Hotel van Gogh - J. R. Bechtle - E-Book

Hotel van Gogh E-Book

J. R. Bechtle

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Beschreibung

"Es geht um keinen Beweis. Es geht darum, endlich der inneren Stimme zu folgen. Es geht um mein Leben." Es ist ein heißer Julitag im Jahr 1890. Theo van Gogh eilt alarmiert von Dr. Gachet nach Auvers, ein Städtchen vor Paris. Vincent van Gogh hat einen Selbstmordversuch unternommen, liegt dort in erbärmlichem Zustand in der Dachkammer des Gasthauses Ravoux. In der Nacht stirbt Vincent und lässt Theo verzweifelt zurück, denn seine Versuche, seinen Bruder im Pariser Kunsthandel durchzusetzen, sind gescheitert. Über ein Jahrhundert vergeht. Im Sterbezimmer van Goghs in Auvers wird ein ehemaliger deutscher Unternehmer tot aufgefunden. Arthur Heller hatte vor einem Jahrzehnt seine Karriere beendet, um in Paris Schriftsteller zu werden. Ohne Erfolg, wie es aussieht, denn Bücher von ihm sind nie erschienen. Ein erfolgloser Schriftsteller, der sich am selben Ort wie der zu Lebzeiten ja ebenfalls völlig erfolglos gebliebene Künstler van Gogh das Leben nimmt? Die Polizei geht vom Selbstmord eines Nachahmers aus. Als seine Nichte Sabine Bucher nach Auvers kommt, findet sie schnell heraus, dass im Hotel van Gogh etwas nicht stimmen kann. In J. R. Bechtles erstem Roman verschränken sich zwei Spannungsbögen, die hundert Jahre auseinanderliegen: die tragische Künstlerexistenz Vincent van Goghs und der Versuch seines Bruders und dessen Frau Johanna, Vincents Nachruhm zu festigen, werden mit der Geschichte des Aussteigers Arthur Heller verbunden, der über das schwierige Thema deutsch-jüdischer Vergangenheit schreibt, während er in seinem wirklichen Leben mit dem Islam aneinander- gerät. Nach Hellers vermeintlichem Selbstmord wird seine Nichte Sabine Bucher immer mehr in das Schicksal ihres Onkels verstrickt, bis sie die Wahrheit herausfindet - über den Tod ihres Onkels, aber auch über sich selbst. J. R. Bechtles erster Roman "Hotel van Gogh", ein spannendes Historiengemälde und ein packender Kriminalfall, stellt die immerwährende Frage nach dem richtigen Leben.

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»ES GEHT UM KEINEN BEWEIS. ES GEHT DARUM, ENDLICH DER INNEREN STIMME ZU FOLGEN. ES GEHT UM MEIN LEBEN.«

Es ist ein heißer Julitag im Jahr 1890. Theo van Gogh eilt alarmiert nach Auvers, ein Städtchen vor Paris. Vincent van Gogh hat einen Selbstmordversuch unternommen, liegt dort in erbärmlichem Zustand in der Dachkammer des Gasthauses Ravoux. In der Nacht stirbt Vincent und lässt Theo verzweifelt zurück, denn die Versuche, seinen Bruder im Pariser Kunsthandel zu Lebzeiten durchzusetzen, sind gescheitert. Über ein Jahrhundert vergeht. Im Sterbezimmer van Goghs wird ein deutscher ehemaliger Unternehmer tot aufgefunden. Arthur Heller hat vor einem Jahrzehnt seine Karriere beendet, um in Paris Schriftsteller zu werden, doch Bücher sind von ihm nie erschienen. Ein erfolgloser Autor, der sich gezielt am selben Ort wie van Gogh das Leben nahm? Als seine Nichte Sabine Bucher nach Auvers kommt, merkt sie schnell, dass etwas nicht stimmen kann. Immer weiter wird sie in Hellers Schicksal verstrickt, bis sie die Wahrheit herausfindet – über den Tod ihres Onkels, aber auch über sich selbst.

J. R. Bechtles erster Roman ist das Zeitzeugnis einer tragischen Künstlerexistenz und zugleich ein packender Kriminalfall. Das Leben Vincent van Goghs und der Versuch seines Bruders und dessen Frau Johanna, Vincents Nachruhm zu festigen, werden mit der Geschichte des Aussteigers Arthur Heller verbunden, der über das schwierige Thema deutsch-jüdischer Vergangenheit schreibt, während er in seinem wirklichen Leben mit dem Islam aneinandergerät: Eine Geschichte greift in die nächste, und jede stellt die immerwährende Frage nach dem richtigen Leben.

J.R. BECHTLE

HOTELVAN GOGH

ROMAN

Inhalt

Tod in Auvers

Der Aussteiger: Aus den Tagebüchern Arthur Hellers

Die Macherinnen

Für Nancy

I.

Tod in Auvers

Und hätte ich Deine Freundschaft nicht,

man würde mich ohne Gewissensbisse

zum Selbstmord treiben

und so feige ich auch bin.

Am Ende würde ich es gar tun.

Brief von Vincent van Gogh an Theo van Gogh

vom 30. April 1889 aus Arles

1.

Hirschig hat Tränen in den Augen, als er früh am Montagmorgen die Galerie am Boulevard Montmartre betritt. Der junge holländische Maler bringt kein Wort heraus. Theo van Gogh hatte ihn in das Nachbarzimmer seines Bruders in der Herberge in Auvers-sur-Oise eingemietet, damit jemand dort ein wachsames Auge auf Vincent hat. Als hätte sich das Unheil nicht schon seit langem angekündigt.

Hastig reißt Theo den Brief von Dr. Gachet auf, den ihm Hirschig mitgebracht hat. In seiner Ungeduld schneidet er sich am Umschlag in den Daumen. Beim Lesen zieht sich eine Blutspur über das Papier. Die Worte verschwimmen ihm vor den Augen. Aber sein Bruder lebt! Und nur darauf kommt es an.

Warum, warum gerade jetzt, inmitten dieses prächtigen Sommers, wo sich das Tal der Oise und die Landschaft um Auvers von ihrer anmutigsten Seite zeigen?

Als ob Hirschig darauf eine Antwort hätte. Als ob Theo die Antwort nicht besser als jeder andere wüsste. Theos eigene Existenz ist in allem auf Vincent zugeschnitten. Ohne Vincent würde auch sein Leben jeden Sinn verlieren.

»Ist mein Bruder bei Bewusstsein?«

Hirschig blickt ihn mit müden Augen an.

»Herr Vincent starrt vor sich hin, er spricht mit niemandem, nicht einmal mit Dr. Gachet. Ich habe die Nacht über bei ihm gesessen.«

Anscheinend steckt die Kugel unterhalb des Herzens, schreibt Gachet. Er muss einen seiner Anfälle erlitten haben, wie sonst ließe sich das erklären? Seine Anfälle erschüttern Vincent wie kleine Beben, denen er dann hilflos ausgeliefert ist.

Zu dieser Zeit befindet sich Theo noch allein in der Niederlassung der Kunsthandlung Goupil. Vor genau einer Woche hatte er endlich die klärende Aussprache mit seinen beiden Vorgesetzten, den Herren Boussod und Valadon. Im Ergebnis besser als er je gehofft hatte. Er würde zum Partner und Mitinhaber aufsteigen und dann wäre es ihm gestattet, in größerem Umfang auch seine eigenen Künstler in der Galerie auszustellen, die Impressionisten, Pissaro, Monet oder Bernard. Und vor allem Vincent. Ums Geld brauchte er sich keine Sorgen mehr zu machen, endlich wäre er in der Lage, die Bedürfnisse seiner Familie mit dem kränkelnden Sohn und die nicht endenden Ansprüche seines Bruders zu befriedigen. Ein solches Gefühl von Leichtigkeit hatte er seit Ewigkeiten nicht verspürt. Und schon ist der Traum vorbei, aus, geplatzt wie eine Seifenblase.

Wenn er sich sofort auf den Weg machen würde, könnte er den Zug um 10 Uhr 25 nach Auvers-sur-Oise noch erreichen. Besser wäre es sicherlich, seine Vorgesetzten über den Grund seiner plötzlichen Abwesenheit persönlich in Kenntnis zu setzen, aber hier geht es um Leben und Tod. Wie lange wird Vincent durchhalten?

Sein großer Bruder! Theo hat es im Pariser Kunsthandel zu einer anerkannten Stellung gebracht, dennoch blickt er zu Vincent trotz all seiner Katastrophen als dem großen Bruder auf. Widerspruchslos erfüllt Theo ihm jeden seiner Wünsche nach Farben und Leinwänden und was er sonst zum Leben braucht. Seit Jahren schleppt er ihn finanziell mit, ein Fass ohne Boden. Als Dank ermahnt ihn Vincent in seinen Briefen, direkt oder versteckt, wie er sein Leben zu gestalten habe, was er für seine Gesundheit tun oder wie er sein Kind richtig aufziehen solle. Aus der Irrenanstalt von St. Rémy übermittelte ihm Vincent Ratschläge zu seinem Tagesablauf in Paris, und Theo, was niemand versteht, nimmt sich jeden seiner Hinweise zu Herzen! Man sollte sich über ihn wundern statt über Vincent.

Gelegentlich hat er seinen Bruder schon als eine gewaltige Belastung empfunden. Aber für Theo stand immer außer Zweifel, dass Vincents Stern eines Tages groß aufgehen würde. Kein Maler der Gegenwart hat sich weiter vorgewagt, in den Farben, den Gefühlen oder der Unmittelbarkeit des Ausdrucks. Der Forscher, der ins Unbekannte vordringt, ist sich der ständig um ihn herum lauernden Gefahr bewusst. Wie oft hat Vincent dieser Gefahr unmittelbar ins Auge geblickt, nur um sich in einem letzten Kraftakt noch einmal zurück zu der schillernd gelbroten Sonne oder in die leuchtend violett funkelnde Nacht zu retten.

Schwitzend sitzt Theo im Zug. Er kann sich an keinen heißeren Sommer erinnern. Ob die Hitze seinen Bruder zum Äußersten getrieben hat? In der Hitze drehen die Leute durch, das ist bekannt.

»Ist Ihnen in den letzten Tagen nichts Ungewöhnliches an ihm aufgefallen?«

Hirschig, der im Zug neben ihm sitzt, schüttelt stumm den Kopf. Mit seiner Staffelei habe Vincent vor dem Abendessen die Herberge verlassen, um den Abendhimmel über den Weizenfeldern zu malen. Niemand wisse genau, wie er an die Pistole des Wirts gekommen sei, jedenfalls habe er mit dieser auf sich geschossen. Nach seiner Rückkehr sei er schweigend durch die Gaststube gegangen, zwar unsicher in seinen Bewegungen, aber niemand habe etwas geahnt. Bis der Wirt auf Drängen seiner Frau später nachsah und Vincent in seinem Bett in einer Blutlache fand.

Theo blickt Hirschig schweigend von der Seite an. Unerklärlich, dass niemand, insbesondere auch nicht Dr. Gachet, die sprunghaften Änderungen in Vincents Verhalten aufgefallen sind. Aber möglicherweise wirkte er nach außen auch völlig normal, dagegen fühlte er sich in seinem inneren Durcheinander von aller Welt abgeschnitten und plötzlich sah er keinen anderen Ausweg.

Rückblickend war es ein Fehler, dass er und Johanna Vincent am Sonntag vor drei Wochen nach Paris eingeladen hatten. Der Lärm und das verwirrende Durcheinander der Städte hatten Vincent seit jeher verstört und aufs Tiefste verunsichert. Insbesondere das unbändige Paris, obwohl es gleichzeitig eine außergewöhnliche Anziehungskraft auf ihn ausübte. Eindringlich hatte Vincent ihn damals angefleht, ihn aus der Anstalt von St. Rémy heraus nach Paris zu holen, um diesen Irren und vor allem diesem prachtvollen und doch so unheimlichen Süden zu entfliehen. In Paris wollte er die von einer nächtlichen Gasbeleuchtung erhellte Buchhandlung in der Nähe von Theos Wohnung malen. Eine Oase der Ruhe in der unstet treibenden Großstadt. Die beruhigende Macht des Gelbs. Aber bevor er mit seinem milden Gelb die rastlose Stadt besänftigen konnte, hatte ihn das aufregende Paris bereits wieder vertrieben.

Vincent war an jenem Sonntag vor drei Wochen allerdings nur wenige Stunden bei ihnen zu Besuch. Zum Mittagessen hatte er noch mit Toulouse-Lautrec über einen Leichenbestatter gescherzt, dem sie im Treppenhaus begegnet waren. Vincent war bester Laune gewesen. Die fatale Wirkung des Besuchs musste sich erst später eingestellt haben, als er allein in den Weizenfeldern von Auvers über Theos unbeständige Gesundheit und seine berufliche Unsicherheit nachdachte, sollte er die Anstellung bei der Kunsthandlung verlieren; eine Schlinge, die sich immer enger zuzog. Irgendwann wurde sich Vincent bewusst, wie sehr dadurch auch seine eigene Existenz bedroht war, die regelmäßigen Zuschüsse des Bruders, die er jahrelang so selbstverständlich hingenommen hatte.

Vincent spürte mit einem Mal, wie anfällig seine und damit ihre gemeinsame Basis war, der Sturm, der sich um ihn und Theos Familie zusammenbraute. Genauso hatte er es in einem Brief nach dem Besuch beschrieben: seine Angst vor dem Leben und die Unsicherheit, wie es weitergehen sollte. Düstere Wolken und dunkle Raben, die unheilvoll ihre Kreise über den brachliegenden Weizenfeldern ziehen. Je länger Vincent in dieser brütenden Julihitze grübelte, umso mehr muss ihn das Gefühl der völligen Ohnmacht überkommen haben. Nichts, das er selbst zur Lösung der Krise hätte beitragen können, außer stapelweise neue unverkäufliche Bilder zu malen, deren Lagerung auch nicht gerade billig war.

Ich hätte Vincent nie mit meinen Geldproblemen belasten dürfen, denkt Theo, bei seiner zerbrechlichen Veranlagung! Alles ist meine Schuld!

Er blickt zu Hirschig, der neben ihm übernächtigt dahindöst. Niemand sieht seine Tränen.

Vincent hatte nie eine wirkliche Chance, vom Pariser Kunstmarkt anerkannt zu werden. Erst vor zehn Jahren hatte er sich der Malerei zugewandt, nachdem er zuvor als Kunsthändler und dann als Missionar kläglich gescheitert war. In einem Alter, in dem sich andere längst einen Namen gemacht hatten. Der Markt vergibt nicht. Späteinsteiger bleiben als Dilettanten abgestempelt, umso mehr als Vincent kompromisslos sich allen Konventionen der akademischen Malerei verweigert hatte.

Niemand weiß dies besser als Theo. Trotzdem bietet er unverdrossen mit einer fast messianischen Überzeugung Sammlern die Gemälde seines Bruders an. Mittlerweile zeigen sich auch erste Erfolge. Vor wenigen Wochen war es Theo gelungen, eins von Vincents Bildern an die mit ihnen befreundete belgische Malerin Anna Boch zu verkaufen. Endlich konnte er Vincent einen Verkaufserfolg melden, das ersehnte Zeichen beginnender Anerkennung! Jedoch anstatt sich darüber zu freuen, warf ihm Vincent vor, dass er zu viel für das Bild verlangt habe.

Außerdem veröffentlichte Georges-Albert Aurier, der bedeutendste Pariser Kunstkritiker, kürzlich einen Artikel, der an Begeisterung nichts zu wünschen übrig ließ. Aber Vincent wies diese öffentliche Auszeichnung zurück, das Lob gebühre anderen, Künstlern wie Gauguin. Im tiefsten Inneren fürchtete er sich vor dem Erfolg. Es war nie leicht gewesen, es ihm recht zu machen. Aber den Durchbruch sieht Theo nun zum Greifen nah. Und dann dieser Akt des Wahnsinns!

Nach einer Stunde erreicht der Zug Auvers. Theo rüttelt Hirschig wach. Während der Fahrt durch die sonnendurchfluteten Felder hatte dem Geschehen immer noch etwas Unwirkliches angehaftet. Aber als er die einsame Gestalt von Dr. Gachet auf dem Bahnsteig sieht, weiß er, dass alles so ist, wie es Hirschig geschildert hat. Und dass keine Hoffnung mehr besteht.

Auch Dr. Gachet macht einen übermüdeten Eindruck. Sein Gesicht ist fahl, keine Spur der Lebensfreude, die er sonst ausstrahlt. Alles an ihm wirkt grau. Er ist fast doppelt so alt wie Vincent. Sein Arzt und gleichzeitig sein bester Freund hier in Auvers. Dr. Gachet leide ebenfalls an einer Nervenkrankheit, er sei mindestens so verrückt wie er selbst, hatte Vincent Theo nach seiner ersten Begegnung mit dem Arzt geschrieben. Nach einigen Wochen in seiner Behandlung hatte Gachet Vincent für gesund erklärt. Natürlich musste ein Verrückter einem anderen Verrückten als normal erscheinen. Wie konnte er seinen Bruder nur diesem Arzt anvertrauen!

»Ich bin froh, dass Sie sofort gekommen sind. Es steht nicht gut um Herrn Vincent.«

»Aber er lebt?«

»Er liegt auf seinem Bett und raucht. Die Kugel lässt sich nicht entfernen, der Eingriff wäre zu riskant und ohne jede Aussicht auf Erfolg.«

»Konnte man die Krise nicht voraussehen?«

»Er litt in letzter Zeit unter Gemütsschwankungen, aber ich glaube nicht, dass er im Wahn gehandelt hat.«

»Wie ist mein Bruder überhaupt an die Pistole gekommen?«

»Als er am vergangenen Wochenende zum Mittagessen kam, trug er die Pistole bereits bei sich. Ich hätte natürlich etwas unternehmen sollen. Im Nachhinein ist man immer klüger.«

Nach kurzer Fahrt auf der holprigen Landstraße erreichen sie das in der Dorfmitte von Auvers gelegene Gasthaus Ravoux. Vorbei an den zum Teil bereits abgeernteten Weizenfeldern, die Vincent in den verschiedensten Stimmungen gemalt hat, bis sich in den letzten Arbeiten unvermittelt sein strahlendes Gelb in ein trauriges und unheilvolles Gelb wandelte.

Als habe er damit alles gesagt, denkt Theo, als habe er jede Farbe und jede Stimmung erfasst. Als gebe es nichts mehr hinzuzufügen. Die Felder abgeerntet, der Kreis hat sich geschlossen.

Für jede Handlung gibt es eine Erklärung. Aber als er aus dem grellen Sommerlicht draußen in das Dunkel des Gastraums tritt, schwindet auch die letzte Zuversicht. Die Gespräche verstummen, alle Augen richten sich auf ihn.

Theo trägt seine Pariser Bürokleidung. Sein Anzug ist verschwitzt. Er fühlt sich elend und schwach. Mit seiner eigenen Gesundheit steht es nicht zum Besten, aber wer kümmert sich schon um ihn?

Wenn das Ganze nur schon ausgestanden und es mit ihm endgültig vorbei wäre!

Theo erschrickt, als er sich bei diesem Gedanken ertappt. Schuldbewusst blickt er in die stummen Gesichter und die gesenkten Köpfe, bevor er die ausgetretene Holztreppe nach oben zu der Mansarde steigt, in der sein Bruder liegt.

Theo kennt die Dachkammer von einem früheren Besuch, die Armseligkeit, die ihn dort erwartet, ist erschreckend. Er ist auf alles vorbereitet. Doch als er die Tür aufstößt, prallt ihm der Gestank wie von einem verwesenden Tier entgegen. Es ist unerträglich heiß, das Fenster in der Dachluke geschlossen. Seine Knie wanken, er muss sich am Türrahmen festhalten.

Vincent liegt auf dem Rücken, den Körper gekrümmt, vielleicht um den Druck auf die Schusswunde in seiner linken Seite zu mindern. Er starrt vor sich hin ins Leere. Aber als er Theo erkennt, entspannt sich sein Gesicht. Theo kämpft gegen seine Tränen. Vor ihm sein großer Bruder, eingezwängt in dem für seinen schweren Körper viel zu engen Holzbett. Tatsächlich macht er einen besseren Eindruck, als Theo nach den Schilderungen von Hirschig und Dr. Gachet erwartet hatte.

»Theo, um Himmels willen, wie siehst du aus? Als predigte ich dir nicht schon seit Ewigkeiten, dass dieses verfluchte Paris nichts für dich ist. Du brauchst die Natur! Du und ich, wir sind Landmenschen, wir sind nicht für das Leben in der Großstadt geschaffen.«

Vincent spricht Niederländisch mit ihm, langsam, als prüfe er jedes Wort erst sorgfältig. Unvermittelt schöpft Theo Hoffnung. Es wäre nicht der erste aussichtslose Kampf, den Vincent gewonnen hat. Mit seiner unverwüstlichen Konstitution hat er die Ärzte noch jedes Mal überrascht.

»Die Hitze, Vincent, dieses Jahr setzt sie mir ganz besonders zu. Und du?«

»Solange ich zu rauchen habe, lässt sich alles ertragen. Ich bin froh, dass du hier bist.« Vincent macht eine Pause, blickt ihm in die Augen: »Hinter uns liegt ein langer Weg, Theo. Ohne dich hätte ich längst aufgegeben. Ohne deine Hilfe hätte ich es nie so weit gebracht.«

»Wir sind mehr als nur Brüder, hast du einmal gesagt, und du hattest recht, die Lebensumstände haben uns zu Schicksalsgenossen gemacht.«

»Wir beide hätten eine Person sein sollen, du mit deinem gesunden Kopf und ich mit meinem kräftigen Körper. Stell dir vor, was alles möglich gewesen wäre.«

Vincent deutet auf eine noch feuchte Leinwand. Abgeerntete Weizenfelder unter einem aufgewühlten Himmel, wie die, an denen Theo bei seiner Ankunft vorbeigekommen ist. Ein Unwetter, eine Katastrophe kündigen sich an.

»Siehst du die Raben, wie sie vom Himmel stürzen? Ich habe Angst, Theo! Wo ist das Schwarz hergekommen? Was ist passiert, wo haben wir nicht aufgepasst? Bald wird alles schwarz sein. Meine Farben, was ist mit meinen Farben geschehen?«

Warum musste Vincent sich das antun? Er scheint vollkommen klar zu denken. Und jetzt siecht er in diesem Loch dahin wie ein Aussätziger.

»Erinnerst du dich, Theo, damals in Arles, als ich den nächtlichen Himmel über dem Café Terrace in Ultramarin und Schattierungen von Violett und Grün gemalt habe, ohne ein einziges Mal Schwarz zu verwenden? Nie hat ein Nachthimmel in dieser Farbigkeit geleuchtet. Da wusste ich, dass ich ein Tor aufgestoßen hatte. Aber das Schwarz ist zurückgekehrt, hinterrücks hat es sich eingeschlichen.«

»Soll ich das Fenster öffnen, damit etwas frische Luft hereinkommt?«

»Lass alles, wie es ist, Theo. Meine Welt, ich will nichts mehr und ich brauche nichts mehr. Außer Tabak.«

Als Theo Dr. Gachet in der Tür bemerkt, winkt er ihn herein. Vincent verstummt augenblicklich. Solange sich der Arzt in der Dachstube aufhält, spricht Vincent kein Wort. Das Essen, das ihm Gachet gebracht hat, rührt er nicht an. Gachet bleibt nicht lange bei ihnen.

»Jeder will doch nur dein Bestes, Vincent! Hast du Schmerzen, was kann ich für dich tun?«

»Ach Theo, ich habe einmal mehr versagt. Unfähig, mein Herz zu treffen. Als ob ich auch gar nichts richtig machen könnte! Die Schmerzen halte ich aus, ich habe Schlimmeres im Leben durchgestanden. Erzähl mir von meinem Neffen! In diesem stickigen Paris, im vierten Stock eines Wohnhauses, ohne frische Luft. Du musst dich mehr um seine Gesundheit kümmern!«

Der Geruch in der Kammer ist kaum auszuhalten, Theo wird in Wellen von Brechreizen überrollt. Wie soll er da einen klaren Gedanken fassen? Und dann der erregbare Bruder, der sich gerade eine Kugel in den Körper gejagt hat, und ihm nun vorhält, wie er sein Kind aufzuziehen habe. Er hatte seinen Sohn nach Vincent benannt, aber hat er damit auch die dunkle Seele des Bruders auf ihn geladen?

»Johanna und Vincent Willem sind noch in Leyden bei unserer Schwester Wil. Es geht ihnen gut, alle erkundigen sich nach dir.«

»Warum bist du nicht auch länger in Holland geblieben, Theo? Musstest du unbedingt nach ein paar Tagen schon wieder nach Paris zurück?«

»Du weißt doch, diese offenen Fragen über meine Zukunft in der Galerie. Aber das hat sich zum Glück nun alles geklärt. Ich werde in der Galerie bleiben und in Kürze neben Boussod und Valadon zum Partner aufsteigen. Finanziell brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen, Vincent. Damit ist auch deine Zukunft gesichert.«

Theo spricht ganz bewusst die Zukunft an. Ein kleiner Stein auf dem anderen. Aber Vincent blickt ihn wortlos aus rot unterlaufenen Augen an, als habe er nicht verstanden, wovon Theo spricht. Die Zukunft? Vincent versucht zu schlucken, dabei dringt ein erstickendes Röcheln aus seinem Hals. Theo reicht ihm Wasser, jedoch weist ihn Vincent mit einer schroffen Handbewegung ab.

»Ich brauche nichts!«

Theo schweigt, zurechtgewiesen vom großen Bruder, einmal mehr. Als hätte er nicht überstürzt alles stehen und liegen lassen, um ihm in diesen schweren Stunden beizustehen. Wie es seine Pflicht ist, nicht erst seit heute, sondern schon immer, von Anfang an.

»Diese verfluchte Krankheit, Theo! Jetzt ist es zu spät, meine Reise geht zu Ende.«

»Du hast dich weiter vorgewagt als jeder andere. Du warst deiner Zeit voraus, doch nun holt dich die Zeit ein. Glaube mir, der Erfolg ist zum Greifen nah gerückt, so viel verstehe ich von meinem Geschäft.«

Vincent schweigt, als hänge er anderen Gedanken nach. Theo ist sich nicht sicher, dass sein Bruder ihn überhaupt gehört oder verstanden hat. Wahrscheinlich wäre es nie so weit gekommen, wenn er Vincent nicht über all die Jahre finanziell gefördert hätte. Ihre Partnerschaft war ja ursprünglich seine Idee gewesen: Er würde Vincent monatlich das zum Leben notwendige Geld vorstrecken und ihn mit Leinwänden und Farben versorgen, damit er frei von jeder materiellen Belastung arbeiten könne. Dafür überstellte ihm Vincent jedes seiner Werke, bis eines Tages sämtliche Kosten durch die Verkäufe wieder abgedeckt sein würden. Ohne seine Hilfe hätte Vincent die Malerei längst aufgegeben und sich auf etwas anderes gestürzt, wie immer. Ohne Theo wären Vincent die herben Enttäuschungen durch den Markt, die Absagen der Galeristen und Sammler, erspart geblieben. Er wäre nie dem Wahnsinn verfallen.

»Hast du dich mittlerweile wenigstens um die Bilder gekümmert, die du bei dem alten Tanguy eingelagert hast? In diesem feuchten und verschimmelten Raum? Am liebsten wäre es mir, wenn du die Leinwände aus dem Rahmen nehmen und sie zusammengerollt nach Auvers schicken würdest. Ich lasse sie dann am Bahnhof von einem Gepäckträger abholen. Hier bei mir sind sie auf alle Fälle besser aufgehoben.«

Theo übergeht die Vorwürfe. Er klammert sich an das Positive, dass Vincent Pläne schmiedet, zumindest für seine Bilder. Nur wenn er noch einen Sinn im Leben sieht, für den es sich zu kämpfen lohnt, besteht Aussicht auf Besserung.

»Ich kümmere mich darum, Vincent, verlass dich auf mich.«

»Das sagst du immer, aber was geschieht dann schon! Meine Arbeiten sind nicht die besten, aber schlecht sind sie auch nicht. Überhaupt geht es mir in erster Linie um die Bilder von Gauguin und Guillaumin und Cézanne und all den anderen, mit denen wir über die Jahre getauscht haben. Das verrottet nun beim alten Tanguy! Was verlange ich schon viel von dir!«

»Wo willst du sie denn hier lagern, Vincent? Außerdem müssen deine Bilder in Paris greifbar sein, gelegentlich erkundigen sich Sammler und möchten sie sehen.«

Vincent raucht stumm vor sich hin. Vielleicht stellt er sich diese fremden Menschen in Theos Galerie beim Betrachten seiner Bilder vor.

»Mein neuestes Bild von Daubignys Garten halte ich übrigens für eines meiner besten überhaupt. Die Wiese rosa und grün, ein Nussbaum mit violetten Blättern und einige zurechtgestutzte gelbe Linden. Das Haus in Rosa mit bläulichen Ziegeln. Im Vordergrund schleicht diese schwarze Katze, aber meine Farben erdrücken das Schwarz der Katze. Meine Farben sind stärker als das Schwarz. Was hältst du davon?«

Theo blickt sich um, ohne das beschriebene Bild im Durcheinander der zum Trocknen aufgestellten Leinwände zu entdecken. Überall die gelbbraunen Landschaftsbilder mit den Weizenfeldern, über denen bedrohlich schwarze Raben schweben.

»Du gehst mit den Worten wie mit Farben um, wenn du deine Bilder beschreibst.«

Theo hat den Eindruck, als komme es Vincent auf seine Antworten gar nicht an oder als sei er mit seinen Gedanken bereits weitergezogen. Unvorstellbar, dass er keine Schmerzen hat. Aber darüber klagt er nicht.

»Man muss mehrere meiner Bilder nebeneinander sehen, um sie zu verstehen. Etwa ein hellrosa Bild neben einem in Hellgrün oder Gelbgrün, also in den Komplementärfarben zu Rosa. Irgendwann werden die Leute diese merkwürdigen Beziehungen verstehen. Nicht anders als unterschiedliche Seiten der Natur, die sich gegenseitig erklären.«

Theo wird von einem weiteren Brechreiz befallen. Er geht in die Gaststube hinunter, um etwas zu trinken, außerdem braucht er dringend frische Luft. Vincent starrt abwesend vor sich hin, als bemerke er nicht, dass Theo das Zimmer verlässt.

Dr. Gachet reicht ihm unaufgefordert ein Glas trübbraunen Apfelschnaps, der wie Feuer durch Theos Körper brennt. Seine Augen tränen, aber der Brechreiz legt sich. Alle blicken ihn erwartungsvoll an.

»Mein Bruder unterhält sich mit mir, er spricht vor allem über seine Bilder, über die Farben und Stimmungen, um die es ihm dabei geht. Allerdings weigert er sich, über seinen Zustand zu sprechen. Als wisse er nicht, was vorgefallen ist. Ist wirklich nichts zu machen?«

Dr. Gachet schüttelt den Kopf. Wie soll man ihn retten, mit der Kugel direkt unter dem Herzen?

»Ich muss zurück, man darf ihn jetzt nicht allein lassen.«

Jeder Schritt nach oben fällt ihm schwer. Der unmenschliche Gestank in der Kammer, Theo muss einen neuerlichen Brechreiz unterdrücken. Vincent blickt kurz zu ihm auf und schweigt. Manchmal verzerrt sich sein Gesicht, wahrscheinlich vor Schmerzen. Aber seine Augen haben ungebrochen ihre eindringliche und beschwörende Kraft.

Wenn ich es hier schon nicht aushalte, wie will es Vincent dann in seinem Zustand schaffen, denkt Theo. Aber körperlich war er mir immer überlegen. Diese Stärke bleibt unsere einzige Hoffnung, doch nicht die Ärzte!

»Früher oder später werde ich meine eigene Ausstellung in einem Café bekommen. Ich hoffe, du hast recht, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist.«

Vincent folgt Theos Blick zu einem gegen die Wand gelehnten Selbstporträt. Das einzige Bild, das Vincent aus St. Rémy mit nach Auvers gebracht hat. Gegen den in blauen und lila Tönen gehaltenen Hintergrund hebt sich das in Hellgrün gemalte Gesicht mit dem roten Bart und den roten Haaren ab. Vincents hohe Stirn, die stechenden Augen, die markige Nase und seine zusammengepressten Lippen. Hinter dem gefassten Äußeren brodelt der innere Sturm. Ein Mensch, der mit Elektrizität geladen ist.

»Dieses Porträt hat mir damals sofort gefallen. Mit deinem herausfordernden Blick, aber auch, als ob du der Sache nicht ganz traust.«

»Für mich besteht kein Zweifel, dass meine Bilder trotz aller Verwirrung Bestand haben werden.«

Welche Verwirrungen spricht er jetzt an, überlegt Theo: die sozialen und politischen Verwirrungen der Zeit, mit denen sich Vincent unablässig auseinandersetzt, oder die Verwirrungen der Kunst, den Umsturz der alten verbrauchten Traditionen durch die neuen Maler, oder die Verwirrungen des im Gestern erstarrten Kunstmarkts? Oder die seiner eigenen Existenz? Die in seinem Kopf?

»Du bist zum Glück nicht wie andere Kunsthändler, Theo. Ich setze für meine Arbeit mein Leben ein, aber der Kunsthandel versteift sich blind auf die tote Kunst und behandelt die neuen Künstler wie Irre. Das muss einen doch um den Verstand bringen!«

Er denkt klar, seine Beobachtungen zur Situation der Künstler, die die Malerei zu verändern suchen, schneidend wie immer.

»Wir brauchen eine Vereinigung derjenigen Maler, die alle dasselbe Ziel verfolgen und trotz des Widerstands und der Ablehnung durch den Markt weiterarbeiten, ohne aufzugeben. Warum halten sich die andren Maler, was sie auch davon denken, instinktiv von Besprechungen über den Zustand an den Akademien und den heutigen Handel fern? Gauguin und ich haben es jedenfalls versucht. Ob ein nochmaliger Versuch unter veränderten Vorzeichen Erfolg haben könnte?«

Theo blickt auf. Er hat die Frage des Bruders nicht verstanden, war mit seinen Gedanken woanders.

»Gauguins neuestes Bild aus der Bretagne, das ich bei dir in Paris gesehen habe, gefällt mir gut. Am liebsten würde ich mit ihm dort ein paar Wochen arbeiten, um einige gemeinsame Sachen fertig zu machen, die uns in der Provence wahrscheinlich auch noch gelungen wären.«

»Das würde dir guttun, zusammen mit Gauguin und de Haan in ihrem Haus in der Bretagne.«

Theo klammert sich gegen alle Vernunft an diesen Fetzen Optimismus, den Blick in die Zukunft.

»Auf alle Fälle muss ich mit Gauguin seine Madagaskarpläne besprechen. Ich stimme mit ihm überein, dass die Zukunft der Malerei in den Tropen liegt, in Java oder Martinique, und nicht hier. Aber es erscheint mir kopflos, ohne eine gesicherte Beziehung zum Kunsthandel in Paris einfach drauflos zu fahren.«

Warum hat er sich das Leben nehmen wollen? Vincent steckt mitten in den Auseinandersetzungen der Gegenwartskunst. Aber dann bemerkt Theo die sich dehnenden Pausen, den immer häufiger stockenden Fluss der Worte.

»Gauguin begreift meine Bilder, er weiß, warum die Farben so sind, wie sie sind, und nicht anders sein können. Gauguin und noch ein paar andere Menschen. Du gehörst natürlich auch dazu, Theo. Daher müssen Gauguin und ich unbedingt besprechen, was als Nächstes zu tun ist.«

Wenn sich die Uhr nur zurückdrehen ließe, denkt Theo, wenn man das Zerwürfnis zwischen Vincent und Gauguin in Arles einfach vergessen könnte, die beiden wieder zusammen arbeiteten in ihrem unermüdlichen Willen, die akademische Malerei aufzubrechen. Aber dafür ist es zu spät, das müsste Vincent doch auch wissen. Immerhin hat Theo kürzlich eines der Bretagne-Bilder von Gauguin verkauft, aber das verschweigt er Vincent lieber, um ihn nicht unnötig aufzuregen. Freundschaft und Neid liegen gerade bei Künstlern eng beieinander.

»Zugleich frage ich mich immer wieder, warum ich eigentlich weitermache, wo uns die Sache so viel kostet und nichts einbringt. Ich lebe seit Jahren mit Gewissensbissen, dass ich dein Geld ausgebe. Das Schlimme ist, dass es in meinem Alter verflucht schwer ist, eine neue Beschäftigung zu finden. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter zu malen. Arbeit und Geduld, einen anderen Weg gibt es nicht.«

Theo meint, in Vincents Blick plötzlich ein Lächeln zu erkennen.

»Dieses Handwerk ist wie ein Spinngewebe, in dem man gefangen sitzt. Aber ich kann und muss mit meinen Bildern Geld verdienen! Wenigstens genug, um meine Ausgaben zu decken. Warum ist das so schwer?«

»Glaube mir, wir stehen vor dem Durchbruch!«

»Ich mache dir ja keine Vorwürfe, Theo, allenfalls mir selbst. Aber das Geld, das uns die Malerei kostet, muss zurückkommen. Nur unter dieser Bedingung bin ich bereit, weiterzuarbeiten.«

»Wir haben viele Schwierigkeiten überwunden, Vincent, am Ende wird der Erfolg dir recht geben.«

»Ich fühle nur, wie brüchig meine Existenz ist. Mein Leben ist an der Wurzel angegriffen. Und dabei bleibt so viel noch zu tun.«

Rauchend verfällt Vincent in ein undurchdringliches Schweigen. Theo döst vor sich hin. Als er nach einiger Zeit aufblickt, sieht er, dass Vincent die Augen geschlossen hat. Aber er atmet!

Ein weiterer Schwächeanfall überkommt ihn, und Theo verlässt geräuschlos die Mansarde. Er tastet sich unsicher die Treppe hinunter. Seit Stunden hat er nichts gegessen. Wortlos löffelt er die Suppe und trinkt den Rotwein, den man ihm reicht.

Er hört, wie hinter seinem Rücken Dr. Gachet dem Wirt, Monsieur Ravoux, zuflüstert:

»Mir als Arzt macht Theo genauso viel Sorgen wie sein Bruder. Erschreckend, wie er aussieht!«

2.

Paris schläft. In der Nacht zum 17. Juni 2003 machen sich die Einheiten der Elitepolizei des Innenministeriums und ein Spezialkorps der französischen Terrorabwehr auf den Weg nach Auvers und umliegende Dörfer im Tal der Oise. Die Aktion gegen iranische Terroristen dort wurde seit langem unter absoluter Geheimhaltung vorbereitet. Alle Fäden laufen an oberster Stelle beim Chef des für die Terroristenüberwachung zuständigen Geheimdiensts DST in Paris zusammen.

Deckname »Theo«. Die Eingeweihten finden dies clever. Unverfänglicher als der ursprünglich ins Auge gefasste Deckname »Vincent«. Journalisten, denen jemand unbefugterweise den Namen des vertraulichen Projekts zugesteckt hätte, könnte durchaus der Rückschluss von Vincent auf Auvers-sur-Oise gelingen.

Allerdings, wer in Paris weiß schon, dass Vincent van Gogh in Auvers-sur-Oise gestorben ist, die meisten glauben, er habe sich in der Anstalt in St. Rémy oder in Arles erschossen: Erst schneidet er sich dort das Ohr ab und einige Zeit später jagt er sich die Kugel in den Leib.

Es ist die bisher umfassendste Razzia der Terrorabwehr auf französischem Boden. Dabei steht der eigene Ruf auf dem Spiel. Man hat auch den Amerikanern etwas zu beweisen: Terroristenbekämpfung ja, Irak-Krieg nein.

Im Morgengrauen soll laut Plan im Handstreich die gesamte Infrastruktur der Terroristen ausgelöscht werden. Die Polizei von Auvers hat man im Vorfeld nicht über die Aktion unterrichtet, auch den Bürgermeister nicht. Man weiß in Paris zu wenig über deren Verhältnis zu den Iranern, die schließlich dort seit Jahren mit ihren Familien leben. Das Risiko, dass Informationen durchsickern könnten, ist zu hoch.

Jean-Yves Rampal, Kommandant eines Kontingents der Elitepolizei, ist für die Erstürmung des zentralen Büro- und Siedlungskomplexes der Terroristen zuständig. In den vergangenen Tagen hat er unauffällig die örtlichen Gegebenheiten auskundschaften lassen. Das Gelände liegt am Dorfrand von Auvers. Ein hoher Betonzaun schirmt eine Anlage von Containergebäuden, in der sich die Kommandozentrale der Iraner und einige Wohnungen befinden, gegen die Außenwelt ab. Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort leben, obwohl es in Frankreich eine Meldepflicht gibt! Zumindest die Lage der Container auf dem Grundstück ist durch zentimetergenaue Luftaufnahmen bekannt. Der einzige Zugang führt über die Rue des Gords, für die Polizei also kein besonderes logistisches Problem.

Rampal unterstehen drei Hundertschaften Polizei und Sicherheitsbeamte. Im Schutze der Dunkelheit haben die Mannschaften am Eingang der Rue des Gords Position bezogen. Weitere Einheiten sind während der Nacht in der Nähe anderer bekannter Stützpunkte der Terroristen im Oise-Tal aufgefahren.

Im ersten Morgendämmern zieht sich ein zartes Rosa über den wolkenlosen Himmel. Rampal bespricht letzte Einzelheiten mit seinen Offizieren. Die Truppen stehen schwer bewaffnet bereit. Spätestens seit dem 11. September weiß jeder, dass ein solcher Einsatz gegen Terroristen lebensgefährlich ist.

Kurz vor dem verabredeten Zeitpunkt meint Rampal einen Schuss zu hören, aus entgegengesetzter Richtung von der Zentrale der Iraner. Ob eine der anderen Einheiten zu früh losgeschlagen hat und auf Widerstand gestoßen ist? Eigentlich undenkbar. Er muss sich geirrt haben, denn sofort herrscht wieder geisterhafte Stille.

Rampal schaut auf seine Uhr, um Punkt fünf gibt er den Befehl zum Sturm auf die Containeranlage. Gleichzeitig greifen andere Truppen ihre Ziele in der Umgebung an. Angriffshubschrauber der Terrorabwehr schweben dröhnend über dem Dorf.

Rampals Einsatztruppen brechen das hohe Eingangstor zum Hauptquartier der Volksmudschahedin auf. Wie Ameisen überziehen die Polizisten in ihren schwarzen Sturmuniformen und Schutzhelmen das Gelände, dringen in die Wohnungen und Büros ein, Gewehr im Anschlag, auf jeden Widerstand vorbereitet. Aber es gibt keinen Widerstand. Die wachgerüttelten Bewohner werden in kürzester Zeit überwältigt, abgeführt und in die bereitstehenden Militärtransporter verfrachtet. Eine alte Frau, von einem Polizisten angerempelt, ist gefallen und blutet am Knie. Sonst gibt es keine Verletzten. Unter den Verhafteten befindet sich auch die selbsternannte Präsidentin des iranischen Widerstandsrats, Maryam Radjavi.

Noch vor dem ersten Sonnnenstrahl ist die planmäßig abrollende Aktion vorüber. Jean-Louis Bruguière, der für sein unerbittliches Vorgehen gegen Terroristen bekannte Anti-Terror-Richter, berichtet kurz darauf über den Einsatz vor der Presse:

»Der Eingriff heute Morgen kam unmittelbar bevorstehenden Anschlägen der Terroristen gegen iranische Ziele auf französischem Boden zuvor. 160 Verdächtige wurden in und um Auvers-sur-Oise gefasst, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist.«

Kommandant Rampal verfolgt die Ausführungen im Rundfunk. Er wendet sich seinen Kollegen zu: »Hat einer von euch nicht auch einen Schuss gehört?«

Immer neue Informationen über die Volksmudschahedin werden bekannt. Die Gruppe MEK, Mujahedin-e Khalq, ist den Amerikanern ein Dorn im Auge, seit sie an der Besetzung der amerikanischen Botschaft nach dem Sturz des Schahs im Iran beteiligt war. Sie hat den Tod einiger Amerikaner zu verantworten. Im Jahr 1997 setzten die USA sie auf die Liste der terroristischen Vereinigungen. Im vergangenen Herbst tat die EU dasselbe. Seitdem werden ihre Aktivitäten vom französischen Sicherheitsdienst beobachtet.

Später am Vormittag informiert ein sichtlich zufriedener Innenminister Sarkozy die Bevölkerung über die Aktion. Die gesamte Führungsspitze sei festgenommen worden, außerdem habe man Bargeld im Wert von zehn Millionen Dollar konfisziert. Pläne für ein mutmaßliches Attentat in Paris würden momentan ausgewertet werden.

Der iranische Präsident Chatami lobt den französischen Schlag gegen die Terroristen. Er lässt durchblicken, dass man den kürzlich beim Besuch von Außenminister Villepin in Teheran von französischer Seite geäußerten Wunsch nach engerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit wohlwollend prüfen werde, und fordert die sofortige Auslieferung aller Verhafteten an den Iran.

Anerkennung für das entschlossene Vorgehen Frankreichs kommt auch aus Washington. Selbst wenn man in der Frage des Irakkriegs unterschiedlicher Meinung sei, so stünden Frankreich und die USA in der Terrorbekämpfung doch Seite an Seite. Bei der MEK handle es sich um eine im Kern marxistisch-islamistische Gruppe, die mit Khomeini am Sturz des Schah-Regimes zusammengearbeitet habe.

Der Bürgermeister von Auvers, Jean-Pierre Béquet, widerspricht den Darstellungen aus Paris und Washington aufs Heftigste. Maryam Radjavi und ihr seit einigen Monaten im Irak verschollener Ehemann Massoud lebten seit zwanzig Jahren mit ihren Anhängern gesetzestreu und unbescholten in ihrem Ort. Eine solche militärische Aktion gegen die Bevölkerung sei unvertretbar. Viele der Iraner seien in Auvers zum Teil schon in zweiter Generation ansässig, ihre Kinder gingen hier zur Schule, sie beteiligten sich am öffentlichen Leben.

»Bei diesen Leuten handelt es sich nicht um engstirnige Islamisten, sondern um Muslime, die in ihrer Politik für eine Trennung von Staat und Religion eintreten. Warum hat mich niemand vorher gefragt? Was heute Morgen hier ablief, ist ein katastrophaler Fehler und eine Schande für Frankreich und unsere Ausländerpolitik«, erklärt der Bürgermeister vor der Presse.

Ein Bäcker von Auvers erwähnt gegenüber einem Reporter, er habe am frühen Morgen entgegen der Angaben der Polizei Schüsse gehört, zumindest einen. Aber niemand sonst bestätigt dies. Der Bäcker sei bekannt für seine Erfindungen. Und überhaupt, was bedeutet ein Schuss beim Umfang der Aktion.

3.

Sabine Bucher greift verschlafen zum Telefon auf dem Nachttisch. Dabei streift ihr Blick den Wecker, es ist kurz nach acht. Vergangene Nacht ist es spät geworden und heute, an ihrem ersten Urlaubstag, wollte sie erst einmal gründlich ausschlafen. Sie hat gleich ein ungutes Gefühl.

»Madame Bucher?«

Der Mann spricht Französisch. Büscher. Einer ihrer Mandanten hat wohl Probleme in Frankreich, denkt sie, während sie sich im Bett aufrichtet. Als ob man damit nicht bis zu einer christlicheren Zeit warten könnte! Als Anwältin ist man ja schließlich auch noch Mensch.

»Hier ist die Polizei von Auvers-sur-Oise, Gendarm Crosnier. Ich hoffe, ich störe Sie nicht. Kennen Sie einen Arthur Heller?«

»Ja, mein Onkel. Aber warum rufen Sie mich an?«

Sie hat mit ihm jeden Kontakt verloren, seit er vor zehn Jahren in eine Lebenskrise geriet und sein Unternehmen verkauft hat, um Schriftsteller zu werden.

Er lebt in Paris, soviel sie weiß.

»Er wurde hier heute Morgen tot aufgefunden. Es tut uns leid, Ihnen diese Mitteilung zu machen. Er trug Ihre Anschrift bei sich. Wir bräuchten möglichst schnell einige Hinweise zur Person. Ja und könnten Sie bitte nach Auvers-sur-Oise kommen, um ihn zu identifizieren, am besten noch vor der Obduktion.«

Sabine ist plötzlich hellwach.

»Das kommt etwas unerwartet, entschuldigen Sie, aber woran ist er gestorben?«

»Wie es aussieht, hat er Selbstmord begangen. Die Untersuchungen laufen erst an.«

»Und wo in Frankreich liegt denn dieser Ort, und warum rufen Sie nicht seine Frau an?«

»Wir haben nur Ihren Namen bei ihm gefunden. Natürlich können wir auch seine Frau anrufen, wenn Sie uns freundlicherweise ihre Adresse geben.«

»Sie sind seit langem geschieden, ich weiß nicht, wo sie wohnt und ob sie überhaupt noch lebt.«

»Dann müssen Sie uns weiterhelfen: Auvers liegt in der Nähe von Paris. Die Sache ist ungewöhnlich, weil Ihr Onkel im Sterbezimmer von Vincent van Gogh gefunden wurde. Wir haben deshalb ein Interesse, den Fall schnell aufzuklären. Das Restaurant und das Museum im Van-Gogh-Haus bleiben bis auf weiteres geschlossen. Außerdem benötigen wir die Entscheidung der Angehörigen, was mit dem Leichnam zu geschehen hat.«

»Er wollte eingeäschert werden, jedenfalls hatte er das erwähnt, als er mich vor Jahren zu einigen testamentarischen Angelegenheiten um Rat gefragt hat. Allerdings war das, bevor er nach Paris umsiedelte. Also, äschern Sie ihn ein. Das geht ohne mich.«

»Ein Angehöriger muss ihn identifizieren.«

»Und wenn Sie mich nicht gefunden hätten?«

»Wir haben Sie gefunden. Madame Bucher. Und bitte, es geht um einen Toten, das ist ihre Pflicht als nahe Angehörige.«

Aber was habe ich mit ihm zu tun?, denkt sie verzweifelt. Wenn es morgen passiert wäre, wäre ich auf Sylt gewesen und dann hätten sie dies auch ohne mich erledigen müssen.

»Wie kommt denn mein Onkel in das Sterbezimmer van Goghs?«

»Er ist vor einem Jahr Mitglied der Stiftung des Van-Gogh-Hauses geworden. Wenn man einen bestimmten Betrag stiftet, erhält man die Schlüssel zum Haus und zu dem Zimmer. Es stand zu befürchten, dass früher oder später jemand dem Beispiel van Goghs zum Selbstmord an dieser Stätte folgen würde. Was war Ihr Onkel von Beruf?«

»Unternehmer.«

»Von einem Unternehmer hätten wir das zu allerletzt erwartet.«

»Eigentlich war er Schriftsteller. Obwohl mir nicht bekannt ist, dass er jemals etwas veröffentlicht hätte.«

»Also doch, ein erfolgloser Nachahmer, der auf diese Weise in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam machen will! Wir sollten die Presse aus der Sache heraushalten. Wann können wir Sie erwarten, Frau Bucher, heute am Nachmittag?«

»Das trifft mich völlig unvorbereitet. Wie komme ich überhaupt dorthin, mit dem Zug oder Flugzeug? In der Nähe von Paris, sagten Sie?«