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Das Buch gibt einen Einblick in die Entwicklung der niederländischen Insel Schiermonnikoog in der Zeit zwischen 1726 und 2013. Anhand der Chronik des Hotels van der Werff und der Biografien seiner Besitzer dokumentiert es ein spannendes Stück Insel- und Zeitgeschichte.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Das Buch „Hotel Van der Werff – Anno 1726" von Wim Wennekes und Durk Reitsma fiel mir während unseres Urlaubs auf der Insel Schiermonnikoog im April 1997 durch Zufall in die Hände. Für uns als langjährige Inselbesucher und Freunde des Hauses Van der Werff erwies sich diese Lektüre als ein wahrer Schatz: Sie beinhaltet nicht nur eine interessante Lebensgeschichte, sondern auch ein spannendes Stück Insel- und Zeitgeschichte.
Auf dem Weg von der ersten Planung bis zum druckfertigen Manuskript habe ich viel Unterstützung erfahren: durch Ermunterung, durch inhaltliche und orthografische Korrektur, durch zusätzliche Hintergrundinformationen, durch Hilfe bei der Übersetzung einiger Passagen und besonders auch durch Hilfe bei der Programmierung und der computertechnischen Umsetzung.
Besonderen Dank schulde ich: Hans-Jürgen Schumacher, Klaas Schumacher, Hilmar und Eva Kurth, Rolf Lübke, Edith Pfeiffer und Hans Simon, Wil Simon, Adrie Bakker, Eva und Joschi Albers und Luise Schwiering.
Martina Kurth-Schumacher November 1999
Wie Sake van der Werff Hotelbesitzer wurde
Ein Schiffersohn wird Schiffer
Ein Schiffer geht an Land
Ein Nachtwächter wird Feldwächter auf Sch'oog
„Ich wählte die Freiheit"
Ein Feldwächter sucht Nebenbeschäftigungen
Der „Dolfijn": Mondscheinausflüge mit einem Unglücksboot
Ein Feldwächter wird Pensionsbesitzer
Erste Empfehlungen
Ein Feldwächter/Pensionsbesitzer bekommt Schwierigkeiten
Ein Feldwächter/Pensionsbesitzer wird Hotelbesitzer
Vorgeschichte von Hotel/Pension v/d Werff
Beginn als Gerichts- und Rathaus
Erste Jahre der Herberge
Neue Bettstätten, neue Generationen
Neue Bestimmungen: Posthaus und Wachtstube
Aufkommendes Badeleben und anderer Betrieb
Fast keine ungebührliche Äußerung
Ein genussvoller Abend
Die sechste und siebente Generation tritt an
Ein heruntergekommenes Geschäft
Feldwächter v/d Werff übernimmt das Ruder
Ein Hausrezept von Folkert de Boer
Badeleben auf Schiermonnikoog vor 1900
Vorgeschichte des zukünftigen Touristenorts
Alles scheint zu verkümmern
Einige Baderegeln
Erfahrungen eines Badegastes
Die Insel bekommt einen Fremdenverkehrsverein
Van der Werff, ein geschäftstüchtiger Unternehmer
„Es ist in unserem Interesse, dass Sie zufrieden sind"
Der erste Weltkrieg auf Schiermonnikoog
Freund und Feind von Wagenborg Das Badhotel geht unter
Anbauten und Darlehen
Weitere Werbeaktionen: „Allerherzlichste Glückwünsche"
Die eingerahmte Wanderkarte
Die Herren der Presse: „Dies alles ist sehr zu loben"
Vergnügungen für drinnen und draußen
Hochbetrieb im rauen Winter: Watteneistouren
„Meine Polarreise am 3. März 1929"
Eigener Busdienst über einen Privatweg
Mutwilliger Zusammenstoß
Streit um die Hafenmole
Streit um einen privaten Fährdienst
„Mein Lebensweg" - Begräbnisstätte Vredenhof
Geschäftsmann ohne Gefühl?
Streitigkeiten um den Vredenhof
Hinter den Kulissen
Van der Werff und der Bürgermeister
Kampf um Ertrinkende
Ein widerrechtlich errichteter Zaun
Noch ein gespanntes Verhältnis
„Man redete sich die Köpfe heiß"
Die große Depression der dreißiger Jahre
Sake v/d Werff kauft zwei weitere Hotels
Schiermonnikoog als Hochzeitsgeschenk?
Der Gast von Zimmer 10
Auf den Fuß gefolgt
Noch lange Gesprächsstoff
Noch einmal: Der Gast von Zimmer 10
Hirngespinste und Luftschlösser
Internationaler Konferenzort für den Weltfrieden
Der Zweite Weltkrieg auf Schiermonnikoog
Eine ungewöhnlich friedliche Geschichte
Vorspiel
Schiermonnikoog besetzt
Das Leben geht weiter
Alle Jahre Kundschaft
„An der offenen Grube fühlen wir international"
„Schon wieder hat uns die See ihre Toten gegeben"
„Der Kopf fehlt vollständig"
Bomben auf Schiermonnikoog
Niederlande befreit, Schier'oog noch lange nicht
1.Juni 1945: Endlich Grund zum Feiern
Der niederländische Staat nimmt Schier'oog in Besitz
Neue Zeiten, neue Gäste
Streit um die Toten vom Vredenhof
Ein schwarzer Tag
„Merry Xmas", „Fröhliche Weihnachten"
„Oft denke ich zurück an die Zeit auf Schiko"
Weitere Nachwehen
Lebensabend von Van der Werff
„Mein 80. Geburtstag"
Das Ende
Hotel v/d Werff unter Juffrouw Dien (1955-1981
)
„Herr Van der Werff sagte immer ..."
Hilfe zu Pfingsten
„Sparen, Dien, sparen"
Beinahe alles beim Alten
„Dieses Leben ist mein Reichtum"
„Die Menschen kommen doch auch so"
Niemals still sitzen
Auf dem Plauderstuhl
Ende eines Lebens als Nonne
Die Übergangsepoche 1981/82
Zu verkaufen: Hotel Pension Van der Werff
Ein neuer Besitzer wahrt die Tradition
„Das bleibt so"
Nachschrift
Das Buch und das Fest
Das Hotel, der Hotelier und die Legendenbildung
„Ich habe hier einen Zapfhahn, Ma'am"
Restaurant Fischer
Der blaue Anzug
Die rechte Hand von Fräulein Dien
Ein Ober wird TV-Koordinator
Troshotel
„Einfach freundlich sein"
Der Club von Schier
Zehn Jahre Hotelbesitzer
Das „Beukennootje"
„Tja, jemand muss es tun"
Erwarten Sie keinen herzlichen Empfang
Die schwarze Brigade
Ein gewisses Protokoll
Ein alter Bekannter kommt vorbei
Der große Umbau
„Ich will genau so ein Gebäude daneben"
Die Statue von Fräulein Dien
Die Bus-Saga
Zwischen den Mühlen zweier Behörden
Eine historische Sammlung
Ein neuer Nachbar gegenüber
Das Zerwürfnis von Schier'
Willem-Alexander und Maxima zu Besuch
Ich bewerbe mich hiermit: Ich bin oft krank
Dreh- und Angelpunkt von Kallemooi
Ein Zaun in quadratischer Form
„Behaltet Gott im Blick und die Hosen zu"
Reporter Fischer berichtet aus dem Gemeinderat
Hotel van der Werff in der Literatur
Dort erhob sich, groß und weiß, ein Hotel
Non-Fiktion
Der Raucher-Prozess
Nichtraucher sterben auch
Noch ein Konferenzsaal
Eine Schleife für den Hotelier
Erfolg ist nichts für Feiglinge
Charlotte Fischer
Die „Middelbare Hotelschool"
„Der Stil des Hauses bleibt erhalten"
Nachwort Trix Broekmans
Nachwort Martina Kurth-Schumacher
Ein neues Kapitel
Rob Fischer setzt die Familientradition fort
Sake van der Werff wurde am 30. Januar 1870 in Dokkum, einer Kleinstadt an der Küste Frieslands, an Bord eines festgefrorenen Skutsje* geboren. Als Zeugen seiner Geburt wurden bei der standesamtlichen Anmeldung die Schiffer Riemer Roffel aus Leek und Pieter de Vries aus Lioessens genannt. Das ist nahezu alles, was aus seinen jüngsten Jahren bekannt ist.
Bis 1888 spielte sich Sakes Leben an Bord des heruntergekommenen Kahns seiner Eltern Tjeerd und Berendina van der Werff ab. Unterrichtet wurde er nur in den Wintermonaten - mit dem Ergebnis, dass er kaum lesen und schreiben lernte.
Aus seiner Zeit als junger Mann sind nur wenige Einzelheiten bekannt. Im Alter von 18 Jahren verließ Sake den elterlichen Kahn, um sich bei Y. Jousma an Bord des Schiffs „Geertje" als Decksmann zu verdingen. Danach folgten Jahre als Geselle auf großer und kleiner Fahrt in den Diensten deutscher und niederländischer Reeder.
Anhand von Schiffspapieren und anderen Dokumenten kann man seinen Weg zum Teil rekonstruieren:
1892/93
sieben Monate als Leichtmatrose an Bord des Tjalks „De Twee Gebroeders"
auch 1892
zwei Monate als Leichtmatrose an Bord des Schoners „Cornelia"
1893/94
fünfzehn Monate an Bord der „Spes-Mea"
1894/95
acht Monate an Bord des Rhein-Schraubenschleppers „Dieu Donné III u. IV"
1895
24 Wochen als Matrose an Bord des Dampfschiffs „Mescaria"
Der Schiffskapitän der „Mescaria", Kapitän D. de Jonge, stellte Van der Werff ein Zeugnis aus, in dem er ihn als „sehr anständigen und tatkräftigen Matrosen" bezeichnet. Er bekräftigte, Matrose Van der Werff dürfe jederzeit zu ihm zurückkommen. Andere Kapitäne und Reeder nannten ihn „treu und ehrlich" und bescheinigten ihm „ausgezeichnetes Verhalten".
Am 3. Mai 1896 heiratete Sake van der Werff Anna Louisa Westra. Die Heirat war für ihn wahrscheinlich ausschlaggebend für seinen Wunsch, sich eine Existenz am Festland aufzubauen. Aus den Unterlagen des Standesamts geht der Beruf des Bräutigams hervor: Weinkäufergeselle. Seine hauptsächliche Beschäftigung in dieser Funktion beschränkte sich allerdings darauf, Flaschen zu spülen. Ein Jahr später schlug Sake van der Werff wiederum eine andere berufliche Laufbahn ein. Am 10. Mai 1899 wurde er ernannt als „Polizist 4. Klasse" in der Gemeinde Groningen. Im Januar 1900 folgte seine Beförderung zum Polizisten 3. Klasse mit „regelmäßigem Nachtdienst". Das Jahresgehalt betrug 500 Gulden.
Erst im Polizeidienst lernte Van der Werff von einem älteren Kollegen lesen und schreiben. In seinem Nachlass fand sich ein Zeugnis seiner erworbenen Kompetenz: eine Abrechnung aus dieser Zeit über 35,80 Gulden in 10-Cent-Stücken und 11,50 Gulden in 1-Cent- und 5-Cent-Stücken mit dem schriftlichen Kommentar:
„Obenstehenden Betrag fand ich bei der Verhaftung eines Bettlers, nachdem ich seine Sachen durchsucht habe".
Im Sommer 1901 erwarb Van der Werff das Fachdiplom des Allgemeinen Niederländischen Polizeibunds, eingerahmt zu finden im Treppenhaus des Hotels. Inzwischen 31 Jahre alt und Vater eines Sohnes, bemühte er sich, im Polizeidienst aufzusteigen. V/d Werff bewarb sich in verschiedenen Regionen des Landes, mindestens dreimal ohne Erfolg. So wurde zunächst seine Bewerbung um die Stelle als Feldwächter in Dieren, Gemeinde Rheden, nicht berücksichtigt. „Die Anzahl der Kandidaten betrug 126. Ihr Name kommt unter Nr. 2 der Empfehlungen vor", klang es ermutigend im Absageschreiben. Auch bei den Bewerbungen in Nieuwe-Pekela und Drachten wurde Sake van der Werff oben auf der Vorschlagsliste geführt, aber trotz bester Referenzen abgewiesen.
Der Polizeioberrat in Groningen erklärte schriftlich: „Er hat sich als solide und flinke Person erwiesen, die sich, obwohl erst kurz bei der Polizei, ernsthaft seinem Fach widmet." Beigeordneter Dibbits aus Groningen meinte, dass Sake v/d Werff, Polizist 3. Klasse, „eine taugliche, äußerst tüchtige und gebildete Person ist."
Ein weiterer Vorgesetzter fügte hinzu: „Äußerst solide, eifrig und tüchtig. Er versteht es, allen Versuchungen zu widerstehen, macht selten Gebrauch und nie Missbrauch von starken Getränken und tritt ruhig und bedächtig, aber wenn es sein muss, energisch auf."
Im November 1901 erschien in den Tageszeitungen des Nordens eine Anzeige, die für das weitere Leben von Sake van der Werff entscheidend war: „Der Bürgermeister von Schiermonnikoog, Bevölkerung: 700 Seelen, ruft wegen der Pensionierung des derzeitigen Amtsinhabers Bewerber für die Stelle eines Gemeindefeldwächters auf.
Jahresgehalt: 450 Gulden plus Oberbekleidung und Schuhwerk. Voraussetzungen: Körpergröße nicht unter 1,65 m, nicht älter als 35 und völlig abstinent."
Wieder bewarb sich Van der Werff, und dieses Mal mit positivem Resultat. Per Telegramm meldete sich der Bürgermeister der Insel: „Einmal vorweg: Wie viele Kinder haben Sie?"
Am 18. November fand das Bewerbungsgespräch in Groningen statt. Am 9. Dezember wurde Sake van der Werff durch den „Commissaris der Koningin in de provincie Friesland" offiziell in das Amt des Gemeindefeldwächters berufen. Ein Schneider bekam den Auftrag, umgehend eine Uniform anzufertigen. Ein auf der Insel wohnendes Familienmitglied, K. Teensma, wurde gebeten, eiligst eine Wohnung zu finden und den Transport von Van der Werffs Mobiliar zu organisieren. „Kein Schiff - Haus klar", telegrafierte Teensma am 20. Dezember.
Die Anzeige, auf die sich Sake van der Werff nach Schiermonnikoog bewarb
Ungeduldig erwartete man die Ankunft des neuen Feldwächters. Der „Leeuwardener Courant" lieferte Hintergrundinformationen: „Es gibt sicher keine Gemeinde in den Niederlanden, in der in den vergangenen Tagen eine so weitreichende Veränderung unter den Beamten stattgefunden hat wie in der Gemeinde Schiermonnikoog mit ihren rund 700 Seelen. Der Bürgermeister wurde als ebensolcher in die Gemeinde Smallingerland berufen, der Sekretär hat eine Ernennung zum Bürochef des Gemeindesekretariats in Middelburg erhalten, der Pastor der Reformierten Kirche, der einige Jahre auf der Insel wohnte, hat die Berufung nach Oosterwolde angenommen, und außerdem wird der betagte Feldwächter durch eine jugendliche Person ausgewechselt. Eine völlige Umkehr also auf der Insel - sowohl in gemeindlicher und in kirchlicher als auch in politischer Hinsicht."
Da kein Schiff verfügbar war und wegen des Eisgangs auf dem Wattenmeer drohte sich der Umzug Van der Werffs zu verzögern. Schiffer Brands, der während des Sommers einen Passagierdienst zwischen Groningen und Schiermonnikoog betrieb, war letztendlich bereit, den Transport der Familie und ihres Hausstands zu übernehmen. Am Zweiten Weihnachtstag fand die Überfahrt statt, und die Familie des Feldwächters richtete sich in einer Mietwohnung in der Voorstreek ein.
Als Polizist auf Schiermonnikoog bekam Sake van der Werff anfänglich 50 Gulden pro Jahr weniger als in Groningen. An seinem 80. Geburtstag erklärte er, warum er sich dennoch für das Inselleben entschieden hat: „Ich wählte die Freiheit. Mehr noch als Feldwächter war ich in meiner Freizeit Fischer, Bootsmann und Gärtner - in diesen Angelegenheiten bin ich erste Klasse."
Die Dienstordnung der Gemeinde legte dem Feldwächter folgende Verpflichtungen auf:
Artikel 1: Der Feldwächter hat während der Dienstzeit stets seine Uniform zu tragen und ist verpflichtet, seinen Säbel mitzuführen. Für das Tragen von Zivilkleidung bedarf es der Zustimmung des Bürgermeisters.
Artikel 2: Er ist verpflichtet, sich dem Bürgermeister jeden Morgen ab 10 Uhr zur Verfügung zu halten, um dann weitere Befehle zu empfangen. Ist er aufgrund besonderer Umstände verhindert, ist er verpflichtet, sich so bald als möglich zur Verfügung zu halten.
Artikel 3: Der Feldwächter ist verpflichtet, jeden Tag im Dorf Streife zu fahren - vormittags von 8 bis 9.30 Uhr, nachmittags von 13.30 bis 15 Uhr und von 17 bis 20 Uhr.
Außerdem hat er zu allen Zeiten genau darauf zu achten, dass die Kinder vor allem auf den Straßen keinen groben Unfug treiben. Er ist verpflichtet, sich genau davon zu überzeugen, dass die Wirtshäuser zeitig geschlossen werden. Ist seine Anwesenheit darüber hinaus an anderer Stelle unerlässlich, dann gibt er hiervon, möglichst im Voraus, dem Bürgermeister Kenntnis. Fehlt dafür die Zeit, so meldet er sich so bald wie möglich.
Artikel 4: Der Feldwächter ist außerdem verpflichtet, alles zu tun, was der Ordnung und Sicherheit dient, indem er den Anweisungen pünktlich und genau nachkommt.
Kaum hatte sich der neue Feldwächter auf Schiermonnikoog niedergelassen, nahm er mit oder ohne Erlaubnis verschiedene Nebenbeschäftigungen an.
Mit Genehmigung des Bürgermeisters war Sake von der Werff berechtigt, für die Beaufsichtigung der Besitztümer Graf Bernstorffs, dem Eigentümer der Insel Schiermonnikoog, eine Gratifikation von zwanzig Gulden anzunehmen. Per Magistratsbeschluss wurde der Feldwächter außerdem zum „Schätzer für den Mietwert von Räumlichkeiten in der Gemeinde Schiermonnikoog bezüglich der Erhebung von Schankerlaubnisrechten für den Verkauf von starken Getränken im kleinen Rahmen" berufen. Diese Tätigkeit wurde mit einem Jahresgehalt von fünf Gulden vergütet. Anschließend folgten Ernennungen zum Gemeindeboten, dem unter anderem die Anmahnung von rückständigen örtlichen Steuern oblag; ebenfalls gegen Bezahlung. Als Verantwortlicher für die Feuersignale bei der Nord- und Südholländischen Rettungsgesellschaft verdiente Sake van der Werff noch einmal 25 Gulden dazu, und für Botengänge für die Rettungsgesellschaft bekam er 2,50 Gulden pro Jahr.
1902 hatte Sake van der Werff genug Geld angespart, um ein Boot zu kaufen. Nun konnte er an Tagen, an denen das Postschiff nicht verkehrte, Post und Passagiere zum Festland oder zur Insel bringen, was ihm wieder neue Nebenverdienste einbrachte. Weitere Einkünfte brachten Watt-Touren mit Badegästen. Oder er fuhr allein mit dem Boot aufs Meer zum Fischen. Der alte Seebär ließ keine Gelegenheit aus, unter Beweis zu stellen, dass er den eingefleischten Insulanern in nichts nachstand.
Die seemännischen Fähigkeiten wurden allerdings im Dorf wenig gewürdigt, da mit dem Vergnügungsschiff, das Van der Werff gekauft hatte, eine makabere Geschichte verbunden war.
Sie ereignete sich am 28. Oktober 1898, als die norwegische Bark „Magda" im Nordosten von Schiermonnikoog in Seenot geriet. Was die Mannschaft auch versuchte: die Bark, die Holz und Zement geladen hatte, ging unter. Dank der Besatzung des Schiermonnikooger Rettungsbootes - sie hatte ungefähr 11 Seemeilen rudern müssen - wurde die Schiffsmannschaft gerettet.
Auch Kapitän Hendrik D. Teensma aus Schiermonnikoog, der mit seinem Schiff auf See war, hatte seine Hilfe angeboten. Steuermann A. Visser, ebenfalls Insulaner, fuhr in einem Rettungsboot mit einigen Matrosen zur der in Seenot geratenen „Magda". Das Boot ging unter, und die Besatzung fand ihr Grab in den Fluten.
Das Unglücksschiff wurde am Strand von Schiermonnikoog angespült, dann zunächst eingelagert und schließlich am 9. Juli 1902 verkauft. Käufer war Sake van der Werff. Er takelte das Boot mit einem Segel auf, taufte es „Dolfijn" (Delphin) und unternahm damit Vergnügungsfahrten.
Viele Insulaner nannten das pietätlos, aber der Feldwächter war für solche Kritik nicht empfänglich. Der „Dolfijn" wurde erneut Gegenstand von Klatschgeschichten im Dorf, als der Feldwächter nächtliche Segeltouren unternahm: „Mondlicht-Exkursionen" mit Frauen an Bord.
Ein dreitägiger Besuch von Prinz Hendrik auf der Insel im April 1910 war fast der einzige Anlass, bei dem Van der Werff vollständig von seiner Arbeit als Feldwächter beansprucht wurde. Per Tagesbefehl bekam er vom Bürgermeister minutiös seinen Platz zugewiesen: „Befinden Sie sich bei der Ankunft des Prinzen vor dem Rathaus. Posten halten. Wenn sich der Prinz zum Rettungsgebäude bewegt, vorlaufen und den ganzen Weg zum Badweg freihalten. Am Badweg schräg hinter dem Prinzen halten bis zum Strand. Am Strand reichlich Platz machen. Begibt sich der Prinz nach Pfahl 7, zurückgehen zum Dorf und die Leuchtraketenvorrichtung klarmachen ..."
1907 begann die Karriere Sake van der Werffs als Pensionsbesitzer, eigentlich mehr zufällig und gegen seine Überzeugung. In nicht veröffentlichten Aufzeichnungen erinnert er sich ausführlich an den Anlass: „1907, als noch sehr wenige Gäste auf die Insel kamen, wurde Bürgermeister v. d. Berg von einem Herrn Krüger aus Aachen gebeten, für ihn ein Pensionszimmer zu besorgen. Der Bürgermeister fand eine Bleibe bei Religionslehrer Kuiper. Als Krüger nun aber auf die Insel kam, stellte sich heraus, dass Kuiper sein Haus inzwischen an eine Familie M. Dijkstra aus Anjum vermietet hatte. Herr Krüger konnte dann bei niemandem ein Zimmer bekommen, auch nicht in einer der beiden kleinen Pensionen. Schließlich bat mich der Bürgermeister, den Mann für diese Nacht ins Haus zu nehmen. „Und dann schicke ich ihn morgen früh mit dem Postschiff wieder weg", so der Bürgermeister.
Unter Protest („... denn wir waren nicht dafür eingerichtet: eine einfache, kleine Beamtenwohnung, allerdings äußerst sauber ...") beugte sich der Feldwächter der Dienstanweisung - rückblickend ohne Reue: „Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging Herr Krüger spazieren. Später sah ich ihn am Strand und in den Dünen. Das Postschiff war um 9 Uhr ohne ihn abgefahren. Mittags servierten wir ihm noch eine warme Mahlzeit. Auf seine Bitte hin beschlossen wir schließlich, ihn vorläufig bei uns wohnen zu lassen. Er war, ehrlich gesagt, ein seltsamer Gast. Nervenkrank. Er trug einen Bart und zwei Brillen, und in seinem Gepäck befanden sich ein Revolver und ein Karabiner.
Zweieinhalb Monate blieb er bei uns im Haus, und bei seiner Abreise teilte er uns mit, dass er im folgenden Jahr mit seiner Frau und seiner Familie zurückkommen werde. In sechs aufeinander folgenden Jahren hat die Familie bei uns logiert, zuletzt mit vierzehn Personen."
Bei diesem Zufallsgast samt Anhang blieb es nicht. In ein braunes Notizbuch, das erst kürzlich zum Vorschein gekommen ist, hatten die ersten Logiergäste ihre Meinung über ihren Aufenthalt in Van der Werffs Pension „Vierhuizen" niedergeschrieben.
Nur eine Seite wurde herausgerissen, vielleicht durch den Pensionsbesitzer selbst, weil ihm das Lob nicht vollmundig genug war. Auf allen anderen Seiten klingt es so oder ähnlich:
„Der Unterzeichner erklärt gerne, dass er und seine Frau einen äußerst angenehmen Aufenthalt bei Herrn Van der Werff gehabt haben und größtes Lob über ihren dortigen Aufenthalt aussprechen. Mit ganzer Freimütigkeit empfiehlt er diese Pension..." J. van den Berg, Heerenveen
„Mit Vergnügen kann Unterzeichner erklären, dass die Pension von Sake van der Werff zu Schiermonnikoog, was die Annehmlichkeit des Aufenthalts und die Gediegenheit der Pension angeht, vortrefflich ist." Name unlesbar
„Unterzeichner erklärt, dass die „Pension Vierhuizen" in jeder Hinsicht hervorragend und deshalb erste Empfehlung ist." F.H. de Bruin, Groningen
„Unterzeichner erklärt hiermit, dass er einige Wochen wegen der Gesundheit in der „Pension Vierhuizen" gewesen ist, und das mit ausgezeichnetem Erfolg." F. J. Braam
Unterzeichner, alle Vorstandsmitglieder des Groninger Fußballvereins G.V.V., erklären: „Das Sprichwort ,Ost und West, zu Haus ist es best' stimmt in diesem Fall nicht, weil man hier ganz vergisst, dass man bei Fremden ist." Drei Unterschriften
Manche meldeten die Dauer ihres Verbleibs - variierend von einigen Tagen bis zu „acht vergnüglichen Wochen". Immer wieder wurde die „ausgezeichnete Küche", der „freundliche, hilfsbereite Umgang" und die „angenehme, häusliche Atmosphäre" gelobt, und oft war der Satz zu lesen: „Der Verbleib übertraf alle Erwartungen."
Auch der erste Gast, Wladimir Krüger aus Aachen, schrieb während eines Aufenthalts im Folgejahr: „Die Tatsache, dass ich in diesem Jahr zum dritten Mal für längere Zeit in diesem Haus von Sake van der Werff logiert habe, ist der beste Beweis dafür, dass ich in jeder Hinsicht zufrieden bin."
Ein anderer deutscher Gast fühlte sich „sehr wohl" und führte weiter aus: „Liebenswürdiger Pensionsbesitzer. Peinlich sauberer Haushalt. Nahrhaftes und schmackhaftes Essen machten den Verbleib äußerst angenehm. Durchaus tadellos."
Sake van der Werff hatte an seiner Aufgabe als Pensionsbesitzer Gefallen gefunden und wurde die treibende Kraft. Seine Ehefrau hielt sich im Hintergrund. Mit großem Enthusiasmus organisierte der Feldwächter/Pensionsbesitzer Exkursionen ins Deichvorland und ins Watt, oder er nahm Pensionsgäste mit zum Segeln.
In dem Führer „Nordseebad Schiermonnikoog - Holland" von 1911 pries Van der Werff seine Amtswohnung per Annonce an: „Gepflegte, geräumige Zimmer. Täglicher Mittagstisch. Keine Ermäßigung für Kinder."
Wenn während der Sommersaison viele Badegäste die Insel bevölkerten und Feldwächter Van der Werff eigentlich vollauf damit beschäftigt sein sollte, Streife zu fahren, saß Pensionsbesitzer Van der Werff zu Hause, oder er war „auf Exkursion". Das konnte die Gemeindeverwaltung nicht auf Dauer tolerieren.
Als er im Jahr 1912 den Anbau einer Glasveranda beantragte, platzte die Bombe. Der Bürgermeister erklärte auf der Ratssitzung am 11. Juni, dass „angesichts der Tatsache, dass diese das Dorf verschönern", prinzipiell jedem Insulaner die Erlaubnis gegeben werden müsse, gute Verandas anzubauen. Daraufhin entbrannte eine heftige Diskussion.
Wie aus dem Protokoll hervorgeht, beanstandete Ratsmitglied Boekhout, dass der Bauplan von Feldwächter Van der Werff nicht mit der gemeindlichen Bauordnung vereinbar ist. Außerdem bezweifelte er, dass der Feldwächter überhaupt eine Pension betreiben darf. Das Ratsmitglied beantragte ein Untersuchungsverfahren.
Verschiedene Ratsleute stimmten ihm zu: Der Feldwächter tat Dienste für Dritte und nahm es mit den Vorschriften wenig genau. Schließlich legte der Bürgermeister den Ratsleuten nahe, sich an den „Commissaris der Koningin" zu wenden. Beigeordneter Carst stimmte diesem Antrag zu. Er betonte, der Feldwächter schlage hier absolut „über die Stränge": Er fungiere als Reeder, radele täglich einige Male zum Badehaus und überhaupt ginge dies schon seit Jahren so und dem müsse nun endlich Einhalt geboten werden.
Noch im Alter von 80 Jahren erinnerte sich Van der Werff gern daran: „Man beschloss, mich zu rügen, und ich musste mich entscheiden, ob ich Feldwächter (und dann mussten die Pensionsgäste weg), oder Pensionsbesitzer (und dann würde ich meinen Posten verlieren) sein wollte. Nun, die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Ich ging nach Haus, zog die Uniform aus und brachte sie zum Gemeindehaus."
Am 1. Juni 1913 wurde Sake van der Werff ehrenvoll aus seinem Dienst als Dorffeldwächter entlassen und all seiner amtlichen Nebentätigkeiten entbunden. Noch bevor diese Entlassung durch den „Commissaris der Koningin" rechtskräftig bestätigt wurde, erschien im „Nieuwsblad Dokkum" folgende Meldung: „Schiermonnikoog, 24. April 1913. Das altbekannte Hotel von Herrn H. de Boer ist in diesen Tagen zu einem nicht bekannten Preis an Herrn Sake van der Werff, Feldwächter hier, verkauft worden."
Das „altbekannte Hotel" von Herrn De Boer war in Wirklichkeit eine Pension, die schlecht lief. Sake van der Werff, der seinen Nachbarn Hendrik und Aukje de Boer privat und von Amts wegen regelmäßig Besuch abgestattet hatte, war das bekannt. Es fehlte dem Ehepaar an ausreichend geschäftlichem Instinkt, um die fast 200 Jahre alte Herberge zu betreiben. Angesichts ihres Standorts im Zentrum des Dorfs und ihrer Reputation (Anno 1726) müsste hieraus doch etwas zu machen sein, überlegte der ehemalige/entlassene Feldwächter und Pensionsbesitzer.
* ein Skutsje ist ein flachgehendes Segelfrachtschiff mit einem Mast, kurzer Gaffel, Groß- und Topsegel, mehreren Klüvern und Seitenschwertern
Über einer Tür in der Gaststube des Hotels Van der Werff ist ein Wappenstein eingemauert. Seine Inschrift: „Anno 1702. Wappen der Familie Stachouwer, damals Besitzer der Insel. Dieser Stein zierte 1640 den Giebel ihres Schlosses ,Binnendijken', dem damaligen Gerichtshaus der Insel. Nachdem das ganze Dorf und auch dieses Schloss in den Jahren 1690-1700 Opfer der Fluten geworden war, wurde der Stein in dieses Gebäude, damals Gerichts-, Rat- und Posthaus überführt."
Der Stein ist echt. Suggeriert wird allerdings, dass „dieses Gebäude" schon 1702 stand, und das ist wohl übertrieben. Auch was die anderen Angaben betrifft, hatte sich Sake van der Werff mangels zuverlässiger Quellen einiges selbst ausgedacht, als er seinerzeit den Stein anbringen ließ.
Wappenstein der Familie Stachouwer in der Gaststube des Hotels Van der Werff
Aus dem Provinzarchiv und anderen Archiven geht hervor, dass das „Hohe Gericht der Freien Herrlichkeit Schiermonnikoog" nicht seit eh und je sein Domizil im Schloss Binnendijken, sondern bis 1720 im „Oude Munckehuys" hatte. Dieses stand in der Nähe von Westerburen, einem Teil der Insel, der den Fluten zum Opfer gefallen ist. Nachdem sich die See diesem Gebäude bis auf einige Meter genähert hatte, schien es nicht mehr zu verantworten zu sein, hier Gericht zu halten.
1726 wurde im Zentrum des neuen Dorfs ein Gerichts- und Rathaus gebaut (Ecke Reestreek/Middenstreek). In unmittelbarer Nähe entstanden ein Fischauktionsplatz („Oofslach"), ein Torfmessplatz („Torfmietersplak") und ein Umschlagplatz für Strandgut. Die Örtlichkeit für das Gerichts- und Rathaus hatte man, wie einer amtlichen Notiz aus dem 18. Jahrhundert zu entnehmen ist, so gewählt, dass „die am weitesten abgelegenen Häuser alle gleich weit entfernt sind - dieses, um die zentrale Funktion des Gebäudes zu unterstreichen."
Catharina Maria Stachouwer finanzierte den Bau des Gerichts- und Rathauses, musste aber mit ansehen, dass das „Hohe Gericht" aus nicht nachvollziehbaren Gründen noch für eine Dekade seinen Sitz in einer Schule in Dompen im Westen der Insel behielt: dort, wo die See der Insel regelmäßig große Landstücke entriss.
In ihrem Testament, eröffnet im Haus Binnendijken am 23. Juli 1757, verfügte Catharina Maria Stachouwer schließlich: „Wenn das Haus, in dem im Namen der Hohen Obrigkeit gegenwärtig Recht gesprochen wird, durch die kontinuierliche Abnahme der Insel nicht länger nutzbar und sicher ist, sondern wie viele andere Häuser an der Westseite abgebrochen werden muss, so will ich, dass in meinem kürzlich im östlichen Dorf gebauten Haus Gericht gehalten wird."
Es dauerte noch bis 1759, bis das Gerichts- und Rathaus gemäß dem letzten Willen von Catharina van Stachouwer seiner Bestimmung übergeben wurde. Wohl aber diente ein Teil des Hauses, so wurde überliefert, als Herberge: 1726 gilt dann auch als das Jahr, in dem die Geschichte des heutigen Hotels Van der Werff begann. Als erster Wirt fungierte Gerardus Dubblinga. Im Gerichts- und Rathaus, im Volksmund „Die Herberge" genannt, betrieb er einen Schankraum, zu dem zwei Dreibettzimmer gehörten. Meldeten sich mehr als sechs Personen an, wurde die Gaststube als Schlafsaal eingerichtet, indem man Stroh auf den Fußboden streute.
Wie gut oder schlecht die Sache lief, ist nicht genau bekannt.
In unmittelbarer Nähe der Herberge wurden Geschäfte abgewickelt. Hier erfolgten zum Beispiel der Verkauf von Strandgut, das Messen und das Ausweisen von Torf und der Fischumschlag. Die Geldgeschäfte und der gemütliche Teil fanden in der Herberge bei Gerardus Dubblinga statt. Einer Abrechnung der Getränkesteuer zufolge hatte Dubblinga einen Jahresumsatz von rund 1000 Litern Branntwein.
Aus der frühesten Geschichte der Herberge gibt es Unterlagen, die von einem heftigen Streit zwischen dem Wirt, einem Gast und Herrn van Stachouwer zeugen. Der Gast, Landesbaumeister H. Semler, besuchte die Insel Schiermonnikoog vom 24. bis einschließlich 29. September 1766 für die Ausschreibung einer Küstenbake. Semler verband das Nützliche mit dem Angenehmen.
Er ging auf die Jagd, allerdings ohne Zustimmung von Herrn van Stachouwer. Semler wurde ermahnt, seine Jagdausflüge einzustellen, aber er weigerte sich standhaft. Daraufhin gab der Executeur von Herrn van Stachouwer die Anweisung, das Gepäck von Semler zu untersuchen. Es stellte sich heraus, dass dieser gegen die Regeln der Herrlichkeit eine Flasche Wein und einen Viertelliter Bier auf seinem Zimmer hatte. Hierfür wurden ihm Steuern auferlegt, die er unmittelbar bezahlen sollte. Auch das verweigerte Semler. In scharfem Ton erkundigte sich Semler beim Executeur, ob er wisse, dass er ein Vertreter des Staates Friesland sei.
Im Namen von Herrn van Stachouwer antwortete dieser: „Das ist mir ...egal." Daraufhin kam es zu einer tätlichen Auseinandersetzung.
Der Vertreter des Staates Friesland war zu diesem Moment nicht mehr nüchtern, wie den Zeugenaussagen zu entnehmen ist. Semler zerschmetterte in der Herberge Tabakspfeifen und Weingläser und riss die Gardinen herunter. Aus den ausführlichen Akten des Prozesses, den Herrn Johann Wilhelm van Stachouwer vor dem Gerichtshof Friesland angestrengt hatte, geht hervor, dass Semler in nahezu allen Punkten schuldig gesprochen wurde. Er wurde verurteilt, die Prozesskosten zu übernehmen und dem Wirt Gerardus Dubblinga Schadensersatz außerdem zu zahlen.
Der erste Gerichtstag im Gerichts- und Rathaus auf der Insel, es war der 16. Mai 1759, verlief weniger spektakulär. Auf der Tagesordnung stand nur eine unbedeutende Sache. Es ging um einen Streit zwischen dem Händler Poppe Jeltes und den Hausfrauen Anneke Martens und Reintje Thijssen wegen einer Partie trockener Schollen. Zu dieser Lappalie erging ein gewichtiges Urteil:
„Het Edele Geregte van de Vrije Heerlijkheit Schiermonnikoogh, partijen gehoort en de gedaagdens met Solemneelen Ede betuigt hebbende, Dat geene Schollen in questie aan de Impetrant Poppe Jeltens hadden verkocgt, veel min aan de selve belooft te leveren of voor hem Impetrant te houden, ontsegt de Impetrant sijn Eisch en ontslaat de gearresteerde Schollen, alles kost en Schadeloos, Actum in de Regtkamer van de Heerlijkeit Schiermonnikoogh."
(Das edle Gericht der Freien Herrlichkeit Schiermonnikoog hat, nachdem es die Parteien angehört hat und die Beklagten eidesstattlich erklärt haben, dass sie weder die in Rede stehenden Schollen an den Kläger Poppe Jeltes verkauft haben, noch demselben versprochen haben, Schollen zu liefern oder für ihn zur Verfügung zu halten, die Klage zurückgewiesen und die beschlagnahmten Schollen freigegeben. Gebührenfrei und ohne Schadensersatz, Aktenvermerk im Gericht der Freien Herrlichkeit Schiermonnikoog.)
In vielen anderen Strafsachen, mit denen sich das „edle Gericht" befasste, ging es um Hypotheken, Darlehen, Schuldbekenntnisse oder die Übertretung von allerlei Regeln. Daneben kamen kriminelle Vergehen wie Diebstahl, Beleidigungen und Wilderei auf die Tagesordnung.
Ein Raum diente auch als Arrestzelle.
Bis 1796 wurde im Gerichts- und Rathaus durch Herrn oder Frau van Stachouwer mit Beistand von zwei sogenannten „Bürgermeistern" und zwei „Bevollmächtigten" der Einwohnerschaft Recht gesprochen.
Jan Jans Koetsier, alias „der Abzocker", alias „der Engländer", war der zweite Betreiber des Hotels und des Gaststättenteils des Gerichts- und Rathauses (1764 bis 1790). Unter seiner Führung blieb die Herberge ein Ort, an dem Geschäfte wie Verkäufe oder Verpachtungen abgewickelt wurden. Über eine Anzeige im „Leeuwardener Courant" vom 2. Februar 1789 wurden zu Beispiel Ländereien zur Verpachtung für die Kaninchenjagd angeboten. Genauere Konditionen sollten im Gerichtshaus festgelegt werden.
Zur Zeit von Petrus van Assen – er war der dritte Wirt – beeinflusste die Französische Revolution das Leben auf Schiermonnikoog. Im Jahre 1796 wurde das Tanzen unter dem Freiheitsbaum eingeführt, den man direkt gegenüber dem Gerichts- und Rathaus aufrichtete. Auf jenem freien Platz wurde später der Bauernhof von Schaafsma gebaut wurde (heute Hotel Graaf Bernstorff). Das „Comité Revolutionair" und Familie Stachouwer kamen nach langem Hin und Her überein, dass das Gerichts- und Rathaus in seiner Funktion erhalten bleiben sollte, aber am Ende der französischen Zeit (1813) wurden alle sogenannten „niederen Gerichte", zu denen auch das Dorfgericht in Schiermonnikoog gehörte, aufgehoben.
Juristisch wurde die Insel nun dem Kanton Holwerd zugeordnet, und das Haus verlor somit seine Bestimmung als Gerichts- und Ratshaus. Der Wirt Petrus van Assen nutzte die freigewordenen Räumlichkeiten, um drei neue Bettstätten zu bauen. Das gemeinsame Nächtigen von unverheirateten Männern und Frauen in einem Raum wurde verboten.
Als vierter Wirt fungierte Johann Cremer, der gebürtig aus Lommel in Belgisch-Limburg kam. Soweit man nachvollziehen kann, war er 1797 als Quartiermeister von Napoleon mit einer „Compagniemilitie" nordwärts gezogen. 1809 wurde Cremer Pächter der Herberge auf Schiermonnikoog - bis 1852.
Von Tourismus war damals noch nicht die Rede. Es waren in der Hauptsache Hausierer und Ankäufer von Strandgut, die bei Cremer eine Schlafstätte suchten, und ab und zu ein paar Beamte, die auf der Insel etwas zu regeln hatten. Oder Schiffbrüchige. Übertraf die Anzahl der Gäste die Anzahl der Schlafplätze, diente das Armenhaus am Langhuispad als Ausweichquartier.
Ein gewisser Herr Ackersdijk unternahm 1833 in Begleitung einiger Freunde eine Reise zu den Watteninseln und veröffentlichte im selben Jahr in „De Vriend des Vaderlands" einen Bericht über seine Bekanntschaft mit Schiermonnikoog sowie über die Unterkunft bei Cremer: „Wir nahmen unseren Einzug in der einzigen Herberge des einzigen Dorfes auf der Insel und machten sogleich einen Spaziergang. Begleitet wurden wir vom Wirt und einem Finanzbeamten namens Haenen, der freundlich und gut unterrichtet war. Das Dorf machte einen angenehmen, netten Eindruck. Die Häuser sind aus Backstein gebaut, und gegenüber von jedem Haus befindet sich ein großer Garten, in dem Gemüse angebaut wird. Von innen und außen sind alle Häuser hervorragend sauber. Unglücklicherweise war unsere Herberge eine Ausnahme."
Als Ingenieur Bolten von der nationalen Straßen- und Wasserbaubehörde (Rijkswaterstaat) Schiermonnikoog 1842 einen Besuch abstattete, hatten sich die hygienischen Zustände des Hotels offensichtlich verbessert. „Es ist erkennbar, dass hier fleißige Hände am Werk sind. Selten habe ich auf meinen Reisen so eine nette und saubere Unterkunft angetroffen", so Bolten.
Ingenieur Kros, ebenfalls von der „Rijkswaterstaat", ließ sich 1846 in ähnlicher Weise über das Nachtquartier aus.
Der gute Geist, der hierfür verantwortlich war, war Witwe Renske de Boer, anfänglich Haushälterin und später zweite Ehefrau von Johann Cremer. Sie war 1833 von Anjum nach Schiermonnikoog gezogen - mit ihrem vierjährigen Sohn Folkert am Rockzipfel. 1834 traten die Witwe und Johann Cremer in den Stand der Ehe; wieder ein Jahr später war Cremer in der Lage, den Gasthof von Johann Stachouwer zu kaufen. Es ist nicht bekannt, ob Johann Cremer selbst vermögend war. Man nimmt jedoch an, dass erst die Mitgift von Renske de Boer diese Transaktion ermöglichte.
Mit Ausschank und Zimmervermietung erzielte Johann Cremer kein ausreichendes Auskommen. Er fand Nebeneinkünfte durch die „Fuhrmännerei" (Beförderung von Personen und Gütern von und zur Reede sowie den Transport angespülter Strandgüter). Daneben hatte er Einkünfte aus Ackerbau und Viehzucht.
Im Jahre 1830 oder kurz darauf bekam die Gaststätte, vormals Gerichts- und Rathaus, unter Johann Cremer eine neue Bestimmung als Ort für das Abgeben und Einschreiben von Briefen - eine einfache Art Postkontor. Es war keine Nebenbeschäftigung, die viel Arbeit mit sich brachte: Im Jahr 1842 wurden auf Schiermonnikoog insgesamt nur 112 Briefe registriert. Mit dem In-Kraft-Treten des Postgesetzes von 1852 bekam die Gaststätte den Status eines Posthauses und Cremer den eines „Postwärters".
Im selben Jahr starb der Gaststättenbesitzer, Bauer, Fuhrmann und Postangestellte Johann Cremer. Sein 24 Jahre alter Stiefsohn Folkert de Boer war aber damals schon mit allem so vertraut, dass er sowohl die Landwirtschaft als auch die Fuhr- und Postgeschäfte ohne Probleme fortsetzen konnte. Damit wurde Folkert de Boer fünfter in der Reihe der Wirte.
Unter Folkert de Boer bekamen Gaststätte und Posthaus im Jahr 1866 schon wieder eine neue Bestimmung: als „Wachtlokal des ersten Dampfbootdienstes Groningen - Schiermonnikoog visa versa" (Groningen - Schiermonnikoog und zurück). Der Fährdienst wurde auf Initiative von Mr. John Eric Banck eingerichtet, der seit 1859 neuer Besitzer der Insel war. Banck war der erste, der Schiermonnikoog eine Zukunft als Badeort prophezeite.
Ein geregelter Schiffsverkehr war für das In-Gang-Kommen von Tourismus Grundvoraussetzung. Und dazu gehörte ein Wachtlokal, wofür die Gaststätte De Boer am besten geeignet war.
Mr. Banck riet Folkert de Boer, sich auf eine größere Nachfrage von Besuchern einzustellen und seine Unterbringungsmöglichkeiten auszuweiten. Banck ermutigte auch Bauer Schaafsma auf der gegenüberliegenden Straßenseite, seinen Hof, auf dem bereits ,gezapft' wurde, in eine zweite Gaststätte umzuwandeln. Schaafsma gab ihr den Namen „Hotel Wapen van Schiermonnikoog".
Was genau damals an Umbauten im ehemaligen Gerichts- und Rathaus und derzeitigen Posthaus, Gasthaus und Wachtlokal vorgenommen wurde, ist nicht bekannt. In einem Brief von Bürgermeister van den Worm an Herrn Banck mit Datum vom 22. Januar 1865 ist von einer „Anpassung an die Moderne" die Rede.
Was man sich darunter vorstellen muss, geht aus einem Bericht des Reisenden Henry Harvard hervor, der 1875 im ersten Haus am Platz zu Gast war: „Wir mussten in der kleinen Kabine, die uns als Schlafplatz diente, eine anstrengende Gymnastik hinter uns bringen, um in unsere Betten zu kommen. Diese sind eingerichtet wie üblicherweise auf dem Land, das heißt bestehend aus einer Kiste, die man Bettstätte nennt und welche so hoch gestellt ist, dass man sie kaum erklimmen kann. Gleichwohl das Hineinsteigen schon beschwerlich ist, ist es fast noch weniger einfach, wieder herauszukommen. Die Matratze, die aus fünf Bündeln Stroh und einem Federbett besteht, sackt unter dem Gewicht des Schlafenden ein. Man geht auf einen Berg, um zu ruhen, und wird wach in der Tiefe eines Abgrunds, wo jegliche Bewegung mühselig ist."
Als besonderes Detail über die sanitären Anlagen berichtet Henry Harvard: „Um unnötige Bewegungen zu vermeiden, befindet sich am Kopfende der Bettstätte ein Brett. Darauf steht eine kleine Vase aus Zinn, deren Bestimmung man nur erraten kann. Zu dieser hat man jedes Mal, wenn die Natur ihr Recht geltend macht, Zuflucht zu suchen. Doch es ist noch lange keine einfache Angelegenheit, sich dieser Vase zu bedienen. Sie erfordert ein sicheres Auge und eine nicht minder ruhige Hand; vor allem, wenn man nicht allein ist oder wenn man, was bei uns gelegentlich der Fall war, eine außergewöhnliche Menge Rheinwein genossen hat."
Im Jahre 1882 erfuhr die Gaststätte De Boer eine weitere Verbesserung: Es wurde eine Etage aufgestockt, und sechs schöne Gästezimmer kamen dazu.
In den Sommermonaten zog das Etablissement zuweilen Familien an. So buchte zum Beispiel Familie Feitsma aus Leeuwarden in den Jahren 1889 bis 1901 jeweils für ein bis zwei Wochen im August. Während der Badesaison bescherten Tagesgäste dem Gastwirt Einnahmen, wenn auch in bescheidenem Rahmen. Urlaub zu machen, war damals ungewöhnlich, das Baden im Meer noch ungewöhnlicher.
Im Juli 1885 nutzten einige Dokkumer die Möglichkeit, für zwei Gulden eine Tagesreise nach Schiermonnikoog zu unternehmen.
Eine Teilnehmerin der Dokkumer Gesellschaft schrieb im „Oostergo" vom 15. Juli 1885 über ihre Reise: „Das Sehenswerte hat man bald angeschaut. Erst haben wir uns bei den Gastwirten De Boer und Schaafsma etwas erfrischt, dann ging es zum Leuchtturm .... Nachdem wir das Badehaus besucht hatten, wo unser früherer Mitbürger Jelle Lemstra für die Verköstigung Sorge trägt, die übrigens wie bei De Boer und Schaafsma exzellent war, mussten wir die Rückreise antreten."
