THE BROKEN HEARTS CLUB - Melanie Schütz - E-Book

THE BROKEN HEARTS CLUB E-Book

Melanie Schütz

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Beschreibung

Lila, gelb, pink - wenn Tia Musik hört, sieht sie Farben. Bunte Feuerwerke, Sprenkel und Strudel wirbeln durch ihren Kopf und pulsieren im Takt der Töne. Tia kennt niemanden, der diese Erfahrung teilt. Bis sie in einem Berliner Club Corvin trifft, dessen Lieblingslieder ausschließlich grün sind. Obwohl sie glaubt, den Fremden nie wieder zu sehen, trifft sie ihn dort, wo sie ihn am wenigsten erwartet hätte: in der Selbsthilfegruppe The Broken Hearts Club. Zunächst ist sie skeptisch, ob diese Gruppe ihr wirklich helfen kann. Doch dann findet sie dort Menschen, die genauso auf der Suche nach sich selbst sind und die sie verstehen. Und vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt - sich zu verlieben, sich mit ihrem Vater zu versöhnen und sich in ihrer Heimatstadt wieder zu Hause zu fühlen. Denn keine Stadt ist bunter als Berlin.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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1. Ein Kapuzenmädchen und ein Kapuzenjunge
2. Geneseung, Einigkeit, Dienst
3. Flashback und Slush
4. The Broken Hearts Club (1)
5. Kapuzenmädchen und andere Monster
6. Die Hotline des interkonfessionellen Schnellbeichtservices
7. Red and Blue
8. Was man nicht zurücknehmen kann
9. Wenn Erstklässler vor Wut in die Schultüte beißen
10. Der Dunkle Lord des Spree Châteaus
11. Die Farbe von ›Friday I’m in love‹
12. Zwei Vampire und ein Dach
13. Ein Affe, der bei dreißig Grad im Schatten einen Schal trägt
14. The Broken Hearts Club (2)
15. In Schlangenlinien über die Oberbaumbrücke
16. Mut zum Träumen
17. Sechshundertneunundzwanzig geteilt durch drei
18. Gebückt, aber nicht gebrochen
19. Ein Rosen verschenkender Vampir
20. Die Sache mit der Liste
21. Was fair ist und was angemessen
22. Eine feurige Rede
23. The Broken Hearts Club (3)
24. Locken zwischen den Fingern
25. Poller Nummer zwölf
26. Lache deinen Dämonen ins Gesicht und sie lachen zurück
27. Die Leoniden
28. Geige spielen ist wie Fahrradfahren
29. Wenn wir scheitern, dann scheitern wir zusammen
30. Silberstreifen am Horizont
31. The Broken Hearts Club (4)
32. Zwischen Aufbruch und Stillstand
33. Frühsommerfunkeln
Danksagung

Melanie Schütz

 

The Broken Hearts Club

Maybe we can learn to love the rain

(Band 1)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Artikel ist auch als Taschenbuch erschienen.

The Broken Hearts Club: Maybe we can learn to love the rain (Band 1)

 

Copyright

© 2024 VAJONA Verlag

Alle Rechte vorbehalten.

[email protected]

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags

wiedergegeben werden.

 

 

Lektorat: Vanessa Lipinski

Korrektorat: Aileen Dawe-Henning

Umschlaggestaltung: Julia Gröchel unter

Verwendung von Motiven von rawpixel

Satz: VAJONA Verlag, Oelsnitz

 

VAJONA Verlag

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Dad.

Hinweis

 

Dieser Roman behandelt Themen wie Depression, Aufarbeitung des Todes eines nahen Familienmitglieds, Trauer, Aquaphobie, Ertrinken und bipolare Störung.

1. Ein Kapuzenmädchen und ein Kapuzenjunge

 

Lila und gelb. Das sind sie, die Farben von Mister Vain.

Im Takt der Musik explodieren Farbbeutel vor meinen Augen.

Mein Gehirn verarbeitet dies als bunte Sprenkel, die niemand außer mir sehen kann. Es ist mein eigenes, kleines Feuerwerk, das in mir flimmert und leuchtet.

Ich versuche, mich auf die Musik und das bunte Spektakel in meinem Kopf zu konzentrieren, während ich über die Außenterrasse des Spindler und Klatts in Richtung Spreeufer gehe. Von dort aus kann ich auf das Wasser schauen und ich wünsche mir, diesem Anblick standhalten zu können.

Am Rand des Pontons bleibe ich stehen und hebe den Kopf. Vor mir liegt die Spree. Weit und nass. Breit und tief.

Eine Enge umschließt meine Brust. Ich atme tief aus und fokussiere mich auf den Fernsehturm in der Ferne. Auf das lila-gelbe Lied in meinem Kopf. Diese Berliner Nacht ist kühl und eigentlich voller frischer Luft. Doch es scheint nichts in meiner Lunge anzukommen. Nicht, wenn so viel Wasser an mir vorbeifließt.

Kurz schließe ich die Augen und mache dann kehrt. Nur langsam löst sich der Schraubstock von meinem Brustkorb, gibt mich frei. Aber nicht ganz. Denn die Frische des Flusses bleibt allgegenwärtig und erinnert mich an die Hektoliter Wasser, die hinter mir strömen.

»Tia? Ist alles okay?«

Rasch öffne ich die Augen und entdecke Nele, die an einem Stehtisch mit integriertem Sonnenschirm lehnt. Ihre glatten, blonden Haare wehen in der Samstagnachtbrise und sie nippt nach ihren Worten an der Bierflasche. So wie früher, als wir sämtliche Schulpausen gemeinsam mit Marie in der kleinen Hütte hinter der Turnhalle verbracht haben, holt sie eine Zigarettenschachtel aus der Brusttasche ihrer Jeansjacke.

Schnell nicke ich und ziehe die Kapuze auf meinen Kopf. »Klar.«

Reiß dich zusammen, Tia. Es ist nur die Spree. Früher hat sie dir doch auch nichts ausgemacht. Außerdem bleibst du nur zwei Tage in Berlin, ehe du wieder nach Frankfurt fährst. Zwei mickrige Tage. Das hältst du doch durch, oder?

»Das sieht aber nicht danach aus.« Stirnrunzelnd beobachtet Nele, wie ich mich an den Holzbänken vorbei auf sie zu bewege.

»Ich bin ein bisschen müde«, erwidere ich. »Ich bin seit sechs Uhr auf den Beinen. Musste früh aufstehen, um den Zug nach Berlin zu erwischen.«

»Und ehe du auf den Junggesellinnenabschied kamst, hast du deine Sachen bei deinem Paps abgestellt. Ich erinnere mich.« Nele zieht ein pinkes Feuerzeug aus der Hosentasche, das perfekt zu ihrem T-Shirt passt. Der Schriftzug Team Braut – gleicher Pimmel für immer ist auf beidem abgedruckt. »Marie wird dir wahrscheinlich nie verzeihen, dass du dein Brautjungfern-Shirt vergessen hast und im Kapuzenpullover aufgetaucht bist«, meint sie, während sie sich eine Zigarette anzündet.

Ich schiebe die Fäuste in die Vordertasche meines Hoodies. Krampfhaft versuche ich, mich auf die Farben der Musik zu fokussieren. Und auf Neles Gesicht, das Glühen ihrer Zigarette. Nur nicht auf das Wasser hinter mir. »Das werde ich wahrscheinlich auch nicht«, bringe ich mit leiser Stimme hervor.

Nele lacht auf und klopft mir auf die Schulter. Sie war schon immer die Lockerste unserer Mädchenclique. »Nimm dir nicht zu Herzen, dass sie deshalb ausgeflippt ist. Du weißt doch, wie Marie ist. Sie ist leicht nervös zu machen und durch die Hochzeitsplanung ist das noch schlimmer geworden. Im Moment hat sie jeden Tag mindestens eine Existenzkrise. Erst sollte der Blumenschmuck violett sein, dann fliederfarben. Gibt es da überhaupt einen Unterschied? Ihre Haare müssen hochgesteckt werden, aber wie? Wir waren bei vier verschiedenen Friseuren. Nie war sie zufrieden. Letzte Woche hat sie von den Brautjungfern verlangt, dass wir uns die Haare rot färben, weil das besser zu den Kleidern passt.«

»Hat sie nicht.«

»Hat sie! Sie ist Brautzilla! Ich sag’s dir!«

Ich muss lachen. Obwohl ich bis heute nicht an den Hochzeitsvorbereitungen beteiligt war, erkenne ich Maries Wesen in Neles Erzählungen wieder. Sie wird die Erste von unserem ehemaligen Dreiergespann sein, die heiratet. Und bereits bevor ich vor drei Jahren Berlin und unsere gemeinsame WG verließ, fieberte sie darauf hin.

Ich blicke an Nele vorbei und damit ins Innere des Spindler und Klatts. Lichter fegen über die Tanzfläche, die gar nicht zur Farbe der Musik passen. Marie tanzt die Choreografie von Bailando inmitten eines Pulks rosa gekleideter Frauen, als wäre es Sommer Neunzehnhundertachtundneunzig. Kurz beobachten wir beide sie lächelnd. Unsere Freundin hat die Zeit ihres Lebens. Genau so soll es sein.

Dann sagt Nele beiläufig: »Marie hat übrigens nicht damit gerechnet, dass du ihre Einladung annimmst und zu ihrem Junggesellinnenabschied zurück nach Berlin kommst.«

Ich meide Neles Blick, will die Wahrheit nicht aussprechen. Denn auch ich war mir bis gestern Abend nicht sicher, ob ich wirklich auftauchen werde oder nicht. »Hätte ich gewusst, dass ihr einen Stripper anheuert, hätte ich mir das noch mal überlegt«, erwidere ich betont lässig. Dabei habe ich die Situation mehr als zweimal durchdacht, aber Nele muss das nicht unbedingt wissen.

Wahrscheinlich bemerkt sie, dass ich meine wahren Gefühle überspiele. Ihre Stimme nimmt einen nachdenklichen Unterton an. »Das meine ich ernst, Tia. Eine Zeit lang dachten wir, dass du nichts mehr mit uns zu tun haben willst, weil du so plötzlich ausgezogen bist und dich danach kaum gemeldet hast.«

Das habe ich schon vermutet, denn über die Umstände meiner Flucht aus Berlin haben wir bis dato nur wenig gesprochen. Schuldbewusst ziehe ich mir die Kapuze in die Stirn.

»Um Himmels willen, das hatte nichts mit euch zu tun, Nele. Ich brauchte einfach Abstand von Berlin.« Mir wird kalt. Das Wasser in meinem Rücken ist mit einem Mal so präsent. Und als wäre das nicht genug, beginnen Regentropfen leise trommelnd auf den Schirm fallen. Regen. Fluss. Wasser. Ich ziehe den Stoff meines Kapuzenpullovers enger um mich.

Nele drückt ihre Zigarette aus. »Es lag an der Sache mit deiner Mutter, richtig? Das haben wir nämlich vermutet. Schließlich passierte das kurz vorher.«

Eigentlich wollte ich so kurz nach meiner Rückkehr gar nicht an Mama denken. Doch nun ist es zu spät. Ich nicke verhalten.

»Ja, das … war eine schwere Zeit für mich.« Der Regen wird lauter. Fest entschlossen, Vergangenem nicht so viel Raum zu geben, füge ich hinzu: »Ich weiß, dass ich euch damals vor den Kopf gestoßen habe. Ich bin vor der Konfrontation mit vielen Dingen, die meine Heimat betreffen, weggerannt. Und das möchte ich nicht mehr. Deshalb bin ich hier. Ich will mich Berlin wieder annähern. Stück für Stück. Dieses Wochenende zum Junggesellinnenabschied und in drei Wochen wieder zur Hochzeit. Verstehst du?«

Nele grinst. »Du brauchst dich überhaupt nicht rechtfertigen, Tia. Ich verstehe dich. Marie auch. Sie freut sich sehr, dass du zu ihrer Hochzeit kommst. Und ich tue es auch.«

Ich lächle.

»Tia!« Ein begeistertes Kreischen ertönt vom Eingang des Clubs. Eine Frau mit braunen, gewellten Haaren und ausdrucksstarken blauen Augen, deren Wimpern aufgeregt klimpern, tritt aus dem Backsteingebäude. Neben ihr stehen Jacqueline und Dora, zwei Freundinnen vom Junggesellinnenabschied. Die ausgelassen auf ihrem Haarreif wackelnden Puschel identifizieren Marie unmissverständlich als Bride to be. Ihr Lippenstift ist verschmiert und der Mascara verlaufen. Sie trägt einen Bauchladen, in dem sich unter anderem ein Kartenspiel, ein essbarer Tanga und ein stattlicher, lila Dildo befinden. Es ist ein Wunder, dass der Türsteher sie mit dieser Ausstattung überhaupt reingelassen hat. Er muss den Bauchladen unter ihrer Jacke übersehen haben und davon ausgegangen sein, dass sich irgendeine Anspielung auf die Neunziger hinter dem Haarpuschel verbirgt. Noch sind wir nicht rausgeflogen, aber Marie fordert ihr Glück mit steigendem Alkoholpegel immer mehr heraus.

Jubelnd eilt sie auf mich zu, breitet begeistert die Arme aus und übersieht in ihrem Übermut den Fuß eines Mannes mit schwarzer Kapuze. Sie stolpert und wird gerade noch rechtzeitig von Jacqueline aufgefangen.

»Na, du Schnapsdrossel?«, frage ich liebevoll und ziehe sie an mich.

Marie kichert. Sie riecht nach Tequila, dem zwei Euro neunundneunzig Parfüm, das sie verkaufen wollte – ich sehe es nicht im Bauchladen, also ist ihr das wohl geglückt – und nach etwas anderem, das mich an früher erinnert. An Übernachtungspartys in Paps’ Zelt, an das Abschreiben der Hausaufgaben auf dem Schulhof, an das gemeinsame Pizzaessen unter der Wolldecke.

»Ich weiß, ich habe es schon hundertmal gesagt, Tia, aber ich kann mich einfach nicht bremsen«, quiekt Marie. »Ich finde es so schön, dass du hier bist!«

»Es war sicherlich öfter als hundertmal.« Grinsend sortiert Nele die verbliebenen Gegenstände im Bauchladen.

Der Tequila Sunrise in Maries Hand schwappt unruhig hin und her. »Nur schade um dein Outfit.« Naserümpfend betrachtet sie meinen Nietengürtel, meine Docs und die Kapuze auf meinen Haaren. »Das ist so ein besonderer Tag für mich. Und du erscheinst im ganz normalen Tia-Look.«

Nele wirft mir einen wissenden Ich-habs-dir-ja-gesagt-Blick zu.

Sie hat recht. Das Gespräch mit Nele hat mir noch mal vor Augen geführt, wie viel ich in den vergangenen Jahren in puncto Freundschaftspflege versäumt habe und noch immer tue. Während ich nur den Junggesellinnenabschied und die Hochzeit besuchen werde, wird Marie bei der Organisation von ihrem Team aus Brautjungfern unterstützt. Ich hingegen falle auch noch bezüglich des Dresscodes aus der Reihe. Plötzlich übermannt mich das Bedürfnis, etwas wiedergutzumachen, und ehe ich richtig darüber nachgedacht habe, höre ich mich sagen: »Wie wäre es, wenn ich vor der Hochzeit eines der Brautjungfernkleider anprobiere?«

Marie reißt entzückt die Augen auf. »Das würdest du tun? Ein Kleid anziehen?«

Auch Nele ist verblüfft. »Ich glaube nicht, dass ich dich jemals in einem gesehen habe.«

Verdammt. Was habe ich nur getan? Ehe ich den Vorschlag zurückziehen kann, drückt Marie mir einen dicken Kuss auf die Wange. »Das klingt großartig, Tia! Hiermit bist du aufgenommen in meinem Team der Brautjungfern! Jetzt müssen wir dir nur noch eine Begleitung für die Hochzeit suchen.«

Alarmiert wische ich mir den Lippenstift von der Wange. »Begleitung?«

»Klar! Keine meiner Brautjungfern kommt allein. Zur Not nimmst du Neles Bruder Sam mit.« Marie kichert. Der Silikondildo kippt um und rollt quer über Kondompackungen, Vulvalutscher und Furzkissen.

»Sam? Der Stripper? Nie im Leben.«

Ich atme tief durch. Was ist los mit mir? Wieso habe ich mich dazu bereit erklärt, ein Brautjungfernkleid anzuziehen? Ich habe Kleider noch nie gemocht, weil ich mich darin nie wirklich hübsch fühle. Doch für einen Tag werde ich mich überwinden.

Dann werde ich mir eines weiteren Problems bewusst. Marie hat mich soeben ins Team ihrer Brautjungfern aufgenommen. Diese unterstützt die Braut außerdem bei sämtlichen Hochzeitsvorbereitungen. Natürlich könnte ich Marie bitten, mich von den meisten Verpflichtungen loszusagen und mich wie geplant bis zur Hochzeit nach Frankfurt absetzen. Doch das würde bedeuten, dass ich mal wieder aus der Rolle falle. Dass ich vor Berlin, meiner Vergangenheit und auch meinen Freundinnen weglaufe.

Marie bemerkt nichts von meinem Zwiespalt. Wankend betrachtet sie das Durcheinander auf dem Bauchladen. »Ich muss noch ein paar Sachen loswerden, ehe der Club geschlossen wird …«

Suchend sieht sie sich um und entdeckt den Mann, über dessen Fuß sie gestolpert ist. Er sitzt auf derselben Bank wie vorhin und nippt an seinem Bier. Im Gegensatz zu den zwei Frauen, die kichernd neben ihm Selfies machen, wirkt er nicht, als habe er besonders viel Spaß. Im Gegenteil. Er scheint geradezu gelangweilt zu sein.

Die beiden hingegen sind von seiner Gesellschaft ziemlich angetan. Jedenfalls vergewissern sie sich immer wieder bei ihm, wie er die Schnappschüsse findet.

Er antwortet kurz, geht aber auf die Gesprächsversuche der Rothaarigen ein. Sie ist schön anzusehen mit ihrem silbernen Top, für das es in dieser Oktobernacht eigentlich zu kalt ist.

»Siehst du die drei auf der Bank, Tia? Sie sehen aus, als benötigen sie dringend einen Candystring«, frohlockt Marie und marschiert kurzerhand auf die Gruppe zu.

Ich beobachte, wie euphorisch sie auf die Truppe zuläuft, und muss lächeln. Viele zukünftige Bräute empfinden Spiele rund um den Junggesellinnenabschied als Qual. Für Marie hingegen ist es ein wunderbares Erlebnis. Sie liebt alles an der Hochzeitsplanung. Es ist die aufregendste Zeit ihres Lebens.

Vielleicht sollte ich mir einen Ruck geben und die Zeit bis zu ihrem großen Tag tatsächlich in Berlin verbringen. Es wären ja nur drei Wochen. Jedoch müsste ich länger als die geplante Nacht in meinem alten Kinderzimmer schlafen.

Wie mein Vater darauf reagieren würde?

Ich kann ihn schlecht einschätzen. Bis jetzt haben wir uns nur kurz an der Haustür begrüßt, als ich meine Tasche bei ihm abgestellt habe. Ich bezweifle aber, dass er mich abweisen würde.

Nele grinst verschmitzt, als ich in ihre Augen sehe. »Willkommen im Club der Brautjungfern! Vielleicht gelingt es dir ja, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wir anderen haben schon aufgegeben.«

Bei diesem Stichwort schreit Marie auf. Der Gurt ihres Bauchladens ist gerissen. Jacqueline eilt ihr zu Hilfe, fängt den hinabrollenden Dildo auf und wischt sich mit geblähten Wangen den Schweiß von der Stirn.

Der Anblick überzeugt mich endgültig: Ich werde Brautjungfer sein und bis zur Hochzeit in Berlin bleiben. Denn Marie braucht und schätzt mich.

Grinsend drehe ich mich zu Nele. »Ich werde mein Bestes geben. Hiermit gehe ich meiner ersten Herausforderung als Brautjungfer nach: Ich unterstütze unsere Lieblingsbraut, sich nicht vollends zu blamieren.«

Als ich bei Marie ankomme, wird Loona gerade von den Spice Girls abgelöst. Eine Neunziger-Party ist keine Neunziger-Party, wenn nicht mindestens einmal Wannabe gespielt wurde. Seit wir hier eingetroffen sind, läuft dieses Lied zum mittlerweile dritten Mal.

Der DJ wollte vermutlich sichergehen.

Marie ist bereits im Verkaufsmodus. Sie zeigt den Frauen die anzüglichen Scherzartikel und scheint erfolgreich zu sein. Eine blonde Frau ist begeistert von Maries Präsentation einer rosafarbenen Atzenbrille. Wie ihre Freundin trägt sie ein silbernes bauchfreies Top im Stil der Neunziger.

Ihre zwei Zöpfe erinnern an das Aussehen von Christina Aguilera auf dem Cover der Maxi-CD von Genie in a Bottle. Der Mann im Hoodie lässt sich wenig beeindruckt gegen die Lehne der Bank sinken. Schweigend beobachtet er, wie Marie vor den Augen aller zur Hochform aufläuft.

»Dieser String ist eine erstklassige Wahl!« Mit Feuereifer deutet Marie auf die Packung mit dem Candystring, den die Rothaarige zwischen den Fingern hält. »Die Einsatzmöglichkeiten könnten vielfältiger nicht sein! Du kannst ihn anziehen und dir vom Leib essen lassen. Das bringt so richtig Schwung ins Bett! Oder du bist clever, behältst das gute Stück für dich und isst es selbst.«

Die rothaarige Frau sucht den Blick des Mannes. »Corvin, denkst du, ich sollte …?«

»Die Brille nehme ich«, verkündet ihre Freundin und wühlt in ihrer Handtasche. »Du willst dafür vier Euro, richtig?«

Marie nickt entschlossen und nimmt die Münzen entgegen. »Super, danke dir! Da lege ich doch glatt ein Knicklicht obendrauf!« Großzügig zieht sie ein rotleuchtendes Röhrchen aus der Hosentasche.

Der Mann mit der Kapuze lehnt sich nach vorn. Er mustert den spärlichen Rest auf der Verkaufsfläche und sieht dann zu Marie hoch. Seine Kapuze rutscht ein Stück zurück und offenbart blonde, kurze Haare. »Was macht ihr mit den Einnahmen?«, fragt er mit tonloser Stimme.

Ausgelassen stellt Marie den Kasten auf dem Palettentisch ab. Dabei wirft sie ein Glas um, das glücklicherweise leer war. »Was für eine Frage. Wir lassen so richtig die Sau raus! Kaufen Cocktails und Sekt!«

»Außerdem wartet der Stripper noch auf seine Gage«, füge ich hinzu und stelle unauffällig das Glas zurück. Ich umfasse Maries Taille, um zu verhindern, dass sie mitten auf den Bauchladen stürzt.

Der Mann schaut mich an und sein Blick gleitet über meine Kapuze, bis er meine Augen findet. Seine Iriden sind ungewöhnlich grün und heben sich deutlich von seinem blassen Gesicht ab. Für einen kurzen Moment hält mich sein Blick gefangen. Dann greift er zu seinem Portemonnaie. »Das Geld ist also für einen guten Zweck, ja? Wir nehmen den String, diesen wunderschönen Dildo und … habt ihr auch ein grünes Knicklicht?«

Eifrig durchsucht Marie ihre Taschen. »Das wird aber nicht billig, mein Lieber! Mit diesem lilafarbenen Prachtteil hast du schließlich die Macht, jeden Menschen auf dieser Party glücklich zu machen. Aber ich will mal nicht so sein und überlasse dir das Komplettpaket für schlappe sieben Euro.« Sie legt ein grünes Knicklicht auf die Holzplanken und hält abwartend die Hand auf.

»Dann kann heute Abend ja nichts mehr schiefgehen«, erwidert er seufzend. »Hier, das passt so.«

Blinzelnd starrt Marie auf den Schein in ihrer Hand. Kurz ist alles still. Nur der Gesang der Spice Girls dringt gedämpft zu uns herüber. Dann platzt es aus ihr heraus: »Du zahlst hundert Euro? Für einen Dildo?«

Er legt das Knicklicht um sein Handgelenk und steckt die Enden ineinander. Das grüne Leuchten sticht hervor und ist der einzige Farbklecks in seinem schwarzen Outfit. Achselzuckend hebt er die Faust. »Eher für das Knicklicht. Ich mag grün.«

Für einen Augenblick schaut Marie ihn verständnislos an. Dann überwiegt die Freude. »Nele, Tia, habt ihr das gehört?«, ruft sie und schwenkt den Schein über dem Kopf. »Ich habe hundert Euro eingenommen!«

»Danke dir.« Die rothaarige Frau nimmt den Candystring an sich und wirft dem Mann mit der Kapuze einen glühenden Blick zu. Doch seine Aufmerksamkeit gilt allein dem grünen Schimmern an seinem Arm.

»Tia!« Marie zieht mich zur Seite und umschließt meine Schultern. »Dem Outfit nach zu urteilen, ist der Kapuzenmann dein verlorener Zwilling. Außerdem ist er heiß und großzügig! Würde er sich nicht super als deine Hochzeitsbegleitung eignen?«

»Was?« Verblüfft reiße ich die Augen auf. Ich gehe schon einen Kompromiss ein, indem ich mich die nächsten Wochen bei meinem Vater einquartiere. Ich schüttle vehement den Kopf. »Kommt nicht in die Tüte! Ich kenne den doch gar nicht.«

»Noch nicht!«

»Warum brauche ich unbedingt eine Begleitung?«

Während Marie mich darauf aufmerksam macht, dass ich mit einem Mann an meiner Seite garantiert mehr Spaß hätte und meine Alternative ein Escort für Damen sein könnte, retten mich ausgerechnet die Backstreet Boys. Der Gesang hallt so laut durch den Club, dass sämtliche Partygäste auf der Terrasse aufhorchen.

»Everybody, rock your body. Everybody, rock your body right.«

Marie, Nele und die anderen Mädels von der Junggesellinnen-Gang starren einander in die weit aufgerissenen Augen und vervollständigen wie aus einem Mund: »Backstreet’s back, alright!«

Nele nimmt Maries Hand. »Lass Tia in Frieden und gehe mit uns tanzen. Wie es sich für eine angehende Braut gehört. Na los!«

»Aber ich kann doch nicht zulassen, dass eine meiner Brautjungfern ohne Anhang kommt!«, jammert Marie und lässt sich leise schimpfend mitziehen. Die Frauen mit den Silbertops flitzen ihr hinterher. 

Nele dreht sich zu mir um, hebt bedrohlich die Arme und ahmt mit weit aufgerissenem Mund das Knurren eines Monsters nach. Dann verschwindet die Gruppe auf der Tanzfläche.

Ganz ohne meine Freundinnen bleibe ich draußen zurück.

Lächelnd sehe ich ihnen hinterher. In den letzten drei Jahren bin ich nur sporadisch auf die Kontaktversuche meiner Freundinnen eingegangen. Dass Nele und Marie mich trotzdem in ihrer Mitte willkommen heißen, als sei ich nie weg gewesen, ist unerwartet, aber schön. Zum Glück haben sie mich nicht dazu gedrängt, mit ihnen auf die Tanzfläche zu gehen. Sie wissen, dass ich einen Abend auf der Couch einer Party immer vorziehen würde. Ich bin die Introvertierte von uns. Diese Tatsache hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Ich bin gern zu Hause, gern allein. Und nun brauche ich dringend eine Pause von dem Trubel.

Den Blick auf den Eingang des Club geheftet, den Fluss im Rücken, lehne ich mich an einen Bartisch und nippe an meiner Mateflasche. Nun sind es nur noch wir drei. Die Spree, der Regen und ich.

Ich fröstle. Nicht aufgrund des Windes. Mein Hoodie schützt mich vor ihm. Sondern, weil ich die Präsenz des Wassers hinter mir wieder deutlich spüre. In dem Frankfurter Vorort, in dem ich wohne, gibt es nur einen kleinen Bach, dem ich leicht ausweichen kann. Doch hier zieht sich die Spree mit ihren Kanälen durch die ganze Stadt. Und plötzlich wird mir klar, dass mich diese beklemmende Kälte von nun an die nächsten Wochen begleiten wird. Solange ich in Berlin bin, bin ich physisch öfter in der Nähe von Wasser, öfter in der Nähe von ihr.

Plötzlich ertönt eine Stimme hinter mir. »Deine Freundin sollte ins Fernsehen gehen. Das Teleshopping braucht Leute wie sie.«

Ich fahre herum. Die Außenterrasse ist fast komplett leer. Die Backstreet Boys haben die meisten auf die Tanzfläche gerufen. Außer mir und eine Handvoll unbekannter Menschen. So wie diesen Typen mit der Kapuze. 

Ich beobachte seine schwarze Gestalt, die noch immer auf der Bank sitzt, den Arm auf die Lehne gelegt hat und mich herausfordernd anstarrt. Das grüne Knicklicht ist unter seinem Ärmel verschwunden. Der lilafarbene Dildo steht aufrecht am Boden des vergessenen Bauchladens und wird vom Saugnapf gehalten. Inmitten der Scherzartikel wirkt der Typ leicht deplatziert.

Ich halte den Atem an und ziehe in Erwägung, ihn zu ignorieren. Nur selten komme ich mit Fremden ins Gespräch. Schnell gehen mir die Themen aus oder ich habe das Gefühl, immer genau das Falsche zu sagen. Unsouverän rüberzukommen oder langweilig zu sein. Doch der Mann, der so unbedarft einen Junggesellinnenabschied sponsert, schürt meine Neugierde. Und er übt eine gewisse Anziehung auf mich aus, die ich mir gegenüber nicht leugnen will. Also gebe ich mir einen Ruck und schlendere in seine Richtung. Mit aller Kraft ignoriere ich dabei den goldenen Schimmer, den die Lichter der Häuser auf die dunklen Wellen legen.

»Sie arbeitet im Vertrieb«, erkläre ich ihm. »Sie verkauft Waschmaschinen.«.

»Waschmaschinen.« Sein Mundwinkel zuckt. »Ihr Arbeitgeber kann sich glücklich schätzen.«

»Du hast wirklich hundert Euro für ein Knicklicht gezahlt?«, entfährt es mir, als ich bei ihm angekommen bin. »Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich das großzügig oder großspurig finde.«

Er seufzt und lässt sich mit dem Rücken gegen die Bank sinken. In der Hand hält er eine Zigarette. Als er ausatmet, schleicht sich eine Rauchwolke aus seinem Mund dem Himmel entgegen. »Wahrscheinlich ist es beides.«

Unentschlossen spiele ich mit der Kordel meiner Kapuze. Ein Teil von mir fordert mich dazu auf, Abstand zu ihm zu wahren. Dieser Mann wirkt geheimnisvoll. Doch dass er auf so eine wundersame Art einen verlorenen und gleichzeitig gleichgültigen Eindruck macht, erinnert mich an das Chaos in meinem eigenen Herzen. Deshalb lasse ich mich neben ihn auf die Polster sinken. Mit der farbigen Musik im Kopf und dem Rücken zur Spree, hoffe ich zu vergessen, wie viel Hektoliter Wasser hinter uns fließen.

»Was führt dich auf eine Neunziger-Party?«, frage ich. »Du machst nicht den Anschein, als hättest du Spaß.«

Er ascht in eine leere Bierflasche. »Ich habe mich spontan überreden lassen, hier herzukommen. Ich dachte mir, dass es bestimmt nicht so schlimm werden kann, schließlich bringt dieses Jahrzehnt ziemlich gute Lieder mit sich. Deshalb bin ich davon ausgegangen, dass der DJ auf einem Floor so etwas wie Nirvana, Placebo oder Metallica auflegt. Aber Fehlanzeige.«

Schmunzelnd stelle ich die Füße neben seine auf den Tisch aus Europaletten und umschlinge die Knie. »Ich habe auch damit gerechnet, dass sie Self Esteem oder zumindest Losing my Religion auflegen. Aber das Rockigste bisher waren die Gitarren in Backstreet’s Back.«

Das laute Gekreische der Tanzenden dringt zu uns nach draußen. Sie schreien den Namen der Backstreet Boys so laut, als ob sie eine heilige Zeremonie feiern.

Der Typ lässt seinen Kopf an die Lehne fallen. »Du sagst es. Ich bin so verzweifelt, dass ich mich mittlerweile sogar über Wonderwall oder was von U2 freuen würde. Hauptsache kein Tic Tac Toe mehr.«

»Du magst also Rockmusik.«

»Ja. Rock und Klassik«, ergänzt er. Mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet. Ich will nachhaken, doch plötzlich sieht er mich unverwandt an. Grüne Augen, die von dunklen Ringen untermalt sind, treffen auf meine. Er hält mir eine offene Zigarettenschachtel hin. »Willst du eine Kippe?«

Überrumpelt schüttle ich den Kopf. »Danke. Ich rauche nicht mehr.«

Anerkennend nickt er. »Du hast aufgehört? Heftig. Dann will ich dich nicht verleiten.« Er steckt sich eine weitere Zigarette an. Sein auf das Feuerzeug konzentriertes Gesicht leuchtet auf, als er den Tabak zum Glühen bringt.

Kurz schweigen wir und er streckt die Beine aus. Sie sind viel länger als meine, stecken aber in den gleichen Stiefeln. Dr. Martens. Meine sind dunkelrot, seine schwarz. Über Kreuz liegen sie quer auf dem Tisch, während er ausdruckslos in die Nacht starrt und mit den Fingern über das Knicklicht fährt.

»Grün, ja?«, frage ich und deute auf sein Handgelenk. »Wie die Hoffnung.«

»Das ist die Farbe aller meiner Lieblingslieder«, murmelt er, ohne mich anzusehen, und nimmt einen Zug von seiner Zigarette.

Ich horche auf. »Du kannst Musik sehen?«

»Hört sich für dich sicherlich schräg an, was?« Er schiebt sich die Kapuze auf die Schultern. Eine Tätowierung ziert seinen Hals. Das Motiv kann ich in der dämmrigen Außenbeleuchtung nicht erkennen.

»Nicht wirklich«, erwidere ich. »Mein aktuelles Lieblingslied ist gelb-orange.«

Er hebt die Brauen. »Bist du auch Synästhetikerin?«

Ich nicke. Seit ich denken kann, verbinde ich akustische Signale mit Farben. Als Kind dachte ich, es ginge jedem Menschen so. Erst als ein Mitschüler im Musikunterricht nicht verstand, warum ich die Tonfolge von Alle meine Entchen als gelb bezeichnete und Fuchs, du hast die Gans gestohlen als rot, begriff ich, dass ich anders war. Heute weiß ich, dass Synästhesie eine neurologische Besonderheit ist. Manche Menschen verknüpfen Buchstaben mit Farben, Formen mit Geschmäckern, Zahlen mit Gerüchen. Farben mit Musik zu verbinden, gehört zu den gängigsten Arten.

Ich deute zum Club, in dem mittlerweile Blue von Eiffel 65 läuft. »Das Lied ist für mich rosa und braun.«

Er grinst. »Für mich ist es lila.« Mit diesem leichten Lächeln auf den Lippen wirkt er spitzbübisch. Ich kann nachvollziehen, warum die beiden Frauen mit den silbernen Tops ihm nicht von der Pelle gerückt sind.

»In welcher Farbe nimmst du Wannabe wahr?«

»Blau«, antwortet er, ohne zu überlegen.

»Für mich ist es rot-schwarz.«

Er setzt sich auf und bettet den Fuß auf sein Knie. Vor sich hin grinsend schüttelt er den Kopf. »Wow. Ausgerechnet hier treffe ich eine Synästhetikerin. Ich kenne niemanden, der Musik auch in Farben wahrnehmen kann.«

»Oh, meine Mutter konnte das auch«, erwidere ich. Kurz darauf beiße ich mir auf die Zunge.

Mist …

Um nicht länger an sie denken zu müssen, füge ich schnell hinzu: »Übrigens ist Lady Gaga ebenfalls eine von uns. Sie hat mal gesagt, dass sie ihren Song Poker Face als ein sattes Bernstein sieht. Stimmst du zu?«

Empört hebt er die Brauen. Der Wind spielt mit seinen Haaren und wirbelt sie durcheinander. »Bernstein? Ich bitte dich. Das Lied ist türkis.«

»Das sehe ich auch so! Es ist türkis. Und pink.«

Er schnaubt und betrachtet mich für einige Sekunden. Seine Augen huschen über meine gepiercten Ohren, meinen Sidecut, die kurzen, gewellten Haare und bleiben an meinen Händen hängen. Er lehnt sich nach vorn und erklärt: »Die Töne sehe ich in Höhen und Tiefen bildlich vor mir. Wenn also ein hoher Ton gehalten wird –« Er deutet mit dem Finger nach oben und zeichnet sanfte Wellen in die Luft. »Sind sie für mich als solche erkennbar, und wenn es tiefe Töne sind –« Sein Finger sinkt hinab auf seine Knie, wo sie mit den Bewegungen fortfahren. »Sehe ich sie weiter unten. Auch den Rhythmus sehe ich bildlich vor Augen.« Im Takt zu Coco Jamboo tapsen seine Zeige- und Mittelfinger über den Stoff seiner Jeans.

Ich versuche, mir seine Schilderungen farblich vorzustellen, werde aber von seinen Fingern überrascht, die sich langsam zu mir herübergetastet haben.

»Hab dich«, sagt er grinsend und umschließt mit einer flüssigen Bewegung meinen Daumen. Seine Handfläche ist warm und etwas rau, sein Blick herausfordernd, aber sanft.

Überrumpelt beobachte ich, wie er zart mit meinen Fingern spielt. Ich schaue ihm wieder in die Augen und erkenne überraschenderweise Besonnenheit in seinem Blick. Er will sich mit dieser behutsamen Annäherung nicht mehr nehmen, als ich bereit bin zu geben.

»Höhen und Tiefen sehe ich nicht«, erwidere ich mit belegter Stimme. »Nur ein allgegenwärtiges Pulsieren. Es ist wie ein Holi-Festival in meinem Kopf.«

»Das klingt spaßig.« Unauffällig drückt er mit der rechten Hand seine Zigarette aus und streichelt dann über meinen Handrücken. Langsam und vorsichtig.

Wortlos beobachte ich das. Der scheue Part in mir fordert mich dazu auf, mich ihm schnellstmöglich zu entziehen. Das hier ist so intim. So schön! Und damit gefährlich. Doch in mir meldet sich eine weitere Stimme. Eine, die mich dazu auffordert, sich treiben zu lassen. Unschlüssig befeuchte ich meine Lippen mit der Zunge. »Den Trick mit den wandernden Fingern nutzt du bestimmt nicht zum ersten Mal, um nach der Hand einer Frau zu greifen.«

Seine Finger umschließen meine fest und sicher. »Das mit dir ist anders. Du bist die Erste, die sieht, was ich höre.« Der Schein der Lichterketten fällt in seine Augen und lässt sie in der kühlen Nacht funkeln. »Na, was ist? Verrätst du mir endlich deinen Namen?«

Ich erwidere den Druck seiner Hand und lasse zu, dass er die Finger zwischen meine schiebt. »Tiara. Aber man nennt mich Tia.«

»Oder Kapuzenmädchen«, vervollständigt er.

Ich lächle. 

Er zieht mich an den Händen näher zu sich. »Ich bin –«

»Corvin. Ich weiß.«

»Tia und Corvin.« Er spricht unsere Vornamen so aus, als könne man sie ab sofort nur noch in einem Atemzug erwähnen. Das finde ich eine Spur zu romantisch. Ich will widersprechen, doch er fährt fort: »Okay, Kapuzenmädchen. Ich mache dir einen Vorschlag. Wir gehen rein, ich rede mit dem DJ und er spielt dir zu Ehren Friday I’m in Love on The Cure. Was hältst du davon?«

»Was?« Er will den DJ überreden, seine Playlist zu ändern, um mich zu beeindrucken? Ich schüttle den Kopf. »Mach‘ solche Faxen bitte ohne mich.«

Meine Ablehnung scheint ihn noch mehr anzustacheln. »Oh, komm schon!«, erwidert er, ohne den frechen Glanz in seinen Augen abzulegen. »Das Lied stammt auch aus den Neunzigern und hebt sich von dem Einheitsbrei hier ab. Welche Farbe hat es für dich?«

Ich übergehe seine Frage. »Der DJ wird nie und nimmer einen Song auflegen, der kein Dancetrack ist.«

»Wird er. Wetten?«

»Wird er nicht.«

»Ich bezahle ihn.«

Ich starre ihn an. Er starrt zurück.

»Und wie viel wirst du ihm anbieten?«

Corvin zuckt die Achseln. Sein Blick schweift über die leeren Bänke des Außenbereichs und er nimmt einen Schluck von seinem Bier. »Mir egal. So viel er will.«

Ich tue etwas, das schon längst überfällig ist. Ich ziehe meine Hand aus seiner.

So ein Aufschneider!

»Ich werde ihm fünfzig Euro vorschlagen«, setzt er hinzu. »Wenn er das nicht annimmt, bin ich bereit, auf bis zu fünfhundert hochzugehen. Mehr nicht. Aber auch nur, weil das alles ist, was ich dabeihabe.«

Ich ziehe scharf die Luft ein.

»Komm schon, Kapuzenmädchen.« Seine Stimme hat einen bittenden Ton angenommen. »Mir ist scheißegal, wie viel es kostet. Ich will einfach mit dir tanzen.«

Der Ausdruck in seinen Augen ist ernst. Er blufft nicht. Er ist wirklich bereit, den DJ mit Geld zu bestechen. Nachdem er so viel für einen Dildo und ein Knicklicht gezahlt hat, hätte ich es wissen sollen: Dieser Typ hat jeglichen Bezug zur Realität verloren.

»Danke für das Angebot«, murmle ich und stehe auf. »Aber ich werde jetzt Marie suchen.«

Der Anflug von Enttäuschung flackert in seinen Augen. Dann verschränkt er die Arme vor der Brust und legt die Füße zurück auf den Palettentisch. »Dann halt nicht.«

Unentschlossen schaue ich zu ihm herunter. Plötzlich wirkt er distanziert. Eventuell ist er es nicht gewohnt, mit seiner Protzerei auf Granit zu stoßen.

Ernüchtert ziehe ich die Kapuze hoch. Noch während ich mich an dem Schirm vorbei drücke, werde ich von zwei gackernden Frauen zur Seite gedrängt. Die Mädels mit den Silbertops sind wieder da.

Ich sehe aus den Augenwinkeln, wie sich die Rothaarige in seinen Arm fallen lässt und mit dem Candystring wedelt. Er weicht nicht zurück, reckt aber den Kopf nach mir.

Ich beachte ihn nicht weiter, drehe mich um und betrete den Club.

Dort tönt Rhythm is a Dancer aus den Lautsprechern. Es hat eine ähnliche Farbe wie Mister Vain. Gelb und lila.

Während ich mich an schwitzenden Menschen vorbeischiebe, geht mir Corvin mit seinem Knicklicht nicht aus dem Kopf. Ich stelle mir vor, wie der DJ Friday I’m in Love auflegt, wie alle die Tanzfläche verlassen und wir beide in unseren Kapuzenpullovern übrigbleiben. Vor meinem inneren Auge erscheint sein keckes Grinsen, beleuchtet von dem bunten Licht der Stroboskope. Ich sehe vor mir, wie er langsam näherkommt, die Hand nach mir ausstreckt und mich wortlos zum Tanzen auffordert. Allein der Gedanke entfacht ein nervöses Feuer in meiner Brust. Und für diesen Spaß würde er fünfhundert Euro hinblättern? Wer macht denn sowas?

Obwohl mich sein Angebot verstört hat, huscht mir bei dieser Vorstellung ein Lächeln übers Gesicht. Es ist beinahe schade, dass wir uns wahrscheinlich nie wieder sehen werden. Aber nur fast.

Der DJ legt Wannabe auf. Schon wieder.

Marie empfängt mich mit ausgebreiteten Armen. Alle vier Frauen haben ein Sektglas in der Hand, und Nele sogar zwei. Eins ist für mich. Wessen großzügige Spende uns den Kauf dieser Drinks ermöglicht hat, weiß ich sofort. Corvin.

Ich nehme es an und lasse mich mitreißen. Eigentlich wollte ich ja nicht tanzen. Aber ich will es versuchen.

Rote und schwarze Farbfolgen explodieren vor meinen Augen und zirkulieren durch meinen Kopf.

Marie strahlt. Ich auch. Denn wir drei sind wieder vereint.

Und nun bin ich vollends überzeugt: Es ist die richtige Entscheidung, dem Herbst in Berlin zu trotzen und mich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen. Genau für dieses Gefühl.

2. Geneseung, Einigkeit, Dienst

 

Mein Finger gleitet über die Schnappschüsse längst vergangener Zeiten, während ich langsam die Treppe zu meinem Kinderzimmer hinauf steige. Die Rahmen der Fotos sind goldverschnörkelt. Sie wirken geradezu überheblich auf der vergilbten Tapete. Doch Mama war das egal. Sie hatte immer eine Schwäche für prunkvolle Deko.

Seit ich vor einer halben Stunde vor dem mit Efeu überwucherten Haus stand und im Schein der aufgehenden Sonne den Schlüssel unter der Fußmatte suchte, freute ich mich auf diesen Augenblick. Darauf, ganz in Ruhe die Fotos im Treppenaufgang anzuschauen. In Erinnerungen an Momente zu schwelgen, in denen alles noch in Ordnung war. Und ich freue mich auf mein Zimmer. Mein Bett. Darauf, mich zurückzuziehen, meine sozialen Akkus wieder aufzuladen. So mache ich es zu Hause schließlich auch. Wenn es mir zu viel wird, verkrieche ich mich vor der Welt in meiner Wohnung, in mein Tipi, in mein Bett. In Sicherheit.

Die Fransen des Teppichs, auf dem ich stehe, sind flachgetreten. Paps ist diese Treppe jahrzehntelang mit seinen schweren Arbeitsschuhen morgens hoch- und abends heruntergestapft. Doch am Rand sind die Stufen flauschig. Während ich die Fotos bestaune, setze ich meine Zehen bewusst auf diese unberührten Stellen. Mal verweile ich länger auf einer Stufe, mal nehme ich zwei auf einmal. Je nachdem, wie intensiv ich mich mit den Relikten des jeweiligen Jahres befassen möchte.

Die Fotos erzählen die Geschichte dieses Hauses. Ich erkenne Klein-Tia auf Paps’ Schultern. Tia mit schokolade- verschmiertem Gesicht auf der Küchenanrichte. Tia mit einer Schultüte im Arm, die so groß ist, dass sie sie kaum anheben kann. Dann Mama auf der Hochzeit ihrer Schwester in einem roten Cocktailkleid. Tia, Paps und Mama beim Zelten am See. Beim Angeln. Paps mit unserem längst verstorbenen Kater Sumo. Ein Hochzeitsbild von Mama und Paps, lange bevor ich auf der Welt war. Und wieder Tia. Mit sieben in einer Karnevalsverkleidung. Mit acht am Strand. Mit zehn vor dem Eiffelturm. Doch mit dem Teenageralter bricht die Serie an Bildern ab. Eine Zeit brach an, in der niemand in dieser Familie gern Fotos schoss, geschweige denn einrahmte.

Das Geräusch der zufallenden Haustür lässt mich aufschrecken. Ich erstarre, halte den Atem an, lausche und hoffe, dass er meine Füße nicht auf dem Treppenabsatz sieht.

Ein Schlüsselbund fällt geräuschvoll auf den Wohnzimmertisch. Dann folgt das Rascheln einer achtlos daneben gelegten Zeitung.

Ich atme auf. Er hat mich nicht bemerkt. Ich will gerade nach oben schleichen, da knurrt eine tiefe Stimme: »Tiara?«

Ich seufze. »Ja?«

»Versteckst du dich vor mir?«

»Nein.« Widerwillig trotte ich die Stufen hinunter.

Paps steht im Wohnzimmer. Er trägt ein kariertes Hemd und eine weite Jeans. Seine hellgrauen Haare fallen ihm in Wellen in den Nacken. Die Hände hat er abwartend in die Hüften gestemmt. »Warum stehst du dann schweigend auf der Treppe, statt deinem Vater einen guten Morgen zu wünschen?«

»Ich bin gerade erst zurückgekommen und wollte ins Bett. Ich bin seit knapp vierundzwanzig Stunden auf den Beinen.«

»Dann schaffst du auch noch eine fünfundzwanzigste. Du fährst heute Nachmittag wieder, nicht? Nun komm schon, setz dich zu mir. Nach den drei Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, bist du deinem alten Herrn zumindest einen Kaffee schuldig.«

Ich zögere. Der Tag war nicht nur anstrengend, ich hatte auch mehr Menschenkontakt als normalerweise in einem Monat. Ein Gespräch mit Paps hat das Potenzial, mir das letzte Fünkchen Kraft auszusaugen. Andererseits muss ich ihm noch etwas beichten. Also willige ich ein. »Na gut, ich trinke einen Kaffee mit dir. Aber nur einen kleinen.«

Mein Vater nickt zufrieden. Ächzend läuft er in die offene Küche und bereitet die Kaffeemaschine vor. Die Morgensonne scheint auf seine wettergegerbten Hände, die viel runzliger aussehen als das letzte Mal, als ich in Berlin war.

»Wenn eure Party so lange ging, war sie sicherlich gut.«

Ich unterdrücke ein Gähnen, lasse mich auf den Küchenstuhl sinken und lege das Kinn in die Handflächen. »Stripper und Neunziger sind nicht ganz mein Ding. Aber Marie hat es gefallen und das ist die Hauptsache.« Unwillkürlich schweifen meine Erinnerungen zu Corvin. Kurz frage ich mich, was er gerade macht und wo er wohnt. Ob er einen weiteren Gedanken an mich verschwendet? Doch dann schiebe ich die Begegnung aus meinem Bewusstsein. Wahrscheinlich hat er mich schneller vergessen, als der DJ das nächste Mal Wannabe aufgelegt hat. »Kaum zu fassen, dass Marie wirklich den Hoffmann-Jungen heiratet. Den hat sie schon angehimmelt, als ihr Teenager wart«, murmelt Paps. »Marie ist sicherlich aufgeregt, oder?«

Die Kaffeemaschine erwacht surrend zum Leben.

Ich lache verhalten. »Aufgeregt ist gar kein Ausdruck. Sie ist in einem absoluten Ausnahmezustand. Sicherlich wird das die nächsten drei Wochen anhalten. Dann ist nämlich die Hochzeit.« Nervös ziehe ich die Hände in die Ärmel meines Hoodies. Es ist Zeit, mit der Sprache herauszurücken. Ich hole tief Luft. »Marie hat mich gestern spontan zu ihrer Brautjungfer ernannt. Sie hätte mich bis zu ihrer Hochzeit gern an ihrer Seite. Darum spiele ich mit dem Gedanken, doch nicht zurück nach Frankfurt zu fahren, sondern vorübergehend hierzubleiben.« Mit dem Rücken zu mir hält Paps inne. Weil er nichts erwidert, plappere ich weiter: »Mit meinem Tablet kann ich von überall aus arbeiten. Ich verdiene mein Geld noch immer als Illustratorin, bin also nicht auf einen festen Arbeitsplatz angewiesen und –«

Ruppig zieht Paps zwei Kaffeetassen aus dem Küchenschrank. Sie klirren, als er sie auf die Anrichte stellt. »Milch?«

»Hast du etwas anderes als Kuhmilch? Ich ziehe mittlerweile vegane Alternativen vor.«

»Also schwarz.« Er zieht eine Tüte aus dem Kühlschrank. Sein Blick ist hart, als er meinem begegnet. »Wenn Marie heiratet, kannst du drei Wochen entbehren. Aber als ich dich um ein paar Tage Unterstützung gebeten habe, war dein Terminkalender voll, was?«

Ich zucke zusammen. Bemüht, das Gespräch in eine erfreuliche Richtung zu lenken, deute ich auf die Arbeitsplatte. »Ich habe übrigens Brötchen mitgebracht.« Wir hatten so lange getanzt, dass ich auf meinem Heimweg Frühstücksschrippen beim Bäcker am Ostkreuz kaufen konnte. Nun liegt die Papiertüte direkt in Paps’ Blickfeld. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass er sie nicht bemerkt hat.

Er antwortet nicht und nimmt schweigend die Kanne aus der Maschine.

»Es sind deine Lieblingsbrötchen«, füge ich hinzu. »Zumindest waren sie das früher.«

»Ich habe die Schrippen gesehen«, knurrt er und setzt mir unsanft das Getränk vor die Nase. »Das beantwortet nicht meine Frage, weshalb du damals Hals über Kopf nach Frankfurt abgehauen bist und dich seitdem kaum gemeldet hast.« Verständnislosigkeit und Enttäuschung flackern in seinen Iriden. Dass er diese starken Gefühle zeigt, überrascht mich. Er ist nicht mehr der Mann, den ich zurückließ. Seine Haare sind hellgrau, aber gekämmt. Seine Augen sind nicht verschleiert, sondern klar. Irgendwas in seinem Leben hat sich verändert. Aber was?

Unruhig schweift mein Blick durch den Raum. Ich will mich erklären, all meine verwirrenden Gefühle in Worte fassen. Doch mir kommt nur ein knapper Satz über die Lippen. »Ich … konnte nicht.«

Er lehnt sich an die Küchenzeile und betrachtet mich prüfend. Dann schlürft er vom Kaffee und starrt aus dem Fenster. »Sie konnte es nicht.«

Ich folge seinem Blick. Im Garten wiegen sich die goldgelben Baumkronen im Wind. Der Rasen und der Schuppen sind von feuchtem Laub übersät.

Fröstelnd stülpe ich die Bündchen der Ärmel nach innen. Mein Mund ist staubtrocken. »Es ging nicht. Ich brauchte Abstand. Musste einfach weg. Deshalb bin ich zu Yannik.«

Paps lässt den Becher sinken. »Mir fielen die Wochen im Herbst vor drei Jahren auch schwer, Tiara. Aber ich konnte mich nicht drücken. Ich musste durchziehen. Jeden Schritt gehen.« Das Licht der Deckenlampe spiegelt sich im bitterschwarzen Kaffee. Meine Gedanken schweifen zu ihr. Nie hätte Mama den Kaffee ohne Milch getrunken. Und sie mochte Zucker drin. Zwei Löffel.

Ich schlucke und antworte nicht.

Paps’ Blick ist noch immer auf den Blätterwirbel vor dem Fenster geheftet. »Wenn du bloß ein paar Wochen später gegangen wärst. Du hättest gar nicht viel erledigen müssen. Deine Anwesenheit wäre mir schon Hilfe genug gewesen.«

»Mir ist bewusst, dass das für dich nicht leicht war.« Mit zusammengepressten Lippen rühre ich durch den Kaffee. »Aber ich wollte Abstand, Paps. Ich brauchte Abstand. Ich musste mich schützen. Mama war –«

»Ich weiß. Für dich war es nicht leicht mit uns als Eltern.« Als nehme er ein Friedensangebot an, fischt er ein Brötchen aus der Papiertüte und schneidet es auf. »Und zwischen uns ist viel doof gelaufen, als du klein warst.«

Doof gelaufen ist ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich nippe am Kaffee. »Wenn es dich stört, dass ich ein paar Wochen hier wohne, kann ich mir in den kommenden Tagen ein Hotel suchen und dann weitersehen. Bei Marie und Nele will ich mich nicht einquartieren. Die haben so viel Stress.«

Paps schüttelt störrisch den Kopf. »Hotel? So ein Quatsch. Du schläfst in deinem alten Zimmer. Das steht schließlich leer.« Er gießt sich Kaffee nach.

Lautlos atme ich auf. Also wäre das geklärt. Ich darf hier übernachten. Das Gespräch verläuft nicht ideal, aber besser als befürchtet.

»Wie geht’s Yannik eigentlich?«, fragt Paps beiläufig, ohne mich anzusehen. »Ich habe ihn nur einmal getroffen, bevor du aus Berlin weggezogen bist. Schien ein netter Kerl zu sein.«

»Er gießt meine Blumen, während ich weg bin, und füttert Blue. Falls du also wissen willst, ob wir noch zusammenwohnen: Nein. Bereits seit zwei Jahren nicht mehr. Seine Frau erwartet ein Baby.«

Paps zieht scharf die Luft ein. »Du hast mir nie erzählt, dass ihr getrennt seid.«

»Du hast nicht gefragt.«

Er grunzt etwas.

Wieder schweigen wir.

Dann brummt er: »Heute Abend bin ich übrigens nicht zu Hause.«

»Bist du im Tante Horst? Das war doch immer deine Stammkneipe.«

Er dreht sich zu mir um. In seinen stahlblauen Augen habe ich lange nicht mehr so viel Triumph gelesen. »Nein, Tia. Ich war vor zwei Jahren das letzte Mal dort. Stattdessen …« Er schlurft zur Memotafel und zieht einen grünen Flyer unter einem Magneten hervor. »Ist das hier meine neue Anlaufstelle.«

Die Buchstaben AA sind auf das Blatt gedruckt. Geschmückt werden sie von den Begriffen Genesung, Einigkeit und Dienst.

Ich hebe die Brauen. »Du bist trocken?«

Er grinst. »Seit achtzehn Monaten.«

»Wow. Glückwunsch.« Verblüfft mustere ich ihn. Nun verstehe ich, weshalb er so einen frischen, aufgeräumten Eindruck macht. Auch früher hat er phasenweise nicht getrunken, ist aber immer wieder rückfällig geworden. Sein ausufernder Alkoholkonsum war mitunter die Ursache dafür, dass ich kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag ausgezogen bin. Auch das hatte nicht dafür gesorgt, dass er länger als zwei Monate die Finger vom Whiskey lassen konnte.

»Danke.« Er prostet mir zu und trinkt von der nächsten Tasse brühend heißen Kaffee, ehe er sein Brötchen mit Marmelade beschmiert. »Hättest du deinem alten Herrn nicht zugetraut, was?« Er lacht in sich hinein. »Aber ich sag dir was. Ohne die hier«, er deutet auf das Papier, das vor mir liegt, »hätte ich es nicht geschafft. Super Leute da. Nicht nur Leidensgenossen. Echte Freunde.« Er starrt aus dem Fenster und bekräftigt seine Worte mit einem entschlossenen Nicken.

»Die Anonymen Alkoholiker«, erwidere ich. »Schön, dass sie dir geholfen haben.«

»Sie verstehen einfach, wie man sich fühlt. Besser als Außenstehende.« Er schiebt mir den Flyer zu und stemmt abwartend die Hände in die Hüften.

»Willst du mir damit irgendetwas sagen?«, frage ich und drehe das grüne Papier in den Händen. Als ich die Liste auf der Rückseite sehe, schüttle ich den Kopf. »Oh, nein, nein, nein. Danke, Paps. Aber Selbsthilfegruppen sind nichts für mich.«

Er zuckt die Achseln und beißt in seine Marmeladenschrippe. »Ist nur ein Hinweis von mir. Die meisten Gruppen kann man spontan besuchen, ohne sich vorher anzumelden. Es gibt welche für Depressionen, Trauer und auch für junge Leute.«

Empört hebe ich das Kinn. »Ich bleibe maximal drei Wochen in Berlin. Außerdem: Denkst du etwa, ich brauche Hilfe? Du hast mich seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich bin stabil. Ich komme bestens klar in Frankfurt.«

Abwehrend hebt er die Hände. »Das bezweifle ich nicht, Tia«, sagt er mit vollem Mund. »Aber das mit deiner Mutter war schon eine harte Nummer. Eine Therapie hast du nie gemacht, oder? Falls du also mal jemanden zum Quatschen brauchst, dem es ähnlich geht wie dir – das ist mein Tipp.«

»Danke. Ist angekommen.«

Während Paps schweigend frühstückt, setzt ein Schauer ein. Unwillkürlich führt er meine Gedanken zurück zu Mama, wo sie eine Weile bleiben und mit den Rinnsalen am Fensterglas davon fließen.

Als ich mich zwinge, den Blick vom Regen abzuwenden, fällt mir wieder der Flyer ins Auge. Dort reden also junge Leute über ihre mentale Gesundheit. Obwohl ich Paps’ Vorschlag schnell abgeschmettert habe, muss ich mir eingestehen, dass das nicht uninteressant klingt.

Seit meine Mutter verstorben ist, habe ich alles gemieden, das mich an sie erinnert. Ganz Berlin habe ich gemieden. Ich verbringe die Abende in meiner kleinen Wohnung in Frankfurt und schotte mich ab. Vor Erinnerungen, Gefühlen und Emotionen. Eingehüllt in meiner Blase der Einsamkeit bin ich vor Wut und Hass genauso gut geschützt wie vor Liebe und Euphorie. Ich bin nicht traurig. Aber so richtig glücklich bin ich auch nicht.

Nachdem ich ausgetrunken habe, stehe ich auf. Die Müdigkeit beschwert meine Lider.

Paps zieht seine Jacke über und nimmt den Schlüssel an sich. Er greift zur Türklinke, hält inne und schnuppert mit grimmiger Miene in der Küche herum. »Rauchst du wieder?«, schimpft er. »Sagtest du nicht gestern, du hast aufgehört?«

»Das habe ich auch. Ich habe gestern nicht geraucht, aber die anderen. Mein Hoodie riecht deshalb so.«

Paps öffnet die Haustür, tritt hinaus und zündet sich leise fluchend eine Zigarette an. »Wehe, wenn sich das ändern sollte«, grummelt er vor sich hin. »Du fängst nicht wieder an. Aufhören ist so schwer.«

Mit einem Lächeln auf den Lippen gehe ich die Treppe hinauf und schleiche in mein altes Zimmer. Vielleicht sollte ich dem Frieden trauen und daran glauben, dass er in der Lage ist, ein Leben ohne Alkohol zu führen.

3. Flashback und Slush

 

Den Rest des Sonntags verschlafe ich fast komplett und erwache erst wieder, als die Sonne bereits untergegangen ist. Blinzelnd versuche ich, mich zu orientieren, und schrecke dann mit wild pochendem Herzen zurück. An die Wand gepresst beobachte ich, wie ein Schatten auf der Bettdecke seine schlanken Finger nach mir ausstreckt. Dann lache ich erleichtert auf. Das sind nur die knochigen Äste der alten Birke, die im Garten steht.

Ich schalte mein Nachtlicht an – eine Lampe in Elefantenform –, steige aus dem Bett und ziehe die Vorhänge zu. Das einzig Verstörende ist nun das gleichmäßige Schnarchen, das aus Paps’ Schlafzimmer tönt.

Unschlüssig bleibe ich im Zimmer stehen. Die Nacht beginnt, ich bin hellwach und mein Schlafrhythmus ist total verdreht. Ähnlich wie zu Hause, wo ich oft Nächte durcharbeite und dann wieder Tage im Bett verbringe. Manchmal fällt es mir schwer, mich aufzurappeln und meine Wohnung zu verlassen. Dass ich nicht aufstehen muss, um zu arbeiten, macht die Sache nicht besser.

Ich raffe mich auf und breite den Inhalt meines Gepäcks auf dem Bett aus. Ich hatte nur das Nötigste für maximal zwei Übernachtungen mitgenommen, aber das wird nie und nimmer für drei Wochen reichen. Ich muss mir eine Lösung einfallen lassen. Vielleicht war es zu früh, die Zugfahrt nach Frankfurt zu stornieren. Immerhin konnte ich bereits die Frage nach der Versorgung meiner Katze klären. Ich habe Yannik geschrieben, der sich bereit erklärt hat, Blue übers Wochenende zu füttern, und er hat sich hinsichtlich meiner Planänderung äußerst kooperativ gezeigt. Er wird Blue auch in den kommenden Wochen füttern und sie dafür mit in seine Wohnung nehmen. Für ihn bedeutet das keinen Mehraufwand, da er mit seiner Verlobten Linda direkt nebenan wohnt und die beiden selbst vier Samtpfoten beherbergen.

Nur Blue wird von dem temporären Umzug nicht begeistert sein. Genau wie ich zieht sie die Einsamkeit der Gesellschaft ihrer Artgenossen vor. Am liebsten sind wir gemeinsam einsam. Ich hoffe inständig, dass sie mir diese Ausnahmesituation verzeihen wird.

Die Weichen sind gestellt. Dieses Zimmer ist also für die nächsten drei Wochen mein Reich. Ich stemme die Hände in die Hüften und lasse den Blick über die Wände schweifen. Die Poster der Poppunkbands und die Fotostrecken von Marie, Nele und mir hat Paps nach meinem Auszug nicht abgehangen. War er zu bequem, das Zimmer auszuräumen? Oder wollte er, dass ich es bei einer eventuellen Rückkehr in seinem ursprünglichen Zustand vorfinde? Ich vermute Ersteres. Bis jetzt habe ich keinen Fuß in die übrigen Räume des verwinkelten Hauses gesetzt, aber ich nehme an, dass sie ähnlich vollgestellt sind wie früher. Als ich ein Teenager war, hat Mama in ihren Hochphasen mal mehr, meist weniger nützliche Dinge gekauft. Massagesessel, einen Kickertisch und leuchtende Duschköpfe. Gaming-PCs, Yogamatten und Paninihefte. Als sie von ihren manischen Phasen runterkam, fanden weder sie noch Paps die Energie, all die Sachen wieder loszuwerden. Und ich schätze, dass sich nach ihrem Tod wenig daran geändert hat. Paps ist es gewohnt, nur das Wohnzimmer, das Bad und das Schlafzimmer zu nutzen.

Ich lege die Stirn in Falten.

Wenn er diesen Raum wie die anderen unangetastet gelassen hat, könnte es dann nicht sein, dass …

Mit einem Schwung reiße ich die Tür des Kleiderschranks auf und tatsächlich. Da sind sie. Die Kleider, die ich kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag zurückgelassen habe, ehe ich in unsere Mädels-WG zog. Obenauf liegt das T-Shirt, das anlässlich meines Schulabschlusses gedruckt wurde. ABI looking for freedom! Außerdem entdecke ich meinen geliebten Anti Social Social Club Hoodie und weitere zeitlose, schwarze Shirts. Der Geschmack der jungen Tia zu heute ist gar nicht so verändert. Dass mir die Kleidung ausgeht, brauche ich also nicht befürchten.

Das Knurren meines Magens legt mein nächstes Ziel fest. Die Küche.

Ich will den Raum verlassen, doch aus den Augenwinkeln entdecke ich im Spiegel des wackligen Kleiderschranks etwas Sonderbares. Ich halte inne. Und plötzlich ist mir, als sähe ich nicht mehr mein Kinderzimmer im Spiegel, sondern ein Mädchen und eine Frau auf einer Wiese. Ihre Füße baumeln über dem Wasser. Das muss das Ufer des Treptower Hafens sein. Die Frau ist etwa Mitte dreißig, hat ähnlich braungewellte Haare wie ich und eine rote Regenjacke an. Ihr Lieblingskleiderstück.

»Mama«, stoße ich hervor.

Das Mädchen neben ihr bin definitiv ich. Nicht sechsundzwanzig, sondern ungefähr acht. Die Locken fallen als wilder Schopf über meine Schultern. Mein junges Ich leckt ein Softeis, wahrscheinlich von einer der Buden am Hafen.

Eine sehr lebhafte Erinnerung, die mit einem Mal in meinen Kopf schießt, als ich meine Hand hebe und das Bild berühren möchte.

Die kleine Tia hebt genauso die Hand. Dann wedelt sie mit dem Zeigefinger rhythmisch umher.

»Ich mag die Musik!«, jauchzt sie. »Sie ist so … grün! Nein, blau! Wie heißt das, wenn grün und blau gemischt sind, Mama?«

Aus der Ferne höre ich wunderschönen Gesang, begleitet von einer Gitarre. Eine Band von Straßenmusikern spielt am Hafen. Die Farbexplosionen vor meinen Augen nahm ich damals, vor achtzehn Jahren, genauso bewusst wahr wie heute. Ein Leben lang werde ich Here comes the sun in den gleichen Nuancen sehen. Denn die Ton-Farb-Verknüpfungen im Gehirn von Synästhetikern ändern sich nie.

In meinen Erinnerungen lacht Mama. Ihre Regenjacke leuchtet so rot wie der Erdbeerslush in ihrer Hand. Sie lehnt sich an den Poller mit der Nummer zwölf und erklärt: »Du meinst türkis.«

»Richtig! Ich sehe es türkis und orange.«

Mit leuchtenden Augen deutet Mama in meinen Erinnerungen zum Musiker. »Habe ich das richtig verstanden, Motte? Du hörst das Lied nicht nur, du siehst es auch?«

Mein achtjähriges Ich runzelt die Stirn. »Klar. Du etwa nicht?«

Die Frau nickt. »O doch! Allerdings sehe ich andere Farben als du. Braun mit lila Tupfern.«

»Was?«, fragt das Mädchen verwirrt. »Aber –«

»Keine Sorge, das ist völlig okay! Die Farbe, in denen wir die Töne sehen, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass wir sie sehen. Dass du sie siehst. Die Musik öffnet die Pforte zu deiner Fantasie.«

Die kleine Tia nickt entschlossen. Mit wippendem Finger schließt sie die Augen und konzentriert sich auf die Musik.

»Meine Tochter ist also auch eine Synästhetikerin«, murmelt Mama amüsiert. »Na, wenn ich das deinem Vater erzähle.«

Dann komme ich wieder zurück. Ins Hier und Jetzt. Mein Herz rast und ich schließe die Augen, presse die Hände auf die Ohren.

Mama, raus aus meinem Kopf!

Kurz verharre ich so, dann verstummt das Lied.

Einige weitere Herzschläge lang bleibe ich so stehen. Atme, warte, schlucke. Dann öffne ich die Augen. Im Spiegelbild erkenne ich wieder die Tia aus der Gegenwart. Sechsundzwanzig Jahre alt. Kurze Haare, schwarzer Hoodie, verbissenes Gesicht. Die Frau und das Mädchen aus der Vergangenheit sind verschwunden, die viel zu lebhafte Erinnerung ist verstummt. Endlich.

Erleichtert gehe ich die Treppe hinunter. Während ich die Küche nach etwas Essbarem durchsuche, bebe ich noch immer.

Genau deshalb habe ich Berlin gemieden. Wegen den Erinnerungen. Wegen dem Schmerz. Wie oft wird der Geist meiner Mutter mich in den kommenden Wochen noch heimsuchen?

Auf der Küchenanrichte entdecke ich zwei Kartons meines Lieblingsmüslis. Ich bin mir sicher, dass sie gestern noch nicht dastanden. Paps isst sowas nicht. Denke ich zumindest. Wer weiß, was sich noch alles geändert hat.

Vielleicht hat er sie aber auch anlässlich meiner Rückkehr besorgt. Als ich dann im Kühlschrank drei Tüten Hafermilch finde, besteht kein Zweifel mehr. Er hat definitiv für mich eingekauft. Das ist lieb von ihm und durchdacht. So kenne ich meinen Vater gar nicht.

Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Ich schütte eine üppige Portion in die Schüssel und löffele mit wippenden Füßen.

 

 

 

Am nächsten Tag weckt mich das Klingeln meines Handys. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt so quirlig, als sei ihre Besitzerin schon seit Stunden auf den Beinen. »Guten Morgen, Tia! Oder sollte ich besser sagen: Hallo, meine neue Lieblingsbrautjungfer?«

Gähnend schlage ich die Bettdecke zurück. »Hey, Marie.

---ENDE DER LESEPROBE---