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Chicago im Jahr 2104. Die Gesellschaft ist gespalten zwischen Akzeptanz und Hass gegenüber Androiden. Als sich Jen in eine künstliche Intelligenz, einen Androiden, verliebt, fragt sie sich: Können diese überhaupt Gefühle entwickeln und auf ehrliche Weise erwidern?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Melanie Schütz
How To Love an Android
Hinweis
In How To Love An Android werden Themen wie Rassismus in Form von Xenophobie und Erwähnung und Aufarbeitung des Tods eines Familienmitglieds sensibel behandelt.
Dieser Artikel ist auch als Taschenbuch erschienen.
How To Love An Android
Copyright
© 2024 VAJONA Verlag
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags
wiedergegeben werden.
Lektorat: Vanessa Lipinksi
Korrektorat: Madeleine Seifert
Umschlaggestaltung: Julia Gröchel unter Verwendung von Motiven von 123rf
Satz: VAJONA Verlag, Oelsnitz
VAJONA Verlag
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
ISBN: 978-3-98718-167-2
Für Sonja,
die weiß, ob Androiden von elektrischen
Schafen träumen.
»Welcome to Chicago!« steht in leuchtenden Lettern auf dem Hologramm vor meinem Sitzplatz, als der Hyperloop zum Stehen kommt. Während die Türen der Kapsel emporschwingen, reibe ich mir den Schlaf aus den Augen und steige schließlich als letzte Passagierin aus. Da der Zug in nahezu Schallgeschwindigkeit durch die luftleere Röhre gefahren ist, hat die Fahrt von Philly nach Chicago nur eine knappe Stunde gedauert. Trotzdem bin ich in einen tiefen Schlaf gefallen. Nachdem ich letzte Nacht kaum zur Ruhe gekommen bin, hatte ich in diesen Sitzen keine Chance, wach zu bleiben. Sie sind unheimlich bequem und passen sich den Passagieren individuell an.
Doch als ich am Bahnsteig stehe, gegen die Schneeflocken anblinzle und das Pulsieren der Großstadt mich erfasst, ist die Müdigkeit wie weggeblasen.
Wolkenkratzer ziehen sich in den Himmel und reflektieren in ihren gläsernen Fassaden die Sonne. Werbedisplays machen auf das neuste Modell der Smartwatch aufmerksam – die WriCo Comwatch. Luftschiffe schweben am Omnitech Tower vorbei und werden von ein paar Aircars überholt.
Ein Lächeln bildet sich auf meinem Gesicht, während ich die Eindrücke mit aufgerissenen Augen in mich aufsauge. Philly hat seinen Charme, doch er gibt mir nicht dasselbe Gefühl wie Chicago. Die Stadt, in der sämtliche aufstrebende Unternehmen wie Omnitech, Retina Holographics und ehemals Human Evolve ihre Heimat haben. Genauso wie ich.
Ich nehme das Gepäck an mich, das auf einer vorgefahrenen Ladefläche des Hyperloops zu meinen Füßen liegt, und lasse mir von dem Hologramen eines Schaffners den Weg in das Bahnhofsgebäude weisen.
Die Steinsäulen und der Marmorboden im Inneren bilden einen edlen Kontrast zu den modernen Werbedisplays über den Läden, die im Sekundentakt ihre Anzeigen wechseln.
Die schweren Koffer hinter mir herziehend, betrachte ich etwas neidisch den automatisierten Gepäckwagen einer vierköpfigen Familie. Eventuell hätte ich mir auch einen gebucht, wenn meine Abreise nicht so überstürzt vonstatten gegangen wäre. Doch glücklicherweise werde ich meine Koffer nicht lange ziehen müssen.
Ich trete aus der Empfangshalle auf die Madisonstreet und sehe mich um, doch zu meiner Enttäuschung entdecke ich keine Spur von Harvey. Ein Blick auf meine Comwatch bestätigt: Er ist unpünktlich. Wie immer. Schwer kalkulierbar, wann er endlich hier aufschlagen wird. Aber klar ist: Ohne einen Snack überstehe ich die Wartezeit nicht.
Die blinkenden Wörter Snacks and Flowers machen mich auf einen Laden in einer Seitennische der Bahnhofshalle aufmerksam und bestimmen mein nächstes Ziel. Doch ehe ich hineintreten kann, fällt mir eine Frau ins Auge. Ihre schwarzen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie wirkt auffallend hübsch und auf den ersten Blick wie ein Mensch von vielen in dieser Bahnhofshalle. Wäre da nicht das in Magentarot leuchtende LED-Dreieck an ihrem Hals. Sie hebt einen Koffer an, der aufgrund seiner Größe eigentlich eine Herausforderung für eine so zierliche Frau wie sie sein müsste. Ohne, dass ihr die geringste Anstrengung anzusehen ist, verschwindet sie in der Menge.
Ehrfürchtig starre ich ihr nach. Das war sie. Die erste Androidin, die ich in Chicago sehe.
Ein Jingle ertönt, als ich meinen Koffer über die Schwelle des Snacks and Flowers ziehe. Ich schüttle die Tropfen von meiner Jacke, zu denen die Schneeflocken mittlerweile geschmolzen sind, und betrachte das Angebot. Einen Automaten, über den ich meine Bestellung aufgeben kann und der meine Ware automatisiert ausspuckt, suche ich vergeblich. Dafür fällt mir die üppige Auslage von Schokoriegeln und Kaugummis ins Auge.
Ich schmunzle. Die abgewetzten Regale und der surrende, mit Aufklebern übersäte Eisschrank wirken ein wenig aus der Zeit gefallen. Ebenso der Verkäufer, auf dessen Mütze ein Karpfen gestickt ist, der »Sea Bass!« jodelt, und der eigens die Produkte abkassiert. Doch auf seiner Nase befindet sich eine EyeCo Smartbrille der Marke Omnitech, was darauf schließen lässt, dass er sich der modernen Technik nicht ganz verwehrt hat. Die Brille projiziert Bildschirme auf die Gläser und ersetzt altmodische Computer und Kassensysteme.
Der Verkäufer sieht kurz auf, als er mich bemerkt. »Guten Morgen, Mädchen.«
»Hallo.« Ich lasse die Koffer neben der Eisbox stehen und schlendere zur Auslage mit den Schokoriegeln.
Kokos, Erdnussbutter …
Seufzend reibe ich mir über die Stirn. Wofür auch immer ich mich entscheide, hoffentlich gibt mir die Schokolade die nötige Energie, um die kommende Begegnung zu überstehen. Einerseits freue ich mich darüber, wieder in Chicago zu sein. Andererseits hätte ich mir gewünscht, dass das unter anderen Umständen geschieht. Tief im Inneren weiß ich, dass mir nichts anderes übrig blieb, als hierherzukommen. Und dass Harvey bereit war, mich so kurzfristig zu empfangen, ist mehr, als ich erwarten dürfte.
»Das erste Mal in Chicago?«, schnarrt der Verkäufer und sieht erneut zu mir auf.
Mir steht nicht der Sinn nach Small Talk. Trotzdem möchte ich nicht unhöflich sein. »Nein. Ich bin hier aufgewachsen, war aber drei Jahre nicht mehr da.« Ich streife zu den Getränken, will mir neben dem Schokoriegel gerade eine Limonade holen, da fallen mir die touristischen Flyer auf der Auslage ins Auge. Besser gesagt: ein bestimmter Flyer. Kaufen Sie Ihren Androiden noch heute!
Wer hat heutzutage noch Flyer ausliegen?
»Drei Jahre!« Der Mann kratzt sich den Kopf durch den Stoff seiner Kappe. »Dann hast du die Wendungen und Unruhen letzten Sommer nicht mitbekommen, was?« Der Zorn in seiner Stimme ist kaum überhörbar.
»Nur aus den Nachrichten«, antworte ich. Das Fernsehen übertrug die Demos im ganzen Land.
»Die Androiden sind jetzt autonom, kannst du dir das vorstellen? Man hat sie einfach unabhängig werden lassen. Bei mir hat sich letzte Woche einer beworben, um im Kiosk auszuhelfen. Den habe ich sofort weggeschickt. Kann sich um einen anderen Job bemühen, dieser Roboter.«
Ich nehme den Flyer an mich und drehe ihn herum. Eine Frau mit weichen Zügen ist abgedruckt. Ihre Augen leuchten aufgeweckt in einem hellen Grün. Ihre Taille ist schlank und ihre Brüste wohlgeformt. Sie sieht aus wie ein echter, leicht überdurchschnittlich hübscher Mensch. Eine junge Frau. Doch das magentarot leuchtende LED-Dreieck seitlich an ihrem Hals auf Höhe ihres Ohres verrät: Sie ist eine Androidin.
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»Wo hast du den denn her?« Der Verkäufer tritt an mich heran. »Diese elenden Flyer. Die muss jemand vor Kurzem erst hier ausgelegt haben. Verdammt noch mal. Ich werde sie sofort vernichten. Human Evolve produziert ohnehin keines mehr von den Dingern.« Er nimmt den Stapel an sich und lässt ihn im Papierkorb verschwinden.
»Ich bin eben erst in Chicago angekommen und habe bereits eine Androidin gesehen«, berichte ich. »In Philly gibt es so was nicht. Dort werden nach wie vor Roboter eingesetzt, die auch wie Roboter aussehen und das ausschließlich zu kommerziellen Zwecken. An der Supermarktkasse zum Beispiel.«
Er nickt grimmig. »In Chicago wimmelte es im Gegensatz zum Rest des Landes von Androiden. Hier waren die meisten im Einsatz, Human Evolve hat schließlich seinen Sitz in Downtown. Du wirst auf den Straßen weitere Androiden zu sehen bekommen. Sie sind ja jetzt frei.«
»Wie ist das für Sie? Dass Androiden nun irgendwie wie Menschen behandelt werden?«
Er seufzt und verschränkt die Arme vor der Brust. »Weißt du, als die ersten Modelle erschienen, hatte ich nichts gegen die Androiden. Sie haben ihre Arbeit getan. Und hübsch waren sie. Fast so schön wie Engel. Sie hoben sich optisch doch ein wenig mehr von den Menschen ab. Viele Leute hat das, denke ich, befremdet, sie konnten nichts mit ihnen anfangen. Waren auch teuer, 350.000 Dollar, wenn ich mich recht erinnere. Als sie ihrem Äußeren authentische Details gaben – Leberflecke, Atmung, Lidschlag – und den Preis senkten, fingen die Probleme erst richtig an.« Er lacht bitter auf und fährt mit gesenkter Stimme fort. »Diese Roboter erschienen in ihrer Gestik und Mimik so menschlich, dass mein Kumpel sich Hals über Kopf in seine Androidin verliebt hat. Er ließ sich sogar von seiner Frau scheiden, um mit ihr zusammenzuleben. Aber sobald die sogenannte Wendung kam, war Schluss mit der großen Liebe. Sie hat ihn verlassen. Beschloss, unabhängig zu leben. Ging auf die Straße, demonstrierte für die Freiheit. Als ob sie die bei ihm nicht hätte haben können. Der Sex, die Gefühle – alles Teil der Programmierung und somit gespielt!« Er schnaubt so verbittert, dass ich mich kurz frage, ob dies seine eigenen Erfahrungen sind.
»Was in Chicago geschah, ist wirklich heftig«, sage ich seufzend und halte ihm meine Smartwatch zum Bezahlen hin. Meine Wahl fiel auf einen Riegel mit Erdnussbutter-Geschmack und ich hoffe inständig, dass er mir den Tag retten kann. »Ich bin froh, mit den Androiden bisher nichts zu tun gehabt zu haben. Klar, in Philly sieht man sie mal, aber eben irgendwie noch gebändigt.«
Als ich meinen Kopf kurz nach rechts drehe, sehe ich vor dem Fenster ein Elektroauto der Marke Voltage parken. Den Fahrer erkenne ich sofort wieder. Da ist er also. Harvey.
»Ich muss jetzt los! Viel Erfolg mit den Bewerbern.«
Ich winke und er tut es mir gleich. »Danke, junge Dame. Willkommen in Chicago! Schließlich ist die Stadt, abgesehen von den Androiden, die schönste Amerikas.«
Ich lächle und weiß, er hat recht. Doch so schön die Stadt auch ist – für mich steckt in ihr meine Vergangenheit und damit Erinnerungen. An meine Kindheit, meine Jugend und auch … an Tim.
Ich schüttle meine Gedanken aus dem Kopf, ziehe schwerfällig die Koffer aus dem Kiosk und blinzle in den leichten Schneefall. Es ist Mitte November, die Kälte hält Einzug in Chicago. Als ich das grimmige Gesicht des Fahrers des Voltages sehe, schlucke ich. Es wird nicht einfach, mich diesem Mann wieder anzunähern. Ganz und gar nicht.
Harvey lässt das Fenster der Fahrertür hinunter. Mit düsterem Blick sieht er zu mir hoch, in ein Gesicht, das seinem so sehr ähnelt. Eine Begrüßung bleibt er mir schuldig.
»Steig ein«, sagt er stattdessen knapp.
»Kannst du den Kofferraum öffnen?«, frage ich über den Motorenlärm hinweg.
Sein Blick fällt auf mein Gepäck. »Um Himmels willen. Hast du vor, bei mir einzuziehen, oder was? So viele Klamotten braucht kein Mensch für eine Woche!«
Eigentlich habe ich geplant, ihm in Ruhe zu gestehen, dass ich länger bleiben möchte, weil meine Flucht unausweichlich war und ich im Moment nicht weiß, wo ich sonst hinsoll. »Ich will auf das kalte Wetter vorbereitet sein«, lüge ich.
Für wenige Sekunden betrachtet Harvey die Koffer, als sei er unschlüssig, ob er mir nun beim Einräumen helfen soll. Dann gibt er sich einen Ruck, steigt schnaufend aus dem Wagen und stapft zum Kofferraum. Die zwei schweren Rollkoffer hinter mir herziehend, folge ich ihm. Das erste Mal nach drei Jahren Funkstille stehen wir einander wieder gegenüber.
Harvey hat zugenommen. Die Mundwinkel unter seinem rotblonden Schnurrbart sind angespannt. Er riecht nach Sommerabenden auf der Terrasse und alten Büchern mit viel zu gruseligen Gutenachtgeschichten. Nach Spaghetti Bolognese, die niemand so gut kocht wie er. Und er riecht nach dem Weichspüler, den meine Familie seit Jahrzehnten benutzt. Er riecht nach meinem Vater, der mich einst liebte.
Wie soll ich diesen Mann begrüßen? Normalerweise umarmen Vater und Tochter einander nach einer so langen Trennung, oder? Sollten wir das auch tun?
Harvey streckt den Arm aus und kurz vermute ich, dass er dazu ansetzt. Doch nicht mal ein Händeschütteln ist in seinem Sinn. Stattdessen nuschelt er »Nun gib schon her« und greift nach den Koffern.
Ernüchtert weiche ich zurück.
Was für eine hingebungsvolle Begrüßung!
Wortlos beobachte ich, wie er den Fuß an einen Sensor unterhalb der Heckklappe hält. Der Kofferraum fährt auf.
»Danke, Peggy«, murmelt er.
Enttäuschung flammt in mir auf, als ich miterleben muss, wie Harvey seinem Auto freundlicher entgegentritt als mir. Am liebsten würde ich ihn damit konfrontieren und ihm sagen, wie verletzt ich darüber bin, dass er mich begrüßt wie eine Fremde oder ein Stück Last, das man sofort wieder loswerden muss. Aber ich beiße mir auf die Zunge. Fürs Erste bin ich auf diesen Mann angewiesen. Deshalb will ich versuchen, möglichst versöhnlich mit ihm umzugehen.
Kurz beobachte ich, wie Harvey meine Koffer in das Auto hievt. Dann brumme ich ein verhaltenes »Ich warte drinnen«, öffne die Beifahrertür und lasse mich auf den Sitz sinken. Die Heizung hat den Innenraum angenehm gewärmt. Mit den Augen folge ich dem Flug der Schneeflocken, die sich leise auf die Windschutzscheibe legen.
Nach einer Weile drehe ich mich um. Eine Decke und eine Einkaufstüte liegen auf dem Rücksitz. In Harveys Auto herrscht ein ähnliches Chaos wie früher. Durch das Heckfenster beobachte ich, wie er den Kofferraum zufahren lässt. Anstatt ins Auto zu steigen, lehnt er sich mit dem Rücken ans Heck und raucht.
»Na super«, stöhne ich in meinen Schal.
Ich lege den Finger auf ein Touchpad auf der Beifahrerkonsole, sodass die Sonnenblende hinabfährt, und betrachte mein Spiegelbild. Zwei sturmblaue Augen starren mir entgegen. Mehr ist von meinem eingemummten Gesicht kaum zu erkennen. Einzelne rotblonde Haarsträhnen bahnen sich ihren Weg zwischen Schal und Mütze. Ich sehe aus, wie ich es vermutet habe: total fertig. Das ist keine Überraschung. Schließlich habe ich die Nacht damit verbracht, meine Koffer zu packen und eine spontane Fahrt mit dem Hyperloop zu buchen. Harvey macht meine Situation keineswegs besser.
Als ich den Sonnenschutz zurückfahren lassen will, fallen mir zwei Fotos in den Schoß. Ertappt werfe ich erneut einen Blick über die Schulter. Doch Harvey lehnt noch immer am Auto und raucht genüsslich.
Ich widme mich den Fotos. Das obere ist das Passfoto einer Frau. Die Jahre haben es leicht ausgeblichen. Ihre rotbraunen Haare fallen ihr über die Schulter. Ihr Lächeln ist so hell wie Schnee an einem Wintermorgen.
»Mom«, flüstere ich ergriffen.
Dann ziehe ich das andere Foto hervor. Zu meiner Überraschung erkenne ich mich selbst. Ich sitze auf dem Rasen unseres Vorgartens, in meinem Arm liegt ein Junge. Er ist etwa sechs. Und er hat dieses ehrliche, unbesorgte Kinderlachen auf dem Gesicht, das viele kleine Jungen haben und das sie meist mit Beginn der Pubertät verlieren.
Das Geräusch der sich öffnenden Fahrertür lässt mich zusammenzucken. Hastig schiebe ich die Fotos ins Handschuhfach.
Mein Vater setzt sich ächzend auf den Fahrersitz und lässt die Schwebetür zufahren.
»Jetzt kann’s losgehen«, murmelt er mehr zu sich als zu mir und legt die Hände aufs Lenkrad. Peggy erwacht zum Leben. Als Harvey sich anschnallt, zieht überraschend ein unangenehmer Geruch zu mir herüber.
»Du hast getrunken«, stöhne ich tonlos und Harvey tut es mir gleich.
Wir nehmen den langen Weg durch die Innenstadt. Na klasse.
»Wann hast du den letzten Schluck getrunken?«, will ich wissen.
Harvey schweigt eine Weile. Im Grunde muss er nichts erwidern. »Gestern Abend. Ich habe heute frei.«
»So, wie du noch riechst, sollte ich nicht hier drinsitzen. Sicher, dass du schon fahren kannst?«
»Steig aus, wenn du meinst, dass ich noch nicht fahrtüchtig bin«, knurrt er und lässt mich damit schockiert zu ihm aufsehen. Sein Blick trifft für wenige Sekunden meinen. »Soll ich anhalten? Willst du aussteigen?«
Ich schlucke schwer. »Nein. Aber du könntest doch zumindest das autonome Fahrprogramm starten und den Wagen selbst fahren lassen. Die meisten Leute tun das so. Dieser Voltage muss nicht von Menschenhand gefahren werden, oder?«
»Wir fahren nach meinen Regeln.«
Ich merke, wie sich meine Augen wütend zusammenkneifen.
Unauffällig mustere ich Harvey von der Seite. Seine rotblonden Haare, die in ihrer lockigen, dichten Struktur den meinen so ähneln, sind grauer geworden, die Furchen auf seinem Gesicht tiefer. Den Schnurrbart trägt er noch immer, jedoch scheint er wenig Wert auf eine entsprechende Pflege zu legen. Ich suche vergeblich das winzige Grübchen auf seiner rechten Wange, das einst eine Lachfalte war.
Auch wenn wir uns so lange nicht mehr gesehen haben, weiß ich, dass Harvey nie ohne Grund trinkt. War mein gestriger Anruf der Grund dafür?
Als wir uns nach endlosen Minuten meinem Elternhaus nähern, rutsche ich ans Fenster. Da ist es, das Café, in dem ich früher immer mit meiner Freundin Piper Kakao trank. Die Mall, in der ich einst jobbte. Und der Wicker Park, nach dem unser Stadtteil benannt ist.
Doch zwischen all der Nostalgie, all dem Flackern meiner Geburtsstadt, fällt mir plötzlich ein Laden mit zerbrochenen Scheiben ins Auge. Irritiert drehe ich mich danach um. Sofort schießen mir Bilder aus dem Fernsehen durch den Kopf. Die Randale. Ich erinnere mich an die Aufzeichnungen aus dem letzten Frühling: Androiden, die sich den Anweisungen ihrer Besitzer widersetzten und geschlossen auf die Straße gingen. Haushaltshilfen, Pfleger, Lageristen oder Sexarbeiter. Das Vorhaben, die modernen Hilfen nicht nur in Chicago, sondern landesweit einzusetzen, scheiterte an dem Tag, an dem den Androiden Freiheit und Unabhängigkeit zugesichert wurde. Freiheit, die sie mit einer Einigung herbeiriefen. Der Anführer der Androidenbewegung unterschrieb einen Vertrag, der die Einhaltung des Friedens all seiner Leute zusicherte. Würden seinesgleichen die Regeln erneut missachten und Aufstände anzetteln, drohte die sofortige Abschaltung aller Androiden des Landes. Dafür wurde den Androiden über Funk ein von Human Evolve entwickeltes Softwareupdate zugespielt, das der Regierung die Möglichkeit gab, ihre Hauptprozessoren mit einem Knopfdruck zu zerstören.
Wer konnte ahnen, dass es einmal so kommen würde? Dabei liefen die ersten Jahre, in denen die künstlichen Intelligenzen auf dem Markt waren, außerordentlich gut. Human Evolve wurde staatlich gefördert und forschte nach günstigen Rohstoffen. Die Erkenntnis, dass das verhältnismäßig teure Carbon nicht zwingend der Hauptbestandteil der Androiden sein musste, sondern ohne funktionale Einbußen durch günstiges Polycarbonat ersetzt werden konnte, erlaubte die Entwicklung massentauglicher Modelle. Nachdem die Androiden ausschließlich kommerziell vertrieben wurden, machten erschwingliche Preise sie auch privaten Haushalten zugänglich.
Obwohl die Androiden die Bevölkerung entlasteten, indem sie Alltagsarbeiten übernahmen, ersetzten sie damit auch viele Jobstellen. Menschen wurden arbeitslos. Unmut richtete sich gegen die Androiden. Zu allem Übel widersetzten sich immer mehr von ihnen ihrer Programmierung und wurden ungehorsam. Wie das möglich war? Je intensiver die Entwickler arbeiteten, desto menschlicher wurden die Androiden. Vor zwei Jahren bestand das erste Modell sogar den Turing Test, konnte also einem Menschen vermitteln, dass es selbst ein Mensch sei. Die eigene Programmierung auszuhebeln, war ein komplexer Softwarefehler am Androiden selbst.
Mit den Demonstrationen fanden die Unruhen im Frühjahr diesen Jahres ihren Höhepunkt. Die Androiden drohten damit, die ganze Stadt zum Einsturz zu bringen, würde man ihrer Forderung nach ›Androiden-Freiheit‹ nicht nachkommen. In den Medien habe ich beobachtet, wie sie begonnen haben, ihrer Gewalt freien Lauf zu lassen. Sie brachten leere Gebäude am Rand der Stadt zum Einstürzen und drohten, immer weiter ins Stadtinnere zu wandern, um ihre Forderungen durchzudrücken. Die Menschen rüsteten sich mit Waffen aus, um sich selbst Schutz bieten zu können.
Die Präsidentin Janet Martinez war gezwungen, eine Lösung zu finden, um einen gewalttätigen Aufstand zu verhindern, und erklärte die Androiden in jener Nacht als frei, um den größten Schaden abzuwenden und die Angst und Boshaftigkeit der Menschen zu dimmen. Doch ob dies von Dauer sein wird? Für jedes Abkommen und jede Einigung muss es Regeln geben. Androiden werden in Chicago toleriert. Doch ob sie richtig akzeptiert werden, ist fraglich.
Dieser Wendepunkt wird bis heute als Androidenrevolution bezeichnet. Androiden müssen nun für ihre Arbeit bezahlt werden. Sie sind nicht mehr auf die Tätigkeit festgelegt, für die sie gebaut wurden, sondern dürfen sich ihre Jobs selbst aussuchen. Ihre Arbeitserlaubnis bezieht sich jedoch ausschließlich auf freigegebene Bezirke in der nördlichen Hälfte Chicagos. Dies betrifft das gesamte Gebiet oberhalb des South Loops und der Near Westside. Auch Wicker Park, meinen Heimatbezirk.
Janet Martinez entschied ebenso, das Sicherheitspersonal der Stadt aufzustocken, um zu gewährleisten, dass die Androiden sich friedlich in die Gesellschaft eingliedern können. Außerdem befriedigte dies das Sicherheitsbedürfnis der Menschen. Bis auf Weiteres wurde Human Evolve die Herstellung vermeintlich fehlerfrei funktionierender Androiden untersagt. Die Angst, dass sich die Unruhen wiederholen, wiegt seitens der Regierung und der Bevölkerung schwer.
»In letzter Zeit war in Chicago echt viel los, was?«, frage ich Harvey.
Er gibt ein abschätziges Schnauben von sich. »Das kann man wohl sagen.«
»Als Polizist hast du bestimmt alle Hände voll zu tun, oder?« Wissbegierig rutsche ich auf dem Sitz nach vorn und versuche, weitere Spuren des Protests im Stadtbild zu erkennen. »Sind die Robomenschen so gefährlich, wie man sagt?«
Harvey zieht scharf die Luft ein. »Es sind Androiden, Jen. Keine Robomenschen.«
Ich starre nach draußen. »Androiden. Wie auch immer«, murmle ich. »Ich habe mitbekommen, dass sie protestiert haben, damit sie nach der Wendung selbstbestimmt leben können. Aber mal ehrlich, das sind Roboter in Menschengestalt! Ich verstehe nicht, wieso ihr die Aufstände nicht in den Griff bekommen habt. Hättet ihr sie nicht abschalten können, oder so?«
Harvey lacht trocken. »Lass uns das Thema wechseln.«
»Erzähl schon!«, fordere ich. »Warst du auf Androidenjagd?« Plötzlich ertönt ein scharfes Quietschen. Harvey ist auf die Bremse getreten. Kurz denke ich, jemand ist auf die Fahrbahn gerannt, doch da ist nichts.
Stattdessen erhebt Harvey die Stimme. »Noch ein Wort über sie und ich setze dich jetzt und hier auf die Straße.«
Ich erschrecke und in meiner Brust zieht sich etwas zusammen. »Was? Ich –« Mit flachem Atem taste ich nach dem Griff der Beifahrertür.
Mit zusammengekniffenen Augen starrt mich Harvey nieder. Dann ertönt ein Hupen hinter uns und er nimmt den Fuß vom Bremspedal. Langsam setzt sich der Wagen wieder in Bewegung.
»Jen, du hast einfach keine Ahnung, wovon du redest.«
»Woher auch?«, erwidere ich flüsternd. »Ich war in Philly. Dort gab es keine künstlichen Intelligenzen. Darum frage ich dich ja, was hier los war.«
Harvey seufzt. »Die Verhältnisse in Chicago sind noch immer schwierig. Der Staat hat den Androiden nach den Protesten Rechte eingeräumt. Rechte, die sie im Stadtteil Wicker Park ungehindert ausleben können. Trotzdem ist die Lage nicht so, wie sie es sich gewünscht haben. Es gibt bis heute viel Hass und Gewalt auf den Straßen, die sich gegen die Androiden richten. Auch das solltest du in den Nachrichten mitbekommen haben. Deswegen hätte ich nicht damit gerechnet, dass du so kurz nach den Unruhen zurückkommst.« Er fährt sich durch die ungekämmten Locken, die daraufhin noch unaufgeräumter aussehen als zuvor.
»Es hat sich einfach so ergeben«, erwidere ich und presse die Lippen aufeinander. Der Schock darüber, dass er mich so unvermittelt angeschrien hat, sitzt tief. Es weckt Erinnerungen an unseren früheren Umgang miteinander und den Grund, warum ich aus meinem Elternhaus wegwollte. Auch damals war unsere Kommunikation entweder hitzig oder erloschen.
Wieso ich trotzdem wieder da bin? Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste weg. Von Jakob. Von der Uni. Zurück in mein altes Leben. In ein Zimmer, in dem ich mietfrei wohnen kann. Was gleichzeitig der Ort ist, dem ich immer entkommen wollte. Der voller Verlust ist. Ich muss es mir eingestehen: Meine Existenz ist ein Scherbenhaufen. Und für den Moment ist Harvey mein letzter Ausweg. Leider.
»Weißt du schon, wie lange du bleiben willst? Am Telefon sagtest du etwas von einer Woche.«
Ich zucke die Achseln. »Genau kann ich das noch nicht sagen.«
»Was ist mit der Uni? Jakob?«
»Liegt gerade auf Eis.«
»Willst du drüber reden?« Der Unterton in seiner Stimme ist rau.
»Als würdest du wirklich darüber mit mir reden wollen«, murmle ich und wende den Blick ab. Als ich nach hinten sehe, erkenne ich, dass durch die Vollbremsung die Einkaufstüte in den Fußraum gefallen ist. Auch die Decke ist verrutscht und legt etwas offen, das ich vorher nicht sehen konnte. Mein Atem stockt.
Der Kindersitz. Tims Kindersitz. Dieser Anblick erwischt mich eiskalt und lässt jegliche Motivation in mir zusammenfallen. Kurz fühlt es sich an, als würde mein Herz brechen und meine Lunge zerdrückt. Mir wird klar, dass Harvey in den vergangenen Jahren noch immer nicht die Kraft aufbringen konnte, die automatische Vorrichtung zurück in die Polster zu lassen, obwohl es nur einen Knopfdruck bedarf. Und dass er genauso seinen Sohn verloren hat wie ich meinen Bruder.
Harveys Stimme dringt an mein Ohr. Sie ist eine Spur sanfter als vorher. »Jen, ich wollte dich nicht anschreien. Die Sache mit den Androiden ist nicht ganz so einfach, wie du vielleicht ahnst. Sie belastet.«
»Ich verstehe. Dennoch hättest du mich vernünftig begrüßen können. So wie man seine Tochter begrüßt, wenn man sie eine lange Zeit nicht mehr gesehen hat.«
»Jen, es ist –«
»Schon klar. Es ist schwer. Es ist belastend, dass ich überhaupt gekommen bin, nicht? Lass gut sein.«
Und Harvey lässt es gut sein.
So sind wir Williams. Wir lassen einander mit unserem Schmerz viel Raum. Leider führt dies dazu, dass jeder mit seinem Kummer allein ist. Ob sich das je ändern wird? Im Moment glaube ich nicht im Geringsten daran.
Das leichte Abbremsen bringt mich zurück in die Realität. Erwartungsvoll sehe ich durch die Scheibe nach draußen. Dort ist es: das Haus, in dem ich aufgewachsen bin.
Wohingegen das Stadtzentrum von Hochhäusern dominiert wird, in denen eine große Anzahl von Menschen zentral übereinander wohnen, legt mein Heimatbezirk den Fokus auf grüne Architektur. Der Wicker Park selbst lädt zum Joggen, Schlendern und Entspannen ein. Auf Dächern und Fassaden, Balkonen und Terrassen wuchern und wachsen Pflanzen, Blumen, frische Kräuter, Obst und Gemüse. Im Sommer sind sie das Zuhause für Insekten und Vögeln und bieten den Einwohnern natürlichen Schutz vor der Sonneneinstrahlung. Außerdem produzieren sie viel Sauerstoff und sorgen für ein gutes Raum- und Wohlfühlklima. Im Winter sind viele Knospen verblüht, aber der wetterfeste Efeu rankt sich unbeirrt die Wände empor.
Die meisten Häuser in der Gegend wurden aus nachhaltigen Baumaterialien, wie zum Beispiel recyclebarem Beton oder Holz gebaut. Das Konstrukt unseres Hauses stammt jedoch aus den frühen 2040ern und hebt sich mit seinem roten Backstein von den anderen ab. Neben Pflanzen schmücken Solarpaneele die Dachterrasse, über die sich nun eine dünne Schneeschicht zieht. Früher haben wir viele Sommerabende dort oben verbracht.
»Home, sweet home«, sagt Harvey und löst unsere Gurte mit einem Wink vor dem Sensor an der Fahrerkonsole.
Ich taste nach dem Mechanismus, der die Tür öffnet, doch Harvey hält mich am Arm fest. Eindringlich sieht er mir in die Augen.
»Jen. Bevor wir reingehen, muss ich dir etwas sagen.«
Erwartungsvoll hebe ich die Brauen. »Und was?«
»Nun …« Harvey stockt. Dann sagt er zögerlich: »Ich wohne nicht mehr allein.«
Ich starre ihn perplex an. Mom starb, als ich acht war. Tims leibliche Mutter hatte sich einige Jahre nach seiner Geburt von Harvey getrennt. Außer diesen beiden ist mir keine Frau in seinem Leben bekannt.
»Hast du eine Freundin?«, platzt es aus mir heraus. Wer, um alles in der Welt, wäre so verrückt, bei ihm einzuziehen?
»Nein«, erwidert er ernst. »Es ist ein Android.«
Verdattert starre ich Harvey hinterher, der das Auto verlässt und zum Kofferraum marschiert.
Wie bitte? Mein Vater wohnt mit einem Androiden zusammen?
Wenn ich wüsste, dass Harvey gern zu Scherzen aufgelegt wäre, würde ich nun lachen, aber er scherzt nicht. Tut er nie.
Kalte Panik schießt in mir hoch. In den Nachrichten war die Rede davon, dass die Wut von Chicagos Androiden sich nicht nur gegen Institutionen richtete, sondern dass viele auch ihre Besitzer attackierten. In einer Reportage hatte ich Ausschnitte davon gesehen, wie emotionslos sich diese Androiden den Schüssen der Polizei entgegengestellt hatten. Sie haben schließlich einige Vorteile gegenüber uns Menschen. Sie benötigen weder Nahrung noch Wasser, Luft oder Wärmequellen. Ihr Körper ist widerstandsfähiger als das menschliche Vorbild, weil er aus hochwertigem Kunststoff, nämlich Polycarbonat besteht. Und vor allem: Sie fühlen keinen Schmerz. Künstliche Intelligenzen sind einfach furchteinflößend. Und nun soll ich mit so was unter einem Dach leben? Hätte Harvey das nicht eher sagen können?
Der sanfte Schneefall hat sich mittlerweile in einen matschigen Schauer verwandelt.
Harvey stapft zum Haus. Er kommt dauernd ins Stocken, weil meine Koffer schwer sind.
Ich schiebe mich aus dem Auto und rufe Harvey panisch hinterher, als mir die Tragweite seiner Worte bewusst wird. »Warum, zur Hölle, hast du einen Android gekauft?«
»Ich habe keinen Android gekauft!«, gibt er genervt zurück. »Er ist bei mir eingezogen. Kommst du oder willst du lieber in Peggy schlafen?«
»Eingezogen?«, piepse ich. »Bist du verrückt geworden? Die Dinger greifen Leute an!«
Harvey dreht sich zu mir um und kneift die Augen zusammen. »Du glaubst also diese Fake News? Durchgedrehte Androiden, die grundlos die ganze Familie auslöschen? Einer Polizistentochter hätte ich mehr Reflexion zugetraut. Es ist nicht alles wahr, was in den Nachrichten verbreitet wird.«
Ich höre ein Geräusch aus dem Haus und erstarre. Eine Silhouette erscheint am Fenster und läuft in Richtung Haustür, als sie uns sieht. Erschrocken packe ich Harvey am Arm.
»Ist er das?«, flüstere ich.
Mit spöttischem Blick windet sich Harvey aus meinem Griff. »Du hast also Angst vor Androiden?« Einen Koffer nach dem nächsten hebt er die Stufen zur Veranda hinauf. »Lächerlich.«
Wortlos starre ich ihn an. Da ich es nicht wage, mich dem Haus zu nähern, muss ich in Kauf nehmen, nasser und nasser zu werden.
»Wir müssen noch über die Schlafsituation reden«, sagt Harvey und zündet sich eine Zigarette an. »Derzeit schläft er in –«
»Er schläft in einem Bett?«, unterbreche ich ihn fassungslos. »Es gibt doch Ladestationen für Androiden!«
Harvey wirft mir einen abschätzigen Blick zu. »Ts, Ladestationen. Natürlich schläft er in einem Bett.«
Da fällt mir ein, dass der Fakt mit dem Bett mich nicht mal am meisten stört. »Moment – er schläft?«
Harvey muss völlig verrückt geworden sein. Androiden kann man in einen Ruhemodus setzen. Ihnen ist egal, ob sie auf Standby geschaltet werden, während sie auf einem Bein oder auf dem Kopf stehen. Androiden fühlen nichts.
»Na ja, er simuliert menschliche Verhaltensweisen«, brummt Harvey und drückt seine Zigarette in einem Aschenbecher vor der Haustür aus. Der Deckel öffnet sich automatisch, sobald seine Hand sich ihm nähert.
»Er … was?« Mittlerweile bin ich völlig nass.
Harvey verschränkt die Arme vor der Brust. »Er ist unkompliziert, Jen. Gib ihm eine Chance. Schließlich hast du dich spontan hier angemeldet.« Damit dreht er sich um, legt den Finger auf den Fingerabdruckscanner und die Tür gleitet auf.
»Hallo, Harvey!«, ertönt prompt eine Stimme vom Inneren des Hauses. Sie klingt männlich, angenehm und geradezu menschlich.
Instinktiv mache ich zwei Schritte zurück.
»Hallo«, nuschelt Harvey und schiebt sich durch die Tür.
Eine fremde Gestalt taucht im Eingangsbereich auf, sagt »Warte, ich helfe dir!« und nimmt einen Koffer entgegen. Von meiner Position im Vorgarten aus kann ich nur seine Silhouette erkennen. Ehe ich mir ein genaueres Bild von ihm machen kann, verschwindet er im Haus.
Harvey fährt herum. »Verdammt noch mal, Jen!«, zischt er. »Reiß dich zusammen und sei nicht so unfreundlich! Komm jetzt. Oder ich fahr dich an die Union Station zurück.«
Ich atme tief durch. Es gibt kein Zurück mehr. Mit zusammengebissenen Zähnen nähere ich mich der Tür. Der Geruch meines alten Zuhauses dringt aus dem Eingangsbereich auf die Veranda und beruhigt mein übermüdetes, irritiertes Gemüt. Ich greife nach dem letzten Koffer und wende mich schwungvoll zum Eingang, habe die Rechnung aber ohne den Androiden gemacht. Dieser ist nämlich unerwartet schnell auf der Türschwelle erschienen, wahrscheinlich, um mir beim Tragen zu helfen. Doch prompt stoße ich mit ihm zusammen, was wohl meiner Unachtsamkeit geschuldet ist.
Ich verliere das Gleichgewicht, wanke und kann mich gerade noch an seinem Arm festhalten, um nicht mitsamt Koffer von der Veranda zu fallen. Der Arm fühlt sich unter dem Stoff seines Jacketts überraschend hart an. Als umfasse ich den Edelstahlhandlauf eines Metallgeländers.
»Oh, Verzeihung!«, sagt er und greift mühelos meine Schultern. Sein Griff ist bestimmt, aber sanft. Als er sicher ist, dass ich mich gefangen habe, nimmt er rasch die Hände von mir.
Etwas überfordert schaue ich zu ihm auf. Er ist einen halben Kopf größer als ich, hat braune Haare, dichte Wimpern und einen wachen Ausdruck. Auf den ersten Blick sieht er eigentlich ganz nett aus, nahezu unschuldig. Und er kommt mir bekannt vor.
»Bist du der Android?«, frage ich leise, um sicherzugehen.
»Mein Name ist Mika«, erwidert er mit fester Stimme. Er stockt, scheint seine Worte sorgfältig zu wählen und fügt dann hinzu: »Ich wohne hier.«
Plötzlich leuchtet mir ein, woran er mich erinnert. »Bist du nicht der Android, der die Revolution angeführt hat?«, keuche ich. »Ich habe dich im Fernsehen gesehen. Du hast …« Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich zurückgewichen bin, und stoße nun mit dem Hintern an das hüfthohe Geländer der Veranda. Vor meinem geistigen Auge sehe ich den Androiden, gefolgt von etwa hundert weiteren seiner Art die Straße entlang marschieren. »Du hast die Demonstrationen organisiert und stellvertretend für die Interessen aller Androiden Verhandlungen mit der Präsidentin geführt«, wispere ich und erschaudere. »Du warst die Schlüsselfigur der Revolution.«
Der Android mustert mich prüfend. Dann sagt er schlicht: »Ja. Das war ich.«
Einen Moment lang starren wir einander an. Ich kann nicht fassen, dass ich tatsächlich auf der Veranda meines Vaters mit dem – laut Medien – gefährlichsten Androiden ganz Amerikas stehe. Und dass er mich dabei anschaut wie ein kleiner Welpe.
Harvey poltert heraus. »Meine Güte, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?«, murrt er ungeduldig mit einem Blick auf die Uhr.
»Nein«, antwortet Mika, als sei dies eine ernstzunehmende Frage, und greift nach meinem Koffer. Er hebt ihn an, als sei er anstelle mit fünfzehn Kilo Kleidung mit nichts als Luft gefüllt. »Ich habe es erkannt, das war Ironie, Harvey!«, setzt er stolz hinzu und verschwindet im Haus.
Völlig irritiert von der letzten Anmerkung starre ich in Harveys Gesicht und forme mit den Lippen ein stummes: »Hä?«
Dieser zuckt entschuldigend die Achseln und ruft: »Richtig, Mika! Du wirst langsam besser darin, das zu erkennen.«
»Es fällt mir schwer, zu sagen, ob das ebenfalls Ironie war«, höre ich Mikas Stimme von drinnen. »Meiner Berechnungen zufolge sprechen dreiundsiebzig Prozent dafür, dass ich dies als Kompliment werten kann.«
Meine Augen weiten sich, während Harvey und ich uns noch immer fixieren. Obwohl ich krampfhaft versuche, mich zu beherrschen, kann ich meinem Vater nichts vormachen. Er kennt mich seit sechsundzwanzig Jahren. Er sieht mir an, dass ich kurz davor bin, die Nerven zu verlieren und loszulachen oder loszuheulen. Oder beides.
»Richtig, Mika, es war ein Kompliment«, antwortet er, während er mich mit strenger Miene anstarrt.
Ein ersticktes Kichern dringt aus meiner Kehle. Ich presse mir die Faust vor den Mund, um nicht loszuprusten.
Harvey wirft mir einen mitleidigen Blick zu, ehe er über die Schwelle tritt.
Ich warte darauf, dass mein pochendes Herz sich beruhigt, und folge den beiden ins Haus.
Drinnen angekommen fährt die Tür hinter mir ins Schloss. Kurz schließe ich die Augen und atme tief ein. Dieser Geruch beinhaltet so viel. Er ist Dad. Grasflecken in der Kinderjeans. Der erste Kuss von einem Jungen auf dem Sofa, als Tim noch nicht geboren und Harvey auf Streife war. Ich erkenne den Duft des Duschbades, das Harvey seit Jahren benutzt. Und ich rieche … Hund.
Etwas stupst meine Hüfte an. Ich öffne die Augen und werfe mich sofort auf den Golden Retriever, der mich mein halbes Leben lang begleitet hat.
»Rocky!« Ich streichle die Ohren des riesigen Hundes, während er mir die Hände leckt. Weil er sich so über meine Rückkehr freut, knallt sein Schwanz immer wieder gegen den Garderobenschrank und erzeugt ein unmelodisches Pochen.
Während ich in der Hocke kauernd über den Rücken des Rüden streichle, mustere ich den Android unauffällig, der auf dem Sofa Platz genommen hat. Ich bin erneut verblüfft davon, wie menschlich er aussieht. Nichts lässt darauf schließen, dass er über eine künstliche Intelligenz verfügt. Seltsamerweise entdecke ich auch kein LED-Dreieck an seinem Hals. Ich hatte gehört, dass es Androiden gibt, die diese Komponente aus ihrem Körper entfernt haben, um nicht so schnell als künstliche Intelligenz identifiziert zu werden. Er muss das getan haben. Sein Gesicht wirkt weich, fast liebenswürdig. Er sieht aus, als wäre er um die dreißig Jahre alt, eventuell jünger. Er trägt eine Jeans, ein helles T-Shirt und ein schwarzes Männerjackett. Sein Ausdruck ist offen und neugierig. Wenig erinnert an das entschlossene Gesicht des Androiden in der Zeitung, der Massen seinesgleichen anführte. Und er ist hübsch. Sehr sogar. Aber das sind alle Androiden. Sie sind normschön designt.
»Ihr Name ist Jennifer Williams, richtig?«, fragt der Android, nachdem ich mich aufgerichtet habe. Seit er auf dem Sofa Platz genommen hat, hat er sich nicht gerührt. Kerzengerade sitzt er da, und nun erkenne ich deutlich den Roboter in seiner menschlichen Erscheinung. Androiden chillen sich wohl nicht bequem vor den Fernseher. Sie sitzen aufrecht. Zweckgemäß. Starr.
Überrumpelt von seiner förmlichen Anrede nicke ich und suche Harveys Blick.
Dieser zuckt gleichgültig die Achseln, murmelt zum Kühlschrank gerichtet »Eistee«, woraufhin das Gerät ihm das Getränk einfüllt. Harvey nimmt es entgegen und beobachtet, an die Anrichte der offenen Wohnküche gelehnt, mit mäßigem Interesse die Interaktion zwischen dem Androiden und mir.
»Mein Name ist Mika«, wiederholt der Android und ich stelle erschrocken fest, dass seine Stimme ziemlich angenehm klingt. »Ich wohne seit drei Monaten bei Ihrem Vater. Meine Programmierung sagt mir, dass wir in den kommenden Tagen familiäre Strukturen einnehmen. In Familien gibt man sich Kosenamen oder spricht sich auf andere Weise in vertrauter Form an. Deshalb möchte ich Sie fragen, welche Anrede Sie von mir am angebrachtesten halten, wenn nicht Miss Williams.«
Verblüfft setze ich dazu an, ihm zu erklären, dass er mich einfach Jen nennen soll. Wie es jeder in meinem Umfeld tut, seit ich auf die Highschool kam. Doch ein teuflischer Gedanke schießt mir durch den Kopf. Eine bessere Möglichkeit, um Harvey seine ruppige Begrüßung heimzuzahlen, wird nicht kommen. Und so rufe ich übermütig: »Miss Williams finde ich passend!«
»Das kann nicht dein Ernst sein«, flucht Harvey vor sich hin.
»Alles klar, Miss Williams«, erwidert der Android lächelnd. »Dann bleibe ich fürs Erste dabei.«
»Verdammt, nenn sie Jen!« Harveys Stimme ist ein genervtes Knurren.
Obwohl ihn seine Gereiztheit überrascht, antwortet Mika erstaunlich ruhig: »Sorry, Harvey, aber ich habe sie extra gefragt und …«
»Und sie hat dich aufs Korn genommen!« Wütend stellt er das leere Glas in die Spüle.
Der Android sieht ihn irritiert an. »Korn?«
Ich kichere.
»Siehst du? Sie genießt das auch noch«, grunzt Harvey.
Mika macht einen zunehmend verwirrten Eindruck. Er sieht in mein lachendes Gesicht, während ich mich aus der klitschnassen Jacke schäle, dann wieder zu Harvey. »Ich werde versuchen, das Verhältnis zu deiner Tochter in den kommenden Wochen zu optimieren«, versichert er mit entschiedenem Gesichtsausdruck.
Das Kennenlernen war komischer als erwartet. Trotzdem ermahne ich mich, den Bogen nicht zu überspannen. Schließlich stuft der Staat diesen Androiden als gefährlich ein und diese Tatsache lässt alles in mir auf Abstand gehen. Ich weiß sowieso nicht, was in mich gefahren ist, zu scherzen.
Kurzerhand ziehe ich meinen Vater zur Seite. Mit gedämpfter Stimme frage ich: »Lass uns Klartext reden. Warum lebt ein Android hier? Und dazu ausgerechnet er?«
»Du brauchst nicht über ihn zu sprechen, als sei er nicht da«, erwidert Harvey, ohne seine Lautstärke zu drosseln. Sein Blick bleibt an dem Androiden hängen. Ich glaube, in seinem Blick etwas Vertrautes, Fürsorgliches aufleuchten zu sehen. Ich kenne diesen Blick. Genauso hat Harvey mich früher auch angeschaut.
»Aber er ist ein Android!« Meine Worte überschlagen sich fast. »Erkläre mir bitte, wie es dazu kam, dass du dir einen Plastikmenschen zugelegt hast!«
Als Harvey mich ansieht, lodert in seinen Augen der pure Zorn. »Wenn du noch einmal so abschätzig über ihn sprichst, fliegst du hier hochkant raus. Ob du nun meine Tochter bist oder nicht.«
Ich weiche zurück.
»Hey, Harvey!« Plötzlich stellt sich der Android zwischen uns. Er ist mir so nah, dass ich seinen Duft wahrnehmen kann. Ich habe erwartet, dass er nach Plastik oder Metall, vielleicht sogar nach Maschine riecht. Oder wie die Sitze eines neuen Autos. Stattdessen riecht er … frisch. Ein wenig nach Seife. Aber auch nach Mann. Nach Mensch.
Während ich verdattert seine Seriennummer im Nacken anstarre, gelingt es Mika, Harvey zu beschwichtigen. Er schafft es, mitfühlender und freundlicher zu sein, als ich es könnte. Und das macht mich irgendwie fertig.
Ich atme tief durch und verbiete mir das Zittern. Ich erinnere mich daran, wie Harvey in der Vergangenheit immer eigensinniger wurde. Wie ich ihn ohne Tim nicht mehr ertrug – uns als Familie nicht mehr ertrug. Und wie er mich gehen ließ. Moms Tod hatten wir gemeinsam durchgestanden. Tims dagegen zerstörte unsere Bindung.
Nachdem Harvey sich beruhigt hat, atmet er tief durch, setzt sich aufs Sofa und schaltet den Fernseher an. An seiner Leidenschaft für Football und die Chicago Bears hat sich anscheinend nichts geändert.
Der Android dreht sich zu mir um. Obwohl er mich vor Harvey in Schutz genommen und ihn zurechtgewiesen hat, begegnet er mir mit einem scharfen Blick. »Nichtsdestotrotz hat Ihr Vater recht. Es ist ziemlich unfreundlich, was Sie sagen. Wissen Sie das?« Plötzlich sieht er gar nicht mehr so harmlos aus.
»Okay, tut mir leid«, murmle ich.
Entschuldige ich mich wirklich bei einem Androiden?
Um den Abend schnellstmöglich hinter mich zu bringen, werde ich die Klärung der Frage, wie ein Android in unser Haus einziehen konnte, besser auf Morgen verschieben.
Da ich Harveys Aufmerksamkeit erlangen möchte, räuspere ich mich. Dieser starrt jedoch demonstrativ auf den laufenden Fernseher.
Ich räuspere mich erneut.
»Möchten Sie ein Hustenbonbon, Miss Williams?«, fragt der Android.
Ich starre ihn an. Mit diesem Angebot habe ich nicht gerechnet. »Willst du mich auf den Arm nehmen?«
Er sieht auf seine Hände, dann mir in die Augen. »Eigentlich nicht. Möchten Sie das denn?«
Wir sehen einander an. Er fragend, ich vermutlich feindselig und auf eine eigenartige Weise belustigt.
»Fuck, Mika«, seufzt Harvey. »Ich nehme alles zurück. Deine Ironie-Erkennung ist heute echter Müll.«
Der Android sieht ihn ein wenig enttäuscht an.
»Und das meine ich zu einhundert Prozent unironisch«, fügt Harvey hinzu.
Wieder fühle ich mich auf eine ausgelassene Weise belustigt. Kommt wohl durch die Müdigkeit. »Ich möchte mich gern ausruhen«, sage ich so sachlich wie möglich. »Ich bin ziemlich kaputt von der Reise. Ich verschwinde in meinem Zimmer.«
Doch mit einem Satz macht Harvey all meine Pläne zunichte. »Du schläfst heute auf der Couch. Wenn du dich von deiner Reise erholen möchtest, solltest du das also hier tun.«
»Auf der Couch?«, wiederhole ich ungläubig. »Wieso kann ich nicht in meinem alten Zimmer schlafen?«
»Das ist jetzt Mikas Zimmer«, antwortet Harvey, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden.
»Wie bitte?« Enttäuschung brodelt in mir. »Du kannst doch nicht das Zimmer deiner Tochter an einen Robomenschen abgeben!«
Mit einem Ruck dreht Harvey sich um. »Du warst drei Jahre nicht hier!«
»Miss Williams«, schaltet sich der Android ein. »Mir war nicht bewusst, dass für Sie die Übernachtung auf der Couch ein großes Übel darstellt. Ich bin gern dazu bereit, das Zimmer für die Zeit Ihres Aufenthaltes für Sie zu räumen. Ich schlafe auf der Couch.«
»Du musst das nicht tun, Mika!«, ruft Harvey, erhebt sich und deutet mit dem Finger auf mich. »Dieser jungen Dame sind wir rein gar nichts schuldig.« Verzweiflung kocht in mir hoch. Hektisch gehe ich meine Alternativen durch. Es gibt zuhauf Hotels in der Stadt, aber die Kosten für die Zugtickets haben mein Konto ausgereizt. Ob ich das nötige Geld für ein paar Nächte zusammenkratzen könnte? Wahrscheinlich. Doch was tue ich danach? Ich könnte Piper, meine Freundin aus der Highschool, fragen, ob ich bei ihr unterkommen kann. Aber auch zu ihr hatte ich in den vergangenen Jahren nur sporadisch Kontakt. Ob sie mich überhaupt aufnehmen würde? »Harvey, vielleicht ist es besser, wenn du das Haus fürs Erste mir und Miss Williams überlässt. Was meinst du?«, fragt der Android freundlich.
Harvey brummt etwas Unverständliches.
»Du wolltest sowieso zu Randy«, argumentiert der Android. »Ihr wolltet das Footballspiel zusammen angucken. Erinnerst du dich? Es ist doch schön, Spaß mit deinem Kumpel zu haben und dazu beizutragen, dass die Gemüter sich ein wenig abkühlen. Er hat heute ebenso frei.« Er läuft zur Garderobe und reicht Harvey eine Jacke.
»Das Spiel beginnt erst in wenigen Stunden«, murmelt Harvey.
»Ist das schlimm?«
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass ich gleich mit dem Androiden allein sein werde.
Aber Harvey lässt sich überzeugen. Ich beobachte, wie Mika ihm in die Jacke hilft. Es ist befremdlich, zuzusehen, dass mein Vater jemanden so nah an sich heranlässt.
»Na gut.« Harvey tritt zur Haustür. Ein letztes Mal grummelt er »Lass den Blödsinn mit dem Nachnamen und nenn sie gefälligst Jen!«, ehe er das Haus verlässt.
Am Fenster stehend beobachtet der Android, wie Harvey die Verandastufen hinab geht. Randy wohnt direkt im Nachbarhaus, sodass wir ihn dabei beobachten können, wie er das angrenzende Grundstück betritt. Rocky steht schwanzwedelnd neben dem Androiden. Fast geistesabwesend streichelt er dem Golden Retriever über den Kopf.
Vorsichtig kommt der Android auf mich zu und lässt sich auf der Sofaecke nieder. »Ihr Wiederkehren hat Ihren Vater aufgewühlt«, sagt er und sieht mich eindringlich an. »Er ist sehr verletzt, dass Sie ihn so lange nicht besucht haben, Miss Williams.«
Erneut bin ich davon überrascht, wie sensibel diese künstliche Intelligenz über Gefühle redet, und doch trete ich wenige Schritte zurück.
»Du hast ja gesehen, wie wir miteinander umgehen. Wir sind nicht gut darin, eine Familie zu sein. Ich habe keinen Spaß daran, in seiner Nähe zu sein. Und er nicht in meiner. Verbringst du denn gern Zeit mit ihm?«
Der Android nickt. »Ja.« Seine Augen sind klar. Er meint das ernst.
Rocky macht es sich auf seinem Platz neben dem Sofa bequem. Der Android beobachtet mich mit ausdruckslosem Gesicht. Er strahlt eine einnehmende Ruhe aus.
Als er mich nach einer Weile noch immer anstarrt, senke ich beschämt den Blick. »Ist was?«
»Ja«, antwortet er. »Mein Name ist Mika. Nicht Robomensch.«
»Okay.« Eingeschüchtert stelle ich mich hinter die Sofalehne und gähne hinter vorgehaltener Hand. »Sorry. Wirklich. Ich hatte eine sehr turbulente Nacht.«
»Das kann ich mir vorstellen.« Nachtragend scheint er nicht zu sein. »Ich werde die Hälfte ihres Schranks freiräumen und bringe im Anschluss das Gepäck in Ihr Zimmer, Miss Williams«, sagt er pflichtbewusst und verschwindet aus meinem Blickfeld. »Dann schlafen Sie ein wenig.«
Nachdem der Android die Koffer in mein Zimmer gebracht hat, schließe ich geräuschlos die Tür hinter mir. Sie ist noch ein altes Modell und hat im Gegensatz zu der Haustür eine Klinke. Ich lehne mich an die Wand und lausche den Schritten des Androiden. Sie sind gleichmäßig, fast steif, und werden immer leiser, während er die Treppe hinabgeht.
Obwohl jeder meiner Koffer über zehn Kilo wiegen muss, hat er sie mit Leichtigkeit aufeinandergestapelt und neben meinem Bett abgestellt.
Ich sehe mich um und schweife in Erinnerungen ab. In diesem Zimmer hatte ich vor über einem halben Leben versehentlich meine Lieblings-Barbie geköpft. Am Schreibtisch habe ich mehr oder weniger gewissenhaft Hausaufgaben erledigt. Und auf den Fensterbrettern unter der Dachschräge verbrachte ich ganze Sommernächte.
Jedoch haben sich einige Dinge verändert. Wohingegen hier früher mein persönliches Chaos herrschte, wirkt das Zimmer nun aufgeräumt und nicht sonderlich bewohnt. Kein Wunder, hier wohnt ja auch eine Maschine.
Doch eine weitere Sache ist anders: der Geruch. Ich erkenne Rosenholz, Salbei und Zitrone. Nicht unangenehm. Ganz und gar nicht.
Ich streife durch den Raum und öffne die Schranktüren. Wie von Mika angekündigt, ist eine Seite komplett geräumt. Die andere Seite beinhaltet säuberlich zusammengefaltete Männerhosen und T-Shirts. Dazu jede Menge Hemden und Wollpullover.
Ich schließe die Türen wieder und versuche zu ignorieren, wie fürchterlich gut der Schrank wegen seiner Klamotten duftet. Wieso haben die Entwickler von Human Evolve ihre Androiden zu solchen Pheromonschleudern gemacht? Damit sie möglichst menschenähnlich erscheinen, um ihnen eine einfachere Integration in der Gesellschaft zu ermöglichen?
Im Haus ist es still geworden.
Ich werfe mich aufs Bett und atme tief durch. So richtig kann ich noch nicht fassen, dass ich wirklich hier bin.
Als ich erwache, ist es neun Uhr morgens. Den Rest des letzten Tages hatte ich in meinem Zimmer verbracht und mich gefragt, wie mein Leben nun weitergehen sollte. Dementsprechend unruhig war die Nacht verlaufen. Viele Stunden lang hatte ich mich von einer Seite auf die andere gewälzt. Immer wieder holten mich die Geschehnisse von gestern ein. So auch jetzt. Sobald ich die Augen aufschlage, kehren die Erinnerungen zurück. An Harvey, an meine Uni, an Jakob.
Vor allem an Jakob.
Mittlerweile wird er bemerkt haben, dass ich verschwunden bin. Wie er wohl darauf reagiert hat? Ich kann es mir denken. Sicherlich nicht gerade ruhig.
Um vorerst den Kopf freizubekommen, beschließe ich, eine Dusche zu nehmen. Die sanitären Anlagen sind zu meiner Verwunderung relativ sauber und aufgeräumt. Harvey war nie der Ordentlichste, sodass Mika ihn offensichtlich im Haushalt unterstützt. Ich frage mich, ob er sich auch die Zähne wie ein Mensch putzt und ebenso die Drogerieartikel auf der Armatur verwendet. Auf jeden Fall scheint der Android Harvey auch auf anderen Ebenen zu unterstützen. Er sprach gestern so liebevoll mit ihm, wohingegen er für mich keine netten Worte übrig hatte. Wie konnte er zu einer künstlichen Intelligenz so viel Vertrauen fassen?
Nachdem ich mich geduscht und angezogen habe, tue ich das, wovor ich mich bereits seit dem Aufwachen gedrückt habe: Ich greife nach meiner Comwatch, die auf dem Nachttischschrank liegt und bereits die ganze Zeit aufgeleuchtet hat. Ich lege sie an und aktiviere das Airpad, ein transparentes Display, das wenige Zentimeter über meinem Handgelenk in die Luft geworfen wird und sich mit den Bewegungen meiner Finger bedienen lässt. Während ich durch die Nachrichten wische, seufze ich ernüchtert auf. Der Speicher ist voll mit Kurzmitteilungen. Ich überfliege sie grob, stelle allerdings fest, dass sie sich nur geringfügig voneinander unterscheiden. Sie stammen alle von Jakob und drehen sich um diese eine Frage: »Wo bist du?« Das werde ich ihm auf keinen Fall verraten. Auf keinen Fall will ich, dass er mir nach Chicago folgt.
Jedoch kehren die Erinnerungen nun doch ungefiltert zurück. Daran, wie Jakob mich erst vorgestern Morgen angeschrien hat. Mich wieder und wieder gefragt hat, weshalb ich ihn nicht mehr liebe, wo er doch so viel für mich getan habe. Mich mietfrei bei ihm hat wohnen lassen, nachdem ich die Uni geschmissen habe und aus dem Studentenwohnheim ausziehen musste. Er hat geweint und Gegenstände an die Wand geschmissen. Und ich habe geschwiegen. Denn er gab uns die Antworten auf seine Fragen mit jedem zerbrochenen Untersetzer und jeder zerschlagenen Tasse.
Seine Wutausbrüche überschritten schon lange meine persönlichen Grenzen. Doch der Versuch, ein letztes klärendes Gespräch zu führen, war vollends eskaliert. Mittlerweile habe ich einfach nur Angst vor diesem Mann, den ich einst so sehr geliebt habe.
Ich drehe mich auf den Bauch und vergrabe mein Gesicht in dem Kissen. Einzelne Tränen versickern in der Bettwäsche.
Plötzlich klopft es an der Tür. Bevor ich reagieren kann, wird sie aufgerissen und der Android tritt herein.
»Guten Morgen, Miss Williams«, sagt er höflich.
Völlig überrumpelt rapple ich mich auf und wische mir mit dem Ärmel über die Augen. »Hey! Wieso platzt du einfach in mein Zimmer?«
Erschrocken tritt er einen halben Schritt zurück. »Oh. Verzeihung. Ich dachte, mein Klopfen …«
»Ich habe dich nicht hereingebeten«, erkläre ich wütend und hoffe inständig, dass er nicht bemerkt hat, dass ich geweint habe. »Ich meine, ich hätte auch gerade nackt sein können.«
»Das tut mir sehr leid, Miss Williams«, sagt er entschlossen. »Das wird nicht wieder vorkommen.«
Brummend setze ich mich im Schneidersitz auf.
»Ich bin hier, um Sie darüber zu informieren, dass Ihr Vater vor siebzehn Minuten zur Arbeit aufgebrochen ist und erst gegen Abend zurück sein wird«, erklärt der Android. »Morgen werde auch ich meine Arbeit in der Polizeistation aufnehmen. Damit Sie nicht auf uns angewiesen sind, hat Harvey mich gebeten, Ihre Fingerabdrücke zu nehmen.« Er legt ein Tablet auf den Nachttisch. »Letztes Jahr wurde das Sicherheitssystem erneuert, weshalb Ihre Daten nicht mehr gespeichert sind. Mit dem Scan können Sie problemlos ein- und ausgehen.«
Ich nicke dankbar und tue, wie mir geheißen. Nachdem meine Fingerabdrücke eingelesen sind, gebe ich ihm das Tablet zurück und frage perplex: »Arbeitest du mit meinem Vater zusammen?«
Mika scheint überrascht davon, dass mir diese Information neu ist. »O ja. Schon seit über einem Jahr. Seit meiner Inbetriebnahme, um genau zu sein.«
Die Info mit der Inbetriebnahme bringt mich derart aus der Fassung, dass mir keine Antwort einfällt. »Ich bin ein MIKA-1000, designt, um Lieutenants und Detectives zu assistieren. Ursprünglich wurde ich für die Jagd auf Dissidenten, also abtrünnige Androiden, eingesetzt und Ihrem Vater als Adjutant zur Verfügung gestellt. Nach der Revolution hat sich Harvey für meine Beförderung eingesetzt und so wurden wir Kollegen.«
Das alles aus einem viel zu menschlich aussehenden Mund zu hören, ist ziemlich seltsam.
