zur ersten torgefährlichen Strafraumszene kam. Der Mittelfeldstratege Prinz Ali bin Saud junior der 24. schickte seinen Kameraden Prinz Abdullah bin Laden steil. Der Neffe des bösen Onkels nahm den Ball im vollen Lauf an und drang mit Ball am Fuß in den Strafraum von Mekka ein. Dort pilgerten ihm aber die Verteidiger von Mekka gleich aus drei Richtungen kommend entgegen und es kam zu einem unvermeidlichen Zusammenprall. Der junge Prinz fiel zu Boden und blieb ohnmächtig liegen. Der Schiedsrichter zeigte sofort auf den Elfmeterpunkt, auf dem nun der Prinz lag und sich nicht mehr rührte. Ein Krankenwagen raste mit Blaulicht auf das Spielfeld und hielt am Ort des Geschehens an. Ein Notarztteam versorgte den gefoulten Prinzen, hängte ihn an drei Tröpfe und schob ihn auf einer Bahre in den Krankenwagen. Währenddessen zeigte der Schiedsrichter den drei Übeltätern von Mekka die rote Karte. Mit drei Mann in Unterzahl mussten die Pilger jetzt wohl ein bisschen Gas geben, wenn sie noch was reißen wollten. Daran glaubte ich allerdings weniger. Jetzt gab es erst mal den Elfmeter für die Prinzen. Prinz Abdul Abdullah bin Abdusla legte sich den Ball auf dem Punkt zurecht. Der Torwächter Mohammad von Mekka blieb seelenruhig auf seiner Torlinie stehen und rührte sich auch nicht vom Fleck, als Abdul Abdullah bin Abdusla Anlauf nahm und den Ball drei Meter über das Tor drosch. Die Fans von Mekka lagen sich in den Armen und huldigten ihrem unerschrockenen Torwächter mit Lobeshymnen. Die Scheichs von Riad wähnten sich im falschen Fußballpalast. Die Oberhäupter der Familie Saud zogen sich zwecks Beratung aus der VIP-Lounge in den angrenzenden Konferenzsaal zurück. Der Schiedsrichter musste daraufhin die Partie für eine halbe Stunde unterbrechen. Das war mir nun zu blöd und ich schaltete ab.

»Was machst du denn da?«, fragte ich Susanne, die mit einem salomonischen Lächeln am Laptop saß und eifrig E-Mails schrieb.

»Ich treffe Vorbereitungen«, sagte sie und tippte eifrig weiter.

»Das mit dem heruntergekommenen Hotel ist doch nicht dein Ernst, oder?«

»Ach, Hans, erinnerst du dich daran, als wir das erste Mal den Bauernhof besichtigt haben? Der war wirklich heruntergekommen. Und was haben wir daraus gemacht? Eine Oase! Und du warst ein erstklassiger Geschäftsführer. Juckt es dich denn gar nicht, noch mal so ein Ding durchzuziehen?«

»Ich bin als nackter Idiot berühmt geworden«, antwortete ich nachdenklich und diese Titulierung nagte noch immer an meinem Ego.

»Du bist ein nackter Held gewesen. Mein nackter Held. Ich will meinen Helden wieder haben, Hans.«

»Kein Problem, ich zieh mich aus.«

»Besser nicht. Deine Bauernhof-Naturburschen-Figur hat in letzter Zeit ziemlich gelitten.«

»Wie meinst du das denn?«

»Zu viel Bauch und zu wenig Bizeps. Ist dir das etwa entgangen beim arabischen Fußball-TV?«

Das war jetzt aber ein fieser Tiefschlag gewesen. So kannte ich meine Susanne gar nicht. Ich fühlte mich wie ein k.o.-gegangener Boxer. Ich erhob mich etwas schwerfällig von der Couch, ging ins Bad, zog mich aus und stellte mich vor den Spiegel. Was ich sah, erschreckte mich ein wenig. Warum war mir das bisher eigentlich noch nicht aufgefallen? Die Seitenansicht war am wenigsten schmeichelhaft. Irgendwann in den letzten Wochen musste tatsächlich mein Schwerpunkt irgendwie verrutscht sein. Das waren jetzt eher Schwabbelpunkte, die mir da im Spiegel entgegenschwabbelten. Völlig desillusioniert zog ich mich wieder an. »Vielleicht sollte ich den Kraftraum hier im Hotel ab und an aufsuchen«, gab ich kleinlaut zu.

»Nein, du solltest dein eigenes Hotel eröffnen. Folterkammern statt Fitnessräume. Das ist die Zukunft und wir sind die Trendsetter. Hans Bremer, der Vorzeige-Hotelier der subkulturellen Szene. Na, wie klingt das?«

»Folterkammern? Willst du Subventionen von der CIA ergattern?«

»Wir benötigen keine Subventionen. Wir bieten Sub-Illusionen.«

Ich kratzte mich nachdenklich am Kopf und fragte mich, was sich im Kopf von Susanne eigentlich abspielte.

»Ich habe mir schon gedacht, dass du da noch Berührungsängste haben könntest«, seufzte Susanne. »Deswegen habe ich Sekundärliteratur besorgt. Wenn du dich ein wenig in die Thematik eingearbeitet hast, können wir dann die Einzelheiten besprechen. Das Päckchen wurde vorhin angeliefert. Du kannst es an der Rezeption abholen.« Für Susanne war das Gespräch damit beendet, sie wendete sich wieder ihren E-Mails zu.

Kurz darauf saß ich mit dem geöffneten Päckchen auf der Couch und inspizierte neugierig den Inhalt. Eine Handvoll Bücher. Die Geschichte der O., von Marquis de Sade. Das Handbuch über den richtigen Umgang mit der Peitsche. Die Lust im Schmerz. Ein Beziehungsratgeber für Doms und Subs. Etwas ratlos legte ich die Sekundärliteratur zur Seite und fragte mich, wie es wohl zwischen den Prinzen von Riad und den Söhnen von Mekka weitergegangen war. Ich konnte es mir nicht verkneifen und schaltete den Fernseher ein. Die Prinzen führten kurz vor der Halbzeit mit 6:0. Ich zählte aber auch nur noch fünf Feldpilger bei den Söhnen von Mekka. Die Konferenz der Saud-Familie hatte anscheinend zwei weitere rote Karten für die Pilgersöhne gefordert. Das war mir zu blöd und ich schaltete wieder ab. Stattdessen nahm ich mir die Sekundärliteratur zur Hand, um mich auf eventuelle Primärstrategien vorzubereiten.

3

»Guten Morgen, Hans.« Susanne beugte sich zu mir und weckte mich mit einem sanften Kuss. Ich war wohl auf der Couch über der Geschichte der O. gestern Abend irgendwann eingenickt.

»Marquis de Hans«, verbesserte ich meine Muse. »Bringe mir meine Pantoffeln, S.«, versuchte ich meine neuen Erkenntnisse gleich mal in die Praxis umzusetzen.

Susanne lachte laut und herzhaft auf. »Natürlich, mein Pantoffelheld. Sonst bestrafst du mich bestimmt wegen ungebührlichen Verhaltens, oder?«

»Ganz genau. Zwei Stunden gefesselt auf der Couch vor dem Fernseher, wenn ein arabisches Spitzenspiel läuft. Na, wie gefällt dir das?«

»Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so hart und grausam sein kannst, Marquis de Hans. Da hole ich lieber geschwind deine Pantoffeln.«

Ich fühlte mich richtig gut, als Susanne vor mir kniete und mir die Pantoffeln über die Füße stülpte. Männlich und dominant. Erhabenen Schrittes wandelte ich zum Klo. Dort betrachtete ich mich zunächst wieder eingehend im Spiegel. Meine Figur hatte sich seit gestern Abend zwar nicht erheblich verändert, aber meine Aura war nun doch eine ganz andere. Ich versuchte möglichst ernst in den Spiegel zu schauen und redete mit meinem Spiegelbild. »Guten Morgen, Marquis de Hans. Heute werden wir den Damen wieder gebührliches Benehmen beibringen. Und wir dürfen uns ihrer Dankbarkeit dafür gewiss sein.«

»Schwing deinen Arsch, Hans«, hörte ich Susanne von draußen rufen. »Wir müssen bald los.«

Enttäuscht musste ich im Spiegel beobachten, wie sich meine neue Aura gerade verflüchtigte. »Wo müssen wir denn hin?«, rief ich zurück und versuchte dabei einen möglichst maskulinen Ton zu treffen.

»Der Makler hat Zugeständnisse beim Kaufpreis gemacht. Wir haben nachher einen Termin in seinem Büro.«

»Nachher ist aber ein Länderspiel. Der Oman spielt gegen den Jemen.« Während ich das aussprach, wurde ich immer leiser, die letzten Worte verschluckte ich ganz. »Okay, ich beeile mich«, rief ich wieder etwas lauter.

Als ich frisch geduscht und rasiert im flauschigen Bademantel aus dem Bad kam, servierte Jonathan gerade das Frühstück.

»Hallo, Jonathan, altes Haus«, begrüßte ich ihn. »Hast du meine Peitsche irgendwo gesehen? Die neunschwänzige?«

Jonathan beäugte erst mich misstrauisch, dann Susanne, dann das Mobiliar im Zimmer. Sein Blick blieb an meiner Sekundärliteratur auf der Couch hängen. Seine Miene hellte sich wieder auf, er schaute jetzt mit glänzenden Augen zu Susanne und dann wieder zu mir. »Leider nicht, Master Bremer. Aber ich könnte Ihnen einen Rohrstock besorgen.«

»Danke, aber das ist nicht nötig, Jonathan«, schaltete sich Susanne ungefragt in das Männergespräch ein. »Wir haben gleich einen Termin und da sollte Hans eine Weile schmerzfrei sitzen können.«

Jonathan schaute mich wieder an und konnte sich trotz seiner hervorragenden Selbstbeherrschung ein Grinsen nicht verkneifen.

»Du kannst gehen, Jonathan«, raunte ich ihm zu.

Augenblicklich setzte Jonathan seine neutrale Roomservice-Miene wieder auf und verließ mit steifen Schritten unsere Suite. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, hörte ich ihn in ein lautstarkes Gelächter verfallen.

»Du solltest dich vielleicht auch noch etwas intensiver mit der Sekundärliteratur beschäftigen«, schlug ich Susanne mit humorloser Stimme vor. »Eine klare Rollenverteilung ist doch das A und die O in dieser Geschichte.«

»Deine Zeit kommst schon noch, Hans«, beruhigte mich Susanne. »Aber ohne eigenes Hotel kein Marquis, befürchte ich.«

Ich schmierte nachdenklich Butter und Kirschmarmelade auf mein Brötchen. »Eigentlich war es gar nicht so übel, dieses Landhotel«, murmelte ich vor mich hin. »Da könnte man was draus machen.«

Susanne jagte den Porsche wieder mit 230 Sachen über die A3 gen Süden. Dieses Mal nicht zum Landhotel, sondern zu des Maklers Büro. Das befand sich in einem kleinen Kaff zirka 20 Kilometer vom Objekt der Begierde entfernt. Immobilienmakler Joachim Klein stand auf dem großen Messingschild am Eingang des dreigeschossigen Gebäudes am Ende der Hauptstraße des Kaffs. Die Eingangstür klemmte etwas. Das war anscheinend sein Markenzeichen. Wir stiegen in den ersten Stock empor und wurden von einer blonden Immobilienmaklersekretärin in Empfang genommen. Sie bat uns noch einen klitzekleinen Moment Platz zu nehmen, der Herr Klein wäre sofort für uns da. »Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?«, erkundigte sie sich höflich.

Ich überlegte, wie ein echter Marquis de Hans in solch einer Situation seine Wünsche wohl am wirkungsvollsten artikulieren konnte.

»Bringen Sie uns doch bitte zwei Gläser Wasser«, traf Susanne eine spontane und präzise artikulierte Entscheidung.

»Genau, Wasser«, bestätigte ich kopfnickend die getroffene Wahl.

»Mit oder ohne Sprudel?«, kam die sofortige Gegenfrage.

»Mit Sprudel«, bat Susanne.

»Ohne Sprudel«, befahl ich dominant und freute mich, in dieser Sache nun doch noch das letzte Wort gehabt zu haben.

Umgehend bekamen wir unsere Getränke serviert, eines mit und eines ohne Sprudel. Sie machte sogar einen Knicks, nachdem sie serviert hatte, die blonde Sekretärin. Das war zweifelsohne eine unvermeidliche Reaktion auf die neue Aura, die mich umgab. Zufrieden lehnte ich mich auf dem Besucherstuhl zurück und nippte an meinem Wasser ohne Sprudel. Da öffnete sich auch schon die Tür und der Makler namens Klein trat ein.

»Die Herrschaften sind ja schon da, wie schön. Ich habe auch schon den Vertrag aufgesetzt.« Er wedelte mit ein paar Blättern bedrucktem Papier vor unseren Nasen herum.

Susanne hielt ihm wortlos die Hand entgegen. Der Makler räusperte sich und reichte ihr die Papiere. Sie überflog das Gedruckte und machte dabei ein sorgenvolles Gesicht.

»Stimmt etwas nicht?«, erkundigte sich der Makler vorsichtig.

»Ich bin unsere finanziellen Möglichkeiten gestern noch einmal durchgegangen«, sagte Susanne. »Das wird knapp. Sehr knapp. Ich befürchte, der Kaufpreis liegt jetzt immer noch knapp über unserem Limit.«

»Aber so was von knapp«, warf ich hinterher und zeigte mit zwei Fingern, wie knapp es war. Obwohl ich gar keine Ahnung hatte, wie hoch der Kaufpreis für die Bruchbude eigentlich sein sollte.

»Hmm.« Der Makler trommelte mit den Fingern nervös auf der Schreibtischplatte herum. »Ich bin Ihnen schon viel zu weit entgegengekommen. Nur weil wir einen schnellen Abschluss vereinbart hatten, habe ich Ihnen diesen hohen Preisnachlass gewährt. Ich fürchte, da kommen wir nicht ins Geschäft.«

»Das verstehe ich vollkommen«, sagte Susanne und legte die Papiere auf dem Schreibtisch ab. »Ich dachte, wir könnten vielleicht ein Arrangement treffen.«

»Ein Arrangement? Woran haben Sie dabei gedacht?«

»Wenn Sie noch 5 Prozent nachlassen, würde ich Ihnen im Gegenzug die goldene Clubkarte für unser Hotel überreichen. Damit wären Sie berechtigt, drei Wochen pro Jahr kostenlos in unserem Hotel zu logieren. Die goldene Clubkarte ist natürlich für zwei Personen, Sie könnten also eine Begleitperson mitbringen. Außerdem hätten Sie und Ihre Begleitperson Zutritt zu allen Veranstaltungen, die wir für geschlossene Gesellschaften organisieren. Und zwar mit VIP-Status.«

Der Makler dachte tatsächlich darüber nach. »Was für eine Art von Hotel möchten die Herrschaften noch mal eröffnen?«

»Eine Oase für subkulturelle Begegnungen«, antwortete Susanne in geschäftsmäßigen Tonfall. »Dominanz und Devotion in all seinen Facetten«, hauchte sie leise hinterher. »Goldene Clubkarten werden eine Rarität sein. Höchstens eine Handvoll wird es davon geben.«

»Ihre Sekretärin wird bestimmt eine hinreißende Begleiterin sein. Oder sollte ich besser hingebungsvoll sagen?« Ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

Der Makler wand sich nervös auf seinem Stuhl. »Nun ja, das klingt verlockend. Ich biete Ihnen für die goldene Clubkarte noch 3 Prozent Nachlass an. Das ist aber das Äußerste.«

»3,5 Prozent«, forderte Susanne.

Der Makler streckte ihr die Hand entgegen und Susanne schlug ein. Nun war ich wohl stolzer Hotelbesitzer. Marquis de Hans vom Odenwald. Ich trank einen großen Schluck Wasser ohne Sprudel.